Volume 5, No. 1, Art. 33 – Januar 2004

Rezension:

Anja Kassel

Katja Bett & Joachim Wedekind (Hrsg.) (2003). Lernplattformen in der Praxis. Münster: Waxmann, 247 Seiten. ISBN 3-8309-1215-3, EUR 19,80

Zusammenfassung: Am Institut für Wissensmedien fand 2002 ein Workshop zu "Lernplattformen in der Praxis" statt, der daraus hervorgegangene Band behandelt in 13 Beiträgen drei Schwerpunkte: Aufgeführt werden praktische Erfahrungen mit dem Einsatz von Lernplattformen (Teil 1), Fragen der Standardisierung und Qualitätskriterien sowie Entscheidungsprozesse (Teil 2), Rahmenbedingungen und Zukunftsszenarien des E-Learning (Teil 3). Der Band ist vor allem an alle in Hochschulen Beteiligte gerichtet, die (teil-) virtuelle Lehre über Lernplattformen anbieten (möchten). Informativ, kritisch und konstruktiv wird die gegenwärtige Lernplattformdiskussion im Hochschul-Sektor widergespiegelt. Neben den Erfahrungsberichten der unterschiedlichen Fachrichtungen zu den jeweiligen Lernplattformen werden die sich unterscheidenden Lehr-/Lernszenarien aufgeführt. Die einzelnen Beiträge sind durch Screenshots, Grafiken, Literaturtipps und Internetadressen anschaulich. Wenige Beiträge setzen ein vertieftes Fachwissen voraus.

Keywords: Lernplattformen, Anwendungsszenarios, E-Learning-Standards, Qualitätskriterien, Entscheidungsprozesse, Zukunftsszenarien des E-Learning

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Teil 1: Lehr-/Lernszenarien und Lernplattformen

3. Teil 2: E-Learning-Standards und Qualitätskriterien

4. Teil 3: Entscheidungsprozesse, Rahmenbedingungen und Visionen

5. Fazit

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einführung

E-Learning steht als übergeordneter Begriff für neue unterschiedlichste Lehr-/Lernformen durch das Internet, vorzugsweise für reine online-Lehre (wie z.B.: Open University England). E-Learning bietet die Möglichkeit, sich über das Internet mit anderen Kursteilnehmern auszutauschen und mit Lehrenden und TutorInnen Kontakt aufzunehmen. Lernen findet somit nicht isoliert, sondern in sozialer Interaktion statt. Diese lässt sich in synchrone (zeitgleiche) und asynchrone (zeitversetzte) Formen unterscheiden, die sowohl von Einzelpersonen als auch Gruppen genutzt werden können. Von blended-learning spricht man bei Mischvarianten von Präsenzlehre und online-Lehr-/Lernformen, also die an deutschen Hochschulen bevorzugte Form der Lehre. Gut durchgeführte blended-learning-Konzeptionen vertiefen u.a. Lerneffektivität und Motivation. [1]

Die Ergänzung von Präsenz-Lehrveranstaltungen bedeutet meist eine neue Konzeption und digitale Aufbereitung von Inhalten, z.B. die Erstellung von Lehr- und Lernmodulen, Visualisierungen usw. sowie die Einbindung in eine Lernplattform. Die Form der Umsetzung kann stark variieren und hängt von den zu vermittelnden Inhalten und den beteiligten Personen ab. So ist einerseits die Erfahrung mit den Neuen Medien ausschlaggebend, aber auch das Fachgebiet und der individuelle Lehrstil. Medien können in Präsenzveranstaltungen zur Visualisierung der Inhalte eingesetzt werden und damit die traditionelle Form lediglich anreichern. Es können aber auch beispielsweise organisatorische Hinweise und Unterrichtsmaterialien zum orts- und zeitflexiblen Abruf in eine Lernplattform gestellt werden. Häufig wird Dokumenten-Material für die nächste Präsenzveranstaltung im vorab online bereitgestellt. Möglicherweise ist das Erstellen von elektronischen Modulen und deren Bearbeitung durch online-Gruppenarbeit angedacht. Genauso kann für einen Dozenten eine E-Mail-Sprechstunde Sinn machen. Hier sind viele Szenarien denkbar. [2]

Um eine geeignete Umgebung für die Umsetzung solcher blended-learning-Konzeptionen zu haben, ist die Implementierung einer Lernplattform überaus sinnvoll. Eine Lernplattform ist eine Software, die Informations- und/oder Kommunikationsmöglichkeiten für Lernzwecke beinhaltet und sich deshalb für (Teil-) Virtuelle Lehr-/Lernszenarien anbietet (siehe auch e-Lexikon). Meist beinhalten Lernplattformen ein umfangreiches Programm, das Informationen und Kommunikation als Text, Video und Audio sowie Möglichkeiten zu Videokonferenzen und Chats zur Verfügung stellt. Die gesamte Organisation und Durchführung der Lehrveranstaltungen wird unterstützt. Beispielsweise existieren Kalenderfunktionen für Studierende, die passwortgeschützt zu nutzen sind. Seminare, Testergebnisse, Übungsgruppen etc. können dort hinterlegt werden. DozentInnen geben Veranstaltungs- und Abgabetermine bekannt, die automatisch auch an die Studierenden weitergegeben werden können. [3]

Um die adäquate Plattform zu finden, muss vieles bedacht werden (siehe: http://www.orient.uni-freiburg.de/fmoll/material/Instructional_Design.pdf). Ausschlaggebend ist jedoch u.a. die Finanzierungssituation. Kommerzielle Lernplattform-Angebote sind dementsprechend servicestark und sehr kompakt in den Funktionsangeboten. Wenn die finanziellen Mittel knapp sind, wird sich eher für eine Open-Source-Software entschieden. Es existieren hinreichend gute Praxisbeispiele, stellvertretend sei hier ILIAS genannt. Zu bedenken ist, dass insbesondere bei "freien" Lernplattformen eine technische Betreuung vor Ort vorhanden sein muss. [4]

Anfangs sind so wichtige Aspekte wie die Unterstützung der (nicht nur technischen!) Supportstrukturen sowie die Vorstellungen der Lehrenden zu den E-Learning-Angeboten und deren praktischer Umsetzung zu klären. Für Hochschullehrende, die sich über E-Learning- bzw. blended-learning-Konzeptionen informieren wollen, steht neuerdings ein hilfreicher URL (http://www.e-teaching.org/) zur Verfügung. [5]

Der vorliegende Band "Lernplattformen in der Praxis" – hervorgegangen aus einem Workshop – will die Verwendungsszenarien und die damit zusammenhängenden lehr- und lernbezogenen Fragen anhand von erfolgreichen Projekten aufzeigen. (Die hier vorgestellten Projekte erwecken allerdings den Anschein, im Vergleich zu vielen Fach-/Hochschulen "optimalere" Voraussetzungen wie beispielsweise ausreichende Personaldecke und Finanzierung gehabt zu haben.) Es werden alle wesentlichen Problemfelder im Hochschulbereich aufgegriffen, die mit der Entscheidungsfindung anfangen, sich über die praktische Umsetzung bis zu organisationalen Bedingungen fortsetzen. Im Folgenden werden alle Beiträge der drei Schwerpunktbereiche vorgestellt. [6]

2. Teil 1: Lehr-/Lernszenarien und Lernplattformen

Der erste Teil zum Thema "Lehr-/Lernszenarien und Lernplattformen" umfasst mit sieben Erfahrungsberichten den ausführlichsten Bereich des Bandes. Hierbei werden die jeweiligen auf die Lernplattform bezogenen möglichen Lernszenarien vorgestellt. [7]

Stephan TRAHASCH, Nadine WIEDENBRUCH und Nicole WÖHRLE berichten über die für die Universität Freiburg zentral eingerichtete kommerzielle Plattform CLIX Campus der Firma imc. Hierbei zeigen sie auf, welche unterschiedlichen Erwartungen der verschiedenen Abteilungen bedient werden müssen. Ein Auswahlkriterium für CLIX war die Mitbestimmung der Universitäts-MitarbeiterInnen an der Weiterentwicklung der Lernplattform, so konnten Anforderungen maßgerecht bedient werden. Funktionalitäten wie Kommunikationsdienste, Kurszusammenstellungen und Evaluationsmöglichkeiten werden ausführlich behandelt. Ein guter Einblick wird in diverse Lernszenarien und deren Umsetzung in CLIX gegeben. Wichtig ist eine dezentrale Administration, die es erlaubt, dass Gruppen und Privilegien (wie z.B. die eigenständige Kurszuordnung der TeilnehmerInnen vom Kursinhaber) vom Kursautor selbst definiert werden können. Nach Ansicht der AutorInnen wird beispielsweise kooperierendes Erstellen von Lernmodulen ebenso gut wie Kommunikationsmöglichkeiten und Dokumentendienste unterstützt. Lerninhalte müssen derzeit noch mit externen Autorenwerkzeugen (wie z.B. Powerpoint-Folien, HTML-Seiten, PDF-Skripte) erstellt werden. Die Automatisierung der Übergänge und das Zugreifen auf Informationen in verschiedene Systeme der Hochschule (Verwaltung, Bibliothek etc.) sollten zukünftig möglich sein. Abschließend wird CLIX Campus trotz zu verbessernder Funktionen (z.B. Fehlen der Gruppen-E-Mail-Versendung, Erweiterung der Kursstrukturierung) als ein für Dozenten sehr attraktives Produkt beurteilt, vor allem durch den großen Funktionsumfang. [8]

Patrick BLUMSCHEIN, Kristina WIELAND und Susanne STEINER stellen stellvertretend für den Fachbereich Erziehungswissenschaft (ebenfalls von der Universität Freiburg) die Lernplattform IBT®-Server der Firma time4you als Basis für netzgestütztes Lernen im B.A.-Studiengang "Bildungsplanung und Instructional Design" vor. Die Autorengruppe nimmt den Begriff des blended-learning auf und verwendet dieses Verständnis im webbasierten Training zum Change Management, welches ausführlich dargelegt wird. Deutlich ist den Autoren in diesem Zusammenhang die Aufbereitung von Textmaterial durch interaktive Elemente geworden. Ein erstes Fazit: Viele Tools (Werkzeuge, Hilfsmittel) konnten durch die Pilotphase noch nicht ausreichend genutzt werden, aber Standardvorgänge, wie eine Kurseinrichtung, lassen sich leicht bedienen. [9]

Erfahrungen mit der Lernplattform WebCT zeigt Irene BURCH anhand des Projekts Latinum electronicum (Vermittlung lateinischer Grundkenntnisse) auf, welches in den Virtuellen Campus Schweiz eingebunden ist. Die Entscheidung für WebCT wurde aufgrund der Empfehlung Edutech (technisch beratende Arbeitsgruppe um den Virtuellen Campus Schweiz) getroffen. Da der Kurs zum Selbstlernen gestaltet wurde (minimale TutorInnenbetreuung) und viel Text "bearbeitet" werden soll, ist der Wunsch nach Übungstypen (Multiple Choice, Matching List etc.) groß. Im Kurs wurden viele Flash-Animationen in den Texten eingesetzt, die jedoch außerhalb WebCTs entwickelt wurden. Hier liegt denn auch eine große Schwierigkeit, da es an attraktiven Gestaltungsformen, wie Übungstypen, mangelt. Insgesamt wird WebCT als zwar weniger attraktiv gestaltete (Design), aber benutzerfreundliche Lernplattform beurteilt. [10]

Gudrun KARSTEN und Olaf NEUMANN berichten über ihre ersten sehr positiven Erfahrungen mit dem Einsatz der Lehr- und Lernplattformen JaTeK in der Medizinausbildung. Die Autoren schildern die hohen Ansprüche an die flexible, leicht bedienbare Lernplattform. Wesentlich ist das Kernmodul JaTeK, welches die Verwaltung der Lerninhalte, Metadaten sowie sog. Schablonen (Templates), für NutzerInnen und Gruppen vornimmt. Gruppenarbeitsfunktionen (Chat, Klassenraum etc.) werden durch ein weiteres separierbares Modul ebenfalls angeboten. Die enthaltenen Schablonen liefern u.a.: Textedition (Formatierung auf Basis von Stylesheets), Folien (PowerPoint-Folien), Lückentext oder "Connects the Points" (Objekte lassen sich auf der Zeichenfläche frei anordnen) etc. Insgesamt ist die Software als sehr zufriedenstellend bewertet worden, auch wegen der einfachen Bedienbarkeit. Bis zum Projektende werden die wenigen Nachteile noch bearbeitet, benannt wird beispielsweise die teilweise Java-bedingte geringere Geschwindigkeit einzelner Funktionen. [11]

Kurt HANSELMANN stellt die Lernplattform OLAT vor, die im Rahmen von Großveranstaltungen an der ETH Zürich sowie der Universität Zürich vorwiegend als Selbsttestmöglichkeit und zur Verwaltung von Leistungsergebnissen eingesetzt wird. Ehemals von Studierenden der Informatik entwickelt, wird OLAT nun durch die Informatikdienste der Universität Zürich weiter ausgebaut. Die Lernplattform basiert wesentlich auf Open Source-Software (Apache-Webserver mit SuSe Linux Betriebssystem, einer MySQL-Datenbank, PHP-Scriptsprache/PHP Base Library, HTML, Java Scipt). Ein großer Vorteil ist die Flexibilität (Lernpfade sind kurz, Funktionen können aktiviert werden). OLAT wird sich voraussichtlich als standardisierte Lernplattform an der Züricher Universität durchsetzen. Der Autor geht neben den Erfahrungen mit OLAT insbesondere auf Lehr- und Lernwirksamkeit von E-Learning ein. [12]

Joachim von KIEDROWSKI berichtet über das seit 1997 an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln entwickelte Opensource Software ILIAS. Die Lehr-/Lernplattform hat beispielsweise ein niederschwelliges Autorentool, welches auch für AnfängerInnen leicht zu erlernen ist. Jede/r ILIAS-NutzerIn hat einen "persönlichen Schreibtisch" und bekommt eine Rolle zugeordnet, die in Lernende, Autoren oder Administratoren unterschieden werden. So stehen jeweils unterschiedliche Funktionen zur Verfügung. Beispielsweise hat ein/e AutorIn Zugang zum Autorensystem, den Studierenden stehen schwerpunktmäßig Funktionen zur Bearbeitung von Lerneinheiten zur Verfügung. Durch jahrelange Erfahrung sind etliche Funktionen eingearbeitet, die im Selbststudium, aber auch für kooperatives Lernen nötig sind. Erwähnenswert ist die internationale Entwickler-Community, in der AdministratorInnen ihre Erfahrungen und ihr Know-How weitergeben. [13]

Uwe OESTERMEIER und Rolf PLÖTZNER stellen die Open-Source Software BSCW 3.0 im Einsatz eines virtuellen Graduiertenkollegs vor. Entscheidungsgründe waren u.a. der relativ geringe Aufwand an Administrationskapazität, dem Betreiben des Systems unter Unix, Windows und Macintosh sowie die kostenfreie Nutzung. Der Einsatz beschränkte sich im Wesentlichen auf Grundfunktionen wie Downloaden von Dokumenten. Der textbasierte und asynchrone Informationsaustausch ist gut geeignet. Verbesserungswürdig ist nach Ansicht der Autoren die Ordner- und Dokumentenstruktur, die momentan noch unübersichtlich ist. Weitere Kritikpunkte umfassen die z.T. nötigen HTML-Kenntnisse, Programme lassen sich teilweise nur unzureichend in bestehende Arbeitsumgebungen integrieren. Insgesamt wird BSCW als geeignete Plattform zur Durchführung virtueller Seminare angesehen. [14]

Fazit: Die genannten Lehr-/Lernszenarien sind sehr unterschiedlich in ihrer Konzeption: Einige Beiträge nehmen die Studierenden als SelbstlernerInnen verstärkt in den Blick, andere Konzepte sind eher auf kooperierendes Arbeiten ausgerichtet. Das bereichert die hier vorgestellten Beiträge enorm. Insgesamt ist der Bewertungsgrad einzelner Lernplattformen auch abhängig vom Erfahrungswert mit blended-learning-Konzepten und dem jeweiligen Fachgebiet und dessen Anforderungen. In der Medizin kann eher mit (interaktiven) Bildern und Filmen gearbeitet werden als z.B. mit dem Kurs "Grammatische Lateingrundkenntnisse". Sämtliche AutorInnen betonen, dass die jeweilige Lernplattform zwar wichtig ist, aber eher als Werkzeug dient. Die pädagogischen (blended-learning-) Konzeptionen bleiben ausschlaggebend für die Qualität der Lehre. Auf Interessierte im AnfängerInnenstatus, die sich mit E-Learning beschäftigen wollen, wird die Vielzahl der aufgezeigten Konzepte, Lernplattformvarianten und Fachbegriffe (die teilweise erklärt werden) eher verwirrend wirken. Und doch liegt gerade in der Fülle der unterschiedlichen Beiträge die Stärke des Bandes. E-Learning ist ein hochkomplexes Feld und dieser Band bietet dem/der Einzelnen die Chance, sich über erste Schwerpunktsetzungen diesem anzunähern. [15]

3. Teil 2: E-Learning-Standards und Qualitätskriterien

Lehrende und Studierende müssen vorhandene Materialien nicht nur in einer Lernplattform austauschen können, sondern auch hochschulübergreifend. Dies ist meist nur kompliziert umsetzbar, deshalb wird im zweiten Teil des Buches den Fragen nach der Qualität und der Einhaltung von Standards nachgegangen. [16]

Bettina STUMPP befasst sich in einem sehr spezifischen Beitrag mit dem aktuellen Entwicklungsstand von LOM (Learning Object Metadata), SCORM (Shareable Content Object Reference Model) und weiteren Standards der E-Learning-Technologie, die sich mit Lernressourcen beschäftigen. Die Nachhaltigkeit bzw. Austauschbarkeit und Wiederverwendbarkeit von Modulen und Kursen ist bisher aufgrund des technologischen Wandels wenig gegeben (z.B. teilweise nicht mehr nutzbare Software oder nicht mehr betriebene Server). Ebenso schwierig ist die Nutzung vielfältiger Lernplattformen, Autorenwerkzeugen etc., die auf dem "Hochschulmarkt" angewendet werden. Eine Austauschbarkeit ist untereinander somit minimal gegeben. Hier setzt die Diskussion um die Standardisierung für Lerntechnologien ein. Forschergruppen und Gremien arbeiten an (auch unterschiedlichen) Standards, die Lernmodule, Tests und Aufgaben, Lernszenarien ohne großen Aufwand austausch- und bearbeitbar machen sollen. Ausführlich beschreibt die Autorin Standardisierungsgremien, den historischen Hintergrund von Learning Objects und verschiedene Standard-Modelle. Sie schließt den Beitrag mit der Anmerkung, dass die Debatte um die Landschaft der Learning Objects in Wissensdatenbanken und Lernplattformen und deren optimaler Lösung erst begonnen hat. [17]

Norbert MEDER stellt Qualitätsgesichtspunkte für webbasierte Lernumgebungen vor, hierbei werden Erfahrungen aus dem L³-Projekt herangezogen. Die Modularisierung der Lernumgebung ist eine pädagogisch-didaktische Aufgabe, wie er im Folgenden anhand verschiedener Schwerpunkte darstellt. Es geht Norbert MEDER u.a. um die Darlegung der Größe der Lernmaterialeinheiten (Beispiel: Passen Bild und Text auf eine Seite?) und die geforderten Angaben der Pädagogik/Didaktik nach den (in dem Beitrag zuvor von STUMPP behandelten) Standardisierungen (z.B. bibliographische Angaben wie Titel und Inhalt des Lernobjektes). Die Qualitätskriterien von webbasierten Lernumgebungen werden anhand eines Kursbeispiels differenziert aufgezeigt (beispielsweise Orientierungswissen, Testaufgabe etc.) Nach einem Theorie-Exkurs zu Didaktik und dem Problem der Relationierung des Lernmaterials werden abschließend die vom Autor geforderten internetaufbereiteten Informationen als wichtig benannt. Ihm sind die durch Standardisierung kompatiblen Metadaten deshalb so wichtig, da nur so den unterschiedlichen Anforderungen der Lernenden entsprochen werden kann. [18]

4. Teil 3: Entscheidungsprozesse, Rahmenbedingungen und Visionen

Im letzten Teil wird in drei Beiträgen auf Hochschul-Rahmenbedingungen eingegangen. Der Schlussbeitrag benennt Zukunftsvisionen des E-Learning. [19]

Die Universität Basel erklärt die Modernisierung und Qualitätssicherung ihrer Lehre zur Priorität, so Martina DITTLER und Gudrun BACHMANN. Das eingerichtete LearnTechNet ist ein neues Dienstleistungszentrum und bietet allen Dozierenden Unterstützung in sämtlichen Belangen rund ums E-Learning. So existiert im Ressort Lehre u.a. eine Fachstelle Hochschuldidaktik neben der Fachstelle Neue Lerntechnologien/E-Learning. Aber auch Lernzentren für Studierende sind eingerichtet. Pädagogisch-didaktische Kriterien sind maßgeblich, verschiedene Konzepte, wie z.B. das Integrative (blended-learning-) Konzept, kommen zum Einsatz. Die Entscheidungsprozesse werden kritisch beleuchtet, Supportstrukturen und Begleitmaßnahmen bei der Einführung der Lernplattform werden vorgestellt. Momentan wird auf die Lernplattform WebCT und für die Groupwarearbeit auf BSCW sowie auf verschiedene Tools wie Videokonferenz und Chat zurückgegriffen. Die Unterstützung der Uni-Projekte erfolgt durch eine enge Zusammenarbeit in Form eines wechselseitigen Bottom-Up und Top-Down-Ansatzes mit dem Dienstleistungszentrum. [20]

In dem Artikel von Ulrike RINN und Katja BETT wird die Expertendiskussion um die Frage der erhöhten Aktivierung des Lernenden und eines nachhaltigeren Lernens vorgestellt. Die Autorinnen geben drei Gruppierungen der Diskussion anhand der Themen Individueller Wissenserwerb, Kommunikative/kooperative Szenarien sowie hybrider Szenarien wieder. Ein Kritikpunkt beim individuellen Wissenserwerb betrifft die mangelnde Unterstützung im Bereich der Lernorganisation, so fehlen nach der Analyse von RINN und BETT bislang inhaltsbezogene "MindTools" und organisatorische Unterstützungswerkzeuge. Ein Mangel an erfahrenen TutorInnen kann für den kommunikativ/kooperierenden Bereich festgestellt werden. Die ehemalige Befürchtung von Lehrenden, Lehrpersonal würde wegrationalisiert, ist nicht haltbar. Hybride Szenarien (blended-learning) werden immer wichtiger, gemeint sind kooperative Online-Szenarien zur Unterstützung traditioneller Lehre in Präsenzveranstaltungen in unterschiedlichster Varianz. Die "Wunschplattform" müsste flexibler und offener sein als es bisher der Fall ist. Die zukünftige Entwicklung von Lernplattformen sollte zu höherer Aktivierung der Lernenden, "natürlicher" Handhabung und Flexibilität führen. [21]

Dorothee M. MEISTER und Joachim WEDEKIND widmen sich dem Einsatz von Lernplattformen auf institutioneller Ebene. Die Auswahl einer Lernplattform sollte auf Hochschulebene und nicht auf Projektebene entschieden werden. Neue Formen der Arbeitsteilung und der Kooperation an den Hochschulen werden nötig. Dieser Beitrag greift die im Workshop erarbeiteten Ergebnisse der TeilnehmerInnen auf: Einigkeit herrschte über eine Einbettung eines Gesamtkonzeptes, welches unterschiedliche Verbindlichkeitsgrade und Reichweiten besitzen kann. Es müssen hierarchische Ausrichtungen aufgebrochen und Hochschulpersonal qualitativ geschult werden. Als hochproblematisch wird die Nachhaltigkeit angesehen. Ein wesentliches Problem liegt im projektbedingten Personalabbau, ein kontinuierlicher Veränderungs- und Verbesserungsprozess wird erschwert. Gefordert wird, sich in Geschäftsmodelle und Verwertungs- sowie in Rechtsprobleme einzuarbeiten. Als positives Beispiel für koordinierende Stellen wird der Ansatz der virtuellen Hochschule Bayern (vhb) genannt. Nach wie vor wird dem organisationalen Aspekt kaum die nötige Aufmerksamkeit geschenkt. Um die Integration von Lernplattformen in die hochschulinternen Abläufe und deren sicheren Betrieb zu garantieren, müssen die Aufgaben an Organisationseinheiten vergeben werden, Fachbereiche sollten in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden. [22]

Sigmar-Olaf TERGAN und Peter ZENTEL entwickeln Zukunftsszenarien des E-Learning. Blended-Learning ("Methodenmix") gehört durch eine Kombination von plattformbasierten E-Learning und Präsenzunterricht die Zukunft. Klar im Vordergrund stehen die Unterstützung individueller und kooperierender Lernprozesse, die Sicherstellung eines Zugangs zu Content-Experten oder Schaffung von Lerngemeinschaften (Communities), um nur einige zu nennen. Entsprechende Kompetenzen werden von Dozenten in Sinne eines Motivators und Moderators erwartet. Wegweisend für Übungen wäre die Implementation von Systemen zur Inhaltsanalyse, die auch komplexe Texte bewerten können. Der Anspruch an die kommunikativen Kompetenzen wird sich verändern. Werkzeuge der Informationssuche und Informations- und Wissensorganisation zählen ebenso dazu. Nach Einschätzung der Autoren wird es jetzige Lernplattformen in einigen Jahren nicht mehr geben, stattdessen werden Funktionen im Internet integriert sein, so dass ein Browser den Zugang zu Lernressourcen gewährleistet. [23]

5. Fazit

Informativ, kritisch und konstruktiv wird die gegenwärtige Lernplattformdiskussion im Hochschul-Sektor widergespiegelt. Neben den Erfahrungsberichten der unterschiedlichen Fachrichtungen zu den jeweiligen Lernplattformen werden die sich unterscheidenden Lehr-/Lernszenarien aufgeführt. Die einzelnen Beiträge sind durch Screenshots, Grafiken, Literaturtipps und Internetadressen anschaulich. Der vorliegende Band verdeutlicht allen E-Learning-AnwenderInnen die Komplexität einer Lernplattform-Nutzung und hilft gezielt durch die inhaltliche Fülle, sich über eigene Problembereiche in der Implementierung einer Lernplattform oder in der Konzeptionierung des thematischen Inputs klarer zu werden. [24]

Wer sich über die finanziellen Kosten der jeweiligen Lernplattformen informieren möchte, muss dies leider in Eigenarbeit in Erfahrung bringen. Für E-Learning-AnfängerInnen ist das Lesen der Beiträge und ein Verstehen der Inhalte durch die Verwendung der jeweiligen Lernplattform-Fachbegriffe erschwert. Dies verstärkt sich noch bei spezifischen Themenstellungen, wie in dem Beitrag von Bettina STUMPP zu E-Learning-Standards. [25]

Zur Autorin

Anja KASSEL, M.A. Sozialpsychologie/Soziologie, war als wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Drittmittelprojekt "Hochschulen für Gesundheit" (BMBF-Programm "Neue Medien in der Bildung") an der FH Jena tätig. Im dortigen Fachbereich werden die Open-Source-Softwares stud.IP und ILIAS (noch Version 2.3.8) eingesetzt. In einer zurückliegenden Ausgabe von FQS hat Anja Kassel eine Rezension zu Learning Communities im Internet verfasst.

Kontakt:

Anja Kassel M.A.

E-Mail:mail@anjakassel.de
URL: http://www.anjakassel.de/

Zitation

Kassel, Anja (2004). Rezension zu: Katja Bett & Joachim Wedekind (Hrsg.) (2003). Lernplattformen in der Praxis [25 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(1), Art. 33, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0401332.



Copyright (c) 2004 Anja Kassel

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