Volume 4, No. 3, Art. 8 – September 2003

Erkundungen zum männlichen Kinderwunsch. Ergebnisse einer psychologischen Interviewstudie mit 30-jährigen ostdeutschen Männern zur Familiengründung

Holger von der Lippe & Urs Fuhrer

Zusammenfassung: Unsere Untersuchung gibt einen Beitrag zu einem relativ selten behandelten Thema, nämlich den Motiven und Möglichkeiten, die junge Männer haben und sehen, eine Vaterschaft zu realisieren. Wir untersuchen mit einem qualitativen Verfahren, wie Männer ihre eigene Entscheidungsfindung gestalten, welchen Spielraum sie dabei erleben, welches für sie die bestimmenden Personen und Faktoren für diesen biographischen Übergang sind.

In der Entwicklung der Fragestellung und der Auswertung der Interviews haben wir multidisziplinär gearbeitet und sowohl persönlichkeits- und sozialpsychologische, als auch demografische und soziologische Konzepte herangezogen, um unser Vorgehen gegenstandsangemessen zu gestalten und die Ergebnisse in verschiedene disziplinäre Kontexte einordnen zu können.

Die Interviewteilnehmer waren 30-jährige, überwiegend kinderlose Männer aus Ostdeutschland, die wir mit Hilfe einer an WITZELs Problemzentriertes Interview angelehnten Technik befragt haben. Unsere Probanden stammen aus einem großen medizinisch-psychologischen Längsschnitt, so dass ausgewählte quantitative Daten als Hintergrundinformation zur Verfügung standen. Von besonderem Interesse war dabei, dass für diese Männer die Frage nach einer eigenen Vaterschaft in einer Zeit eines massiven Geburteneinbruchs in den Neuen Ländern bedeutsam wurde.

Unsere Ergebnisse zeigen eine große Variabilität und Varietät in den Erzählungen der Männer. Wir ziehen unterschiedliche sozialpsychologische Theorien heran (die Theorie der Symbolischen Selbstergänzung und die Theory of Planned Behavior), um zu verstehen, wie sich die männliche Motivations-, Intentions- und Entscheidungsbildung zu diesem wichtigen biographischen Übergang in Zeiten massiven sozialen Wandels vollzieht.

Keywords: Demografie, qualitative Psychologie, Ostdeutschland, Geburtenrate, Fertilität, Männer, Vaterschaft, Kinderwunsch, Grounded Theory, Problemzentriertes Interview, Theorie der Symbolischen Selbstergänzung, Theory of Planned Behavior

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Demografische Phänomene und psychologische Fragestellungen

2. Fragestellung: Männer und Kinderwunsch

3. Vorbereitung der eigenen Studie

3.1 Literatur zu Konsequenzen von Vaterschaft

3.2 Literatur aus Psychoanalyse und Reproduktionsmedizin

4. Methode: Problemzentrierte Interviews

5. Stichprobe, Leitfaden, Analyse-Strategie

6. Ergebnisse

6.1 Generelle Beobachtungen

6.2 Ergebnisse aus dem Kodier-Schema

6.3 Ergebnisse außerhalb des Kodier-Schemas

7. Zusammenfassung und Diskussion: Die Genese des männlichen Kinderwunsches

8. Schlussbetrachtung: Vaterschaft in Ostdeutschland

Danksagung

Anmerkungen

Literatur

Zu den Autoren

Zitation

 

1. Einleitung: Demografische Phänomene und psychologische Fragestellungen

In den letzten Jahren entwickelt sich auch in der Demografie ein zunehmendes Interesse sowie eine wachsende Nachfrage, demografische Übergänge nicht nur durch statistische Analysen auf Bevölkerungsebene, sondern auch qualitativ auf der Ebene von Lebensläufen individueller Akteure zu rekonstruieren (KING & GARRETT 1995). In diese Forschungsrichtung ordnet sich die hier vorzustellende Untersuchung ein, die größtenteils im Arbeitsbereich "Fertilität und Familiendynamik im heutigen Europa" des Rostocker MPI für demografische Forschung durchgeführt wurde. Im folgenden möchten wir einen Einblick in diese Studie, ihre Fragestellung und ihre ersten Ergebnisse geben. [1]

In der Bevölkerungswissenschaft werden bekanntlich Geburten und Sterbefälle (sowie einige andere Ereignisse) auf Populationsebene untersucht, wobei überwiegend mit statistischen, ökonometrischen und anderen (mathematischen) Modellen gearbeitet wird (PRESTON, HEUVELINE & GUILLOT 2001). Die Demografie beschreibt diese Vorgänge zum einen durch bestimmte Maßzahlen (z.B. Sterbeziffern, Geburtenraten), zum anderen ist sie aber auch daran interessiert, Erklärungen für ihre Befunde sowie Vorhersagen zu erarbeiten. Die Verbindung zwischen den demografisch konstatierbaren Folgen generativen Handelns von Menschen (sprich: ihrer Fertilität) sowie einem psychologischen Forschungsinteresse liegt in der gemeinsamen Betrachtung des Übergangs zur Elternschaft und seinen Bedingungen, Verläufen und Konsequenzen. Denn es ist unmittelbar einsichtig, dass Geburten, aus denen sich eine demografische Größe wie zum Beispiel die zusammengefasste Geburtenziffer zusammensetzt, immer auch Ereignisse individuellen Erlebens und Handelns sind, das heißt individuell erlebte, geplante oder erfahrene Übergänge zur Elternschaft. [2]

Dass der Zusammenhang zwischen demografischen Themen und (qualitativer) psychologischer Forschung nicht so weit hergeholt ist, wie man auf den ersten Blick vielleicht vermuten mag, können einige Beispiele erläutern.1) Greift man zum Beispiel auf Zahlen zurück, die uns die Demografie anbietet (wie etwa das mittlere Alter von Frauen und Männern bei Erstgeburt, die mittlere Kinderzahl pro Frau oder Mann, die weibliche und männliche Kinderlosigkeitsrate), so entstehen unmittelbar immer auch psychologisch interessante Fragen: Was sind Gründe für und Konsequenzen der Tatsache, dass einige Menschen relativ früh, andere hingegen relativ spät im Lebenslauf Eltern werden? Was sind Gründe für und Konsequenzen verschieden hoher Kinderzahlen? Warum bleiben mehr Männer im Lebenslauf kinderlos als Frauen? Warum steigen aber beide Anteile in den letzten Jahrzehnten? An den zwei folgenden Abbildungen wollen wir beispielhaft erläutern, wie man von statistisch-demografischen Beobachtungen zu psychologischen Fragestellungen gelangt. [3]

Betrachtet man in Abbildung 1 die aktuellen Werte der zusammengefassten Geburtenziffer2) in Europa, sieht man, dass selbst Länder, die auf den ersten Blick ähnlich entwickelt und kulturell benachbart erscheinen, deutlich unterscheidbare Werte aufweisen (Island 2,1 und Schweden 1,5; Frankreich 1,9 und Spanien 1,2; Quelle: Council of Europe 2000). Andererseits haben wiederum Länder, die man verschiedenen Kultur- und ökonomischen Entwicklungskreisen zuordnen würde, fast identische Geburtenziffern (Albanien 2,1 und Island 2.1; Litauen 1,3 und Griechenland 1,3; Quelle: ebd.). Selbst wenn man darauf hinweisen wollte, dass sich diese Nationen in einem sehr vergleichbaren Rahmen von 1,5 +/- 0.5 bewegen, kann man die USA mit einer Geburtenrate von 2,1 als Gegenbeispiel anführen, einem Wert also, der in Europa lediglich von der Türkei, Island und Albanien erreicht wird.

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Abb. 1: Die zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) im europaweiten Vergleich (Quelle: Council of Europe, 2000) [4]

Übersetzt man dies in die Form einer psychologischen Fragestellung, in eine Sprache also, die auf das Erleben und Handeln von Individuen abstellt, heißt das: Warum entschließen sich in verschiedenen Ländern vergleichsweise viele bzw. wenige Menschen vergleichsweise häufig bzw. selten zur Elternschaft? Und zieht man zusätzlich die Geschlechterdifferenz in Betracht, lautet eine weitere Frage: Wie unterscheiden sich die Gründe für das Anstreben von Elternschaft zwischen Frauen und Männern?3) [5]

Wir möchten eine weitere demografische Beobachtung anführen, in der die Verbindung eines Phänomens auf Bevölkerungsebene zur Psychologie deutlich wird und die den direkten demografischen Hintergrund unserer eigenen Untersuchung bildet. Außer dem im ersten Beispiel gezeigten Niveau der Geburtenziffer sind es immer wieder überraschende und kurzfristige Veränderungen im generativen Handeln innerhalb derselben Bevölkerung, welche die Demografie vor schwierige Fragen stellen. Eine besonders starke kurzfristige Veränderung des generativen Verhaltens fand in Ostdeutschland nach der Wende statt. Abbildung 2 zeigt, dass im Gebiet der (ehemaligen) DDR innerhalb weniger Jahre die Geburtenziffer von relativ hohen Werten von über 1,8 Kinder pro Frau, die Anfang der 1980er Jahre erreicht wurden, auf den extrem niedrigen Wert von 0,77 Kindern pro Frau im Jahr 1992 absank.

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Abb. 2: Die Entwicklung der Geburtenziffer in Ost- und Westdeutschland in den letzten 20 Jahren (Quelle: Council of Europe, 2001) [6]

Dazu finden sich in der Literatur verschiedene Erklärungsansätze. Die Rede ist von Schock und Krise, aber auch von Übergangsphänomenen und Anpassungsleistungen (DORBRITZ 1997, SACKMANN 1999). Festzuhalten ist jedoch, dass bislang keine gesicherte Erklärung für dieses Phänomen gegeben wurde, zumal sich die Übergänge zur Elternschaft in Ostdeutschland nach wie vor deutlich von westdeutschen Mustern unterscheiden. Erklärungen heben meist in unterschiedlicher Gewichtung auf den Wegfall finanzieller Anreize, auf große biographische Unsicherheiten in Umbruchzeiten oder auf Veränderungen in der zeitlichen Abfolge von Kindern ab. Darauf möchten wir hier nicht weiter eingehen und auf einschlägige Darstellungen verweisen (z.B. KREYENFELD 2001). [7]

Vielmehr soll hier wiederum auf eine psychologische Fragestellung umgestellt werden: Was weiß man über die Beweggründe von Männern und Frauen, die in den letzten dreizehn Jahren in Ostdeutschland eine Elternschaft realisierten, anstrebten, aufschoben oder ausschlossen? Was führen Männer und Frauen aus den Neuen Ländern heute als Beweggründe für und gegen eine Elternschaft an? Welche Veränderungen im Vergleich zu den Bedingungen in der DDR nehmen sie in dieser Frage wahr? Im folgenden werden wir zunächst aus der Literatur heraus begründen, warum wir uns besonders für die Perspektive von Männern interessierten und anschließend die eigene Studie vorstellen. [8]

2. Fragestellung: Männer und Kinderwunsch

Nimmt man die oben formulierten Fragen zum Ausgangspunkt der Suche nach Faktoren und Mechanismen des Übergangs zur Elternschaft, stößt man rasch auf ein interdisziplinäres Forschungsfeld zum Thema "Geburten". Dieses spannt sich von Ökonomie und Soziologie über Reproduktionsmedizin und Public Health bis zur politischen Kultur von Elternschaft, um nur einige Spezialgebiete der Forschung zu nennen. [9]

Diese Forschung trägt jedoch nur marginal zum Verständnis der Geschlechtsspezifik generativen Handelns bei. So sind demografische Maßzahlen meist Zahlen über das Verhalten von Frauen (wie die genannte allgemeine Geburtenziffer), und in Untersuchungen zum Kinderwunsch von Paaren werden nicht selten nur Frauen befragt. In einer kritischen Literaturübersicht zum männlichen Kinderwunsch stellte KÜHLER (1989) fest, dass bis dato keine wirklich fundierte empirische Arbeit zum männlichen Kinderwunsch vorlag. Auch wenn es seitdem sicherlich zu einer stärkeren, aber nach wie vor unsystematischen Beschäftigung der Forschung mit Männern und ihres reproduktiven Handelns gekommen ist, liest man in einer neueren Übersichtsarbeit von COLEMAN aus dem Jahre 2000 weiterhin die Einschätzung, dass es gerechtfertigt sei, in die seit langem gehörte Klage einzustimmen, dass Details der männlichen Fertilität und Reproduktion weitestgehend unbekannt seien (COLEMAN 2000, S.55). [10]

In der Tat lesen sich die Schlagwörter zum Thema "Mann und Familiengründung" zum Teil wie die Beschreibungen einer Geisterbahn. In aktuellen Publikationen zu diesem Thema erscheinen Männer als "Schatten" (BLEDSOE, GUYER & LERNER 2000), "unsichtbar" (COLEY 2001), "scheue Wesen" (ROEDER 1994) oder sind "im akuten Verschwinden" begriffen (GOLDSHEIDER & KAUFMAN 1996). Hingegen versorgen uns demografische, soziologische, biologische oder anthropologische Studien mit nicht weniger als einer "intimen Geographie" (ANGIER 1999) von Frauen, auch ihrer Übergange zur Mutterschaft. [11]

Für beide Teile Deutschlands kennen wir durch den 1992 durchgeführten Family & Fertility Survey (FFS)4) lediglich die wichtigsten deskriptiven Daten des männlichen reproduktiven Handelns (die folgenden Angaben aus POHL 2000, S.265ff.). Daraus können wir entnehmen,

  • dass sich das Durchschnittsalter von Männern bei ihrer ersten Elternschaft um die 30 Jahre in Westdeutschland und um die 25 Jahre in Ostdeutschland bewegt;

  • dass zwei Drittel sowohl west- als auch ostdeutscher Männer unter 25 Jahren angeben, dass sie oder ihre Partnerin regelmäßig eine Kontrazeptionsmethode verwenden, wobei dies meist die Frauen übernehmen (Pille);

  • dass es in den Idealvorstellungen von Männern zur Größe einer eigenen Familie einen leichten innerdeutschen Unterschied gibt: Westdeutsche tendierten eher zu einer idealen Kinderzahl von 2 bis 3, während im Osten Deutschlands die Antwort eher "1 bis 2" lautet;

  • dass sich die durchschnittlich von Männern erwartete tatsächliche Zahl eigener Kinder im Lebenslauf auf 1,8 in beiden Teilen Deutschlands beläuft. Das heißt, es gibt eine größere Differenz zwischen Ideal und Erwartung im Westen als im Osten. [12]

Darüber hinaus weisen die Ergebnisse des FFS auf einen weiteren Befund hin, der für die Analyse des Kinderwunsches von Männern und des Übergangs zur Vaterschaft von besonderem Interesse ist. Dieser Befund, der zwischen Ost und West nur geringfügig variiert, ist die relativ hohe Unsicherheit nicht nur über zukünftige eigene Kinder, sondern auch über die eigenen Wünsche. Ungefähr 30% der Männer im Alter zwischen 20 und 40 antworten auf die Frage "Wie viele Kinder wünschen Sie sich insgesamt einmal zu haben?" mit der "Weiß ich nicht"-Option. Dieser hohe Prozentsatz verweist bereits auf einige der zu erwarteten Schwierigkeiten für die Forschung. [13]

Aus diesen berichteten Forschungsdefiziten heraus haben wir uns die folgende zu untersuchende Frage gestellt: Wodurch wird der Wunsch von Männern nach eigenen Kindern bestimmt und wie verläuft der persönliche Entscheidungsprozess für Männer in Ostdeutschland? [14]

3. Vorbereitung der eigenen Studie

In den folgenden Abschnitten möchten wir auf einige Ausnahmen Männer-spezifischer Forschung eingehen und erläutern, wie wir unsere eigene Untersuchung aus dieser Literatur heraus und trotz der oben genannten Forschungslücken angemessen zu gestalten suchten. [15]

3.1 Literatur zu Konsequenzen von Vaterschaft

Es liegt ein umfangreicher Literaturbestand aus jenem Forschungsgebiet vor, das sich mit den Folgen beschäftigt, die ein erlebter Übergang zur Elternschaft für Männer haben kann. Dazu zählen Phänomene wie die Veränderung des Selbstkonzepts, der Partnerschaft und der erlebten Zufriedenheit, Veränderungen der Geschlechterrollen und der häuslichen Arbeitsteilung und die Unterschiede zwischen Vätern und Müttern in ihren Eltern-Kind-Beziehungen nach der Geburt eines Kindes (z.B. PALKOVITZ & COPES 1988, WERNECK 1997, EGGEBEEN & KNOESTER 2001). Wenn wir hier auch an die Forschung und den Diskurs um die "Neuen Väter" denken, wird klar, dass über die möglichen erlebten (oder eben nicht erlebten) Konsequenzen des Übergangs zur Vaterschaft recht umfangreiches Wissen vorliegt (einer der Vorreiter im deutschsprachigen Publikationsraum: FTHENAKIS 1985, 1999, auch: WERNECK 1998). Darum war es für uns von besonderem Interesse, danach zu fragen, inwiefern solche Konsequenzen von Vaterschaft, die kinderlose Männer antizipieren, erhoffen oder befürchten, zur Erklärung des Kinderwunsches bzw. seines Ausbleibens beitragen könnten. [16]

3.2 Literatur aus Psychoanalyse und Reproduktionsmedizin

Uns ist zudem einiges über den Kinderwunsch von Männern aus Studien bekannt, die dem psychoanalytischen Konzept folgen oder aus dem Kontext der Beratung ungewollt kinderloser Paare stammen. Wir finden dort Aussagen über die Bedingungen der Entstehung eines Kinderwunsches in der Kindheit, über narzisstische und destruktive Elemente des männlichen Kinderwunsches, es gibt Konzepte zu latenten und manifesten Kinderwünschen und deren Entwicklung im Verlauf des Lebens (JACOBS 1995; SCHLOTTNER 1998, ERMEL, KÜCHENHOFF & KÖNNECKE 1999). Auch wenn diese Literatur im einzelnen durchaus wertvoll in der Vorbereitung unserer Studie gewesen war, orientierten wir die Gestaltung unserer eigenen Untersuchung jedoch stärker an aktuellen sozial-, entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischen Konzepten der Intentionsbildung (stellvertretend die Publikationen von GOLLWITZER & BARGH 1996, BRANDTSTÄDTER & LERNER 1999, ASENDORPF 1999) und weniger an der psychoanalytischen oder klinischen Theoriebildung. Die Gründe dafür lagen in unserer größeren Vertrautheit mit den nicht-psychoanalytischen Konzepten sowie in unserem Ziel, die theoretische Anschlussfähigkeit mit der demografischen und soziologischen Forschung zu bewahren. [17]

Wir zogen jedoch Teilbefunde aus den beiden genannten Forschungssträngen – Väterforschung und klinische Arbeit – für die Vorbereitung der eigenen Befragung ostdeutscher Männer heran, um die Methodik an die zu erwartenden Besonderheiten des Themas anzupassen. So entnahmen wir aus der Beratungsliteratur zum Beispiel den Befund, dass besonders Männer zum Thema Kinderwunsch oftmals nur sehr "allgemeinplatzartig" und stereotyp antworten (ROEDER 1994). Zudem legten psychoanalytische Forschungsergebnisse nahe, dass mit diesem Thema viele heikle oder schwierige Gefühle verbunden sein können, z.B. Ängste oder erlebte Verletzungen (FRICK-BRUDER & SCHUETT 1992, HUBBERTZ 1997, POHL 1992). [18]

4. Methode: Problemzentrierte Interviews

Aus dem referierten Hintergrundwissen heraus haben wir uns für die Durchführung semi-strukturierter Interviews entschieden, die es einerseits durch die Verwendung eines ausführlichen Leitfadens erlauben, Vorwissen in die Interviewgestaltung einzubringen, aber andererseits auch systematisch das Verlassen der "Leitfaden-Bürokratie" fordern, um dem individuellen Fall gerecht zu werden. Dies sehen wir im Problemzentrierten Interview nach WITZEL (1985, 2000) realisiert. [19]

In Problemzentrierten Interviews geht es immer um eine "gesellschaftlich relevante Problemstellung" (WITZEL 2000, Absatz 4), wie sie in unserem Fall die möglicherweise diffizile Beschäftigung von Männern in Ostdeutschland mit dem eigenen Kinderwunsch darstellt. Die Methode zeichnet sich besonders dadurch aus, zwischen der "deduktiven" Logik einer starken Leitfaden-Orientierung und der "induktiven" Logik unstrukturierter Interviews zu vermitteln. Das Problemzentrierte Interview ist daher als ein diskursiv-dialogisches Verfahren zu bezeichnen (MEY 1999, S.145). [20]

Neben der Vorbereitung eines detaillierten Leitfadens und der Verwendung von vorstrukturierten Interviewphasen wird der Interviewer aufgefordert, im Gespräch immer wieder nach Art der klient-zentrierten Therapie das Gesagte zusammenzufassen, zurückzuspiegeln, nachzufragen und bei auftretenden Widersprüchen sogar zu konfrontieren (zur Ähnlichkeit mit der genannten Therapieschule vgl. ROGERS 1944). Der Interview-Leitfaden wird lediglich als eine vorbereitende Stütze, und nicht als ein den Gesprächsverlauf vollständig determinierendes Schema verwendet. [21]

Weiterhin erlaubt die Methode eine besonders feine Differenzierung der zu verwendenden Fragetypen. So werden zum Beispiel erzählungsgenerierende von verständnisgenerierenden Fragen unterschieden, allgemeine Sondierungen von spezifischen Sondierungen etc. (WITZEL 2000, Absatz 14ff.). Diese fragetechnische "Feinarbeit" erschien uns besonders zielführend, da wir in unseren Interviews nicht nur die "üblichen" Fragen stellen wollten (z.B. "Wie viele Kinder wünschen Sie sich? Welche Gründe sprechen für Sie für und gegen Kinder? Glauben Sie, dass finanzielle Sicherheit wichtig ist?" etc.), sondern nach Möglichkeit, gemäß der angedeuteten klient-zentrierten Herangehensweise, immer wieder konkrete situative Vorstellungen und internale Inhalte anregen wollten. Das heißt, wir führten unsere Interviewpartner im Gespräch auch in reale oder vorgestellte Situationen hinein, um dann zu explorieren, welche Bedeutungen, Gedanken und Gefühle sie mit möglichen oder erlebten Szenarien verbinden (z.B.: "Stell Dir einmal vor, Deine Freundin erzählte Dir morgen, dass sie von Dir schwanger ist! Was würde da in Dir vorgehen?" etc.). Wie sich in den Interviews zeigte, erwies sich insbesondere hier die Anwendung der von WITZEL aufgeführten Fragetypen als sehr hilfreich. [22]

5. Stichprobe, Leitfaden, Analyse-Strategie

Zur Gewinnung unserer Interviewteilnehmer bot sich uns die Möglichkeit, Zugang zu den Probanden der Rostocker Längsschnittstudie (ROLS) zu erhalten (MEYER-PROBST & TEICHMANN 1984, REIS 1997). Über den Teilnehmerpool dieser Studie stellten wir Kontakt zu Männern der Geburtsjahrgänge 1970/71 her, einer Kohorte also, die in vielerlei Hinsicht prototypisch für das Schicksal junger Erwachsenen-Generationen im Umbruchprozess ist. Hatten die meisten ihre Ausbildung noch zu DDR-Zeiten absolviert, so begannen sie nach der Wende ihr eigenes Berufs-, Partnerschafts- und Familienleben in einer sich rasant verändernden Gesellschaft. Lediglich ein geringer Teil von ihnen hatte den Übergang zur Elternschaft noch in der DDR erlebt. Somit kann man die Mitglieder dieser Kohorte hinsichtlich ihrer Familienbildung der "Nach-Wende"-Generation zuordnen (KREYENFELD 2001, S.104). [23]

Von den 20 Männern, die sich zu einer Befragung außerhalb des normalen Rhythmus der Rostocker Längsschnittstudie bereit erklärt hatten, waren 14 zum Interviewzeitpunkt kinderlos und bilden den Schwerpunkt dieser Untersuchung. Obwohl wir die Gruppe der Väter ebenfalls interviewten, schließen wir sie aus der hier vorgestellten Analyse zum Kinderwunsch aus, da wir davon ausgehen, dass der Wunsch von Vätern nach weiteren Kindern stark vom Erleben der ersten Vaterschaft mitbestimmt wird, also eine prinzipiell andere Genese als jener der Kinderlosen haben wird. [24]

Von den Kinderlosen lebte die Hälfte ohne feste Partnerin in einem eigenen Haushalt und die andere Hälfte mit Partnerin in einem gemeinsamen Haushalt. Es fand sich kein Paar mit getrennter Haushaltsführung ("Living Apart Together"). Alle Teilnehmer waren zum Zeitpunkt der Interviews 30 oder 31 Jahre alt. Obwohl unser Sample selbstselektiv zustande kam, waren wir mit der Zusammensetzung letztlich äußerst zufrieden. Wir konnten mit überwiegend kinderlosen Männern aus einer reinen "Nach-Wende-Generation" in einem Alter sprechen, in dem die Entscheidungsfindung womöglich geschieht oder (gerade) geschehen ist. [25]

Unseren Leitfaden für die Interviews mit den wichtigsten Fragebereichen, die wir aus der Literatur erarbeiteten hatten, findet sich in Tabelle 1. Die Interviews dauerten zwischen einer und zwei Stunden, wurden auf Band aufgezeichnet und im Anschluss verschriftet. Bis auf eine Ausnahme wurden alle Interviews auf Angebot entweder des Interviewten oder des Interviewers "per Du" durchgeführt.

Fragebereich

Beispielfrage(n)

(...)

(...)

1.

Aktuelle Beziehungssituation, Fragen zur (letzten) Freundin

Lebst Du mit jemandem zusammen? Wann war die letzte längere Beziehung? Ist das Thema Kinder ein Thema?

2.

Zukunftsphantasien zum möglichen "Vaterwerden"

Stell Dir einmal vor, Deine (letzte) Freundin teilte Dir mit, dass sie schwanger ist! Wie wäre das für Dich?

3.

Zukunftsphantasien zum "Vatersein"

Stell Dir vor, Du bist Vater! Was würde sich für Dich verändern, was nicht? Wie siehst Du diese Veränderungen?

4.

Erzählen einer "Kinderwunsch-biographie"

Wann hast Du zum ersten Mal in Deinem Leben über eigene Kinder nachgedacht? Wie ging es dann weiter?

5.

Aktuelles, erlebtes und erwartetes Beziehungsgeschehen

Wie wird/wurde über das Thema "Kinder" gesprochen? Wer übernimmt/übernahm Initiative? Wie kommt es zu einer Entscheidung?

6.

Einschätzung der Fremdwahrnehmung des "Vaterseins"

Wenn ich jetzt Deine (letzte) Freundin fragte, was sie sich von Dir als Vater ihrer Kinder erwartet, was würde sie sagen? Andere relevante Personen?

7.

Praktische und ideelle Unterstützung einer Vaterschaft

Hast Du ein Vorbild für das Vatersein? Wie war Dein Vater? Wer würde Dich unterstützen, wenn Du ein Kind hast?

8.

Kinderlosigkeit

Stell Dir vor, Du wirst nie Vater! Wie wäre das für Dich? Warum?

9.

Zum "Geschlechterverhältnis", Unterschied Vaterschaft/ Mutterschaft

Was würde "Mutterwerden" für Deine (letzte) Freundin bedeuten? Haben Frauen in diesem Bereich generell andere Einstellungen oder Wünsche?

10.

Thematisierung der Ost-West-Geschichte, der Nach-Wende-Zeit

Wenn die DDR weiter bestanden hätte, wärst Du wahrscheinlich schon Vater. Was hat sich da verändert?

11.

Bilanzierung

Kannst Du ein zusammenfassendes Bild/eine Beschreibung für Deine Einstellung zum Vaterwerden finden?

Tabelle 1: Die wichtigsten Fragebereiche des Interviews (Leitfaden-Ausschnitt) [26]

In der Interview-Auswertung, für die WITZEL dem Prinzip der Gegenstandsangemessenheit folgend die Verwendung verschiedener Auswertungsmethoden vorsieht (WITZEL 2000, Absatz 19), haben wir uns an den Auswertungsschritten der Grounded Theory (GLASER & STRAUSS 1967) orientiert, jedoch mit einigen wichtigen Modifikationen. Gemäß der Grounded Theory wird ein vorliegender Text im so genannten offenen Kodierschritt zunächst aufgebrochen, das heißt alles, was wichtig erscheint, ist zu benennen und für die weitere Analyse festzuhalten. Im nächsten Schritt, dem so genannten axialen Kodieren, wird die Auswertung verfeinert und die Abstraktion vorangetrieben. Dazu schlagen in einer neueren Publikation STRAUSS und CORBIN (1996, S.78f.) vor, die gefundenen (offenen) Codes hinsichtlich vier verschiedener Kategorien weiter zu differenzieren: Bedingungen, Kontext, Strategien und Konsequenzen. [27]

Dies mag für viele Untersuchungen der zielführende Schritt sein, jedoch beabsichtigten wir, die Analyse in stärkerer Weise auf psychologische Theorien hin auszurichten. Es ging uns darum, die Auswertung so zu gestalten, dass es möglich sein würde, auf den Pool entwicklungs-, sozial- und persönlichkeitspsychologischer Theorien (für einen Überblick: HERKNER 2001) zuzugreifen, um die Ergebnisse auch theoretisch verstehen und interpretieren zu können. Daher entschlossen wir uns, im axialen Kodierschritt Kategorien der Persönlichkeitspsychologie zu verwenden. Wir unterschieden als Kodierachsen Bewertungsdispositionen von Handlungseigenschaften und selbstbezogenen Dispositionen (ASENDORPF 1999, S.158ff., BILSKY & SCHWARTZ 1994). Diese Konzepte werden im folgenden kurz eingeführt. [28]

In der zeitgenössischen Persönlichkeitspsychologie (s.o.) wird postuliert, dass sich Menschen u.a. hinsichtlich verschiedener dispositionaler Persönlichkeitsbereiche voneinander unterscheiden. Neben Bereichen, die in qualitativen Interviews nur selten behandelt werden (wie z.B. Unterschieden in Temperament oder Intelligenz), werden insbesondere individuelle Unterschiede in Bewertungen diskutiert. Man unterscheidet Bewertungen einzelner Objekte und von Objekt-Klassen (d.h. Einstellungen und Werte) sowie Bewertungen von Handlungen und Handlungsfolgen (d.h. Interessen und Motive, welche sich in Ziele umsetzen) von Selbst-Beschreibungen und Selbst-Bewertungen (d.h. Selbstkonzept und Selbstwert). [29]

Diese Bewertungen werden hier als quasi-dispositionale Faktoren interpretiert, welche eine Intentionsbildung forcieren, blockieren oder verunmöglichen können. Nach diesen Kategorien haben wir unsere Interviews axial kodiert und werden im folgenden die Ergebnisse dieser Arbeit Schritt für Schritt vorstellen und auf ihre Brauchbarkeit hin überprüfen. Tabelle 2 stellt die genannten Kategorien und ihre Definitionen vor, während Abbildung 3 einen schematischen Überblick über die analytischen Kategorien und ihren postulierten Einfluss auf die individuelle Intentionsbildung in einer je konkreten Situation gibt.

Kategorie

Definition

Einstellungen

Einstellungen sind individuelle Bewertungen von Objekten der Wahrnehmung oder der Vorstellungen.

Werte

Werte sind individuelle Bewertungen allgemeiner Klassen von Handlungen, Eigenschaften und Handlungsfolgen.

Motive

Motive sind individuelle Bewertungen von Handlungsfolgen.

Interessen

Interessen sind individuelle Bewertungen von Handlungen.

Ziele

Ziele sind konkrete Formulierungen individueller Motive und Interessen.

Selbstkonzept

Das Selbstkonzept ist das Wissen und die Überzeugungen über sich selbst.

Selbstwert

Der Selbstwert ist die individuelle Bewertung des Selbstkonzepts.

Tabelle 2: Die verwendeten Kategorien im axialen Kodierschritt

von der Lippe & Fuhrer

Abb. 3: Der Zusammenhang der Kategorien unseres Kodier-Schemas mit der Handlungsabsicht. Grafik erstellt nach Beschreibungen von ASENDORPF (1999) [30]

In unserem axialen Kodierschritt, das sei hier der Klarheit halber betont, verfolgten wir keinesfalls die Absicht, diese "Dispositionen" bei den Gesprächsteilnehmern zu finden oder zu diagnostizieren. Die verwendeten psychologischen Konstrukte, die nur selten in die qualitative Forschung eingebracht werden, dienten vielmehr dazu, persönlichkeits- und sozialpsychologisches Wissen über Bereiche der Persönlichkeit heranzuziehen, die es dann möglich machten, die Erzählungen zum Kinderwunsch aus einer psychologischen Theorie heraus zu rekonstruieren. [31]

6. Ergebnisse

Bevor wir die Ergebnisse im einzelnen darstellen, ist zunächst die große Vielfalt der Erzählungen im allgemeinen hervorzuheben. Anfangs hatten wir befürchtet, von Männern derselben Altersgruppe, derselben Stadt und eines möglicherweise sehr vergleichbaren sozialen Hintergrunds (60% der Teilnehmer der Rostocker Längsschnittstudie haben einen Abschluss als Facharbeiter) zu homogene Geschichten zu hören. Wir waren jedoch überrascht von der Verschiedenheit der Erinnerungen, Beschreibungen, Gedanken, Wünsche und Sorgen, welche uns die Männer mitteilten. Dazu im einzelnen später mehr. Wir möchten zuerst einige der beobachteten Gemeinsamkeiten aufführen. [32]

6.1 Generelle Beobachtungen

Als eine der ersten Beobachtungen erschien es uns bemerkenswert, dass es unter den 14 kinderlosen Männern nur einen einzigen gab, der sich strikt gegen ein Leben mit Kindern aussprach. Sogar diejenigen Männer, die angaben, dass sie keinen eigenen Kinderwunsch hätten, sagten, dass, wenn es denn "passieren" sollte, ein Kind für sie "schon in Ordnung sei" und sie damit "irgendwie zurechtkämen". Kein Mann erwog eine Sterilisation oder zog für den Fall einer unerwünschten Schwangerschaft in Betracht, die Partnerin zu einem Abbruch zu drängen. [33]

Weiterhin gab es eine breite Ablehnung einer "zu strikten Familienplanung". Die Männer stimmten in der Ansicht überein, dass Kinder prinzipiell auch immer "einfach passieren" könnten und dass dies "auch in Ordnung sei". Viele Männer erzählten von Beispielen, in denen Bekannte den Zeitpunkt einer Geburt "zu genau" planten, und diese Beispiele wurden übereinstimmend als negativ erlebt. Ein Befragter erwähnte sogar das Bild der "Fließbandproduktion" in diesem Zusammenhang. Interessanterweise ließen sich aber alle Männer auch auf die kontrazeptiven Methoden und Praktiken ihrer Partnerinnen ein, was wir als einen weiteren Hinweis dafür interpretieren, dass Verhütung (immer noch) als eine überwiegend weibliche Aufgabe und Verantwortung praktiziert wird. Nun zu den detaillierteren Befunden. [34]

6.2 Ergebnisse aus dem Kodier-Schema

Um die Zusammenhänge, in denen Männer einen Wunsch nach Kindern entwickeln, genauer verstehen zu können, unterteilten wir die Gruppe der kinderlosen Teilnehmer noch einmal in zwei Gruppen, nämlich in Singles und in Männer, die in festen Beziehungen lebten. Für beide Gruppen untersuchten wir, welche Erzählungen, Einschätzungen und Bewertungen mit dem Anstreben bzw. Vermeiden einer Vaterschaft verbunden waren. Wir halten uns in der folgenden Darstellung der Ergebnisse an die Reihenfolge der eingeführten Kategorien des axialen Kodier-Schemas. [35]

Zunächst verdeutlichte die Auswertung, dass man sich von allzu einfachen Vorstellungen zum männlichen Kinderwunsch freimachen sollte. Positive Einstellungen zu Kindern, positive Einstellungen zur Partnerin und deren Kinderwunsch oder zu den Wünschen der Eltern sind keineswegs hinreichend, damit Männer ebenfalls einen Kinderwunsch entwickeln. In unseren Interviews fanden wir zum Teil sogar die umgekehrten Fälle (hoch positive Einstellung zu Kindern, aber kein eigener Kinderwunsch; positive Einstellung zum Wunsch der Partnerin, ebenfalls kein eigener Kinderwunsch). Die Aussagen von Herrn R. und Herrn I. illustrieren dies.5)

Herr R. (kein Kinderwunsch)

"Weil meine Schwester hat zwei Kinder, und ich hab' schon viel Erfahrung gesammelt, das ist schön (...) ich hab' mit den Kindern auch kein Problem, da fühl' ich mich schon wie so'n Vater. (...) Das gefällt mir. (...) ich also, ich werde bestimmt nicht Vater werden, alle andern ja, und die können auch in ihrer Familie leben. Und ich weiß, wie 'ne intakte Familie auszusehen hat, aber ich glaub', ich werd' bestimmt nicht Vater (...) ich hab dazu keine Lust."

Herr I. (kein Kinderwunsch)

"Also ich hab keine Lust, mich von meiner Freundin zu trennen. Sie ist aber total kinderlieb. (...) Weil, ich mein: Kinder? Mir ist das sowieso Banane. Ich würde, also ich würde da auch nicht so großen Einfluss drauf nehmen. Also, wenn meine Freundin der Meinung wär', das ist O.k. für uns oder sie will das, sie kann das – dann ist es O.k." [36]

Zu den Wünschen der Eltern oder anderer Personen, die man ebenfalls als wichtige Quellen für die Entstehung von Kinderwünschen vermuten könnte, gab es eine recht einheitliche Einstellung der befragten Männer. Sie berichteten von häufigen, mehr oder weniger scherzhaft vorgetragenen Anspielungen vor allem der Eltern, überwiegend der Mütter, auf die noch ausstehende Vaterschaft. Aber alle befragten Männer gaben auch an, dass diese Kommentare ihren eigenen Wunsch in keiner Weise beeinflussten, dass der Wunsch oder Nicht-Wunsch nach Kindern allein eine eigene und sehr persönliche Entscheidung sei. Dies verweist darauf, dass Elternschaft als eine wirkliche und rein individuelle Option im Lebenslauf wahrgenommen wird, so dass Einflussversuche der eigenen Eltern eben nur am Rande und anekdotenhaft erwähnt werden. [37]

Sehr klare Ergebnisse, um in den Achsen des Kodier-Schemas fortzufahren, ergaben sich im Bereich der Werte. Hier gaben nur Männer mit Kinderwunsch persönliche Reife und die Übernahme von Verantwortung im Leben als einen allgemeinen Wert an. Das heißt, sie gaben zu Protokoll, dass sie selbst, aber auch jeder andere Erwachsene, im Leben Verantwortung übernehmen und zum Beispiel "kindliche" Eigenarten und Versorgungswünsche ablegen sollte.

Herr B. (Kinderwunsch)

"Wenn man [ein Kind und; HvdL u. UF] Verantwortung hat, dann sieht man jedenfalls zu, dass [z.B.] Geld ran kommt. Jetzt irgendwie jetzt hier auf die faule Haut legen und sagen, der Vater Staat gibt mir schon wat, das ist Scheiße so was, ne. Da muss man eben klotzen, ne." [38]

Dieser Wert wurde bisweilen auch von den Männern als das Führen eines "erwachsenen" Lebensstils bezeichnet (das heißt z.B. "nicht nur auf sich zu schauen", "weniger oberflächlich zu sein", "ruhiger zu werden" etc.). Bei Männer ohne Kinderwunsch fanden wir hingegen vermehrt die Formulierung eines alternativen Lebensstils als allgemeinen Wert, der zum Beispiel darin bestand, auch den eigenen Bedürfnissen nach Ruhe und Muße folgen zu können.

Herr H. (kein Kinderwunsch)

"Ja, alleine schon (...) deshalb, was ich schon von vielen Leuten so hör, so diese (Hibbeligkeit) auf diese Werte, Familie usw. das steht ja bei vielen auf der Wunschliste ganz oben (... Aber) die Leute haben immer weniger Ruhe. (...) Einfach nur faul sein. Ja, das ist 'ne Kunst heutzutage. Das ist 'ne Kunst! (...) Und die, die das alles immer so haben müssen (...) das sind ziemlich dumme Dinge, richtig ungesund." [39]

Während sich Werte zwischen Männern mit und ohne Kinderwunsch also bereits recht deutlich unterschieden, erwiesen sich Motive für eine Vaterschaft als eine besonders fruchtbare Kodierachse. Hier zeigte sich, dass besonders Singles mit Kinderwunsch eine große Vielzahl positiver Konsequenzen mit einer Elternschaft verbanden (Motive in den folgenden Interviewausschnitten kursiv hervorgehoben).

Herr F. (Kinderwunsch)

"Dann ist einfach Lebendigkeit im Haus, dit find' ick jut. Es gibt immer irgendwie diese neuen Denkanstöße. Man altert, glaub' ich, nicht so schnell. Dit find' ick janz jut. Immer wieder so 'n Kick, darüber hast nicht nachgedacht, man bleibt auch so am mainstream dran, kriegt da wieder allet mit."

Herr B. (Kinderwunsch)

"Naja, das soll ja auch zur Lebensfreude irgendwie beitragen, ne. So Familie und Kinder und so. Das stell' ich mir schon ganz witzig vor, ja."

Herr D. (Kinderwunsch)

"Auch wenn man Freunde hat und 'ne feste Beziehung hat, vereinsamt man aber nachher mit der Zeit. Irgendwann stirbt der Lebenspartner, dann ist man allein, wenn man keine Kinder hat." [40]

Interessanterweise waren die Motive für Vaterschaft bei denjenigen Männern, die in einer Beziehung lebten, nicht im gleichen Maße ausgeprägt. Hier wurden zum Teil auch negativ bewertete Handlungsfolgen angegeben. Darunter fielen z.B. die Antizipation eines Verlustes von Wahlmöglichkeiten oder möglicher persönlicher Einschränkungen in Folge einer Vaterschaft. Es erschien im Vergleich ein wenig so, als strebten Singles nach etwas, das sie mit Kindern assoziierten. Dieses Streben war bei Männern in festen Beziehungen jedoch nicht so klar zu finden. [41]

Individuelle Interessen und Ziele, nach denen wir im Rahmen des Kodier-Schemas als weitere Handlungseigenschaften kodierten, beschreiben konkrete Handlungen, die entweder gemocht oder angestrebt bzw. vermieden werden. Männer mit Kinderwunsch waren in diesen Schilderungen äußerst detailliert und ausführlich. In dieser Gruppe gab es vielfältige und konkrete Schilderungen, wie sie sich ihr Vatersein vorstellen und welche Tätigkeiten ihnen gemeinsam mit einem Kind Freude bereiten würden (z.B. etwas basteln oder unternehmen). Als konkrete Ziele, die sie mit Vaterschaft verbanden, fanden wir zum Beispiel "dem Kind etwas weiterzugeben" oder "die Fehler der eigenen Eltern wettzumachen". Solche Berichte fanden sich nicht oder nur in geringem Maße bei den Männern ohne Kinderwunsch. [42]

Als letzten Bereich aus dem axialen Kodier-Schema möchten wir auf jene Vorstellungen eingehen, die sich auf das eigene Selbst beziehen. Zunächst teilten die berichteten Selbstkonzepte die Männer in zwei Gruppen. Männer mit Kinderwunsch beschrieben sich überwiegend als "reif", "stabil" und "zuverlässig", während Männer ohne Kinderwunsch sich eher als "neugierig", "umtriebig", "spontan" oder "clownisch" beschrieben. Männer mit Kinderwunsch gaben an, dass sie sich bereits von diesem Lifestyle wegentwickelt hätten – unabhängig davon, ob es Singles oder Männer in Beziehungen waren. [43]

Ein besonders deutlicher Befund ergab sich jedoch aus den Antworten auf die gewissermaßen negativ gepolte Frage: "Stell Dir Dich selbst einmal in Zukunft ganz ohne eigene Kinder vor!" (antizipiertes Selbstkonzept). Diese Frage differenzierte Männer mit und ohne Kinderwunsch ausgesprochen stark, das heißt nur Männer ohne Kinderwunsch konnten mit dieser Vorstellung überhaupt etwas Positives assoziieren. Hierzu einige Beispiele aus den Antworten:

Herr B. (Kinderwunsch)

"Weiß nicht, ich bin nicht asozial oder so was, und deswegen kann ich mir das nicht vorstellen. (...) Das kann ich mir nicht vorstellen, dass einer sagt klipp und klar, ich will damit nichts zutun haben. (...) Müssen irgendwie Kranke sein, keine Ahnung."

Herr F. (Kinderwunsch)

[Interviewer: "Also, ein Leben ohne Kinder wäre auf jeden Fall ein ärmeres Leben für Dich?"] "Ja! Also, ich denke, wenn ich 40 werde, und ich hab's immer noch nicht gepeilt, (...) dann würd' ich wahrscheinlich ne Not-Annonce aufsetzen."

Herr H. (kein Kinderwunsch)

"Ich könnte mir genauso gut, sag' ich mal, 'ne Beziehung also auch ohne Heirat und ohne Kinder so dauerhaft vorstellen, da hab' ich kein Problem damit." [44]

Eine Zusammenfassung und Interpretation dieser Einzelbefunde wird in Abschnitt 7 vorgenommen. Zuvor möchten wir noch zwei weitere Beobachtungen anführen, die sich außerhalb des axialen Kodier-Schemas ergaben. [45]

6.3 Ergebnisse außerhalb des Kodier-Schemas

Die folgenden Ergebnisse ergaben sich eher am Rande unserer Analyse, und zwar zumeist auf Fragen zum Themenbereich "DDR" und "Geschlechterverhältnis" (vgl. Fragebereiche 9 und 10 aus Tabelle 1). [46]

Der erste Befund weist auf eine Distanz hin, die Männer bisweilen zum Thema "Kinder und Familie" empfinden können. Diese Distanz wurde von unseren Interviewpartnern oftmals als ein "ich kann mir das alles gar nicht so recht vorstellen" beschrieben oder auch als das generelle persönliche Unbefasst-Sein mit dem Thema Vaterschaft. Dies wurde sowohl von Männern zu Protokoll gegeben, die einen Kinderwunsch hatten, als auch von solchen ohne Kinderwunsch. Dazu seien wiederum drei Beispiele aus den Interviews genannt:

Herr H. (kein Kinderwunsch)

"Aber (über das Thema Elternschaft) wird eigentlich gar nicht so viel gesprochen, ist eigentlich kein richtiges Thema. Ausnahmen gibt's, aber es ist eher verdrängt worden. Andere Sachen stehen im Vordergrund. Heute ja oftmals das individuelle Wohl so, ne.(...) Aber im allgemeinen ist das gar nicht so 'n Thema, hab' ich festgestellt. Kann ich wenig zu sagen. Ja, ja. Wenn's kein Thema ist, redet man auch nicht drüber."

Herr I. (kein Kinderwunsch)

"Ich weiß nicht, so viel mehr kenn' ich nicht, die Kinder haben.(...) Ich glaub', das ist am besten, wenn man sich da reinwerfen läßt, muss man halt mit klar kommen. Wenn man das vorher alles durchdenkt, ich weiß nicht."

Herr P. (Kinderwunsch)

"Nie darauf getrimmt worden. (...) Es ist heut' auch noch so in der Gesellschaft, den Mädels wird's beigebracht, dem Manne nicht. Dem Manne wird nicht erzählt, wie er 'ne Familie zu führen hat (...) da muss man schon selber zusehen (...) was man draus macht und wie man's macht. Man hat keine Vorstellungen vorneweg. Man hat sich als Kind nicht drum gekümmert, man hat ja auch nicht mit Puppen gespielt oder... man wurde ja gar nicht drauf vorbereitet. Im Endeffekt wird man ins kalte Wasser gestoßen." [47]

Der zweite Befund außerhalb des Kodier-Schemas verweist auf persönliche Verunsicherungen, die Männer hinsichtlich des Umbruchs der Lebensorientierungen von Frauen nach der Wende erlebten. Zwar waren Frauen in der DDR beruflich und gesellschaftlich auf den ersten Blick stärker emanzipiert als in manchen westlichen Gesellschaften, allerdings zeigen Untersuchungen zu kulturellen Familienleitbildern (MERKEL 1994, S.371), dass die Organisation des familiären Lebens, das Engagement und die Sorge für Kinder und Familie weiterhin überwiegend von Frauen gefordert und auch geleistet wurde (vgl. auch: GERHARD 1994, S.395). Das heißt, dass von den Frauen in der DDR, obwohl voll berufstätig, weiterhin ein Großteil der Erziehungs- und Familienarbeit bewältigt wurde. Dass dies heute nicht mehr so sei, wurde von Männern unserer Befragung hervorgehoben. Wiederum sollen einige Beispiele diesen Befund illustrieren:

Herr B. (Kinderwunsch)

"Ja, das ist es ja das Thema. Das ist ja das Problem. Frauen gibt's genug, aber – ich weiß nicht, irgendwie haben sich auch alle verändert auch mit die Zeit jetzt (...) die wollen's nicht gern' hören, aber sie haben Geld im Kopf und Ausgehen und Klamotten (...) das hat sich irgendwie geändert. Meine Mutter sagt dat ja auch selber, ne. Früher waren's mehr so die Männer eben, die so Larifari im Kopp waren und heut' sind's eben die Frauen, die so sind." [Interviewer: "Du glaubst also, dass Frauen weniger Lust auf Kinder haben?"] "Ja, unbedingt!"

Herr P. (Kinderwunsch)

"Nö, dazu sind die Frauen zu selbstbewusst heutzutage. Damals war es einfacher, sag' ich mal, zu meinen Elterns Zeiten noch [mit der Familiengründung; HvdL u. UF]."

Herr H. (kein Kinderwunsch)

"Und da zählt da dann bei denen ..." [er meint weibliche Bekannte, die Mütter wurden; HvdL u. UF] "... eben nicht nur der Beruf auf Krampf, sondern eher dann die Kinder. Das ist eher die Ausnahme heutzutage." [48]

Im folgenden werden wir diese einzelnen Beobachtungen stärker integrieren und mit Hilfe psychologischer Theorien vertiefend diskutieren. [49]

7. Zusammenfassung und Diskussion: Die Genese des männlichen Kinderwunsches

Wie kann man die Vielzahl dieser Beobachtungen zusammenfassen und psychologisch interpretieren? In diesem Abschnitt soll nach der Beschreibung des "Wie konstituiert sich der männliche Kinderwunsch ostdeutscher Männer?" auf die Frage "Warum geschieht dies so?" eingegangen werden. [50]

Zunächst einmal bietet das analytische Konzept des verwendeten persönlichkeitspsychologischen Modells bereits eine erste Antwort auf die Frage nach dem "Wie". Wir konnten zeigen, dass bestimmte Bewertungen, Handlungseigenschaften und selbstbezogene Dispositionen systematisch zu einer Ausbildung eines Kinderwunsches führen. Besonders stark unterscheiden Werte, Motive und Selbstkonzepte Männer mit und ohne Kinderwunsch. [51]

Aber von einem anderen Standpunkt aus betrachtet, gibt es freilich mehr als die Frage nach dem "Wie?". Man möchte wissen, warum dies so geschieht? Sind die beobachteten Zusammenhänge zwischen diesen Teilbereichen der Persönlichkeit und dem persönlichen Kinderwunsch sinnvoll im Lichte einer integrierenden Theorie interpretierbar? Hier erweisen sich unsere Ergebnisse in einem gewissen Maße kompatibel mit zwei verschiedenen sozialpsychologischen Theorien zur Motivation menschlichen Handelns. [52]

Einerseits zeigen die Antworten von Männern mit und ohne Kinderwunsch einige spezifische Unterschiede. Hier ist zuerst an die berichteten Motive und Selbstbilder zu denken. Für manche Männer ist eine (zukünftige) Vaterschaft ein besonderes und stark auf das eigene Selbst bezogenes Ereignis, ein Identitäts-"Projekt" (KEUPP et al. 1999). Wenn sie über eine eigene mögliche Vaterschaft reflektieren, scheinen sie damit einen wichtigen Bereich ihrer aktuellen oder zukünftigen Selbstdefinition anzusprechen und ganz konkrete Konsequenzen eines Übergangs zu antizipieren. Dies entspricht den Vorstellungen, welche die sozialpsychologische Theorie der Symbolischen Selbstergänzung (GOLLWITZER & WICKLUND 1985, GOLLWITZER, BAYER, SCHERER, & SEIFERT 1999) zur Motivation menschlichen Handelns formuliert. [53]

In dieser Theorie wird Handeln durch das individuelle Streben nach Selbst-definierenden Zielen erklärt, d.h. nach Zielen, über deren Erreichen sich Individuen ihrer Identität vergewissern, diese herstellen oder zum Ausdruck bringen. Daher streben, so die Theorie, Menschen danach, spezifische Symbole zu erlangen, die das Erreichen eines Zieles signalisieren bzw. symbolisieren können. Beispiele für solche Symbole sind ein Diplom oder ein bestimmtes Automobil als Zeichen für "Erfolg", aber auch eigene Kinder als mögliches Zeichen für "ein (ganzer) Mann" sein. Die hier gefundenen Ergebnisse, besonders jene im Bereich der Selbstkonzepte und Motive, legen nahe, dass die Gruppe der Männer mit Kinderwunsch solche identitätsrelevanten Ziele hinsichtlich einer Familiengründung teilen, deren Erreichen durch das "eigene Kind" angezeigt wird. Es ist unmittelbar einsichtig, dass Männer mit einer solchen Selbstdefinition auch einen eigenen Kinderwunsch entwickeln. [54]

Andererseits ist dieser Befund für Männer, die in festen Beziehungen leben, nicht im gleichen Maße gegeben. Das führt zunächst zu der Vermutung, dass Teile einer familiären Selbstdefinition bereits durch die Beziehung selbst abgedeckt und nicht mehr innerhalb von mehr oder weniger abstrakten Vorstellungen zu eigenen Kindern aktualisiert werden. Jedoch mündet das nicht zwangsläufig in einem völligen Ausbleiben eines Kinderwunsches, vielmehr scheinen hier die Wünsche der Partnerin für einige Männer den motivierenden Part zu übernehmen. Wenn Männer eine Familienorientierung der Partnerin erleben und diese positiv bewerten, nehmen sie diesen Bereich nicht mehr in dem Maße in ihre Selbstdefinition auf, sondern "überlassen" ihn gewissermaßen der Partnerin. Sie bewegen sich dann, um in einem Bild zu sprechen, im sicheren "familiären Fahrwasser" der Beziehung und berichten dabei doch etwas distanzierter über "sich selbst als zukünftigen Vater".6) [55]

Dass sie aber trotzdem einen eigenen Kinderwunsch angeben, kann die sozialpsychologische Theory of Planned Behavior erklären (AJZEN 1991, 2002). In dieser Theorie wird die Bildung einer Handlungsabsicht (Intention) durch eine Kombination aus positiver Einstellung zur Handlung und der Übereinstimmung mit subjektiven Normen erklärt. Wenn beides gegeben ist, d.h. die Akzeptanz der Wünsche der Partnerin und die Akzeptanz von Familie an sich, entwickelt sich auch eine eigene Absicht. [56]

Und schließlich: solange weder Selbst-definierende Familienziele noch eine Akzeptanz weiblicher Wünsche nach einer Familie vorlagen, blieb auch der männliche Kinderwunsch aus. [57]

Zusammengefasst lassen sich diese Befunde zur Genese des männlichen Kinderwunsches als Hinweise dafür interpretieren, dass es die verschiedenen Wege von Männern in eine intime und in einer intimen Beziehung sind, die den ausschlaggebenden Faktor für die Entwicklung, Veränderung und Aufrechterhaltung des Kinderwunsches darstellen. Sicherlich tritt kaum ein Mann als ein "unbeschriebenes Blatt" bezüglich einer (möglichen) Vaterschaft in eine Beziehung, und unsere Untersuchung konnte zeigen, wie artikuliert die Vorstellungen, Erfahrungen und Zukunftsvorstellungen von kinderlosen 30-jährigen Singles zu diesem Thema sind – unabhängig davon, ob sie einen eigenen Kinderwunsch hegen oder nicht. [58]

Wie sich diese Vorstellungen allerdings entwickeln, wenn sich die ursprünglich gehegten oder nicht gehegten Ideen nun in einer konkreten Situation und mit einer konkreten Partnerin wiederfinden, konnte nur andeutungsweise untersucht werden. Es hat den Anschein, dass innerhalb einer Beziehung der männliche Kinderwunsch konkretere und externale, gleichsam weniger Selbst-bezügliche Quellen hat und erfährt. [59]

An dieser Stelle bleibt kritisch anzumerken, dass dieses angedachte "Phasenmodell" mit einer querschnittlichen Untersuchung nicht zu "beweisen" ist. Dennoch erscheinen uns die vorliegenden Hinweise ausreichend, um in Zukunft weitere und genauere Untersuchungen zum "Lebenslauf" der Vaterschaft vorzunehmen, der mit ersten vagen Vorstellungen beginnt, sich immer wieder neu begründet und in einer Partnerschaft verändert. [60]

8. Schlussbetrachtung: Vaterschaft in Ostdeutschland

Zur Einbettung dieser Befunde in die eingangs skizzierte Situation des massiven Einbruchs der Geburtenzahlen in Ostdeutschland nach der Wende möchten wir zwei abschließende Interpretationen anbieten, die weiterer Überprüfungen bedürfen. [61]

Es ist wahrscheinlich unstrittig davon auszugehen, dass Elternschaft ein identitätsbildendes und identitätsbindendes Unterfangen ist (GAUDA 1990, 1997). Nun gibt es jedoch die oben genannten Hinweise, dass in der DDR ein Großteil der emotionalen, motivationalen und Selbstkonzept-konstituierenden Teile von Elternschaft tatsächlich im Leitbild "Unsere (berufstätigen) Muttis" an- und abgelegt war (MERKEL 1994) und der Diskurs der "Neuen Väter" nicht in dem Maße wie im Westen geführt wurde. In diesem Fall könnte tatsächlich die rapide Veränderung der weiblichen Rollenbilder und die gleichzeitigen Schwierigkeiten von Männern, wie es einer der Teilnehmer ausdrückte, "mit dem Arsch an die Wand zu kommen" (Zitat Herr B.), zu einem geschichtlichen Moment der "Luft- und Lustleere" hinsichtlich der Familiengründung oder Familienerweiterung in den Neuen Ländern geführt haben, der gewissermaßen noch nachhallt.7) Hier legt die vorgestellte Untersuchung nahe, auch von einem vielleicht krisenhaften Umbruch der Vorstellungen von Vaterschaft und Familie auszugehen, die sicherlich ihren Beitrag zum allgemeinen Geburteneinbruch geleistet hat. [62]

Für eine solche Fragestellung und einen daran anschließenden Forschungsansatz, der sich zwischen Demografie, Soziologie und Psychologie abzeichnet, bedeutet das aber auch – und dies sei unsere zweite abschließende Bemerkung – Elternschaft konsequenter als bisher als ein identitätshaftes Unternehmen von Männern und Frauen zu begreifen und genauer zu beobachten, welche Zuweisungen zwischen Männern und Frauen stattfinden. Man muss dann wissen, vielleicht auch für die praktische Arbeit mit Männern und Vätern (nicht nur in Ostdeutschland), dass es manchen Männern nach wie vor leicht fällt zu sagen: "ein Kind ist schon okay", ohne dass dabei im Hintergrund ein besonderer Identitätsaspekt stünde, sondern vielleicht eher der Gedanke: die Frau hat ohnehin mehr Interesse (und nachfolgend: Aufgaben) daran. [63]

Die hier referierten Ergebnisse zeigen u.E., dass für Männer und ihren Kinderwunsch heute beide Wege offen stehen, Elternschaft als einen (möglichen) Teil ihrer Identität zu begreifen oder sie an die Partnerin zu delegieren. Das ist ein wichtiger Unterschied, den auch Forschung und Praxis einbeziehen sollte, um Familiengründungen in gesellschaftlichen Umbrüchen, wie in Ostdeutschland von "heute auf morgen" geschehen, adäquat und wertschätzend nachvollziehen zu können. [64]

Danksagung

Der Erstautor möchte den KollegInnen und Professoren des Rostocker Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, des Instituts für Medizinische Psychologie der Universität Rostock und des Instituts für Psychologie der Universität Magdeburg für die vielfältige Unterstützung seiner Arbeit danken. Besonderer Dank gilt Angelika TÖLKE und einem anonymen Gutachter für wichtige Kommentare zu diesem Manuskript.

Anmerkungen

1) Auf die klassischen Publikationen, die diese Frage aufgeworfen haben, soll hier nicht weiter eingegangen werden (vgl. dazu FAWCETT 1973, VON ROSENSTIEL, NERDINGER, OPPITZ, SPIEß und STENGEL 1986). <zurück>

2) Das ist die durchschnittliche Anzahl von Kindern pro Frau, die diese im Laufe ihres Lebens gebären wird. <zurück>

3) Kurt LÜSCHER (2001, S.192, Anm. 13) bezeichnet "die Frage nach einer allgemeinen und übergreifenden Theorie des generativen Verhaltens" als "ein altes Desideratum der Bevölkerungswissenschaften und der ihr verwandten Sozialwissenschaft". <zurück>

4) Der Family & Fertility Survey erhob 1992 Daten einer repräsentativen Stichprobe in Ost- und Westdeutschland. <zurück>

5) Die im folgenden verwendeten Initiale sind Pseudonyme und lassen keinen Rückschluss auf die reale Person zu. <zurück>

6) Es scheint in gewissem Sinne einfacher zu sein, als Single über ein eigenes Vatersein als wichtigen Teil der persönlichen Zukunft zu sprechen als in einer festen Beziehung, in der die Frage nach der konkreten Partnerschaft und andere, eher praktische Erwägungen und Entscheidungen im Vordergrund stehen (zeitliche Organisation etc.). <zurück>

7) Das Bild des "luftleeren Raumes" soll auf die historische Situation des "nicht-mehr-DDR" und "noch-nicht-Bundesrepublik" in Ostdeutschland anspielen. <zurück>

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Zu den Autoren

Holger VON DER LIPPE: Studium der Psychologie, Kultur- und Sozialwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, Abschluss als Diplom-Psychologe. Doktorand im Arbeitsbereich "Zeitgenössische Fertilität und Familiendynamik in Europa" des Max-Planck-Instituts für demographische Forschung. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind die psychologische Längsschnittforschung, die Sozialpsychologie des Lebenslaufs sowie die Rekonstruktion der individuellen Entscheidung zur Elternschaft.

Kontakt:

Holger von der Lippe

Max-Planck-Institut für demografische Forschung
Konrad-Zuse-Str. 1
D-18057 Rostock

E-Mail: vdlippe@demogr.mpg.de
URL: http://user.demogr.mpg.de/vdlippe

 

Prof. Dr. Urs FUHRER: Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Universität Magdeburg. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Erziehung, Familie, Entwicklung (z.B. Entwicklungsaufgaben, Bindung), Identität und Bewältigung im Kontext nicht-normativer, "kritischer" Lebensereignisse, Familien- und Jugendgewalt, Stadt als Entwicklungsrahmen von Kindern und Jugendlichen, Entwicklung als Kultivation.

Kontakt:

Prof. Dr. Urs Fuhrer

Institut für Psychologie
Universität Magdeburg
Postfach 4120
D-39016 Magdeburg

E-Mail: urs.fuhrer@gse-w.uni-magdeburg.de
URL: http://www.uni-magdeburg.de/fuhrer

Zitation

von der Lippe, Holger & Fuhrer, Urs (2003). Erkundungen zum männlichen Kinderwunsch. Ergebnisse einer psychologischen Interviewstudie mit 30-jährigen ostdeutschen Männern zur Familiengründung [64 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 4(3), Art. 8, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs030386.

Revised 6/2008



Copyright (c) 2003 Holger Von der Lippe, Urs Fuhrer

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