Volume 4, No. 3, Art. 3 – September 2003

Rezension:

Andreas Klärner

Wolfgang Frindte & Jörg Neumann (Hrsg.) (2002). Fremdenfeindliche Gewalttäter. Biografien und Tatverläufe. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 261 Seiten, ISBN 3-531-13832-4, EUR 26,90

Zusammenfassung: Die vorliegende sozialpsychologische Studie über fremdenfeindliche Gewalttäter von Wolfgang FRINDTE und Jörg NEUMANN untersucht vor allem die biographische Entwicklung der Täter. In der biographischen Analyse soll geklärt werden, wie "aggressionsbezogene Wissensstrukturen" aufgebaut werden. Die Untersuchung bestätigt im Wesentlichen die Befunde bereits vorliegender Studien, hervorzuheben ist aber die Kombination qualitativer und quantitativer Methoden, die ansonsten nicht all zu häufig anzutreffen ist. Ausführliche qualitative Interviews (ergänzt durch einen Fragebogen) mit 101 verurteilten männlichen Straftätern stellen die Datenbasis dar. Die weitgehende Quantifizierung der qualitativen Daten bringt es allerdings mit sich, dass die Tiefe der neu gewonnenen Einsichten begrenzt bleibt.

Keywords: Gewalt, Rechtsextremismus, Sozialpsychologie, Biographieforschung

Inhaltsverzeichnis

1. Empirische Rechtsextremismusforschung

2. Die Untersuchung "Fremdenfeindliche Gewalttäter" von FRINDTE und NEUMANN

2.1 Gegenstand der Untersuchung, methodologische und methodische Überlegungen

2.2 Ergebnisse der Untersuchung

2.3 Prävention und Intervention

3. Kritische Einschätzung der Untersuchung

Anmerkung

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Empirische Rechtsextremismusforschung

Mit dem Verschwinden der DDR in den Jahren 1989/90 tauchte ein längst überwunden geglaubtes Phänomen wieder auf: der gewalttätige Neonazismus bzw. Rechtsextremismus. Zunächst konzentrierten sich die brutalen Ausschreitungen der Neonazis auf Ostdeutschland (Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen), um dann auch im Westteil der Republik (Mölln, Solingen) für Angst und Schrecken zu sorgen. Dass der gewalttätige Rechtsextremismus sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR eine längere (Vor-) Geschichte hat, ist in der akademischen Rechtsextremismusforschung unbestritten, aber erst mit den Pogromen und Brandanschlägen der frühen 1990er Jahre begann sich eine breitere Öffentlichkeit und damit auch die empirische Sozialforschung verstärkt mit diesem Phänomen zu beschäftigen.1) [1]

Der scheinbar urplötzliche Ausbruch fremdenfeindlicher Gewalt und die ungeheure Brutalität, mit der die Täter vorgingen, erklärt Beunruhigung und Interesse der Bevölkerung an diesem Thema. Die sozialwissenschaftliche Forschung reagierte mit einer kaum noch überschaubaren Literatur und einer großen Anzahl empirischer Studien über rechtsextreme Gewalt (vgl. HEITMEYER 2002). So ist der Terminus Rechtsextremismus heute fast gleichbedeutend mit gewalttätigem Rechtsextremismus. [2]

Mittlerweile ist dieses Forschungsgebiet durch umfangreiche Studien gut erschlossen. Zu den wichtigsten empirischen Studien über rechtsextremistische Gewalttäter zählen die Studien einer Trierer Forschergruppe um Helmut WILLEMS (vgl. WILLEMS, ECKERT, WÜRTZ & STEINMETZ 1993; WILLEMS, WÜRTZ & ECKERT 1994) und der "Bielefelder Schule" um Wilhelm HEITMEYER (vgl. z.B. HEITMEYER u.a. 1992; HEITMEYER & MÜLLER 1995). [3]

Der zu besprechende, von Wolfgang FRINDTE und Jörg NEUMANN herausgegebene Band ist Teil einer Replikations- und Vertiefungsstudie zur eben erwähnten Trierer Untersuchung von WILLEMS et al. Über fremdenfeindliche Täter und Tatverdächtige. Angeregt vom Bundesministerium des Inneren wurde diese Replikationsstudie 1999/2000 von einer am Deutschen Jugendinstitut in München angesiedelten Forschergruppe um Klaus WAHL und einer in Jena ansässigen Forschergruppe um Wolfgang FRINDTE und Jörg NEUMANN durchgeführt (vgl. WAHL 2001; siehe auch WAHL, TRAMITZ & BLUMTRITT 2001). Die aus diesem Forschungsprojekt hervorgegangene Teilstudie von FRINDTE und NEUMANN wird im Folgenden näher besprochen. [4]

2. Die Untersuchung "Fremdenfeindliche Gewalttäter" von FRINDTE und NEUMANN

2.1 Gegenstand der Untersuchung, methodologische und methodische Überlegungen

In den Kapiteln 1 (S.9-59) und 2 (S.61-75) werden der Forschungsstand zum Rechtsextremismus sowie methodologische und methodische Überlegungen vorgestellt. Gegenstand der Untersuchung von FRINDTE und NEUMANN (unter Mitarbeit von Christiane MÜLLER und Christine WIEZOREK) sind die "Motivlagen und biografischen Hintergründe fremdenfeindlicher und u.U. rechtsextremer Gewalttäter" (S.18). Dabei wurden 101 männliche Straftäter aus Ost- und Westdeutschland untersucht, so dass die Studie den "Status einer umfangreichen Einzelfallanalyse" erhält (S.18). Die meisten Interviews fanden in den Justizvollzugsanstalten statt, nur wenige wurden in Räumen der Bewährungshilfe oder den Privatwohnungen der Täter durchgeführt und wurden mit 10 DM pro angefangene Interviewstunde entlohnt (S.72). [5]

Die Studie zielt zum einen auf eine "theoriebezogen[e], induktiv[e] Auswertung kategorisierter qualitativer Daten" und zum anderen auf eine "exemplarisch[e], deduktiv[e] Rekonstruktion exemplarischer Einzelfälle" (S.73). [6]

Methodisch wurde eine Kombination von qualitativen und quantitativen Verfahren gewählt. In den 3,5 bis 8-stündigen Interviews wurde ein Interviewleitfaden mit offenen und teiloffenen Fragen und auch geschlossenen Fragen und Skalen eingesetzt. Zusätzlich wurde den Interviewpartnern noch ein Fragebogen mit geschlossenen Fragen vorgelegt (S.71f.). Dabei wurden vor allem der biographisch-familiäre Hintergrund, die politischen und xenophoben Einstellungen, emotionale Dispositionen und die Sozial- und Cliquenbeziehungen thematisiert. [7]

Die so erhobenen Daten wurden einerseits theoriebezogen mit Kategoriensystemen aus dem sozialpsychologischen Theorienfundus analysiert, andererseits wurden mittels der qualitativen Inhaltsanalyse "anhand einer Stichprobe des Textmaterials empirisch gestützte Kategorien entworfen" (S.73). Dabei wurden "[a]lle qualitativen Daten ... quantifiziert und anschließend im SPSS statistisch bearbeitet" (S.74). In einem weiteren Analyseschritt ging es um die "deduktive Rekonstruktion exemplarischer Einzelfälle" (S.74f.). Dabei wurde "zunächst ohne inhaltlich theoretische Vorannahmen oder Hypothesen" der "spezifische Zusammenhang von biografischer Entwicklung und fremdenfeindlicher Haltung – hypothesengenerierend – nachgezeichnet" (S.74f.). Danach sollte geklärt werden, "welche Funktion bzw. welche Bedeutung die fremdenfeindliche ideologische Haltung und die Gewalt unter dem Gesichtspunkt der biografischen Entwicklung des Straffälligen jeweils einnimmt" (S.75). [8]

2.2 Ergebnisse der Untersuchung

Im dritten Kapitel (S.77-83), das wie Kapitel 4 und 5 von Jörg NEUMANN und Wolfgang FRINDTE verfasst wurde, werden kurz die Begriffe Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit diskutiert. Rechtsextremistische Orientierungen und Handlungen setzen sich demnach, in Anschluss an HEITMEYERs Definition, aus Ideologien der Ungleichwertigkeit und Gewaltakzeptanz bzw. Gewaltbereitschaft zusammen (S.77). [9]

Als erstes Ergebnis der Untersuchung zeigt sich, dass sich die Untersuchten lediglich in der "Brutalität und Ausschließlichkeit der geäußerten Diskriminierungen" (S.81), jedoch nicht in den Formen der Fremdenfeindlichkeit von der Normalpopulation unterscheiden. NEUMANN und FRINDTE unterscheiden hier: Fremdenangst bzw. Angst vor Überfremdung, assimilatorische Fremdenfeindlichkeit (Anpassungserwartung an die Fremden), Unterscheidung von Fremden anhand eines Nützlichkeitskriteriums und die eliminatorische Fremdenfeindlichkeit (S.81f.). Dabei wird konstatiert, "dass der ideologische Gehalt der präsentierten Aussagen wenig elaboriert ist, sondern einfachen Schemata (Stereotype und Vorurteile) folgt", genauso wie es sich bei der Gewalt gegen Fremde "offenbar viel mehr um eine maskuline Präsentation von Stärke, Macht und Dominanz [handelt], die sich sicher nicht ganz zufällig an bestimmten Opfergruppen orientiert, aber wohl wenig mit explizit politisch motivierter Gewalt zu tun hat" (S.83). [10]

Kapitel 4 (S.85-113) beschäftigt sich mit der "Analyse von Taten fremdenfeindlicher Gewalttäter". Anhand eines adaptieren psychologischen Modells, dem Single Episode General Affective Aggression Modell (GAAM) von ANDERSON, DEUSER und DENEVE (1995) werden die Taterzählungen der fremdenfeindlichen Gewalttäter analysiert. Im einzelnen werden die Taterzählungen auf Angaben zu den Input-Variablen (personale und situationale Variablen), dem internalen Status des Täters (Kognition, Emotion, physiologische Erregung, Motivation), dem Bewertungsprozess (kontrollierte oder automatische Bewertung) und dem Ergebnis (Tat, Folgen der Tat) mittels der quantifizierten Daten aus dem qualitativen Interviewmaterial detailliert analysiert (S.85 f). Festzuhalten ist, dass es sich bei den fremdenfeindlichen Gewalttaten überwiegend um Gruppentaten handelt, in denen die Angreifer in der Überzahl sind. Hass und Wut auf die Opfer, sowie "Freude und Spaß an der aggressiven Handlung an sich" (S.112) begleiten die Tat. Es zeigt sich, "dass es sich bei [den] vorliegenden fremdenfeindlichen Gewalttätern um multipel kriminelle und in hohem Maße aggressionsgewöhnte und -bereite Jugendliche handelt" (S.113). Weiter lässt sich eine "Habitualisierung aggressiven Verhaltens" (S.94) bei den Tätern und deren Cliquenumfeld feststellen, bei dem Alkohol eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Die ideologische Motivation der Straftaten ist demnach eher gering, vielmehr geht es um das "Erleben von Macht, Stärke und Dominanz" (S.100). [11]

Kapitel 5 (S.115-153) widmet sich der Analyse der biografischen Entwicklung der Täter "als Wechselspiel von Ressourcenerweiterung und -einengung". In der biographieorientierten Analyse soll geklärt werden, wie "aggressionsbezogene Wissensstrukturen" aufgebaut werden (S.115). NEUMANN und FRINDTE greifen dazu auf die sozialpsychologische Theorie der Selective Optimization with Compensation von BALTES (1997) sowie FREUND und BALTES (2000) zurück (S.116ff.). Der zentrale Punkt dieses allgemeinen biographischen Entwicklungsmodells ist

"die Frage nach dem Verhältnis von Gelegenheiten und Ressourcen immer bezogen auf den jeweiligen Lebensabschnitt, in dem sich der Akteur befindet. Nach dem Abschluss eines Abschnitts tariert sich dieses Verhältnis neu ein, was auch heißt, dass durch Entscheidungen im vorangegangenen Abschnitt die Möglichkeiten des nachfolgenden Abschnitts zunächst eingeschränkt, dann aber auch wieder innerhalb des Rahmens der Entscheidung erweitert werden" (S.117). [12]

NEUMANN und FRINDTE untersuchen nun das quantifizierte Interviewmaterial sehr ausführlich im Hinblick auf die familiale Sozialisation ("familiales Zusammenleben", "Berufe der Eltern", "Elterliche Bestrafung und Gewalt", "Beziehung zu den Eltern", "politische Orientierung der Eltern und deren Einfluss auf die Einstellungen der Täter", "Geschwister"), Schule und Berufsausbildung ("Schul- und Berufsabschlüsse", "Aggression, Gewalt und die Reaktion der Schule", "Interaktionale Bedingungen während der Schulzeit", "Ideologischer Einfluss der Schule"), Beziehungen zu Freundinnen, dem Geschlechtsrollenbild, Kontakt zu Jugendhilfe, Polizei, Richter, Einfluss der Clique, dem Kontakt zu Ausländern und zur politischen Wende in der DDR (S.118-150). Zusammenfassend lässt sich in den Biographien der Gewalttäter eine "verschärfende Einschränkung von positiven Entwicklungsressourcen und Möglichkeitsräumen" (S.149, Herv. im.Orig.) konstatieren. Die Familienkonstellation ist meist problematisch und gewaltbesetzt. In der schulischen Sozialisation fallen die Täter schon durch Gewalttätigkeiten, Leistungsversagen etc. auf. Für die rechtsextreme Ideologisierung am wichtigsten ist der Einfluss der Clique und "im Kontext der Cliquen erfahren die Täter auch die lange vermisste soziale wie emotionale Unterstützung. Eigene Gewalt bleibt dabei wichtiges 'Schmiermittel' sozialer Beziehungen ..." (S.150). Nach diesen Fragen zum Weg in die Szene fremdenfeindlicher Gewalttäter werden sehr kurz einige Wege aus dieser Szene skizziert (S.150-153). [13]

In Kapitel 6 (S.155-208) geht Christine WIEZOREK der "biografischen Genese von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit" anhand von zwei längeren qualitativen Einzelinterviews nach. Damit "soll die lebensgeschichtliche und adoleszenzgegebene Bedeutung der fremdenfeindlichen und gewaltförmigen Handlungen exemplarisch verdeutlicht werden" (S.155). Die beiden Fälle ähneln sich oberflächlich betrachtet, da die Biographie beider Befragten durch Heimaufenthalte, Gewalt in der Familie, Suchtverhalten und Straffälligkeit geprägt ist, die beiden jungen Männer unterscheiden sich aber sowohl in der Funktion, die Gewaltausübung für sie hat als auch bezüglich ihrer ideologischen Entwicklung. [14]

In diesem Teil der Studie wird denn auch die eigentliche Stärke des qualitativen Materials für die Analyse genutzt. WIEZOREK geht in der biographisch-rekonstruktiven Interpretation der Frage nach, wie sich im biographischen Prozess Entwicklungsressourcen und Möglichkeitsräumen der Akteure in einer "verlaufskurvenförmigen" Entwicklung gestalten. Sie kann im ersten Fall (Rolf) zeigen, wie die Hinwendung zur rechtsextremen Ideologie und seine "provokative Selbstbezichtigung" als Rechter und als Gewalttäter als eine Suche nach Zugehörigkeit und sozialer Identität gedeutet werden kann. Zugehörigkeit und Sicherheit, die er in der Familie nicht finden kann (S.176-179). Die rechtsextreme Orientierung bleibt bei ihm "inhaltlich diffus" und wird "nicht expliziert" (S.164). Gewalt aber ist für ihn "familiale Habitusform" und "Kommunikationsmittel" (S.162). WIEZOREK sieht die "Funktion, die der Provokation hinsichtlich der eigenen biografischen Selbstverortung zukommt" darin, "selbstbestimmte Alternative zu sein in einer Dynamik der Verstrickung in eine Verlaufskurvenentwicklung" (S.178, Herv. im Orig.). Und genau dieser Selbstettiketierungsprozess trägt letztendlich wieder zur "verlaufskurvenförmigen Entwicklung Rolfs", der Dynamik von Gewalt und Delinquenz bei (S.179). [15]

Jochen, der zweite von WIEZOREK analysierte Fall, stammt ähnlich wie Rolf aus einem gewalttätigen Familienmilieu und hat einen mehrjährigen Heimaufenthalt, eine Alkoholikerkarriere und mit 22 Jahren schon drei Haftstrafen hinter sich. In seiner Erzählung wird deutlich, dass er sich nicht als Handelnder, sondern als Objekt in der "Prozessierung seiner Biographie" (S.180) sieht. Die Lebensorganisation der Mutter (mit wechselnden Partnern), die Regeln des Heimlebens und fehlende emotionale Zuwendung führen bei ihm zu Schulversagen und der Verstetigung einer Straffälligenkarriere. Eine "eigenverantwortliche Lebensführung" gelingt ihm in den Zeiten außerhalb des Gefängnisses nicht. Zum Zeitpunkt des Interviews allerdings scheint sich ein Wandlungsprozess abzuzeichnen, der damit zusammenhängt, dass er "erwachsener, reifer" (Jochen) wird und Halt bei einer neuen Freundin gefunden hat. Interessant an diesem Fall ist die Beschreibung der Bedeutung der Gewalt und die zunehmende Politisierung von Jochen. WIEZOREK zeigt, dass die "Ausdifferenzierung" der politischen Interessen von Jochen und einiger seiner Freunde "in der Abkehr von ausschließlich über Schuldzuschreibungen motivierten Gewaltakten an Ausländern [geschieht] und ... mit dem Bemühen um politische Bildung einher[geht]" (S.206). Die Hinwendung zur NPD und Jochens ideologische Orientierung "in seiner adoleszenten Entwicklung" werden als "Ergebnis der Ausdifferenzierung einer Handlungsstruktur zur Gesellschaftskritik" interpretiert (S.207, Herv. im Orig.). [16]

2.3 Prävention und Intervention

Im abschließenden Kapitel 7 werden von Jörg NEUMANN u.a. Gedanken zur "Prävention und Intervention" (S.209-250) präsentiert. Ausgehend von den Ergebnissen der empirischen Untersuchung wird hier versucht, diese Erkenntnisse in Empfehlungen für die sozial-pädagogische Praxis umzusetzen. Dabei werden zwei Zielgruppen unterschieden: 1. Fremdenfeindliche Gewalttäter und 2. Unauffällige und gefährdete Kinder und Jugendliche (S.209-234). Für die Arbeit mit fremdenfeindlichen Gewalttätern lautet die wichtigste Forderung, dass es eine Verbindung zwischen den Versuchen die Aggressivität zu reduzieren und den Versuchen alternative Handlungsmodelle für die Täter zu entwickeln, geben muss. Deutlich wird hier, noch mehr als in den folgenden Beispielen, dass die wissenschaftliche Evaluation von Anti-Aggressivitäts-Trainings und anderen Programmen gegen fremdenfeindliche Gewalt noch in den Kinderschuhen steckt (vgl. LYNEN VON BERG & ROTH 2003). Die Kurzvorstellungen mehrerer sozial-pädagogischer Programme für die beiden Zielgruppen bietet interessierten Personen einen Ausgangspunkt für eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema. [17]

Anschließend werden noch eine Reihe von verschiedenen sozial-pädagogischen Programmen referiert, die auf die unterschiedlichen Instanzen der Prävention und Intervention (Familie, Schule und Berufsausbildung, Jugendhilfe, Strafvollzug und Bewährungshilfe) zugeschnitten sind (S.234 -248). Auch hier wird deutlich, wie wichtig eine Qualitätskontrolle der Programme sowie der Pädagogen und anderen Mitarbeiter ist. Eine gute theoretische und praxisorientierte Ausbildung der Mitarbeiter, eine dauerhafte Qualitätskontrolle und Supervision sowie die Verbindung von Wissenschaft und Praxis in der Evaluation der Programme sowie zum Ziel der Weiterbildung der Mitarbeiter und Weiterentwicklung der Programme (S.249f.). [18]

3. Kritische Einschätzung der Untersuchung

Die Studie von FRINDTE und NEUMANN bestätigt im wesentlichen die bereits bekannten Erkenntnisse über rechtsextreme bzw. fremdenfeindliche Straf- und Gewalttäter aus der Trierer Untersuchung von WILLEMS et al. Hervorzuheben ist an der Studie von FRINDTE und NEUMANN allerdings, dass hier eine Reihe sehr langer qualitativer Interviews geführt wurden, was eine bedeutende methodische Erweiterung gegenüber der auf Analyse von polizeilichen Ermittlungsakten beruhenden Trierer Studie bedeutet. Die Datenbasis für gesicherte Aussagen über fremdenfeindliche Straftäter ist somit wesentlich verbessert. Letztendlich bleibt aber in der Darstellung die Typologie fremdenfeindlicher Straftäter trotz des zur Verfügung stehenden qualitativen Materials und der immer wieder eingefügten Interviewsequenzen erstaunlich blass. Dies aber ist ein generelles Problem, welches im methodischen Ansatz der weitgehenden Quantifizierung qualitativer Daten angelegt ist. Mit dem Gewinn an Verallgemeinerbarkeit und Repräsentativität der Daten korrespondiert ein Verlust an Tiefe der neu gewonnen Einsicht. Der Versuch, dies durch die ausführliche Vorstellung zweier biographischer Interviews aufzufangen, überzeugt nicht ganz, da die beiden Analyseschritte nicht wirklich miteinander verbunden werden. [19]

Ein weiterer Kritikpunkt, der aber nicht als ein Manko der Studie angesehen werden kann, ist die explizite Beschränkung auf fremdenfeindliche Gewalttäter und deren pädagogisch/(sozial-) psychologische Beforschung. Will man das Phänomen des Rechtsextremismus und der gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen die Täter agieren, verstehen, dann wird man nicht umhin kommen, dieses als politisches Phänomen zu begreifen, oder besser als eines der "Krise der Politik" (vgl. BAUMAN 2000). Kurz angedeutet wird dieses Problem in der Einzelfallanalyse von Jochen (Kapitel 6), wenn konstatiert wird, dass

"Jochens Entscheidung für den 'rechten Weg' ... aus einer Ausdifferenzierung eines politischen Interesses im Zuge gesellschaftskritischer Veränderungsimpulse [resultiert] Aus der pauschalen Schuldzuschreibung an die Ausländer differenziert sich eine Gesellschaftskritik heraus, die vor allem 'durch die Straße' [Interview Jochen] und den Transformationsprozess der ehemaligen sozialistischen DDR-Gesellschaft geprägt ist" (S.204). [20]

Beobachtet man die aktuellen Transformationstendenzen der rechtsextremistischen Szene, so lassen sich in der Tat eine Ausdifferenzierung der Szene und eine deutliche Politisierung beobachten. Ein Teil dieser politisierten Rechtsextremisten rekrutiert sich, wie meine eigenen Feldforschungen ergeben haben, aus einem mittlerweile "erwachsen" gewordenen Reservoir von Gewalttätern, die sich mittlerweile theoretisch und praktisch von der Gewaltausübung distanzieren. Fremdenfeindliche Straf- und Gewalttäter sind (nur) ein kleiner Teil des politischen Phänomens Rechtsextremismus, der sich auch nicht allein auf Gewaltaffinität reduzieren lässt. Rechtsextremismus nur in seiner gewalttätigen Form als Problem zu begreifen, hieße ihn wesentlich zu unterschätzen. [21]

Anmerkung

1) Nicht nur die Literatur zum Rechtsextremismus ist, wie Christoph BUTTERWEGGE schon 1996 angemerkt hat, mittlerweile "kaum noch zu übersehen" (BUTTERWEGGE 1996, S.7), sondern es gibt auch eine Vielzahl von Bibliographien zum Thema. Vgl. etwa JÄGER (1996), ARTUS (2000), die Bibliographie des "Zentrum Demokratische Kultur" unter: http://www.ag-netzwerke.de/materialien_main.htm#biblio [Broken link, FQS, 04/07/14], die Datenbank "Rechtsextremismus-Literatur" des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft (OSI) unter http://erhardt.polwiss.fu-berlin.de/Standard_rex.htm, die kommentierte Bibliographie der Bundeszentrale für politische Bildung unter http://www.bpb-aktiv.de/ und MADLOCH (2002), der sich auf den Rechtsextremismus in der DDR und den neuen Bundesländern beschränkt. <zurück>

Literatur

Anderson, Craig A.; Deuser, William E. & DeNeve, Kristina M. (1995). Hot temperatures, hostile affect, hostile cognition and arousal: Tests of a general model of affective aggression. Personality and Social Psychology Bulletin, 21(5), 434-448.

Artus, Helmut M. (2000). Rechtsradikalismus [Bibliographie]. Informationszentrum Sozialwissenschaften Bonn. Online abrufbar unter: http://www.gesis.org/Information/Themen/Fokus/rechtsradikalismus/index.htm [30.05.2003; Broken link, FQS, December 2004]

Baltes, Paul B. (1997). On the incomplete architecture of human ontogeny. Selection, optimization, and compensation as foundation of developmental theory. American Psychologist, 52(4), 366-380.

Bauman, Zygmunt (2000). Die Krise der Politik. Fluch und Chance einer neuen Öffentlichkeit. Hamburg: Hamburger Edition. [Original: "In Search of Politics" 1999; Stanford: Stanford University Press].

Butterwegge, Christoph (1996). Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt. Erklärungsmodelle in der Diskussion. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Freund, Alexandra M. & Baltes, Paul B. (2000). The orchestration of selection, optimization and compensation. An action-theoretical conceptualization of a theory of developmental regulation. In Walter J. Perrig & Alexander Grob (Hrsg.), Control of human behavior, mental processes, and consciousness (S.35-58). Mahwah: Lawrence Erlbaum Associates.

Heitmeyer, Wilhelm u.a. (1992). Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie. Erste Langzeituntersuchung zur politischen Sozialisation männlicher Jugendlicher. Weinheim/München: Juventa.

Heitmeyer, Wilhelm & Müller, Joachim (1995). Fremdenfeindliche Gewalt junger Menschen. Biographische Hintergründe, soziale Situationskontexte und die Bedeutung strafrechtlicher Sanktionen. Godesberg: Forum Verlag.

Heitmeyer, Wilhelm (2002). Rechtsextremistische Gewalt. In Wilhelm Heitmeyer & John Hagan (Hrsg.), Internationales Handbuch der Gewaltforschung (S.501-546) Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Jäger, Siegfried (1996). Wie die Rechten reden. Sprachwissenschaftliche und diskursanalytische Veröffentlichungen zu den Themen Faschismus, Rechtsextremismus und Rassismus. Eine kommentierte Bibliographie. Duisburg: DISS.

Lynen von Berg, Heinz & Roth, Roland (2003). Maßnahmen und Programme gegen Rechtsextremismus wissenschaftlich begleitet. Aufgaben, Konzepte und Erfahrungen. Opladen: Leske + Budrich.

Madloch, Norbert (2002). Rechtsextremismus in der DDR und in den neuen Bundesländern. Auswahl-Bibliographie. Überarbeitete und erweiterte 2. Fassung. Online abrufbar unter: http://www.rosalux.de/Aktuell/Thema/NBL-Bib.pdf [12.4.2003].

Wahl, Klaus (Hrsg.) (2001). Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rechtsextremismus. Drei Studien zu Tatverdächtigen und Tätern. [Reihe: Texte zur Inneren Sicherheit, hrsg. vom Bundesminister des Innern]

Wahl, Klaus; Tramitz, Christiane & Blumtritt, Jörg (2001). Fremdenfeindlichkeit. Auf den Spuren extremer Emotionen. Opladen: Leske & Budrich.

Willems, Helmut; Eckert, Roland; Würtz, Stefanie & Steinmetz, Linda (1993). Fremdenfeindliche Gewalt. Einstellungen, Täter, Konflikteskalationen. Opladen: Leske & Budrich.

Willems, Helmut; Würtz, Stefanie & Eckert, Roland (1994). Analyse fremdenfeindlicher Straftäter. Forschungsprojekt. [Reihe: Texte zur Inneren Sicherheit, hrsg. vom Bundesminister des Innern].

Zum Autor

Andreas KLÄRNER, Dipl.-Soz., Studium der Soziologie, Psychologie, Stadtplanung in Darmstadt, Stipendiat am Hamburger Institut für Sozialforschung (Arbeitsbereich Nation, Ethnizität, Fremdenfeindlichkeit), derzeit Promotion zum Dr. phil. In einer zurückliegenden Ausgabe von FQS hat Andreas KLÄRNER das Buch (2002). Methoden der Feldforschung von Roland GIRTLER besprochen.

Kontakt:

Dipl.-Soz. Andreas Klärner

Hamburger Institut für Sozialforschung
Mittelweg 36
D-20148 Hamburg

E-Mail: Andreas_Klaerner@his-online.de

Zitation

Klärner, Andreas (2003). Rezension zu: Wolfgang Frindte & Jörg Neumann (Hrsg.) (2002). Fremdenfeindliche Gewalttäter. Biografien und Tatverläufe [21 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 4(3), Art. 3, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs030332.

Revised 6/2008



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