Volume 4, No. 3, Art. 5 – September 2003

Rezension:

Meike Schwabe

Gabriele Lucius-Hoene & Arnulf Deppermann (2002). Rekonstruktion narrativer Identität. Ein Arbeitsbuch zur Analyse narrativer Interviews (Reihe "Lehrtexte Soziologie"). Opladen: Leske + Budrich, 360 Seiten, ISBN 3-8100-3417-7, EUR 29,80

Zusammenfassung: Das narrative Interview stellt seit langem ein beliebtes und wichtiges Instrument in der qualitativen Sozialforschung dar. Gabriele LUCIUS-HOENE und Arnulf DEPPERMANN verbinden das narrative Interview in diesem Band mit dem Konzept der narrativen Identität: Autobiographisches Erzählen wird so als Nährboden aufgefasst, auf dem Identitätskonstruktionen entstehen und zugleich dargestellt werden. Aufgrund der Fülle und Vielfalt auch neuerer identitätsorientierter Forschungsfragen legen die Autoren in diesem Band ein methodisch reflektiertes und flexibles Auswertungsinstrumentarium vor, das speziell auf solche Fragen ausgerichtet ist. Hierbei beziehen sie Erkenntnisse aus der Erzähl- und Gesprächsforschung sowie der diskursiven Psychologie mit ein. In der Form eines Arbeitsbuchs stellen sie forschungspraktische Fragen und analytische Verfahren zusammen und wenden sich damit in erster Linie an qualitativ Forschende, die sich für Identitätsarbeit in verbaler Interaktion interessieren. In gleichem Maße nützlich erscheint es aber auch für alle, die eine reflektierte Zusammenstellung von Forschungsergebnissen aus verschiedenen diskursiven Disziplinen suchen.

Keywords: narrative Identität, diskursive Psychologie, Konversationsanalyse, Erzählforschung, Autobiographie

Inhaltsverzeichnis

1. Zur diskursiven Verankerung narrativer Identität: Allgemeine Einführung

2. Zu Inhalt und Aufbau des Bandes

2.1 Theoretische Grundlagen einer diskursiven Konzeption "narrativer Identität" (Kap. 2-4)

2.2 Methodologische und methodische Grundlagen zur Auswertung (Kap. 5-10)

2.3 Forschungspraktische Fragen (Kap. 11 + 12)

3. Abschließende kritische Würdigung

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Zur diskursiven Verankerung narrativer Identität: Allgemeine Einführung

In Titel und Untertitel verortet sich der hier zu besprechende Band von Gabriele LUCIUS-HOENE und Arnulf DEPPERMANN bereits auf mehrfache Weise in der Forschungslandschaft der qualitativen Sozialforschung: Zum einen ordnen sich die Autoren mit dem Verweis auf narrative Identität allgemein der rekonstruktiven Biographie- bzw. Identitätsforschung zu. Sie greifen dabei auf ein Konzept zurück, das bereits 1991 durch RICOEUR in die wissenschaftliche Diskussion eingebracht worden ist und seither verschiedene Ausprägungen erfahren hat. So wird der Begriff etwa einerseits auf theoretischer Ebene genutzt, um die Leistung des Erzählens für die Selbstvergewisserung sowie die temporale Bedingtheit von Identität zu diskutieren (vgl. etwa RICOEUR 1991, 1996) und andererseits, um auf die grundsätzliche narrative Verfasstheit des Selbst zu verweisen (vgl. etwa POLKINGHORNE 1991). Das Konzept der narrativen Identität besitzt damit verschiedene Abstraktions- bzw. Detaillierungsgrade, die vornehmlich daraus resultieren, wie der Begriff des Narrativs aufgefasst wird. Darüber hinaus wird narrative Identität innerhalb des hier vorliegenden Bandes in Beziehung gesetzt zur Erhebungsmethode des narrativen Interviews, wie es bereits im Untertitel programmatisch anklingt. Diese Methode ist seit den Arbeiten von Fritz SCHÜTZE Ende der 70er Jahre immer einflussreicher geworden und stellt ein wichtiges Erhebungsinstrument für qualitative Sozialforscher dar, das gerade auch im Bereich der Biographieforschung unverzichtbar geworden ist (SCHÜTZE 1977). [1]

Durch die in diesem Band eingenommene Perspektive, das narrative Interview konsequent im Dienst der Rekonstruktion narrativer Identität zu sehen, erhält letztere eine strikt empirische Wendung. So betrachten die Autoren narrative Identität durchgängig als ein in verbaler Interaktion fundiertes Konzept, das im Zuge autobiographischen Erzählens her- und dargestellt wird. Die klassische Identitätsfrage "Wer bin ich?" wird hier in der Frage nach dem "Wie stelle ich mich dar?" empirisch gewendet. Der vorliegende Band zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass die Konzeption narrativer Identität dabei theoretisch und methodologisch auf Ergebnissen und Erkenntnissen diskursiver Disziplinen, wie etwa der narrativen Psychologie, der Erzählforschung und der Gesprächsforschung fußt. Indem sich narrative Identität aus Sicht der Autoren unmittelbar in den sprachlichen Praktiken und durch sie konstituiert, nehmen sie Aspekte wie die Interaktivität und Sequentialität der Darstellungen gezielt mit in den Blick. Wenngleich das narrative Interview für viele biographisch orientierte Fragestellungen verwendet wird, so wurde dabei aus Sicht der Autoren die Methodik der Auswertung solcher Interviews bisher noch nicht gezielt auf identitätsorientierte Fragestellungen hin befragt. In dem vorliegenden Band entwickeln Gabriele LUCIUS-HOENE und Arnulf DEPPERMANN deshalb nun ein reflektiertes Analyseinstrumentarium, mit dem unter konsequenter Berücksichtigung interaktionistisch orientierter Forschungsansätze die diskursive Konstitution narrativer Identität ebenso wie ihre Kontextbezogenheit angemessen in den Blick genommen werden können. In diesem Sinne soll in dem Buch nicht nur zur Rekonstruktion narrativer Identität angeleitet werden, sondern in einer Zusammenführung der Ergebnisse aus verschiedenen Disziplinen auch die methodische Erarbeitung solcher Rekonstruktionen auf der Basis narrativer Interviews Schritt für Schritt für den Leser reflektiert und rekonstruiert werden. [2]

2. Zu Inhalt und Aufbau des Bandes

2.1 Theoretische Grundlagen einer diskursiven Konzeption "narrativer Identität" (Kap. 2-4)

Im ersten Hauptteil wird die dem Band zugrunde liegende diskursive Konzeption narrativer Identität entwickelt. Die Autoren liefern hier eine klare und in ihrem Aufbau gut nachvollziehbare Zusammenführung der theoretischen Grundannahmen ihrer Konzeption: zunächst gehen sie auf die bisherigen Forschungsergebnisse zum (autobiographischen) Erzählen ein (Kap. 2), entwickeln dann unter Rückgriff auf Erkenntnisse der Identitätstheorie ihre spezifische empirische Fundierung narrativer Identität (Kap. 3) bevor sie abschließend die Bedeutung des narrativen Interviews im Hinblick auf die diskursive Identitätsarbeit erläutern (Kap. 4). [3]

Neben der Berücksichtigung der zentralen Aufgaben bei der erzählerischen Darstellung von Selbsterlebtem werden mit Bezug auf erzähltheoretische Forschung insbesondere die Konstruktivität und die Interaktivität des Erzählens betont. Als konstruktiv seien Erzählungen deshalb aufzufassen, weil die Schritte vom ursprünglichen Ereignis über das Erleben, die spätere Erinnerung daran und letztlich die erzählerische Bearbeitung jeweils konstruktive Verfahren des Erzählers darstellen. Diese Sicht wird unterstützt durch die zahlreichen Forschungsergebnisse zum (erzählenden) Erinnern. Darüber hinaus wird genauer darauf eingegangen, dass Erzählungen in der Erzählforschung zunehmend als interaktiv hervorgebrachte Konstrukte betrachtet werden. Selbst wenn der Interviewer sich – wie im narrativen Interview vorgesehen – mit Reaktionen und Kommentaren weitestgehend zurück hält, richtet sich der Erzähler sowohl im Hinblick auf die Verständnissicherung als auch hinsichtlich (unterstellter) Erwartungen in der sprachlichen Konstruktion stets an diesem Bezugspunkt aus. Auf diese Weise nimmt der Interviewer immer Einfluss auf die Identitätskonstruktionen, die im Erzählprozess erkennbar werden; diese Einflussnahme muss daher – so die Autoren – folgerichtig auch in den rekonstruktiven Auswertungsschritten grundsätzlich mit berücksichtigt werden. Beide Aspekte stellen wichtige Grundlagen für das zu entwickelnde empirisch diskursive Verständnis narrativer Identität in diesem Band dar. Gleichzeitig wird mit einer Betonung der Aspekte der Interaktivität und Konstruktivität aber auch mancher Kritik, die bisher an Arbeiten mit narrativen Interviews herangetragen wurde, begegnet. So wird etwa der sonst oft vernachlässigte Interviewer als Bezugspunkt biographischer Konstruktionsleistungen in der rekonstruktiven Auswertung von Interviews mit einbezogen. Überdies ist es ein nicht zu unterschätzender Gewinn des hier präsentierten Verständnisses von narrativer Identität, dass die Trennung zwischen erlebtem Leben und erzähltem Leben so stark hervorgehoben und reflektiert wird. In vielen Studien, in denen mit narrativen Interviews gearbeitet wurde, ist dies bisher nicht so klar gesehen bzw. durchgehalten worden. [4]

In Abgrenzung zu verschiedenen weiter gefassten Konzeptionen, über die kurz informiert wird, entwickeln die Autoren im folgenden Kapitel dann detailliert ihre Vorstellung narrativer Identität. Sie definieren sie als "die Art und Weise, wie ein Mensch in konkreten Interaktionen Identitätsarbeit als narrative Darstellung und Herstellung von jeweils situativ relevanten Aspekten seiner Identität leistet" (S.75). Mit dieser Perspektive schließen die Autoren erkennbar an andere Identitätstheorien an, indem etwa auf die Differenziertheit der Identität sowie auf das Unabgeschlossene und Prozesshafte verwiesen wird (vgl. etwa KEUPP et al. 1999). Darüber hinausgehend liegt der besondere Akzent der hier vorgestellten Konzeption darin, die konkrete Konstitution von Identität in und durch verbale Interaktion einerseits sowie den Entstehenskontext von Identitätsdarstellungen andererseits mit zu berücksichtigen. Die Verankerung narrativer Identität in alltagsweltlichen Erzählsituationen begründen sie damit, dass die in Kapitel 2 präsentierten erzählspezifischen Aufgaben, wie etwa die zeitliche Aufordnung der Ereignisse sowie die Herstellung von Kohärenz, zugleich mit zentralen Aufgaben der Identitätsarbeit zusammenfallen. Da sich Identitätsarbeit im Sprachlichen vollziehe und zugleich abbilde, vermöge das autobiographische Erzählen interessante Einblicke in die Identitätskonstruktionen zu eröffnen, müsse allerdings hierzu deutlicher als in anderen Konzeptionen selbst als Ausgangspunkt der Analysen berücksichtigt werden. Diese stringent reflektierte Verankerung im Diskurs kann so auch dazu beitragen, sich in rekonstruktiven Analysen vor unzulässigen Verallgemeinerungen und psychologisierenden Interpretationen zu schützen. Aus diesem Grund ist positiv hervorzuheben, dass die Autoren sich und ihren Lesern in diesem Kapitel genau die Reichweite und die Erkenntnismöglichkeiten ihrer Konzeption verdeutlichen. Die gezielte Verankerung im Sprachlichen als eine Beschränkung analytischer Erkenntnismöglichkeiten zu betrachten, würde den enormen Vorteil, sich methodologisch reflektiert den Auswertungen autobiographischer Interviews zuzuwenden ebenso verkennen wie neue Potentiale, die eine solche Betrachtung für die Identitätsforschung zu eröffnen vermag. [5]

Im letzten Kapitel dieses theoretischen ersten Teils (Kap. 4) kommen die Autoren dann wieder auf die enge Beziehung von Erzählen und Identitätsarbeit zurück und gehen näher auf die Besonderheiten des narrativen Interviews hinsichtlich der Konstitution narrativer Identität ein. Sie stellen hier im Einzelnen zusammen, welche Vorteile gerade diese Methode bietet, wenn man diskursive Identitätsarbeit rekonstruieren möchte. So arbeiten die Autoren heraus, dass erst die interaktive Zurückhaltung des Interviewers und die spezifische Erzählaufgabe im narrativen Interview intensive selbstreflexive Prozesse in Gang setze, die in Alltagsgesprächen in dieser Form kaum zu finden seien. Abschließend betonen sie einmal mehr, dass aus dieser Perspektive narrative Identität durchgängig als situiert betrachtet wird und damit keine Einblicke in die "wirkliche" Lebensgeschichte oder das "tatsächliche" Erleben ermöglichen kann und will. [6]

2.2 Methodologische und methodische Grundlagen zur Auswertung (Kap. 5-10)

Der zweite Hauptteil stellt mit einem Umfang von knapp 200 Seiten das Kernstück des Arbeitsbuches dar. Hierin wird das Instrumentarium für eine analytische Rekonstruktion narrativer Identität auf der Grundlage narrativer Interviews präsentiert. Nach einer kurzen allgemeinen Einführung in die analytische Haltung rekonstruktiver Verfahren (Kap. 5) gehen die Autoren dann zunächst auf analytische Verfahren auf der globalen Ebene der Gesamterzählung ein (Kap. 6/7). Daran anschließend betrachten sie mikrostrukturelle Aspekte einzelner Textausschnitte, wobei insbesondere die Positionierungsarbeit der Erzähler betont wird (Kap. 8/9). Anhand ausgewählter Beispiele führen sie abschließend vor, wie die Ergebnisse aus den dargestellten Analyseschritten zu einer Fallstruktur zusammengeführt werden können (Kap. 10). [7]

In Kapitel 5 verorten sich LUCIUS-HOENE und DEPPERMANN noch einmal explizit im Paradigma rekonstruktiver Forschung. Sie sehen ihre Aufgabe also mit SCHÜTZ darin, die Konstruktionen erster Ordnung im Interview aufzuspüren, mit Hilfe von verstehenden, datengeleiteten Methoden zu explizieren und sie damit in Re-Konstruktionen zweiter Ordnung zu überführen. In ihrer Auswertungsmethodik verbinden sie allgemeine hermeneutische Prinzipien und die bereits erwähnte Erzähltheorie in fruchtbarer Weise mit den Grundannahmen der Konversationsanalyse. Das heißt vor allem, dass sie ohne im Vorfeld definierte Kategorien an die Analyse herangehen und stattdessen die Fragen und Erkenntnisse am Material entwickeln und prüfen. Außerdem legen sie Wert auf eine sequentielle Analyse der Daten, bei der die Herstellung von Sinn von Äußerung zu Äußerung nachvollzogen wird. Durch dieses Vorgehen gerät speziell der sequentielle Kontext mit in den Blick, auf den sich die einzelnen Äußerungen beziehen. Mit diesen Analyseprinzipien tragen sie in angemessener Weise sowohl der prozessualen Herstellung von Sinn im Interview, als auch ihrer diskursiven Konzeption von narrativer Identität Rechnung. [8]

Nach diesen wichtigen, grundsätzlichen Überlegungen zur Analyse widmen die Autoren ihre beiden nächsten Kapitel der Globalstruktur der autobiographischen Erzählung. Zum einen gehen sie dabei auf zentrale Rahmenaspekte von Erzählungen ein (Kap. 6), zum anderen auf die verschiedenen Textsorten, die in der globalen Struktur der autobiographischen Erzählung vorkommen (Kap. 7). Als zentrale erzählerische Strukturmerkmale befragen sie die Segmentierungen, die der Erzähler vornimmt, seinen Umgang mit der Zeit, die thematische Gestaltung sowie seine Erzählperspektive mit Blick auf mögliche Hinweise zur narrativen Identität. Eine solche Analyse zentraler Strukturmerkmale an den Beginn einer Auswertung zu stellen, mache vor allem deshalb Sinn, weil sich so einzelne Textpassagen in ihrer Bedeutung für die Gesamterzählung und in ihrer Beziehung untereinander erfassen ließen und damit zentrale Abschnitte für die weitere Analyse bestimmt werden könnten. Anhand von zahlreichen Beispielsequenzen weisen die Autoren für jedes untersuchte Merkmal von Erzählungen detailliert auf bestimmte Verfahren hin und bewerten diese hinsichtlich ihres Erkenntnisgehalts für Identitäts(re)konstruktionen. Auf die einzelnen Aspekte kann und soll im Rahmen dieser Rezension nicht eingegangen werden. Es sei daher positiv hervorgehoben, dass diese Beispiele in ihrer detaillierten Beschreibung ein lesendes Nachvollziehen der Bedeutung jener Verfahren ermöglichen. Der Blick für eigene Analysen wird auf diese Weise geschärft und es können Untersuchungsaspekte am eigenen Material überprüft und hinsichtlich ihrer Relevanz befragt werden. Ähnliches gilt für das folgende Kapitel, in dem die Textsorten "Erzählen", "Berichten" und "Argumentieren" zum einen voneinander abgegrenzt werden und zum anderen als mögliche Textsorten innerhalb des übergeordneten kommunikativen Verfahrens "autobiographisches Erzählen" ausgewiesen werden. Es wird an Beispielen verdeutlicht, wie die Wahl bestimmter Darstellungsverfahren für unterschiedliche thematische Passagen Aufschluss geben kann über die Funktion, die diese im Gesamtzusammenhang der autobiographischen Erzählung einnimmt. Im Einzelnen wird darüber hinaus aufgezeigt, welche Funktionen die jeweiligen Textsorten im autobiographischen Erzählen überhaupt haben und wie sie voneinander unter Zuhilfenahme linguistischer Beschreibungskriterien unterschieden werden können. Die Ausführungen in diesem Kapitel machen die Vielschichtigkeit der komplexen kommunikativen Aufgabe "autobiographisches Erzählen" deutlich und tragen damit zu einem tieferen Verständnis der anhand der Interviews nachzuzeichnenden Identitätskonstruktionen bei. Zusätzlich stellt der Band gerade in diesen Kapiteln einen wichtigen Beitrag zur diskursiven Erzählforschung dar, indem er deren Erkenntnisse strukturiert zusammenführt. [9]

Die Globalstruktur des gesamten Interviews verlassend wenden die Autoren sich in den beiden folgenden Kapiteln mikrostrukturellen Aspekten einzelner Textpassagen zu. In Kapitel 8.1 präsentieren sie zunächst grundlegende Fragen, die in der konkreten Analyse an jeden beliebigen Interviewausschnitt gestellt werden können und sollten. Dabei schlagen sie vor, von einer "explikativen Paraphrase" dessen, was dargestellt wird, überzugehen zu der Frage der konkreten sprachlichen Ausgestaltung ("wie wird dargestellt?"), um sich letztlich das "wozu" und damit die Funktion zu klären. In letzterer wird erneut die Forderung nach der sequentiellen Analyse deutlich, da stets gefragt werden muss, warum etwas genau so an dieser Stelle dargestellt wird, um die pragmatischen Funktionen heraus arbeiten zu können. Bestimmte Fragen und Verfahren (wie etwa Variationsanalysen, Kontextanalysen oder die Analyse von Folgeerwartungen), mit deren Hilfe die funktionale Analyse erleichtert werden kann, werden genauso erläutert und an Beispielen nachvollziehbar vorgeführt. Die Autoren ergänzen somit in diesem Kapitel den bereits zuvor für die Grobanalyse bestückten Werkzeugkasten zur Auswertung narrativer Interviews mit ersten wertvollen Instrumenten für die Feinanalyse. Diesen wird in Kapitel 8.2 mit der detaillierten Beschreibung der Positionierungsanalyse ein weiteres wichtiges Analyseinstrument hinzugefügt. Für die Darstellung dieses Konzepts, das sie aus der diskursiven Psychologie entlehnen, verwenden die Autoren im Vergleich zu den anderen Analysemethoden viel Raum. So wird die Positionierungsarbeit zunächst allgemein eingeführt und dann nach und nach entlang der verschiedenen zeitlichen Ebenen einer Erzählung ausbuchstabiert. Die aus dieser Detaillierung resultierende Breite der Darstellung ist aber durch die augenfälligen Erkenntnispotentiale hinsichtlich narrativer Identität hinlänglich gerechtfertigt. Nachzeichnend, wie sich die Interaktanten in den sozialen Raum einschreiben, welche Positionen sie beanspruchen oder anderen zuweisen, wird gleichsam auch die jeweilig aktuelle oder vergangene Identitätskonstruktion analytisch fassbar. Die Autoren legen in diesem Abschnitt überzeugend dar, dass

"durch die verschiedenen Facetten und Ebenen der Positionierungsleistungen und durch die Beachtung der Frage, wie implizit oder explizit sie jeweils stattfinde, eine auf den ersten Blick homogen erscheinende Identitätskonstruktion eines Erzählers in flexible und heterogene 'Identitäten in Aktion' zerfällt" (S.212). [10]

Mit der Positionierungsanalyse stellen LUCIUS-HOENE und DEPPERMANN ein bestechendes Instrument vor, um das theoretisch bereits vielfach postulierte Konzept von Identitäten auch analytisch greifbar werden zu lassen. [11]

Erneut stärker auf Erkenntnisse aus der linguistischen Gesprächsforschung zurückgreifend, machen die Autoren in Kapitel 9 auf kommunikative Verfahren aufmerksam, die auf mikrostruktureller Ebene erhellend für die funktionale Einordnung einzelner Äußerungen sein können. Dabei gehen sie auf Ergebnisse aus der Argumentationsforschung ebenso ein, wie auf erzählerische und prosodische Verfahren zur Re-Inszenierung von Erlebtem, auf spezielle Formulierungsverfahren zu Bewertungen und Relevanzsetzungen in Beschreibungen sowie auf Verfahren zur Interaktionssteuerung. Mag diese Fülle an mikroanalytisch bedeutsamen kommunikativen Verfahren einen Leser zunächst erschrecken, so ist hervorzuheben, dass es einer genauen Vertrautheit mit allen Verfahren im Detail nicht bedarf, dass aber schon die nachvollziehende Kenntnisnahme solcher Verfahren den Blick für eigene Analysen schärft und die analytische Beschreibung von auffälligen Phänomenen deutlich vereinfachen kann. An dieser Stelle wird die Konzeption als Arbeitsbuch ergänzt um die Vorteile eines nützlichen Nachschlagewerkes: Einzelne kommunikative Verfahren werden hier anhand vielfältiger Beispiele im Detail erläutert und sind so bei Bedarf jederzeit für die eigene Analysearbeit hinzuzuziehen. [12]

Im letzten Kapitel dieses analytisch-rekonstruktiven Teils stellen die Autoren dann an drei ausgewählten Beispielen dar, wie die verschiedenen Analyseschritte zu Fallstrukturen zusammengeführt werden können und damit auch vergleichenden Analysen unter spezifischen Forschungsfragestellungen zugänglich gemacht werden können. In diesem Rahmen diskutieren sie auch das Problem der Bewertung von (In-) Kohärenzen bezüglich dargestellter Identität und berühren damit einen gleichermaßen wichtigen wie kontroversen Punkt in der Biographie- und Identitätsforschung. Durch die spezifische Konzeption narrativer Identität als in verbaler Interaktion verankert, begreifen die Autoren die Kohärenz ebenfalls als hergestellt und nicht als vorab existent. Sie legen bezüglich der Kohärenzfrage überzeugend dar, dass ihr Verständnis narrativer Identität und das zusammengestellte Analyseinstrumentarium gegenüber der homogenisierenden Suche nach einer "biographischen Gesamtgestalt" in anderen Konzeptionen den Vorteil bietet, etwaige Inkohärenzen und Widersprüche positiv als Ausdruck von Vielschichtigkeit und Flexibilität zu begreifen. [13]

2.3 Forschungspraktische Fragen (Kap. 11 + 12)

Im dritten Hauptteil wenden sich LUCIUS-HOENE und DEPPERMANN in zwei abschließenden Kapiteln forschungspraktischen Fragestellungen zu. Dabei gehen sie in Kapitel 11 detailliert auf Probleme bei der Durchführung und Aufbereitung narrativer Interviews ein. Noch vor dem Zeitpunkt der tatsächlichen Interviewsituation ansetzend, widmen sie sich im Zusammenhang mit der Planung narrativer Interviews der gleichwohl wichtigen wie häufig vernachlässigten Frage, inwieweit die forschungsleitenden Erkenntnisinteressen überhaupt adäquat mit dem Instrument des narrativen Interviews erfasst werden können. In den Abschnitten zur konkreten Vorplanung sowie zur Durchführung der Interviews gehen die Autoren intensiv auf Detailprobleme ein. Sie geben dabei vor dem Hintergrund ihrer eigenen Forschungserfahrung wertvolle Tipps und Hinweise, wie Fragen formuliert werden sollten, um erzählgenerierend zu wirken oder wie auf Widerstände und Rückfragen seitens des Interviewten reagiert werden kann. In weiteren Abschnitten widmen sie sich der Aufnahmearchivierung sowie den spezifischen Anforderungen an eine Transkription, um die aufgenommenen Daten für die Analyse aufzubereiten. Im abschließenden 12. Kapitel stellen sie noch einmal knapp die zuvor dargelegten Schritte zur Auswertung der Interviews zusammen und gehen über diese hinausweisend auf weitere Fragen der Arbeitsorganisation ein. In diesem forschungspraktischen Teil ihres Buches weisen die Autoren eine bemerkenswerte Sensibilität für die Probleme im Forschungsprozess auf, die dem Charakter eines Arbeitsbuches in besonderem Maße gerecht wird, gleichwohl in vielen vergleichbaren Werken vergeblich gesucht werden muss. [14]

3. Abschließende kritische Würdigung

Die Autoren entwickeln in diesem Band eine spezifische Konzeption narrativer Identität, die in konkreten, situativ gebundenen sprachlichen Darstellungsleistungen hergestellt und damit erkennbar wird. In dieser Konzeption verbinden sie Erkenntnisse der Identitätstheorie explizit mit solchen aus eher diskursiv-interaktionistisch orientierten Disziplinen wie der narrativen Psychologie und der Gesprächsforschung. Sie begreifen narrative Identität damit strikt empirisch als eine konstruktive Leistung der Interaktanten. In dem vorgestellten Konzept narrativer Identität werden die Überschneidungen von Aufgaben beim Erzählen einerseits und bei der Identitätsarbeit andererseits konsequent einbezogen und für die Auswertung nutzbar gemacht. Darüber hinaus wird Identitätsarbeit durch die Verankerung im Sprachlichen analytisch fassbar und damit operational. Wenngleich dieser Weg zur Identität bereits seit längerem vor allem über Analysen narrativer Interviews von Forschern aus den verschiedensten Disziplinen beschritten wird, wollen die Autoren für eine solche diskursive Konzeption narrativer Identität in diesem Band explizit eine "theoretisch fundierte Methodik anbieten, die sich als variationsfähiges und flexibel adaptierbares Angebot für unterschiedliche Fragestellungen" (S.10) erweist. Auch wenn die dargestellten Aspekte und Verfahren im Einzelnen nicht neu von den Autoren entwickelt werden, sondern in den einzelnen Disziplinen teils schon länger genutzt werden, so liegt der Verdienst der Autoren darin, sie unter einer konkreten Perspektive reflektiert und konstruktiv zusammenzuführen und dabei stets aufeinander sowie auf den Forschungsgegenstand zu beziehen. Der Band stellt so ein lehrreiches und nützliches Instrumentarium für alle dar, die mit der Methode des narrativen Interviews arbeiten, und zeigt zugleich auf, wie fruchtbar die Analyse kommunikativer Verfahren und Darstellungsweisen im Hinblick auf biographische Fragestellungen eingesetzt werden kann. Darüber hinaus leisten die Autoren in dieser Zusammenführung einen Beitrag für die interaktionistisch orientierte Forschung zum diskursiven Erzählen. [15]

Abschließend sei nun noch auf die Konzeption des Bandes als Arbeitsbuch eingegangen. Hier ist zu betonen, dass der Band aufgrund seines klaren argumentativen Aufbaus sowie der Arbeit an konkreten Beispielen für qualitative Sozialforscher mit unterschiedlichem Hintergrund leicht nachvollziehbar und damit unmittelbar nützlich sein kann. Nicht zuletzt durch die optisch hervorgehobenen knappen Zusammenfassungen am Ende jedes Abschnitts, die Hinweise auf weiterführende Literatur zu den einzelnen thematischen Aspekten sowie das klare, wenn auch recht knappe Sachregister wird dieses Arbeitsbuch auch zu einem wertvollen Begleiter für all diejenigen, die interaktive Selbstdarstellungen in anderen sprachlichen Kontexten untersuchen. Das Buch ist schließlich in einem doppelten Sinne als Arbeitsbuch zu bezeichnen, weil es erstens eine zusammenfassende Einführung in die Methode des narrativen Interviews gibt und zweitens die Methodik der Auswertung intensiv erläutert. Wenngleich die extensiven Querverweise auf andere Kapitel und weiterführende Literatur die Nutzung als Arbeitsbuch fördern, ist hier auch kritisch festzuhalten, dass sie für einen Leser, der den Band als Ganzes liest, den Lesefluss hemmen können. So wirken denn auch die in den Unterkapiteln wiederholten Akzentuierungen zentraler Annahmen und Grundlagen, bisweilen etwas ermüdend. Zusammenfassend lässt sich an den Band jedoch die berechtigte Hoffnung knüpfen, einen fächerübergreifenden, flexiblen methodischen Werkzeugkasten zu liefern, durch den zukünftig interdisziplinäre Erkenntnisse zur narrativen Identität befördert werden. [16]

Literatur

Keupp, Heiner; Ahbe, Thomas; Gmürr, Wolfgang; Höfer, Renate; Mitzerlich, Beate; Kraus, Wolfgang & Straus, Florian (1999). Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek: Rowohlt.

Polkinghorne, Donald E. (1991). Narrative and self-concept. Journal of narrative and life history, 1, 135-153.

Ricoeur, Paul (1991). Die erzählte Zeit (Zeit und Erzählung Bd.3). München: Fink.

Ricoeur, Paul (1996). Das Selbst als ein Anderer. München: Fink.

Schütze, Fritz (1977). Die Technik des narrativen Interviews in Interaktionsfeldstudien: dargestellt an einem Projekt zur Erforschung von kommunalen Machtstrukturen. Arbeitsberichte und Forschungsmaterialien 1 der Universität Bielefeld: Fakultät für Soziologie [vervielf. Manuskript].

Zur Autorin

Meike SCHWABE ist Doktorandin an der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld. Dort promoviert sie mit einer gesprächsanalytischen Arbeit zu "Anfallswahrnehmungen und Strategien der Anfallsbearbeitung bei epilepsiekranken Kindern und Jugendlichen". Arbeitsschwerpunkte liegen neben der Konversationsanalyse und Gesprächsforschung vor allem im Bereich der Arzt-Patienten-Kommunikation.

Kontakt:

Meike Schwabe

Universität Bielefeld
Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
Postfach 10 01 31
D-33501 Bielefeld

E-Mail: meike.schwabe@gmx.de

Zitation

Schwabe, Maike (2003). Rezension zu: Gabriele Lucius-Hoene & Arnulf Deppermann (2002). Rekonstruktion narrativer Identität. Ein Arbeitsbuch zur Analyse narrativer Interviews [16 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 4(3), Art. 5, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs030354.

Revised 6/2008



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