Volume 4, No. 2, Art. 23 – Mai 2003

Subjektivität und Selbstreflexivität im qualitativen Forschungsprozess – Die FQS-Schwerpunktausgaben

Katja Mruck & Franz Breuer

Zusammenfassung: Mit den beiden nun in FQS zum Thema "Subjektivität und Selbstreflexivität im qualitativen Forschungsprozess" veröffentlichten Schwerpunktausgaben versuchen wir eine Thematik aufzugreifen, die die wissenschaftliche Neuzeit durchzieht: Auf der einen Seite finden sich zahlreiche wissenschaftstheoretische Forderungen und methodische Prozeduren, die darauf zielen, den (unkontrollierten) Einfluss der Wissenschaftler(innen) auf den Forschungsprozess und auf dessen Resultate zu unterbinden. Solchen Bemühungen steht die Einsicht entgegen, dass Forschende in Interaktion mit denen, über die sie forschen, diesen Prozess strukturieren – mit ihren (berufs-) biographischen Besonderheiten, mit dem, was disziplinär, (sub-) kulturell, zeitgeschichtlich verfügbar ist. Letzteres gilt in besonderem Maße (aber nicht ausschließlich) für die qualitative Sozialforschung, weil hier wenig standardisierte Verfahren zum Einsatz kommen, die zusätzlich in der Regel mit einer großen Nähe zu den Forschungsteilnehmer(inne)n bzw. mit einer engen Teilhabe in dem jeweiligen Untersuchungsfeld verbunden sind.

Führen Wege aus dem Dilemma zwischen dem Wunsch, regelgeleitet zu möglichst nicht "kontaminierten", validen und reliablen wissenschaftlichen Aussagen zu kommen einerseits und trivialen Faktensammlungen, (nicht als solchen kenntlich gemachten) Autobiographien und der Reproduktion des kulturell Populären andererseits? Die Beiträge, in die wir im Folgenden zusammenfassend einführen, geben erste Antworten auf diese wichtige Frage: indem sie die prinzipielle Relevanz von Subjektivität und Selbstreflexivität im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess diskutieren und mögliche theoretische Rahmenmodelle vorschlagen, indem sie den Prozess des Forschens an empirischen Beispielen zu reflektieren suchen, und indem sie Verfahrensweisen demonstrieren, die helfen sollen, die Subjektivität der Forschenden konstruktiv und kreativ zu nutzen und über deren (Selbst-) Reflexion zusätzliches Wissen zu erwerben. Wir hoffen, mit FQS 3(2) und FQS 4(2) einen Beitrag zu leisten, der hilft, den Diskurs über die essentielle Frage nach der Relevanz von "Subjektivität und Selbstreflexivität im qualitativen Forschungsprozess" voranzutreiben.

Keywords: qualitative Forschung, Subjektivität, Selbstreflexivität, Forschungsprozess, theoretische Fundierung, empirische Beispiele

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Entstehung der Schwerpunktausgaben

2. Über die Schwierigkeit, "von uns selbst" zu sprechen

3. Versuche, "von uns selbst" zu sprechen: Zur Gliederung der Beiträge

3.1 Grundsatzüberlegungen und theoretische Fundierung

3.2 Der qualitative Forschungsprozess

3.3 "Instrumente" zur Nutzung von Subjektivität und Selbstreflexivität im qualitativen Forschungsprozess

4. Lesarten und Einladung zum weiteren Diskurs

Danksagung

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin und zum Autor

Zitation

 

1. Zur Entstehung der Schwerpunktausgaben

Der Umgang mit dem Thema Subjektivität und Selbstreflexivität scheint – entlang unserer Erfahrungen mit diesen Bandherausgaben – zwiespältig: Einerseits trafen wir (auch redaktionsintern) auf Ängste, eine Beschäftigung mit dieser Thematik könne dem eigenen wissenschaftlichen Renommee schaden. Nicht von sich selbst zu schweigen, sondern über sich selbst zu sprechen hat – zumindest für die Wissenschaftsfelder, die sich nicht unmittelbar mit Wissenschaftsforschung beschäftigen – immer noch etwas Unappetitliches, und der Bote wird mitunter weiter für die Nachricht (dass Wissenschaft ein immer schon [zeitlich, räumlich, sozial, persönlich] kontextualisiertes Unterfangen ist) verantwortlich gemacht. Andererseits war die Resonanz auf den Call for Papers zum Thema "Subjektivität und Selbstreflexivität im qualitativen Forschungsprozess" vom November 2001 ausgesprochen groß: Zu den bereits in FQS 3(3) erwähnten Einreichungen (vgl. BREUER, MRUCK & ROTH 2002) kamen einige verspätet hinzu, so dass insgesamt über 130 Abstracts vorlagen. Ein damaliger Eindruck war: Es handelte sich um überwiegend "junge" Autor(inn)en (im Sinne von: noch in einer Qualifikationsphase befindlich, noch wenig routinisiert, noch aufmerksam für die bzw. noch kämpfend mit dem Spannungsverhältnis zwischen eigener Identität als Person und als Forscher[in]).1) [1]

Nach Durchsicht und Einschätzung der eingereichten Abstracts nahmen wir eine Auswahl und Reduktion auf etwa 70 Beiträge vor, die wir für interessant und aussichtsreich hielten und für die wir um Erstellen eines Volltextes baten: Wir entschieden uns dafür, zunächst mit diesem sehr großen Kreis von Autorinnen und Autoren zu arbeiten und sie bei der Produktion ihrer Beiträge zu begleiten, da eine schärfere Auswahl zu treffen auf der Basis von Kurzzusammenfassungen geplanter Aufsätze mit gutem Gefühl unmöglich gewesen wäre. Auch erschien angesichts der zu erwartenden Zahl an Beiträgen die Veröffentlichung nur einer Schwerpunktausgabe unangemessen bzw. auch mit Blick auf den Begutachtungsaufwand nicht zu bewältigen. Wir vollzogen deshalb eine Zweiteilung, und insgesamt wurden in FQS 3(3) bzw. FQS 4(2) 32 Beiträge veröffentlicht. [2]

Der starke Schwund hatte unterschiedliche Gründe: Einige Beiträge kamen mangels Zeitressourcen nicht zustande, einige wurden im Begutachtungsverfahren ausgeschieden, einige wurden zur Überarbeitung und Veröffentlichung als Einzelbeitrag jenseits der Schwerpunktausgaben vorgeschlagen (vor allem, wenn vorgefertigte Beiträge ohne deutlichen Bezug zum Thema platziert werden sollten). [3]

Zusammengefasst scheint das Interesse oftmals größer gewesen zu sein als die Möglichkeiten, entsprechende Darstellungen zu realisieren; dies wahrscheinlich auch infolge unserer Bitte, sich hinsichtlich der Rolle und Bedeutung von Subjektivität und Selbstreflexivität im Forschungsprozess nicht nur auf Programmatik und Postulate zu beschränken, sondern auch (datenbegründete) Ergebnisse bzw. Illustrierungen in die Veröffentlichung einzubeziehen. [4]

2. Über die Schwierigkeit, "von uns selbst" zu sprechen

Warum ist es so schwer, möglichst präzise und für andere nachvollziehbar "von uns selbst" – von unseren Vorannahmen und Wahlen, von unserem Erleben und Handeln im Forschungsprozess – zu sprechen? Es ist so schwer, weil die Forderung nach dem Ausschluss der Subjektivität der Forschenden einer der zentralen Imperative der wissenschaftlichen Neuzeit ist, der sich durch Wissenschaftstheorien in die methodische Praxis der Einzeldisziplinen, in wissenschaftspolitische Steuerungs- und Sanktionsprozeduren und schließlich auch in unsere Köpfe, Herzen und Körper durchzusetzen vermocht hat. Programmatisch formuliert wurde das "de nobis ipsis silemus [von uns selbst schweigen wir]" (zumindest in Veröffentlichungen) von Francis BACON in seinem unvollendet gebliebenen und erstmals 1620 veröffentlichten Novum Organum.2) Diese "Schweigepflicht" wurde über KANT, der BACONs Zitat seiner erstmals 1781 veröffentlichten Kritik der reinen Vernunft voranstellte zu REICHENBACH (1970) weitergegeben, der die Unterscheidung zwischen dem "Entdeckungs-" und dem "Begründungszusammenhang" wissenschaftlichen Wissens ("context of discovery" vs. "context of justification") in die Wissenschaftstheorie einführte, hin zu POPPER (1984), der eine sehr weitreichende wissenschaftstheoretische Ausformulierung einer subjektfreien "Logik der Forschung" leistete. Zwar sind mittlerweile die Einwände gegen die Konstruktion einer objektiven Erkenntnis zahlreicher geworden: Aktuellere wissenschaftstheoretische Konzeptionen verwenden Begriffe wie "Logik" lieber im Plural, die Nach-KUHNschen Reflexionswissenschaften befassen sich nach der "Entzauberung der Wissenschaft" (BONSS & HARTMANN 1985) mit der Sozio- und Psychologik von Forschung und es wird, z.B. von RAUSCHENBACH (1996), die Wiedereinführung des Erkenntnissubjekts in die Wissenschaft gefordert – "von uns selbst aber sprechen wir". Diese Forderung ist aber zumeist im Programmatischen geblieben, und dies auch im Feld qualitativer Sozialforschung: Auch hier

"spukt ... das Phantom der Störungsfreiheit, und zwar auf Seiten qualitativer Forschungspraxis in Gestalt der Ausklammerung der Subjektivität der Forschenden und ihrer Einflußnahme im Forschungsprozeß und auf die Produktion von Forschungsergebnissen (Naturalismus qualitativer Forschungspraxis) und auf Seiten qualitativer Methodologien durch deren weitgehende Vernachlässigung der Kontextualität von Forschung (Naturalismus qualitativer Methodologie)" (MRUCK & MEY 1996, S.4f). [5]

Warum ist es notwendig, möglichst präzise und für andere nachvollziehbar "von uns selbst" – von unseren Vorannahmen und Wahlen, von unserem Erleben und Handeln im Forschungsprozess – zu sprechen? Weil sonst als "Logik des Gegenstandes", als "Merkmal von Objekten" erscheint, was vielfältigen Wahlen im Prozess des Forschens geschuldet ist:3) [6]

Am Anfang dieses Prozesses steht eine Forscherin oder ein Forscher, die oder der etwas Neues über einen "Gegenstand" erfahren bzw. etwas bereits Vermutetes überprüfen und gegebenenfalls – je nach erkenntnistheoretischem Standpunkt – verifizieren oder falsifizieren möchte. Dabei beginnt die Forscherin oder der Forscher nur sehr selten mit einer privaten Frage, sondern in die Frage, in ihre Richtung und in ihre Formulierung geht ein, was zu einer Zeit und im Rahmen eines bestimmten (wissenschaftlichen) Kontextes sinnvolle und stellbare Fragen zu sein scheinen. Ein Problem, das unumgehbar mit dem Stellen einer Forschungsfrage verbunden ist, ist, dass um etwas zu untersuchen, das, was untersucht werden soll, benannt werden muss, gleichgültig, ob es sich um die Beschaffenheit eines Stoffes oder sein Verhalten in Verbindung mit anderen Stoffen, ob es sich um das menschliche Bewusstsein, um die Besonderheiten einer (zeitlich oder räumlich nahen oder fernen) Kultur, um ein spezifisches Krankheitsbild etc. handelt. So setzen z.B. psychologische Studien, die sich etwa der Erforschung bestimmter Bewusstseinsfunktionen zuwenden, in gewisser Weise voraus, dass ein solches Bewusstsein "existiert" und getrennt von wieder anderen (existierenden oder zumindest getrennt erfassbaren) Funktionen (Emotion, Handeln) untersucht werden kann. [7]

Haben die Forschenden rückgreifend auf den Fundus des persönlich Tragbaren, disziplinär Erlaubten und zeitgeschichtlich Zugänglichen ihre Frage umrissen und damit im Rahmen eines aktiven Wählens den Gegenstand ihrer Untersuchung (bis auf weiteres) festgeschrieben und definiert, muss in einem nächsten Schritt entschieden werden bzw. ist in vielen Fällen bereits persönlich und (sub-) disziplinär vorentschieden, was an diesem Gegenstand und auf welche Weise erhoben werden kann, um zu den gewünschten Aussagen zu kommen: Auch hier sind – und dies z.B. entgegen dem problematischen Konstrukt der "Gegenstandsangemessenheit" im Bereich qualitativer Forschung – Person, Disziplin, Ort und Zeit der Wahl von hervorragender Bedeutung dafür, was für beantwortbar gehalten wird bzw. beantwortet werden soll. [8]

Mit der Wahl einer Erhebungsmethode findet – so BREUER (1996a, S.9) – eine "Festlegung hinsichtlich des Modus' der Interaktion mit dem fokussierten Gegenstand" statt. Es ist ein Subjekt, das sich auf spezifische Weise auf dem Weg der Methode zu einem anderen – Subjekt oder Objekt – in Beziehung setzt. Aus der konkreten (methodischen) Gestaltung dieses Inbeziehungsetzens bzw. dieser Interaktion folgt, welche Daten – nach zusätzlichen Transformationen (meist Übernahme in ein Computerprogramm in quantitativen und Verschriftung von Tonbandaufnahmen in qualitativen Untersuchungen) – den Ausgangspunkt für den dann folgenden Prozess der Auswertung bilden. Diese Daten sind "prinzipiell ... interaktiv, sozial, sub-/ kulturell, situativ und kontextuell konstituierte 'Hervorbringungen' der beteiligten Personen" (BREUER 1996b, S.16); in den Sozialwissenschaften sind dies die forschenden und beforschten Subjekte, die vor dem Hintergrund der jeweils verfügbaren und bedeutungsvollen Alltags- und Wissenschaftskontexte (inter) agieren. Im Verlauf dieses (inter-) subjektiv kontaminierten Prozedere gewonnen und zusätzlich behandelt durch die konkreten Auswertungsstrategien, die zum Einsatz kommen (ein ebenfalls bedenklicher Prozess, was die zu vollziehenden Wahlakte und ihre Konsequenzen entgegen dem Anspruch auf "Reinhaltung" des Gegenstandes angeht), stehen am Ende Fakten als Elemente einer von den sie erzeugenden Subjekten meist unabhängig gedachten Wirklichkeit. Und obwohl qualitative Forscher(innen) die im Rahmen quantitativer Untersuchungen behauptete Dekontextualisierung zurückweisen, d.h. den Anspruch, Aussagen über die konkreten raum-zeitlichen Bedingungen und über die unter diesen Bedingungen Handelnden hinaus treffen zu wollen, versuchen sehr viele spätestens in ihren Veröffentlichungen doch wieder Aussagen über "Merkmale eines Objekts" zu formulieren, ohne dass die Modi der Herstellung von Wissen zwischen bestimmten Subjekten und unter Bezugnahme auf deren konkrete Alltags- und Wissenschaftsbezüge als Forschungsergebnis verstanden und diskutiert würden. Am Ende selbst vieler explizit unter konstruktivistischer Perspektive angetretener empirischer Arbeiten ist das interagierende, wählende, vorwissende, mitfühlende Forscher(innen)subjekt zurückgetreten zugunsten eines (Ab-) Bildes des Anderen, des Objekts, das wieder ein bisschen wirkt wie ein Foto ohne Kamera und ohne Fotograf(in). [9]

Warum also sollten wir "von uns selbst" sprechen? Der französische Ethnopsychoanalytiker Georges DEVEREUX hat eine Antwort auf diese Frage bereits früh und radikal formuliert:

"Der Verhaltensforscher kann die Interaktion zwischen Objekt und Beobachter nicht in der Hoffnung ignorieren, sie werde sich schon allmählich verflüchtigen, wenn er nur lange genug so täte, als existiere sie nicht. Wenn man sich weigert, diese Schwierigkeiten schöpferisch auszuwerten, so kann man es nur zu einer Sammlung von immer bedeutungsloseren, zunehmend segmentären, peripheren und sogar trivialen Daten bringen ... Der Wissenschaftler sollte deshalb aufhören, ausschließlich seine Manipulationen am Objekt zu betonen, und statt dessen gleichzeitig – bisweilen ausschließlich – sich selbst qua Beobachter zu verstehen suchen" (1973, S.19f). [10]

3. Versuche, "von uns selbst" zu sprechen: Zur Gliederung der Beiträge

Welche Rolle spielen der Wissenschaftler und die Wissenschaftlerin, welche spielt deren "Reizwert" (DEVEREUX) für die, mit denen und über die sie forschen, welche die Interaktionen im Forschungsprozess? Strukturieren und wie strukturieren vorgängige Theorien und Wissenschaftskontexte diesen Prozess? Was bedeutet es, wenn Subjektivität als Erkenntniszugang genutzt werden soll bzw. führt und wie führt der Weg vom subjektiven Erleben zu einem Verstehen des/der Anderen und von hier aus wiederum zu einem wie gearteten "Gegenstandswissen"? Was ist überhaupt "am thematisierten Objekt ... im Rahmen der von mir gewählten Interaktionsweise feststellbar und registrierbar" (BREUER 1996a, S.9)? Kann und wie kann und mit welchen Einschränkungen das auf dem Weg spezifischer Interaktionen gewonnene Wissen in einer Weise destilliert werden, die jenseits der "Verschmutzung" durch die Subjekte und durch die jeweils gewählten und angewandten Prozeduren Aussagen über ein Objekt bzw. dessen "Eigenschaften" erlaubt? Was bedeutet es und welchen Nutzen hat es, wenn statt des einzelnen Wissenschaftlers bzw. der einzelnen Wissenschaftlerin eine Forschungsgruppe tätig und damit sichtbar wird, dass andere Forscher(innen) ander(e)s erleben, mit den Beforschten oder dem beforschten Feld in anderer Weise interagieren und auch am gleichen Material zu unterschiedlichen Deutungen gelangen? Und in welcher Weise können die hier skizzierten (Re-) Konstruktionsprozesse Eingang in Veröffentlichungen finden? [11]

Die Beiträge, die in den beiden Schwerpunktausgaben versammelt sind, versuchen Antworten auf Fragen wie die vorgenannten zu geben. Wir haben diese Antworten der Nachvollziehbarkeit halber in eine thematische Ordnung gebracht (siehe auch BREUER, MRUCK & ROTH 2002): [12]

3.1 Grundsatzüberlegungen und theoretische Fundierung

Die hier zugeordneten Beiträge beschäftigen sich mit der prinzipiellen Relevanz von Subjektivität und Selbstreflexivität im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess und konkreter in der Methodologie und Methodik qualitativer Sozialforschung. Es geht darum, ob der wissenschaftliche Erkenntnisanspruch durch die Berücksichtigung von Subjektivität und Selbstreflexivität grundsätzlich in Frage steht, welche Implikationen und Konsequenzen aus deren Berücksichtigung für die Methodologie und Methodik, für den wissenschaftlichen Diskurs erwachsen und welche Theorien nützliche Perspektiven für den Umgang mit Subjektivität und Selbstreflexivität liefern könnten.

  • Die in unseren kulturellen und wissenschaftlichen Vorstellungen grundlegende Körper-Geist-Trennung wird von Mary HANRAHAN problematisiert. Die Autorin entwickelt auf der Basis eines eigenen Forschungsprojekts Gedanken zu der Überwindung dieser Trennung durch ein "biosoziales Modell" und untersucht dessen forschungsmethodologische Konsequenzen.

  • Gegen ein postmodernes Verständnis des epistemologischen Verhältnisses von Subjektivität und Objektivität wendet sich Carl RATNER, der für die Psychologie anstelle von bloß "impressionistischen" Vorgehensweisen und Berichten auf der Möglichkeit insistiert, objektive Bedeutungen mit Hilfe qualitativer Methodik zu analysieren. Ebenfalls kritisch – und zwar gegen "Fehlentwicklungen" des epistemologischen Konstruktivismus und deren forschungsmethodische Konsequenzen – ist Tarja KNUUTTILA: Sie verweist für eine der "Wiegen" der Konstruktivismusdebatte – die Wissenschafts- und Technikforschung – auf die Doppelbödigkeit eines konstruktivistischen Standpunktes, der mit autoritativer Stimme behauptet, jedes Wissen sei nur kontextuell.

  • Drei weitere Beiträge stehen exemplarisch für den Versuch, Theorien zur Lösung des "Subjektivitätsproblems" heranzuziehen: Xavier GUILLAUME schlägt für das Forschungsfeld "Internationale Beziehungen" den dialogischen Ansatz im Anschluss an BAKHTIN als Instrument für einen angemessen Umgang mit Subjektivität und Reflexivität im Forschungsprozess vor. Gavin B. SULLIVAN zeigt am Beispiel einer eigenen psychologischen Forschungsarbeit, wie die WITTGENSTEINsche (Spät-) Philosophie zur Reflexion der Konsequenzen von individueller Subjektivität auf den Prozess und das Produkt des Forschens herangezogen werden kann. Johnna HASKELL, Warren LINDS und John IPPOLITO entwickeln ihre Auffassung von Subjektivität und Reflexivität in der qualitativ-sozialwissenschaftlichen Forschung vor dem Hintergrund des Konzepts der "Leibgebundenheit" (MERLAU-PONTY). Sie veranschaulichen ihren Ansatz und die für diesen Ansatz zentrale Rolle der Ethik von Forschung an Beispielen aus der Erlebnis- und Theaterpädagogik sowie dem Zweitsprachenlernen.

  • Die Beiträge von Paul ten HAVE und Thilo WEBER entstammen der ethnomethodologischen Forschung: Während ten HAVE – insbesondere Bezug nehmend auf GARFINKEL und SACKS – die Spannung von Subjektivität und Objektivität anhand des Umgangs mit "Mitgliederwissen" diskutiert, setzt WEBER sich mit der ethnomethodologischen Konversationsanalyse (KA) nach SCHEGLOFF auseinander. Am Beispiel eines der klassischen Themen der KA, den "konversationellen Reparaturen" und im Sinne einer Selbstanwendung der ethnomethodologischen Einsicht in die lokale Konstruiertheit sozialen Sinns und sozialer Realität zeigt WEBER, dass jede Phase des Analyseprozesses von Vorannahmen und von Entscheidungen der Forschenden abhängt.

  • Mit einem weiteren für qualitative Forschung zentralen Ansatz – der von ihm mitbegründeten Grounded Theory (GT) und deren Weiterentwicklungen – beschäftigt sich Barney G. GLASER: Er weist konstruktivistische Interpretation der GT (u.a. durch CHARMAZ) als epistemologische und methodologische Umdeutung und als unangemessen zurück bzw. ordnet sie als methodischen Spezialfall ein. Eine Replik zu GLASERs Beitrag wurde in FQS 4(1) veröffentlicht: Für Antony BRYANT ist die Wendung gegen Weiterentwicklungen der GT eher autoritativ denn inhaltlich begründet und nachvollziehbar: "GLASER's version ... is not the only game in town". [13]

3.2 Der qualitative Forschungsprozess

In den hier zugeordneten Beiträgen soll an Beispielen aus der Forschungspraxis die Relevanz von Subjektivität und deren Reflexion als mögliche Erkenntnisquelle im qualitativen Forschungsprozess aufgezeigt werden. Es geht mithin darum nachvollziehbar zu machen, wie soziale, (sub-) kulturelle, (berufs-) biographische und persönliche Charakteristika der Forschenden strukturieren, was erlebt, wahrgenommen, verstanden und veröffentlicht wird. Weil "[a]lle Deutungen ... von Subjekten gegeben [werden], die von einer bestimmten Position aus sprechen und darauf vorbereitet sind, bestimmte Dinge zu erkennen, andere jedoch nicht" (ROSALDO 1993, S.383), ist eine unmittelbar hiermit verbundene Frage, wie andere – diejenigen, "über die" geforscht wird ebenso wie andere Forscher(innen) – Einfluss auf den Prozess des Forschens gewinnen können, so dass "anstelle des 'monotonen Singsangs' einer einzigen wissenschaftlichen (und eigentlich autobiographischen) 'autoritativen Stimme' ... die potentielle Vielstimmigkeit von Deutungen" (MRUCK & MEY 1998, S.303) im Forschungsprozess sichtbar werden und sich in der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen niederschlagen kann.

  • Eine Übersicht über den Forschungsprozess geben Glenda M. RUSSELL und Nancy H. KELLY: Einem postmodernen Diskursrahmen verpflichtet, beschreiben die Autorinnen – an eigenen und fremden Forschungsbeispielen – die aufeinander folgenden Stadien qualitativer Forschung als einen verbundenen und dialogischen Prozess. Harriet W. MEEK unterstreicht – entgegen einem Verständnis von Forschung als Folge logischer Entscheidungsprozesse und aus einer psychoanalytischen und psychotherapeutischen Perspektive – die Bedeutung unbewusster Anteile im Prozess des (qualitativen) Forschens und insbesondere für das Entstehen und Bewältigen von Arbeitsbarrieren.

  • Während RUSSELL & KELLY und MEEK "fremdes" Material zum Ausgangspunkt ihrer Reflexion nehmen, geht es Gert DRESSEL und Nikola LANGREITER um das Selbstreflexivwerden von Wissenschaft: ihre Intention ist eine "Kulturwissenschaft der Kulturwissenschaften", indem sie Wissenschaftsforschung im eigenen wissenschaftlichen Alltag betreiben. Ähnliches versucht Christiane Kraft ALSOP, wenn sie sich mit dem ihren persönlichen und wissenschaftlichen Erfahrungen unterliegenden Spannungsverhältnis von "Zuhause-" und "In-der-Fremde-Sein" beschäftigt und insbesondere den Blick "zurück in die Heimat" als Möglichkeit des Praktizierens von Selbstreflexivität versteht. ALSOP emigrierte, aus Deutschland stammend, in die USA, Iris RITTENHOFER, ebenfalls in Deutschland gebürtig, nach Dänemark. Während ALSOP, einer autoethnografischen Tradition (ELLIS) verpflichtet, sich grundsätzlicher mit den existentiellen Seinsweisen Heimat vs. Fremde und deren wissenschaftlicher Reflektierbarkeit beschäftigt, widmet sich RITTENHOFER entlang eigener Forschungsprojekte und teilweise an FOUCAULT anschließend im engeren Sinne der Frage, in welcher Weise ihre langjährige Auslandsbeschäftigung und ihre wissenschaftliche Tätigkeit zusammenhängen.

  • Es sind jedoch nicht nur die (Standortgebundenheit und Perspektivität der) Forschenden, die Einfluss auf den Forschungsprozess und seine Resultate nehmen, sondern auch die, mit denen und über die geforscht wird: So wurde im Laufe des Projekts, von dem Kathleen St. LOUIS und Angela Calabrese BARTON berichten und das sich mit der Frage befasste, wie Eltern, die armen städtischen Minoritäten angehören, die eigene Rolle und Beteiligung im Bildungssystem verstehen, die Beschäftigung mit Themen notwendig, die ursprünglich nicht Teil des Designs waren: nämlich mit der Verantwortung als Forscher(in) und mit dem Umgang mit stillschweigenden, aus der eigenen Positioniertheit resultierenden (Vor-) Annahmen, die erst im Laufe des Forschens offensichtlich wurden. Ähnlich sahen sich Helen KAY, Viviene CREE, Kay TISDALL und Jennifer WALLACE während einer in Schottland durchgeführten Studie mit Kindern und Jugendlichen, die durch ihre Eltern mit HIV infiziert worden waren, in konkurrierende und zu Beginn nicht erwartete Anforderungen verstrickt. Es wurden auch hier kontinuierliche Aushandlungsprozesse mit den an der Studie Beteiligten, im Team und auch mit anderen zentralen Akteuren erforderlich. In solchen Aushandlungen geht es implizit oder explizit auch um Macht, und Sarah RILEY, Wendy SCHOUTEN und Sharon CAHILL widmen sich genau dieser Frage nach Machtdynamiken im Forschungsprozess: Aus einer poststrukturalistischen Perspektive zeigen die Autorinnen am Beispiel von drei Studien – einer zur Erfahrung von Wut bei Frauen, einer zu zwischengeschlechtlichen Beziehungen berufstätiger Männer und einer zu reflexivem Verstehen auf Grund gemeinsamer sozialer Merkmale von Forscherin und Untersuchungspartnerinnen – welche Beziehungen ermöglicht oder verhindert wurden, weil die Forscherinnen ihre subjektive Rolle als "Forschende" einnahmen und wie durch die Verwendung von drei verschiedenen Auffassungsweisen von Reflexivität mit entsprechend unterschiedlichen Erzählstilen neue Verstehensmöglichkeiten von Subjektivität und Macht entstanden.

  • Einige der zuvor genannten Beiträge (z.B. RUSSELL & KELLY oder KAY et al.) unterstreichen die Wichtigkeit von Forschungsteams für ihre Forschungsarbeit. Mit der produktiven Nutzung von Teams im Forschungsprozess – konkreter: für den Prozess des Erstellens von Doktorarbeiten – befassen sich Judith McMORLAND, Brigid CARROLL, Susan COPAS und Judith PRINGLE, die in ihrem Beitrag Möglichkeiten einer institutionalisierten Forschungssupervision skizzieren. Die hierbei geleistete Reflexion auf die Beziehung und auf den Beziehungsverlauf zwischen den Beteiligten und auf dessen institutionelle Determinanten stellt das etablierte Verhältnis zwischen Doktorand(inn)en und Doktorvätern/-müttern in Frage. Als ein praktisches Infragestellen dieses Verhältnisses kann auch der Beitrag von Stuart LEE und Wolff-Michael ROTH gelesen werden: Die Autoren diskutieren, auf das Konzept der "Legitimate peripheral participation" rückgreifend, die Frage nach der (Re-) Produktion von Identität, während ein Doktorand Mitglied zweier Wissensgemeinden wird – die der (qualitativ) Forschenden und die der Erforschten (Umweltschützer[innen]). Beide – Student und Doktorvater – bedienen sich in ihrem Text individueller und gemeinsamer Ausdrucksweisen und sie versuchen zu zeigen, dass der von ihnen demonstrierte Stil der Graduiertenausbildung ein methodologisch sinnvoller Weg sein kann, eine Promotion anzugehen. [14]

3.3 "Instrumente" zur Nutzung von Subjektivität und Selbstreflexivität im qualitativen Forschungsprozess

Insbesondere die letztgenannten Beiträge können zugleich als Empfehlungen verstanden werden, (subjektive, soziale, institutionelle usw.) Ressourcen in einer offensiven Weise für den Erkenntniszugewinn zu mobilisieren und zu organisieren. Dies trifft noch mehr für die folgenden Beiträge zu, in denen Verfahrensweisen beschrieben werden, die helfen sollen, die in unseren Augen zwangsläufig durch "Gegenstand", Subjekt und dessen Kontexte gezeichnete menschliche Erkenntnistätigkeit und ihre Resultate konstruktiv und kreativ zu nutzen und über deren (Selbst-) Reflexion zusätzliches Wissen zu erlangen.

  • Bruce BOLAM, Kate GLEESON und Simon MURPHY untersuchten die Gesundheitsüberzeugungen von Laien und bezogen in diese Untersuchung Selbstinterviews der Forschenden mit ein: Ziel war das Transparentmachen von eigenen und das Sensitivbleiben für eigene Interessen und Vorannahmen im Forschungsprozess als Strategie "zum Verhindern systematischer Fehler". Einen Antwortversuch auf die Frage, wie aus empirischem Material und dem Umgang mit diesem Material auf "Gegenstandscharakteristika" geschlossen werden kann, probieren JENSEN und Harald WELZER: Die Autoren demonstrieren an Interviewbeispielen aus der Transitions- und Tradierungsforschung das "Sichtbarwerden" zu untersuchender gesellschaftlicher Phänomene bereits unmittelbar in der Erhebungssituation: Dieses Sichtbarwerden wird nicht als "Störung" des Forschungsprozesses und als "Verunreinigung" der Daten erachtet, sondern als Grundprinzip von Kommunikation anerkannt und genutzt. Ebenfalls an einem Interviewbeispiel (hier aus dem Projekt "Geschichte und Erinnerung") zeigen Stephan MARKS und Heidi MÖNNICH-MARKS, wie aus einer psychoanalytischen Perspektive Gegenübertragungsreaktionen zur Interpretation latenter Interviewinhalte herangezogen werden können. Das Konzept der (Gegen-) Übertragung nutzt auch Silvia HEIZMANN aus ethnopsychoanalytischer Perspektive an einem Fallbeispiel aus einer Schweizer "Working Poor-Studie": Die Autorin zeigt, wie ein anfänglich wegen seines verbalen Informationsgehalts als "misslungen" eingeschätztes Interview einen Erkenntniszugewinn erbrachte, indem das verbal Geäußerte mit dem im Interview "Inszenierten" und dem emotional Übertragenen in Beziehung gesetzt wurde.

  • Neben Beispielen zur Erhebung und Auswertung von Interviewmaterial wurden exemplarisch zwei weitere, für qualitative Forschung wesentliche Verfahren bzw. Verfahrensgruppen betreffende Beiträge einbezogen: Rudolf SCHMITT unternimmt für die "Systematische Metaphernanalyse" den Versuch, die Spannung zwischen subjektivem Verstehensvermögen und dem Befolgen methodischer Regeln zu lösen. Ernst LANGTHALER diskutiert am Beispiel einer historisch-anthropologischen Gemeindestudie Möglichkeiten und Grenzen reflexiver Feldforschung. Wie für HEIZMANN sind für LANGTHALER Störungen (in diesem Falle zwischen dem Diskurs des Forschers über die lokale Alltagsgeschichte im 20. Jahrhundert und den im Feld vorherrschenden Diskursen) ein wichtiger Anlass zur Reflexion der eigenen Forschungspraxis und ihrer Ergebnisse.

  • Damit der Einbezug der eigenen Subjektivität in die Deutungsarbeit nicht "zu einer Quelle von Projektionen und zur treibenden Kraft von Manipulation und Delegation [wird], durch welche ebenfalls die Subjektivität des Forschungsobjekts zusehends verdunkelt wird" (ERDHEIM 1989, S.89), scheint die Einbindung in Forschungsteams essentiell: "Erst in der lebendigen Interaktion könnte ich mir auf die Schliche kommen: Erst anhand der Irritation meines Gegenübers, die mich irritiert" (KRAUSS 1996, S.98). Um eine systematische Nutzung dieser Einsicht und um den Einbezug von unterschiedlichen subjektiven Perspektiven im Verlauf der Dateninterpretation und Prozessreflexion bemüht sich die Oldenburger Team-/Aktionsforschung, über die Wolfgang FICHTEN und Birgit DREIER berichten. Hier werden, an sozialkonstruktivistische Erkenntnispositionen anschließend, praxisbezogene Schul- und Unterrichtsforschungsvorhaben von aus Lehrer(inne)n und Studierenden bestehenden Teams durchgeführt. Im Falle des Beitrages von Maria de Fátima de A. SILVEIRA, Dulce Maria Rosa GUALDA, Vera SOBRAL und Ademilda Maria de S. GARCIA geht es um das gemeinsame Forschen von und über Krankenpflegepersonal: Am Beispiel einer Doktorarbeit, deren Daten im Rahmen von Workshops zu Sensitivität, Expressivität und Kreativität erhoben wurden, zeigen die Autorinnen, wie die teilnehmenden Krankenschwestern vor dem Hintergrund gemeinsamer Sprach- und Symbolräume als Forschende und als Beforschte tätig wurden. Obwohl anders und für eine andere Klientel konzipiert stehen diese brasilianischen Workshops ebenso wie die Oldenburger Team-/Aktionsforschung für ein epistemologisches Modell, das die Interaktionen nachzuvollziehen versucht, die sich ereignen, wenn Lebenswelten zugleich (von Forschenden) untersucht und (von/mit Beforschten) geteilt werden.

  • LANGTHALER thematisiert in seinem Beitrag mit der Einsicht in die Möglichkeiten einer reflexiven Feldforschung zugleich deren Grenzen – Grenzen, die auch aus der "Deutungsmacht" der Leser(innen) über die Texte resultieren. Hier ist, wie in vielen anderen in diesen beiden Schwerpunktausgaben veröffentlichten Beiträgen das Wissen darüber virulent, dass der Forschungsprozess nicht mit der Auswertung endet: Weil Forscher(innen) zugleich Autor(inn)en sind, ist die Frage, wie sie Wissen aufbereiten und vermitteln, eine zunehmend bedeutsame. So beschäftigt sich Eileen DAY in ihrem Beitrag mit experimentellem Schreiben als Mittel der Reflexion von Subjektivität. Wie etwa für RILEY et al. und für RITTENHOFER ist für DAY die Konstruktion und Re-Konstruktion verschiedener Subjekt-Positionen ein notwendiges Element von – in ihrem Falle – ethnografischer Forschung: DAY fragt sich, wie es gelingen könnte, über einen "singulären autoritären Schreibstil" hinausgehend "multiple Stimmen und Realitäten in das Erzählen" hineinzuweben und gleichzeitig die eigene Geschichte und Entwicklung als Sozialforscherin zu beschreiben. Indem sie die Geschichte des Entstehens und Fertigstellens ihres Beitrags erzählt, eröffnet sie zusätzliche Räume zum Nachvollzug ihres Wissenskonstruktionsprozesses. Um die Veröffentlichung des Zusammenhangs zwischen Person und Werk geht es auch Chaim NOY in seiner theoretisch inspirierten Autoethnographie, die sich mit dem Prozess des Schreibens seiner Promotion über Rucksacktourist(inn)en beschäftigt: Er reflektiert auf die Beziehung zwischen den Erzählungen über Identität und Veränderung auf Seiten der Rucksacktouristen, die er untersuchte, und der eigenen Erzählung, die von seiner Initiationsreise als wissenschaftlicher Novize handelt. Carolyn ELLIS begeht die sozialwissenschaftliche Konventionsverletzung, die DAY und NOY zu reflektieren (und insoweit auch zu rechtfertigen) versuchen: Ihre autoethnografische Erzählung beschäftigt sich mit dem Prozess der Grabpflege für Familienangehörige, indem sie die eigene Sozialisation in diesen Prozess durch die Mutter und durch die eigene Reaktion auf den Tod der Mutter beschreibt. Die Erzählung über familiäre Todesrituale und deren Weitergabe über Generationen bleibt persönlich, die Verallgemeinerung ist den anderen überlassen. [15]

4. Lesarten und Einladung zum weiteren Diskurs

Die zuvor skizzierte Struktur erlaubt eine mögliche Sortierung der veröffentlichten Beiträge, um deren Einordnung und Rezeption zu erleichtern. Ein weiteres – handlungstheoretisches – Rahmenmodell, in das verschiedene Arten von Reflexivität eingeordnet werden können, schlagen Wolff-Michael ROTH und Franz BREUER vor. Zusätzlich skizziert Franz BREUER vier epistemologische Grundannahmen einer konstruktionistischen Epistemologie und er diskutiert entlang der Phasen, die im Forschungsprozess durchlaufen werden, Problemstellungen, für die die veröffentlichten Beiträge Lösungsansätze liefern können. [16]

Es handelt sich, dies sei hier explizit betont, um mögliche Lösungsansätze: Die Sammlung der in FQS 3(3) und FQS 4(2) zum Thema "Subjektivität und Selbstreflexivität im qualitativen Forschungsprozess" veröffentlichten Beiträge ist nicht systematisch und nicht vollständig – ein solches Ansinnen wäre ohnehin und gerade angesichts der gewählten Thematik weder einlösbar noch seriös. Stattdessen ist das, was behandelt wird, vielfach eher exemplarisch: Es hätten andere/zusätzliche Theorien zur Fundierung herangezogen werden können, es sind andere Beiträge vorstellbar, die helfen könnten, Interaktionen im Forschungsprozess und im Spannungsverhältnis zwischen Forscher(innen)persönlichkeit, Untersuchungsfeld und Wissenschaftskultur nachzuvollziehen (VOLMERG 1988), und es sind andere "Instrumente" denkbar (und sie existieren), die helfen (sollen/können), Subjektivität und (Selbst-) Reflexivität konstruktiv und mit Erkenntniszugewinn zu nutzen. Auch ist das hier veröffentlichte Wissen im Laufe von Forschungsarbeiten gewonnenes perspektivisches Wissen, keine über Personen, Zeiten und Situationen hinweg gültige und unumstößliche (wissenschaftliche) Wahrheit. Gleichwohl hoffen wir, mit dieser größten bisher veröffentlichten Sammlung von Beiträgen zu Subjektivität und Selbstreflexivität im qualitativen Forschungsprozess zum weiteren Verstehen und zur weiteren Diskussion anzuregen, zumal Autor(inn)en aus unterschiedlichen Disziplinen und Nationen einen Einblick in den Stand ihres Arbeitens eröffnet haben, an den andere – sei es kritisch oder zustimmend, aber hoffentlich nutzbringend für die eigene Arbeit – anschließen können. Selbstverständlich sind alle eingeladen, diesen Prozess mit uns in FQS weiterzuführen! [17]

Danksagung

Schwerpunktausgaben wie die zu "Subjektivität und Selbstreflexivität im qualitativen Forschungsprozess" zu planen, zu realisieren und zu publizieren ist ein sehr arbeitsaufwändiger Prozess. Dies wäre bereits der Fall, wenn FQS eine nur einsprachige Zeitschrift wäre, es gilt umso mehr, weil gleich für drei Sprachen versucht wird, qualitativ möglichst hochwertige Texte bereitzustellen. Wir tun dies, weil FQS ein wichtiges Forum, mittels dessen (qualitativ) Forschende über Disziplin- und Sprachgrenzen hinweg voneinander, von ihren Arbeiten, von ihrem Wissenstand und ihren Fragen erfahren und miteinander in Austausch treten können. Viele sind daran beteiligt, FQS als dreisprachige, peer-reviewed und kostenfrei zugängliche Zeitschrift für die internationale Fachöffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, und wir wollen an dieser Stelle all jenen herzlich danken, die unmittelbar an der Planung, Realisierung und Veröffentlichung von FQS 3(3) und FQS 4(2) beteiligt waren! Ausdrücklich erwähnt seien neben den Autor(inn)en und den beteiligten externen Gutachter(inne)n Tina PATEL, César A. CISNEROS PUEBLA, Euclides SANCHEZ, Daniel Domínguez FIGAREDO, Saul FUKS, Carlos KÖLBL und Miren MERKELBACH als Mitglieder der FQS-Redaktion, Antje LETTAU sowie die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die dieses Projekt mit ihren Fördermitteln möglich macht.

Anmerkungen

1) Dieser Eindruck musste zumindest für die veröffentlichten Beiträge revidiert werden: Die Autor(inn)en gehören unterschiedlichen Statusgruppen zu und neben Beitragenden, die sich als Noviz(inn)en um den Zugang in die Wissenschaften bemühen, finden sich viele, die seit langem in der Wissenschaft (und teilweise der Praxis) tätig sind sowie einige, die – aus unterschiedlichen Positionen – für die qualitative Sozialforschung wegweisende Beiträge geleistet und internationale Anerkennung erworben haben. <zurück>

2) Siehe hierzu auch die ebenfalls in FQS 4(2) veröffentlichten Beiträge zur FQS-Debatte Erfolgreich Sozialwissenschaft betreiben – Ethnographie der Karrierepolitiken einer Berufsgruppe und insbesondere den Beitrag von Günter BURKART. <zurück>

3) Das Folgende ist ein gekürzter und revidierter Auszug aus MRUCK 1999, S.3ff. <zurück>

Literatur

Bonss, Wolfgang & Hartmann, Heinz (Hrsg.) (1985). Entzauberte Wissenschaft. Zur Relativität und Geltung soziologischer Forschung. Soziale Welt, Sonderband 3. Göttingen: Schwartz.

Breuer, Franz (1996a). Vorbemerkung. In Franz Breuer (Hrsg.), Qualitative Psychologie. Grundlagen, Methoden und Anwendungen eines Forschungsstils (S.9-11). Opladen: Westdeutscher Verlag.

Breuer, Franz (1996b). Theoretische und methodologische Grundlinien unseres Forschungsstils. In Franz Breuer (Hrsg.), Qualitative Psychologie. Grundlagen, Methoden und Anwendung eines Forschungsstils (S.14-40). Opladen: Westdeutscher Verlag.

Devereux, Georges (1973). Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. München: Hanser. (Orig. 1967)

Erdheim, Mario (1989). Subjektivität als Erkenntnismedium und ihre Krisen im Forschungsprozeß. In Wilfried Breyvogel (Hrsg.), Pädagogische Jugendforschung (S.81-93). Opladen: Leske + Budrich.

Krauß, Thomas (1996). Die Schimäre der Gegenübertragung. Zum Beitrag von Elisabeth Rohr "Rausch und Askese. Zur Ethnopsychoanalyse des Fundamentalismus". Journal für Psychologie, Doppelheft 4/95 und 1/96, 96-98.

Mruck, Katja (1999). "Stets ist es die Wahrheit, die über alles gebietet, doch ihre Bedeutung wandelt sich." Zur Konzeptualisierung von Forschungsobjekt, Forschungssubjekt und Forschungsprozeß in der Geschichte der Wissenschaften. Münster: Lit.

Mruck, Katja & Mey, Günter (1996). Qualitative Forschung und das Fortleben des Phantoms der Störungsfreiheit. Journal für Psychologie, 4(3), 3-21.

Mruck, Katja & Mey, Günter (1998). Selbstreflexivität und Subjektivität im Auswertungsprozeß biographischer Materialien – zum Konzept einer "Projektwerkstatt qualitativen Arbeitens" zwischen Colloquium, Supervision und Interpretationsgemeinschaft. In Gerd Jüttemann & Hans Thomae (Hrsg.), Biographische Methoden in den Humanwissenschaften (S.284-306). Weinheim: Beltz/Psychologie Verlags Union.

Popper, Karl R. (1984). Logik der Forschung. Tübingen: Mohr. (Orig. 1934)

Rauschenbach, Brigitte (1996). Von uns selbst aber sprechen wir. Störenfried Subjektivität als Symptom und Methode unserer Zeit. In Martin Heinze & Stefan Priebe (Hrsg.), Störenfried "Subjektivität". Subjektivität und Objektivität als Begriffe psychiatrischen Denkens (S.15-42). Würzburg: Königshausen & Neumann.

Reichenbach, Hans (1970). Experience and Prediction. An Analysis of the Foundations and the Structure of Knowledge. Chicago, London: The University of Chicago Press. (Orig. 1938)

Rosaldo, Renato (1993). Der Kummer und die Wut eines Kopfjägers. Über die kulturelle Intensität von Emotionen. In Eberhard Berg & Martin Fuchs (Hrsg.), Kultur, soziale Praxis, Text. Die Krise der ethnographischen Repräsentation (S. 375-401). Frankfurt/M.: Suhrkamp. (Orig. 1984)

Volmerg, Birgit (1988). Erkenntnistheoretische Grundsätze interpretativer Sozialforschung in der Perspektive eines psychoanalytisch reflektierten Selbst- und Fremdverstehens. In Thomas Leithäuser & Birgit Volmerg, Psychoanalyse in der Sozialforschung (S.131-179). Opladen: Westdeutscher Verlag.

Zur Autorin und zum Autor

Katja MRUCK, Franz BREUER

Zitation

Mruck, Katja & Breuer, Franz (2003). Subjektivität und Selbstreflexivität im qualitativen Forschungsprozess – Die FQS-Schwerpunktausgaben [17 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 4(2), Art. 17, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0302233.

Revised 6/2008



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