Volume 4, No. 2, Art. 34 – Mai 2003

Geschichte(n) über Geschichte(n). Historisch-anthropologische Feldforschung als reflexiver Prozess

Ernst Langthaler

Zusammenfassung: Dieser Artikel diskutiert Möglichkeiten und Grenzen reflexiver Feldforschung am Beispiel einer historisch-anthropologischen Gemeindestudie. Im Gegensatz zu den meisten Formen der "teilnehmenden Beobachtung" anerkennen die Formen einer "beobachtenden Teilnahme" die Subjektivität des forschenden Subjekts als Bedingung wissenschaftlicher Erkenntnis. Der Diskurs des Forschers über die lokale Alltagsgeschichte im 20. Jahrhundert im Allgemeinen und die nationalsozialistische Ära im Besonderen kollidiert in vielerlei Situationen mit vorherrschenden Gedächtnisdiskursen. Solche "Störungen" entpuppen sich als Gelegenheiten, die Bedingungen und Folgen der eigenen Forschungspraxis zu reflektieren. Die daraus gewonnenen Einsichten in die Möglichkeiten einer reflexiven Feldforschung verdeutlichen auch deren Grenzen, etwa die Deutungsmacht der LeserInnen über die Texte des Autors.

Keywords: Reflexivität, Feldforschung, Alltagsgeschichte, Lokalgeschichte, Nationalsozialismus, Gemeindestudie, Gedächtnis, Textrezeption

Inhaltsverzeichnis

1. Beobachtung oder Teilnahme?

2. Stadien des reflexiven Prozesses

2.1 Produktion von Geschichte(n)

2.2 Konsumtion von Geschichte(n)

3. Perspektiven einer reflexiven Gedächtnisgeschichte

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Beobachtung oder Teilnahme?

Die Grenze zwischen "dem Forscher" und "dem Feld" ist in Bewegung geraten; die "ethnografische Repräsentation", die aus dieser Abgrenzung hervorgegangen ist, befindet sich dem Vernehmen nach in einer Krise (BERG & FUCHS 1993). Das Paradigma sozial- und kulturwissenschaftlicher Feldforschung MALINOWSKIscher Prägung als vermeintlich objektive Beobachtung eines objektivierbaren Gegenstandes ist seit den siebziger Jahren von zwei Seiten her in Frage gestellt worden: aus der Sicht der BeobachterInnen und der Beobachteten. Nicht nur die im Feld lebenden Beforschten, sondern auch die FeldforscherInnen selbst erschienen deutlicher als zuvor als deutende und handelnde Subjekte, die mit ihrem jeweiligen Gegenüber in wechselseitige Beziehungen verstrickt sind. Das forschende Subjekt wurde darüber selbst zu einem beforschten Subjekt, das über Voraussetzungen und Konsequenzen des eigenen Deutens und Handelns inner- und außerhalb des Feldes zu reflektieren begann. Eine so verstandene reflexive Feldforschung, eine "Feldforschung der Feldforschung" sozusagen, interessierte sich nicht mehr ausschließlich für die Ethnografierten, sondern in besonderem Maß für die Ethnografierenden und deren Produkte, die ethnografischen Texte. Kurz, "der Forscher" wurde umfassender als zuvor als Mitspieler "des Feldes" wahrgenommen (BOURDIEU & WACQUANT 1996). Reflexive Feldforschung als nicht-rhetorische, praktische Strategie erfordert methodologische Konsequenzen: Die Spielarten der "teilnehmenden Beobachtung", dem "Königsweg" der Feldforschung nach MALINOWSKI, bleiben häufig der objektivistischen Annahme eines privilegierten Beobachterstandpunktes verhaftet (KREMSER 1998); stattdessen anerkennen reflexive Ansätze, die man – die Gewichtung von Teilnahme und Beobachtung umkehrend – als "beobachtende Teilnahme" bezeichnen könnte, die Subjektivitäten der in mehreren Feldern interagierenden ForscherInnen als Bedingung wissenschaftlicher Erkenntnis. [1]

Ich verstehe Reflexivität mit Anthony GIDDENS als Strategie, die das Wissen um Bedingungen und Folgen des eigenen Deutens und Handelns in dessen Steuerung einfließen lässt: "Die Reflexivität des Lebens in der modernen Gesellschaft besteht darin, dass soziale Praktiken ständig im Hinblick auf einlaufende Informationen über ebendiese Praktiken überprüft und verbessert werden, so dass ihr Charakter grundlegend verändert wird." (1996, S.54) Wissenschaftliche und alltägliche Reflexivität erscheinen nicht als Gegensätze, sondern als Variationen ein und derselben Logik; sie unterscheiden sich nicht prinzipiell, sondern graduell. Wissenschaftliche Reflexivität, so Pierre BOURDIEU (1993), erfordere die "Objektivierung des objektivierenden Subjekts", die umfassende Infragestellung der im Alltag nur ansatzweise hinterfragten Bedingungen und Folgen des eigenen Deutens und Handelns. Eine reflexive Wissenschaftspraxis ist nicht allein eine Frage subjektiven Wollens, sondern vor allem objektiver Bedingungen, die Deutungs- und Handlungsspielräume ermöglichen und begrenzen: die klassen-, geschlechter- und generationenspezifischen Habitusformationen der wissenschaftlichen Akteure; die ökonomischen, sozialen und kulturellen Kapitalien der Forschenden, die als symbolisches Kapital Anerkennung finden; die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln des akademischen Feldes.1) Kurz, die Möglichkeit oder Unmöglichkeit wissenschaftlicher Reflexivität wird in hohem Maß durch verinnerlichte und äußerliche Strukturen bestimmt, in die gesellschaftliche Machtverhältnisse eingeschrieben sind. [2]

Die Möglichkeiten und Grenzen einer solchen "teilnehmenden Objektivierung" hat Pierre BOURDIEU (2002) an seiner eigenen "Flugbahn" durch den sozialen Raum ausgelotet. Dieser "soziologische Selbstversuch" stellt gewissermaßen den Höhe- und Endpunkt eines reflexiven Bemühens dar, das sich wie ein roter Faden durch das Werk des kurz vor der Publikation des Manuskripts verstorbenen Soziologen zieht (SCHULTHEIS 2002). Angesichts der Befürchtung einer "autobiografischen" Umdeutung dieser "Anti-Autobiografie" in der Medienöffentlichkeit erörtert BOURDIEU die Bedingungen und Folgen seiner wissenschaftlichen Praxis vor dem Hintergrund seiner "Flugbahn" durch inner- und außerwissenschaftliche Felder im sozialen Raum. Dabei wird deutlich, wie sehr seine Strategien im Wissenschaftsfeld durch Erfahrungen in außerwissenschaftlichen Feldern bedingt waren. Vor allem wiesen die Bearbeitungsversuche krisenhafter, die eigenen Gewissheiten erschütternder Fremdheitserfahrungen, etwa des aus der Provinz Stammenden in der Pariser Eliteschule oder des französischen Intellektuellen im algerischen Befreiungskrieg, seiner "Flugbahn" durch den sozialen Raum die Richtung. Solche Krisen bewältigte BOURDIEU unter anderem durch die "Konversion" vom Philosophen zum Ethno- und Soziologen, vom "reinen" Theoretiker zum Theoretiker der Praxis. Fremdheit und Verfremdung des Gegenstandes erscheinen ihm als notwendige Bedingungen, um den Zauber der ihm anhaftenden Vertrautheit zu brechen, ohne ihn mit dem exotistischen Zauber des "Anderen" zu umgeben. Die Lektüre von BOURDIEUs "soziologischem Selbstversuch" legt nahe, außerwissenschaftliche, manchmal auch krisenhafte Erfahrungen aus dem Erkenntnisprozess nicht auszuklammern, sondern als Bedingungen der eigenen Wissenschaftspraxis einfließen zu lassen. In der Folge werde ich an einer historisch-anthropologischen Gemeindestudie, an der ich vom Ende der achtziger bis zur Mitte der neunziger Jahre gearbeitet habe (LANGTHALER 2002), solche Anlässe für reflexive Prozesse an den Schnittstellen zwischen Wissenschaftsfeld und anderen Feldern im sozialen Raum diskutieren. [3]

2. Stadien des reflexiven Prozesses

2.1 Produktion von Geschichte(n)

Die Notwendigkeit, die eigene Position im Feld zu reflektieren, entstand unter anderem aus der Besonderheit meines Gegenstandes – der Alltagsgeschichte jener Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin, einige Jahre als Lehrer gearbeitet habe und heute noch wohne. Was sich zunächst problemlos in die Tradition der "Heimatgeschichte" gefügt hatte, wurde zusehends zum Problem: die zeitliche, räumliche und soziale Nähe des Forschers zum Gegenstand. Im Jahr 1992, am Beginn meines Projekts, sprach ich im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung über das Mitmachen, Hinnehmen und vereinzelte Widerstehen der GemeindebewohnerInnen während der nationalsozialistischen Herrschaft. Ich rückte zwei Leitfiguren der Dorfpolitik der dreißiger Jahre in den Mittelpunkt: den Oberlehrer Karl Weber, der sich während des austrofaschistischen "Ständestaates" 1934 bis 1938 für die "Vaterländische Front" engagierte und nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1938 als Schulleiter zwangspensioniert wurde, und den Lehrer Leopold Friewald, der als Gründer der Ortsgruppe der nationalsozialistischen Partei und "illegaler" Ortsgruppenleiter während der Verbotszeit 1933 bis 1938 nach dem "Anschluss" 1938 zunächst zum Schulleiter, schließlich auch zum Bürgermeister aufstieg. Ein älterer Gemeindebewohner, nennen wir ihn Alois Berger, entlastete in einer heftigen Attacke die damaligen Akteure im Allgemeinen und Leopold Friewald im Besonderen von jeglicher Mitverantwortung für den Nationalsozialismus; und er warf mir Parteilichkeit vor. "Es sind immer dieselben Köche, die uns ständig denselben verdorbenen Brei vorsetzen" – so habe ich seine Worte in Erinnerung. Als Urenkel Karl Webers könnte ich über Personen wie Leopold Friewald kein gerechtes Urteil abgeben. Ein anderer Gemeindebewohner, ein pensionierter Schulleiter, unterstützte ihn mit der Frage, wie ein so "intelligenter Mensch" zum "Spielball" des Nationalsozialismus werden konnte. Mit einem Mal waren die Grenzen zwischen "dem Forscher" und "dem Feld" in Bewegung geraten; ich sah mich als Forschungssubjekt in ungeahntem Ausmaß mit meinem Forschungsobjekt verstrickt. [4]

Wie in einem Brennglas bündeln sich in diesem Schlüsselerlebnis jene vorerst unerkannten Bedingungen, die wissenschaftliche Erkenntnis ermöglichen und begrenzen (FELT, NOWOTNY & TASCHWER 1995). Vor dem Hintergrund der BOURDIEUschen Sozialtheorie lässt sich die Lebenswelt des homo academicus in Kräftefelder einbetten, in denen dieser gemeinsam mit oder in Konkurrenz zu anderen um Anerkennung als Sprecher über spezifische Gegenstände ringt. Die Akteure gruppieren sich abhängig vom Wert ihres symbolischen Kapitals, der sich aus der Anerkennung ihrer ökonomischen, sozialen, kulturellen und sonstigen Kapitalien im Feld speist, um einen herrschenden und einen beherrschten Pol (Abbildung 1).2) In meinem Fall können mehrere, ambivalente Positionen innerhalb dieser Kräftefelder bestimmt werden. Im Feld der wissenschaftlichen Öffentlichkeit tendierte ich einerseits als Studierender und danach als freiberuflicher Historiker, der sich unter den Labels einer Alltagsgeschichte, Mikrohistorie und historischen Anthropologie (LÜDTKE 1998) abseits des mainstream der Geschichtswissenschaften bewegte, zwangsläufig zu einer beherrschten Position. Andererseits kehrte sich diese Randständigkeit in "peripheren" Arenen des Wissenschaftsfeldes, etwa in interdisziplinären Arbeitsgruppen, in eine herrschende Position um. Im Feld der massenmedialen Öffentlichkeit nahm ich einerseits als Inhaber wissenschaftlicher Deutungsmacht eine herrschende Position ein; andererseits zählten im Medienfeld WissenschafterInnen im Allgemeinen sowie Sozial- und KulturwissenschafterInnen im Besonderen zu den von Markt und Staat beherrschten Herrschenden. [5]

Im Unterschied zu meinen Positionen in den Feldern der wissenschaftlichen und der massenmedialen Öffentlichkeit, die allgemeine Bedingungen jüngerer Sozial- und KulturwissenschaftlerInnen im Österreich der neunziger Jahre darstellten, nahm ich im Feld der dörflichen Öffentlichkeit eine besondere Position ein: Erstens bewirkte meine Herkunft aus dem kleinbürgerlichen Milieu der Gemeinde – mein Vater war Angestellter eines Energieversorgungsunternehmens und meine Mutter arbeitete als Verkäuferin in einer örtlichen Gemischtwarenhandlung – eine latente Spannung zu Angehörigen des bäuerlichen und proletarischen Milieus, die sich in unterschiedlichen Kontexten, etwa in der Grundschule, in der Jugendgruppe oder im Verein, durch wechselseitige Grenzziehungen manifestierte. Solche Grenzziehungen knüpften sich etwa daran, ob man – wie in meinem Fall – in der zentralen Dorfsiedlung, dem "Markt", oder in den umliegenden Weiler- und Streusiedlungen wohnte. Zweitens verstärkten mein Bildungsweg zum Lehrberuf und, in weiterer Folge, zum Historiker diese ambivalente, zwischen Ein- und Ausschluss schwankende Position. Auf diese Weise wurde ich in der dörflichen Wahrnehmung zum "Studierten", zum Vertreter des offiziellen, "von oben" und "von außen" stammenden Buchwissens. Dieses Bildungskapital qualifizierte mich in den Augen der Gemeindevertretung wohl auch als Mitautor des in Auftrag gegebenen "Heimatbuches". Drittens nährte demgegenüber die Tatsache, dass ich als 1965 Geborener über zeitlich davorliegende Ereignisse schreiben sollte, das Misstrauen jener, die als ZeitzeugInnen das jeweils subjektive Wissen darüber, "wie es gewesen" ist, zur objektiven Gewissheit machten. Viertens sensibilisierte mich die in den achtziger Jahren angelaufene Debatte um das Verhältnis der österreichischen Bevölkerung zum Nationalsozialismus, die in der Affäre um die Kriegsvergangenheit des 1986 zum Bundespräsidenten gewählten Kurt Waldheim kulminierte, gegen den damals in Österreich erneut aufkeimenden Rechtspopulismus. Diese Position der "Vergangenheitsbewältigung", die vor allem auf die "Täter"-Anteile der ÖsterreicherInnen unter nationalsozialistischer Herrschaft fokussierte, provozierte nicht nur an öffentlichen Orten, sondern auch im Familien- und Verwandtenkreis Auseinandersetzungen mit lokalen Wortführern der herrschenden "Opfer"-These – vor allem mit meinem im Jahr 1941 geborenen, der "Wirtschaftswunder"-Generation angehörenden Vater. Er, dessen Vater als Soldat der Deutschen Wehrmacht ums Leben gekommen war, verteidigte in diesen Auseinandersetzungen den ehemaligen Wehrmachtsoffizier Kurt Waldheim gegen die Angriffe von der "amerikanischen Ostküste" – einer antisemitischen Metapher für die weltumspannende Macht des "Judentums". Auf diese Weise verschränkte sich der Konflikt zwischen gegensätzlichen Geschichtsbildern mit dem Konflikt zwischen väterlicher Autorität und dem Aufbegehren des Sohnes. Fünftens, wie das zuvor geschilderte Schlüsselerlebnis zeigt, wurde über meine Verwandtschaft zu meinem Urgroßvater ein Auftrag zur Verteidigung von dessen "Ehre" abgeleitet.



Abbildung 1: Forschungspraxis im Kontext von Dorf-, Wissenschafts- und Medienfeld (+ herrschender Pol, – beherrschter Pol; der graue Bereich bezeichnet die Lebenswelt der Forscherin/des Forschers zwischen Medien-, Wissenschafts- und Dorffeld) [6]

Auch im Feld der Dorföffentlichkeit besetzte ich, je nach situativem Kontext, ambivalente Positionen zwischen dem herrschenden und dem beherrschten Pol. Die damit verbundenen Grenzziehungen erschütterten einerseits meine Doppelrolle als Angehöriger und Beforscher des Feldes; andererseits festigten solche Differenzerfahrungen Schritt für Schritt meine Identität als Wanderer dies- und jenseits der Dorfgrenzen. Dieses "Grenzgängertum", das zunächst einen unerwünschten "Störfaktor" meiner Forschungen dargestellt hatte, erwies sich im Zuge der darüber ausgelösten Reflexionen als deren notwendige Bedingung. Reflexivität hat nach Pierre BOURDIEU (1993, S.372) nicht sich selbst, sondern etwas anderes zum Zweck: die Grenzen der Erkenntnis, die das Sagbare vom Unsagbaren scheiden, in Richtung komplexerer Bilder der sozialen Realität zu verschieben. Diese Erweiterung des Erkenntnispotenzials erforderte weitere "Grenzgänge" inner- und außerhalb des Feldes: Zunächst begriff ich die Dynamik wechselseitiger Positionierungen – bewusster, vorbewusster oder unbewusster Zuschreibungen von Positionen an sich selbst oder an andere3) – als Manifestation latenter Konfliktlinien zwischen Individuen und Kollektiven. Daran war die Absicht geknüpft, an solchen häufig verstörenden Selbst- und Fremdpositionierungen bisher unerkannte Dimensionen der erforschten Gesellschaft zu erkennen. Doch mein subjektiver Wille stellte keine hinreichende Bedingung für solche Reflexionen dar; diese erforderte auch objektive Bedingungen, um die Nähe zu meinem Gegenstand aufzuheben und mich aus der Distanz auf andere Weise daran anzunähern. Diese "zweite Welt" jenseits der dörflichen Welt war aus dauerhaften, von gemeinsamen Erkenntnisinteressen getragenen Beziehungen zu Wissenschafter-KollegInnen geknüpft.4) Vom Ende her betrachtet, ist man geneigt, diesem interaktiven Reflexionsprozess ein höheres Maß an Zielstrebigkeit zuzuschreiben, als dies zu Beginn absehbar war. Der subjektive Wille zur Reflexivität und dessen objektiven Bedingungen erzeugten zwar ein Erkenntnispotenzial, das in situativen Kontexten mehr zufällig als planvoll in die Praxis umgesetzt wurde. Mit zunehmender Dauer gewann dieser interaktive Reflexionsprozess jedoch eine Eigendynamik; selbst in Situationen, in denen die Erfahrungen anderer KollegInnen besprochen wurden, ließen sich die eigenen Erfahrungen dazu assoziieren. [7]

Wenn ich nun einige Erkenntnisse meiner Reflexionen über das Schlüsselerlebnis des Jahres 1992 skizziere, dann sollte der Eindruck der Geschlossenheit nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich dabei um das Resultat eines offenen, über mehrere Jahre laufenden Prozesses handelt. Mit jedem Schritt dieses Prozesses wurde für mich deutlicher, dass sich die politische Landschaft der Gemeinde quer zu den formellen Parteiorganisationen nach informellen Männer-Netzwerken gliederte, die sich aus Verwandtschafts-, Nachbarschafts- und Klientel-Beziehungen knüpften. Die männliche Vorherrschaft in der Dorfpolitik bewirkte den nahezu vollständigen Ausschluss der Frauen von politischen Ämtern. Die Repräsentanten dieser Netzwerke sind in der Situation des Jahres 1992 real oder virtuell zugegen: Karl Weber, mein vor Jahrzehnten verstorbener Urgroßvater, als eine Leitfigur der katholisch-konservativen Fraktion, die sich nach 1945 im Bauernbund und Wirtschaftsbund der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) organisierte; Leopold Friewald, der ebenfalls bereits verstorbene Kontrahent meines Urgroßvaters, als Leitfigur der national-konservativen Fraktion, deren Anhänger sich im 1953 unter der Obmannschaft Alois Bergers gegründeten Arbeiter- und Angestelltenbund (ÖAAB) der ÖVP formierten; mein Vater als Integrationsfigur beider Fraktionen – einerseits ÖAAB-Funktionär und Nachfolger Alois Bergers als ÖVP-Obmann, andererseits verheiratet mit der Enkeltochter Karl Webers; der Diskussionsleiter der Veranstaltung, der als politischer "Ziehsohn" Alois Bergers im Zuge einer innerparteilichen Affäre mit seinem "Ziehvater" gebrochen hat; der Vertreter der "Spielball"-These, der in den siebziger Jahren als Schulleiter und ÖAAB-Obmann an der Spitze eines – gescheiterten – Putschversuches gegen den damals amtierenden ÖVP-Bürgermeister stand; Alois Berger als umtriebige Leitfigur des ÖAAB, dem der Weg an die Spitze der Dorfpolitik auf Grund innerparteilicher Konflikte letztlich verwehrt geblieben ist; ich als vermeintlicher – und über meinen damaligen Beruf als Lehrer legitimierter – Verteidiger der "Ehre" meines Urgroßvaters. Dieses Zusammentreffen realer und virtueller Figuren verdichtete sich im Denken Alois Bergers vermutlich zu einer Kraftprobe zwischen den beiden politischen Fraktionen; dies macht seine heftige Attacke gegen einen, der die Lokalgeschichte im gegnerischen Sinn umzuschreiben schien, versteh- und erklärbar. [8]

Die Attacke Alois Bergers scheint jedoch nicht allein durch dessen Deutungs- und Handlungsmustern bedingt; eine weitere Bedingung boten wohl auch meine eigenen Deutungs- und Handlungsweisen, mein Fokus auf die nationalsozialistische Ära der Lokalgeschichte im Allgemeinen und die Verstrickung lokaler Akteure in die NS-Herrschaft im Besonderen. Diese "politisierende Note" meiner Version der lokalen Alltagsgeschichte wird vor dem Hintergrund meiner ambivalenten Position im Feld der dörflichen Öffentlichkeit versteh- und erklärbar. Der Vortrag über die Lokalgeschichte der NS-Zeit diente mir wohl – ohne dass ich dies intendiert hätte – als Anlass, um meine partielle Distanz zu den dörflichen Strukturen und deren RepräsentantInnen in Szene zu setzen; zugleich vermied ich dabei, meine partielle Nähe aufzugeben. Kurz, der Auftritt auf der Bühne der Dorföffentlichkeit hatte die Funktion, meine Position als "Grenzgänger" symbolisch zu inszenieren, ohne meine soziale Position im Alltag grundsätzlich auf das Spiel zu setzen. Alois Berger und ich fochten, aus unterschiedlichen Bedingungen heraus, einen verbalen, intergenerationellen "Stellvertreterkrieg" aus: Er sah meine Person stellvertretend für meinen Urgroßvater, der die katholisch-konservativen Fraktion repräsentierte; darüber machte er sich zum Stellvertreter der national-konservativen Fraktion und deren Repräsentanten Leopold Friewald. Ich sah beide Akteure der dreißiger Jahre stellvertretend für RepräsentantInnen der dörflichen Strukturen der neunziger Jahre; darüber machte ich mich zum Stellvertreter des damals virulenten "Vergangenheitsbewältigungs"-Diskurses und dessen RepräsentantInnen, der "Köche, die uns ständig denselben verdorbenen Brei vorsetzen". Sein Konfliktherd befand sich in der Vergangenheit, meiner war der Gegenwart verhaftet. Vermittelt wurde der auf zwei unterschiedlichen Schauplätzen gleichzeitig ausgetragene Krieg der Worte durch Assoziationsketten, die VertreterInnen gegenwärtig lebende Generationen als Stellvertreter für vergangene Generationen imaginierten und vice versa. [9]

2.2 Konsumtion von Geschichte(n)

Der Umstand, dass mir über Verwandtschaft, Beruf, Geschlecht, Generation und andere Merkmale zwangsläufig Positionen innerhalb dieses Geflechts zugeschrieben wurden, hatte auch Konsequenzen für die Art und Weise, in der ich die Lokalgeschichte zu Papier brachte. Der affirmative Rückzug auf eine scheinbar "unpolitische" Ebene – ein verbreitetes Muster der "Heimatgeschichte" der fünfziger und sechziger Jahre – schien mir von vornherein abwegig. Eine kritische Intervention auf der Ebene des Politischen – das Credo der emanzipatorischen Regionalgeschichte der siebziger und achtziger Jahre – beflügelte einige Zeit lang meine Phantasie. Eine problemorientierte Alltagsgeschichte, die den BewohnerInnen die Pathologien der Lebenswelt bewusst macht, könnte, so meinte ich, Prozesse der "Selbstheilung" in Gang setzen (ZANG 1985). Dabei projizierte ich, zunächst unerkannt, in der gegenwärtigen Beschäftigung mit der Vergangenheit der Gemeinde eigene Werte in deren Zukunft: Demokratie, Partnerschaft, Nachhaltigkeit, Antifaschismus, Solidarität. Kurz, ich verkannte die Logik der beforschten Subjekte mit der Logik des forschenden Subjekts. [10]

Meine Erfahrungen in Dorf, Wissenschaft und anderen Handlungsfeldern enttäuschten solche Allmachtsphantasien Schritt für Schritt; nicht zuletzt das Schlüsselerlebnis des Jahres 1992 zeigte, dass das Gedächtnis, jenes des Forschers ebenso wie jenes der Beforschten, erst in der verbalen und nonverbalen Kommunikation zwischen Akteuren hergestellt – reproduziert und transformiert – wird (LANGTHALER 1999).5) Vor diesem Hintergrund schlug ich einen Weg jenseits affirmativer oder kritischer Überspitzungen ein. Während sich ein "unpolitischer Chronist" von vornherein aus dem Gedächtnisdiskurs über politisierte Ereignisse ausschließt und ein "politischer Therapeut" Gefahr läuft, durch Selbst- und Fremdpositionierungen davon ausgeschlossen zu werden, könnte ein Moderator als Sprecher über die Lokalgeschichte Anerkennung finden. Er zieht sich zurück, um den unterschiedlich mächtigen TeilnehmerInnen zu ermöglichen, ihre eigenen Positionen zum Ausdruck zu bringen (affirmatives Potenzial). Und er meldet sich kraft seiner Legitimität zu Wort, um vom Ausschluss bedrohte Positionen wiederum in den Diskurs einzuschließen (kritisches Potenzial).6) In seinem solchen Dialog sind, entgegen dem HABERMASschen Ideal einer herrschaftsfreien Sprechsituation, nach LYOTARD die Machtbeziehungen zwischen den Sprechenden in praxi wirksam. Freilich tritt der Forscher einiges von seiner Deutungsmacht an andere Akteure ab – an die Beforschten, die, wie in diesem Fall, auch mögliche LeserInnen des Autorentextes sind (BONACKER 1998). Der angemessene Inhalt dieses Gedächtnisdiskurses ist weniger, "wie die Welt für alle gewesen ist", sondern vielmehr, "wie die Welt von einzelnen gesehen wurde". Die angemessene Form ist weniger die monologische Meistererzählung, sondern vielmehr ein Text-Patchwork (LÜDTKE 1998, S.575f.), das unterschiedlichen Stimmen Ausdruck verleiht. Auf diese Weise treten die Selbst- und Fremddeutungen der Beforschten, die in Zeitungsartikeln, Interviewpassagen, Autobiographien, Archivalien, Fotografien und anderen Äußerungen ihren Niederschlag finden, und die Äußerungen des forschenden – verstehenden und erklärenden – Subjekts zueinander in Spannung (Abbildung 2).



Abbildung 2: Das Frankenfelser Buch als Text-Patchwork. Bitte klicken Sie auf die Abbildung für eine Vergrößerung. Legende: In den grauen Kästen am linken und rechten Rand jeder Doppelseite erstreckt sich eine von 1906 bis 1996 reichende Chronologie. Die verbleibende Fläche ist ausgefüllt mit Fotografien (linke Seite oben), Dokumenten (linke Seite unten), Kommentaren (rechte Seite oben), Tabellen (rechte Seite unten) und Grafiken. In den Dokumenten, die aus Presseartikeln, Archivalien, Chroniken, Autobiographien, Interviewprotokollen und anderen Quellen zitieren, kommen die Deutungen von mehr oder weniger mächtigen SprecherInnen zum Ausdruck. In den Kommentaren, die sich mit einzelnen Themenfeldern der dörflichen Alltagsgeschichte des 20. Jahrhunderts befassen, spricht dagegen der interpretierende Forscher. Als Moderator des dörflichen Gedächtnisdiskurses interveniert er darüber hinaus durch die Auswahl, Gewichtung und Kommentierung der übrigen Textsorten. [11]

In der Debatte um die "Krise der ethnografischen Repräsentation" wurde vorgeschlagen, die Entscheidung über die Angemessenheit ethnografischer Darstellungen gänzlich vom Autor auf den Leser zu übertragen. Ich denke, die Entprivilegierung des Beobachters zieht nicht zwingend die alleinige Privilegierung der TeilnehmerInnen nach sich. Eine solche Sichtweise verkennt die Machtverhältnisse, die den Umgang mit Geschichte durchdringen. Sich der Macht der Deutung zu entledigen hieße, diese anderen Mächtigen zu überlassen.7) Im Frankenfelser Buch (LANGTHALER 1997) versuchte ich, unterschiedliche Deutungen der Vergangenheit zuzulassen, ohne die eigenen Deutungen auszublenden. Einerseits, so meine Vorstellung, sollte der Text die Geschichtsbilder der LeserInnen zumindest teilweise widerspiegeln. Andererseits wollte ich mächtige, vereinfachende Deutungen der Vergangenheit – etwa die Ausblendung der "Täter"-Anteile während der nationalsozialistischen Ära durch den "Opfer"-Mythos (UHL 2001) – mit weniger mächtigen, komplexeren Deutungen konfrontieren. Aber kamen die affirmativen und kritischen Potenziale, die im Text angelegt waren, auch zur Entfaltung? Auf welche Weise sich die Lesenden den Text zu eigen machen, kann weder aus der Logik des Autors noch aus der Logik des Textes abgeleitet werden; freilich sind auch nicht völlig beliebige Lesarten zu erwarten. Zusammen mit den Bedingungen von Textproduktion und medialer Distribution, so Stuart HALL, bestimmen die symbolischen und sozialen Positionen der Konsumenten die Art und Weise, in der sie sich die verschriftlichten Sinnstrukturen aneignen. Kurz, die Bedeutung des Textes bestimmen nicht allein Autor und Medium, sondern vor allem die Lesenden. Deren Lesarten folgen nur selten dem preferred code, der den Sinn des Autors verdoppelt, und nur in Ausnahmefällen dem oppositional code, der den Sinn des Autors umkehrt (und darüber dessen Machtposition anerkennt). Zumeist sehen wir ein Drittes am Werk – den negotiated code, der einzelne Sinnelemente legitimiert, andere hingegen delegitimiert (HALL 1993). [12]

Einige Rückmeldungen von LeserInnen8) zeigen deren Deutungsmacht gegenüber den eingeschriebenen Deutungen des Autors. Generationen-, lager- und geschlechterspezifisch gefärbten Geschichtsbilder der KonsumentInnen scheinen die Lektüre stärker zu beeinflussen als die Bilder, die das Text-Patchwork des Produzenten zeichnet. In einem Fall sind jene dorfpolitischen Positionierungen, die bereits das Schlüsselerlebnis des Jahres 1992 prägten, nach wie vor wirksam. Der national-konservative Habitus des Lesers reibt sich an jenen Textstellen, die ihm als Äußerungen des politischen Gegners erscheinen. In einem anderen Fall wird dem Autor jenseits der Ebene der Dorfpolitik eine aufklärerische Position zugeschrieben. Dem links-liberalen Habitus der Leserin dient das Text-Patchwork als Stütze, um eine Leerstelle im Gedächtnis mit Vorstellungen zu füllen. Was heißt das für die Strategie, als Moderator des Gedächtnisdiskurses die Reflexion über die eigene Geschichte in Gang zu halten? Es ist an den Rückmeldungen der LeserInnen nicht erkennbar, dass die Lektüre des Frankenfelser Buches generationen-, lager- und geschlechterspezifische Geschichtsbilder verändert hätte. Im Gegenteil, diese Vor-Bilder wurden häufig in der Auseinandersetzung mit den Nach-Bildern, die das Text-Patchwork entfacht, weitgehend befestigt: "So dürfte es gewesen sein", meint ein links-liberaler Lehrer; es war "nicht so erfreulich, wie dargestellt", entgegnet der national-konservative Pensionist; die Darstellung sei "zu sehr ideologisch bestimmt", urteilt ein pensionierter Gymnasiallehrer, der ein "objektives", von politischen Bezügen gereinigtes Geschichtsbild einfordert. Dennoch: Es wurde und wird über die Geschichte der Gemeinde nachgedacht, diskutiert, hin und wieder gestritten. Vor diesem Hintergrund zeigt dieser Versuch einer reflexiven Feldforschung seine gesellschaftliche Relevanz: als Stütze eines Gedächtnisdiskurses, der das vom Ausschluss Bedrohte – das aktiv und passiv Vergessene – wiederum in die Erinnerung einschließt.9) [13]

3. Perspektiven einer reflexiven Gedächtnisgeschichte

Ich möchte abschließend die Bedingungen und Folgen einer reflexiven Feldforschung aus der Perspektive kulturwissenschaftlicher Gedächtniskonzepte bilanzieren. Die oben beschriebenen Interaktionen zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen widersprechen allen Vorstellungen von raum- und zeitübergreifenden Gedächtnissen; vielmehr erscheinen diese in synchroner Perspektive als heterogen und in diachroner Perspektive als dynamisch. Diese Heterogenität und Dynamik speisen sich, so meine These, aus dem Wechselspiel zweier grundlegender Gedächtnispraktiken: Gedenken und Erinnern. Aleida ASSMANN fasst diese unterschiedlichen Strategien in die Begriffe von ars ("Kunst") und vis ("Kraft"). Das Gedächtnis als ars, wie es in der rhetorischen Gedächtniskunst seit der Antike geübt wird, bezieht sich auf Verfahren des reproduzierenden Gedenkens nach räumlichen Vorbildern. Dagegen wendet sich seit der Aufklärung immer deutlicher das Gedächtnis als vis, die Kraft der transformierenden Erinnerung in der Zeit. Daraus leitet ASSMANN die Unterscheidung von Funktions- und Speichergedächtnis ab. Das "bewohnte Funktionsgedächtnis" umfasst jene lebendigen Erinnerungen, die in der jeweiligen Gegenwart Sinn generieren. Das "unbewohnte Speichergedächtnis" hingegen versammelt tote, sinnentleerte Fakten. Zwischen Funktions- und Speichergedächtnis bestehe keine Trennung, sondern eine Übergangszone für den "Binnenverkehr zwischen aktualisierten und nichtaktualisierten Elementen", der die Dynamik des Gedächtnisses ermögliche (ASSMANN 1999, S.130ff.). [14]

Die Spannung von Gedenken und Erinnern durchzieht auch das Werk Pierre NORAs. In seinem enzyklopädischen Projekt Les lieux de mémoire zieht er eine klare Trennung zwischen Gedächtnis und Geschichte: Während ersteres sakralisierend, gruppenbezogen und punktuell ausgerichtet sei, arbeite letztere entzaubernd, verallgemeinernd und kontinuierlich. Kurz, "das Gedächtnis ist ein Absolutes, die Geschichte kennt nur das Relative". NORA sieht diese Trennung als spezifischen Zug der Moderne und deutet diesen, versetzt mit einem Schuss Kulturpessimismus, als Herrschaft der Geschichte über das Gedächtnis – als "Entlegitimierung der gelebten Vergangenheit". Dort, wo sich die Geschichte der milieux de mémoire, der gelebten Gedächtnisse, bemächtigt, sieht NORA die lieux de mémoire, die Gedächtnisorte, im Entstehen. Die Gedächtnisorte liegen zwischen Gedächtnis und Geschichte – dem Gedächtnis nicht mehr, der Geschichte noch nicht zugehörig. Die Gedächtnisorte, die als Museen, Archive, Denkmäler, Feste oder Wallfahrtsstätten fassbar werden, schützen das Gedächtnis vor dem Zugriff der Geschichte: "Das Gedächtnis klammert sich an Orte wie die Geschichte an Ereignisse." (NORA 1998, S.32ff.) [15]

Der spezielle Fall der vorliegenden Gemeindestudie zeigt, dass sich weder Aleida ASSMANNs Komplementaritätsmodell noch Pierre NORAs Konfrontationsmodell generalisieren lassen. In der Auseinandersetzung um die nationalsozialistische Ära im Dorf manifestiert sich das Wechselspiel von Gedächtnis und Geschichte beziehungsweise von Funktions- und Speichergedächtnis. Mein öffentlicher Vortrag aus dem Jahr 1992 und das 1997 veröffentlichte Frankenfelser Buch können als materielle Repräsentationen der Geschichte (im Sinn NORAs) beziehungsweise des Speichergedächtnisses (im Sinn ASSMANNs) gefasst werden. Sie treten in Spannung zu den mentalen Repräsentationen des Gedächtnisses (im Sinn NORAs) beziehungsweise des Funktionsgedächtnisses (im Sinn ASSMANNs) der ZuhörerInnen und LeserInnen. Dieses Spannung kann sich, wie etwa im Fall des Zuhörers Alois Bergers, als Konfrontation (im Sinn NORAs) äußern; es kann aber auch, wie etwa im Fall der links-liberalen Leserin, als Komplementärverhältnis (im Sinn ASSMANNs) zum Ausdruck kommen. Zwischen diesen Extrempositionen erstreckt sich eine Bandbreite möglicher Beziehungen von entäußerten und verinnerlichten Repräsentationen des Gedächtnisses. Dynamik und Heterogenität der Gedächtnisse sind, wie wir gesehen haben, in hohem Maß durch generationenspezifische Deutungs- und Handlungsmuster bedingt. Eine reflexive Gedächtnisgeschichte müsste daher Generationenverhältnissen als Bedingungen und Folgen von wissenschaftlichen und alltäglichen Erkenntnisprozessen besondere Aufmerksamkeit widmen. [16]

Anmerkungen

1) Zur Verschränkung von Habitus, Kapital und Feld im kommunikativen Handeln siehe BOURDIEU 1990. <zurück>

2) Edward P. THOMPSONs Begriff des "Kräftefeldes" (field of force) korrespondiert, wie mir scheint, mit Pierre BOURDIEUs Konzept des "sozialen Feldes", das die Verbindung von mikro- und makroanalytischen Zugängen denkbar macht. Einen Überblick über dieses in zahlreichen Publikationen weiterentwickelte Feld-Konzept bietet SCHWINGEL 1995, S.77ff. <zurück>

3) Diese Auffassung von Positionierung ergänzt die unbewusste Dynamik von Übertragung und Gegenübertragung in der ethnopsychoanalytischen Feldforschung, die Maya NADIG (1992, S.11ff.) eindringlich beschreibt, um bewusste und vorbewusste Dynamiken. <zurück>

4) Nach dem Studium an der Universität Wien ermöglichten verschiedene Diskussionskreise um die Buchreihe Kultur als Praxis (1998-2000), im Graduiertenkolleg Historische Anthropologie (1996-1998) und in der Projektgruppe Historisch-anthropologische Kulturforschung (1998-2000) am Interuniversitären Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) sowie in der Projektgruppe Denk-Orte des Netzwerks für Regionalstudien (1999-2001) den Aufbau solcher Beziehungsnetze. Zum Selbstverständnis der IFF-Projektgruppe vgl. DRESSEL 1999. <zurück>

5) Ich verwende Gedächtnis nicht in dem essentialistischen Sinn, dass Kollektive wie Individuen über ein Gedächtnis verfügen. Vielmehr können sich Individuen in bestimmten Situationen, in denen sie in der jeweiligen Gegenwart mit Blick auf die Zukunft Rückschau auf die Vergangenheit halten, als Angehörige eines Kollektivs – in diesem Fall: der Dorfgemeinschaft – imaginieren. Diese konstruktivistische Lesart des "kollektiven Gedächtnisses" findet Unterstützung bei Maurice HALBWACHS (1985, S.23): "Man kann ebensogut sagen, daß das Individuum sich erinnert, indem es sich auf den Standpunkt der Gruppe stellt, und daß das Gedächtnis der Gruppe sich verwirklicht und offenbart in den individuellen Gedächtnissen." Der Konnex von Gedächtnis und Kommunikation, den HALBWACHS bereits in den zwanziger Jahren formulierte, zog im Rahmen des kulturwissenschaftlichen Diskurses im deutschsprachigen Raum seit den achtziger Jahren erneut die Aufmerksamkeit auf sich (ASSMANN & ASSMANN 1994). <zurück>

6) Zu Möglichkeiten und Grenzen eines dialogischen Ansatzes in der historischen Dorfforschung vgl. ECKER, LANGTHALER und NEUBAUER 2002. <zurück>

7) Unter den vielen Stimmen pro und contra scheint Clifford GEERTZ eine vermittelnde Position einzunehmen, indem er einerseits die "Bürde der Autorenschaft" des Ethnografen, andererseits die Fiktionalität ethnografischer Texte anerkennt (GOTTOWIK 1997, S.319ff.). <zurück>

8) Die Rückmeldungen der Leser erfolgte in Form von anonym beantworteten Fragebögen mit standardisierten und offenen Items, die dem Frankenfelser Buch beigelegt waren. Die geringe Anzahl der Rückmeldungen erlaubt keine quantitative Analyse "der Leserschaft", sondern legt eine qualitative Analyse einzelner Fälle nahe. <zurück>

9) Als Fortsetzung dieses Gedächtnisdiskurses im vorliegenden Forschungsfeld mittels narrativ-biografischer Interviews vgl. ECKER, LANGTHALER und NEUBAUER 2002. <zurück>

Literatur

Assmann, Aleida (1999). Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München: C. H. Beck.

Assmann, Jan & Assmann, Aleida (1994). Das Gestern im Heute. Medien und soziales Gedächtnis. In Klaus Merten et al. (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft (S.114-140). Opladen: Westdeutscher Verlag.

Berg, Eberhard & Fuchs, Martin Fuchs (Hrsg.) (1993). Kultur, soziale Praxis, Text. Die Krise der ethnographischen Repräsentation. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Bonacker, Thorsten (1998). Die Zweideutigkeit der Demokratie. Zur Macht- und Herrschaftsproblematik bei Jürgen Habermas und Jean-François Lyotard. In Peter Imbusch (Hrsg.), Macht und Herrschaft. Sozialwissenschaftliche Konzeptionen und Theorien (S.199-220). Opladen: Leske + Budrich.

Bourdieu, Pierre (1990). Was heißt sprechen? Die Ökonomie des sprachlichen Tausches. Wien: Braumüller.

Bourdieu, Pierre (1993). Narzißtische Reflexivität und wissenschaftliche Reflexivität. In Eberhard Berg & Martin Fuchs (Hrsg.), Kultur, soziale Praxis, Text. Die Krise der ethnographischen Repräsentation (S.365-374). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Bourdieu, Pierre (2002). Ein soziologischer Selbstversuch. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Bourdieu, Pierre & Wacquant, Loïc J. D. (1996). Reflexive Anthropologie. Frankurt am Main: Suhrkamp.

Dressel, Gert (1999). Reflexive Historische Anthropologie als konsequente Historische Anthropologie. Oder: Warum wir uns zu unseren Forschungsobjekten machen sollten. In Gert Dressel & Bernhard Rathmayr (Hrsg.), Mensch – Gesellschaft – Wissenschaft. Versuche einer Reflexiven Historischen Anthropologie (S.245-276). Innsbruck: Studia Universitätsverlag.

Ecker, Bernhard; Langthaler, Ernst & Neubauer, Martin (2002). Denk-Orte: ein Dorf reflektiert sein Gedächtnis. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften ,13(2), 85-120.

Felt, Ulrike; Nowotny, Helga & Taschwer, Klaus (1995). Wissenschaftsforschung. Eine Einführung. Frankfurt am Main & New York: Campus.

Giddens, Anthony (1996). Konsequenzen der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Halbwachs, Marurice (1985). Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Gottowik, Volker (1997). Konstruktionen des Anderen. Clifford Geertz und die Krise der ethnographischen Repräsentation. Berlin: Reimer.

Hall, Stuart (1993). Encoding, Decoding. In Simon During (ed.), The Cultural Studies Reader (S.90-103). London & New York: Routledge.

Kremser, Manfred (1998). Von der Feldforschung zur Felder-Forschung. In Karl R. Wernhart & Werner Zips (Hrsg.), Ethnohistorie. Rekonstruktion und Kulturkritik. Eine Einführung (S.135-144). Wien: Promedia.

Langthaler, Ernst (1997). Das Frankenfelser Gedächtnis. Vom Erinnern und Vergessen der Zeitgeschichte (1905-1996). In Bernhard Gamsjäger & Ernst Langthaler (Hrsg.), Das Frankenfelser Buch (S.214-395), Frankenfels: Marktgemeinde Frankenfels.

Langthaler, Ernst (1999). Gedächtnisgeschichte: Positionen, Probleme, Perspektiven. Beiträge zur Historischen Sozialkunde ,29 (Sonderheft "Kulturwissenschaften"), 30-46.

Langthaler, Ernst (2002). Dorfgeschichte als reflexiver Prozeß. Historische Anthropologie ,10, 127-133.

Lüdtke, Alf (1998). Alltagsgeschichte, Mikro-Historie, historische Anthropologie. In Hans-Jürgen Goertz (Hrsg.), Geschichte. Ein Grundkurs (S.557-578). Reinbek: Rowohlt.

Nadig, Maya (1992). Die verborgene Kultur der Frau. Ethnopsychoanalytische Gespräche mit Bäuerinnen in Mexiko. Frankfurt am Main: Fischer.

Nora, Pierre (1998). Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Frankfurt am Main: Fischer.

Schwingel, Markus (1995). Bourdieu zur Einführung. Hamburg: Junius.

Schultheis, Franz (2002). Nachwort. In Pierre Bourdieu, Ein soziologischer Selbstversuch (S.133-151). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Uhl, Heidemarie (2001). Das "erste Opfer". Der österreichische Opfermythos und seine Transformationen in der Zweiten Republik. Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft ,30, 19-34.

Zang, Gert (1985). Die unaufhaltsame Annäherung an das Einzelne. Reflexionen über den theoretischen und praktischen Nutzen der Regional- und Alltagsgeschichte. Konstanz: Arbeitskreis für Regionalgeschichte.

Zum Autor

Ernst LANGTHALER, Diplom- und Doktoratsstudium der Geschichte sowie Graduiertenkolleg "Historische Anthropologie" in Wien, danach mehrere Jahre lang Mitarbeit in wirtschafts-, sozial- und kulturhistorischen Forschungsprojekten, derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte des ländlichen Raumes und Lehrbeauftragter an den Instituten für Zeitgeschichte sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Arbeitsgebiete: Geschichte des ländlichen Raumes, Gedächtnisgeschichte, Methodologie der Alltagsgeschichte / Historischen Anthropologie / Mikrohistorie.

Kontakt:

Ernst Langthaler

Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte des ländlichen Raumes
c/o Niederösterreichisches Landesarchiv
Franz Schubert-Platz 4
A-3109 St. Pölten
Österreich

E-Mail: ernst.langthaler@univie.ac.at

Zitation

Ernst Langthaler (2003). Geschichte(n) über Geschichte(n). Historisch-anthropologische Feldforschung als reflexiver Prozess [16 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 4(2), Art. 34, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0302340.



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