Volume 4, No. 2, Art. 48 – Mai 2003

Rezension:

Tobias Sander

Lars Schmitt (2002). Ökologie und gesellschaftskritisches Bewusstsein. Wie ROT ist eigentlich GRÜN? Marburg: Tectum-Verlag, 115 Seiten auf CD-ROM, ISBN 3-8288-5099-5, EUR 37,-

Zusammenfassung: SCHMITTs qualitative Untersuchung der gesellschaftskritischen Implikationen der Ökologie-Bewegung stellt einen respektablen Versuch der Historisierung der neuen sozialen Bewegungen dar. Er kommt zu dem nachvollziehbaren Ergebnis, dass über das Umweltengagement hinausgehende Gesellschaftskritik auch Ende der 90er Jahre noch die personelle Ebene der Bewegung prägte.

Keywords: Neue soziale Bewegungen, Ökologie, Lebensstile

Inhaltsverzeichnis

1. Historisierung der neuen sozialen Bewegungen

2. Empirisches Design und Ergebnisse

3. Fazit

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Historisierung der neuen sozialen Bewegungen

Die neuen sozialen Bewegungen sind aus dem Programm der soziologischen und politikwissenschaftlichen Forschung fast gänzlich verschwunden. Dafür sind in den Fokus der Geschichtswissenschaft gerückt, die beispielsweise mit Ingrid GILCHER-HOLTEYs (1998, 2001) Arbeiten respektable Versuche der "Historisierung" vorzuweisen hat. Das bedeutet nicht mehr als eine zumindest teilweise Entledigung von den gegenwartsbezogenen Erwartungen, die die Sozialwissenschaften seit den 80er Jahren an die Erforschung der neuen sozialen Bewegungen knüpften. Damit einher geht aber auch – was man gut oder schlecht finden kann – eine theoretische Entschlackung: Makrotheoretische Aufschlüsse über die Wandlungspotentiale von Politik und Gesellschaft in der spätkapitalistischen Industriegesellschaft erwartet von ihrer Erforschung niemand mehr. Diese Fragen sind längst in andere Zweige wie den der Risikosoziologie diffundiert und das Interesse an Gesetzmäßigkeiten dem Rückzug in griffige Diagnosen wie der der Postmoderne gewichen. [1]

Diese Entlastung von Erkenntniserwartungen und ein gewisser Ansatz zur Historisierung ist auch der Untersuchung des Marburger Soziologen Lars SCHMITT anzumerken. Dabei handelt es sich zwar nicht um eine historisch detailorientierte, die Milieus und ihre Politik im gesellschaftlichen Kontext beleuchtende Arbeit. Dennoch geht er in gewisser Weise historisch vor, als dass sein Erkenntnisinteresse sich auf den Wandel der Ökologiebewegung zwischen ihren Anfängen zu Beginn der 1970er Jahre und dem Untersuchungszeitpunkt Ende der 90er Jahre konzentriert. So gelingt es ihm, um die Versuchung der normativen Bewertung einen weiten Bogen zu machen. Wie es ihm überhaupt gelingt, durch die im Vorhinein vorgenommene umfangreiche theoretische Fundierung und Präzisierung der hermeneutisch schwierigen Begrifflichkeit des "gesellschaftskritischen Bewusstseins" eine bemerkenswerte Distanz zum Gegenstand einzunehmen. Gefragt wird, ob und inwieweit das ursprüngliche festzustellende sozialkritische Bewusstsein im Öko-Milieu im Laufe der Zeit in den Hintergrund getreten ist. Eine nicht nur in der Forschung, sondern auch in den Feuilletons anhand der Partei der Grünen – die freilich nur als eine ganz bestimmte Ausprägung der Gesamtströmung zu verstehen ist – bereits seit der "Realo-Fundi-Debatte" in den späten 80er Jahren vieldiskutierte Frage. Nachdem zunächst festgestellt wird, dass "Ökologie ursprünglich industriegesellschaftskritisch konnotiert war" (S.8) und anhand eines theoretischen Modells die enge Verbindung von ökologischen und gesamtgesellschaftlichen Kritikansätzen verdeutlicht wird, folgt die empirische Untersuchung. [2]

2. Empirisches Design und Ergebnisse

Auf der Basis eines zweigliedrigen Vorgehens widmet sich SCHMITT zuerst ausgewählten wissenschaftlichen Texten, die wie REUSSWIG (1994) das Ökologiethema in die Perspektiven der Lebenstilsoziologie einzubetten versuchen. Das Ergebnis fällt hier mehr als eindeutig aus: In der sich seit Ende der 90er Jahre auch mit umweltorientiertem Verhalten befassenden soziologischen Forschung wird keine Verbindung zwischen Lebensstilen und Ökologie gesehen. Allerdings bleibt der Unterschied zwischen Lebensstilen – zu ergänzen wären die Begriffe Werte und Mentalitäten – und dem eingangs zugrunde gelegten Bewusstsein unerwähnt. Schließlich läge es viel näher, Ökologie nicht mit den "unbewussten" Lebensstilen und Mentalitäten, sondern mit den abstrakteren, oft von der Alltagswirklichkeit losgelösten politischen Einstellungen zu verknüpfen. [3]

Den Kern der Untersuchung bildet der zweite, empirische Teil. Auf der Basis von neun ausführlichen narrativen Interviews mit "Aktivisten" aus dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kommt SCHMITT zu dem der Eingangshypothese zuwiderlaufenden Ergebnis, dass das Umweltengagement gut zwei Jahrzehnte nach seiner "Erfindung" sehr wohl noch von zahlreichen allgemeineren gesellschaftskritischen Einstellungen durchwirkt ist oder vielmehr mit solchen einhergeht. Dabei überzeugt die Begründung der Wahl der Interviewpartner ebenso wie die Konstruktion des Leitfadens. Freilich fühlt man sich bei auf derart abstrakten Begrifflichkeiten wie "gesellschaftskritisches Bewusstsein" aufbauenden Studien notorisch unsicher: Konnten die zahlreichen grundsatzkritischen Äußerungen vielleicht nur durch eine womöglich recht investigative Qualität des Leitfadens zu Tage treten und handelte es sich daher womöglich in manchen Fällen eher um ein gesellschaftskritisches "Unbewusstsein"? Aber gerade SCHMITTs äußerst narrative Konstruktion der Interviews schließt diese Falle weitgehend aus. Indem er gleichsam chronologisch nach den Motiven für das Engagement, den zwischenzeitlichen Erfahrungen und der heutigen Zufriedenheit mit der "Bewegung" fragt, wird die Vorgabe von Begriffen soweit als möglich vermieden. Andersherum könnte man fragen, ob angesichts des bildungsbürgerlichen Milieus, dem die Interviewpartner en gros zuzurechnen sind, ein völlig apolitisches Einstellungsmuster zu erwarten gewesen wäre, nur weil es sich um "Umweltengagierte" handelt. Aber das lag nicht im Interesse des Autors. Schließlich wollte er nicht dem allgemeinen politischen Interesse nachspüren, sondern einer eingangs genauestens definierten Fundamentalkritik der spätkapitalistischen Gesellschaft. [4]

Mit seiner Studie kann der Autor aufzeigen, dass das Gesellschaftsbild der "Interviewpartner" nicht nur von Klagen über nachlassendes Umweltengagement, unzureichende gesellschaftliche Etablierung umweltbewusster Orientierungen u.ä. bestimmt ist, sondern bereits die Motivationsbasis breiter angelegt ist, in einer umgreifenden kritischen Perzeption gesellschaftlicher Strukturbausteine vom Arbeit-Kapital-Verhältnis bis zum repräsentativdemokratischen Politikmodus. Zwar fallen die Berührungspunkte von Umweltengagement und solchermaßen umfassender Gesellschaftskritik äußerst vielfältig aus und weisen zudem recht unterschiedliche Intensitätsgrade auf, sind im Kern aber manifest. Hermeneutisch aufschlussreich hierfür mag eine als Exkurs präsentierte Diskussion mit den Mitgliedern einer Food-COOP sein. Mit der Videoaufzeichnung eines Autorennens konfrontiert, kritisieren diese nicht nur die Verschwendung von Energieressourcen, sondern auch die in den sogenannten Boxenludern manifestierten Geschlechterrollenbilder. [5]

3. Fazit

Was jenseits der erwähnten Kritikpunkte in einer Rezension nicht wiedergegeben werden kann, ist die gedanklich-theoretische Durchdringung dieses bislang – auch wegen seiner methodischen Schwierigkeiten – empirisch noch nahezu unbearbeiteten Themas. Nebenbei weist sich der Autor als einer der wohl seltenen Detailkenner BOURDIEUscher Gesellschaftstheorie aus. Zudem erscheint die qualitative Vorgehensweise als einzig brauchbare Methode, die avisierte Realitätsebene wissenschaftlich zugänglich zu machen. Stärker quantitativ orientierte Herangehensweisen hätten – da hier die semantischen Verzerrungen durch Schlüsselwörter nicht zu vermeiden gewesen wären – den Zugang zum Gegenstand verweigert. Angesichts des für eine kürzere Studie exorbitanten Verkaufspreises, den sich wohl nur Bibliotheken leisten können, wäre schließlich noch die Aufnahme der über 200 Druckseiten umfassenden Interviews wünschenswert gewesen, die den empirischen Teil der Arbeit konkretisiert hätten. [6]

Literatur

Gilcher-Holtey, Ingrid (1998). 1968 – vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Gilcher-Holtey, Ingrid (2001). Die 68er Bewegung. Deutschland, Westeuropa, USA. München: Beck.

Reusswig, Fritz (1994). Lebensstile und Ökologie. gesellschaftliche Pluralisierung und alltagsökologische Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung des Energiebereichs. Frankfurt/M.: Verlag für Interkulturelle Kommunikation.

Zum Autor

Tobias SANDER ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt "Akademische Karrieren 1850-1945" am Methodenzentrum Sozialwissenschaften (MZS) und Lehrbeauftragter der Institute für Soziologie, Politikwissenschaft und Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Göttingen. Arbeitsschwerpunkte: Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, insb. der Arbeiterschaft und des Bürgertums, historische und soziologische Theorien und Methoden.

Kontakt:

Tobias Sander

Universität Göttingen
Platz der Göttinger Sieben 3
D-37073 Göttingen

E-Mail: tsan@freenet.de
URL: http://mzs.sowi.uni-goettingen.de/index.html

Zitation

Sander, Tobias (2003). Rezension zu: Lars Schmitt (2002). Ökologie und gesellschaftskritisches Bewusstsein. Wie ROT ist eigentlich GRÜN? [6 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 4(2), Art. 48, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0302484.



Copyright (c) 2003 Tobias Sander

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