Volume 4, No. 2, Art. 12 – Mai 2003

Rezension:

Peter Stegmaier

Thomas Samuel Eberle (2000). Lebensweltanalyse und Handlungstheorie. Beiträge zur Verstehenden Soziologie. Konstanz: UVK, 258 Seiten, ISBN 3-87940-743-6, EUR 29,00 / sFR 52,50

Zusammenfassung: Die von Thomas EBERLE mit seinem Band "Lebensweltanalyse und Handlungstheorie" vorgenommene methodologische Analysearbeit ist eine Art von "Reihentestung" gebräuchlicher Theorieangebote, in der er das alltägliche Handwerkszeug zur soziologischen Beschreibung von sozialer Praxis auf implizite und explizite Theorien des Verstehens dieser Praxis untersucht. Die diskutierten Handlungstheorien sind eine Auswahl von gebräuchlichen, empirisch ausgerichteten Ansätzen, welche in aufsatzförmigen Einzelanalysen, verteilt über mehrere Kapitel, unter die Lupe genommen werden. Als "Testkriterium" dient eine Zuspitzung der Prämissen zum subjektiven Sinnverstehen der Protosoziologie von Alfred SCHÜTZ: Wie viel Sinnadäquanz ermöglicht ein Ansatz jeweils? EBERLE geht der Fragestellung nach, ob und inwiefern die phänomenologische Lebensweltanalyse von Alfred SCHÜTZ geeignet ist, eine tragfähige wissenschaftstheoretische Grundlegung für die Soziologie und einige ihrer handlungstheoretischen Ansätze zu bieten.

Interessiert an einem derartigen Unternehmen dürften im weitesten Sinne verstehend bzw. hermeneutisch arbeitende Forscherinnen sein, die sich prinzipiell des Problems bewusst sind, was es bedeutet, das Handeln und Verstehen sozialer Akteure verstehen zu wollen. Auch als Beitrag zur laufenden Debatte in FQS zu Qualitätsstandards qualitativer Sozialforschung kann EBERLEs Vorschlag diskutiert werden, obgleich zu berücksichtigen ist, dass es EBERLE wie SCHÜTZ weder um die Normativierung des Adäquanzpostulats oder um die Subjektivierung der Soziologie noch um Validität im wissenschaftlichen Relevanzsystem geht, sondern um die bestmöglichste sinnadäquate Annäherung an die Akteursperspektive.

Keywords: Lebensweltanalyse, Handlungstheorie, Methodologie, Verstehende Soziologie, Phänomenologie, Schütz, Rahmenanalyse, Rational Choice, Ethnomethodologie, postmoderne Theorie

Inhaltsverzeichnis

1. Der Ansatz: Sinnadäquanz

2. Der Inhalt: Eher Kontrastierungen als Konfrontationen

2.1 Lebensweltanalyse als Basis

2.2 Protosoziologie, nicht Sozialtheorie

2.3 Verstehen vor Erklären

2.4 Gegen die postmoderne Grundlagenverweigerung

3. Und was fangen wir mit dem Buch an?

3.1 Wozu Sinnadäquanz?

3.2 Was noch fehlt

3.3 Für welche Leserschaft?

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Der Ansatz: Sinnadäquanz

Thomas Samuel EBERLE steht für fortgesetztes Engagement in der Vermittlung und Anwendung des Erbes von Alfred SCHÜTZ: Fragen der Sinnkonstitution in Alltag und Wissenschaft durchziehen sein Schaffen seit mehr als 20 Jahren. Aktuell ist EBERLE am St. Gallener Seminar für Soziologie u.a. lehrend in der Managementausbildung tätig, mit Fragen der Erforschung von Organisationen befasst und Herausgeber der Schriften von Alfred SCHÜTZ zur Methodologie der Sozialwissenschaften. (EBERLE editiert den Bd. IV der neuen Gesamtedition von Alfred SCHÜTZ, die bei UVK verlegt wird.) Verschiedene in früheren Versionen bereits vorgestellte Beiträge zu einer wissenssoziologisch informierten Verstehenden Soziologie hat EBERLE nun im Universitätsverlag Konstanz gesammelt herausgebracht; lediglich das Kapitel zum Rational Choice-Ansatz ist ein erstmals publizierter Beitrag. Seine als Habilitationsschrift an der Universität St. Gallen akzeptierte Sammlung von fünf Einzelstudien bearbeitet die Grundfragestellung, jeweils neu auf dem theoretischen Gegenstand hin angepasst, in einem Verfahren des Vergleichs von theoretischen Konzeptionen bezogen (a) auf die Theorie des sozialen und des soziologischen Verstehens von SCHÜTZ, (b) auf die Wertung der Lebensweltanalyse als Soziologie oder Protosoziologie, (c) auf GOFFMANs Rahmenanalyse, (d) auf Rational Choice-Ansätze sowie (e) auf die (von ihm sogenannte) "postmoderne Organisationstheorie". An verschiedenen Stellen wird eingehend auf die Ethnomethodologie Bezug genommen. EBERLE will erklärtermaßen:

  • die von SCHÜTZ der Soziologie mitgegebene Methodologie und daraus resultierende Fortentwicklung der Soziologie aufzeigen, vergleichbare handlungstheoretische Ansätze aufgreifen, deren Annahmen und Konsequenzen herausstellen und zu SCHÜTZens Methodologie in Bezug setzen sowie eigene Anstöße zu den jeweiligen Vor- und Nachteilen der Ansätze entwickeln,

  • die Bedeutung der Sinnadäquanz (im Unterschied zur Kausaladäquanz) für die sozialwissenschaftliche Methodik herausstellen. [1]

Das spitze Instrument, mit Hilfe dessen er die Werke der genannten Autoren untersucht, gewann er durch die Radikalisierung des SCHÜTZschen Adäquanzpostulats (vgl. SCHÜTZ 1962, 43f.; 1974, 325ff.). SCHÜTZ hatte gefordert, die sinnhafte Vorkonstituiertheit der sozialen Welt prinzipiell in Rechnung zu stellen, und daraus eine sozialwissenschaftliche Methodologie abgeleitet, nach der Forschung ihre Erklärungen sozialer Phänomene auf die je subjektive Interpretation der Handelnden und Adäquanz hin auszulegen hätte. So gelte es zunächst, "auf den subjektiven Sinn [zu] rekurrieren, den diese Handlungen für die Handelnden selbst haben" (EBERLE, S.27; Herv. im Orig.). Und weiter: "Theorienbautechnisch heißt das, dass aufgrund typischer Muster eines beobachteten Handlungsablaufs ein Homunkulus, ein Modell eines Handelnden konstruiert wird, dem ein Bewusstsein mit typischen Um-zu- und Weil-Motiven zugeordnet wird" (S.32). Konstrukte höherer Aggregatsebene seien letztlich daran zu messen, "dass sie grundsätzlich in subjektive Handlungszusammenhänge überführt werden können" (ebd.). In Verbindung damit ergibt sich nun die Adäquanzforderung: "dass die Konstruktionen des Sozialwissenschaftlers mit den Konstruktionen der Alltagshandelnden konsistent sind, d.h. sie müssen verständlich sein und ein Handeln zutreffend erklären" (S.32f). Was das bedeutet, ist am kompaktesten in einem Zitat dargelegt, mit dem EBERLE sich im vorliegenden Werk selbst zitiert:

"Vollständige Adäquanz liegt dann vor, wenn die konkrete Sinnorientierung von Akteuren zutreffend erfasst ist. Damit erklären wir die subjektive Perspektive des einzelnen Akteurs zum letzten Bezugspunkt für sozialwissenschaftliche Analysen. Wie SCHÜTZ gezeigt hat, kann Fremdverstehen nur approximativ gelingen [...] Vollständige Adäquanz bleibt daher unerreichbares Ideal. Mit einer derart radikalisierten Fassung des Adäquanzpostulats wird aber die methodologische Forderung erhoben, über die Adäquanz wissenschaftlicher (Re-) Konstruktionen explizit Rechenschaft abzulegen, indem sie auf die phänomenologische Protosoziologie bezogen werden. Damit dienen die Strukturen der Lebenswelt nicht nur als ein protosoziologischer Bezugsrahmen [...], sondern es wird [...] auch gefordert, den Bezug zu diesem Bezugsrahmen zu reflektieren." (EBERLE 1999a, S.115f; Herv. im Orig.) [2]

Kausaladäquanz wird dagegen lediglich als Spezialfall der Sinnadäquanz betrachtet, da Kausaladäquanz stets auf sinnadäquaten Theorien aufruhe. Um den Bogen der zugrunde gelegten Konstitutionsanalyse nicht in Richtung auf eine konstitutionstheoretische Sozialforschung zu überspannen (wie EBERLE dies der "phänomenologischen Soziologie" von PSATHAS vorhält), schließt er sich dem Vorschlag LUCKMANNs an, die Strukturen der Lebenswelt als protosoziologische Matrix anzulegen. Es geht darum, mit Hilfe dieser mathesis universalis (LUCKMANN) "Verkürzungen und Sinntransformationen wissenschaftlicher Modellkonstruktionen zu erhellen" und "soziologische Forschung dichter an der subjektiven Perspektive der Akteure anzusetzen" (EBERLE, S.34). Ohne die Akteursperspektive zum absoluten Muss zu erheben, ist ein möglicher durchdachter und konsequenter Weg aufgezeigt, woran sich die Qualität einer empirischen Soziologie orientieren kann, wenn sie ernsthaft daran interessiert ist, soziale Phänomene an den Handlungsorientierungen von Akteuren zu rekonstruieren. [3]

2. Der Inhalt: Eher Kontrastierungen als Konfrontationen

Die ersten beiden Buchteile sind dem lebensweltanalytischen Ansatz selbst gewidmet, die weiteren Kapitel der Revision alternativer Ansätze von Handlungstheorien im Lichte ihrer jeweiligen methodologischen Grundlagen. Im letzten Kapitel geht es sogar um den "Ansatz" einer postmodernen Organisationstheorie, der als solcher namentlich gar nicht existiert, dessen Vorhandensein EBERLE aber für exemplarische Zwecke in seiner Typik herausstellt. Zuerst stellt EBERLE den Bezugsrahmen seiner Analysen vor. Unter Rekurs auf Max WEBER und Alfred SCHÜTZ beschreibt er im ersten Kapitel die phänomenologische Lebensweltanalyse, um diese dann im darauf folgenden Kapitel als protosoziologische Zielsetzung zu charakterisieren. Wenn SCHÜTZ zufolge die sinnhafte Vorkonstituiertheit der sozialen Welt systematisch in Rechnung zu stellen ist, wenn also wissenschaftliche Konstruktionen auf den alltagsweltlichen Konstruktionen aufbauen, so einzig, um soziologische Forschung stärker für die mannigfaltigen subjektiven Perspektiven der Handelnden zu sensibilisieren. EBERLE verfolgt diese blinden Punkte – "Verkürzungen und Sinntransformationen wissenschaftlicher Modellkonstruktion" (S.15) – hinein in die Konzeptionen interpretativer Sozialforschung von PSATHAS, GOFFMAN, GARFINKEL, ESSER und anderen – meist nicht, um Defizite in diesen Ansätzen zu lokalisieren, sondern um deren je spezifische Logiken zu markieren. Die eingehenden Analysen sind den Ansätzen der Rahmenanalyse (Kapitel III), Rational Choice (Kapitel IV) und der besagten von EBERLE als solche erst konturierten "postmodernen Organisationstheorie" (Kapitel V) gewidmet. An verschiedenen Stellen, an denen EBERLE es theoriegeschichtlich und argumentativ angezeigt erscheint, arbeitet er außerdem ausführliche Bezugnahmen auf die Ethnomethodologie mit ein; dagegen werden versprengte Hinweise auf in der Phänomenologie wurzelnde Anschlussstellen zur Kommunikationstheorie LUHMANNs nicht vertieft. Das vergleichende Moment besteht vornehmlich darin, dass die einzelnen Ansätze auf die Matrix der Lebensweltanalyse bezogen werden und sozusagen die Tiefe der methodologischen Fundierung (Analyse von Sinn oder Handlungsformen) und Logik (Sinnadäquanz vs. Kausaladäquanz) ergründet wird. – Nun zu einem Überblick über die einzelnen Analysen und deren Erträge. [4]

2.1 Lebensweltanalyse als Basis

Im ersten Kapitel geht EBERLE der Frage nach, "inwieweit die Lebensweltanalyse für die modernen Ansätze einer interpretativen Sozialforschung eine tragfähige Grundlage bildet" (S.15f). Dazu schildert er zunächst die von SCHÜTZ vorgeschlagene phänomenologische Analyse des Verstehens, welche auf das Hauptproblem einer methodologischen Grundlegung der Sozialwissenschaften zielt, nämlich den Sinnsetzungs- und Sinndeutungsprozess sowie die stufenhafte Konstitution menschlichen Wissens zu ergründen. Die Funktion einer solchen Protosoziologie liege darin, den Sozialwissenschaften eine eigene Erkenntnistheorie bereitzustellen, welche vor Reifikationen wissenschaftlicher Konstruktionen bewahrt, indem "die interpretativen Akte, die bei der Transformation von subjektiven Sinnzusammenhängen in wissenschaftliche Konstruktionen involviert sind, auch auf der Ebene der theoretischen Aussagen beständig" mitreflektiert werden (S.37, Herv. im Orig.). Die Aufforderung zum Mitbedenken und Ausweisen von Interpretationsabhängigkeit und -grundlagen im sozialwissenschaftlichen Handeln führt zu dem Problem der epistemologischen Reflexivität: Demnach ist kein absoluter archimedischer Punkt der Erkenntnis erreichbar. Mag SCHÜTZ dies ursprünglich noch aus dem Wissenschaftsverständnis seiner Zeit heraus einzulösen gehofft haben, so sieht EBERLE die Funktion der Lebensweltanalyse als Theorie des Verstehens und als Protosoziologie bereits darin erfüllt, den "methodologischen Reflexionsprozess in Gang" zu halten, der die "sinnhafte Vorkonstituiertheit der sozialen Welt adäquat in Rechnung stellt" (S.46) und "die Sozialwissenschaftler für die Sinnvielfalt der Sozialwelt und für das prekäre Verhältnis von subjektiven und objektiven Sinnzusammenhängen zu sensibilisieren" (S.74), wie dann im zweiten Kapitel resümiert wird. EBERLE ist jederzeit bereit einzuräumen, dass das Vertrauen in eine fundierende Protosoziologie als Ausfluss der phänomenologischen Methode "dem epistemologischen Zirkel der Reflexivität nicht entrinnen" (S.233), ihn jedoch durch expliziten Einbezug gewissermaßen "domestizieren" kann. Entsprechend offenherzig gestalten sich seine Suchbewegungen durch die Prämissen der diskutierten Ansätze. Die "postmoderne Organisationstheorie" wird wiederum stellvertretend für den relationalen Konstruktivismus (vgl. DACHLER & HOSKING 1995) auf Herz und Nieren durchgeprüft, nicht ohne dennoch immer wieder auch auf die letztere Konstruktivismusvariante zu kommen. Neigt man nicht eher dem systemtheoretischen Konzept der Selbstreferenz als Radikalisierung oder einer anti-systematischen, postmodern-patchworkartigen Sinnbastelei als Ironisierung des Zirkels epistemologischer Reflexivität zu, so bietet sich für EBERLE als Drittes eben eine bewusstseinsanalytisch ansetzende und anthropologisch unterfütterte Erkenntnistheorie an. [5]

2.2 Protosoziologie, nicht Sozialtheorie

Im zweiten Kapitel wird eine soziologie-externe, bei Thomas LUCKMANN ansetzende, und eine soziologie-interne, von George PSATHAS vertretene Verortung der Lebensweltanalyse vergleichend vorgenommen. Beide Betrachtungsweisen sind auf das Problem der Konstitution sozialwissenschaftlicher Daten und daraus sich ergebender Generalisierungen von soziologischer Relevanz hin orientiert. Mit LUCKMANN entscheidet sich EBERLE für den Weg, die Lebensweltanalyse als ein nicht unmittelbar in die Soziologie umsetzbares Programm zu erachten, da er wohl letztlich die SCHÜTZ-Rezeption von PSATHAS für zu unbedarft und teilweise falsch hält (vgl. S.16 und S.59) und deshalb die LUCKMANNsche Lesart bzw. eine Rekonstruktion der SCHÜTZschen Intentionen hinsichtlich Ziel, Perspektive und Methode (verteilt und in Nuancen variiert über mehrere Kapitel) entgegenhält. [6]

Das mit "Lebensweltanalyse und Rahmenanalyse" überschriebene dritte Kapitel beginnt die theoriekontrastierende Feinarbeit am Konzept der Rahmenanalyse von GOFFMAN, die gegenwärtig einzige Untersuchung in diesem Zusammenhang. Zunächst wird festgestellt, dass GOFFMAN von der Analyse konstitutiver Regeln nicht viel halte, sondern eher nach Maßgabe der wissenschaftspragmatischen Brauchbarkeit und des gesunden Menschenverstandes zu einer Inventarisierung und Kategorisierung gesellschaftlicher Rahmen, deren Strukturen und Transformationsregeln strebe. EBERLE kritisiert an GOFFMANs Ansatz nicht, dass dieser "die Sinnproblematik des Verstehens" übersehe, aber EBERLE moniert GOFFMANs beiläufige Unsystematik und konzeptionelle Inkonsistenz, wodurch die Stoßrichtung seiner Analysen zwischen kognitiven Interpretationsschemata und der Struktur sozialer Ordnung oszilliere. Die Lebensweltanalyse setze fundamentaler an als die Rahmenanalyse, doch seien beide Ansätze insofern kompatibel, als der erstere "die Rahmung der Rahmenanalyse" darstelle (S.70). Die Rahmenanalyse, so referiert EBERLE Hans-Georg SOEFFNER (1989, S.144), unterscheide nicht systematisch die beiden grundsätzlich divergenten Perspektiven, dass der Interpret einer Situation das Produkt sehe und deute, der Handelnde dagegen den Prozess. Wahrnehmungs- und Interaktionsanalyse würden letzten Endes vermischt. Angesichts dieser Neigung zur Metaphorik und Reifikation der Perspektive des Fremdverstehenden, obliege es der Lebensweltanalyse, hinsichtlich des noetischen Aspekts (d.h. bzgl. des Denkens) "für die allgegenwärtige Gefahr soziologischer Reifikationen" (S.122; Herv. im Orig.) zu sensibilisieren, denn die Rahmen von Erfahrungen haben bei GOFFMAN anscheinend eher den Wert einer Interpretationsheuristik. Die Rahmenanalyse ihrerseits könne dieselbe Sensibilisierung aber hinsichtlich des noematischen Aspekts (d.h. bzgl. des Denkinhalts) leisten. In ihrer fortgesetzten Variation des Sinns sozialer Phänomene, so bescheinigt EBERLE der Rahmenanalyse, habe sie als eine Art "Ethnohermeneutik" (S.73) zumindest mehr zum Verständnis von Alltagserfahrung beigetragen als SCHÜTZ' Analyse der mannigfaltigen Wirklichkeiten. So könne man beide Ansätze kaum leichterdings als je rein egologische und interaktionistische Methoden konfrontieren. Mit dem Befund, beide Analyseansätze bergen das Potential, in direktem Bezug zueinander weiterentwickelt zu werden, endet der Vergleich. [7]

Doch es steckt mehr in diesem Kapitel, nämlich eine ausführliche Auseinandersetzung mit GARFINKELs Ethnomethodologie. Ihr gehe es um Sinnkonstitution als beobachtbare Handlung, nicht als Bewusstseinsleistung; die Auslegung des Alltags werde zugleich als Frage der sozialen Ordnung mit eingeblendet. Einerseits fasse sie die Sinnkonstitution wie die Rahmenanalyse pragmatisch-interaktional, fordere aber strengere empirische Adäquanzkriterien als die letztere. Die Lebensweltanalyse verbleibe dagegen in einer egologischen Perspektive. Zwischen philosophischer Lebensweltanalyse und soziologischer Ethnomethodologie nehme die Rahmenanalyse eine Zwischenposition ein, indem sowohl auf der Ebene des Bewusstseins als auch der Interaktionssituation argumentiert werde und über das Rahmenkonzept sogar transsituative Befunde möglich würden. Mehr noch, alle drei Konzepte könnten sogar in einem Ergänzungsverhältnis zueinander ihren Platz finden: Während die Lebensweltanalyse universale Grundstrukturen subjektiver Weltorientierung aufdecke und eine diesbezügliche Hermeneutik liefere, wolle die Rahmenanalyse "einige Organisationsprinzipien beschreiben, gemäß denen in unserer Gesellschaft Situationsdefinitionen vorgenommen werden (S.121); dagegen gehe es der Ethnomethodologie rein situationsbezogen um das Wie des "sense-making" in seinen mannigfaltigen formalen Methoden der Handelnden, unter strikter Ausblendung der übereinstimmenden subjektiven Wissensbestände und der Rahmen. [8]

2.3 Verstehen vor Erklären

Und wie nah stehen sich – wirft EBERLE die Frage auf – die Lebensweltanalyse als verstehender Ansatz und Rational Choice-Theorien als erklärende Ansätze? Vieles spreche dafür, dass grundlegend verschiedene methodologische Orientierungen vorliegen. Jedoch seien auch Konvergenzen und Anschließbarkeiten nicht zu leugnen (vgl. auch EBERLE 1999b). EBERLE arbeitet das spannungsreiche, aber eben doch auch verflochtene Verhältnis der beider konzeptionellen Traditionen auf, insbesondere hinsichtlich der ökonomisch-rationalen Praxeologien bei Ludwig von MISES und Max WEBER sowie des handlungstheoretischen Kerns des "Subjective Expected Utility"-Ansatzes (SEU-Theorie) von Hartmut ESSER. EBERLE geht es darum zu prüfen, "ob sich die Relevanz der methodologischen Überlegungen von SCHÜTZ durch die Ausdifferenzierung des Rational Choice-Ansatzes verändert, insbesondere ob sie sich relativiert hat und ob seine Hauptanliegen in der modernen SEU-Theorie erhalten bleiben, wie ESSER versichert" (S.128). Auch neuere Entwicklungen ökonomischer Theorien rationaler Wahl werden ergänzend eingeblendet in diese "dogmengeschichtliche Perspektive" (S.128). Dieses vierte Kapitel ist ein eigens für die Habilschrift neu verfasster Beitrag, mithin der erste umfängliche systematische Antworttext auf ESSERs SCHÜTZ-Deutungen. ESSER hatte zuvor die These vertreten, Verstehen und Erklären seien bei SCHÜTZ miteinander verbunden, da dieser eine methodenmonistische statt einer dualistischen Position vertreten habe. So ist auch die Zielrichtung der Untersuchung zu verstehen, im Zuge derer EBERLE sehr präzise die ökonomietheoretischen Einflüsse der Praxeologie von MISES und der Handlungstheorie Max WEBERs auf die philosophische Fundierung der Verstehenden Soziologie durch SCHÜTZ rekonstruiert, indem er die rationale Wahl betreffende Elemente herausarbeitet und auf deren methodologische Bedeutung hin überprüft. SEU wird also gerade nicht einfach umgekehrt in die Lebensweltanalyse "zurück- und hineinsystematisiert", anders als ESSER vorging. [9]

SCHÜTZ sei es nie darum gegangen, die ökonomischen Als-ob-Modelle zu kritisieren, sondern sie als idealtypische Konstruktionen – und damit auch die "'Distanz' zwischen Modell und Wirklichkeit" (S.205) – erkennbar zu machen. EBERLE hält ESSER zugute, er habe "die theoretischen Konzepte der interpretativen Ansätze aufgearbeitet und systematisch nach Schnittstellen gesucht, um sie mit dem erklärenden Ansatz der Rational Choice-Theorie zu verknüpfen" (S.206), und er hebt heraus, dass ESSER geschickt elementare Teile der Lebensweltanalyse in die SEU-Theorie aufgenommen und damit gar den "Homunculus des primär (zweck-) rational handelnden Akteurs" überwunden habe (S.207). EBERLE hält ihm aber erstens vor, das Problem, von komplexen Analysen der Logik der Situation zu ebenso komplexen der Aggregation zu gelangen, nicht gelöst zu haben. Und zweitens sei der Vorrang der Kausaladäquanz gegenüber der Sinnadäquanz mit dem SEU-Ansatz nicht beseitigt, jedenfalls je komplexer die Sinnvielfalt der fraglichen Handlungssituation ist (S.208). Wie in den anderen Kapiteln kommt EBERLE auch hier zu dem Schluss, dass die Gefahr darin besteht, die Lebensweltanalyse um ihre erkenntnistheoretische Dimension zu verkürzen und etwa als eine gemeine Sozialtheorie zu handhaben. Kritisch an ESSERs Vorgehen sei es, dass er die Lebensweltanalyse unter das Schema von Nutzenfunktion und Rationalitätskriterien seiner eigenen Theorie subsumiert habe. Damit hat er ihre methodologische Qualität letztlich – zugunsten einer eigenen formalen Methodologie – ignoriert. Das könne daran liegen, dass SCHÜTZ den konkreten Theoriebau und den Forschungsablauf auf der lebensweltanalytischen Grundlage offen gelassen habe. Verloren gegangen sei bei ESSER die Berücksichtigung der Grundstruktur wissenschaftlicher Konstruktionen. Hier lässt EBERLE nicht an der Bedeutung der Lebensweltanalyse deuteln: Da die soziale Wirklichkeit sinnhaft vorkonstituiert sei, bleibe den Sozialwissenschaften nichts anderes übrig, als das Verstehensproblem basal zu klarifizieren. Es bleibe die Aufgabe, die Lebensweltanalyse in Anschlag zu bringen: "Damit nicht für Wirklichkeit genommen wird, was lediglich Modell ist" (S.212), denn die SEU setze letztlich nach wie vor beim theoretischen Modell, nicht beim Handlungssinn an. Auch wenn die SCHÜTZsche Theorie des Verstehens selbst dem erkenntnistheoretischen Zirkel letztlich nicht entkomme, sei ihr die Reflektion über die Konstruktionsabhängigkeit wissenschaftlicher Modelle im Kern eingebaut. [10]

2.4 Gegen die postmoderne Grundlagenverweigerung

In der Konfrontation "postmoderner Organisationstheorie" mit den methodologischen Maßstäben der Lebensweltanalyse kommt EBERLE zu dem Ergebnis, sie sei das Beispiel für eine ungründlich reflektierte Empirie und Theorieunternehmung: "Auch in bezug auf das Problem der Repräsentation und die Relation von Konstruktion und Rekonstruktion erlaubt die phänomenologische Lebensweltanalyse also wesentliche Differenzierungen, die im postmodernen Konstruktivismus eingeebnet werden" (S.253). Denn: "Die Komplexität, Selektivität, Zeit- und Kontextgebundenheit von Sinnkonstruktionen sorgfältig expliziert zu haben, ist gerade das Verdienst der phänomenologischen Lebensweltanalyse" (S.252). Wie kommt es zu dem geradezu vernichtenden Urteil? Das letzte Kapitel des Buches ist der kritischen Bestandsaufnahme jener Organisationstheorie gewidmet, die – von Autoren wie COOPERRIDER, BARRETT und SRIVASTA (1995) vertreten – die Praxis von Organisationsberatern leiten soll. Die Aufnahme eines solchen aus der Managementberatung stammenden Ansatzes in eine Abhandlung über soziologische Analyseansätze mit handlungstheoretischem Fokus mag zunächst erstaunen. Der Bezug auf die Studie von COOPERRIDER, BARRETT und SRIVASTA erklärt sich aber damit, dass der betreffende Ansatz erstens davon ausgeht, Organisationen seien das Produkt menschlicher Interaktion und sozialer Konstruktion, und dass zweitens seine Erkenntnisse und Empfehlungen sich dezidiert auf die Durchführung eines Surveys in Verbindung mit Ethnographie und einer daraus entwickelten Grounded Theory stützen. Die Autoren entdecken soziale Wirklichkeitskonstruktionen in organisationalen Diskursen, und sie beschreiben Prozesse in Begriffen sozialen Handelns (Handeln/Denken/Tun). Als postmodern ist die fragliche Organisationstheorie laut EBERLE zu bezeichnen, insofern sie dem Grundsatz folge, mit möglichst wenigen und möglichst wenig die Arbeit komplizierenden erkenntnistheoretischen Annahmen zu operieren, um sich weitgehende Freiheit bei der patchworkartigen Konstruktion ihrer theoretischen Aussagen zu bewahren. EBERLE kritisiert, dass hierbei dann allerdings ohne weitere Begründung die Multiplizität und Kontextabhängigkeit von Perspektiven als Tatsache und das menschliche Eingebettetsein in soziale Beziehungen als Wahrheit deklariert wird. Bei dem Ansatz, der von den Autoren selbst als "postmoderner Konstruktivismus" bezeichnet wird, ersetzten pauschale Verweise auf Wissenschaftstheorie die komplexe Rekonstruktionsarbeit über die spezifischen Grundlagen des Forschens und Theoretisierens über Handeln in Organisationen; nicht weniger schemenhaft bleibe der zu Grunde gelegte Sozialitätsbegriff. [11]

So dient EBERLE die an sich gewollte Unschärfe der Autoren COOPERRIDER, BARRETT und SRIVASTA in Fragen der Methodologie als negativer Idealtyp einer geradezu modischen Vernachlässigung von Grundlagen jener Wissenschaftlichkeit, für welche die Lebensweltanalyse als selbstreflexive Methodologie im Gegensatz zu postmoderner Systematikverweigerung steht. EBERLE stellt die Frage entgegen, "wie die Problemlagen, Fragestellungen und Lösungsvorschläge erheblich klarifiziert werden können, wenn man sie aus ihrem postmodernen Theoriekontext herauslöst und im Rahmen des phänomenologisch fundierten Sozialkonstruktivismus reformuliert" (S.223). Nicht die Annahme einer grundsätzlichen Konstruiertheit und damit Umkonstruierbarkeit sozialer (Organisations-) Wirklichkeit genüge, sondern erst, wenn die subjektiven Erfahrungswirklichkeiten der Akteure in Rechnung gestellt werden, werde das wissenschaftliche Verstehen des alltäglichen Verstehens möglich. Zum Beispiel fehle diese Unterscheidung, wenn COOPERRIDER et al. die Einsicht präsentieren, dass Organisationen sozusagen gemacht und gedacht werden – denn sie geben nicht an, ob diese Einsicht auf Seiten der Managementpraktiker oder der Managementtheoretiker eintrat. Wäre dies exakt angegeben, würde die "Analyse luzider, die Erklärungskraft größer und die Praxisrelevanz stärker" (S.223), argumentiert EBERLE, der den postmodernen Organisationsansatz insgesamt für grundlagentheoretisch zu wenig elaboriert befindet. [12]

3. Und was fangen wir mit dem Buch an?

"Die phänomenologische Lebenswelt-Analyse hat eine Protosoziologie geschaffen, welche methodologische Überlegungen bis in die Tiefenschichten subtilster Sinnmodifikationen ermöglicht. Die Radikalisierung des Adäquanzpostulats soll sicherstellen, dass dieses Potential auch produktiv ausgeschöpft wird." (EBERLE 1999a, S.117)

Mit diesem Satz schloss EBERLE seinen 1999 erschienenen Beitrag zur hermeneutischen Wissenssoziologie – "Sinnadäquanz und Kausaladäquanz bei Max WEBER und Alfred SCHÜTZ" –, in dem die theoretischen Grundlagen der für eine sozialwissenschaftliche Methodologie zentralen SCHÜTZschen Postulate gerade auch auf verschiedene Interpretationspraxen (in Soziologie, Rechts- und Geschichtswissenschaft) hin verglichen werden. Mit seinem aktuellen Band hat EBERLE nun einen weiteren zugleich wohlinformierten wie (wenn auch mit erheblicher Mühe beim Lesen) wohlinformierenden Beitrag zum (Fort-) Entwurf einer empirisch-verstehenden Soziologie bzw. einer Theorie der Interpretation vorgelegt. Der besondere Reiz dieser Abhandlung ist nicht zuletzt in jener dem Autor eigenen theoretischen und methodologischen Offenheit zu finden: So schließt EBERLE explizit nicht aus, dass die Praxis soziologischer Forschung und Theoriebildung auch ohne eine philosophische Fundierung auskommen könne (S.13). Andererseits kann EBERLE aufzeigen, dass die methodologische Begründungsarbeit im Sinne von SCHÜTZ positiven Einfluss auf die Erträge sozialwissenschaftlicher Forschung nehmen kann und nimmt – was nicht zuletzt daran belegt wird, wie die unterschiedlichen, in diesem Buch behandelten Ansätze im Zuge unvermeidlicher Selbstvergewisserungs- und Begründungsarbeit doch plausibel und genau dort landen, wo SCHÜTZ seine Fundamente bereits in weiser Voraussicht angelegt hat. [13]

3.1 Wozu Sinnadäquanz?

Es handelt sich bei diesem Buch offensichtlich um ein Sensibilisierungsunternehmen in Sachen sozialwissenschaftlicher Methodologie:

"Jede Proto-Sprache, ob phänomenologischer oder Parson'scher Provenienz, ordnet das Datenmaterial nach einheitlichen Gesichtspunkten und bildet damit die Basis eines Vergleichs. Das Interpretationsproblem wird damit nicht gelöst: Jede Erhebung von Daten und ihre Vermittlung mit theoretischen Begriffen impliziert hermeneutische ad hoc-Akte, deren Adäquanz nur situativ im jeweiligen pragmatischen Kontext beurteilt werden kann." (EBERLE 1984, S. 433) [14]

Eine dafür notwendige Transformationsgleichung liefert aber auch die Theorie des Verstehens nicht, wie schon SCHÜTZ klar gemacht hat. Durch dieses basale sozialwissenschaftliche Übersetzungsproblem von Sprache zu Sprache bleibe "auch das sozialwissenschaftliche Messproblem unlösbar" (ebd.). Wenn EBERLE dennoch auf Vorteile der Lebensweltanalyse hinweist, so vermeidet er jeglichen Dogmatismus, legt vielmehr Wert darauf, die in der Kontrastierung erkennbar werdenden Vorteile jedes der verglichenen Ansätze hervorzuheben. Perspektiven, Reichweiten und blinde Felder werden erkennbar gemacht. Er will die phänomenologische Protosoziologie als einen "erkenntnistheoretisch zwar tragfähigen, durchaus aber auch diskutier- und modifizierbaren [...] Bezugsrahmen" behandeln (EBERLE 1999a, S.117). Eine solchermaßen verstandene phänomenologische Protosoziologie ermögliche Überlegungen zu methodologischen Problemen, auf welche man mit sämtlichen handlungstheoretischen Ansätzen stoße, wenn man sie auf ihre Prämissen und Konsequenzen für eine nah an der subjektiven Perspektive von Akteuren orientierte soziologische Forschung überprüfe. Was dies für die je eigene Forschungspraxis bedeutet, kann man mit Hilfe von EBERLEs Erörterungen zu reflektieren ansetzen – wenn derart grundlegende Entscheidungen nicht bereits gefallen sind, nachdem sich jemand einmal für ein bestimmtes Paradigma entschieden hat. Die versammelten Beiträge des Bandes sind jedenfalls ein unideologisch, nüchtern und fundiert vorgetragenes Plädoyer gegen selbstverschuldete Naivität in der Sozialforschung. [15]

Macht es also Sinn, nach der von EBERLE anvisierten Adäquanz zu streben? Während eine postmoderne Managementtheorie, wie die von EBERLE untersuchte, es vorzieht, den erkenntnistheoretischen Status der zu Grunde liegenden Annahmen nicht anders auszuweisen als durch Verweis auf die allgemeine Wissenschaftstheorie, bietet die von EBERLE vertretene Phänomenologie

"einen tragfähigen epistemologischen Rahmen, innerhalb dessen die (unausweichlich) hermeneutische bzw. interpretative Aufgabe soziologischer Forschung – und zwar der quantitativen wie der qualitativen – methodologisch verortet und die angewandten methodischen Verfahren erkenntnistheoretisch geklärt werden können" (S.232; Herv. im Orig.). [16]

Zwei Anwendungsarten wurden diskutiert: einmal auf Theorieansätze, welche über eine Methodologie verfügen, d.h. wo diese explizit problematisiert worden ist (Ethnomethodologie, SEU); das andere Mal bezüglich von Ansätzen, denen eine methodologische Fundierung verzichtbar erscheint (Rahmenanalyse, postmoderne Organisationstheorie). Im ersten Fall wird es keine letzte Instanz geben, von der aus man systematisch und nachvollziehbar erarbeitete Ergebnisse einfach vom Tisch wischen kann. Zu gut sind die Ansätze durchdacht oder zumindest in der Forschungspraxis bewährt. Durch lebensweltanalytische Überlegungen kann aber eine konstruktive Auseinandersetzung über die Tragweite von wissenschaftlichen Aussagen angeregt werden. Im anderen Fall kann die Konfrontation mit der Lebensweltanalyse zu konstruktiven Anfechtungen der methodologisch schwach aufgehängten Aussagen anleiten, d.h. zur Explizierung vernachlässigter Methodologie – was im wissenschaftlichen Diskurs nie ein Schaden ist. Ob sich jemand diese Mühe machen will und ob ein solches Reflektieren unbedingt nur in Anlehnung an die Lebensweltanalyse erfolgen muss/kann, ist eine andere Frage. Wichtig ist, es steht mit ihr ein dafür brauchbares Instrumentarium zur Verfügung. [17]

3.2 Was noch fehlt

Zwei Kritikpunkte an einem Buch, das es wert ist, in der Profession (und – wie die Hinweise auf Organisationstheorie und -forschung unbedingt nahe legen – darüber hinaus) konstruktiv und kritisch diskutiert zu werden, seien herausgestellt. Sie sollen zu erkennen geben, inwiefern es schwierig werden könnte, einer breiteren, methodologisch interessierten Leserschaft das Buch anzudienen. Zum einen herrscht eine unnötige und hinderliche Unübersichtlichkeit und Redundanz in dem Buch vor: keine Synopse, keine Verweise zwischen den Kapiteln, kein Index. Auf diese Weise wird ein eklatanter Mangel der Textsammlung von EBERLE offenbar: Die konzise Einleitung der Textsammlung erfüllt teilweise die Funktion einer Andeutung der Erträge aus den verschiedenen Einzelstudien und weckt damit Erwartungen, doch reißt sie die Schauplätze der nachfolgenden Analysen nur an, lässt die Ergebnisse ("naturgemäß") offen. Es fehlt eine systematisch vergleichende Übersichtsdarstellung, eine Synopse der verstreuten Einzelergebnisse und eine Suchhilfe. Es bleibt den Lesenden selbst überlassen, sich – nach Befassung mit den in sich systematisch elegant geschlossenen Einzelstudien – ein systematisches Gesamtbild zu erstellen. [18]

Ebenso wenig wie eine systematische Begründung für die vorgelegte Auswahl der Theorieansätze für den Vergleich gegeben wird, findet sich eine den Forschungsstand der sozialwissenschaftlichen Methodologie aufnehmende Rahmung; auch wird kein Ausblick gegeben. Nur selten geht der Blick über den angelegten Rahmen hinaus. Es werden zahlreiche Erwartungen aufgebaut, zu deren Erfüllung man nur mit großer Eigenleistung gelangt. Die größte Enttäuschung könnte sein, dass nach der Darlegung des (den EBERLE Rezipierenden) bekannten Forschungsstandes außer dem Kapitel zu Rational Choice keine Fortsetzung bzw. Weiterführung angeboten wird, welche über die Einzelstudien hinausweist: z.B. eine Programmatik für die Auswahl, Anwendung und Weiterentwicklung von Methoden, welche sich der vorgeschlagenen methodologischen Grundlagen bedienen können; eine Einlassung zur Aktualität der lebensweltanalytischen Handlungstheorie im Vergleich mit sonstigen Theorieangeboten zur Fundierung von Forschungsmethodologie. Zu denken wäre hier an jene mit deutlichen Bezügen zur Mundanphänomenologie, die auf SCHÜTZ reagieren oder in Anteilen handlungstheoretisch oder verstehend angelegt sind wie BOURDIEUs Theorie der Praxis, STRAUSS' datenfundierte Handelnstheorie bzw. die neuere pragmatisch-interaktionistische Handlungstheorie, GIDDENS' Strukturierungstheorie, MANNHEIMs Wissenssoziologie, ja sogar LATOURs Akteur-Netzwerk-Theorie. Erwarten können hätte man auch eine eingehende und an Beispielen aufgezogene Diskussion der Vor- und Nachteile der Forschung mit oder ohne eine mathesis universalis im Sinne von SCHÜTZ und LUCKMANN oder gar Beispiele für die empirische Anwendbarkeit und Fruchtbarkeit bzw. für Grenzen und Gefahren einer lebensweltanalytischen Zugangsweise. Andere Adäquanzspektren hätten diskutiert werden können. Das Buch beginnt bei SCHÜTZ, und es endet bei SCHÜTZ. Da bleibt nur der Verweis auf zahlreiche Beiträge in dem von HITZLER, REICHERTZ und SCHRÖER 1999 herausgegebenen Band "Hermeneutische Wissenssoziologie" (siehe dazu auch SEIFFARTH 2001, SCHNETTLER 2002). [19]

3.3 Für welche Leserschaft?

Wem soll man das Buch empfehlen und wozu? Auf Grund der Unübersichtlichkeit schließt EBERLE die Leserschaft der Studierenden und sonstigen "Anfänger" auf dem Gebiet sozialwissenschaftlicher Methodologie aus. Man kann zwar einträglich an jedem einzelnen Kapitel lesen oder durch Herumzappen im gesamten Textangebot Gewinne herausschälen, aber das ist mühsame Kleinarbeit, die mich teilweise an die Lektüre der "Mutmassungen über Jakob" von Uwe JOHNSON (1974) erinnerte: man muss nämlich disparat angeordnete Textstellen rekombinieren, den Faden in der Sinnwelt des Autors finden oder durch eigene Fragestellungen hineinstricken. Man kann das als Übung begreifen, dann wäre aber bitte das Buch als Text-File zur Analyse mit ATLAS.ti vorzulegen! Das Dilemma liegt auf der Hand: Für Neuinteressierte an der Lebensweltanalyse ist das Buch zu schwer erschließbar; den Altinteressierten genügt das Kapitel über Rational Choice. [20]

Oder etwa EBERLE für die Psychologie? – FQS wird u.a. ja auch aus dieser Disziplin wahrgenommen. Da es ihm um die Promotion der Lebensweltanalyse als ein Reflexionsinstrument für die empirischen Sozialwissenschaften geht, dürfte EBERLE nur von indirektem Interesse für die Psychologie sein. Abgesehen von kurz aufflackernden Hinweisen auf eine Bereichsüberschneidung der SCHÜTZschen Konstitutionstheorie des subjektiven Bewusstseins mit einer von HUSSERL sog. "phänomenologischen Psychologie" (S.65), hat EBERLE nicht die Absicht, diesen Grenzbereich zwischen Sozial- und Psychowissenschaft herauszuarbeiten. Nichts desto trotz können sozialpsychologisch Interessierte ihre Überlegungen z.B. dort ansetzen, wo der von beiden Disziplinen – der Psychologie und der Soziologie – in Anspruch genommene und zugehörige Erving GOFFMAN diskutiert wird (obwohl es bei diesem wiederum nicht um sozialpsychologischen Studien geht, sondern um die Rahmenanalyse) sowie was die verstehenstheoretischen Hintergrundannahmen ihrer Methodenpraxis angeht. Dasselbe gilt für andere Nachbardisziplinen der Soziologie. [21]

Bei aller Wertschätzung des Versuchs, die SCHÜTZsche Methodologie für die Sozialwissenschaften fruchtbar zu machen, drängt sich mir doch der Eindruck auf, das Buch wende sich weder an Laien, für die es zu "verwickelt" aufgebaut und ausgeführt ist, noch an Experten, für die es wiederum nicht innovativ genug ist. Doch um das methodologische Grundwissen "gut informierter" Wissenschaftler (vgl. SCHÜTZ 1964, S.120ff.) um wichtige Details der SCHÜTZ-Rezeption zu ergänzen – dafür halte ich das Buch für wichtig und unverzichtbar. [22]

Literatur

Cooperrider, David; Barrett, Frank & Srivesta, Suresh (1995). Social construction and appreciative inquiry: a journey in organizational theory. In Dian-Marie Hosking, H. Peter Dachler & Kenneth J. Gergen (Hrsg.), Management and Organization: Relational Alternative to Individualism. (S.157-200) Aldershot: Avebury.

Dachler, H. Peter & Hosking, Dian-Marie (1995). The primacy of relations in socially constructing organizational realities. In Dian-Marie Hosking, Peter Dachler & Kenneth J. Gergen (Hrsg.), Management and Organization: Relational Alternative to Individualism. (S.1-28) Aldershot: Avebury.

Eberle, Thomas S. (1984). Sinnkonstitution in Alltag und Wissenschaft. Bern: Haupt.

Eberle, Thomas S. (1999a). Sinnadäquanz und Kausaladäquanz bei Max Weber und Alfred Schütz. In Roland Hitzler, Jo Reichertz & Norbert Schröer (Hrsg.), Hermeneutische Wissenssoziologie. Standpunkte einer Theorie der Interpretation. (S.97-120) Konstanz: UVK.

Eberle, Thomas S. (1999b). Der Stein des Anstoßes: Das Problem der Sinnadäquanz. In Hermann Schwengel (unter Mitarbeit von Britta Höpken) (Hrsg.), Grenzenlose Gesellschaft? 29. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie/16. Österreichischer Kongress für Soziologie/11. Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie, Freiburg/Br. 1998 – Band II/1 Sektionen, Forschungskomitees, Arbeitsgruppen (S.574-576) Pfaffenweiler: Centaurus.

Hitzler, Ronald; Reichertz, Jo & Schröer, Norbert (Hrsg.) (1999). Hermeneutische Wissenssoziologie. Standpunkte zur Theorie der Interpretation. Konstanz: UVK.

Johnson, Uwe (1974). Mutmassungen über Jakob. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Schnettler, Bernt (2002, Februar). Was, wirklich, bleibt!? Sozialkonstruktivismus, Hermeneutik, Wissenssoziologie. Rezensionsaufsatz zu: Roland Hitzler, Jo Reichertz & Norbert Schröer (Hrsg.) (1999). Hermeneutische Wissenssoziologie. Standpunkte zur Theorie der Interpretation [10 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 3(4). Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/4-02/4-02review-schnettler-d.htm.

Schütz, Alfred (1962). Collected Papers I – The Problem of Social Reality. The Hague: Nijhoff.

Schütz, Alfred (1964). Collected Papers II – Studies in Social Theory. The Hague: Nijhoff.

Schütz, Alfred (1974). Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die Verstehende Soziologie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Seiffahrt, Achim (2001, Mai). Verschwinden kann alles. Der Soziologe bleibt. Rezensionsaufsatz zu: Roland Hitzler, Jo Reichertz & Norbert Schröer (Hrsg.) (1999). Hermeneutische Wissenssoziologie. Standpunkte zur Theorie der Interpretation. [13 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 2(2). Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-01/2-01review-seiffarth-d.htm.

Soeffner, Hans-Georg (1989). Auslegung des Alltags – Alltag der Auslegung: zur wissenssoziologischen Konzeption einer sozialwissenschaftlichen Hermeneutik. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Zum Autor

Peter STEGMAIER ist Wissenschaftlicher Angestellter in dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt "Recht als soziale Praxis", geleitet von Prof. Dr. Martin MORLOK. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen derzeit bei der Rechts- und Wissenssoziologie sowie ethnographischen und hermeneutischen Methoden.

Kontakt:

Dipl.-Soz. Peter Stegmaier

Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Rechtstheorie und Rechtssoziologie
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
DFG-Projekt "Recht als soziale Praxis"
Universitätsstraße 1, Geb. 24.91
D-40225 Düsseldorf

E-Mail: peter.stegmaier@uni-duesseldorf.de

Zitation

Stegmaier, Peter (2003). Rezension zu: Thomas Samuel Eberle (2000). Lebensweltanalyse und Handlungstheorie. Beiträge zur Verstehenden Soziologie [22 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 4(2), Art. 12, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0302124.

Revised 6/2008



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