Volume 4, No. 2, Art. 14 – Mai 2003

Rezension:

Tilmann Walter

kea. Zeitschrift für Kulturwissenschaften (2001), Ausgabe 14: Heteronormativität. Marburg: kea-edition, 283 Seiten, ISSN 0938-1945, EUR 15,- (plus Versand)

Zusammenfassung: Der Band versammelt ethnographische Beiträge zur Frage der Homosexualität vor dem Hintergrund einer "heteronormativen" Mehrheitskultur. Vorgeführt werden Aspekte der akademischen und politischen Debatte in den USA, das methodische Problem der Wahrnehmung "fremder" Sexualkulturen vor dem Hintergrund "eigener" kultureller Vorstellungen und zuletzt der Umstand, dass sich auch ein beobachtendes Subjekt "im Feld" als Geschlechtswesen präsentieren und etablieren muss. Die Beträge sind durchaus informativ und instruktiv zu lesen, dem Band mangelt es aber an einer angemessenen und zu diesen Punkten theoretisch hilfreichen Einleitung. Insbesondere bleibt das Grundproblem unterreflektiert, ob nicht der erste und wichtigste Schritt zur Abschaffung der "Heteronormativität" ein wirklich radikales Infragestellen der Dichotomie "Heterosexualität" / "Homosexualität" selbst sein müsste.

Keywords: Homosexualität, Queer-Theory, Ethnologie

Inhaltsverzeichnis

1. Ausgangsüberlegungen

2. Heteronormativität?

3. Zweigeschlechtlichkeit als Konstrukt?

4. Ethnographische Beispiele

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Ausgangsüberlegungen

Die Reaktionen auf den 11. September 2001 haben die religiöse Grundlage, die die Vereinigten Staaten von Amerika im Bewusstsein ihrer politischen Elite besitzen, wieder offenkundiger werden lassen. Die Außenpolitik der Regierung Bush ist mit einer Rhetorik verknüpft, welche die Welt in "Freunde" und "Feinde", "gut" und "böse" aufteilt – wobei als "gut" wie selbstverständlich die eigene Lebensweise, als "böse" rasch alles übrige angesprochen wird. Innenpolitisch war das Wertekonzept der konservativen Elite in den USA stets deutlicher an einem Leben gemäß der Bibel ausgerichtet. Dies betraf auch sexuelle Normen, worunter in den USA bis heute offen homosexuell lebende Personen zu leiden haben. Sie werden als anders wahrgenommen und wurden im Zuge der "AIDS-Krise" auch explizit als "gottlos" stigmatisiert. [1]

Die Entwicklung in Nordwesteuropa ist anders verlaufen: Die Trennung von Religion und Staat wurde in Europa seit der Aufklärung konsequenter verwirklicht, religiöse Argumente spielen im politischen Leben heutzutage keine wirkliche Rolle mehr. Was nun "die Homosexuellen" angeht, so hat der vergebliche Kampf um Gleichberechtigung, der um 1870 in Deutschland seinen Anfang nahm und zwischen 1900 und 1933 vehement geführt wurde, langfristig zu weitgehenden Erfolgen geführt: Eine "Schöne schwule Welt" (HINZPETER 1997) soll dadurch entstanden sein: Dieser Einschätzung entsprechend wäre auch die Gleichheit der Lebenschancen fast schon verwirklicht. Eine Gleichheit der Lebensumstände (etwa hinsichtlich der soziosexuellen und familialen Lebensformen) gilt nicht als wünschenswert. Wenn "die Schwulen" hierzulande weiterhin ihren Minderheitenstatus betonten, so müssten sie sich doch der Tatsache bewusst sein, dass sie eine Minderheit mit überdurchschnittlichem Einkommen, überdurchschnittlicher Präsenz im kulturellen Leben und überdurchschnittlichen Chancen auf eine hohe Lebensqualität seien. [2]

2. Heteronormativität?

Vor diesem Hintergrund wirkt es ein wenig anachronistisch, wenn Theorien der US-amerikanischen "Queers" (Homosexuelle), die die Tendenz auszeichnet, das eigene "Anderssein" forciert herauszustreichen, unreflektiert und unkritisch nach Europa importiert werden (vgl. BECH 2000). Bedauerlicherweise verzichtet der Ethnologe Dieter HALLER im einleitenden Beitrag mit dem Titel "Die Entdeckung des Selbstverständlichen: Heteronormativität im Blick" (S.1-28) auf solche kulturell kontextualisierenden Überlegungen. Für ihn ist die Rezeption der Queer-Theorien ein wissenschaftliches Desiderat und ihre angebliche Nicht-Rezeption Ausdruck der Provinzialität der deutschen Forschungslandschaft. Diese Einschätzung darf angezweifelt werden: Zum einen ist der Eindruck, die Queer-Theorien fänden hierzulande keine Beachtung, nicht mehr recht nachvollziehbar. Zum anderen ließen sich die entsprechenden Debatten mit Gewinn ethnologisch als spezifische akademische Folklore in den USA analysieren. [3]

HALLER beobachtet selbst, dass für die US-Verhältnisse das "Minoritätenmodell" kennzeichnend ist, welches "die Dichotomie zwischen Heteros und Homos bekräftigt", während die "Schwulen- und Lesbenbewegung in Deutschland" durch "einen starken assimilatorischen Charakter" ausgezeichnet sei (S.8). Konkrete symbolische Bedeutungen und sexualpolitische Implikationen dieses Kulturunterschieds erläutert er nicht, obwohl er feststellt (S.19): "Hetero- wie auch Homosexualität sind keine uniformen, monolithischen Phänomen [sic]." Wissenschaftshistorisch und -soziologisch betrachtet handelt es sich bei dieser dichotomischen Begrifflichkeit um ein kulturelles Konstrukt, das am ehesten bei der Beschreibung des subjektiven Selbstverständnisses von Menschen, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in westlichen Gesellschaften leben, einsetzbar ist. Es auf andere kulturelle Zusammenhänge zu beziehen, hieße, die Eigenständigkeit sexueller Lebensweisen zu übergehen und wäre Ausdruck eines essentialistischen Denkstils (vgl. LAUTMANN 2002, S.467f). [4]

Unklar ist, ob die in dem Themenheft aufgenommenen Beiträge, die teilweise auf Englisch abgedruckt sind, nun als ernstzunehmende theoretische Anstöße oder als Belege für den spezifischen US-amerikanischen Diskussionsstil zu lesen sind. Manche darunter legen eher diese zweite Deutung nahe. HALLERs Anspruch, wissenschaftliches Neuland zu betreten, steht und fällt mit der Tatsache, dass inhaltlich vieles durchaus bekannt ist. So sind die Texte zum guten Teil Wiederabdrucke von Aufsätzen aus den 1990ern. Interesse ruft dagegen die Tatsache hervor, dass sie überwiegend von Vertreter/inne/n der Ethnologie verfasst wurden. Gilbert HERDTs kulturanthropologische Arbeiten zur sozialen Praxis und kulturellen Symbolik homosexuellen Verhaltens (zusammenfassend: HERDT & STOLLER 1990) gehörten zu den bemerkenswertesten Arbeiten im Umfeld der Diskussion um den "sozialen Konstruktivismus" hinsichtlich der Sexualverhältnisse seit den 1970ern. [5]

Wer mit Arbeiten von HERDT und weiterhin Michel FOUCAULT, Jonathan KATZ, Judith BUTLER u.a. bzw. mit ihrer breiten Rezeption in den USA noch gänzlich unvertraut ist, mag aus der Lektüre von HALLERs Einleitung Gewinn ziehen. Andererseits kann nicht davon die Rede sein, dass sie in Deutschland unbeachtet geblieben sind, andere deutschsprachige Einführungen erläutern sie ebenfalls ausführlich (vgl. etwa HERGEMÖLLER 1999, LAUTMANN 2002). Innovatives möchte HALLER aber vor allem mit dem Import des Terminus "Heteronormativität" leisten. Er "bezeichnet im weitesten Sinne all jene Betrachtungsweisen, die wie selbstverständlich davon ausgehend, dass das heterosexuelle Paar die Chiffre für Menschsein an sich bildet" (S.1). Neu ist dabei allerdings nur dieser spezielle Ausdruck, der Gedanke selbst wurde schon in den Anfangszeiten der "Homosexuellenbewegung" um 1900 ausgesprochen. Insgesamt gelingt es HALLER nicht, grundlegende Fragen – etwa nach dem Verhältnis von sozialer Differenz und Gleichheit, von "natürlichen", kulturellen und individuellen Faktoren des subjektiven sexuellen Erlebens oder den politischen Zielen der Schwulen- und Lesben- vs. Queer-Bewegung –, wie sie auch hierzulande seit gut zehn Jahren intensiv diskutiert werden, anschaulich zu strukturieren. [6]

3. Zweigeschlechtlichkeit als Konstrukt?

Der Soziologe Stefan HIRSCHAUER wurde in den letzten Jahren als Experte für die sozialwissenschaftliche Analyse der Transsexualität bekannt. Sein Aufsatz "Die soziale Fortpflanzung der Zweigeschlechtlichkeit" (S.29-60), in dem er methodische Schlüsse aus seiner Arbeit zog, erschien erstmals 1994. Dass "Geschlecht" ein soziales Konstrukt ist, darf nach HIRSCHAUER inzwischen zum soziologischen "Commonsense [sic]" gezählt werden (S.29). Das Beispiel Transsexualität scheint indes weniger für die Annahme zu sprechen, dass der verbreitete Eindruck, es existierten zwei Geschlechter, eine beliebige Vorstellung ist – sachlich zutreffender wären deren kulturspezifischen symbolischen Besetzungen als "konstruiert", d.h. kontingent und wandelbar anzusprechen. Transsexuelle betonen dem medizinischen Personal gegenüber ihre Zugehörigkeit zum je anderen Geschlecht und verweisen darauf, nach gefühlsmäßigem Erleben, Vorlieben und alltäglichen Gewohnheiten im "falschen" Körper geboren zu sein (vgl. PFÄFFLIN 2000). Damit wird nicht nur das Modell Zweigeschlechtlichkeit, sondern werden auch kulturelle Symbole der Geschlechter eher unbewusst bestätigt als bewusst in Frage gestellt. [7]

Wesentlich bei der sozialen Konstruktion der Geschlechtszugehörigkeit sind nach HIRSCHAUER vor allem bildhafte Eindrücke und ein "praktisches Wissen", das "in körperlichen Routinen verankert" ist (S.34). Situativ wird so bestätigt, was im Ergebnis den transsituativen Eindruck einer Person vermittelt, oder in Soziologen-Deutsch formuliert: Geschlecht wird methodisch "als eine interaktive Episode" aufgefasst, "deren ständige Wiederholung durch eine institutionelle Infrastruktur katalysiert wird" (S.55). Besonders durch die Ethnomethodologie und im Sozialen Interaktionismus (S.31) ist gezeigt worden, wie die Geschlechtszugehörigkeit bestätigt wird:

"Sexuierte Tätigkeiten, Gesten, Gesichter, Fotographien, Vornamen, Artefakte und Körperteile bilden ein Gewebe von Geschlechtszeichen, dessen einzelne Elemente in ihrer Bedeutung situativ umgepolt oder neutralisiert werden können. In allen sozialen Situationen aber übt die Sexuierung anderer kultureller Objekte auf Akteure einen gewissen Zwang aus, sich in ihrer Darstellung auf deren geschlechtlichen Sinn zu beziehen." (S.51; Hervorh. im Original) [8]

Methodisch bemerkt HIRSCHAUER dazu:

"Den Körper als Text zu betrachten, hat den Vorzug, sich von der Idee einer natürlichen Basis zu verabschieden und zu akzeptieren, dass es keinen kulturfreien Beobachtungspunkt bei der Beschreibung des Körpers gibt. Der Nachteil dieser Perspektive liegt aber darin, dass sie von den dinglichen Qualitäten des Körpers abstrahieren muss." (S.35) [9]

Damit ist die Gefahr angesprochen, "natürliche" Gegebenheiten, die beim Menschen zwar immer symbolisch überformt auftreten, aber dennoch eine durchaus "reale" Basis für Symbole abgeben, zu übersehen. Dass Worte wie "natürlich" und "real" nur noch in Anführungszeichen gebraucht werden dürfen, zeigt, wie problematisch es geworden ist, einen solchen Gedanken überhaupt noch anzusprechen. Als Beispiel für das Gemeinte nenne ich die Möglichkeit, schwanger zu werden – die kaum noch bloß für eine soziale Zuschreibung zu halten ist. [10]

Ein allzu weit getriebener Konstruktivismus schüttet deshalb das Kind mit dem Bade aus, indem er soziokulturellen Denkstilen anlastet, was ihnen nicht unterliegt. Zwar sind Symbole, die dem Körper äußerlich zugefügt werden – Gestik, Haltung, Körperschmuck, Kosmetika oder Kleidung (S.36, 50) – willkürlich veränderbar. Individuelle Körperformen – wie beispielsweise Körpergröße, Gestalt von Gesicht, Genitalien, Brust oder Hüften – für die dies nur in eingeschränktem Maß zutrifft –, sind anderen aber gleichfalls bei der Erkennung der Geschlechtszugehörigkeit dienlich. HIRSCHAUER hält auch diese "fleischlichen Insignien" im vollen Umfang für "kulturelle Artefakte" (S.50). Worum es den Kritiker/inne/n dabei im Grunde geht, ist mit dem Schlagwort "Naturalisierung der Geschlechterdifferenz" (S.45-47) angesprochen: Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Gender-Merkmale vielfach auf körperliche Eigenschaften zurückgeführt. Doch inzwischen verweigern sich auch die Naturwissenschaften nicht mehr der Einsicht, dass Geschlecht eine mehrdimensionale Größe ist und kulturellen Faktoren unterliegt: Die Biologie unterscheidet chromosomales, hormonelles, morphologisches und soziales Geschlecht. Dass dem Homo sapiens weiterhin ein kulturelles Geschlecht eigentümlich ist, wird dabei nicht in Abrede gestellt. Umstritten ist lediglich dessen Einfluss, verglichen mit der genetischen Ausstattung. Psychologisch ist evident, dass das Geschlechtsgefühl auch einer "biographischen Disposition" (S.47) unterliegt, HIRSCHAUER verweist auf kognitive, emotionale und interpersonale Einflüsse (S.48). [11]

Die Möglichkeit eines "Undoing Gender" (S.38-43) schätzt HIRSCHAUER skeptisch ein: Entsprechend der Sentenz, dass Personen "nicht nicht kommunizieren können", gibt es für ihn auch hinsichtlich der symbolischen Repräsentation der Geschlechtszugehörigkeit "keine Positivität der Unterlassung" (S.41). Biologisch wird die Zweigeschlechtlichkeit mit Vorteilen bei der Fortpflanzung erklärt, ein solches "Telos der Zweigeschlechtlichkeit hat eine Soziologie der Geschlechterdifferenz nicht zu bieten" (S.56). Tatsächlich ist im Alltag nicht der evolutionäre Vorteil einer besseren Durchmischung der Gene bei sexueller Fortpflanzung von spürbarer Bedeutung, sondern das soziale Arrangement der Geschlechter. HIRSCHAUER erkennt dabei an, "dass die Stabilität der Zweigeschlechtlichkeit nicht primär ein Theorieproblem ist, sondern zunächst ein praktisches Problem, an dessen Lösungen sich Gesellschaften ebenso abmühen wie an der neutralisierenden Absorption der Geschlechterdifferenz" (S.56; Hervorh. im Original). Oder anders formuliert: Lebensweltlich bereitet nicht die Zweigeschlechtlichkeit als solche Probleme, sondern bestimmte kulturelle Zuschreibungen an die Geschlechter (z.B. die Norm, wonach ein Mensch Personen des je anderen Geschlechts begehren muss). [12]

Wäre es im Alltag überhaupt denkbar oder wünschenswert, wenn geschlechtsneutrale Menschen existierten oder wirkten sie, wie Reimut REICHE vermutet hat, auf andere bloß "monströs" (zit. n. HIRSCHAUER, S.47)? Je mehr sich eine breitere Öffentlichkeit an die Existenz von Homosexuellen, Bisexuellen, Transsexuellen und Intersexen zu gewöhnen beginnt, desto weniger wahrscheinlich wäre dies der Fall. Das Problem liegt meiner Einschätzung nach anderswo: Menschen begehren es nämlich, sexuell begehrt zu werden.1) Ihre geschlechtslose Existenz wäre für die Betroffenen deshalb vermutlich in erster Linie eine Zumutung. Angesichts von akademischen Debatten, die offenbar vornehmlich von (noch) Jüngeren geführt werden, erstaunt hier die mangelnde Sensibilität für die emotionalen Probleme alternder Menschen, die lernen müssen zu akzeptieren, dass sie nicht mehr primär als sexuelle Wesen, sondern als Alte wahrgenommen werden. [13]

4. Ethnographische Beispiele

Der Aufsatz der Kulturwissenschaftlerin Martha McCAUGHEY "Perverting Evolutionary Narratives of Heterosexual Masculinity; Or, Getting Rid of the Heterosexual Bug" (S.61-90) wurde erstmals 1997 veröffentlicht. Die Evolutionstheorie nach Charles DARWIN ist in den USA bekanntlich noch heute heftig umstritten. Neben dem religiösen (antidarwinistischen) Konservativismus hat der Biologe Edward O. WILSON einen "existentiellen" (und antireligiösen) Konservativismus begründet, der weltanschaulich auf DARWINs Evolutionslehre aufbaut. Für Soziobiologen wie WILSON gilt seit den frühen 1970ern, dass sich Sexualität nicht auf Fortpflanzung reduzieren lässt, sondern bei höheren Säugetieren vielfältige soziale Funktionen erfüllt. Auch Homosexualität wurde dabei als "natürlich" interpretiert, weil "homosexuelle" Individuen ebenfalls zum Weiterleben ihrer "egoistischen Gene" beitragen, wenn sie beispielsweise für ihre Nichten und Neffen sorgen. McCAUGHTY diskutiert verschiedene Meinungen im Umfeld dieser Kontroverse und spricht sich gegen die "evolutionary naturalization of heterosexuality" aus (S.63). Freilich bedienen sich "Pro-gay Scientists" ebenfalls solcher Argumente, doch auch dabei gelte: "Scientists do not think that the evolutionary past that they construct is imaginary" (S.62).2) Wie McCAUGHTHY ausführt, hat Steven LeVAY (S.81) Anfang der 1990er unter Verweis auf ein spezielles "Homo-Gen" erneut das alte Argument Magnus HIRSCHFELDs bemüht, Homosexualität sei eine "angeborene" Eigenschaft und müsse als solche straffrei bleiben. Die Wirkungslosigkeit dieser politischen Argumentation hat der Nationalsozialismus in Deutschland längst offensichtlich werden lassen: Die Nazis erklärten Homosexualität zwar für angeboren, verschärften aber gleichwohl die einschlägigen strafrechtlichen Bestimmungen. Abschließend plädiert McCAUGHTY dafür, "[to] approach scientific texts the way queer theorist have approached other cultural texts" (S.85). Bernd VOGENBECK präsentiert in seinem Beitrag "Bruce the Queer. Ein Fall von 'Intersexualität' vor dem Hintergrund von Queer Theory" (S.91-111) einen weiteren Beleg für den wissenschaftlichen Diskussionsstil in den USA: Bruce REIMER war im Jahr 1965 als Junge geboren, nach einer missglückten Genitaloperation, die den Verlust des Penises zur Folge hatte, dann aber als Mädchen erzogen worden. Der Fallbericht wurde im Zuge der nature/nurture-Kontroverse zunächst als Beleg zugunsten des nurture-Arguments angeführt (S.91) und auch in populären Medien diskutiert. Nachdem sich der Betroffene als Erwachsener für seine ursprüngliche Identität als (nun penisloser) Mann entschieden hatte, wurde das Milieuargument durch "das Genetisch-Natürliche als hegemenionalem Deutungsangebot" überlagert (S.96). Entwicklungspsychologisch dürfte indes längst unumstritten sein, dass konstitutionelle und soziale Einflüsse eine Rolle bei der Entwicklung einer (Geschlechts-) Identität spielen. [14]

In den bisher genannten Fällen erscheinen die Queers lediglich als Objekte der Wissenschaft, Dieter HALLER diskutiert in seinem Aufsatz von 1994 "Reflections on the Merits and Perils of Insider Anthropology: When Anthropologists are made Natives" (S.113-146) den Fall, dass "Homosexuelle" zum Subjekt ethnographischer Forschungen werden. Gegenüber der heteronormativen Mehrheit erscheinen sie dabei in einer marginalisierten Rolle (S.114). Wenn sie sich zu Fragen der Homosexualität äußern, gilt dieser "native's view" als problematisch (S.132-137). HALLER plädiert demgegenüber – wie auch BUTLER dies getan hat – für eine epistemologische Pluralität, die sich aus diversen Identitäten ableitet. Mark GRAHAMs Aufsatz "Welcome to the Land of Anthropology: Need Queers apply?" (S.147-169) von 1997 diskutiert die Vernetzung ethnographischer Beobachtungen mit der Identitätsdebatte der Queer-Theory. In den USA mit ihrer reichen sozialen Landschaft an Minderheiten führte dies bald zu akademischen Spannungen (etwa hinsichtlich der Fächeraufteilung und der Curricula) und Protesten an den Universitäten, weil sich Vertreter/inn/en ethnischer Gruppen zu Unrecht für "homosexuelle" Anliegen vereinnahmt sahen: "Ethnicity and 'race' were seen as more 'basic' than sexual preference" (S.165). Stephen O. MURRAY ist neben HERDT einer der bekanntesten Ethnologen, die zur Homosexualität forschen. Sein Beitrag "The Anthropological Tradition of Explaining away Same-Sex Sexuality when it Obtrudes Anthropologists' Notice" (S.171-178) erschien erstmals 1997 und präsentiert Schilderungen aus Nord- und Südamerika, Europa, Afrika und Asien. Problematisch an den Berichten sei, dass Ethograph/inn/en dazu tendierten, die eigenen Gender-Erwartungen auf fremde Kulturen zu projizieren (siehe Absatz 4 die Kritik von LAUTMANN) und die "native views" oftmals nur die Meinungen der lokalen Eliten wiedergeben (S.177). Lüder TIETZ' Beitrag "Bend the line back into a circle: Variabilität und Normativität alternativer Geschlechter- und Sexualitätskonstruktionen indigener Kulturen Nordamerikas im kolonialen Wandel" (S.179-207) von 1998 diskutiert die mehrfache Problematik von "Homosexualität" in der indigenen Bevölkerung Nordamerikas: Zunächst Opfer der religiös motivierten kolonialen Moralpolitik (S.190-193), wurde die sexuelle Kultur dieser Ethnien später von der Ethnographie missverständlich interpretiert, indem man Konzepte westlicher Sexualwissenschaft als Maßstab anlegte. – TIETZ spricht hierbei vom "Kolonialklischee 'Berdache'", dem angeblichen "Dritten Geschlecht" bei Indianervölkern (S.193f). Neuerdings geschehe TIETZ zufolge dasselbe im Rahmen der Queer-Theorie, die dazu tendiere, die reichen und diversifizierten indigenen Sexualkulturen "verzerrt als Beispiele für die Anerkennung von 'Homosexuellen' [darzustellen], um ihre eigenen politischen Ziele zu legitimieren" (S.195). [15]

Werner KRAUSS' Beitrag "Eine glückliche Liebe. Heteronormativität und Feldforschung" (S.209-228) und Marco ATLAS' Aufsatz "'E tu Marco, sei fidanzato?" Zur Herstellung von heterosexueller und schwuler Identität im Feld" (S.229-254) beschäftigen sich mit dem gleichen Thema, aber unter unterschiedlichen Vorzeichen, den Standpunkten eines "heterosexuellen" und eines "homosexuellen" Autors: Auch der ethnologische Beobachter wird als Geschlechtswesen wahrgenommen, ungleich größer sind dabei aber die Probleme schwuler Feldforscher, deren "Anderssein" unter den Untersuchungsobjekten schnell zum Gesprächsstoff wird (S.234). Eine heterosexuelle Identität wird zunächst vorausgesetzt, und in Gegenden (wie etwa Süditalien) kann das "Outing" des Feldforschers zum Problem für eine erfolgreiche Forschung werden. Der Ethnograph muss selbst lernen, sich verschiedenen sozialen Situationen anzupassen; ATLAS bemerkt dazu (S.251):

"Beim Beobachten verschiedener Formen des eigenen Managements meiner sexuellen Orientierung wurde deshalb ersichtlich, dass besonders die sexuelle Orientierung keine kohärente Haltung einer Person, sondern vielmehr eine Reihe widersprüchlicher, variabler, situationsabhängiger Positionen ist, die sie einnimmt und in der Interaktion mit Anderen ausagiert." [16]

Diese Einsicht scheint mir für den Gesamtzusammenhang Heteronormativität von entscheidender Bedeutung zu sein: Weder "Heterosexualität" noch "Homosexualität" sind als statische, ungeschichtliche Größen zu verstehen – so könnte ein Satz aus demselben Beitrag als Schlussfolgerung aus der gesamten Debatte stehen: "Von Lesben und Schwulen wird die Hegemonie der Heteronormativität durch ihr Bekenntnis zur Homosexualität zwar hinterfragt, heterosexuelle Identität aber gleichzeitig als gegensätzliche Kategorie der Homo-Hetero-Dichotomie bestärkt." Womöglich ist ihr Protest – wie FOUCAULT vermutet hat – gegen sexuelle Unterdrückung viel eher systemerhaltend als subversiv wirksam. Vielleicht bestünde der wichtigste Schritt darin, die Dichotomie "Heterosexualität" / "Homosexualität" an sich ad acta zu legen. [17]

Anmerkungen

1) Nach Judith BUTLER (2001) disponiert ein frühkindliches und soziales "Begehren" nach (Unter-) Ordnung Subjekte für die Verstrickung in Machtbeziehungen. Daraus ergäbe sich zweierlei: Zum einen sind soziale Beziehungen ohne ein gewisses Machtgefälle schlechterdings nicht denkbar, zum anderen wäre eine Existenz außerhalb sozialer Beziehungen wohl nicht lebenswert. <zurück>

2) Es gibt aber klare Gegenbeispiele: vgl. SCHRENK 1998, der als Paläontologe auf die hermeneutische Tradition verweist, die für ihn auch bei der Interpretation von Grabungsfunden Gültigkeit besitzt. <zurück>

Literatur

Bech, Henning (2000). Gendertopia. Briefe von h.. Zeitschrift für Sexualforschung 13, 212-242.

Butler, Judith (2001). Seele der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Herdt, Gilbert & Stoller, Robert J. (1990). Intimate Communications. Erotics and the Study of Culture. New York: Columbia University Press.

Hergemöller, Bernd-Ulrich (1999). Einführung in die Historiographie der Homosexualitäten (Buchreihe: Historische Einführungen, Bd. 5). Tübingen: edition diskord.

Hinzpeter, Werner (1997). Schöne schwule Welt. Der Schlussverkauf einer Bewegung. Berlin: Querverlag.

Lautmann, Rüdiger (2002). Soziologie der Sexualität. Erotischer Körper, intimes Handeln und Sexualkultur (Buchreihe: Grundlagentexte der Soziologie). Weinheim, München: Juventa.

Pfäfflin, Friedemann (2000). Falscher Körper und fremdes Geschlecht. Zu Inszenierungen der Transsexualität. In Ulrich Streeck (Hrsg.), Erinnern, agieren und inszenieren. Enactments und szenische Darstellungen im therapeutischen Prozeß (S.161-177). Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht.

Schrenk, Friedemann (1998). Die Frühzeit des Menschen. Der Weg zum Homo sapiens (2., neubearb. Aufl.). München: Beck.

Zum Autor

Tilmann WALTER, Studium der Geschichte und der Germanistik in Heidelberg; 1997 Promotion in Germanistik über "Unkeuschheit und Werk der Liebe. Diskurse über Sexualität am Beginn der Neuzeit in Deutschland" (Berlin, New York: de Gruyter 1998); derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter des DFG-Projekts "Geschichte der DFG 1920-1970" im Teilprojekt "Medizinische Forschungsförderung durch die Notgemeinschaft/DFG, 1920-1970" am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Heidelberg; Arbeitsschwerpunkte: Historische Anthropologie, Wissenschaftsgeschichte, Geschichte der Sexualität; in zurückliegenden Ausgaben von FQS finden sich weitere Rezensionen von Tilmann WALTER zu Literarische Imagologie und historische Anthropologie der Haut, Körperbewegungen und ihre Bedeutungen, When Men Meet. Homosexuality and Modernity sowie der Rezensionsaufsatz Körpererleben im Spannungsfeld von leiblicher Erfahrung, therapeutischer Praxis und kulturellem Kontext.

Kontakt:

Dr. phil. Tilmann Walter

Universität Heidelberg
Institut für Geschichte der Medizin
Im Neuenheimer Feld 327
D-69120 Heidelberg

E-Mail: tilmann.walter@urz.uni-heidelberg.de

Zitation

Walter, Tilmann (2003). Rezension zu: kea. Zeitschrift für Kulturwissenschaften (2001), Ausgabe 14: Heteronormativität [17 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 4(2), Art. 14, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0302144.



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