Volume 4, No. 1, Art. 25 – Januar 2003

"Wissensorganisation in kooperativen Lern- und Arbeitsumgebungen"

Doris A. Ohnesorge & H. Peter Ohly

Tagungsbericht:

8. Deutsche ISKO-Tagung (Internationale Gesellschaft für Wissensorganisation). Regensburg, 9.-11.10.2002, organisiert von Gerhard Budin und H. Peter Ohly

Zusammenfassung: Es wird über eine Tagung berichtet, die sich mit allgemeinen Grundlagen und Erkenntnissen der Wissensorganisation sowie mit wissensorganisatorischen Fragen und Ergebnissen in der Praxis beschäftigte. Ein Schwerpunkt bildete hierbei die Anwendung auf kooperative Lern- und Arbeitsumgebungen. Den besonderen Wert der Tagung machten nicht nur die informationswissenschaftlich aktuellen Themen der Referate, sondern auch ihre ausführliche Diskussion aus. Obwohl das Spektrum von wissenschaftlicher bis zu betrieblicher Umgebung der Wissensorganisation reichte, wurde allgemein die Bedeutung sowohl von modernen Kommunikations- und Präsentationsformen wie auch ihre adäquate Gruppeneinbindung betont.

Keywords: Wissensorganisation, Computergestütztes Lernen, Wissensmanagement, Informationsaufbereitung, Informationsstrukturierung, Klassifikation

Inhaltsverzeichnis

1. Allgemeines zur Tagung und zu dem Veranstalter

2. Die einzelnen Sessions und Tagungsbeiträge: Reflektionen über die Ordnung und Aufbereitung von Wissen

2.1 Organisation von global geteiltem Wissen

2.2 Sozialwissenschaftlich orientierte Modelle und Lösungen

2.3 Tendenzen in der Wissensorganisation

2.4 Terminologie als Kernbereich der Wissensorganisation

2.5 Adaptive Wissensorganisation im E-Learning

2.6 Grenzüberschreitungen der formalen Wissensorganisation

2.7 Wissensorganisation im betrieblichen Kontext

3. Fazit

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin und zum Autor

Zitation

 

1. Allgemeines zur Tagung und zu dem Veranstalter

Regensburg, ein römisches Legionslager in der Antike, Stadt des "Immerwährenden Reichstages"1) und Wirkungsstätte von Albertus Magnus, Johannes Keppler und anderen bedeutenden Persönlichkeiten gab den passenden Rahmen für diese an der Universität stattfindende Tagung. Selbst abends wurden an entsprechend traditionellen Treffpunkten die wissenschaftlichen Diskussionen und Gespräche fortgesetzt. Innerhalb der Tagung fand auch eine ordentliche ISKO-Mitgliederversammlung der Deutschen ISKO statt (neuer geschäftsführender Vorstand: H. Peter OHLY, Alexander SIGEL, Gerhard BUDIN; kooptiert in den Vorstand: Eduard JACOB, Christian SWERTZ). Die Veranstalter organisierten bewusst zeitgleich diese Tagung mit dem Internationalen Symposium für Informationswissenschaften (ISI 2002) zum Thema "Information und Mobilität"2). Die Teilnehmer beider Gesellschaften nutzten die Möglichkeit, Präsentationen der jeweils anderen Tagung zu besuchen. Dies förderte – neben dem (kostenlosen) Erhalt zusätzlicher Informationen – auch den regen wissenschaftlichen Austausch zwischen diesen beiden Gesellschaften. Der folgende Bericht verfolgt einerseits das Ziel, den Teilnehmern einen gerafften Rückblick über die Präsentationen zu geben und andererseits jenen Personen, die keine Gelegenheit zur Teilnahme hatten, einen Einblick in die Inhalte und Stimmung dieser Tagung zu ermöglichen. [1]

Die Atmosphäre der ISKO-Tagung überzeugte durch persönliche Kontakte und spannende Diskussionen über die Grenzen der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen hinweg. Den Referenzpunkt bildete der Begriff der Wissensorganisation, definiert als "Grundlagen und Prinzipien der Prozesse und Formen, unter denen Wissen produziert, gestaltet, kommuniziert, dokumentiert und recherchiert wird"3). Die Überlegungen und Diskussionen zu diesem Thema hatten zum Ziel, an der weiteren Gestaltung der Wissensorganisation mitzuwirken. Diese Tagung stand ganz im Spannungsfeld zwischen traditionellen und neuen Wegen der Wissensorganisation, wobei internetbasierte Anwendungen und Möglichkeiten zwar im Vordergrund standen, die theoretischen und methodischen Voraussetzungen aber nicht aus dem Auge verloren wurden. [2]

2. Die einzelnen Sessions und Tagungsbeiträge: Reflektionen über die Ordnung und Aufbereitung von Wissen

2.1 Organisation von global geteiltem Wissen

H. Peter OHLY (Bonn) und Gerhard BUDIN (Wien) eröffneten die Tagung, die als inhaltliche Fortschreibung der beiden vorangegangenen Tagungen gesehen werden konnte: Hamburg 1999 Globalisierung und Wissensorganisation (OHLY, RAHMSTORF & SIGEL 2000) und Berlin 2001 Wissensorganisation und Edutainment. Der Schwerpunkt lag diesmal auf Methoden der Wissensorganisation und deren Anwendbarkeit für E-Learning-Aktivitäten. Das Ziel der Tagung wurde definiert als der Beitrag der Wissensorganisation zur Entwicklung von Arbeitstechniken und neuen Lernkulturen sowie gleichzeitiger Fruchtbarmachung didaktischer Konzepte für die Wissensorganisation4). Die zentralen Fragestellungen waren in folgende sechs Sessions gefasst: (1) Wissensorganisation in der Praxis, (2) Theorie der Wissensorganisation, (3) Organisation von Terminologien, (4) Kooperative Lehr- und Lernszenarien, (5) Transdisziplinäre Wissensorganisation, (6) Wissensorganisation im Wissensmanagement. [3]

Im Anschluss an die Eröffnung referierte Gerhard RAHMSTORF (Heidelberg) über "Gegenstand und Methode der Wissensorganisation". Dieser Beitrag versuchte, das Gebiet der "Organisation des Wissens" als ein grundlegendes Fach der Darstellung und Kommunikation des Wissens zu bestimmen und abzugrenzen. RAHMSTORF begab sich auf die Suche nach den allgemeinen Gegenständen und Kerntätigkeiten der Wissensorganisation. Als zentrale Aufgabe der Wissensorganisation beschrieb er, dass Wissen, Texte, Benennungen und Begriffe so analysiert und modelliert werden, dass Wissensordnung, Retrieval, Navigation und andere Anwendungen optimal funktionieren. Dafür müssen Methoden, die vorwiegend aus der Logik und Linguistik stammen und grundlegende Fähigkeiten des Modellierens und des Aufbaus komplexer Datenstrukturen besitzen, angewendet werden. Kritisch beurteilte er bestehende Retrievalsysteme sowie die fehlende Ordnung und systematische Darstellung von Wissen in der gegenwärtigen Recherchetechnik unserer computer-globalisierten Welt. [4]

2.2 Sozialwissenschaftlich orientierte Modelle und Lösungen

Marion NIEHOFF (Berlin) startete den ersten Tagungsabschnitt Wissensorganisation in der Praxis mit dem Thema "Forschungsunterstützung in kooperativen Lernumgebungen". Sie referierte Ergebnisse aus einem Praxisprojekt mit dem Titel "Online-Projektwerkstatt qualitativen Arbeitens", das internetbasiert vorgehalten wird und zur Begleitung wissenschaftlicher Qualifikationsarbeiten dient. NIEHOFF führte zuerst die Problematik des Lonely-Writer-Syndroms an und verwies auf die Bedeutung der Einbindung der Forscher in unterstützende Experten- und Peer-to-Peer-Netzwerke. Anhand eines praktischen Beispiels aus der Online-Arbeit mit der Chat-Software "Quasimeto"5) demonstrierte sie den typischen Ablauf einer sich am Bedarf der jeweiligen Teilnehmer orientierenden Arbeitssequenz. Das den Teilnehmern zugänglich gemachte Chat-Protokoll dient in der Nachbereitung als Grundlage für eine Zusammenfassung und das Weiterführen der Diskussion. NIEHOFF zeigte auch auf, wie eine Kombination von Online- und Offline-Angeboten zur Forschungsunterstützung genutzt werden kann. Ziel des Projektes ist, durch das Angebot und die Nutzung von kooperativen Lernumgebungen zum erfolgreichen Abschluss von qualitativen Qualifikationsarbeiten und somit auch zur Qualitätssicherung qualitativer Forschung beizutragen. [5]

Im Anschluss beschäftigte sich der Vortrag "Arbeitsprozessorientierte Weiterbildung – Prozess-Systematik als Basis für Informationsaneignung, Wissenserwerb und Kompetenzentwicklung" von Mirko PREHN (Berlin) mit einem neuen Konzept für qualifiziertes und strukturiertes Lernen am Arbeitsplatz aufgrund der Neuordnung der Weiterbildung in der IT-Branche (Beispiel: Netzwerkadministrator). Die Beteiligten in einem Entwicklungsprojekt lernen parallel zu den realen Prozessen, welche sequentiell nach Fortschritt des Projektes aufeinander folgen. Dieses Lernen wird über das Intranet durch den "APO-Piloten"6) als Interface ermöglicht. Die Vorgehensweise dieses Ansatzes konzentriert sich auf die Entwicklung von Referenzprojekten, die dann den Teilnehmern als Grundlage für eigenständige Transferprozesse in ihrer beruflichen Praxis dienen sollen. Die Basis bilden also reale Projekte in der IT-Branche, wobei die Teilnehmer den Weg vom praktischen Problem zur fachlichen Lösung und zur Entwicklung von weiteren Lösungsstrategien beschreiten sollen. [6]

Torsten KOCH und Alois WACKER (Hannover) zeigten in ihrem Vortrag "'Die Arbeitslosen von Marienthal' – eine klassische Studie der empirischen Sozialforschung als multimediale Lehr-/Lerneinheit" – wie ein alternativer Zugang zur Methodenausbildung in der universitären Lehre geboten werden kann, wenn sozialwissenschaftliche Lehrinhalte multimedial aufbereitet werden. Als Vorlage für diese online verfügbare Lehr- und Lernhilfe dient die bekannte Studie von JAHODA, LAZARSFELD und ZEISEL (1933), die angereichert wurde mit audio- und videounterstützte Materialien und weiterführenden und ergänzenden Texten sowie zusätzlichen Literaturhinweisen. Die Benutzer können je nach Kenntnisstand in unterschiedlicher Darstellungsform die Entstehungsgeschichte, den Ort, Erhebungsmethoden und das gewählte Untersuchungsdesign genau analysieren sowie benötigte und interessierende Informationen nachschlagen. [7]

2.3 Tendenzen in der Wissensorganisation

Der zweite Abschnitt widmete sich der Theorie der Wissensorganisation. Der erste Vortrag über "Kognitive Mobilität und Zipfs 'Principle of Least Effort'" von Roland WAGNER-DÖBLER (Berlin) bestach durch die präzise Darstellung des Verhältnisses von kognitiver Mobilität (ein Forscher beschäftigt sich zum Zeitpunkt t2 mit einem anderen Forschungsgebiet als zum Zeipunkt t1) und kognitiver Affinität (gemeinsames Vorkommen zweier verschiedener Klassfikationscodes in den bibliographischen Daten). Das Verhältnis von 150.000 Migrationen zwischen den mathematischen Subdisziplinen wurde untersucht und kann gemäß dem Zipfschen Gesetz in einer logarithmischen Verteilung dargestellt werden. WAGNER-DÖBLER bewertete die Ergebnisse dahingehend, dass es kognitionsökonomische Strukturen der wissenschaftlichen Selbstorganisation gibt und die Nähe von Wissenschaftsgebieten eine überproportionale kognitive Mobilität hervorruft und umgekehrt ("Theorie der kleinen kognitiven Schritte"). [8]

Demgegenüber stand ein klassischer Ansatz, den Ingetraut DAHLBERG (Bad König) in ihrem Beitrag über "Ontische Strukturen und Wissensmuster in der Wissensorganisation" vertrat. Ihr Anliegen ist das Herausarbeiten der Strukturen und Wissensmuster, nach denen Wissensgebiete und ihre Inhalte verstanden werden können. Die ontischen Gegebenheiten (z.B. Zeit, Raum), die jeder Mensch in seinem Dasein vorfindet, können demnach als Strukturvorgabe angesehen werden. Diese Gegebenheiten lassen sich durch die kategorialen und logischen Strukturen menschlichen Denkens und Sprechens – z.B. in artikulierten Sätzen menschlichen Wissens – ergänzen. Ein als universales Ordnungssystem aller Wissensgebiete konzipiertes Gesamtschema bildet laut DAHLBERG die Wissensmuster (manifestiert in Aussagen) aller Wissensgebiete ab. Sie bezeichnete es als einen Vorteil ihres Klassifikationsansatzes, dass durch diese formbestimmte Ordnung eine übersichtliche, fokussierbare und unkomplizierte Handhabung in visuellen Medien ermöglicht wird, und hob hervor, dass die Einbeziehung aller Disziplinen gefordert ist. [9]

Mit seiner Darstellung "Wissensorganisation und Gesellschaft" versuchte H. Peter OHLY (Bonn) die Wechselbeziehung von gesellschaftlicher, wissenschaftlicher und wissensorganisatorischer Entwicklung darzustellen. Um den Begriff der Wissensorganisation zu klären, ist die Trias Wissen (als Aussagen über Sachverhalte), Information (als problemorientiertes Wissen) und Daten (verstanden als interpretierbare Reproduktionen von Sachverhalten) gegeneinander abzugrenzen. Um die Vielfalt von Wissensentstehung, -integration und -verwendung in der postmodernen Gesellschaft unterstützen zu können, forderte OHLY, dass mehrsprachige, inter-, multikulturelle, transdisziplinäre, multimediale, popularisierte, ökonomisierte und professionalisierte Gesichtspunkte in die Wissensorganisation eingebracht werden müssen. Postmodernität in der Gesellschaft und der Wissensorganisation bedingen sich also gegenseitig. [10]

2.4 Terminologie als Kernbereich der Wissensorganisation

Im dritten Abschnitt über die Organisation von Terminologien stellte Gerhard BUDIN (Wien) in seinem Vortrag über "Logos Gaias – wissensorganisatorische Unterstützung bei einem mehrsprachigen eLearning-System für Weiterbildung in der Ökologie" ein interdisziplinäres und internationales EU-Projekt vor. Ziel ist eine mehrsprachige terminologische Wissensdatenbank für künftige Lernontologien. Gerhard RAHMSTORF (Heidelberg) referierte über "Wortschatzerfassung mit Strukturen". In Wörterbüchern, die mit dem Wortschatzverwaltungsprogramm CONCEPTO erstellt werden, lassen sich Einträge aus Wörtern, Wortmerkmalen, Lesarten, Lesartenmerkmalen und Begriffen erstellen. Begriffe werden von ihm als Bedeutungsstrukturen verstanden, die den Wörtern zugeordnet werden können. RAHMSTORF vertrat die Ansicht, dass eine wissensunterstützende Anwendung seines Ansatzes u.a. in einem navigierenden Retrieval liegt. [11]

Im anschließenden Beitrag "Crosskonkordanzen von Thesauri und Klassifikationen" von Hannelore SCHOTT (Bonn) und Albrecht SCHROEDER (Regensburg) wurden die Ergebnisse vom Arbeitspaket 12 der Sonderfördermaßnahme CARMEN (Content Analysis, Retrieval and MetaData: Effective Networking) vorgestellt. Ziel des Projektes CARMEN war es, eine integrierte Suche nach sachlichen Gesichtspunkten in verteilten Datenbeständen mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten zu ermöglichen. Kooperativ – unter Beteiligung des Informationszentrums Sozialwissenschaften, Bonn; der Deutschen Bibliothek, Frankfurt; des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung, Frankfurt und der Universitätsbibliothek Regensburg – wurden Thesauruskonkordanzen zwischen einem Universalthesaurus (Schlagwortnormdatei) und Fachthesauri (Thesaurus Sozialwissenschaften und dem Schlagwortmaterial des Fachinformationssystems Bildung) sowie Klassifikationskonkordanzen zwischen der Klassifikation Sozialwissenschaften des IZ, der Regensburger Verbundklassifikation (RVK) und der Basisklassifikation (BK) erarbeitet. Zur Überprüfung der Crosskonkordanzen wurden exemplarische Tests anhand von simulierten Datenbankrecherchen durchgeführt. [12]

2.5 Adaptive Wissensorganisation im eLearning

Den vierten Abschnitt über Kooperative Lehr- und Lernszenarien startete Christian SWERTZ (Bielefeld) mit dem Themengebiet "Kooperative Autorenschaft". Er verfolgte die Frage, welches Wissen (z.B. auch im Gebiet der Wissensorganisation selbst) geordnet wird. Die Bereitschaft, verschiedene Formen von Wissen zuzulassen und eine interkulturelle Vorstellung von diesem Begriff zu bekommen, sollte forciert werden. Dabei schlug er vor, über einen Interpretationsprozess unterschiedliche Diskurssysteme aufeinander abzustimmen. Eine notwendige Bedingung für diese Vorgehensweise sind die Kooperation innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft und kommunikative Kompetenz, um sicherzustellen, dass Wissen übermittelt und auch verstanden wird. Ein zunehmender Teil des Wissens ist in heutigen Gesellschaften an Computertechnologie gebunden. Durch die Verwendung von Computertechnologie als dominantem Medium entstehen neue Vorstellungen davon, was Wissen bedeutet und wie es organisiert werden kann. [13]

Norbert MEDER (Bielefeld) referierte über "Metadaten für Kooperative Lernszenarien". Ihm ging es in seiner Darstellung darum, Lösungsansätze aufzuzeigen, die einerseits die Aufbereitung existierender Lernmaterialien, z.B. Texte, Videos und Grafiken, für die automatisierte Zusammenstellung sowie andererseits die Erstellung von kooperativen Werkzeugen für die Benutzung betreffen. Damit Metadaten ihren Zweck erfüllen können, müssen Zusammenstellung, Benennung und Wertebereiche der einzelnen Attribute standardisiert werden. Das Metadaten-Schema, das bei L3 (Lebenslanges Lernen in der Weiterbildung) verwendet wird, baut auf das Learning Objekt Metadata des IEEE Learning Technology Standards Committee (LTSC) auf, ist aber auch anschlussfähig zu den Educational Modelling Language (EML) Standards, z.b. dem der Open University of the Netherlands (ON-NL). [14]

Giselher REDEKER (Bielefeld) präsentierte ergänzend dazu "Learning Objects – Sequenzierung auf Grundlage pädagogischer Metadaten". Er zeigte, wie Learning Objects ausgestaltet sein müssen, um eine pädagogische Verwendung zu gewährleisten. Eigenschaften von Learning Objects beinhalten neben Typ, Autor, Copyright und Format auch pädagogische Aspekte wie zum Beispiel Schwierigkeitsgrad und benötigtes Vorwissen. Datenelemente können beliebig tief geschachtelt werden, d.h. der Wert eines Datenelements kann z.B. wiederum ein Datenelement sein. [15]

Mit der tatsächlichen Nutzung von Lerntechnologien beschäftigte sich Andreas WENDT (Berlin) unter Bezug auf das Projekt "Teachware on Demand". Mit Lerntechnologien wird der Schwerpunkt gelegt auf selbstbestimmtes Lernen und selbstgestaltete Lernprozesse, die web-basiert und auch peer-to-peer (vgl. Edutella) stattfinden. Eine Technologie ist z.B. das SCORM (Sharable Content Object Reference Model), das als Referenzmodell für zusammenhängende technische Spezifikationen und Leitlinien dient. Die Verwendung dieses Modells verfolgt die Absicht, kommerzielle und öffentliche Implementierungen zusammenführen zu können, um einen Ausgleich von Interessen verschiedener Gruppen und praktischen Umsetzungen sowie der Zusammenfassung multimedialer, e-based-learning-Aktivitäten zu ermöglichen. [16]

2.6 Grenzüberschreitungen der formalen Wissensorganisation

Den fünften Abschnitt Transdisziplinäre Wissensorganisation eröffnete Gerd BAUER (Schleswig) mit dem Vortrag über "Graphische Darstellung interdisziplinärer Wissensstrukturen". Er stellte den Begriff des Wissens und seine Bedeutung für die Interdisziplinarität in den Vordergrund. Ausgangspunkt bildete die Überlegung, dass das Lösen von Problemen nur mit Hilfe von Forschern mehrerer Fachbereiche vollzogen werden kann, d.h., dass bestimmte Problemstellungen erst wahrgenommen werden, wenn Wahrnehmungsstrukturen überwunden werden. Aus diesem Grund wird im Rahmen der Forschung zu Künstlicher Intelligenz vorgeschlagen, dass z.B. in den Disziplinen der Mathematik und Informatik auch philosophische und psychologische Aspekte mitberücksichtigt werden müssen; eine Forderung, die jedoch ihre Grenzen hat, da unterschiedliche Ordnungssysteme und Fachbegriffe in den verschiedenen Disziplinen verwendet werden. BAUER bemühte sich daher die Potentiale einer disziplinenunabhängigen Ordnung darzulegen, indem er ein exemplarisches Kategorien-Schema darstellte. [17]

Im Anschluss stellte Kerstin ZIMMERMANN (Wien) "Anforderungen an ein wissenschaftliches Informationsportal für die Telekommunikation" vor. Der Hintergrund ihrer Arbeit ist folgendes Szenario: Ein neues Forschungsthema taucht auf und man benötigt dazu Informationen zum aktuellen Stand der Forschung, Hintergründe, Dokumente und welche Forscher ebenfalls gerade daran arbeiten. Für eine solche Abfrage sind aufgearbeitete, fachlich eingeschränkte Angebote erforderlich. Ihr Ansatz beinhaltet die Integration aller Arten von Datenquellen in das Retrieval-Interface eines Informationsdienstes, wie sie es im Projekt "Research Information Portal for Telecommunications" realisiert. Auch ZIMMERMANN sah für ein derartiges Angebot als zentrales Problem die unterschiedlichen Klassifikationsschemata in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen. [18]

Philip ZERWECK (Kassel) referierte über die "Gestaltung und Erstellung eines komplexen Informationsangebots im Web". Der Schwerpunkt seiner Präsentation beinhaltete die Darstellung, wie in einem Team der Prozess der graphischen Gestaltung und pädagogischen Aufbereitung der Inhalte einer Website zu organisieren ist. Er hob hervor, dass das Design komplexer webbasierter Informationsangebote ein Prozess ist, in dem sukzessive Entscheidungen getroffen werden müssen, wobei das im engeren Sinne grafische Design am Schluss stehen muss. Anhand des transdiziplinären Praxisbeispiel www.engineeringandmusic.de zeigte er, wie ein Content-Management-System eine auf Keywords basierende Visualisierung von Verknüpfungen innerhalb eines Informationsangebotes generiert, die sich am Prinzip der semantischen Netze anlehnt. [19]

2.7 Wissensorganisation im betrieblichen Kontext

Dem sechsten und letzten Abschnitt war die Wissensorganisation im Wissensmanagement gewidmet. Den Anfang machte Alexander SIGEL (Brühl) mit seiner Darstellung über "Wissensmanagement in der Praxis". Im Gegensatz zu klassischen Ansätzen wird der Begriff der Wissensorganisation in der Betriebswirtschaftslehre und speziell im Wissensmanagement unterschiedlich zur Informationswissenschaft verwandt: Während in der Informationswissenschaft hierunter die semantische Bearbeitung von Wissenssurrogaten verstanden wird, wird im Wissensmanagement versucht, die strategisch bedeutendsten Kompetenzen der Unternehmung zu strukturieren. SIGEL zeigte dies anhand eines konkreten Beispiels aus der Versicherungsbranche. Seiner Auffassung nach ist das Ziel des Wissensmanagements, das Know-how der einzelnen Mitarbeiter für andere Mitarbeiter verfügbar und zugänglich zu machen. Der Schwerpunkt sollte auf den Umgang mit Wissen und Wissenden gelegt werden, um ein Entstehen von Mehrwert für die Unternehmung sicherzustellen. [20]

Doris OHNESORGE (Innsbruck) und Tine ADLER (München) veranschaulichten die "Entscheidungsunterstützung im Management" anhand der Methode GABEK (GAnzheitliche BEwältigung von Komplexität, http://www.uibk.ac.at/c/c6/gabek/). GABEK ist ein qualitatives Verfahren zur Verarbeitung, Organisation und Repräsentation von Wissen. Mit der Software WinRelan (Windows Relationen Analyse) wurde gezeigt, wie begriffliches Wissen anhand von Assoziationsgraphen dargestellt und analysiert werden kann. Der Gestaltenbaum der Methode bietet die Möglichkeit, aus einem ungeordneten begrifflichen Wissenssystem thematisch konsistente und sinnvolle Strukturen zu bilden, zu systematisieren und zu organisieren. Dieser ganzheitliche Überblick über das bearbeitete Datenmaterial kann für die Entscheidungsfindung im Management genutzt und unterstützend eingesetzt werden. [21]

Den Abschluss bildete die Präsentation von Wolfgang ZOLLNER (Freising) über "QuellenMosaik: Wissensdatenbank zu Markt, Wettbewerb, Branche und Produkt". Das QuellenMosaik ist eine Datenbank zur Hilfestellung bei der Suche, Auswahl und Bewertung geeigneter Datenquellen, wie z.B. Marktanalysen, Verzeichnissen, Nachschlagewerke, Statistiken. Dabei werden die fachspezifischen Informationen und Publikationen gesammelt, strukturiert und beschrieben. Die Klassifikation ermöglicht eine themenbezogene Suche, sodass eine rasche Orientierung ermöglicht wird. Dies zeigte er an einem praktischen Beispiel aus der Genussmittelbranche. [22]

3. Fazit

Zusammenfassend kann zu dieser Tagung gesagt werden, dass das angesprochene Themenspektrum der Wissensorganisation eine rege Diskussion in der Scientific Community findet. Die Vielfalt der beteiligten Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen (u.a. Informationswissenschaft, Linguistik, Sozialwissenschaft, Design, Betriebswirtschaft) spiegelt die Notwendigkeit zu transdisziplinären und transkulturellen Ansätzen wider. Einerseits scheint eine aufeinanderbezogene Wissensarbeit nötig und möglich, andererseits werden in der Praxis immer wieder Insellösungen vorgestellt, die nur in engeren Verwendungskontexten anwendbar sind und langfristig ersetzt werden müssen. Auch verführen softwaretechnische, multimediale und internetbasierte Anwendungen oft zu einer nur auf Quantitäten und Automatismen beruhenden Behandlung der Problemstellungen, wodurch nur Bruchteile der dem Wissen, bzw. seinen Referenzmaterialien, innewohnenden Komplexität erschlossen werden. Es imponierte die Wahrnehmung und Explikation genau dieser Begrenzungen und die eingehenden Analysen der dahinter liegenden Strukturen und Theorien. Viele der vorgestellten Ansätze und Systeme gehen darum vielschichtig vor, beruhen auf einer genauen Analyse des dargestellten Materials und ermöglichen den laufenden Rückbezug auf die Quellen und korrigierende Handlungsalternativen für die Benutzer. Insgesamt gesehen also eine gelungene, konzentrierte Veranstaltung, die kritisch die Wissensorganisation und ihre aktuellen Anwendungen in fundierten Referaten und Diskussionsbeiträgen reflektierte. [23]

Der Tagungsband wird 2003 im Ergon-Verlag als Fortschritte der Wissensorganisation 8 (Herausgeber: BUDIN, MEDER, OHLY) erscheinen. Weiter liegen von vielen Vorträgen Audiomitschnitte vor, die über die Homepage der Deutschen ISKO (http://www.bonn.iz-soz.de/wiss-org/) verfügbar gemacht werden sollen. Die 9. Internationale ISKO-Tagung wird dem Thema "Wissensorganisation und Verantwortung: Erkenntnis, Wirtschaftlichkeit und Ethik" gewidmet sein und voraussichtlich Ende 2003 in der Schweiz stattfinden. [24]

Anmerkungen

1) Die Versammlung der Fürsten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen tagte zwischen 1663 bis 1806 nur in Regensburg. <zurück>

2) Hochschulverband Informationswissenschaft: ISI 2002 in Regensburg (Tagungsinformationen), Stand: 11.09.02. Verfügbar über: http://www-iw.uni-regensburg.de/isi/content/index2.html [Zugriff: 19.12.2002]. <zurück>

3) Deutsches ISKO-Sekretariat: Internationale Gesellschaft für Wissensorganisation Deutsche Sektion e.V. (Faltprospekt). Verfügbar über: http://www.bonn.iz-soz.de/wiss-org/IskoPros.doc, Stand: 4.10.02 [Zugriff: 20.12.2002]. <zurück>

4) Deutsche ISKO: Deutsche ISKO'02 (Wissensorganisation '02), (Tagungsinformationen). Verfügbar über: http://www.bonn.iz-soz.de/wiss-org/2002info.htm [Zugriff: 21.12.2002]. <zurück>

5) Die Software Quasimeto wird dem Projekt, das dem Onlineportal qualitative-research.net zugehört, von der Firma Globalpark zur Verfügung gestellt. <zurück>

6) APO ist die Abkürzung für Arbeitsprozessorientierte Weiterbildung in der IT-Branche. <zurück>

Literatur

Jahoda, Marie; Lazarsfeld, Paul F. & Zeisel, Hans (1933). Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Bearbeitet und herausgegeben von der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle. Leipzig: Hirzel.

Ohly, H. Peter; Rahmstorf, Gerhard & Sigel, Alexander (Hrsg.) (2000). Globalisierung und Wissensorganisation: Neue Aspekte für Wissen, Wissenschaft und Informationssysteme (Fortschritte in der Wissensorganisation, Bd. 6). Würzburg: Ergon Verlag.

Zur Autorin und zum Autor

Mag. Doris OHNESORGE (geb. 1974): Studium der Betriebswirtschaftslehre (Universität Innsbruck) mit den Schwerpunkten Unternehmensführung und Wirtschaftsinformatik. Doktorandin am Institut für Unternehmensführung und Philosophie und freie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Unternehmensführung, Universität Innsbruck. Lehrbeauftragte für die Kurse "World Civilization" und "Business Organizations and Management" an der Ramkhamhaeng University in Bangkok, Thailand. Ihr Projekt konzentriert sich auf die Schwerpunkte interkulturelle Wahrnehmungsprozesse (besonders Österreicher und Thailänder), interkulturelle Strategieentwicklung und qualitative Forschung.

Kontakt:

Doris Ohnesorge

Universität Innsbruck
Institut für Unternehmensführung
Universitätsstrasse 15
A-6020 Innsbruck

E-Mail: Doris.Ohnesorge@uibk.ac.at

 

H. Peter OHLY, Dipl. Volkswirt sozialwiss. Richtung (geb. 1945): Studium der Soziologie und Sozialpsychologie in Köln im Rahmen der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät; seit 1978 Mitarbeiter des Informationszentrums Sozialwissenschaften Bonn in verschiedenen Arbeitsbereichen. Vorsitzender der Deutschen Sektion der "International Society for Knowledge Organization" (ab 1999). Mit-/Herausgabe verschiedener Dokumentations- und Sammelbände, u.a. "Sozialwissenschaftlicher Fachinformationsdienst Methoden und Instrumente der Sozialwissenschaften" (seit 1979) und "Globalisierung und Wissensorganisation: Neue Aspekte für Wissen, Wissenschaft und Informationssysteme" (Ergon Verlag 2000).

Kontakt:

H. Peter Ohly

Informationszentrum Sozialwissenschaften
Lennéstr. 30
D-53113 Bonn

E-Mail: oh@bonn.iz-soz.de
URL: http://193.175.239.100/IZ/Ohly

Zitation

Ohnesorge, Doris & Ohly, H. Peter (2003). Tagungsbericht: "Wissensorganisation in kooperativen Lern- und Arbeitsumgebungen". 8. Deutsche ISKO-Tagung (Internationale Gesellschaft für Wissensorganisation) [24 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 4(1), Art. 25, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0301252.

Revised 6/2008



Copyright (c) 2003 Doris A. Ohnesorge, H. Peter Ohly

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