Volume 3, No. 4, Art. 1 – November 2002

Was, wirklich, bleibt!? Sozialkonstruktivismus, Hermeneutik, Wissenssoziologie

Bernt Schnettler

Review Essay:

Ronald Hitzler, Jo Reichertz & Norbert Schröer (Hrsg.) (1999). Hermeneutische Wissenssoziologie. Standpunkte zur Theorie der Interpretation (Reihe: Theorie und Methode. Band 1). Konstanz: Universitätsverlag Konstanz, 348 Seiten, ISBN 3-87940-671-5, EUR 29.65/ sFr 52.50

Zusammenfassung: Dass sich die Wissenssoziologie mit der Hermeneutik verbunden hat zählt zu den Besonderheiten der deutschen Soziologie. Die "hermeneutische Wissenssoziologie" steht in der Tradition einer deutlich mitteleuropäisch geprägten, geisteswissenschaftlich fundierten und zugleich empirisch arbeitenden Sozialwissenschaft. WEBER ist der bedeutsame Ausgangspunkt dieser Theorierichtung, die von SCHÜTZ ihre mundanphänomenologische Fundierung und von BERGER und LUCKMANN ihre wissenssoziologische Konturierung erhielt. Ziel einer so verstandenen Soziologie ist die Rekonstruktion "Gesellschaftlicher Konstruktionen der Wirklichkeit". Ihre Vertreter teilen die Auffassung, dass es einer der empirischen Forschung entkoppelten – "reinen" – sozialwissenschaftlichen Theorieproduktion an epistemologischer Begründungsfähigkeit ermangelt. Bestrebungen zu einer ahistorischen, allgemeinen Gesellschaftstheorie begegnen sie deshalb mit Skepsis. Umso dringender sind die Bemühungen zur Fortsetzung einer Reflexion der epistemologischen Grundlagen und die Fortentwicklung methodologischer Begründungen sowie methodischer Verfahren, die in dem hier besprochenen Band vorgelegt werden. Eine "hermeneutische Wissenssoziologie" lässt sich, so betonen die Herausgeber, begreifen als methodisch eingesetzte Skepsis gegenüber "positivem Wissen". Sie nimmt sich die "Entzauberung gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktionen" vor, was die betonte Selbstkritik an den eigenen "Konstrukten der Soziologen" mit einschließt. Als äußerst zeitgemäß erweist sich das von den Vertretern der hermeneutischen Wissenssoziologie konsequent praktizierte, kollaborativ verfahrende (nicht kollektivistisch verengte!) Wissenschaftsverständnis und die entsprechende Wissenschaftspraxis. In ihrer inneren Pluralität, ihrem Interesse und ihrer Kooperationsbereitschaft gegenüber anderen Theorietraditionen sowie insbesondere in der Fähigkeit, auch die Beweggründe, die gesellschaftlichen Nonsens motivieren, aufzudecken, liegen die wesentlichen Vorteile gegenüber anderen, hermetischeren Formen sozialwissenschaftlicher Analyse.

Keywords: Methodologie, Methode und Theorie sozialwissenschaftlicher Hermeneutik

Inhaltsverzeichnis

1. Hintergrund und Kontext der hermeneutischen Wissenssoziologie

2. Beiträge zu einer "Theorie des Verstehens"

3. Hermeneutische Wissenssoziologie als "Kollaborativprodukt"

Literatur

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Zitation

 

1. Hintergrund und Kontext der hermeneutischen Wissenssoziologie

Es zählt zu den Besonderheiten der deutschen Soziologie, dass sich in der interpretativen Sozialforschung die Wissenssoziologie mit der Hermeneutik verbunden hat. Bemerkenswert ist auch der Umstand, dass es sich dabei um eine Theorierichtung handelt, die glücklicherweise nicht auf einen Großdenker fixiert ist, und innerhalb der ein recht ausgeprägter innerer Pluralismus herrscht. Dieser ist mindestens ebenso groß wie die Neugier, die Bereitschaft, das Interesse und die Kooperationsbereitschaft gegenüber den Beiträgen anderer Strömungen in unserem Fach. Ein entsprechend facettenreiches Buch wie das vorliegende vor allem daran zu messen, wie es sich zum Werk eines – vorgeblich des – deutschen Soziologen der Gegenwart verhält (vgl. SEIFFARTH 2001), stellt aus meiner Perspektive deshalb eine, wenngleich legitime, doch recht eintönige Lesart dar. Einäugigkeiten dieser Art können zudem in der Regel die an eine Fachrezension erwartete sachliche Aufgabe, auch über den Inhalt des besprochenen Buches zu informieren, nicht erfüllen. Weil ich der Meinung bin, dass diese Aspekte in der hier bereits veröffentlichten Rezension von SEIFFARTH nur unzulänglich verwirklicht wurden, sei hier deshalb eine zweite Lesart angeboten. [1]

Vor einer Hinwendung zum Inhalt soll jedoch daran erinnert werden, dass der von HITZLER, REICHERTZ und SCHRÖER edierte Sammelband kein geschichtsloses Einzelwerk ist. Er steht vielmehr in der mittlerweile mehrere Forschergenerationen umfassenden Tradition einer deutlich mitteleuropäisch geprägten, geisteswissenschaftlich fundierten und zugleich empirisch arbeitenden Sozialwissenschaft. Max WEBERs Forderung nach einer im Verstehen gegründeten erklärenden Wissenschaft des sozialen Handels ist untrüglich der bedeutsame Ausgangspunkt dieser Theorietradition. Deren wesentliche Präzisierungen erfolgten in der von Alfred SCHÜTZ (1932, 1971-72) erarbeiteten mundanphänomenologischen Fundierung der Sozialtheorie. Die konsequente Fortschreibung, Präzisierung und Weiterentwicklung der "Verstehenden Soziologie" WEBERs unter Rückgriff auf die von HUSSERL entwickelte Phänomenologie erlaubte eine Ausfaltung der Beschreibung der invarianten "Strukturen der Lebenswelt" (SCHÜTZ & LUCKMANN 1979, 1984). Peter L. BERGER und Thomas LUCKMANNs (1969) Reformulierung der Wissenssoziologie als einer, weniger der Analyse ideengeschichtlich-intellektualistischen Sonderwissens gewidmeter Aufgabe, denn primär der Erforschung der Strukturen des Alltagswissens und der Prozesse der Externalisierung, Objektivierung und Internalisierung von Wirklichkeiten prägte die Konturierung dieses Theorieprogramms. Ziel einer so verstandenen Soziologie ist die Rekonstruktion "Gesellschaftlicher Konstruktionen der Wirklichkeit". [2]

Der Band steht zudem in direktem Zusammenhang mit einer Reihe von Veröffentlichungen zur Theorie und Methode sozialwissenschaftlichen Verstehens, die – neben zahlreichen materialen Analysen – aus den "Werkstätten" dieser Tradition bislang hervorgegangen sind. So hatte etwa in theoretischer Hinsicht SRUBAR (1988) die Bezüge der SCHÜTZschen Sozialtheorie zur philosophischen Anthropologie systematisch aufgearbeitet. Die Fruchtbarmachung der Hermeneutik als Methode sozialwissenschaftlichen Verstehens und Erklärens wurde wesentlich durch das Werk von SOEFFNER (z.B. 1979, 1989) beeinflusst. Und die Sammelbände von SCHRÖER (1994) und zuletzt HITZLER und HONER (1997) bemühten sich um Bündelung der methodischen Verfahren, die in den inzwischen vermehrt durchgeführten qualitativen Forschungsprojekten zum Einsatz kamen und um eine Weiterführung der methodologischen Diskussion. Dass diese Beiträge zu einem Fortschritt in der Theorieentwicklung geführt haben, zeigt beispielhaft die Wiederbelebung der soziologischen Ethnographie durch HONER (1993) und die Erweiterung des Sozialkonstruktivismus zu einer Theorie der sozialen Kontexte und der kommunikativen Konstruktion durch KNOBLAUCH (1995). Wie zudem die unlängst von EBERLE erschienenen Beiträge zur Verstehenden Soziologie (2000) und die Habilitation von KURT (2002) dokumentieren, geht die Entwicklung dieses Paradigmas weiter voran. [3]

So klar sich die Ansätze der bislang genannten Autoren voneinander in Detailaspekten unterscheiden mögen, so ist allen an diesem Unternehmen Beteiligten (oder Assoziierten) die Auffassung gemeinsam, dass es einer der empirischen Forschung entkoppelten – "reinen" – sozialwissenschaftlichen Theorieproduktion an epistemologischer Begründungsfähigkeit ermangelt. In der Erarbeitung sozialwissenschaftlicher Theoriebeiträge folgen sie dem von STRAUSS und GLASER formulierten Postulat zu gegenstandbegründeten, legitimerweise nur auf detailliert untersuchter empirischer Grundlage fußenden Entwicklung theoretischer Verallgemeinerungen. Bestrebungen zu einer ahistorischen, allgemeinen Gesellschaftstheorie begegnen sie mit begründeter Skepsis. Umso dringender sind folglich die Bemühungen um eine Fortsetzung der Reflexion der epistemologischen Grundlagen und die Fortentwicklung methodologischer Begründungen sowie methodischer Verfahren. Eine endgültige sozialwissenschaftliche "Theorie des Verstehens" im Sinn eines strengen Theorieverständnisses als unerschütterliches System axiomatischer Aussagen wird es wohl kaum je geben. Offensichtlich ist aber, dass eine so verstandene Soziologie als Wissenschaft des Verstehens eine Theorie des Verstehens benötigt. Diese wird, in Ergänzung und Fortentwicklung der grundlagentheoretischen Arbeiten sowie vor dem Hintergrund der eigenen empirischen Forschung, kontinuierlich fortgeschrieben. Diesen dynamischen, nichthermetischen Zug haben die Herausgeber des zu besprechenden Bandes auch programmatisch mit auf den Titel gehoben. "Standpunkte einer Theorie der Interpretation" ist der Sammelband untertitelt und dokumentiert damit eine angenehm unprätentiöse Selbstdarstellung eines ebenso anspruchsvollen wie komplexen theoretischen, methodologischen und methodischen Programms (vgl. S.10), das von den Herausgebern ausdrücklich als offenes Projekt charakterisiert wird. Die hermeneutische Wissenssoziologie versteht sich als wesentlich unabgeschlossenes Theorieprogramm (vgl. S.10) – das "neu" in der Hermeneutik sollte also keinesfalls übersehen werden, denn "hermetisch" ist diese Wissenssoziologie jedenfalls nicht. Diesem Ansatz verpflichtet verwundert es daher kaum, dass gerade der Auseinandersetzung mit anderen Strömungen (darunter auch die Systemtheorie) ein relativ breiter Raum in dem Band von HITZLER, REICHERTZ und SCHRÖER gewidmet wird. [4]

2. Beiträge zu einer "Theorie des Verstehens"

Doch genug der Genealogien. Was bietet das Buch selbst? Es verschafft den Lesern eine breit gefächerte Zusammenstellung grundlagentheoretischer, methodologischer und theoriekomparativer Beiträge. Deren Vielgestaltigkeit drückt sich sowohl in Entstehungszusammenhang, Textform wie auch thematischer Fokussierung der einzelnen Aufsätze aus. Der Band vereint teils lang zurückliegende, frühere Grundlagenpublikationen mit neuen Texten und erlaubt so, Rückblicke auf markante Entwicklungen der letzten drei Jahrzehnte zu nehmen. Das erste Kapitel unter dem Titel "methodologische Reflexionen" umfasst vier Beiträge. Im ersten Text zeigt LUCKMANN, ausgehend vom gemeinsam mit BERGER (1969) entwickelten Urtext des Sozialkonstruktivismus, "wie sich eine phänomenologische Konstitutionsanalyse und eine erfahrungswissenschaftliche Rekonstruktion menschlicher Wirklichkeitskonstruktionen gegenseitig ergänzen" (S.21). SOEFFNER hebt in seinem Kommentar zu den "Strukturen der Lebenswelt" (SCHÜTZ & LUCKMANN 1979, 1984) deren unübersehbaren anthropologischen Akzent (S.35) hervor. Er betont, dass diese nicht nur den Entwurf einer Protosoziologie, sondern auch den einer Protohermeneutik enthalten, da sie, durch die Entfaltung einer Wissenschaft vom Verstehen, auf die Grundlegung der Verstehenden Wissenschaften zielen (S.33). In einem weiteren Beitrag setzt sich SOEFFNER mit dem Anspruch auseinander, zu Verstehen und zu Erklären, und charakterisiert treffend Soziologie als "rückwärtsgewandte Prophetie": Als "Rekonstruktion der gesellschaftlichen Konstruktion und der Konstruktionsbedingungen von Wirklichkeit" (S.40). SOEFFNER kennzeichnet zudem sozialwissenschaftliche Hermeneutik als einen, über Methodologie und von Verfahrensrepertoires hinausgehenden "spezifisch historisch-selbstreflexive[n] Erkenntnisstil mit der Hintergrundannahme, dass es kein abschließendes, ahistorisch absicherbares Wissen, keine endlösende Gesellschaftstheorie gibt" (S.48). Der Artikel von HONER schließlich entfaltet, auf der Grundlage des HUSSERLschen Begriffs der Lebenswelt, die Anknüpfung an die Diskussion um Pluralisierung und Wissensaufsplitterung in der Moderne und plädiert für eine lebensweltorientierte Wissenssoziologie, die sich der Analyse der – in Anschluss an Benita LUCKMANN so bezeichneten – "kleinen sozialen Lebenswelten" zuwenden solle. [5]

Im zweiten Kapitel, tituliert "Handlung und gesellschaftliche Fundierung", befassen sich KELLNER und HEUBERGER in ihrem Beitrag mit dem Problem sozialwissenschaftlicher Modellbildung. Sie wenden sich gegen eine "intentionalistische Verkürzung" (S.82) des Sinnverstehens, das sich mit einer Rekonstruktion der Binnenperspektive der Handelnden begnügt. Vielmehr sei es zudem die Aufgabe der Modellbildung, auch die objektiven Bedingungen der Möglichkeiten aufzuzeigen, unter denen die alltäglichen Sinnkonfigurationen überhaupt erst auftreten können. In Übereinstimmung mit den von SCHÜTZ formulierten Postulaten bedürfen sozialwissenschaftliche "Konstrukte von Konstrukten" nicht nur der Gründung in den alltagsweltlichen Konstrukten der Handelnden. Sie unterliegen zudem den immanenten Erfordernissen der Welt der Wissenschaft nach "logischer Konsistenz" und "Adäquanz". Über SCHÜTZ hinausgehend argumentieren KELLNER und HEUBERGER jedoch, dass der Wirklichkeitsakzent dieser "Modelle" der Sozialwelt, insofern sie materialgesättigt sind, nicht mehr allein für die Modellwelt der Wissenschaft gilt, sondern auch – wenngleich verkürzt und übersteigert – der Wirklichkeit der Alltagswelt angehört (vgl. S.89). Der anschließende Aufsatz EBERLEs widmet sich ebenfalls dem Problem der Adäquanz. Die methodologischen Postulate WEBERs und SCHÜTZ vergleichend zeigt EBERLE auf, dass SCHÜTZ die WEBERschen Forderung nach Sinn- und Kausaladäquanz auf Sinnadäquanz reduziert hat. Anders als KELLNER und HEUBERGER schlägt EBERLE eine Radikalisierung des Postulats der Adäquanz vor, in dem die subjektive Perspektive des einzelnen Handelnden zum letzten Bezugspunkt wird. Er betont jedoch, dass damit weder eine Normativierung des Postulats gemeint sei, ebenso wenig ein Verzicht auf empirische Forschung und schon gar keine Subjektivierung der Soziologie. Außerdem weist er darauf hin, dass ein Festhalten an der Universalitätsannahme der Strukturen der Lebenswelt nicht gleichbedeutend ist mit einer ideologischen Immunisierung der phänomenologischen Protosoziologie gegen Modifikation und Erweiterungen (S.117). Ziel des Beitrags von MEUSER hingegen ist es, die Möglichkeiten einer wissenssoziologischen Sozialstrukturanalyse auszuloten. Er eröffnet Anschlussmöglichkeiten an das BOURDIEUsche Habituskonzept und den MANNHEIMschen Begriff des konjunktiven Erfahrungsraumes, um die Wirkung nicht reflexiv verfügbarer "a tergo" Strukturen auf das Handeln sozialer Akteure nachzuvollziehen. Im letzten Aufsatz schließlich zeigt IVÁNYI Verbindungslinien zur Theorie der Strukturierung von GIDDENS auf und plädiert für eine stärkere wissenssoziologische Beachtung des Machtaspekts, mit dem soziale Wirklichkeitskonstruktionen durchsetzt sind. [6]

Beiträge zum Thema "Subjektivität und Intersubjektivität" vereint das dritte Kapitel. LUCKMANN und SOEFFNER kommentieren in ihrem erstmalig 1978 veröffentlichten Nachwort die Kommunikationstheorie G. UNGEHEUERs. Sie entdecken in dessen intendiert fragmentarisch gebliebenen Theorieentwurf die "distanziert-reflektive Haltung, jeder vorgeblichen Gewissheit zu misstrauen". Sie kritisieren zudem den Versuch HABERMAS', Kommunikation als eine Art "selbstreferentiellem Rollenspiel argumentativer Vernunft" darzustellen (S.184). Anschließend daran wendet sich SCHRÖER den kommunikativen Problemen zu, "die aus dem Versuch der Menschen entstehen, ihre Intersubjektivitätshypothesen untereinander abzugleichen" (S.187). Er untersucht nacheinander die kommunikationstheoretischen Beiträge von UNGEHEUER und JUCHEM, LUHMANN, SCHÜTZ und LUCKMANN und übt Kritik am Kommunikationsbegriff des radikalen Konstruktivismus und der Theorie sozialer Systeme LUHMANNs. Gegen diese Ansätze hebt er die in der unhintergehbaren Subjektivität gegründete divergierende Perspektivität der an Kommunikation Beteiligten in den Vordergrund. Auch im Beitrag von KNOBLAUCH steht die Kommunikation im Zentrum. Er beleuchtet die Divergenzen und Parallelen zweier der bedeutsamsten soziologischen Konstruktivismen, der Systemtheorie LUHMANNs einerseits und des Sozialkonstruktivismus in der Nachfolge von BERGER und LUCKMANN andererseits. KNOBLAUCH rekonstruiert die historischen Genesebedingungen für den – zeitversetzten – Aufschwung beider Richtungen und vertritt dabei die These einer klaren Wahlverwandtschaft zwischen radikalem Konstruktivismus und später Moderne. Diesem attestiert er einen Traditionsbruch mit dessen Hinwendung zur Fundierung der Sozialtheorie in Kybernetik und Biologie und weist auf dessen ausgesprochen bundesrepublikanische Sprache hin. KNOBLAUCH identifiziert über verschiedene Theorietraditionen hinweg eine Konvergenz zur Kommunikation und plädiert für eine Komplementarität der Ansätze, die er in einem konvergierenden "kommunikativen Konstruktivismus" aufgehoben sieht. Mit den "Divergenzen und Konvergenzen von Systemtheorie und Sozialphänomenologie" befasst sich auch der anschließende Beitrag von DALLINGER. Einem ganz anderen Thema der Wissenssoziologie widmet sich der Artikel von PFADENHAUER. Sie verortet das "dramatologische" Rollenkonzept im Kontext der hermeneutischen Wissenssoziologie und entfaltet auf der Grundlage eines anthropologisch fundierten Rollenbegriffs die These eines prinzipiellen Selbstinszenierungszwangs. Angewandt auf den Professionellen hebt sie dann die Vorstellung von Professionalität als "Inszenierungsleistung" hervor, als besondere Kompetenzdarstellungskompetenz: "Es hängt nicht davon ab, ob der, der als kompetent dargestellt wird, tatsächlich kompetent ist – außer eben dafür, Kompetenz – wofür auch immer – glaubhaft darzustellen" (S.279). Der Beitrag von PFADENHAUER erweist sich, da er auch als eine Form der Selbstreflexion über die Darstellungspraktiken von Soziologen gelesen werden kann, als wohlpositioniert, bildet er doch den Übergang zu dem vierten und letzten Abschnitt des Bandes, der sich der "Reflexion wissenschaftlicher Praxis" widmet. [7]

HITZLER greift in seinem Aufsatz das THOMAS-Theorem auf und stellt Bezüge zum Situationismus SARTREs her. Er kommt zu dem Schluss, dass "eine sogenannte 'soziale Situation' nicht die Situation mehrerer Handelnder ist, sondern die des je Einzelnen" (S.294). An diese Auseinandersetzung mit soziologischen Situationstheorien schließen sich programmatische Betrachtungen an, in denen HITZLER für eine selbstreflexive Wissenssoziologie plädiert, die Rechenschaft auch über die Konstruiertheit der eigenen soziologischen Erklärungen abzulegen habe. Dies führt allerdings die Gefahr mit sich – dessen ist sich HITZLER bewusst, wenn er den Beitrag mit CAMUS' Bild des Sisyphos professioneller Selbstreflexivität schließen lässt – in einem absurden Regress zu enden, bei dem statt Wissenschaft zu treiben, nur noch über deren Konstruiertheit nachgedacht wird – ein wenig erträgliches Unternehmen, das schon SCHELSKY mit Blick auf die verwissenschaftlichten Infizierungen der Alltagspraxis als "Institutionalisierung der Dauerreflexion" kritisiert hatte. (Dass HITZLER der Tragfähigkeit wissenschaftlicher "Konstrukte 2. Ordnung" wenig zutraut, scheint meiner Meinung nach allerdings eher ein Reflex der inneren Erosion des Wissenschaftssystems zu sein.) Auch der folgende Beitrag von LUCKMANN befasst sich mit einem allgemeinen Problem (sozial-) wissenschaftlicher Theorie in der Moderne. LUCKMANN skizziert, an HUSSERLs Krisis anknüpfend, das "kosmologische Fiasko der Soziologie" und hebt hervor, es sei "keine zureichende Antwort, kosmologische Fragen als irrational dem seiner Subjektivität überlassenen Individuum zu überantworten und die Wissenschaft in eine Gesellschaft der kognitiven Technologie mit sehr beschränkter Haftung umzubilden" (S.309f.). LUCKMANN begründet, warum die Entfremdung von den Quellen menschlicher Bewusstseinsleistung besonders verhängnisvoll für die Sozialwissenschaft ist. Im Schlussbeitrag des Bandes adressiert dann REICHERTZ die Frage nach der Gültigkeit qualitativer Sozialforschung. Er hebt am Ende seines Beitrags hervor, "dass die qualitative Forschung nicht weiter auf den Schultern von Einzelkämpfern ruhen darf, sondern die kooperative und konkurrierende Teamarbeit ... selbstverständlicher Standard werden [muss]" (S. 344; siehe dazu auch den Beitrag Zur Gültigkeit von Qualitativer Sozialforschung [REICHERTZ 2000], mit dem die von Franz BREUER und Jo REICHERTZ moderierte FQS-Debatte Qualitätsstandards qualitativer Sozialforschung eröffnet wurde). [8]

3. Hermeneutische Wissenssoziologie als "Kollaborativprodukt"

Einer weitgreifenden Teamarbeit entsprungen ist aber nicht nur der vorliegende Band. Vielmehr handelt es sich bei diesem Arbeitsprinzip um einen allgemeineren Zug der sozialwissenschaftlichen Hermeneutik. Dieser kollaborative Charakter ist es dann auch, der meiner Ansicht nach die Idee einer "hermeneutischen Wissenssoziologie" zu einer ebenso anziehenden wie herausfordernden und zeitgemäßen Theorie macht. Nicht nur, dass in der hermeneutischen Wissenssoziologie durchaus – was oft übersehen wird – deutliche gesellschaftskritische Züge zu erkennen sind. Sie lässt sich, so betonen die Herausgeber, begreifen als methodisch eingesetzte Skepsis gegenüber "positivem Wissen", und nimmt sich die "Entzauberung gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktionen" (S.11) vor. Und dies schließt die von HITZLER betonte Selbstkritik an den eigenen "Konstrukten der Soziologen" mit ein (S.302f.) – ein Zug, den man bei vergewisserungsresistenteren und wissenssichereren Strömungen innerhalb unserer Profession oft vergeblich sucht. Ausgesprochen zeitgemäß stellt sich dieses Unternehmen aber vor allem dar, weil es sich um das Produkt kooperativer Tätigkeit handelt. Frühere Sozialtheorien präsentieren sich häufig als großintellektuelle Würfe genialischer Einzeltäter. Heute indes erlauben schlicht die im Zuge akademischer Dauerreform sich institutionalisierenden beabsichtigten oder "unbeabsichtigten" (?) Nebenfolgen (wie etwa die Abschaffung der Forschung, vgl. dazu den bitteren Kommentar von TRABANT 2002) kaum noch konsequent weltabgewandte Solitärproduktionen. Ob der wachsenden Wissenschaftsverbürokratisierungsverpflichtungen entspringenden Kräfteauszehrung fehlt dazu schlicht: die notwendige Zeit. Doch der wesentliche Grund für eine gemeinschaftliche Produktion von Sozialtheorie ist weniger das Zwangsprodukt äußerer Umstände, als vielmehr die konsequente Antwort auf eine wissenssoziologisch bedeutsame Generationenentwicklung. Wissensexpansion und Spezialisierung auch in den Sozialwissenschaften müssen heute selbst dem optimistischsten und langlebigsten, noch so heroisch wie belesenem Individuum die letzte Hoffnung rauben, je einen mehr als fragmentarischen Überblick über das aufgeschichtete Wissen – und das sich als solchem präsentierende – erhalten zu können. Gegenüber "altmodischeren", (Einzel-) Autorschaftsfiktionen aufrecht erhalten wollenden Ansätzen erweist sich dahingegen das von den Vertretern der hermeneutischen Wissenssoziologie konsequent praktizierte, kollaborativ verfahrende (nicht kollektivistisch verengte!) Wissenschaftsverständnis und die entsprechende Wissenschaftspraxis als wesentlich zeitgemäßer. Hinzugefügt werden darf, dass Zusammenarbeit mehrerer, möglichst unterschiedlich Befähigter wie Geprägter, als methodisches Prinzip der Interpretationsgemeinschaft gleichsam in die hermeneutische Wissenssoziologie eingeschrieben ist. [9]

Ein letztes Moment ist es, das als Vorteil gegenüber "einsinnigen" Theorien gelten kann und insofern auch als Begründung dafür genannt werden soll, warum Theorie- und Methodologiefortentwicklung in Form einer Sammelbandproduktion vorgelegt wird. Es ist die Mühe darum, die so verlockende wie sozialwissenschaftlich gefährliche Versuchung, der Wirklichkeit einfache Erklärungen abzuringen, zu widerstehen, Sinnunterstellung als Sinnunterstellung zu identifizieren, und auf ihre kollektive Wirksamkeit hin zu untersuchen. Der Alltagsverstand ist mithin – aus pragmatischen Motiven – daran gewöhnt, beobachteten Phänomenen entweder einen (erklärlichen) Sinn zu unterstellen, oder aber etwas als "unsinnig" abzutun, und ihm damit jede Erklärungskraft abzusprechen. Der Vorteil einer hermeneutisch verfahrenden interpretativen Sozialforschung besteht darin, dass – gemäß dem methodischen Postulat: Bilde die unwahrscheinlichste Lesart! – systematisch auch der "Unsinn, der gesellschaftliche Situationen ausmacht" (BERGER) in den Griff der Analyse gerät, und dieser nicht, wie im alltagsverständlichen Zugriff, zwangsläufig im mythischen Dunkel verbleiben muss. In dieser Fähigkeit, auch die Beweggründe, die gesellschaftlichen Nonsens motivieren, aufzudecken, liegt einer des wichtigsten Nutzens gegenüber anderen Formen von sozialwissenschaftlicher Analyse. [10]

Literatur

Berger, Peter L. & Luckmann, Thomas (1969). Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt: Fischer.

Eberle, Thomas (2000). Lebensweltanalyse und Handlungstheorie. Beiträge zur Verstehenden Soziologie. Konstanz: UVK.

Hitzler, Ronald & Honer, Anne (Hrsg.) (1997). Sozialwissenschaftliche Hermeneutik. Eine Einführung. Opladen: UTB.

Honer, Anne (1993). Lebensweltliche Ethnographie. Wiesbaden: DVU.

Knoblauch, Hubert (1995). Kommunikationskultur. Die kommunikative Konstruktion kultureller Kontexte. Berlin/New York: de Gruyter.

Kurt, Ronald (2001). Menschenbild und Methode der Sozialphänomenologie. Habilitationsschrift Universität Konstanz (erscheint Mitte 2002 im UVK Konstanz).

Reichertz, Jo (2000, Juni). Zur Gültigkeit von Qualitativer Sozialforschung [76 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 1(2), Art. 32. Abrufbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00reichertz-d.htm.

Schröer, Norbert (Hrsg.) (1994). Interpretative Sozialforschung. Auf dem Weg zu einer hermeneutischen Wissenssoziologie. Opladen: Leske + Budrich.

Schütz, Alfred & Luckmann, Thomas (1984). Strukturen der Lebenswelt, Bd. 2. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Schütz, Alfred (1932). Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Wien: Springer.

Schütz, Alfred (1971). Zur Methodologie der Sozialwissenschaften. In ders, Gesammelte Aufsätze, Bd. 1 (S.3-54). Den Haag: Martinus Nijhoff.

Seiffarth, Achim (2001, Mai). Verschwinden kann alles. Der Soziologe bleibt. Rezensionsaufsatz zu: Ronald Hitzler, Jo Reichertz & Norbert Schröer (Hrsg.) (1999). Hermeneutische Wissenssoziologie. Standpunkte zur Theorie der Interpretation [13 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [Online Journal], 2(2), Art. 15. Abrufbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-01/2-01review-seiffarth-d.htm.

Soeffner, Hans-Georg (1989). Auslegung des Alltags – Der Alltag der Auslegung. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Soeffner, Hans-Georg (Hrsg.) (1979). Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften. Stuttgart: Metzler.

Srubar, Ilja (1988). Kosmion. Die Genese der pragmatischen Lebenswelttheorie von Alfred Schütz und ihr anthropologischer Hintergrund. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Trabant, Jürgen (2002). Anlage 1: Heimlich, still und feige. Berliner Universitäten sollen laut Hochschulvertrag nicht mehr forschen. Die Zeit, 10. Januar 2002, S.31.

Zum Autor

Bernt SCHNETTLER, M.A., Jahrgang 1967, Studium der Soziologie und Psychologie an der Universität Konstanz, Philosophie und Hispanistik an der Universität Madrid, ist derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Konstanz und Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen. Forschungsschwerpunkte: Soziologie religiöser Erfahrungen, Organisationssoziologie, qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung.

Kontakt:

Bernt Schnettler

Fachbereich Geschichte und Soziologie
Universität Konstanz
D - 78457 Konstanz

E-Mail: bernt.schnettler@uni-konstanz.de

Zitation

Schnettler, Bernt (2002). Was, wirklich, bleibt!? Sozialkonstruktivismus, Hermeneutik, Wissenssoziologie. Review Essay: Ronald Hitzler, Jo Reichertz & Norbert Schröer (Hrsg.) (1999). Hermeneutische Wissenssoziologie. Standpunkte zur Theorie der Interpretation [10 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 3(4), Art. 1, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs020416.

Revised 2/2007



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