Volume 3, No. 4, Art. 29 – November 2002

Kollektives kollektiv erfassen – das Gruppendiskussionsverfahren in der Diskussion

Anja Fiedler

Review Essay:

Peter Loos & Burkhard Schäffer (2001). Das Gruppendiskussionsverfahren. Theoretische Grundlagen und empirische Anwendung (Band 5 der Reihe: Qualitative Sozialforschung, hrsg. von Ralf Bohnsack, Christian Lüders, Jo Reichertz). Opladen: Leske + Budrich, 112 Seiten, ISBN 3-8100-2273-X, EUR 10.50 / sFr 19.-

Zusammenfassung: Das Gruppendiskussionsverfahren erfreut sich insbesondere in jüngeren qualitativen Forschungsarbeiten zunehmend größerer Beliebtheit. Peter LOOS und Burkhard SCHÄFFER beabsichtigen, mit ihrem Buch "Das Gruppendiskussionsverfahren" sowohl eine Einführung in die methodisch-methodologischen Hintergründe des Verfahrens als auch in seine Anwendung und Analyse im Sinn der rekonstruktiven Sozialforschung zu geben, die anhand dreier Fallbeispiele – d.h. Gruppendiskussionspassagen aus Projekten mit Bundeswehrangehörigen, jungen Musikern, sowie Schülern, Lehrern und Senioren – nachvollziehbar demonstriert wird. Sie sehen das Gruppendiskussionsverfahren als eine Möglichkeit, kollektive Phänomene auch in ihrer ureigenen Form, nämlich der Artikulation in der Gruppe, zu erfassen. Den beiden Autoren gelingt es auf beeindruckende Weise, theoretische Reflektionen über das Gruppendiskussionsverfahren als sozialwissenschaftliche Methode mit Ausführungen zur Forschungspraxis zu verknüpfen und Einblicke in das eigene Interpretationsvorgehen zu geben. Sie liefern damit ein gelungenes Einführungsbuch für all jene, die sich über das Verfahren informieren bzw. mit ihm arbeiten wollen.

Keywords: rekonstruktive Sozialforschung, Gruppendiskussionsverfahren, dokumentarische Methode, Diskursanalyse

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitendes – Zielsetzung und Aufbau des Buches

2. Terminologisches – Gruppengespräch, Gruppenbefragung oder Gruppendiskussion?

3. Das Gruppendiskussionsverfahren als der "vierte Weg" – die Suche nach Einheit von Inhalt und Form

4. Praktisches – zur Anwendung des Gruppendiskussionsverfahrens

5. Die Diskursanalyse als Auswertungsstrategie

6. Resümee

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitendes – Zielsetzung und Aufbau des Buches

So einfach der Titel dieses Buches, so ambitioniert das Vorhaben seiner Autoren: Peter LOOS und Burkhard SCHÄFFER kündigen bereits im Untertitel ("Theoretische Grundlagen und empirische Anwendung") an, dass es ihnen um die Verknüpfung der Darstellung der theoretischen Hintergründe des Gruppendiskussionsverfahrens mit dessen empirischer Umsetzung geht. So ist dieses Buch das Ergebnis einer langjährigen methodisch-methodologischen Diskussion über das Gruppendiskussionsverfahren und basiert auf gemeinsamen Forschungsprojekten der Autoren zu Kriminalisierungserfahrungen Jugendlicher, die unter Leitung von Ralf BOHNSACK an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Berlin durchgeführt wurden. Basierend auf der Anwendung dieses Verfahrens der qualitativen Sozialforschung in Forschungs-, Promotions- und Habilitationsprojekten und der Herausforderung, "das erworbene forschungspraktische Wissen – gewissermaßen den modus operandi des Forschers in Lehrveranstaltungen ... verständlich umzusetzen" (S.7), versteht sich dieses Buch als eine Einführung in das Gruppendiskussionsverfahren als Forschungsmethode. [1]

Der umfassende Anspruch, eine Verknüpfung theoretischer Konzeption und forschungspraktischer Umsetzung zu leisten und dies bei einem Buchumfang von ca. 100 Seiten machte mich neugierig. Als Doktorandin, die mit der Methode des Gruppendiskussionsverfahrens ihr Dissertationsvorhaben bestreiten möchte und damit immer auf der Suche nach wertvollen Hinweisen und Ratschlägen zur Anwendung des Gruppendiskussionsverfahrens ist, dürfte ich unmittelbar zum adressierten Leserkreis gehören. Insofern ist diese Rezension aus der Perspektive einer Nutzerin geschrieben, die selbst derzeit ein forschungspraktisches Vorhaben bestreitet. [2]

Der klar strukturierte und plausible Aufbau des aus sechs Kapiteln bestehenden Buches erleichtert eine erste Orientierung des Lesers. Nach einem kurzen historischen Abschnitt zur angelsächsischen und bundesdeutschen Entwicklung des Verfahrens im ersten Kapitel entwickeln die Autoren im Folgenden den Begriff des Kollektiven, der ihrem methodischen Ansatz zugrunde liegt. Daran anschließend wird im dritten Kapitel auf das konkrete forschungspraktische Vorgehen eingegangen – mit besonderem Augenmerk auf praktische Hinweise für die Durchführung der Gruppendiskussionen. Im folgenden vierten Abschnitt schließen sich Ausführungen zur Auswertung der Diskussionen im Sinne einer Diskursanalyse an, die im fünften Abschnitt um die angekündigte Verknüpfung theoretischer Ausführungen mit praktischen Anwendungen ergänzt werden, indem die Autoren anhand dreier Fallbeispiele kurze Datenauszüge interpretieren. Das Buch schließt im sechsten Kapitel mit einer Einordnung des Gruppendiskussionsverfahrens in den Methodenkanon qualitativer Sozialforschung. [3]

2. Terminologisches – Gruppengespräch, Gruppenbefragung oder Gruppendiskussion?

LOOS und SCHÄFFER grenzen das Gruppendiskussionsverfahren zunächst von der Gruppenbefragung (Gruppeninterview) und dem Gruppengespräch ab (S.11ff.). Während es sich bei ersterem um "zeitökonomische Varianten der Einzelbefragung" (S.12) handelt, angewandt u.a. in der Wahl- und Marktforschung, wobei die besondere Situation der Gruppe gerade nicht Gegenstand der Analyse ist, werden Gruppengespräche, d.h. natürlich zustande kommende Gespräche in der Konversations- und Gesprächsanalyse zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung. Dabei liegt das Augenmerk auf Formen und Ablaufmustern derartiger Gruppeninteraktionen bzw. aus ethnographischer Perspektive dient es dem Sammeln von Informationen. [4]

Die Gruppendiskussion, die Gegenstand der Betrachtung durch die Autoren sein soll, zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass hier meist Realgruppen (natürliche Gruppen, die auch außerhalb der Diskussionssituation existieren) oder strukturidentische Gruppen zu einer von außen initiierten und unter Themenvorgabe der Diskussionsleitung stattfindenden Diskussion zusammen kommen (vgl. S.13). Dabei ist es im Gegensatz zum Gruppeninterview nicht das Ziel, Einzelmeinungen möglichst effektiv abzufragen, sondern einen sich selbstläufig in der Gruppe konstituierenden Meinungsaustausch zu beobachten. Daher definieren die Autoren das Gruppendiskussionsverfahren abschließend als "ein Verfahren ..., in dem in einer Gruppe fremdinitiiert Kommunikationsprozesse angestoßen werden, die sich in ihrem Verlauf und der Struktur zumindest phasenweise einem 'normalen' Gespräch annähern" (S.13). Ausgestattet mit dieser Unterscheidung, die bei weiterer Lektüre an Bedeutung gewinnt, da die Autoren immer wieder auf den vorrangigen methodischen Fokus des Verfahrens auf die Gruppe und die sich in ihr konstituierenden kollektiven Sinn- und Deutungsmuster hinweisen, zeichnen LOOS und SCHÄFFER im folgenden ersten Kapitel die unterschiedlichen methodologischen und methodischen Entwicklungslinien im bundesdeutschen und angelsächsischen Raum ("focus groups" und "group discussions") nach. Im angelsächsischen Raum lässt sich die Diskussion seit den "focus groups" in den 1940ern in Großbritannien und den USA vor allem im Bereich der Markt- und Konsumforschung (vgl. MERTON & KENDALL 1979, orig. 1946) verfolgen. Da die Verfahren vor allem als kostengünstige Alternative zu Einzelinterviews zu verstehen sind, werden Gruppeneinflüsse eher als störend bei der summarischen Analyse der Einzelmeinungen begriffen (vgl. S.15f.). Dem Gruppendiskussionsverfahren in rekonstruktiver Sozialforschung ähnlicher sind hingegen die sich im angelsächsischen Bereich später entwickelnden "group discussions" (vgl. LIVINGSTONE & LUNT 1996), die ihr Augenmerk auf die sich in der Gruppe konstituierenden, geteilten Meinungen legten, d.h. Gruppeneinflüsse nicht als Störfaktoren, sondern eigentlichen Gegenstand der Untersuchung begriffen (vgl. S.16ff.). In der bundesdeutschen Methodendiskussion setzte die Reflektion über die Besonderheiten der Erhebung von Interaktionssituationen und die damit verbundene Diskussion, ob während einer Gruppendiskussion bestehende Orientierungen repräsentiert oder situativ erst konstituiert werden (oder beides?), bereits mit den Arbeiten von POLLOCK (1955), OSMER (1953) und VON HAGEN (1954) ein. Aus Platzgründen kann hier nicht näher auf die weitere bundesdeutsche Entwicklung und Diskussion eingegangen werden. Zu diesem Zweck lohnt sich auf jeden Fall ein Blick ins Buch, das zudem weiterführende Literatur zu beiden Entwicklungssträngen benennt. [5]

Zusammenfassend charakterisieren LOOS und SCHÄFFER den Stand des Gruppendiskussionsverfahrens in methodischer und methodologischer Sicht in Deutschland als "wesentlich weiter ausdifferenziert" als im angelsächsischen Raum (S.18) – wofür vor allem in den 50er Jahren das Frankfurter Institut für Sozialforschung und in den 70er Jahren die Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen verantwortlich waren. Das Fazit des Überblicks über die beiden Entwicklungsstränge: Methodisch-methodologische Diskussion über das Verfahren in der bundesdeutschen Forschung bei (bisher) geringer forschungspraktischer Anwendung einerseits, Vielzahl von Forschungsarbeiten mit dem Gruppendiskussionsverfahren in den USA und England bei auffallender Abstinenz bezüglich methodologischer Reflexion andererseits (vgl. S.8f.). [6]

Die Autoren selbst knüpfen an eine Forschungstradition an, die Ralf BOHNSACK (zunächst gemeinsam mit Werner MANGOLD) seit Mitte der 1980er verfolgt (vgl. MANGOLD & BOHNSACK 1988, BOHNSACK 1989, 2000) und die auf den Kollektivitätsbegriff von Karl MANNHEIM zurückgeht, d.h. auf dessen Begriff vom "konjunktiven Erfahrungsraum", der eine Kollektivebene basierend auf gemeinsamen bzw. strukturidentischen Erfahrungen beschreibt (vgl. MANNHEIM 1980, S.211ff.). Mit diesem Ansatz, der neuere Methoden der Textinterpretation einbezieht (u.a. SCHÜTZE 1983, OEVERMANN, ALLERT, KONAU & KRAMBECK 1979), wollen die beiden Autoren einen Bruch mit dem ihrer Meinung nach engen, interaktionistischen Verständnis vollziehen, das im Gruppendiskussionsverfahren lediglich die Möglichkeit sieht, situativ ausgehandelte Interpretationen der Gruppenmitglieder herauszuarbeiten. LOOS und SCHÄFFER beziehen sich in ihrer Kritik vor allem auf die Arbeiten von Manfred NIEßEN (1977) und Ute VOLMERG (1977). Die Bedeutung des von ihnen favorisierten Ansatzes sehen LOOS und SCHÄFFER in dem Versuch, Prozess- und Strukturperspektive miteinander zu verknüpfen, indem die sich in der Kommunikationssituation der Diskussion (im Prozess) dokumentierenden Muster, die auf kollektiv geteilte Erfahrungen verweisen, erfasst werden. [7]

3. Das Gruppendiskussionsverfahren als der "vierte Weg" – die Suche nach Einheit von Inhalt und Form

Ausgehend von der zutreffenden Beobachtung der Autoren, dass Forschungsvorhaben sich vielfach mit kollektiven Phänomen (wie z.B. dem Rechtsextremismus) beschäftigen (vgl. S.10), sich dazu jedoch individualisierender Erhebungsinstrumente bedienen (zum Rechtsextremismus: siehe u.a. WAHL 2001, NEUBACHER 1998, HEITMEYER & MÜLLER 1995) und die Abstraktion auf Gruppen von Akteuren erst im Rahmen der Analyse, quasi "auf Umwegen" wieder hergestellt wird, sehen sie im Gruppendiskussionsverfahren die Chance, kollektive Orientierungen bzw. den kollektiven Umgang mit individuellen Orientierungen "in statu nascendi" herauszuarbeiten (vgl. S.11). Damit schlagen die Autoren das Gruppendiskussionsverfahren als "vierten Weg" – auf der Suche nach einer angemessenen Verknüpfung von gruppenorientiertem Erhebungsverfahren und auf das Kollektive gerichtetem Auswertungsverfahren – vor. Das Gruppendiskussionsverfahren würde damit neben der klassischen Fragebogenuntersuchung, bei der durch Standardisierung von Einzelmeinungen Durchschnittsmeinungen gebildet werden (1. Weg), neben qualitativen Studien, die vor allem das "Exemplarische" von Fällen herausarbeiten, um sie auf dieser Basis miteinander zu vergleichen (2. Weg) und neben auf grundlagentheoretischen Annahmen beruhenden Studien (3. Weg) bestehen können. Es geht LOOS und SCHÄFFER darum, über die Methode des Gruppendiskussionsverfahrens das Kollektive auch kollektiv zu erfassen. Hierauf beruht ihre Kritik an bisherigen Ansätzen der Konzeption des Kollektiven, die sich nicht oder nur zum Teil vom "Primat des Individuums" (vgl. S.29) lösen konnten. So überzeugend das Plädoyer der Autoren für ein ausgewogenes Verhältnis von Forschungsinteresse und der zu seiner Realisierung eingesetzten Instrumente auch ist, so bleibt die von den Autoren bewerkstelligte "Beweisführung", dass bisherige Versuche (so bei MEAD, SCHÜTZ und OEVERMANN), die Dichotomie von Individuum und Kollektiv zu überwinden, in je unterschiedlichen Graden fehlschlugen, innerhalb des Buches eher isoliert und wirkt – trotz des (verständlichen) Interesses der Autoren an einem kurzen Überblick über derart verschiedene theoretische Zugänge – stark verkürzt. [8]

Die Schlussfolgerung von LOOS und SCHÄFFER, das Kollektive auf zwei Ebenen zu erfassen – einerseits auf der des Forschungsgegenstandes (durch Rekonstruktion der Diskursorganisation) und andererseits auf der des Forschungsprozesses (durch Berücksichtigung der Standortgebundenheit des Interpreten) – wirkt jedoch schlüssig und wäre auch ohne Rückgriff auf die Kritik an den genannten Ansätzen überzeugend. [9]

4. Praktisches – zur Anwendung des Gruppendiskussionsverfahrens

Auf der Basis der methodologischen Diskussion wenden sich die folgenden Abschnitte der praktischen Umsetzung des Verfahrens zu. Hierin sehe ich die eigentliche Stärke des Buches, da sich neben allgemeinen Ausführungen zu Anwendungsmöglichkeiten und Grenzen des Verfahrens, zu Auswahlkriterien für die und Zugangsmöglichkeiten zu den Gruppen auch praktische Hinweise zur technischen Aufzeichnung der Diskussionen, zur Rolle der Diskussionsleitung, zur Transkription etc. finden. Die detaillierten Tipps (z.B. Empfehlungen technischer Aufzeichnungsgeräte, S.49) können insbesondere denjenigen, die erstmals mit dieser Methode arbeiten wollen, die vielfältigen Fragen und möglichen Fehlerquellen, die vor der Durchführung der Diskussionen zu beachten sind, vor Augen führen. Trotz dieser gelungenen Verknüpfung von theoretischem Hintergrundwissen und wertvollen, kurzweilig dargestellten Erläuterungen zur praktischen Umsetzung des Gruppendiskussionsverfahrens gibt es im Detail auch Kritisches anzumerken. So werden neben den positiven Aspekten, die die Empfehlungen von LOOS und SCHÄFFER auf der Grundlage eigener Forschungsarbeiten besitzen (wie z.B. der Detailgenauigkeit, den pragmatischen Hinweisen) hier auch die "blinden Flecke" der Autoren deutlich, die in der selektiven Auswahl und Beschränkung auf ihre spezifischen Forschungsfelder liegen. Die Anmerkungen zu den Zugangsmöglichkeiten beziehen sich z.B. primär auf informelle Gruppen, insbesondere Realgruppen Jugendlicher (S.45ff.) und nur ganz am Rande werden Hinweise für andere "Milieus" (z.B. das der Politiker oder Manager) gegeben (S.48). Die Fokussierung auf Jugendlichengruppen wiederholt sich z.B. auch bei den Hinweisen für den Beginn einer Diskussion (vgl. S.49). [10]

Kritisch ist ferner anzumerken, dass sich die Empfehlungen zur technischen Ausstattung nur auf die Audioaufzeichnung der Diskussionen beziehen (vgl. S.49). Diese Vernachlässigung von Bildaufzeichnungen (z.B. durch Video) führt so z.B. dazu, dass daraufhin erforderliche und äußerst aufwendige Kurzprotokolle beschrieben werden, auf denen u.a. die Positionen der Teilnehmenden oder Informationen zur Sprechweise, Stimmhöhen etc. zur späteren Identifikation der Sprecher/-innen vermerkt werden müssen (vgl. S.54f.). Die Autoren halten es nicht für notwendig zu begründen, warum sie filmische Aufzeichnungen unerwähnt lassen. So heißt es nur lapidar: "Alle nicht-auditiven Daten – etwa visuelle, haptische oder atmosphärische Gehalte – werden hier bereits ausgesondert" (S.55). Diese Reduktion ist jedoch keinesfalls zwingend erforderlich. Vielmehr kann eine Videoaufzeichnung aufwendige Protokolle im Anschluss an eine Diskussion vermeiden und zudem auch Aussagen über nonverbale Gehalte (z.B. Blickkontakte zwischen den Diskutanten/-innen, körperliches [Un-] Beteiligtsein usw.) eröffnen, die bei der Analyse der Redebeiträge hinzugezogen werden können. [11]

Nur am Rande sei in diesem Zusammenhang bemerkt, dass LOOS und SCHÄFFER immer wieder von "Interviewenden", "Interviewer" bzw. "Interviewten" sprechen (so z.B. S.52, 61, 66, 75, 84, 87, 89f.), was gerade aufgrund der eingangs formulierten Abgrenzung zum Gruppeninterview und der wiederholten Betonung des Interesses an der "Selbstläufigkeit" von Diskussionen irritierend wirkt. Die Zielsetzung, selbstläufige Diskussionen unter den Teilnehmern bei Zurückhaltung der Diskussionsleitung zu initiieren, widerspricht gerade einem interviewähnlichen Ablauf im Frage-Antwort-Modus. Hier würde sich zur begrifflichen Differenzierung wohl eher die Benennung der Beteiligten als "Diskussionsleitung" (in formaler, nicht inhaltlicher Hinsicht) bzw. "Diskussionsteilnehmer" anbieten. [12]

5. Die Diskursanalyse als Auswertungsstrategie

Konsequenterweise schließen LOOS und SCHÄFFER an die Hinweise zur Durchführung der Diskussionen Ausführungen zur Analyse der Diskursorganisation an (S.59ff.). Ausgehend von einem zirkulären Prozess von Datenerhebung und -auswertung erläutern sie die Arbeitsschritte der formulierenden Interpretation (zur Erfassung des immanenten Sinngehaltes) und der reflektierenden Interpretation (Analyse des Dokumentsinnes) – hier wird gefragt "was sich in dem, wie etwas gesagt wird, über den dahinter stehenden konjunktiven Erfahrungsraum, die kollektive Handlungspraxis, dokumentiert" (S.63). Daran anschließend beschreiben sie die beiden folgenden Arbeitsschritte der Diskursbeschreibung (auf kommunikativer und metakommunikativer Ebene) und der Typenbildung (durch fallinterne und fallexterne komparative Analyse). In den ersten beiden Arbeitsschritten findet die grundlegende methodologische Differenz zwischen "kommunikativ-generalisierendem, wörtlichen oder "immanentem" Sinngehalt" im Zuge der formulierenden Interpretation (Frage nach dem Was) einerseits und dem "konjunktiven, metaphorischem oder eben dokumentarischem Sinngehalt" im Rahmen der reflektierenden Interpretation (Frage nach dem Wie) andererseits ihren Ausdruck (vgl. BOHNSACK u.a. 2001, S.14). [13]

LOOS und SCHÄFFER plädieren schließlich für eine Methodentriangulation, um die mit dem Gruppendiskussionsverfahren gewonnenen Analysen um weitere Perspektiven zu ergänzen, ohne jedoch einem naiven Methodenverständnis zu erliegen, das den Einsatz verschiedener Verfahren als Mittel sieht, Forschungsgegenstände "richtiger" oder "objektiver" begreifen zu können (vgl. S.73). Die anschließend von den Autoren angegebenen drei Fallbeispiele aus Gruppendiskussionen mit Bundeswehrangehörigen, jungen Musikern, sowie Schülern, Lehrern und Senioren, an denen sie die Analyseschritte demonstrieren, lohnen allein schon einen Blick in dieses praxisorientierte Einführungsbuch. [14]

6. Resümee

Nach der Lektüre der ca. 100 Seiten stelle ich voller Respekt fest, dass das Einführungsbuch ins Gruppendiskussionsverfahren von Peter LOOS und Burkhard SCHÄFFER seinem hohen Anspruch gerecht wird. Es bietet für all diejenigen, die sich über dieses Verfahren qualitativer Sozialforschung kompakt und zugleich umfassend informieren wollen, nicht nur einen Überblick über methodisch-methodologische Fragen, sondern auch über Pragmatisches zur Vorbereitung und Durchführung der Gruppendiskussionen; sowie zusätzlich Wissenswertes über das Auswertungsverfahren der Diskursanalyse. Seinen besonderen Wert und seine Einmaligkeit erhält das Buch durch die gelungene Verknüpfung der Darstellung von Grundlagen und Prinzipien des Gruppendiskussionsverfahrens mit der Demonstration ihrer Umsetzung anhand forschungspraktischer Beispiele. Die zahlreichen Literaturverweise im Text und das umfassende Literaturverzeichnis tun ihr Übriges, um dem interessierten Leser den vertiefenden Zugang zum Gruppendiskussionsverfahren zu ermöglichen. In diesem Sinn ist das Buch von LOOS und SCHÄFFER nicht nur eine wertvolle Ergänzung zum Überblickstitel "Gruppendiskussion. Theorie und Praxis" von Siegfried LAMNEK (1998), der bisweilen allzu "rezeptartig" wirkt, sondern es ist eine notwendige und über eine allgemeine Einführung hinausgehende vertiefende Auseinandersetzung mit dem Gruppendiskussionsverfahren der rekonstruktiven Sozialforschung. [15]

So kann ich das Methodenbuch von LOOS und SCHÄFFER vor allem deswegen empfehlen, weil hier nicht einfach das (insbesondere im angloamerikanischen Bereich) weite Spektrum der "How-to-do"- Literatur um ein Buch ergänzt, sondern vielmehr um das reflexive Moment, sozusagen das "Why-to-do" erweitert wurde, indem die Autoren es verstehen, pragmatische Hinweise an deren methodisch-methodologischen Hintergrund zu binden. [16]

Es bleibt – mit den beiden Autoren – zu hoffen, dass das Gruppendiskussionsverfahren durch seine besondere Eignung für die Rekonstruktion kollektiver Orientierungsmuster zukünftig weitreichendere Verbreitung findet. Peter LOOS und Burkhard SCHÄFFER haben mit ihrem Einführungsbuch den Weg dafür geebnet. [17]

Aufgrund der beständigen Betonung, dass eine Entsprechung von Forschungsgegenstand, Fragestellung und der zu ihrer Realisierung eingesetzten Methoden eines der entscheidenden Gütekriterien qualitativer Sozialforschung darstellt (vgl. STEINKE 2000), verwundert es, dass ein Verfahren, welches geeignet ist, in Gruppen diskursiv hergestellte, geteilte Orientierungen zu erfassen, im Methodenkanon lange Zeit ein Schattendasein führte. Das Gruppendiskussionsverfahren ermöglicht es wie kein zweites, die Identifikation von Gruppen nicht als Abstraktionsresultat am Ende eines Forschungsprozesses, der sich individuellen Meinungen widmet (die über Einzelinterviews erhoben werden), hervorzubringen, sondern den gesamten Forschungsprozess auf die interessierenden Gruppen zu fokussieren, um emergente Phänomene wahrnehmen zu können. So ist auch die Kritik von FLICK verfehlt, wenn er infolge der verschiedenen Dynamiken in Gruppendiskussionen es als schwierig ansieht, "Meinungen und Sichtweisen des einzelnen Gruppenmitglieds in dieser Dynamik noch auszumachen" (FLICK 2002, S.179f.), da dies gerade nicht das Ziel der Analyse darstellt. Die Stärke des Gruppendiskussionsverfahrens liegt im Gegenteil in seiner doppelten Orientierung auf die Gruppe – als Erhebungs- und Auswertungseinheit. Insofern bleibt zu wünschen, dass das Gruppendiskussionsverfahren für auf kollektive Phänomene gerichtete sozialwissenschaftliche Fragestellungen (dies dürfte wohl eine nicht unerhebliche Zahl sein) vermehrt zur Anwendung gelangt. Hier gäbe es noch einige Forschungslücken zu füllen, so z.B. die Chancen und Grenzen des Verfahrens in anderen Forschungsbereichen, in denen die Einbindung von Gruppen in formalisierte Kontexte eine Rolle spielt (z.B. in der Organisationsforschung) zu untersuchen oder die Anwendbarkeit von Gruppendiskussionen mit Milieugruppen, d.h. Personen, die zwar gemeinsame Erfahrungen, ähnliche Sozialisationshintergründe etc. teilen, aber nicht notwendig durch direkte Bekanntschaft miteinander verbunden sind (vgl. den Begriff der "Großgruppen" bei MANGOLD 1960) auszuloten. Die Gruppendiskussionsmethode sollte dabei nicht der "Königsweg" für jegliche Untersuchungen, jedoch als der eingangs beschriebene "vierte Weg" zum Begreifen kollektiven Sinns angewandt werden, weil auf ihm milieuspezifische Erfahrungen erfasst werden können, die dort artikuliert werden, "wo diejenigen in Gruppen sich zusammenfinden, denen diese Erfahrungen gemeinsam sind" (BOHNSACK 1997, S.492). [18]

Literatur

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Zur Autorin

Anja FIEDLER (Dipl.-Sozialpädagogin [FH], Dipl.-Kriminologin) ist derzeit Stipendiatin am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen in Hannover und arbeitet dort mit qualitativer Methodik (Gruppendiskussionen, Interviews) im Projekt "Polizei im Wandel". Ihr Dissertationsvorhaben beschäftigt sich mit dem Thema Binnenklima bzw. Binnenkommunikation innerhalb der Polizei. Dabei werden Gruppendiskussionen und Interviews mit Polizeibeamt/innen geführt, um sich der Frage nach Sinn- und Orientierungsmustern von Polizist/-innen im innerorganisatorischen Austausch zu nähern. Forschungs- und Interessenschwerpunkte: Methoden qualitativer Sozialforschung (insbesondere Gruppendiskussionsverfahren), Wissenssoziologie, empirische Polizeiforschung (insbesondere polizeiliches Selbstverständnis, polizeiliches Einsatzhandeln, Polizeikultur), Organisationskulturforschung.

Kontakt:

Anja Fiedler

Kriminologisches Forschungsinstitut
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Fax.: 0511/ 34836 – 10

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URL: http://www.kfn.de

Zitation

Fiedler, Anja (2002). Kollektives kollektiv erfassen – das Gruppendiskussionsverfahren in der Diskussion. Review Essay: Peter Loos & Burkhard Schäffer (2001). Das Gruppendiskussionsverfahren. Theoretische Grundlagen und empirische Anwendung [18 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 3(4), Art. 29, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0204293.

Revised 2/2007



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