Volume 7, No. 1, Art. 2 – Januar 2006

Rezension:

Andrea D. Bührmann

Matthias Grundmann & Raphael Beer (Hrsg.) (2004). Subjekttheorien interdisziplinär. Diskussionsbeiträge aus Sozialwissenschaften, Philosophie und Neurowissenschaften. Münster: Lit, 187 Seiten, ISBN 3-8258-7304-8, EUR 17,90

Zusammenfassung: Matthias GRUNDMANN und Raphael BEER gelingt es, mit ihrer außerordentlich informierten Anthologie "Subjekttheorien interdisziplinär" sehr präzise die kontroversen theoretischen Konzeptionen des Subjektbegriffs nachzuzeichnen. Über eine naheliegende Synthetisierung der vorhandenen Perspektiven auf das Subjekt selbst hinaus, wird in den einzelnen Beiträge eindringlich nach den Folgen des neurobiologischen Befundes einer selbstrefentiellen Aktivität neuronaler Netzwerke für unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen und Forschungsansätze gefragt. GRUNDMANN und BEER greifen mit ihrem Sammelband damit eine überaus wichtige Problemstellung auf. Sie geben in ihrer instruktiven Einleitung wichtige Anstöße und Impulse für weitergehende Fragen. Insofern eignet sich der Sammelband als Kompendium, aus dem unterschiedliche Disziplinen, wie die Sozialwissenschaften, die Neurowissenschaften aber auch die Philosophie für eine Problematisierung des Subjektbegriffs nachhaltig und disziplinübergreifend schöpfen können.

Keywords: Subjekttheorien, Interdisziplinarität, Sozialwissenschaften, Neurowissenschaften, Philosophie, Systemtheorie

Inhaltsverzeichnis

1. Manifestationen des Subjektiven

2. Bestimmungen des Subjektiven

2.1 Sozialwissenschaftliche Subjektkonzeptionen

2.2 Philosophische Überlegungen im Kontext von Erkenntnistheorien

2.3 Neurophysiologische Anstöße für eine Transformierung des Subjektbildes

2.4 Systemtheorie und das Problem der Intersubjektivität

3. Fazit: Wie weiter?

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Manifestationen des Subjektiven

In den aktuellen Debatten der Geistes- und Sozialwissenschaften wird das Subjekt als "Kind" der europäischen Aufklärung betrachtet. Es gilt als handlungsfähiges Individuum, das seine eigenen wie auch die gesellschaftlichen Verhältnisse potenziell vernünftig gestalten kann. Während in den meisten Theorien zur europäischen Moderne diese oder eine sehr ähnliche Charakterisierung des Subjekts aufgefunden werden kann, wird doch außerordentlich kontrovers über die Frage diskutiert, wie das Subjekt konkret zu bestimmen ist. Der aktuellen Debatte um die Beantwortung dieser Frage nicht nur in der Philosophie, sondern auch in den Neuro- und Sozialwissenschaften widmet sich der von Matthias GRUNDMANN und Raphael BEER herausgegebene Sammelband. [1]

In ihrer Einleitung geben die Herausgeber zunächst eine knappe Genealogie dieser Frage beginnend mit der europäischen Aufklärung. Dabei markieren GRUNDMANN und BEER die grundlegend kontroverse Bestimmung des Subjekts zwischen empirischer Anbindung und bewußtseinsphilosophischer Überhöhung als Ausgangspunkt ihrer sehr dichten Genealogie. "Erblickten die einen das Besondere des Subjektiven in der Mannigfaltigkeit der Erfahrung, galt den anderen das Subjektive als Bestimmungsgrund individuellen und sozialen Geschehens schlechthin" (S.1). Diese konträren Standpunkte sind zwar als Gegensatz zwischen Empirismus und Rationalismus oder auch Materialismus und Idealismus vielfach thematisiert worden. Jedoch blieb – und hier ist GRUNDMANN und BEER vorbehaltlos zuzustimmen – das Subjekt als zentrale Referenz wissenschaftlicher Reflexion unhinterfragt. Darüber hinaus aber hat der Subjektbegriff immer auch eine nicht zu unterschätzende Rolle als Bestimmungsmoment im alltäglichen Leben gespielt. Denn – so erläutern GRUNDMANN und BEER –

"[p]olitisches, moralisches und ethisches Handeln finden allesamt vor dem Hintergrund einer Subjektvorstellung statt, die in Form von Individualität als Quelle der Legitimation nicht mehr hintergangen werden kann. Individualität als spezifisch soziale Ausprägung von Subjektivität ist mithin zu einem Ideal avanciert, mit dem innerhalb sozialer Kontexte gerechnet werden muss ..." (S.1). [2]

GRUNDMANN und BEER gehen nun nicht weiter – wie vielleicht zu erwarten – auf die immer noch höchst kontroverse Debatte ein, ob wir gegenwärtig den Übergang in einen Zweite oder reflexive Moderne erleben, wie dies zuletzt etwa Ulrich BECK und Christoph LAU (2004) konstatiert haben, oder aber schon längst in der Postmoderne angekommen sind. Nein, GRUNDMANN und BEER konzentrieren sich vielmehr auf die Bestimmung des Subjektiven in Bezug auf die zugegebenermaßen zunehmend virulent werdende Konfliktlinie zwischen den Natur- und den Kulturwissenschaften. Charakteristisch für diesen Konflikt ist nach Ansicht von GRUNDMANN und BEER, dass die Naturwissenschaften das "Subjektive mehr oder weniger durch genetische oder stammesgeschichtliche Prädispositionen determiniert" (S.2) sieht. Demgegenüber werde das Subjektive in den Kulturwissenschaften vornehmlich als Kulturwesen verstanden, dem es durch Sozialisation und/oder Erziehung ermöglicht werde, "sich reflexiv und interpretatorisch auf sein eigenes Verhalten zu beziehen" (S.2). Dieser kulturwissenschaftlichen Tradition rechnen GRUNDMANN und BEER nun die Soziologie zu und machen darauf aufmerksam, dass allerdings erst Jürgen HABERMAS (1981) mit seiner "Wiederentdeckung" von George Herbert MEAD (1934) die monologische Tradition der Philosophie einerseits und andererseits die seit Émile DURKHEIM (1893/1902) in der Soziologie vorherrschende Tradition der Subordination des Individuums unter das Gesellschaftliche überwunden hat. Denn für HABERMAS ist das Subjekt Subjekt, insofern es in intersubjektiven Kontexten über sozialisatorische wie auch erzieherische Prozesse erst zum Subjekt wird. [3]

Diesen Erkenntnisfortschritt wollen nun GRUNDMANN und BEER mit ihrer Anthologie ausloten. So formulieren sie als ihr zentrales Anliegen, eine interdisziplinäre Diskussion über das Subjekt anzuregen. Dabei gelte es vor allen Dingen auszuloten, inwiefern Philosophie, Sozialwissenschaften wie auch Neurowissenschaften von den jeweils anderen Positionen und Perspektiven für den jeweils eigenen Zugriff auf das Subjekt lernen können. [4]

Dass gerade diese wissenschaftlichen Disziplinen Vieles von einander profitieren können, erläutern GRUNDMANN und BEER recht einsichtig, anhand neuester neurowissenschaftlicher Forschungsbefunde. Festgestellt worden sei nämlich, dass "der Mensch zu einem großen Teil durch sein neuronales Netzwerk gesteuert wird, dass zudem operativ geschlossen arbeitet" (S.3). Mit Blick darauf könne nicht mehr länger davon ausgegangen werden, dass das Subjekt unmittelbare Erfahrungen machen könne, die es dann bewusst verarbeitete. Zudem dürfte in dieser Perspektive auch nicht länger das Modell eines rational kalkulierenden Akteurs in der Soziologie privilegiert werden. Beide Perspektiven auf das Subjekt hat natürlich zuvor – wie GRUNDMANN und BEER richtig anmerken – Niklas LUHMANN (1984) schon herausgefordert. Stellte er doch bereits früh die klassische erkenntnistheoretische Leitunterscheidung Subjekt/Objekt auf die Unterscheidung System/Umwelt um. Im Rückgriff auf das Konzept der Autopoiesis führte er so eine Vorstellung vom Subjekt ein, die zwar die Nichthintergehbarkeit subjektiver Erkenntnisleistung konzediert, jedoch ihre transzendentalphilosophische Rückbindung vehement ablehnt. [5]

2. Bestimmungen des Subjektiven

Ausgehend von diesen Überlegungen werden in dem Sammelband handlungstheoretische – GRUNDMANN und BEER sprechen hier interessanterweise von "genuin soziologisch" (S.4) – philosophische, neurowissenschaftliche sowie systemtheoretische Aspekte einer Subjektbestimmung in insgesamt vier Kapiteln bestehend aus jeweils zwei Beiträgen vorgestellt. [6]

2.1 Sozialwissenschaftliche Subjektkonzeptionen

Im ersten Kapitel rekonstruiert Hermann VEITH in seinem Beitrag "Die Subjektbegriffe der modernen Sozialisationstheorie" zunächst die Transformationen des sozialwissenschaftlichen Subjektverständnisses im 20. Jahrhundert. Diese Rekonstruktion zeigt, auf welche Reproduktions- und Ordnungsprobleme sich moderne Sozialisationstheorien beziehen. Dabei geht VEITH davon aus, dass moderne Sozialisationstheorien als "wissenschaftliche Selbstbeschreibungen des vergesellschafteten Menschen [...] die biographischen Auswirkungen einer in funktional differenzierten Marktgesellschaften zunehmend problematisch gewordenen sozialen Handlungs- und Integrationspraxis" (S.30) reflektieren. Dabei unterscheidet VEITH zwischen "dem disziplinierten Individu-um", dem "reaktiven Lerner", der "integrierten Persönlichkeit" sowie dem "handlungsfähigen Subjekt" und schließlich dem "kompetenten Idealisten" als zentrale Subjektcharaktere. Deutlich wird so, der Klärungsbedarf hinsichtlich der Subjektvorstellungen auch gerade in den Sozial- und Erziehungswissenschaften. [7]

Hubert KNOBLAUCH stellt in seinem Beitrag "Subjekt, Intersubjektivität und persönliche Identität" das Subjektverständnis der "neueren Wissenssoziologie" dar. Danach tritt – so erläutert KNOBLAUCH sehr einleuchtend – an die Stelle eines mehr oder weniger substanzialisierten Subjektsbegriffs ein Begriff des Subjekts oder vielmehr von Identität, der wesentlich Intersubjektivität, Interaktion und Kommunikation voraussetzt und zugleich bestimmt ist durch eine "Triangulation von (vermeintlich) subjektiver Erfahrungsreflexion, soziohistorischem Vergleich und anthropologischen Grundlagen" (S.39). Dabei soll der Begriff der Identität dezidiert auf die gesellschaftlichen Prägungen der Subjektivität verweisen. Es ist bemerkenswert, wie virtuos KNOBLAUCH es versteht, die komplexen intersubjektivistischen und phänomenologischen Basisannahmen der soziologischen Wissenssoziologie deutlich zu machen, die Nähe dieser Annahmen zu postmodernen Überlegungen vom Ende des Subjekts herauszustreichen und schließlich mit Hinweis auf den "halben Konstruktivismus" des Sozialkonstruktivismus – der ja eben anthropologische Rahmenbedingungen anerkennt – mögliche die Anschlussmöglichkeiten zur Neurophysiologie zu benennen. [8]

2.2 Philosophische Überlegungen im Kontext von Erkenntnistheorien

Die schon bei KNOBLAUCH anklingenden Differenzen zwischen philosophischen und soziologischen Subjekttheorien lotet dann Herbert SCHNÄDELBACH in seinem Beitrag über "Subjektivität erkenntnistheoretisch oder: Über das Subjekt der Erkenntnis" aus. Damit läutet er das zweite Kapitel des Sammelbandes ein, das sich mit philosophischen Überlegungen im Kontext von Erkenntnistheorien beschäftigt, die im Gegensatz zu handlungstheoretischen Forschungsansätzen den Primat je individueller Zugänge für das, was Realität genannt wird, postulieren. SCHNÄDELBACH konzentriert sich in seinem aufschlussreichen Beitrag auf eine Diskussion cartesianischer wie kantischer Subjekttheorien, um auf die Relevanz und die Dilemmata erkenntnistheoretischer Subjektbestimmungen hinzuweisen. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass René DESCARTES wie Immanuel KANT als "Subjekt-Objekt-Theoretiker der Erkenntnis [...] in Wahrheit immer nur von der Referenz gesprochen" haben,

"d.h., davon, daß sich beim Erkennen jemand auf etwas bezieht, und sie haben immer übersehen oder verschwiegen, womit sich die Erkennenden auf etwas beziehen – nämlich mit Satzartigem: Vermutungen, Hypothesen, Beschreibungen etc. –, und daß sie sich dabei stets auf etwas als etwas beziehen, d.h. auf Einzelnes in einem immer schon sprachlich und begrifflich erschlossenen Feld" (S.74). [9]

BEER fragt in seinem anschließenden Essay "Das Subjekt zwischen Auflösung und Erfindung" nach der gleichzeitigen Fragilität und Stabilität des Subjekts. Dabei diskutiert BEER zunächst das von den empirischen Sozialwissenschaften operationalisierte Paradigma des Intersubjektivismus und konfrontiert dieses mit einem erkenntniskritischen Subjektbegriff. In Abgrenzung zu intersubjektivistischen Überlegungen plädiert BEER für ein konstruierendes Subjekt. Denn dieses halte es – anders als das transzendentale Subjekt KANTs etwa – selbst in der Hand, "eine eigene Identität auszubilden und ist dabei unabhängig von der Sinneserfahrung einer entsprechenden inneren Instanz" (S.94). Das mögliche Scheitern eines solchen Ausbildungsversuches von Subjektivität macht – so stellt BEER fest – das konstruierenden Subjekt nicht nur zu einem autonomen und selbstverantwortlichen Subjekt, sondern prädestiniert es auch zum durchaus (ge-) wichtigen Gegenstand soziologischer, pädagogischer und psychologischer Forschungsinteressen. [10]

2.3 Neurophysiologische Anstöße für eine Transformierung des Subjektbildes

Im dritten Kapitel geht es schließlich um neurophysiologische Impulse für ein verändertes Subjektbild. Im Mittelpunkt stehen dabei die Konsequenzen des neurobiologischen Befundes selbstreferentieller Aktivitäten neuronaler Netzwerke. Wolf SINGER geht es in seinem Beitrag "Über Bewußtsein und seine Grenzen", bei dem es sich um den Wiederabdruck eines Vortrages aus dem Jahre 2002 handelt, um einen neurobiologischen Bestimmungsversuch von Subjektivität. Dabei führt er eine dritte Position zwischen intersubjektiver und monologischer Position ein. Er erklärt, dass "wir uns als Komponenten eines evolutionären Prozesses sehen sollten, der uns nicht nur hervorgebracht, sondern in den wir immer noch eingebunden sind" (S.116). Dies bedeute aber: Menschen nehmen zwar handelnd Einfluss auf diesen Prozess und befördern ihn (vielleicht) nach Kräften. Jedoch ist dieses Befördern oder gar Mitspielen nicht freiwillig. Zudem scheint der Prozess weder steuerbar noch prognostizierbar. Somit weist für SINGER alles darauf hin, dass "wir unsere Welt nicht unseren Bedürfnissen entsprechend frei strukturieren können. Vielmehr besitzen, so ergänzt SINGER, die von Menschen induzierten Veränderungen ähnliche Statu und Effekte wie evolutionäre Mutationen. Sie erhöhten die Variabilität, hielten den Prozess in Bewegung, steuerten ihn aber gerade nicht. (Deshalb auch plädiert SINGER für eine neue "Kultur der Demut", S.119.) [11]

Diese Position nimmt Christian GLASMEYER auf. In seinem Beitrag "Vom Gehirn zum Subjekt – Synthese oder Synopsis" lotet er zunächst das Potenzial eines interdisziplinären Zugangs der Geistes- und Neurowissenschaften im Hinblick auf den Subjektbegriff aus. Dann diskutiert er ausgehend vom Begriff des Lernens einen neurowissenschaftlichen Beitrag zum Subjektverständnis. Ins Zentrum seiner Reflexionen rückt dabei der Gedanke, dass es sich beim Subjekt "nicht um eine rein metaphysische Konstruktion handelt" (S.131), sondern um eine Entität, die zwar vielleicht emergent, nicht jedoch vollständig von den materiellen Grundlagen losgelöst ist. Insofern vertritt auch GLASMEYER eine ganz ähnliche Position wie schon SINGER. [12]

2.4 Systemtheorie und das Problem der Intersubjektivität

Im vierten und letzten Kapitel des Sammelbandes geht es um das Verhältnis zwischen Systemtheorie und Intersubjektivität. Hier integrieren Tillmann SUTTER und Siegfried J. SCHMIDT neurowissenschaftliche Erkenntnisse mit intersubjektivistischen Überlegungen im Rahmen des systemtheoretischen Paradigmas. Dabei bemüht sich SCHMIDT in seinem Beitrag "Subjekte – Aktanten zwischen kognitiver Autonomie und sozialer Orientierung" um eine Synthese aus Systemtheorie und Lebensweltphänomenologie. Im Mittelpunkt steht hier die Überlegung, dass in einem Prozess orientierten und reflexiven Konstruktivismus der "Übergang vom Subjekt zum Aktanten" (S.152, Herv. im Orig.) vollzogen wird. Dabei werden Aktanten gerade nicht als identische Konstanten, sondern als "Funktionen von eigenen wie von fremden Bezugnahmen modelliert" (S.152). Ihre Identität wird als Prozess verstanden, der wiederum aus Prozessen der Selbst- wie der Fremdattribution resultiert. Damit konzipiert SCHMIDT Aktanten als "Einheit der Differenz von kognitiver Autonomie und sozialer Orientierung, die sich in Handlungen und Kommunikation ver-körpert" (S.152). [13]

Dagegen geht es SUTTER in seinem Beitrag "Systemtheorie und Subjektbildung" darum, das Spannungsverhältnis zwischen Interaktionismus und der Selbstreferenz psychischer Systeme am Beispiel des Verhältnisses Selbstsozialisation vs. Ko-Konstruktion auszuloten. SUTTER versteht es an anhand dieses Beispiels eindringlich zu demonstrieren, dass der interaktionistische Konstruktivismus versucht, subjekt-, handlungs- und systemtheoretische Perspektiven miteinander zu verknüpfen. Den Abschluss seines Beitrages und damit auch des Sammelbandes bilden Überlegungen, wie diese Verknüpfungen in eine Gesellschaftsanalyse einbezogen werden können. Hier plädiert SUTTER gegen einen von ihm beobachteten Trend für die (Re-) Konstruktion eines gemeinsamen Bezugsrahmens für die Sozialisations- und Gesellschaftsanalyse. An dieser Stelle ist SUTTER zweifellos zuzustimmen. Nur dürfte sich dieses Plädoyer als problematisch erweisen, spricht doch zumindest SUTTER der (bisher noch?) von weiten Teilen der Gesellschaftsanalyse vehement abgelehnten Rede von der Auflösung des Subjekt einige Berechtigung zu. Damit aber zielt er präzise auf die wohl aktuell am eifrigsten diskutierte Konfliktlinie auch innerhalb der soziologischen Debatte. [14]

3. Fazit: Wie weiter?

In den einzelnen Kapiteln und zwischen den einzelnen Beiträgen entsteht bei der Lektüre des Sammelbandes ein faszinierender Diskurs zwischen unterschiedlichen Disziplinen, die sich aber allesamt um das Subjekt und seine Bestimmungen kümmern. Dies ist unzweifelhaft ein großes Verdienst der beiden Herausgeber, die es verstanden haben, interessante Forschungspositionen, die ihren Subjektbegriff wiederum von anderen abgrenzen, miteinander ins Gespräch zu bringen. In ihrer Zusammenstellung verdeutlichen die unterschiedlichen Beiträge des Sammelbandes sehr präzise die kontroversen theoretischen Konzeptionen der aktuellen Debatte um den Subjektbegriff. Insofern möchte ich den beiden Herausgebern durchaus Recht geben mit ihrer Einschätzung, dass sich der Sammelband als "Kompendium eignet, aus dem diverse Disziplinen für eine Problematisierung des Subjektbegriffs nachhaltig und disziplinübergreifend schöpfen können" (S.5f). [15]

GRUNDMANN und BEER machen aber nicht nur die Relevanz einer Problematisierung des Subjektbegriffs deutlich. Darüber hinaus geben sie selbst wichtige Anstöße und Impulse für weitergehende Fragen. Sie benennen im Grunde drei Fragen- bzw. Forschungskomplexe: Unmittelbar einsichtig ist natürlich erstens die Frage, inwieweit eine wechselseitige Durchdringung der dargestellten und erläuterten Positionen möglich und nötig sein kann. Über diese synthetisierende Perspektive hinaus stellt sich aber auch zweitens die Frage: Ist es überhaupt noch sinnvoll an traditionelle Subjektvorstellungen im Subjekt-Objekt-Paradigma anzuknüpfen oder ist nicht diese Dichotomie angesichts der Herausforderungen neuerer neurowissenschaftlicher Befunde durch die System-Umwelt-Differenz zu ersetzen? Und schließlich bleibt drittens zu klären, ob und wenn ja inwiefern mit der Verwendung neurowissenschaftlicher Befunde und erkenntnistheoretischer Subjektvorstellungen, die ja die Systemtheorie zu integrieren sucht, neue Einsichten in gesellschaftliche bzw. soziale Verhältnisse und ihre Gestaltungen zu erwarten sind. [16]

Dies sind zweifelsohne richtige und wichtige Fragen. Mir scheint allerdings eine Frageperspektive nicht recht angesprochen: nämlich die Frage danach, inwiefern auch die neueren und neueste Einsichten zur Konzeption vom Subjekt, die in diesem Sammelband erläutert und zum Teil entwickelt werden, nicht auch wiederum zu historisieren und zu kontextualisieren sind. An dieser Stelle – so denke ich – machte es Sinn das von Michel FOUCAULT im Rekurs auf Martin HEIDEGGERs (1927) "Sein und Zeit" formulierte Projekt einer "Kritischen Ontologie der Gegenwart" fruchtbar zu machen. Hier nämlich fragt FOUCAULT nach dem (Trans-) Formierungsgeschehen moderner Subjektivierungsweisen, d.h. die Art und Weise, in der Menschen sich selbst und andere wahrnehmen, erleben und klassifizieren. Dabei zeichnet er recht eindringlich die "Ent-Deckung" des traditionellen Subjektbegriffs mit seiner Subjekt-Objekt-Dichotomie nach und behauptet – im Übrigen in Radikalisierung des Ansatzes von Theodor W. ADORNOs und Max HORHEIMERs "Dialekt der Aufklärung (1947) – eine unhintergehbare Historizität und Kontextualität moderner Subjektivierungsweisen (vgl. dazu auch BÜHRMANN 2005). [17]

Dies ist allerdings kein ganz unwichtiger Forschungsbefund. Berührt er doch nicht zuletzt auch das Problem des Verstehens. Zu klären bleibt nämlich, wie angesichts dieser zu beobachtenden Auflösungsprozesse in Hinblick auf die Bestimmungen aber auch die Manifestationen des Subjektiven die konkreten Handlungen der Individuen entsprechend ihres subjektiv gemeinten Sinns deutend erklärt werden können. Aber vielleicht ist eine differenzierte Erforschung dieser Fragen die Aufgabe anderer Untersuchungen. [18]

Literatur

Beck, Ulrich & Lau, Christoph (Hrsg.) (2004). Entgrenzung und Entscheidung: Was ist neu an der Theorie reflexiver Modernisierung? Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Bührmann, Andrea D. (2005). The Emerging of the Entrepreneurial Self and it's Contemporary Hegemonic Status: Some Fundamental Observations for an Analysis of the (Trans-) Formational Process of Modern Forms of Subjectivation, [49 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 6(1), Art. 16. Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-05/05-1-16-d.htm [Zugriff: 26.08.05].

Durkheim, Émile (1893/1902). De la division du travail social. Paris: F. Alcan.

Habermas, Jürgen (1981). Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 1 und 2. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Heidegger, Martin (1927[1963]). Sein und Zeit. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.

Horkheimer, Max & Adorno, Theodor W. (1947). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Amsterdam: Querido.

Luhmann, Niklas (1984). Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Mead, George Herbert (1934). Mind, Self and Society. From the Standpoint of a Social Behaviorist. Chicago: University of Chicago Press.

Zur Autorin

Andrea Dorothea BÜHRMANN, geb. 1961, PD Dr. phil., Privatdozentin an der Universität Münster und z.Zt. Vertretungsprofessorin an der Universität Dortmund und Gastprofessorin an der Universität Salzburg. Derzeitige Forschungsschwerpunkte: Methoden der empirischen Forschung, insbesondere Diskurs- und Dispositivanalysen, Frauen- und Geschlechterforschung, Gesellschafts- und Wissenschaftstheorie. Andrea BÜHRMANN hat in zurückliegenden Ausgaben von FQS Besprechungen geschrieben zu: Das Experteninterview. Theorie, Methode, Anwendung (BOGNER, LITTIG & MENZ 2002) und Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse (GLÄSER & LAUDEL 2004).

Kontakt:

Vertr. Prof. Dr. Andrea D. Bührmann

Institut für Soziologie (FB12)
Universität Dortmund
Emil-Figge-Str. 50
D-44227 Dortmund

Tel. 030 / 755 – 6268

E-Mail: abuehrmann@fb12.uni-dortmund.de

Zitation

Bührmann, Andrea D. (2005). Rezension: Matthias Grundmann & Raphael Beer (Hrsg.) (2004). Subjekttheorien interdisziplinär. Diskussionsbeiträge aus Sozialwissenschaften, Philosophie und Neurowissenschaften [18 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 7(1), Art. 2, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs060120.



Copyright (c) 2006 Andrea D. Bührmann

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