Volume 3, No. 3, Art. 9 – September 2002

Subjektivität und Reflexivität: Eine Einleitung

Franz Breuer, Katja Mruck & Wolff-Michael Roth

Der charakteristische Eindruck, den Wissenschaft zu erzeugen versucht, ist der der Objektivität ihrer Erkenntnisprodukte. Wissenschaftliche Erkenntnisresultate sind – dem Anspruch nach – unabhängig vom "Erkenntnis-Subjekt", von der Person des Wissenschaftlers oder der Wissenschaftlerin, die diese Ergebnisse hervorgebracht hat. Die Objektivitäts-Charakteristik – so die verbreitete Standard-Auffassung – unterscheidet wissenschaftliche Erkenntnis von anderen Hervorbringungen des menschlichen Geistes und Intellekts. Diese Auffassung wird einerseits erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch zu rechtfertigen versucht, andererseits werden in wissenschaftlichen Praktiken bestimmte Inszenierungen vorgenommen, die diesen Eindruck stützen sollen (eine banale Inszenierungs-Technik ist etwa die Vermeidung des "Ich" in wissenschaftlichen Texten). In ihren Arbeits-Praktiken "wissen" hingegen alle einigermaßen erfahrenen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen um die Person- bzw. Subjekt-Einflüsse auf ihre Erkenntnisarbeit und -resultate. "Offiziell" bzw. "nach außen"/in Veröffentlichungen werden solche Einflüsse hingegen typischerweise verleugnet oder vertuscht – sie werden als "Makel" behandelt, vor dem man sich zu hüten hat. [1]

In wissenschaftshistorischen, -soziologischen und -ethnographischen Untersuchungen wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder aufgezeigt, welche Bedeutung subjektseitige Einflüsse für wissenschaftliche Erkenntnisarbeit besitzen (Forschungsgruppen, Arbeitsweisen im Labor, Personcharakteristika des Wissenschaftlers bzw. der Wissenschaftlerin etc.). Weithin besteht jedoch noch immer die Neigung, solche Beobachtungen und Feststellungen abzuwehren – jedenfalls nicht, sie als unumgänglichen und integralen Bestandteil der Erkenntnisarbeit von Wissenschaft zu thematisieren und zu reflektieren. Bei dieser Fiktions-Wahrung spielt der Einsatz von "standardisierter Methodik" eine zentrale Rolle: Datengewinnung und -auswertung werden durch "Verfahren" (idealerweise in Gestalt von technischen Apparaturen) bewerkstelligt; auf diese Weise soll das erkenntnisproduzierende Subjekt als "Störfaktor" im "Idealfall" ausgeschaltet werden. [2]

Ein Merkmal qualitativer Sozialwissenschaft ist es (und das macht ihre schwache Reputation im Kontext mancher sozialwissenschaftlich-disziplinärer "Gemeinschaften" aus), dass die Standardisierung der Erhebungs- und Auswertungsmethodik weniger ausgeprägt ist, als dies in der sog. "quantitativen" Sozialforschung der Fall ist. Im qualitativ-sozialwissenschaftlichen Arbeiten wird in stärkerer Weise deutlich, welche Rolle das Erkenntnissubjekt spielt: Interaktionshaftigkeit und Interpretationshaftigkeit des Erkenntnisprozesses werden hier (in Kontexten von Feldforschung, intensiven Interviewgesprächen und ähnlichen "Nah-Methoden") in geradezu existentieller Weise deutlich und erlebbar. Von daher – so scheint uns – sind qualitative Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler eher geneigt, sich dieser Problematik zu stellen und sich (selbst-) reflexiv mit ihr auseinanderzusetzen. [3]

Dies sind einige der Ausgangsgedanken, die uns dazu bewogen haben, den vorliegenden FQS-Band zu planen und zu initiieren. Wir wollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Disziplinen dazu bewegen, ihre Erfahrungen, Gedanken und mögliche Lösungen zu dieser Thematik zu berichten. Dabei ging es uns vor allem auch darum, diese Problematik nicht in "defensiver" Weise zu behandeln – wie es häufig geschieht, um die konventionelle Objektivitäts-Fiktion aufrechtzuerhalten. Vielmehr wollten wir die – in unseren Augen zwangsläufige und unabweisbare – Subjektivitäts-Charakteristik jeder menschlichen Erkenntnistätigkeit und ihrer Resultate in einer offensiven und produktiven Weise behandelt wissen: Wie tritt diese Charakteristik in Erscheinung, welche Auswirkungen hat sie auf den Forschungsprozess, wie kann im Sinne eines produktiven Erkenntnisfensters damit umgegangen werden? [4]

Der Aufruf zur Mitarbeit an diesem Band, den wir einerseits gezielt an Kolleginnen und Kollegen gegeben haben, deren einschlägiges Interesse wir kannten, zum anderen in unterschiedlichen Kontexten (v.a. sozialwissenschaftlichen Mailinglisten) platziert haben, hatte folgenden Wortlaut (hier einige Ausschnitte):

"Wir planen als Herausgeber für Herbst 2002 eine FQS-Schwerpunktausgabe zu dem Thema 'Subjektivität und Selbstreflexivität im qualitativen Forschungsprozess'. Der Band soll sich u.a. den folgenden Problembereichen widmen:

  • Sozialwissenschaftliche Forschung als Konstruktion von Subjekten

  • Subjektivität des (qualitativ-) sozialwissenschaftlichen Forschungs-/Erkenntnisprozesses

  • Epistemologische Subjektivität: Selbstreflexivität des Erkenntnissubjekts als produktiver Zugang in den Sozial-, Human-, Kulturwissenschaften.

Es soll dabei von der Tatsache der Abhängigkeit des Erkenntnisprozesses und -produkts von den Charakteristika des erkennenden Subjekts – seiner biologischen, psychischen, sozialen, kulturellen, historischen etc. Erkenntnisvoraussetzungen, -bedingungen –, der 'Subjekthaftigkeit' jeder menschlichen – so auch der sozial-/wissenschaftlichen – Erkenntnis ausgegangen werden. Diese könnte in den Beiträgen in unterschiedlichen wissenschaftlichen Sphären, Disziplinen, Projekten, Kontexten, in unterschiedlichen Phasen des Forschungsprozesses, in unterschiedlichen Formen wissenschaftlicher Produkte u.ä. aufgezeigt, konkretisiert, erläutert, analysiert werden.

Gern würden wir den Band auch in einer Weise akzentuieren, diese (unabweisbare) Subjekthaftigkeit nicht (defensiv) als einen epistemologischen Defizit- bzw. Mangelzustand zu charakterisieren, der – in der methodologischen Konsequenz – zu minimieren, zu eliminieren ist.

Vielmehr möchten wir gern (offensiv) die epistemologischen, methodischen, pragmatischen Herausforderungen und Potenzen, die mit dieser Erkenntnis-Charakteristik verbunden sind, herausstellen bzw. ausloten – etwa mit einer Zielrichtung: Welche (methodischen, praktischen etc.) Möglichkeiten, Wege, Sinnhaftigkeiten ergeben sich auf dem Hintergrund einer solchen Subjekthaftigkeits-Prämisse?" [5]

Die Resonanz auf diesen Aufruf war überwältigend: Wir erhielten mehr als 120 Vorschläge (Abstracts, Ideenskizzen u.ä.) von (überwiegend "jungen") Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen und einen Beitrag schreiben wollten. Das lässt vermuten, dass es sich hier in der Tat um ein drängendes und herausforderndes Problem (qualitativ-) sozialwissenschaftlicher Forschung handelt. [6]

Um dieser Angebots-Fülle gerecht werden zu können, haben wir uns zum einen entschlossen, dem Thema "Subjektivität und Reflexivität im sozialwissenschaftlichen Forschungsprozess" zwei FQS-Schwerpunktausgaben zu widmen (nämlich den vorliegenden Band 3/2002 sowie einen späteren 2/2003, der im Mai des nächsten Jahres veröffentlicht wird). Zum anderen musste natürlich eine Auswahl und Reduktion der eingereichten Beitragsvorschläge vorgenommen werden (was auf der Basis von Abstracts bzw. Ideenskizzen nicht immer ganz einfach war). Im Prozess der Textproduktion und unserer Arbeit mit den Autorinnen und Autoren ergaben sich dann weitere Beitrags-Reduktionen, so dass insgesamt zwei überschaubare FQS-Schwerpunktausgaben herausgekommen sind. [7]

Wir haben die Beiträge – über die beiden Bände hinweg – in eine inhaltliche Reihenfolge gebracht, die sich in folgende drei Hauptbereiche gliedert:

  • Grundlagenüberlegungen und theoretische Rahmungen zum Thema Subjektivität und Reflexivität

  • Die Bedeutung von Subjektivität und Reflexivität im Forschungsprozess (standpunktgebundene Forschungsperspektive, Interaktionshaftigkeit des Forschungsprozesses, Bedeutung der Personcharakteristika des Forschers bzw. der Forscherin, Reflexivität als Forschungsstrategie, die Konstruktion des Anderen als Objekt im Forschungsprozess, Macht und Hierarchie im Forschungsprozess etc.)

  • Werkzeuge und Mittel der Aufdeckung und Reflexion der Subjekthaftigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisproduktion, Möglichkeiten ihrer produktiven Nutzung [8]

Die Beiträge des vorliegenden (Halb-) Bandes gehören zu den Abschnitten (1) und (2), die Beiträge des zweiten (Halb-) Bandes werden sich den unter (2) und (3) umrissenen Themen widmen. [9]

Als Herausgeber werden wir nach Vorliegen der Beiträge beider (Halb-) Bände zum Thema "Subjektivität und Reflexivität" – am Ende des zweiten Bandes – ein Resümee der Diskussion zu dieser Problematik, soweit sie sich in den Beiträgen und deren Zustandekommen widerspiegelt, geben. Unsere Leser und Leserinnen sind herzlich eingeladen, auch die bereits in dieser Schwerpunktausgabe veröffentlichten Beiträge (kritisch) zu kommentieren und an einer Diskussion teilzuhaben, die für die (qualitative) Sozialwissenschaft – dies legt auch die Menge der Rückmeldungen auf unser Call for Papers nahe – nötig und überfällig zu sein scheint. [10]

Franz BREUER, Katja MRUCK, Wolff-Michael ROTH

Zitation

Breuer, Franz; Mruck, Katja & Roth, Wolff-Michael (2002). Subjektivität und Reflexivität: Eine Einleitung [10 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 3(3), Art. 9, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs020393.



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