Volume 7, No. 1, Art. 10 – Januar 2006

Rezension:

Thomas Link

Christine Feil, Regina Decker & Christoph Gieger (2004). Wie entdecken Kinder das Internet? Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 256 Seiten, ISBN 3-8100-4227-7, EUR 22,90

Zusammenfassung: Das vorliegende Buch geht der Frage nach, wie und wann Kinder das Internet benutzen, welche Suchstrategien sie dabei verwenden und mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben. Dazu wurden zum einen Leitfadeninterviews mit Eltern und Erzieherinnen durchgeführt. Es wurden zum anderen die Kinder in einer Art Laborsituation beim Surfen im Internet beobachtet. Darüber hinaus beinhaltet der Band eine umfassende Darstellung des deutschsprachigen "Kinderweb" sowie der Kinder- und Jugendschutzproblematik. Der Band ist an jenen Stellen besonders interessant (vielleicht weil einer allgemeinen Erwartungshaltung widersprechend), an denen aufgezeigt wird, wie wenig (mit Ausnahme von kommerziellen Angeboten) das heutige Internet insbesondere jüngeren Kindern bietet. Als explorative Studie konzipiert bietet der Band einen guten Überblick über das "Kinderweb" sowie Einblicke in mögliche kindliche Umgangsformen mit dem Internet, wobei es der Darstellung aber an theoretischer Tiefe fehlt.

Keywords: Internet, Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), Neue Medien, Kinder, Kinder- und Jugendschutz, Beobachtung, Interview

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Der altersspezifische Umgang mit den Neuen Medien

2. Wie entdecken Kinder das Internet

2.1 Kinder online: Nutzungsdaten, Webangebote, Entwicklungstrends

2.2 Die Studie

2.2.1 Leitfadeninterviews

2.2.2 Beobachtungen

3. Fazit: Warum entdecken Kinder das Internet?

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung: Der altersspezifische Umgang mit den Neuen Medien

Das Alter ist einer der wichtigsten Bestimmungsfaktoren für computerbezogene Einstellungen bzw. die Verwendungshäufigkeit von Computertechnik. Das lässt sich etwa daran ablesen, dass mit zunehmendem Alter der Anteil der Computernutzer sinkt (Statistik Austria 2004). [1]

Dieser Unterschied im Zugang zur Computertechnik bzw. dem Internet findet sich auch in der Art des technikbezogenen Sprechens wieder. So stellt Burkhard SCHÄFFER (2001, S.46f) fest, dass ältere Personen unter Hinweis auf Jugendliche eine gewisse Scheu vor der Computertechnik zeigten. SCHÄFFER illustriert dies am Beispiel eines Großvaters, der sich bei der Beschreibung der eigenen Computerinteraktion auf haptische Aspekte konzentrierte (z.B. "Taste drücken"), während er die Handlungen seines Enkels auf computerimmanente Weise (z.B. "Computer starten") darstellte. SCHÄFFER spricht in diesem Zusammenhang von einer generationsspezifischen Einbindung in die Welt medientechnischer Dinge. In seiner Darstellung beträfe dieser altersspezifische Unterschied somit nicht nur computerrelevante Kompetenzen (Computer Literacy), sondern die gesamte Weise, wie Personen sich zur Computertechnik in Beziehung setzen. [2]

Am anderen Ende des Altersspektrums, bei Kindern, ist zu beachten, dass sie aufgrund ihres Entwicklungsstadiums oft nicht über die kognitiven Fähigkeiten verfügen, um Computermetaphern richtig zu dekodieren. So können ihnen einfache Floskeln wie etwa "Fenster schließen" oder "Computerabsturz" Verständnisschwierigkeiten bereiten (GLAZNIEKS 2004). Diese teilweise durch ihr Entwicklungsstadium bedingten Schwierigkeiten stehen einer zunehmenden Bedeutung von Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik im kindlichen Alltag gegenüber. So betragen gemäß der KidsVerbraucherAnalyse 2005 (Egmont Epha Verlag 2005) in Deutschland die jährlichen Handykosten von Kindern durchschnittlich 138 Euro. Im Vergleich dazu: für Spielwaren wenden Eltern durchschnittlich 164 Euro auf. [3]

Die gesellschaftspolitische Bedeutung des Themas "Kinder und Neue Medien" lässt sich an der Vielzahl von Projekten (etwa das European Centre for Media Literacy, ECML) und Konferenzen (z.B. http://www.kinderundmedien.at/) ablesen, die sich mit diesem Themenkomplex beschäftigen, wobei viele dieser Initiativen aus dem Bemühen erwachsen, die schulische Ausbildung besser mit Informations- und Kommunikationstechnologien zu unterstützen, sei es in Form von Lehrmaterialien, sei es in Form von E-Learning-Angeboten. Als Beispiel seien hier zwei österreichische, schulbezogene Webseiten genannt, die über eine Sammlung internationaler URLs verfügen: http://www.virtuelleschule.at/ und http://www.schule.at/. Als europäisches Projekt könnte man CELEBRATE anführen. Ein anderer Aspekt, der in diesem Zusammenhang oft genannt wird, ist der Kinder- und Jugendschutz im Internet (siehe hierzu etwa http://www.saferinternet.at/), wobei oft die Medienkompetenz bzw. Kritikfähigkeit der Nutzer und Nutzerinnen als Gegenentwurf zu Reglementierungsversuchen ins Spiel gebracht wird (beispielsweise von HEINS & CHO 2003). Allgemein erklärt sich das Interesse an der Medien- bzw. Informationskompetenz von Kindern und Jugendlichen auch aus der Annahme, dass die effiziente Informationssuche bzw. allgemein der Umgang mit dem Computer im zukünftigen Arbeitsmarkt eine wesentliche Anforderung an die Arbeitsnehmer sein wird, was Thema europäischer eSkills-Initiativen ist (etwa http://eskills.cedefop.eu.int/). [4]

2. Wie entdecken Kinder das Internet

Das vorliegende Buch dokumentiert die Ergebnisse des vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten und am Deutschen Jugendinstitut (DJI) durchgeführten Forschungsprojekts "Wie entdecken Kinder das Internet? Beobachtungen bei 5- bis 12-jährigen Kindern". Die Autoren – Christine FEIL, Regina DECKER und Christoph GIEGER – gehen darin den Fragen nach, wie sich Kinder im Netz bewegen und orientieren, wie sie die virtuellen Inhalte rezipieren, welche Strategien sie entwickeln, um mit den Anforderungen des Internetgebrauchs zurechtzukommen, und in welchen Situationen sie begleitende Hilfe benötigen. Das Internetverhalten der Kinder sehen sie mit verschiedenen Ansprüchen seitens der Erwachsenen konfrontiert: In welchem Maß sollen sich Kinder mit dem Internet beschäftigen dürfen? Wie kann ein sinnvoller Umgang mit dem Internet und die Entwicklung der in der Zukunft nötigen Medienkompetenzen gefördert werden? Dies sei vor dem Hintergrund der Annahme zu verstehen, dass Informationssuche, informelles Lernen und die Entwicklung von Kompetenzen als Voraussetzungen für eine "gelingende Zukunft der Kinder in einer globalisierten Welt" gelten. Des Weiteren wird der Kinder- und Jugendschutzproblematik Beachtung geschenkt. [5]

2.1 Kinder online: Nutzungsdaten, Webangebote, Entwicklungstrends

Im ersten, 63 Seiten starken Kapitel wird das Thema "Kinder im Internet" unter unterschiedlichen Gesichtspunkten erörtert. Die bisherigen empirischen Forschungen zum Thema seien – so die Analyse der Autoren – überwiegend Studien der Markt- und Medienforschung wie beispielsweise die bereits erwähnte KidsVerbraucherAnalyse zur Erhebung von Medienplanungsdaten bzw. zur Zielgruppenforschung. Diese Studien konzentrierten sich entweder auf Jugendliche oder böten keine verlässliche Grundlage für eine pädagogische Medienarbeit mit Kindern. [6]

Das DJI stellt hierzu eine annotierte Literaturliste zum Thema Kinder im Internet zur Verfügung. Eine ähnliche, zuletzt 2001 aktualisierte Liste wird von Tobias GEHLE unter http://www.netz-kids.de/ bereitgestellt, wo auch der Text seiner Onlinestudie nachzulesen ist. Tobias GEHLE und Christine FEIL waren beide am Projekt Cyberkids – Literaturreport: Kinder und Internet beteiligt. Das zuvor erwähnte ECML bietet ebenfalls eine Liste thematisch relevanter Publikationen bzw. Online-Ressourcen an. [7]

Die einleitende Übersicht über empirische Studien zum Thema reicht bis zum Jahr 2003. Das ist insofern von Bedeutung, als beispielsweise in einer der zitierten Studien ein größerer Anstieg der Haushalte mit Internetanschluss von 2002 auf 2003 konstatiert wurde (EIMEREN, GERHARD & FREES 2003); dieselben Autoren stellten aber schon 2004 die Frage, ob der Markt nun erschöpft sei (EIMEREN, GERHARD & FREES 2004). Diese Rundschau ist in manchen Punkten sehr detailliert, sodass störend wirkt, dass die Zahlenwerte über den Fließtext verstreut sind und möglicherweise zu selten in Tabellen zusammengefasst werden. [8]

Nach dieser Zusammenfassung bestehender Studienergebnisse analysieren die Autoren und Autorinnen das "Kinderweb". Dazu wird am DJI eine umfangreiche Datenbank relevanter Internetseiten betrieben. Eine solche internetbasierte Datenbank ist auch nötig, da manche der im Buch abgedruckten URLs auf inzwischen inexistente Seiten verweisen oder auf allgemeine Seiten umgeleitet werden. [9]

Nachdrücklich widmen sich die Autoren und Autorinnen der Ökonomie des Kinderweb und damit den Geschäftsmodellen kommerzieller Firmen. Sie weisen auf rezente Entwicklungen wie etwa die Content-Syndication (d.h. die Übernahme und nahtlose Einbettung von Inhalten von Dritt-Anbietern) hin, die es erschwerten, die Urheberschaft und die Absicht eines Inhaltsangebots zu erfassen. Durch die interne Verlinkung "befreundeter" Webseiten würden die Kinder an ein Angebot gebunden, wobei Kinder oft nicht über die nötige Erfahrung verfügten, um mit Suchmaschinen selbstständig nach für sie interessanten Inhalten zu suchen. Die Autoren und Autorinnen legen dar, wie redaktionelle Beiträge und Werbung oft zu einer Einheit verschmelzen. Da für Kinder der Spielspaß im Vordergrund stehe, mache es für sie wenig Unterschied, ob ein Spiel ein Werbespiel ist oder nicht. Wichtig erscheint hier der Hinweis, dass dieser Bereich der Onlinewerbung im Kinderweb schlechter reguliert sei als "traditionelle" Medien. Dieser Punkt sei insofern prekär, als manche Webseiten in erster Linie Werbeseiten seien. [10]

Interessant erscheinen auch die Bemerkungen der Autoren und Autorinnen zum Thema Datenschutz. Damit ist einerseits der Datensammeleifer mancher Seitenbetreiber angesprochen und andererseits auf den Umstand hingewiesen, dass es Kindern Schwierigkeiten bereitet, im Internet unter einem Pseudonym aufzutreten. In ihrem Alter stehe die Frage der Selbstbestimmung im Vordergrund, sie seien daher zu jung für einen spielerischen Umgang mit ihrer Identität. [11]

Als dritter Punkt wird die Frage der Medienkompetenz diskutiert. Schon aufgrund seiner nicht-linearen Struktur würden das Internet bzw. Hypertexte die Kinder vor große Schwierigkeiten stellen, da sie nicht über das nötige Abstraktionsvermögen verfügten, um sich die Struktur des Internets unabhängig vom rezipierten Inhalt vorstellen zu können. Den Kindern fehlten die Kategoriensysteme und das systematische Denken, um Zusammenhänge herstellen zu können. Konkret zeige sich das beim Umgang mit Suchmaschinen. Das Internet überfordere die Kinder insofern, als seine Nutzung spezielle Interessen voraussetze, während sich die Kinder in einer Lebensphase befänden, in der sie diese Interessen erst ausbilden würden. [12]

2.2 Die Studie

Im zweiten Kapitel wird das Untersuchungsdesign und werden die Eckdaten der empirischen Studie präsentiert. Als Untersuchungsziel definieren die Autoren und Autorinnen die Frage, wie 5- bis 12-Jährige mit dem Internet umgehen, damit eingeschlossen: Nutzungsroutinen, Nutzungsstile, Präferenzen, die Bedeutung des Internet im Alltag, ihr Verständnis vom Internet sowie positive und negative Erfahrungen mit dem Internet. [13]

Die Autoren und Autorinnen verstehen ihre Studie als explorative Untersuchung in einem neuen Forschungsfeld. Der Studie liege "ein mehrstufiges empirisches Verfahren mit unterschiedlichen qualitativen Methoden zu Grunde", was sie als Mehrperspektivenansatz bezeichnen und von der Triangulation abgrenzen. Unter Triangulation verstehen sie dabei ausschließlich Methodentriangulation (im Gegensatz etwa zu DENZIN 1970). Wenngleich die Bezeichnung Methodentriangulation das Studiendesign ebenso gut beschreiben könne, bevorzugen sie den Begriff "Mehrperspektivenansatz" (S.76). Sie begründen ihre Abgrenzung damit, dass der Begriff Mehrperspektivenansatz "das Traditionelle und die Schlichtheit des Vorgehens" betone und seinen Geltungsbereich auf das qualitativ-interpretative Paradigma beschränke – wobei etwa FLICK (1995) auch die Triangulation als rein qualitatives Konzept verstanden wissen möchte. Da die Autoren und Autorinnen diesen Unterschied nicht weiter ausführen, bleibt unklar, welchen Zweck diese Abgrenzung verfolgt, weshalb sie in letzter Konsequenz eher als begriffliche Beliebigkeit denn Schärfe erscheint. Auch werden die Ergebnisse der Leitfadeninterviews und der Beobachtungen nicht systematisch aufeinander bezogen, sondern eher nacheinander referiert. [14]

Die Auswertung der Leitfadeninterviews orientiert sich an der qualitativen Inhaltsanalyse nach MAYRING. Die Darstellung der Beobachtungen verbleibt meist "auf einem deskriptiven Niveau und damit dem interpretativen Paradigma qualitativer Sozialforschung treu" (S.144). Die Gleichsetzung von Beschreibung und Interpretation hat zur Folge, dass sich die Darstellung der Beobachtungen über weite Strecken auf eine Reihe von Detailbefunden zu Problembereichen, Lösungsstrategien und Präferenzen der Kinder beschränkt. Zwar werden die einzelnen Kinder abschließend in Typen zusammengefasst, doch bleiben deren Beschreibungen sehr allgemein. Die Thesen für die pädagogische Medienarbeit machen für Lesende vielleicht zu wenig deutlich, inwiefern sie aus dem empirischen Material abgeleitet sind, wenn man sie auch inhaltlich teilen mag. Beiden Teilen fehlt eine theoretisch gerahmte Verdichtung bzw. Verallgemeinerung. [15]

2.2.1 Leitfadeninterviews

Mittels Leitfadeninterviews wurden Eltern und Erzieherinnen etwa in Horts zu folgenden Themen befragt: Wünsche und Erwartungen an das Internet, der Kontext der Internetnutzung sowie die Bedeutung des Internet im Alltag. Die 33 Druckseiten umfassende Darstellung der Leitfadeninterviews beinhaltet ein Fülle von Detailergebnisse, wovon hier nur ein Beispiel genannt werden soll: die missglückten Bemühungen einer Hortleitung, die Kinder zur Verwendung von internetbasierten Kommunikationstechnologien zu bewegen. Ein diesbezügliches Projekt zwischen Horten scheiterte an der Anonymität des Mediums und daran, dass die Kinder nicht wussten, was sie einander schreiben sollten. In einem anderen Kontext wird ein 11-jähriges Mädchen mit den Worten zitiert: "Ich wüsste nicht, wem ich schreiben soll." Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass der Freundeskreis der Kinder in diesem Alter wohl noch zu eingeschränkt ist, um aus E-Mail oder Foren tatsächlich Nutzen ziehen zu können, weshalb das Interesse daran schnell erlahmt. [16]

Allgemein hinterlässt dieser Abschnitt einen zwiespältigen Eindruck. Auf der einen Seite werden mögliche Aussagen zum Thema angeführt, doch ist nicht immer klar, wie diese zu bewerten sind. Eine Schwierigkeit ergibt sich daraus, dass es sich hierbei um Aussagen der Eltern bzw. Erzieherinnen vor allem über das Internetverhalten der Kinder handelt, dabei aber der Kenntnisstand und die internetbezogenen Einstellungen der Sprechenden weitgehend unberücksichtigt bleiben. So wird einerseits gesagt, dass die Eltern relativ wenig über die Nutzungspräferenzen der Kinder wüssten (S.130) und dass sie bei schweren technischen Schwierigkeiten bisweilen nicht in der Lage seien, den Kindern zu helfen (S.121), aber andererseits werden ihre Einschätzungen und Beurteilungen weitgehend unkommentiert wie Feststellungen aneinandergereiht. Eine Ausnahme bildet die Kinder- und Jugendschutzproblematik: Hier weisen die Autoren und Autorinnen darauf hin, dass vor dem Hintergrund des Nichtwissens der Eltern bemerkenswert sei, dass diese ihren Kindern weitgehend vertrauten und bewahrpädagogische Sichtweisen sowie Schutzmaßnahmen (wie etwa Filtertechnologien) eine nur geringe Rolle spielten – letzteres wohl auch aufgrund der mangelnden technischen Kenntnisse. [17]

2.2.2 Beobachtungen

Der zweite große Teil der empirischen Untersuchung besteht aus einer Beobachtungsstudie. Kinder wurden ins DJI eingeladen und beim Internetsurfen gefilmt. Dabei saßen die Kinder nicht allein vor dem Computer, sondern wurden von Erwachsenen begleitet, weshalb dieser Teil – vielleicht etwas irreführend – als "teilnehmende Beobachtung" bezeichnet wird. [18]

Dazu melden die Autoren und Autorinnen zwei Einschränkungen an: Erstens würde das Rollenverhältnis Forschende-Erforschte von den Kindern systematisch unterlaufen, indem sie die "Beobachter" in die Rolle eines Lehrers versetzten und von ihnen, den Erwachsenen, Hilfestellung bei technischen Fragen einforderten. Die Autoren und Autorinnen erklären dies als normale Internetnutzungsverhalten von Kindern. Zweitens sei die Studie von manchen Kindern, aber auch einigen Eltern und Erzieherinnen als Internetkurs missverstanden worden. Erwähnt wird beispielsweise, dass eine Mutter ihr Kind in Erwartung einer Mutter-Kind-Fortbildung zur Studie angemeldet habe. [19]

Dem wäre als dritte Einschränkung anzufügen, dass die Lektüre des Buches bisweilen den Eindruck vermittelt, dass sich manche Kinder nie von sich aus in dieser Intensität mit dem Internet beschäftigt hätten. Tatsächlich geht aus den Kurzportraits der Kinder hervor, dass manche Kinder kaum Interneterfahrungen haben bzw. kaum Lesen oder Schreiben können und somit bei der Bedienung des Internetbrowsers notwendigerweise auf die Hilfe von Erwachsenen angewiesen sind. Die hier praktizierte Form von "teilnehmender Beobachtung" hat somit nicht die Teilnahme an einer Gemeinschaft und die Aneignung der Sichtweise eines kompetenten Mitglieds derselben zum Ziel. Stattdessen wird hier ein Phänomen (die Internetnutzung der Kinder) untersucht, das zumindest in Einzelfällen vor der Intervention der Forschenden (d.h. außerhalb der Laborsituation) so nicht bestanden hat. Das setzt die Studie in ein schwieriges Spannungsfeld zwischen psychologischem Versuch, pädagogischer Intervention, Interview und eben Beobachtung. [20]

Die aus diesen Sitzungen resultierenden Filmdokumente werden als "natürliche Dokumente" bzw. mit Hinweis auf Ulrich OEVERMANN als unintelligente, semantisch unselektive Aufzeichnungen bezeichnet. Die Autoren und Autorinnen gehen davon aus, dass "keine interpretativ analytischen Vorleistungen durch den Forscher während der Phase der Datenerhebung erbracht" (S.91) worden seien. Diese Bezeichnung des Filmmaterials als "natürliches Dokument" ist insofern unpassend, als die "Beobachter" die Aktionen der Kinder gemäß einem Leitfaden lenkten, ihnen gezielt Aufgaben stellten und ihnen gegebenenfalls halfen. [21]

Die Videoaufzeichnungen wurden einer "Sequenzanalyse" unterzogen, was hier konkret die Erstellung eines sorgfältig strukturierten Transkripts bezeichnet. Die Auswertung selbst konzentrierte sich auf eine "phänomenologische Analyse", womit im Rahmen dieser Studie weniger Analyse (oder Interpretation) denn Beschreibung gemeint ist. Wenngleich die Datenaufbereitung vorbildhaft erscheint, kann man sich zuletzt nicht des Eindrucks erwehren, dass Transkriptions- und Analyseaufwand zu Gunsten der bloßen Datenaufbereitung ungleich verteilt sind. IRION (2002) bemerkt in diesem Zusammenhang, dass durch eine vollständige Transkription von Videoaufzeichnungen deren Informationsreichtum vorzeitig verkürzt werde, was für induktiv orientierte Studien nachteilig sei, und er schlägt vor, in solchen Situationen direkt mit dem Videomaterial zu arbeiten. Da bisweilen zwei "Beobachter" anwesend waren, könnte man mit Hinblick auf den mehrmals behaupteten explorativen Charakter der Studie zudem vermuten, dass die Verwendung von während der Beobachtung angefertigten Notizen und Beobachtungsprotokollen eine effizientere Strukturierung des Videomaterials erlaubt hätte, zumal dem Validitätsproblem geringe Bedeutung beigemessen wird. [22]

Ursprünglich sollten 20 Einzelfallstudien durchgeführt werden. Die Kinder wurden unter anderem mittels Zeitungsannoncen, Vermittlung durch Lehrkräfte und Mitarbeitende in Internetcafés für die Studie gewonnen. Letztendlich beteiligten sich elf Mädchen und sieben Jungen an der Studie, wovon zwei nicht lesen konnten und zwei Leseanfänger waren. Die Kinder werden im Buch kurz portraitiert, wobei sich herausstellt, dass manche der Kinder von anderen Kindern mitgenommen wurden und die Kinder dann offenbar zu zweit am Computer arbeiteten. In einem späteren Abschnitt (S.190f) wird erwähnt, dass ein Kind zwei Freunde mitgebracht habe, die jedoch nicht weiter beschrieben werden. Dass die Kinder nicht immer allein, sondern auch mit Freunden arbeiteten, könnte damit gerechtfertigt werden, dass das ihrer alltäglichen Internetnutzung (Internetsurfen mit und bei Freunden) entspricht. Leider werden die Unterschiede zwischen der Art und Weise, wie ein einzelnes Kind allein, ein auf den erwachsenen Beobachter fixiertes Kind und eine Gruppe von Kindern am Computer arbeiten, nicht eigens thematisiert. [23]

Die Beobachtungen beinhalten wie auch schon die Darstellung der Leitfadeninterviews zahlreiche interessante Details. Ein Beispiel wäre der Hinweis auf die aus der Verwendung von Anglizismen erwachsenden Schwierigkeiten. Dazu zählt etwa das (für Erwachsenenohren) vermeintlich peppige "Kids", wovon sich die Kinder jedoch nicht angesprochen fühlten. [24]

Als allgemeine Kritik an den Beobachtungen ist anzumerken, dass vom Auftreten eines Problems nicht notwendigerweise darauf geschlossen werden kann, dass es kinderspezifisch ist. Es könnte ebenso auf allgemeine Designmängel hinweisen. So wären manche der angeführten Beispiele sicherlich auch bei Erwachsenen zu beobachten, ohne ihnen deshalb mangelnde kognitive Fähigkeiten unterstellen zu wollen. Das ändert natürlich nichts daran, dass die genannten Punkte den Kindern Probleme bereiteten. [25]

3. Fazit: Warum entdecken Kinder das Internet?

Der Titel des Buches "Wie entdecken Kinder das Internet?" und insbesondere der Untertitel "Beobachtungen bei 5- bis 12-Jährigen Kindern" hat zumindest bei mir die Erwartung einer Beobachtungsstudie von Internethandeln in authentischen Kontexten geweckt. Stattdessen wird im Buch behandelt, wie, wo und wann Kinder das Internet nutzen (wozu aber auf andere Studien und die Leitfadeninterviews zurückgegriffen wird) und mit welchen Schwierigkeiten sich Kinder bei der Handhabung der Computertechnik konfrontiert sehen. Zur Beantwortung dieses zweiten Themenkomplexes schufen die Autoren und Autorinnen eine Art Laborsituation, deren Künstlichkeit und insbesondere die Interventionen der "Beobachter" vielleicht zu wenig reflektiert wurden. [26]

Die Studie bietet in jedem Fall eine Fülle von Detailinformationen zu den Schwierigkeiten, mit denen sich Kinder beim Internetsurfen konfrontiert sehen. Des Weiteren beinhaltet der Text eine gute Übersicht über das Kinderweb und informative Diskussionen seiner ökonomischen Grundlagen sowie von kinder- und jugendschutzrechtlicher Schwierigkeiten. Ein wichtiges Ergebnis dieser Studie sind zahlreiche Hinweise auf für Kinder untaugliches Webdesign, wobei diese Ergebnisse insofern interessant sind, weil manche der problematischen Punkte gerade die Kinder- bzw. Jugendorientierung eines Webangebots signalisieren sollen. Beispiele dafür wären die Verwendung kryptischer Bilder und Animationen als Navigationshilfen oder eine vermeintlich jugendliche anglophile Sprache. [27]

Leider werden diese Detailergebnisse nicht in einen theoretischen Rahmen eingebettet, was sich teilweise aus dem Methodenverständnis der Autoren und Autorinnen ergibt. Werden beispielsweise Schwierigkeiten bei der Bedienung mit dem Entwicklungsstadium der Kinder erklärt, erschiene es mir angebracht, diesen Zusammenhang auf einer nicht-deskriptiven Ebene auszuführen. So erfahren wir aus dieser Studie letztendlich nicht sehr viel darüber, warum Kinder vor genau den Problemen stehen, vor denen sie stehen, und warum diese Probleme kinderspezifisch sind. Die diesbezüglichen Bemerkungen bleiben meiner Einschätzung nach auf einem sehr allgemeinen Niveau. Ebenso fehlen Ausführungen darüber, wie sich im Fall Internet die Nutzungsmotive sowie das Rezeptionsverhalten der Kinder von "traditionellen" Medien unterscheiden. Derartige Vergleiche hätten den Anschluss an ältere Debatten bzw. theoretische Positionen etwa zum Fernsehkonsum erlaubt und wären geeignet gewesen, das tatsächlich Neue der IKT herauszuarbeiten. [28]

Ein interessanter Punkt, der zwar angesprochen wird, in letzter Konsequenz aber unbeantwortet bleibt, ist die Frage, warum Kinder, die kaum schreiben können, denn nun eigentlich ins Internet sollen. Dieses Bestreben erwächst aus dem Wissen um die Omnipräsenz der Computertechnik und der aus der Post-Industrialismus-Debatte (BELL 1999[1973]) abgeleiteten These wissensbasierter Gesellschaften, in der Informationen wie Güter gehandelt werden (pointiert: LYOTARD 1986). Deren Hauptthese könnte wie folgt zusammengefasst werden: In einer solchen Gesellschaft sei die Informationskompetenz der Bürger und Bürgerinnen notwendige Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum; Computer Literacy wäre in Zukunft mindestens ebenso wichtig wie herkömmliche Lese- und Schreibfertigkeiten (OECD 1996; VIRKUS 2003). Die Autoren und Autorinnen weisen hier aber richtigerweise auf die Schriftgebundenheit des Internet hin, weshalb die Schreibfertigkeit einer jeden digitalen Kompetenz stets vorgelagert sein muss. Sie scheinen dennoch die These zu akzeptieren, dass eine frühzeitige Auseinandersetzung mit dem Medium notwendigerweise zu einer besseren Informationskompetenz im Erwachsenenalter führe. [29]

Diesem Bestreben, Kinder möglichst frühzeitig den Neuen Medien auszusetzen, steht gegenüber, dass vor allem jüngere Kinder außer dem Besuch kommerzieller Seiten offenbar nicht wirklich wissen, was sie im Internet tun sollen. Da es wohl kaum von und für Kinder gemachte Webseiten gibt – eine Ausnahme wäre etwa die wenngleich englischsprachige und nicht mehr ganz taufrische Seite "Koala Trouble" (BALSON & BALSON 1999; LANKSHEAR & KNOBEL 2002) – und in Ermangelung eines hochwertigen Angebots stellt sich die Frage, warum man sie so frühzeitig zum Internetsurfen motivieren sollte. Man müsste fragen, ob den Kindern tatsächlich ein Nachteil daraus erwachsen könnte, nicht schon frühzeitig mit dem Internet konfrontiert zu werden und ob Kinder, die erst "spät" mit Computern umzugehen lernen, notwendigerweise die weniger kompetenten Computer- und Internetnutzer sein werden. Eine andere Frage ist natürlich, ob eine frühzeitige Computernutzung (ausgenommen vielleicht Computerspiele) nicht als Nebeneffekt verbesserte Lese- und Schreibfähigkeiten zur Folge haben könnte (so etwa CALVERT et. al. 2005, wobei hier aber noch die soziale Herkunft und damit die Wahrscheinlichkeit, dass ein Haushalt mit einem Computer ausgestattet ist, einberechnet werden müsste). [30]

Für wen ist die Studie gedacht? Sozialwissenschaftler, Psychologen und Pädagogen werden in den Detailergebnissen wertvolle Hinweise finden. Die ausführliche Darstellung der technischen Schwierigkeiten und verwendeten Ausstattung sind für jene hilfreich, die selbst eine ähnliche Studie planen – wenn auch mit der Einschränkung, dass die Technik in diesem Bereich einem schnellen Wandel unterworfen ist und man die Videoaufzeichnung heute eventuell direkt mit dem Computer und ohne Umweg über eine eigene Videokamera durchführen würde. Vermissen werden sie eventuell die Bündelung der Ergebnisse in einer theoretisch geleiteten Interpretation. [31]

Erzieher und Erzieherinnen können von der Darstellung der Schwierigkeiten, die Kinder beim Umgang mit dem Internet haben, sowie von der Übersicht über die Struktur des Kinderwebs profitieren. Die genannten Internetseiten und insbesondere die online verfügbare Datenbank bieten für sie sicherlich brauchbare Ansatzpunkte, um in ihrem Kontext hilfreiche Webseiten zu finden. [32]

Zuletzt finden Webseitenbetreiber im Text zahlreiche Hinweise auf Designfehler, die Kindern die Benutzung einer Webseite erschweren. Zu bedenken ist allerdings, dass die vorliegende Arbeit explizit keine Usability-Studie ist, sondern auf das Verhalten der Kinder abzielt, was Konsequenzen für die Art der Darstellung hat. [33]

Literatur

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Zum Autor

Thomas LINK, geb. 1970, Studium der Soziologie, Universitätsassistent an der Besonderen Einrichtung für medizinische Aus- und Weiterbildung der Medizinuniversität Wien. Bisherige Arbeitsschwerpunkte: Soziale Ungleichheit, Gesundheit, politisches Bewusstsein, Computer Literacy, computerbasiertes Lernen, E-Learning. Thomas LINK hat für das FQS bereits Evaluation von E-Learning. Zielrichtungen, methodologische Aspekte, Zukunftsperspektiven (hrsg. von MEISTER, TERGAN & ZENTEL, 2004) rezensiert.

Kontakt:

Thomas Link

Garbergasse 11/38
A 1060 Wien

E-Mail: thomas.link_at_meduniwien.ac.at

Zitation

Link, Thomas (2005). Rezension: Christine Feil, Regina Decker & Christoph Gieger (2004). Wie entdecken Kinder das Internet? [33 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 7(1), Art. 10, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0601103.



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