Volume 3, No. 3, Art. 17 – September 2002

Gast in der eigenen Gegenwart. Über die wissenschaftlichen Folgen der langjährigen Beschäftigung von WissenschaftlerInnen im Zweitland

Iris Rittenhofer

Zusammenfassung: Im Vordergrund dieses Aufsatzes steht das Nachdenken über die Frage, wie meine langjährige Auslandsbeschäftigung und meine wissenschaftliche Tätigkeit zusammenhängen. Zur Beantwortung dieser Frage werden auch ausgewählte Reflexionen emigrierter WissenschaftlerInnen herangezogen, die ich für ein laufendes Forschungsvorhaben interviewt habe.

Erforschtes und Erfahrenes habe ich zunächst als Folge meiner langjährigen Auslandsbeschäftigung erlebt. Ich versuche, anhand zweier abgeschlossener Projekte prozessorientiert darzustellen und zu analysieren, wie Erforschtes und Erfahrenes Hand in Hand gingen und meine Perspektive geändert haben. Das führt zur zentralen Problematik dieses Beitrages: dass nicht nach dem Charakter des Auslandsaufenthaltes und seinen Folgen gefragt werden kann, sondern danach gefragt werden muss, was als Auslandsaufenthalt erzählt wird und damit ursächlich wäre für die Projekte, die dann sozusagen durch den Auslandsaufenthalt entstanden wären. Wenn kulturell bedingte Wahrnehmung jedoch die Grundlage für Erfahrenes bildet, dann ist die entscheidende Frage, was mit dem Auslandsaufenthalt erzählt wird. Diese Denkprozesse haben zu einer geänderten Fragestellung geführt und auch Folgen für ein laufendes Forschungsvorhaben gehabt. Die Gedankenprozesse haben die Entwicklung einer Interview-Methode ermöglicht, die ich mit dem Begriff des cultural interviewing bezeichne und in der zweiten Hälfte dieses Beitrags ausführlich diskutiere. Dem Begriff der "parallelen Kategorie", der in der ersten Hälfte dieses Beitrags entwickelt wird, kommt hierfür eine zentrale Bedeutung zu. Parallele Kategorie bedeutet, dass die Verkörperung derselben Differenzen beispielsweise in der Zeit, in der Vergeschlechtlichung, in der Subjektivierung vor sich gehen kann. In diesem Sinne sind die Kategorien Zeit, Geschlecht, Subjekt im jeweiligen Kontext vergleichbar. In der Darstellung und in der Diskussion dieser Gedankenprozesse versuche ich, Entwicklungen wiederzugeben, die nicht linear verlaufen sind. Aus diesem Grunde ist dieser Beitrag thematisch gegliedert.

Keywords: Geschlecht, Ethnizität, Geschichte, Erfahrenes, Zeit, Emigration, WissenschaftlerIn, Transkript, cultural interviewing, parallele Kategorie

Inhaltsverzeichnis

1. Statt einer Einleitung

1.1 Der Begriff der parallelen Kategorie

2. Die Emigration und die Projekte. Eine Prozessbeschreibung

2.1 Differenz erzählt als Fremdsein und Geschlecht

2.2 Fremdsein und Geschlecht als parallele Kategorien

2.3 Kultur als Geschlecht und Ethnizität

2.4 Erfahren und Erforschen in der Sprache

2.5 Gast in der eigenen Gegenwart

3. Cultural Interviewing und transkribierte Kultur

3.1 Transkripte als Geschichte und Gegenwart

3.2 Inklusion der von einem jeweiligen Außen Kommenden

3.3 Interview auf der Ebene der Bedeutungsträger

3.4 "Man ist immer ein bisschen mehr Gast"

4. Multiples Verstehen und seine Flüchtigkeit: Konklusionen

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Statt einer Einleitung

Ich werde in diesem Abschnitt einen kurzen Überblick über die zentralen Themen meines Beitrags geben, den Begriff der parallelen Kategorie definieren und meine Sprachverwendung erklären, da sie für einige LeserInnen ungewohnt sein mag. [1]

In diesem Beitrag möchte ich die Wege beschreiben, die dazu führten, dass ich eine Selbstverständlichkeit in Frage gestellt habe: nämlich das Verstehen meines langfristigen Auslandsaufenthaltes als Ursache meiner Erfahrung und Forschung. Dieses Verstehen hatte ich zunächst nicht in Frage gestellt. Wenn etwas als Auslandsaufenthalt erzählt wird, bedeutet dies, dass dieses Etwas nicht – oder nicht ausschließlich – mit dem Auslandsaufenthalt identisch ist. Das bedeutet weiter, dass Auslandsaufenthalt hier als Kategorie und als Kategorisierung behandelt wird. Da die Kategorie Auslandsaufenthalt bereits vor meiner Emigration sowie unabhängig von meinem Leben existiert, ist die Frage dann: Was ist es, das ich mit der Kategorie Auslandsaufenthalt identifiziere und kategorisiere? Was ist es, das ich dann als Auslandsaufenthalt beschreiben, erzählen, erfahren, erforschen kann? Frage ich dagegen nach der Kategorisierung, so ergeben sich zwei relevante Fragen: Gibt es Erzählungen meines Lebens, die Parallelen aufweisen zu denen, die ich als Auslandsaufenthalt erzähle? Werden diese Erzählungen von mir auch mit anderen Kategorien erzählt? Um welche Kategorien würde es sich dabei gegebenenfalls handeln? Die Erforschung von Erfahrenem und erfahrene Forschung erweisen sich in diesem Zusammenhang als unlösbar miteinander verwobene Einheiten. So möchte ich zeigen, dass nicht die Auswanderung zu der Veränderung von Bedeutungen führt, sondern dass Bedeutungen verändert werden, wenn ihre Träger1) als Folge einer Auswanderung wahrgenommen werden. Diese durch den Auslandsaufenthalt kategorisierten Bedeutungen können dann als Erlebnisse und Erfahrungen homogenisiert und naturalisiert, erzählt oder auch erforscht werden. [2]

Die Reflexionen, die in diesem Beitrag ausgeführt und analysiert werden sollen, begrenzen sich jedoch auf die Gedanken, die in Worte gefasst werden können, und die durch das Nachdenken über diese Worte angeregt wurden. Die Darstellung dieser Reflexionen und ihrer Analyse kann daher nicht chronologisch sein, sondern muss der Entwicklung des jeweiligen Forschungsprojekts folgen. Das bedeutet hier die Entwicklung der Argumente und der Begriffe, die quer zur chronologischen Abfolge der in diesem Beitrag vorgestellten Forschungsprojekte verläuft: Chronologie bedeutet gemeinhin die Organisierung von Daten und die Analyse von Zusammenhängen auf der Grundlage der Prämisse von der linearen Zeit. Zeit, so argumentiere ich, ist nur eine der vielen Verkörperungen von Differenz. Die in der linearen Zeit verkörperten Dualismen führen zu der Denkweise von einem Aufenthalt im Ausland bzw. Zweitland als Bruch in der Biografie. Diese Denkweise sieht den Bruch auch als Ursprung für das, was als dessen Folge in dem Zweitland geschieht. Daher stünde eine chronologische Darstellung im Widerspruch zu den Entwicklungen und zu den Argumenten, die ich hier zeigen möchte und zu erklären versuche. [3]

Ein weiteres Thema ist die Darstellung und die Analyse der als Auslandsaufenthalt und dann mit Auslandsaufenthalt erzählten Reflexionen zu den Projekten. Dieser Analyse folgt eine übergeordnete Diskussion der Konsequenzen, welche die so erzählten Reflexionen für die Projekte hatten. Abschließend diskutiere ich detailliert das Konzept des cultural interviewing. Die Folgen für meine Forschung will ich auch am Beispiel eines Auszugs aus einem Transkript erläutern, das aus dem cultural interviewing heraus entstanden ist. Dieser Auszug illustriert, dass Gastsein wie auch dessen Bedeutungen in der jeweiligen Gegenwart entstehen und durch die Flüchtigkeit der jeweiligen Gegenwart und der in ihr enthaltenen Positionierungsmöglichkeiten multipliziert werden. Bedeutungsträger wie Geschlecht, Ethnizität und Wissenschaft, die im Mittelpunkt meiner Forschungsinteressen stehen, subjektivieren multiple Positionierungen einer immerzu flüchtigen Gegenwart. Der Auszug illustriert weiter die Parallelität der subjektivierenden Bedeutungsträger oder Kategorien. Abschließend fasse ich kurz zusammen, worin das Verhältnis zwischen meinem Aufenthalt im Zweitland und meiner wissenschaftlichen Tätigkeit besteht. [4]

1.1 Der Begriff der parallelen Kategorie

Der Begriff der parallelen Kategorie ist ein Resultat des aus Erforschtem und Erfahrenem Verwobenen. Es ist ein Ziel dieses Beitrags aufzuzeigen, wie ich diesen Begriff entwickelt habe und wie ich diesen Begriff verstehe. Ein wesentlicher Teil des Beitrags ist um diesen Begriff herum konzentriert. Obwohl die Erklärung der Parallelität der in diesem Beitrag aufgegriffenen Kategorien ein beständig wiederkehrendes Thema ist, möchte ich hier bereits eine kurze Kerndefinition geben. Der Begriff wird auch anhand eines Beispiels veranschaulicht, um den LeserInnen das Verständnis zu erleichtern. Ich folge dabei teilweise der Definition sowie den Beispielen, die ich in RITTENHOFER (2001, S.183) gegeben habe. [5]

Ich möchte den Begriff parallele Kategorie mit der Wahrnehmung von Differenzsystemen erklären und dann anhand eines Beispiels illustrieren. Diese Differenzsysteme werden auf bestimmte Weise wahrgenommen und mit Kategorien identifiziert. Diese Kategorien werden damit auch erst konstituiert, d.h. sie erhalten kontextspezifische Inhalte und Bedeutungen. In der von FOUCAULT inspirierten Diskursanalyse ist diese Wahrnehmung und die darauf folgende Kategorisierung ein Effekt, der kontextspezifisch innerhalb eines diskursiv bestimmten Rahmens erzielt werden kann (MILLS 1997). Parallele Kategorie bedeutet, dass Kategorien vergleichbar sind, wenn sie als Folge der unterschiedlichen Wahrnehmungen und Identifizierungen derselben Differenz konstituiert worden sind. Das gilt auch für die Kategorien, die gemeinhin als völlig unterschiedlich aufgefasst werden, wie zum Beispiel Qualifikation und Qualität oder Publikationsliste und WissenschaftlerIn. Was als eine Kategorie identifiziert und dann als deren Inhalt konstituiert wird, kann folglich nicht einzigartig, d.h. nicht essenziell für eine solche Kategorie sein. Darüber hinaus ist allen Kategorien gemeinsam, dass sie Differenzsysteme verkörpern. Hierin liegt ihre Vergleichbarkeit. [6]

Als Beispiel für eine dieser Differenzen wähle ich hier produktiv/unproduktiv. Als Beispiel möchte ich (hier jedoch nicht näher bestimmte) volkswirtschaftliche Diskurse nennen, welche die diskursiven Rahmen für die dänische Forschungspolitik der Jahre 1970 – 1990 bilden. Hohe Produktivität und die Produktion von Neuem nehmen gegenüber Nullproduktivität und anderen Produkten wissenschaftlicher Tätigkeit einen sehr hohen Stellenwert ein. Die Werte hohe Produktivität und Produktion von etwas Neuem treten in verschiedenen Kategorisierungen auf. Wird hohe Produktivität beispielsweise mit der Kategorie Publikationen sowie mit der Kategorie hochqualifizierte WissenschaftlerIn identifiziert, kann Produktion von etwas Neuem zum entscheidenden Maßstab der Qualität wissenschaftlicher Tätigkeit erhoben werden. Die Menge und nicht die Qualität dieser Produkte wird zum wesentlichsten Kennzeichen der Produktivität einer WissenschaftlerIn. Die Länge der Publikationslisten wird zur entscheidenden Qualifikation. Die qualitativ beste oder die qualifizierteste WissenschaftlerIn ist dann jeweils diejenige, welche die größte Menge an (neuen im Sinne von weiteren) Publikationen hervorgebracht hat. Quantität (der Produkte) wird in diesem Sinne vergleichbar mit und parallel zur Qualität (der WissenschaftlerIn). Qualität und Quantität werden zur Parallelkategorie. Das bedeutet, dass die WissenschaftlerInnen mit der umfangreichsten Publikationsliste als die besten gelten können, und dass eine umfangreiche Produktion kleinerer Beiträge mehr zählen kann als die seltene Herausgabe eines Buches. [7]

Parallele Kategorie bedeutet also, dass dieselbe Positionierungsmöglichkeit (z.B. hohe Produktivität) mit einer Vielfalt von Bedeutungsträgern etikettiert werden kann. Weitere Beispiele für parallele Kategorien sind die der Zeit und der Nation. Ich kann mein Leben zeitlich (Vergangenheit, Gegenwart), aber auch national (eigenes Land, Ausland) erzählen. Wie LATHER und SMITHIES (1997) argumentieren, erzwingen etikettierende bedeutungsgebende Praktiken ein verändertes Verhältnis zu Vergangenheit und Gegenwart. Das Nachdenken darüber, was ich zunächst als Folgen des Auslandsaufenthaltes verstanden hatte, um dann zu erkunden, was ich mit Auslandsaufenthalt begreifbar mache, führt auch zu einer Vervielfältigung dessen, was ich als meine Gegenwart und Vergangenheit erzählen kann. [8]

Die Parallelität von Bedeutungsträgern wie beispielsweise auch Geschlecht oder Ethnizität besteht darin, dass diese letztendlich immer Essenzialisierungen von für die westliche Moderne grundlegenden Dichotomien wie Kultur und Natur, wir und sie, Geist und Körper sind. Auch das versuche ich unten zu zeigen. Bedeutungen und ihre Träger sind ebenso parallel zueinander wie die multiplen Erzählungen der Gegenwart, die durch ihre Vielfalt Flüchtigkeit hervorufen. Gegenwart ist eine Essenzialisierung der jeweils wahrgenommen und in Betracht gezogenen Positionierungs- und Etikettierungsmöglichkeiten. Da auch das, was ich mit Gegenwart identifiziere und als solche konstituiere, was ich als Gegenwart erzähle und welche Bedeutung ich ihr verleihe, heterogen und flüchtig ist, spreche ich im folgenden auch vom jeweils Gegenwärtigen. Eines meiner Anliegen ist es hier zu zeigen, dass auch das, was beispielsweise als geteilte Erfahrung oder als bereits zuvor gemachte Erfahrung erlebt werden kann, eine Wiederholung von Themen ist, die mit Erfahrung identifiziert und in dieser Gestalt verkörpert werden. Wird Wieder-Erkennen als meine Erfahrung etikettiert, dann wird die Wiederholung von Themen (LATHER 1995) subjektiviert und essenzialisiert. Es ist diese parallele Essenzialisierung in der Erfahrung und im Selbst, die es ermöglicht, dass die Gültigkeit einer Erfahrung hergestellt und gegen Infragestellungen geschützt werden kann. [9]

Erforschtes und Erfahrenes gehen Hand in Hand, doch mittlerweile denke ich sie nicht mehr als Folge meiner Auslandsbeschäftigung. Diese Entwicklung möchte ich – auch bedingt durch mein gleichzeitig entstandenes Interesse an poststrukturalistischer Fachliteratur vor allem in der Geschlechterforschung und in der Geschichtswissenschaft – in der Sprache des Poststrukturalismus beschreiben. Eine knappe Einführung in meinen Sprachgebrauch, der als poststrukturalistisch kategorisiert werden kann, mag ebenfalls das Leseverständnis meines Beitrages erleichtern. Mein Interesse an poststrukturalistischen Begriffsbildungen und Argumenten ist durch das Nachdenken über den Auslandsaufenthalt hervorgerufen worden, Poststrukturalismen wurden mir so erst zugänglich. Gelebter Poststrukturalismus ist in diesem Sinne eine Notwendigkeit meiner Alltagswirklichkeiten2). Dieser gelebte Poststrukturalismus kommt darin zum Ausdruck, dass ich Dualismen als solche zu erkennen und in Frage zu stellen sowie an deren Stelle ein vielfältiges Anderes zu setzen versuche. Gelebter Poststrukturalismus kommt auch darin zum Ausdruck, dass ich die Absolutheiten, die scheinbare Exklusivität von Bedeutungen und Inhalten hinterfrage und an ihre Stelle etwas Drittes zu setzen versuche. Gelebter Poststrukturalismus führt zu multiplem Verstandenen. Am Beispiel dieser Formulierung des Verstandenen möchte ich hier kurz meinen Sprachgebrauch erläutern. [10]

Die Begriffe Erfahrung, Forschung und Verstehen sind polarisierte Bedeutungsträger, die Homogenität, Eindeutigkeit, Unveränderlichkeit und Ausschließlichkeit signalisieren, und die scheinbar die Möglichkeit ihrer Akkumulation enthalten. Da sich dieser Beitrag vor allem auch auf die Positioniertheiten, Situiertheiten und Parallelen dieser Begriffe konzentriert, und darauf, viele der auch von WissenschaftlerInnen unhinterfragten Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen, würde meine diesbezügliche Argumentation aufgehoben und meine Darstellung implizit widersprüchlich, wenn ich diese Begriffe beibehielte. Das macht ihre Enthomogenisierung und Entnaturalisierung zwingend notwendig. Um die Flüchtigkeit von Inhaltsbedeutungen und Bedeutungsinhalten festzuhalten, spreche ich im Folgenden nicht von Erfahrung, sondern von Erfahrenem, und entsprechend auch nicht von Wissen, Forschung oder Verständnis, sondern von Gewusstem, Erforschtem und Verstandenem. Dieser Sprachgebrauch soll die Situiertheit und Positioniertheit dieser Begriffe gegenwärtig machen und die Essenzialisierung dessen umgehen, was mit diesen Worten ausgedrückt wird. Diese Begriffe sind prozessuell und bezeichnen Kategorien, die Relationalität, Veränderlichkeit, Vielfalt, Vieldeutigkeit, Positioniertheit und Situiertheit signalisieren. Wie SCOTT (1991) unterstreicht, können Erfahrung und Sprache nicht getrennt werden. Gewusstes, Erforschtes, Erfahrenes wird in Sprache formuliert, geschieht jedoch nicht nur durch das, was sprachlich gemacht und in Worte gefasst werden kann, sondern auch als Sprache. Das hat meine Projekte bedingt, wie es auch durch sie beeinflusst worden ist. [11]

2. Die Emigration und die Projekte. Eine Prozessbeschreibung

1991 bin ich aus der Bundesrepublik Deutschland nach Dänemark gezogen. Ich brachte einen Magistraabschluss in Geschichte, Philosophie und Germanistik mit sowie das, was ich als einjährigen Studienaufenthalt in den USA (1987 – 1988) zu erzählen pflegte. Im Rahmen eines einjährigen Aufbaustudiums in Geschlechterforschung an der Universität Aarhus begann ich, die dänische Sprache zu erlernen. 1994 begann dann das, was im selektiven (Rück-) Blick als wissenschaftliche Karriere erzählt werden kann. Selektiv, da die Gliederung und zusammenfassende Kategorisierung von Teilen dessen, was ich in Dänemark getan, erlebt, gelebt, erfahren habe, in dieser Kategorisierung homogenisiert, im Begriff der Karriere verkörpert wird, und so in der Gegenwart Bedeutungen wie beispielsweise die des Erfolgs erhalten kann. [12]

Kategorien sind als Bedeutungsträger bestimmend dafür, wie wir die Welt verstehen (BELSEY 2001, S.302). Bedeutungsträger wie meine Auslandsbeschäftigung sind bestimmend dafür, wie ich Dänemark und Deutschland, meine Vergangenheit und meine Gegenwart etc. erzählen kann. Das gilt auch für das als "Selbst" bezeichnete und so homogenisierte und naturalisierte Verstandene, das keine gegebene, eindeutige und unveränderliche Größe ist. Es ist nicht der langjährige Auslandsaufenthalt an sich, durch den Erweiterungen und Präzisierungen meines Blickes für vielfältige Bedeutungsmöglichkeiten eröffnet wurden. Es ist das Nachdenken, das in Begriffen wie Auslandsaufenthalt ausgedrückt wird, das Nachdenken darüber, was ich als Auslandsaufenthalt erfahren und verstanden habe, das zum Erkennen der Diversität von immer auch positioniert und situiert Verstandenem führt. [13]

Die Positionierung in der Emigration, verstanden als eine Bewegung in ein Anderes, und im Auslandsaufenthalt, verstanden als ein Aufenthalt im Anderen, führte zunächst dazu, dass ich auch bereits Gekanntes und Bekanntes mit Auslandsaufenthalt verbunden und somit scheinbar neu erfahren und verstanden habe. Bekanntes und Gekanntes wurden so zu dem zu Kennenden. Was ich bis dahin als selbstverständlich angesehen und als gegeben hingenommen hatte, wurde auf diese Weise neu hinterfragt. Meine Forschungsinteressen wurden nicht nur aus diesen situierten und positionierten Selbst-Verständnissen heraus geboren. Doch ist es dieser Aspekt der Forschungsinteressen, auf den ich mich hier konzentriere. Wissenschaft und Forschung gehören zu den Prozessen, in denen ich auch Erfahrenem Bedeutungen abzugewinnen und diese Bedeutungen zu verstehen suche. Das heißt jedoch nicht, dass meine Forschungsergebnisse durch das von mir Erfahrene entstanden sind; eher sind sie durch Reflexionsprozesse entstanden, die ich mit Worten wie Erfahrenes ausdrücke. [14]

Was ich zunächst als Bruch erfuhr, veränderte sich im Laufe der Zeit zu einem Verstehen konstanter Bewegungen in ein jeweiliges Anderes und aus einem jeweiligen Anderen heraus. Ich denke, dass der Grund dafür, dass ich die Emigration zunächst als Bruch verstand und erlebte, auch darin zu suchen ist, dass ich Veränderungen wünschte, dass ich diese allein durch eine Emigration zu erreichen meinte, und dass ich bereits vorhandene Positionierungsmöglichkeiten wie Ausland oder Emigration zu meinen eigenen machte, um diesen als Änderung missverstandenen Bruch konstituieren zu können. Wie BELSEY (2001, S.299) dies sehr eindrucksvoll beschreibt, so wurde auch meine Gegenwart ein Element meiner Konstruktionen des Vergangenen. Doch worauf ich mich hier konzentriere, ist ein etwas anderer Aspekt: Da ich die Emigration als Bruch erlebte und somit Dänemark als das Andere verstehen konnte, war es mir möglich, teilweise von dem Abstand zu nehmen, das mir jeweils gegenwärtig war. Dieses Ausgeschlossene, das, von dem ich mich distanzieren konnte und wollte, wurde zu einem wichtigen Element in der Konstruktion meines Vergangenen. Was ich ablehnte, wurde in den Erzählungen von meinem Leben und meinen Tätigkeiten in Dänemark unsichtbar, erhielt jedoch einen hervortretenden Platz da, wo ich von Deutschland und von Vergangenheit erzählte. Ich setzte also zunächst das Vergangene mit Deutschland gleich und benutzte Nation und Zeit parallel, um das als Nation und Zeit zu erzählen, von dem ich mich distanzieren wollte. D.h. auch, das ich nicht mein Repertoire an Erzählungen erweiterte, sondern die alten Erzählungen modifizierte. Doch (Ver-) Änderungen werden nicht durch die Bewegung in ein jeweiliges Anderes hervorgerufen. Sie sind eher ein Prozess, der durch die Formulierung meiner Gedankengänge mit verschiedensten Worten und in mehreren Sprachen ermöglicht wird. Wie diese Veränderungen vor sich gingen und welche Folgen sie für meine Forschungsarbeiten hatten (und diese umgekehrt im Veränderungsprozess), will ich unten beispielhaft darstellen. [15]

Aus der Positionierung in der als Nationalität erfahrbar gemachten Differenz heraus war die Zweitvergangenheit, d.h. die Vergangenheit des Zweitlandes, nicht meine eigene Vergangenheit; so wurde die Gegenwart zwar von mir bewohnt, doch sah ich mich nur als Gast in meiner eigenen Gegenwart. Zunächst hieß das, dass ich mich als Deutsche in Dänemark verstand. Wie ich später einsah, war dieses Gastsein nicht auf das Gastsein im Ausland, in Dänemark beschränkt. Dieses Gastsein kann in den multiplen Relationen von Bedeutungsträgern wie Nation, Zeit oder Geschlecht verkörpert werden: als deutsche Akademikerin an einer dänischen Uni, als Stipendiatin auf einer zeitlich begrenzten Stelle im Wissenschaftsbetrieb der festen Stellen, als Frau an einer Männeruniversität, es gibt viele Möglichkeiten. Das Nachdenken über die Bedeutungen und Konsequenzen des Lebens und Arbeitens in dem Raum, den ich zunächst als Ausland kategorisierte und als das Andere verstand, war Ausgangspunkt und Quelle für das, was ich wissen wollte (das Erkenntnisinteresse der jeweiligen Forschungsvorhaben), was ich wissen konnte (eine Quelle für Gewusstes), wie ich dieses Gewusste erarbeitete (Forschungsstrategien), sowie für die erweiternden Ausformungen des Neuverstandenen. Dies hatte Folgen für das, was von mir gewusst werden konnte, weil es Folgen dafür hatte, wie sich das Gewusste formte und wie ich es verstehen konnte. [16]

2.1 Differenz erzählt als Fremdsein und Geschlecht

Mein erstes Projekt (im Folgenden P1) war eine vergleichende Analyse der in deutschen und dänischen Medien (als Quellen diskursiven Wissens) der Jahre 1960 – 1990 veröffentlichten Darstellungen von Führung in der und durch die Wirtschaft (RITTENHOFER 1999a). In deutscher Sprache verfasst, stand in P1 noch das Bemühen im Zentrum der Analyse, das Eigene im Fremden und das Fremde im Eigenen begreifbar machen zu können – ein Bemühen, das zum Zeitpunkt des Projektbeginns bereits seit drei Jahren ein wesentlicher Bestandteil meiner gelebten Wirklichkeit war. Abgeleitet aus dem Erfahrenen, mich als die Andere zu verstehen und auch so verstanden zu werden, mich auf der anderen Seite jedoch als Teil des Fremden und das Fremde als Teil meines Selbst zu begreifen, positionierte ich mich zwischen beiden Kulturen. Aus der Perspektive meiner heutigen Position ist es diese Doppeltheit, die P1 prägte. [17]

Zentral war in P1 der Ausgangspunkt, dass Auffassungen von Führung und Geschlecht in Sprache ausgedrückt werden. Dieses komparative Dissertationsprojekt, das sich drei Jahre nach der Migration als stipendienwürdig erwies, erwuchs aus einer Alltagstätigkeit: dem immerzu gegenwärtigen Vergleichen von dem, was dann noch Bedeutung hatte als Herkunftsland, mit dem Ausland meiner Wahl. Aufgefallen war mir oft, wie ähnlich sich beide Länder waren. Ich hatte das Gefühl, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse zwar verschieden aussahen, doch letztendlich gar nicht so verschieden waren. Obwohl es das eigentliche Ziel meines Erkenntnisinteresses war, fiel es mir schwer, die Gemeinsamkeiten der Unterschiede benennen zu können, d.h. die Gemeinsamkeiten dessen, was ich am Ausgangspunkt als die Unterschiedlichkeit von Dänemark und Deutschland wahrnahm. Beispielsweise ging ich von dem Unterschied aus, dass Dänemark als Teil Skandinaviens die Gleichstellung der Geschlechter verwirklicht habe, während Deutschland in diesem Punkt deutlich hinterherhinke. In Dänemark sind im Gegensatz zu Deutschland nicht nur die Väter, sondern auch die meisten Mütter von Kleinkindern erwerbstätig. Das ist ein Unterschied, aber diesen Unterschied konnte ich nicht vereinen mit der Tatsache, dass Frauen in beiden Ländern hauptverantwortlich sind für sowohl Haushalt als auch Kinder, und dass dies einmal als Gleichstellung, einmal als Ursache fehlender Gleichstellung wahrgenommen wurde. Das Problem in P1 war zum einen, dass ich am Ausgangspunkt beide Länder als verschieden konzipierte. Zum zweiten erkannte ich die Annahme dieser Unterschiedlichkeit nicht als eine Position, die bereits vor und daher auch unabhängig von dem von mir erstellten Quellenmaterial existierte. Das Quellenmaterial wurde also von vornherein als eine Dokumentation dieser Unterschiedlichkeit zusammengestellt, bearbeitet und aus dieser Perspektive analysiert. Zum dritten wurde die Annahme der Unterschiedlichkeit in der Analyse und in der Formulierung der Resultate reproduziert. Hier wurden den bereits existierenden Inhalten und Bedeutungen der mit Nation benannten Differenz lediglich neue Inhalte und Bedeutungen hinzugefügt. Ich hatte mir ebenfalls nicht klargemacht, dass das, was ich als die Unterschiedlichkeit zweier Länder identifizierte, auch unabhängig von meinem als Selbst Verstandenen existierte. In diesem Zusammenhang bedeutet das unabhängig von der Konstituierung meines Selbst als Ausländerin, d.h. als Deutsche in Dänemark, sowie unabhängig von der Konstituierung meines Materials in der Differenz, d.h. als ausländisch-dänisches und als deutsches Material. [18]

In P1 verglich ich die Bedeutungsänderungen, die die Relationen zwischen Führungskräften und Geschlecht in den Jahren 1960 bis 1990 erfahren hatten. Dadurch, dass ich mich in P1 zwischen zwei Sprachen bewegte, wurde ich auf Bedeutungsverschiebungen durch Positionierungen und auf deren mögliche Vielfalt aufmerksam. Ich bemerkte die Vielfalt möglicher Positionierungen von bedeutungsgebenden Kategorien wie Geschlecht, AusländerIn, Nation, Wissenschaft oder Führung und damit auch ihre Situiertheit (HARRAWAY 1991). Was ich dann als Resultat formulieren konnte, entsprang sowohl meinem Alltagsdenken als auch meiner wissenschaftlichen Tätigkeit, war also sowohl im Alltag Verstandenes als auch Erforschtes. Die unterschiedlichen Bedeutungen der in beiden Ländern als Geschlecht und Führungskraft erzählten gesellschaftlichen Veränderungen sind auf Unterschiede im vorherrschenden Sprachgebrauch zurückzuführen. Im dänischen Material ist es die Sprache der Gleichheit, im Material aus der ehemaligen Bundesrepublik dagegen die Sprache der Unterschiede (RITTENHOFER 1999a, 2000). [19]

Bedeutungsunterschiede sind auf die Verschiedenheit der vorherrschenden Signifizierung von Relationen zu einem jeweils Anderen zurückzuführen. Dieses Andere ist im Material beider Länder in denselben Kategorien verkörpert. Es erhält jedoch unterschiedliche Bedeutungen: die der Gleichheit und die der Ungleichheit oder jeweils der Überlegenheit oder Minderwertigkeit. In der Sprache der Gleichheit ist das Andere in graduellen Unterschiedlichkeiten verkörpert. In der Sprache der Unterschiede jedoch wird seine auf dem Anderssein beruhende Ungleichheit legitimiert. Gleichheit besteht dann innerhalb des jeweils im Anderen Verkörperten. MitarbeiterInnen haben etwas gemeinsam und unterscheiden sich von ChefInnen, oder aber ChefInnen sind MitarbeiterInnen wie alle anderen auch. In diesem Falle ist MitarbeiterIn eine Sammelkategorie, die u.a. Gleichheit suggeriert. Gemeinsam ist beiden Sprachen jedoch die grundlegende Struktur der bipolaren Gegensatzpaare, im Beispiel hier ist es das bipolare Gegensatzpaar Angestellte ohne Führungsverantwortung und Führungskräfte. Unterschiedlich ist, wie die bipolaren Gegensätze sozusagen in Worte gefasst werden und diese Gegensätzlichkeiten dann entweder zur Nebensache oder aber explizit und zum Kern der Dinge werden. [20]

Am Beispiel "Frau" illustriert bedeutet das, dass im deutschen Material "Frau" das Andere verkörpert, und dass dieses Anders-Sein beispielsweise die ungleichen Zugangsmöglichkeiten zu Spitzenführungsstellen legitimiert. Im dänischen Material ist "Frau" dagegen ein Teil der Führung und als solche dem Manne gleich. Als Verkörperung des Anders-Sein legitimiert die Kategorie Frau graduelle Unterschiede in der Führung, beispielsweise zwischen AlleinunternehmerInnen (hier vor allem Frauen als Inhaberinnen von Tante-Emma-Läden) und geschäftsführenden Direktoren von Großunternehmen (ausschließlich Männer); beide werden unterschiedslos als FirmenchefInnen präsentiert, was Gleichheit auch der Geschlechter suggeriert. Dieses Denken in Gleichheitskategorien macht es schwer, nach Ungleichheit und ihren Ursachen zu fragen. [21]

In dem komparativen P1 begann ich mit der Analyse des deutschen Materials, um mich erst danach der Analyse des dänischen Materials zuzuwenden. Wie ich das deutsche Material zunächst als Ausgangspunkt für eine vorläufige Analyse des dänischen Materials verstand, so verstand ich die dänische Sprache zunächst noch durch die deutsche. Deutsch war mein Wegweiser, wenn ich mich im Dänischen bewegte. Das hieß auch, dass ich das dänische Material auf das Wiedererkennen hin las, zum Beispiel auf das Wiederfinden von zeitgleichen Änderungen im Verständnis dessen, was eine gute Führungskraft ausmachte, oder was als Baustein einer erfolgreichen Karriere galt. Was ich fand, waren weitgehende Übereinstimmungen in den Entwicklungen, wenn sie auch zeitlich häufig verschoben waren, d.h. im dänischen Material mit einiger Verspätung vorkamen. [22]

Die dialektische Natur der Gegenwartsposition, aus der heraus ich arbeitete, machte jedoch die Interpretation der Texte undeutlich, die aus ihrer Kategorisierung als verschieden folgte, z.B. als Texte meiner Wahlheimat und meines Herkunftslandes. Das galt vor allem den Ähnlichkeiten der Unterschiede, die ich z.B. als zeitliche Verschiebungen bei der Behandlung identischer Themen verstand. So wurde z.B. das in Deutschland zentrale Thema der für den Self-Made-Man undurchdringlichen Beton-Decke der familiären Abstammung (RITTENHOFER 1999a) als Zugangsvoraussetzung für eine Führungsposition in der Wirtschaft in Dänemark erst 1967 – und auch nur in einem einzigen Text (AUDE; siehe RITTENHOFER 1999a, S.302) – behandelt. Das Problem war, dass der Fokus auf Gemeinsamkeiten wie beispielsweise die Behandlung identischer Themen die Verschiedenheit des Anderen, d.h. die Verschiedenheit zweier Länder, voraussetzte. Das gilt auch da, wo diese Verschiedenheit zu einer graduellen Verschiedenheit wurde, beispielsweise wenn sie als zeitliche Verschiebung formuliert war. Die als zeitliche Verschiebung geformte Differenz bezeichnete ich als Hierarchie: dass die "Betondecke" in Deutschland zuerst diskutiert wurde, dass sie ausführlicher diskutiert wurde, und dass Deutschland in diesem Sinne also moderner sei als Dänemark. [23]

Während des komparativen Projekts standen die Gemeinsamkeiten von beiden Ländern im Vordergrund meiner alltäglichen und meiner analytischen Interessen. Während ich im dänischen Material Gemeinsamkeiten hervorhob und Unterschiede ausdrücklich als Verschiedenheiten im Gleichen formuliert hatte, stellte ich im deutschen Material Unterschiede des Ungleichen in den Vordergrund. In diesem Sinne reproduzierte ich in meinen Resultaten die Inhalte und Bedeutungen, die in der Sprache der Quellen hervorgebracht worden waren: Während im deutschen Material privilegierte Positionen explizit legitimiert wurden, blieben Privilegierungen im dänischen Material unsichtbar und undenkbar, und sie bedurften daher auch keiner expliziten Legitimierung. Beides, Gleichheit und Unterschiede, setzen die Differenz voraus. Mein Interesse an möglichen Positionierungen war geweckt, die an einem Ort gefunden werden können, der nicht durch Anderssein erlebt oder als Anderssein erzählt werden können. Dies hat dazu beigetragen, dass ich in meinem laufenden Forschungsvorhaben (im Folgenden P3) nach Positionierungen suchte, die nicht auf Fremdsein oder auf Geschlecht als zwei völlig verschiedene Ursachen und Erscheinungsformen dieses Andersseins verlegt werden konnten. Kategorien sind nie absolut, sondern immer nur relativ, d.h. in Relation zu einem jeweiligen Anderen zu verstehen. Diese Relation wird jedoch häufig nur für die Relation innerhalb von Dichotomien wie beispielsweise Mann/Frau, Inland/Ausland etc. analysiert (z.B. SCOTT 1988). Dadurch wird die scheinbare Absolutheit der jeweils übergeordneten Kategorien wie Geschlecht oder Nation jedoch nicht durchbrochen. Ich begann also, mich für die Relation von scheinbar weit von einander entfernten Kategorien wie Fremdsein und Geschlecht zu interessieren, und hier nicht für die Ausschließlichkeit dieser Kategorien, sondern für ihre Gemeinsamkeiten. In P3 ist dann auch eine der entscheidenden Fragen, was den Kategorien Geschlecht und Fremdsein gemeinsam sei, und was sie vergleichbar mache. Was könnte es sein, das im Kontext der Forschung sowohl mit Geschlecht als auch mit Fremdsein identifiziert wird? [24]

2.2 Fremdsein und Geschlecht als parallele Kategorien

Mein zweites Projekt (im Folgenden P2) war durch das Nachdenken darüber bedingt, was ich als ausländische Wissenschaftlerin an dänischen Unis erfahren und also als Differenz formuliert hatte. P2 war weiter bedingt durch den Vergleich dessen, was ich als Unterschiedlichkeiten der amerikanischen und der westdeutschen Universitäten in den Universitäten erzählte, in denen ich in Dänemark tätig war. In diesem zweijährigen Projekt unterzog ich die veröffentlichte dänische Forschungspolitik der Jahre 1970 bis 1990 einer Kulturanalyse. Hier machte sich bereits eine Änderung meines Denkens geltend, hervorgerufen durch das Vermögen, dieses Denken in den Worten der dänischen und in denen der deutschen Sprache ausdrücken zu können. Die Folge war, dass ich mein Interesse nicht mehr als Verstehen des Eigenen als Anderem, der Deutschen in Dänemark, formulierte. Meine Neugier orientierte sich nun daran, Welten zu verstehen, als deren Teil ich mich sah und die ich zu einem Element dessen gemacht hatte, was ich als "meine Geschichte" erzählte. [25]

Die Arbeit an P2 führte dazu, ein Problem zu erkennen, dem ich auch im Alltag begegnet war: So sehr ich mich in den ersten Jahren bemüht hatte, das Bild von "den Deutschen" zu differenzieren, mit dem ich so häufig konfrontiert worden war, so unangetastet blieb die jeweilige Vorstellung von Dänemark als homogen. In P2 versuchte ich dem Problem zu begegnen, dass wenn ich Frau als Kategorie und Konstruktion behandelte, die Verhältnisse beispielsweise in der Forschung unhinterfragt blieben, weil sie im Sinne einer nicht konstruierten, faktischen Wirklichkeit konstituiert wurden. Doch sind es immer Qualitätskriterien, und zwar dieselben Qualitätskriterien, die so verschieden kategorisiert wurden. Die Erkundung des Wesens dieser durch Kategorien hervorgebrachten Verschiedenheit wurde zu meinem zentralen Anliegen. Es führte dazu, scheinbar weit voneinander entfernte Kategorien über ihre jeweiligen Gemeinsamkeiten zu definieren und ihre Relation zueinander als die Parallelität dieser Bedeutungsträger zu charakterisieren (RITTENHOFER 2001b, 2002). [26]

Medien bildeten auch die Quellengrundlage von P2, diesmal jedoch als Quellen erinnerter Kultur und des kulturell Erinnerten. Das Projekt begrenzte sich jedoch auf z(w)eitgeschichtliches dänisches Material. Das hing nicht damit zusammen, dass ich das Interesse an einem Vergleich mit Deutschland verloren gehabt hätte, sondern war bedingt durch die dänische Forschungspolitik und die daraus resultierende Formulierung eines Forschungsprogramms3), das die Probleme universitärer Selektionsprozesse und ihre Ursachen als national, sozial und geschlechtlich verstanden und analysiert wissen wollte. [27]

Differenzdenken bedeutet, dass ein Abstand hergestellt wird zu einem jeweiligen positionierten und situierten Anderen. In P2 wurden diese Distanzierungen, die aus dem dualistischen Differenzdenken entstehen, beiseite geschoben. Jetzt standen Geschlecht – und nicht mehr Frau – und Forschungspolitik im Zentrum meines Interesses, und damit notwendigerweise auch WissenschaftlerInnen und Forschung. Chronologie wurde nur noch als Werkzeug zur Findung und ersten Ordnung des Materials benutzt, jedoch nicht mehr als selbstreproduzierende Kausalität. Ich begann in Anlehnung an SCOTTs Definition der Geschichte (1991), die Inhalte als parallele Erzählungen zu verstehen. Auch die Differenz zwischen ForscherInnensubjekt und dem Objekt der wissenschaftlichen Analyse wurde hier undeutlicher, da die Darstellung von Forschung und von WissenschaftlerInnen und ihren Bedingungen zum Gegenstand der Untersuchung wurde. [28]

In dem 1998 begonnenen zweijährigen Projekt analysierte ich, auf welchen Vorstellungen die dänische Forschungspolitik der Jahre 1970 bis 1990 aufbaute und woraus diese bestanden. Hier war das Interesse am sich gegenseitig konstituierenden Zusammenhang zwischen Geschlecht und Forschungspolitik zentral. Das Interesse an den Gemeinsamkeiten der Unterschiede und den Unterschiedlichkeiten des Gemeinsamen waren weiterhin zentral für meine wissenschaftliche Tätigkeit. Diesmal galt es jedoch nicht der Transgression der in Nationen verkörperten Differenz, sondern der Transgression der Differenz von scheinbar weit voneinander entfernten Kategorien wie Universität und Geschlecht, Fremdsein und Geschlecht. Ich konzentrierte mich nicht nur auf die Gemeinsamkeiten von identischen Kategorien wie die der Nation, sondern vor allem darauf, wo auch scheinbar weit voneinander entfernte Kategorien ihre Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten haben, wo und wie sie miteinander verschmelzen (RITTENHOFER 2001a). Das trug u.a. dazu bei, dass ich nach einer dritten Position suchte, d.h. nach einer Position, die nicht bereits vor ihrer Kategorisierung in dieser Form vorhanden war und die Alternativen zum Denken in Differenzen bietet. [29]

In P2 entwickelte ich den Begriff Magnet Geschlecht. Der Begriff verbildlicht, dass unter bestimmten Bedingungen, auf die ich hier nicht näher eingehen kann, die jedoch in RITTENHOFER (2001) beschrieben sind, Voraussetzungen und Folgen der Forschungspolitik entweder als Geschlecht gedacht oder mit Geschlecht erzählt werden. Wird Forschungspolitik mit Geschlecht erzählt, werden Voraussetzungen und Folgen der Forschungspolitik mit Geschlecht kategorisiert – aber nicht ausschließlich mit Geschlecht. Wird Forschungspolitik als Geschlecht gedacht, dann wird diese mit einem Ursprung, einer unveränderlichen Ursache versehen. Das bedeutet nicht, dass diese Forschungspolitik durch Geschlecht entsteht, dass also Forschungspolitik eine Folge eines Geschlechterunterschieds wäre. Auch wenn Geschlecht im Zentrum meines wissenschaftlichen Interesses stand, zeigte es sich, dass diese Kategorie nicht zentral war für die Forschungspolitik in der Untersuchungsperiode. Ebenso war die Darstellung und Analyse der Relation zwischen der langjährigen wissenschaftlichen Tätigkeit im Zweitland und dem von mir Erforschten und Erfahrenen zwar zentral für diesen Beitrag, doch kann dies keinesfalls damit gleichgesetzt werden, dass der Aufenthalt im Zweitland der Dreh- und Angelpunkt für das von mir Erfahrene oder Erforschte gewesen wäre. Deshalb habe ich den Begriff der Parallelität von Kategorien modifiziert. [30]

Am Beispiel Geschlecht veranschaulicht bedeutet das, dass eine Begrenzung der Analyse auf die Frage, was als Geschlecht erzählt wird, nicht die Bedeutung der Ursächlichkeit von Geschlecht aufheben, sondern lediglich die Augen für die Vielfalt der möglichen Inhalte dieser Kategorie öffnen kann. Ich wurde darauf aufmerksam, dass das, was als Geschlecht erzählt wurde, nicht ausschließlich als Geschlecht erzählt wurde. Universitätsbereiche, die am Ende der Untersuchungsperiode beispielsweise als "Frauenfächer" umschrieben werden, hatten zu Beginn der 1980er Jahre noch als "Arbeitslosenfächer" und Ende der 1970er Jahre als "Massenfächer" Erwähnung gefunden. Das führte dazu, dass ich die Relation von Kategorien wie beispielsweise "Frau", "Masse", "Arbeitslose" als parallel bzw. mit dem Begriff der "parallelen Kategorie" umschrieb. Diese Kategorien sind das Resultat einer Entwicklung, als deren Folge Bereiche wie die Geisteswissenschaften in den 1970er Jahren nur als Massenfächer, in den 1980er Jahren dagegen sowohl als Massenfächer, als auch als Arbeitslosenfächer und als Frauenfächer wahrgenommen werden konnten. Ich modifizierte meine Fragestellung, was, wie oben bereits erwähnt, meine Sichtweise des Auslandsaufenthaltes veränderte. Wenn etwas beispielsweise als Geschlecht erzählt wird, dann ist die nächste Frage, was es ist, das mit Kategorien wie z.B. Geschlecht erzählt und so auch verstehbar gemacht wird? Wird beispielsweise Produktivität als Geschlecht erzählt, dann wird sie zu einem Inhalt ausschließlich der Kategorie Geschlecht gemacht. Wird Produktivität dagegen mit Geschlecht erzählt, dann kann Geschlecht als eine von vielen möglichen Identifizierungen einer solchen Produktivität analysiert werden. Was als "Geschlecht", als "Masse", als "Arbeitslose" benannt wurde in den Erzählungen von der "Massenuniversität" oder von der "Männeruniversität", waren Abwandlungen der für die dänische Forschungspolitik grundlegenden Erzählung: der Erzählung vom "Elfenbeinturm Universität". Das, was mit der Kategorie Geschlecht, doch nicht nur mit ihr, erzählt wurde, bezeichnete ich als "vergeschlechtlichte Modernitäten" (RITTENHOFER 2001b). [31]

Die Reformulierung meiner Fragestellung hatte zur Folge, dass ich auch mein Selbstverständnis neu überdachte. Ich musste damit beginnen, zwischen einer Selbstkonstruktion beispielsweise als Emigrantin, die eine Essenz als Deutsche, als andere Deutsche und/oder als Fremde impliziert, und einer Konstruktion meines Selbst "mit Emigrantin" zu unterscheiden. Dies ermöglichte mir, darüber nachzudenken, was ich mit EmigrantIn etikettierte, und was das für mein Verhältnis zu Erlebtem und Erforschtem bedeutete. Auch begann ich, zwischen der Kategorie des Subjekts (hier in der Bedeutung von "als Selbst erzählen") und möglichen Subjektivierungen ("mit Selbst erzählen", beispielsweise wenn ich die Position Auslandsaufenthalt mit meinem Ausländerinnensein erzähle), zu unterscheiden. Wie das Gedächtnis verkörperte Sprache ist (DAVIES 2001), so ist das als Selbst Erzählte im Selbst verkörperte Sprache. Diese Sprache ist jedoch nicht in diesem Selbst allein verkörpert, sondern kann jeweils positioniert mit einer Vielzahl von Kategorien identifiziert werden. Überlegungen wie diese hatten Folgen für die Entwicklung des Konzepts des cultural interviewing, und sie führten auch zur Änderung des ursprünglichen Entwurfs meines Forschungsvorhabens.4) [32]

Ferruh YILMAZ (1999, S.177) beschreibt für die Kategorie der Ethnizität, wie das dualistische Gegensatzpaar "wir" und "sie" in dänischen Medien eine Wirklichkeit konstruiere, welche die Subjektposition, wie die der ethnischen Zugehörigkeit, vor dem Subjekt sowie unabhängig von ihm, beispielsweise eine in Dänemark wohnhafte Türkin, definierten. Dadurch erscheine der/die konkrete AusländerIn in den dänischen Medien als identisch mit einer Subjektposition AusländerIn, die unabhängig von der jeweils konkreten Person bereits "existiere". Nach YILMAZ ist Ethnizität also eine Subjektposition, die nur in der Gestalt der Ethnizität bezogen werden kann. Dass das nicht der Fall ist, wird u.a. daran deutlich, dass Menschen zur AusländerIn im eigenen Land gemacht werden können, wenn beispielsweise ihr Äußeres als "ethnisch", als "fremd", als "anders" wahrgenommen wird. Die Kategorie der AusländerIn kann auch an Personen herangetragen werden, die keine AusländerInnen sind. Beispiele wie dieses zeigen, dass es möglich ist, als ethnisch oder national subjektiviert zu werden, auch wenn von der fraglichen Person positioniert nicht in diesen Begriffen gesprochen werden kann. YILMAZ durchbricht mit dieser Argumentation nicht die kulturelle Essenzialisierung. [33]

Für mich war YILMAZ Argument wertvoll, weil ich es aus der Perspektive der parallelen Kategorie neu überdachte. Denn dann müssen die Positionierungsmöglichkeiten unabhängig vom Subjekt gesehen werden: "Subjekt" und "Ethnizität" müssen als Kategorisierungen und als mögliche Subjektivierungen verstanden werden, die unabhängig von den durch die Wahrnehmung5) "diskursiver Formationen" [discursive formations] (FAIRCLOUGH 1994) entstandenen Positionierungsmöglichkeiten existieren. Weiter muss die Ausschließlichkeit von Subjektivierungen als "Subjekt", als "Ethnizität", als "Nation", als "Geschlecht" aufgegeben und um eine Vielfalt von Möglichkeiten erweitert werden, die auch in der Gestalt von Subjektivierungen meines Forschungsinteresses, also Geschlecht, Fachlichkeit, Selbst etc., auftreten können. [34]

Das Nachdenken über die in P2 definierten Resultate verdeutlichte mir, dass die Positionen, die ich wiedererkannte, Positionen waren, die subjektiviert waren. Doch konnte ich mich weder mit der Subjektivierung selbst identifizieren, noch konnte ich diese als "mein Selbst" konstruieren. Die Subjektposition war vor dem Subjekt definiert. Das bedeutete auch, dass das Subjekt vielfältige Formen annehmen konnte, die nicht alle mit den Ausformungen als "mein Selbst" übereinstimmten. Dies war dann der Fall, wenn Kategorien an mich herangetragen oder mir abverlangt wurden, wobei sich dies nicht auf die Kategorie Geschlecht allein beschränkte. Dorte Marie SØNDERGAARD (1996) macht diese Form der Kategorisierung zur alleinigen Definition von Geschlecht, wobei diese als Folge der Wahrnehmung von Zeichen am Körper beschrieben werden. Da diese Wahrnehmung jedoch immer selektiv, positioniert und situiert ist, spreche ich stattdessen vom Zeichen als Körper. Wahrgenommene Zeichen werden mit einer Kategorie Körper identifiziert, Körper wird in der jeweils spezifischen Bedeutung konstituiert. In diesem Sinne werden die Zeichen verkörpert, essenzialisiert. Um die Vielfalt möglicher Essenzialisierungen beispielsweise von Geschlecht, von Subjekt reflektierbar zu machen, spreche ich von Subjektivierungen. Vergeschlechtlichung wird hier als eine von vielen möglichen Subjektivierungen verstanden. [35]

Bereits in meinem ersten Projekt war es ein Ziel meiner Analyse, die naturalisierende Reproduktion von Kategorien zu vermeiden. Wie ich jetzt sehe, ist es mir nicht gelungen. In P2 konzentrierte ich mich auf die Punkte, an denen diese Kategorien ineinander aufgehen oder miteinander verschmelzen, wie z.B. im oben genannten Beispiel der Qualität (RITTENHOFER 2002). Die Frage, was scheinbar völlig verschiedene Kategorien wie Geschlecht und Universität gemeinsam haben, kann nicht eindeutig vom Erfahrenen und Erkannten unterschieden werden: als ethnische Nicht-Dänin und Frau im dänischen Wissenschaftsbetrieb tätig zu sein. Dieser Wissenschaftsbetrieb wurde seit Ende der 1970er Jahre sowohl allgemein als auch spezifisch frauenwissenschaftlich häufig als Männeruniversität oder männlicher Raum (GOMARD & REISBY 2001), in der veröffentlichten Forschungspolitik nahezu exklusiv als dänisch ausgewiesen. Ich war also ein Teil dessen, was ich auf vielfältige Weise als "das Andere" konstituieren konnte. [36]

So bestand die Möglichkeit, mein Selbst als Anderes zu erzählen und mich auf diesem Wege weiterhin von dem zu distanzieren, dessen Teil ich trotz alledem geworden war. Beispielsweise konnte ich mein Selbst als interdisziplinäre Forscherin konstituieren und zugleich Forschungsgelder in vor allem fachspezifisch ausgewiesenen Finanzierungssystemen beantragen oder mich auf Stellen bewerben, die mit Bezug auf eindeutig umrissene, traditionelle Fachbereiche ausgeschrieben wurden. In diesen Stellenausschreibungen wird manchmal zusätzlich als national ausgewiesenes Wissen gefordert (dänische Geschichte, dänische Literatur, dänische Gesetzgebung, dänischer Arbeitsmarkt etc.), das dann den Charakter des Besonderen erhält bzw. als qualifizierende Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung gilt. D.h., ich konnte mich weiterhin in einem Anderssein und in der graduellen Exklusion positionieren, für die jeweils Geschlecht, Fachlichkeit oder das als Emigration Erfahrene als Ursachen herhielten. Es war diese Positionierung, die den Ausgangspunkt für das ursprüngliche Projektdesign von P3 bildete. Die Auffassung von meiner Position änderte sich von einer Auffassung als Selbstverständnis zu einem Verständnis dessen, was "mit Selbst" erzählt wird. Dies trug zu Änderungen im Entwurf von P3 bei. [37]

2.3 Kultur als Geschlecht und Ethnizität

2000 begann ich eine derzeit noch laufende Forschungsarbeit, für die ich Interviews verwandte. Im ursprünglichen Projektdesign stand die Analyse dessen im Zentrum, was es bedeutet, als AkademikerIn aus einem anderen Land gekommen zu sein und in Dänemark beruflich einer wissenschaftlichen Tätigkeit nachzugehen. Geschlecht, Fachlichkeit und das AusländerIn-Sein wurden zum zentralen Dreh- und Angelpunkt für das Andere gemacht: für die Frau an der Männeruniversität, für die Geisteswissenschaftlerin in der Sozialforschung, für die Deutsche in Dänemark. Der ursprüngliche Kern war, dass ich mein graduelles Anders-Sein nicht nur als Folge meines als "Selbst" Verstandenen gesehen hatte. Ich suchte die Ursache dieses graduellen Anders-Seins auch in einem "kollektiven Anderen". Dieses kollektive Andere betrachtete ich nicht als faktische Gemeinschaft, sondern als die vom kollektiven Anderen konstituierte Vorstellung von verbindenden Gemeinsamkeiten. Die Anregung dazu hatte ich aus Benedict ANDERSONs (1991) Buch bekommen, in dem Nationen als "Imagined communities" beschrieben werden. Diese Vorstellungen von verbindenden Gemeinsamkeiten ermöglichen dann die graduelle Exklusion Einzelner auf der Grundlage der Vorstellung einer Gemeinschaft von z.B. Frauen, von GeschlechterforscherInnen, von WissenschaftlerInnen oder ForscherInnen, von DänInnen usw. Diese Vorstellung der Gemeinschaft wird dadurch gefördert, dass Begriffe wie "Frau", "Ethnizität" oder "Beruf" in der Sprache der Gleichheit gefasst werden. Der Arbeitstitel des Forschungsvorhabens lautete entsprechend: "Imaginäre Gemeinschaften: Ethnizitäten, Geschlecht und Forschung". Der Arbeitstitel wurde später in "Kulturen imaginärer Gemeinschaften" modifiziert; dies u.a. deshalb, weil der ursprüngliche Arbeitstitel eine Relation zwischen einer kulturellen Essenz von Geschlecht und Ethnizität und einer gemeinhin nicht als subjektivierende Kategorie und daher nicht als Essenz verstandenen Forschung implizierte. [38]

Ich denke, dass es hier einer kurzen Erläuterung bedarf, warum die Kategorien "Forschung" und "Wissenschaft" in P3 in diesen Zusammenhang gestellt wurden. Die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Forschung war im Untersuchungszeitraum von P2 zentral, und sie ist es ebenso für die aktuelle Forschungspolitik Dänemarks. Wissenschaft wird in diesem Zusammenhang doppelt entwertet: als elitäres und daher nicht volksnahes Unternehmen, das als öffentlich finanzierter Bereich einer Demokratie im Sinne einer Volksherrschaft nicht würdig sei. Im Unterschied zu Forschung gilt Wissenschaft als "unbrauchbar", als nicht unmittelbar relevant für die dänische Wirtschaft, vor allem für den Exportbereich. Begrenzt anerkannt sind nur diejenigen Wissenschaftsbereiche, deren Resultate von der Forschung in exportierbare Produkte umgesetzt werden können. Dazu muss noch bemerkt werden, dass Universität und Wissenschaft weitgehend gleichgesetzt werden. [39]

Die Resultate von P2 lagen erst vor, nachdem das ursprüngliche Design für P3 erstellt war (im Herbst 1999) und ich mit den ersten einleitenden Arbeiten an P3 begonnen hatte. Die Resultate von P2 machten ein Nachdenken darüber erforderlich, dass der Status als AusländerIn oder als Angehörige ethnischer Minderheiten nicht notwendigerweise auch zentral war für das von mir oder von meinen zukünftigen Interview-PartnerInnen Erfahrene. Die Frage war also, ob sie von ihren Erfahrungen mit den drei mich interessierenden Kategorien erzählten, und wenn ja, um welche Erzählungen von Ethnizität, Geschlecht und Forschung oder Wissenschaft es sich handeln würde. [40]

Die Wahl dieser drei Kategorien war bedingt durch die Kategorien, mit denen ich meine verschiedenen Welten erfuhr. Diese Wahl war auch ein Resultat des in P1 und in P2 Erforschten: Dies betrifft zum einen die Parallelität von Kategorien, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, häufig aber gemeinsam auftreten. Zum anderen berührt es die in beiden Projekten erforschte Tatsache, dass hierzulande die Verteilung von Spitzenpositionen häufig als graduelle Unterschiede sowohl des Geschlechts als auch der Fachlichkeit (HumanistIn, NaturwissenschaftlerIn oder TechnologIn) diskutiert werden. Was die Universitäten anbelangt, so werden diese Unterschiede in der Verteilung von Spitzenpositionen auf die einzelnen Fachbereiche auch als Unterschiede zwischen Forschung und Wissenschaft verhandelt. Die Parallelität von Geschlecht und Ethnizität, die für P3 den Ausgangspunkt bildete, beruhte auch auf dem Nachdenken darüber, wie, ob und wann ich "AusländerIn als Selbst", und wann ich mein "Selbst mit AusländerIn" konstruiere. Diese Reflexionen gleichen denen über das Wiedererkennen von als Geschlecht ausgewiesenen Positionen. [41]

In P3 stehen die sprachlich konstituierten Zusammenhänge von Ethnizität, Geschlecht und Wissenschaft und Forschung im Vordergrund. Die Frage ist nicht, was die Folgen des AusländerIn-Seins für Forschung und Wissenschaft sind, oder umgekehrt, was Forschung und Wissenschaft für das Selbstverständnis als AusländerIn bedeuten. Stattdessen ist die Frage zentral, was jeweils als Ethnizität, Geschlecht und Wissenschaft bzw. Forschung erzählt wird und diese Kategorien als Voraussetzungen für die Erzählungen erscheinen lässt. Ein weiterer zentraler Aspekt ist, was unter welchen Bedingungen mit diesen drei Kategorien erzählt wird, was in diesen Kategorien bewahrt wird. Als Quellen dienen Interviews mit sechzehn in Dänemark tätigen und wohnhaften WissenschaftlerInnen. Auf die Zusammensetzung dieser Gruppe von WissenschaftlerInnen komme ich unten zu sprechen. Ich werde P3 in der zweiten Hälfte dieses Beitrags als ausführlich diskutiertes Beispiel dazu nutzen, wie sich die durch den langjährigen "Aufenthalt in der Zweitsprache"6) und die durch die Zweitsprachenkenntnisse ermöglichten Reflexionen auf die Forschung auswirken, und wie sie mit bereits Erforschtem verwoben sind. Auch Erforschtes ist flüchtig – es ändert durch weitere Forschungstätigkeiten seine Bedeutungen. Ein Beispiel für die Flüchtigkeit des Erforschten ist der homogenisierende Begriff des diskursiven Wissens, den ich in P1 als zentralen Begriff entwickelt hatte und als Folge meines zweiten Projekts in den prozessorientierten Begriff "diskursiv Gewusstes oder Wissbares" änderte. [42]

Wie ich oben anhand der Unterscheidung des ersten und zweiten Projekts zu verdeutlichen suchte, regten meine positionierten Interpretationen von kulturellen Artefakten mich zum Nachdenken darüber an, dass diese Interpretationen aus Beziehungen zwischen vielfältigen Differenzen bestehen, was den Kern dieser Relationen ausmachen und wie ich die Reproduktion dieser Dualismen durchbrechen könnte. Während meine Analyse sich in P1 noch im Rahmen dieser Differenzen bewegt hatte, durchbrach ich diesen Rahmen im zweiten Projekt. [43]

In meiner Dissertation (P1) positionierte ich mich als Frau und Deutsche und betrachtete die Quellen als Zugang zu einem Wissen darüber, wie leistungsstarke erfolgreiche Frauen zeitgeschichtlich gesehen wurden, wie sich die Auffassung von diesen Frauen in der Untersuchungsperiode eventuell veränderte, und wie sich die Sichtweisen auf erfolgreiche Frauen in Deutschland und Dänemark unterschieden. Was mir in Folge meines zweiten Projekts klar wurde, war, dass ich mich mit (nicht nur) als Frau ausgewiesenen Positionen identifiziert hatte. Mein Interesse am Zusammenhang zwischen Frau-Sein und Führungsposition wurde von mir selbst gleichgesetzt mit der Zentralität des Frau-Seins von Führungskräften für die Art und Weise, wie Führung aufgefasst wurde. Entsprechend war der Ausgangspunkt für das ursprüngliche Design von P3, dass das AusländerIn-Sein zentral dafür sei, wie AusländerInnen im Wissenschaftsbetrieb wahrgenommen werden. Die Analyse des deutschen Materials in P1 war, so nehme ich rückblickend an, wohl auch ein Versuch, meiner eigenen persönlichen Geschichte mir bislang unbekannte Bedeutungen und Erklärungen abzugewinnen. Hier lag vermutlich ein Grund für meine Entscheidung, mit neuester Geschichte zu arbeiten, da die als neueste Geschichte konzipierte Periode sich mit meinem Lebenszeitraum bzw. mit meiner Lebensgeschichte überschneidet. [44]

Nicht die Auslandsbeschäftigung als Alltagssituation, sondern Alltag erlebt als Auslandsbeschäftigung konfrontiert auf vielen Ebenen mit konstanten Interpretationen und erlaubt ein Infragestellen eigener Positionierungen. So führt auch das Lesen von Texten des Herkunftslandes und der Wahlheimat zu Verkörperungen der Bedeutungsinhalte und der Inhaltsbedeutungen im Eigenen, wenn ich diese Bedeutungen und Inhalte mit dem identifiziere, wofür ich stehe. Die Parallelität von Bedeutungsträgern wie Beruf oder Geschlecht wurde mir klar, als ich in P2 erkannte, dass die Inhalte dieser Kategorien nicht nur mit diesen Kategorien identisch waren, sondern dass diese Inhalte auch anderen Kategorien subsumierbar sind. Die Signifizierung der Differenz im Beruf wurde mehrfach undeutlich, wenn die Eigenschaften, Fähigkeiten und Handlungen, die die "gute" dänische und deutsche Führungskraft ausmachten, sich während der Arbeit an P2 als die erwiesen, die auch die "gute" dänische ForscherIn ausmachten. Ebenso undeutlich wurde die Signifizierung der Differenz in der Vergeschlechtlichung, wenn ich mich als Wissenschaftlerin und Frau mit vermännlichten Positionen identifizieren konnte, oder wenn eine Identifizierung mit verweiblichten Positionen nicht möglich war. Ein Beispiel aus P1 ist die Risikowilligkeit, die immer vermännlicht auftritt, oder fehlendes Selbstvertrauen und dementsprechend ein fehlender Wille zum Erfolg, was ausschließlich zur Charakterisierung von Frauen herangezogen wird. [45]

Sowohl in P1 als auch in P2 fiel mir auf, dass einige Eigenschaften, Fähigkeiten und Handlungen, die ausschließlich als die von Männern erzählt wurden, von mir als eigene wiedererkannt wurden. In den ausschließlich Frauen zugeschriebenen Fähigkeiten, Eigenschaften und Handlungen konnte ich mich dagegen oft nicht wiedererkennen. Das warf die Möglichkeit der graduellen Differenzierung auf: mich als "andere" oder auch "nicht richtige" Frau zu verstehen, oder Frau-Sein zu differenzieren und als Vielfalt zu betrachten. Doch so wurde der Geschlechterdualismus nicht durchbrochen. Daher suchte ich nach einem Weg, um der scheinbar zentralen Kausalität von Geschlecht entkommen zu können. Es zeigte sich, dass es notwendig ist, zwischen Differenz als bedeutungsgebender Struktur und Differenz als kultureller Essenz zu unterscheiden. Geschlechterdualismus wird zur kulturellen Essenz, wenn beispielsweise das Charakteristikum von Geschlecht und der Inhalt der Kategorie als Diskurs (RITTENHOFER 1997) definiert wird, oder wenn der biologischen Begründung einer Geschlechterdifferenz entgegengesetzt wird, dass Biologie als Kultur und nicht als Natur zu verstehen und daher nicht unveränderlich sei (BOCK 1991). Dies ändert den Charakter, das Wesen oder den Kern der Essenz, nicht jedoch die Essenzialisierung selbst. [46]

Aufbauend auf die Arbeit an P2 ging ich in P3 davon aus, dass es sich bei den vielfältigen Möglichkeiten der kulturellen Essenzialisierung nicht nur um ein Problem der Geschlechterforschung oder der Kategorie Geschlecht handelt. Ich nahm an, dass die dualistische Unterscheidung zwischen sex und gender, mit der u.a. SCOTT (2001) brach, eine Parallele in der Unterscheidung zwischen Ethnizität und Nation findet: Beide Dichotomien (und nicht nur die von Geschlecht wie bei SCOTT) sind Essenzialisierungen der basalen Dualismen Natur und Kultur, Körper und Geist. Wie sex Voraussetzung von gender und gender ein Teil von sex ist (SCOTT 2001), so ist Nation ein Teil von Ethnizität und Ethnizität ein Teil von Nation, Kultur ein Teil von Natur und Natur ein Teil von Kultur. Auch diese Überlegung trug dazu bei, dass ich in P3 Ethnizität, Geschlecht und Forschung bzw. Wissenschaft als parallele Kategorien behandle. Die interessante Frage ist dann, wann welche dieser Kategorien benutzt und was mit ihnen erzählt wird, d.h. worin im konkreten Material ihre Gemeinsamkeiten bestehen. Entsprechend explizierte ich im Nachhinein für P1, wie meine Positionierung im Anderen, als Zeit oder Nation (Ausland und Gegenwart, Herkunftsland und Vergangenheit) beschrieben werden kann, und wie ich Nation sowohl als Unterschiede des Sprachgebrauchs in den von mir analysierten Quellen und somit als Kultur essenzialisieren kann. Gleichzeitig essenzialisierte ich Nation aber auch als Unterschiede im physischen Raum und somit als Natur in der Kultur. Entsprechend positionierte ich AusländerIn-Sein in den Sprachunterschieden, in der Zeit und im Raum. Interessanterweise war ein Resultat von P2 auch, dass diese grundlegenden Dualismen oder Modernismen letztlich (und paradoxerweise) auch in der Differenzierung zwischen Wissenschaft und Forschung verkörpert sind. [47]

Diese Erkenntnisse änderten wiederum meine Perspektive auf das als negativ Erfahrene, d.h. auf Situationen, in denen mir Kategorien der Ausländerin oder der Deutschen abverlangt wurden. Durch die Kategorien der Ausländerin oder der Deutschen werden beispielsweise Argumente oder Kritik im Anderen und Fremden angesiedelt, und Eigenes wird negiert. In solchen Situationen werde ich mit dem als das Andere Definierten und mit AusländerIn oder Deutsche Vordefinierten gleichgesetzt und so als dessen Verkörperung wahrgenommen. Durch die Gleichsetzung von Körper und Kultur wird das eine über das andere definiert und essenzialisiert. Was jedoch als Körper wahrgenommen wird, ist verkörperte Kultur. Im ursprünglichen Design von P3 verknüpfte ich noch die Gegenwart von ausländischen WissenschaftlerInnen mit der Frage, was gegebenenfalls als Ethnizität erzählt wird, um dann zu analysieren, was mit Ethnizität erzählt wird. Entsprechendes gilt für Geschlecht und Forschung. Das hätte bedeutet, eine kulturelle Essenzialisierung zu reproduzieren, in der ich ein AusländerInnen-Sein, ein Frau-/Mann-Sein als absolute Einheiten begriffen hätte, die ich weder vom Erzählen als Ethnizität oder Geschlecht, noch vom Erzählen mit Ethnizität oder Geschlecht hätte unterscheiden können. Durch die Wahl der InterviewpartnerInnen und die Gestaltung der Interviews wäre das Wesen dieser kulturellen Essenzialisierungen interviewte Kultur gewesen. Diese Änderungen am Design von P3, die zu dem als cultural interviewing bezeichneten Konzept führten, diskutiere ich unten ausführlich. [48]

AusländerInnen – das waren bis zu meiner Emigration immer die Anderen. Überraschenderweise hätte ich auch nach meiner Emigration an dieser Position festhalten können. In dänischen Medien veröffentlichte Darstellungen von AusländerInnen kennzeichneten diese selten als EuropäerInnen oder hochqualifizierte Berufstätige, sondern überwiegend als AraberInnen, AnalphabetInnen, Arbeitslose, Kriminelle – keiner dieser Bedeutungsträger war in meinem Selbst verkörpert. Auch hier hatte ich wieder die Wahl der graduellen Unterscheidung. Ich konnte mich als Andere im Anderen, als die andere Ausländerin (entsprechend der anderen Frau) verstehen und also weiterhin als eine Verkörperung des Fremden, oder ich konnte die Möglichkeit einer dritten Positionierung erkunden. [49]

Ein wichtiger Aspekt der Idee der Objektivität liegt in einer eindeutigen Trennung zwischen ForscherInnen-Subjekt und Forschungs-Objekt. Diese Eindeutigkeit kann auch in weiteren Ausformungen der Differenz geschaffen werden, wenn man sie beispielsweise entsprechend kategorisiert, z.B. als die AusländerIn, die mit inländischem Material arbeitet, oder als die Deutsche, die mit dänischem Material arbeitet etc. Doch kann das AusländerInnen-Sein keine Garantie sein für die Objektivität im Sinne als Wissenschaft benannte Distanziertheit. Diese Distanziertheit wiederum ist keine Bedingung gelebter Wissenschaft. Das zu Erforschende kann nicht vom Erforschten getrennt werden, Geschichte nicht von der Gegenwart, Zweitland nicht vom Erstland, das Globale nicht vom Lokalen, Zugehörig-Sein nicht vom Fremdsein, da die Definition als Teil von etwas ein jeweiliges Anderes und also die Differenz voraussetzt und so die Exklusion ermöglicht. Zeit und Nation, Mann und Frau sind parallele Kategorien, mit denen Abgrenzungen geschaffen und diese auch verkörpert, essenzialisiert, naturalisiert werden. Diese Kategorien sind parallel, und ihre Parallelitäten werden sichtbar, wenn man danach fragt, was da mit Zeit und Raum erzählt wird, immer dann, wenn etwas als beispielsweise Zeit und Raum naturalisiert wird. Ein Beispiel für die Parallelität von Zeit und Raum ist, dass das, was mit Auslandsaufenthalt erzählt wird, als vorher und nachher in der Zeit, oder aber in mit Nation bezeichneten und in Räumen verkörperten Differenzen positioniert werden kann. Sowohl Zeit als auch Nation verkörpern Differenzen im Sinne polarisierter Gegensatzpaare. [50]

2.4 Erfahren und Erforschen in der Sprache

In P1 kam der zweiten Fremdsprache und fremden Zweitsprache neben der Muttersprache und den darin enthaltenen bekannten und verstandenen kulturellen Werten und Inhaltsbedeutungen eine besondere Bedeutung für die Analyse zu. Hierunter ist keine Positionierung in der Vorstellung der Nation zu verstehen, auch keine damit eng verknüpfte Vorstellung der Verschiedenheit von Nationen und den darin weiterlebenden Werten und Bedeutungen, wie sie sich auf P1 und das als Auslandsaufenthalt Verstandene, Erfahrene, Erforschte ausgewirkt hatten. Die Mehrsprachigkeit trug neben Erfahrenem und Erforschtem zu einem multiplen Verstehen und der Multiplizität des Verstandenen bei. Das zeigte sich da, wo die Komparation wie in P1 explizit zur Methode und Quelle der Erkenntnis wurde, aber auch da, wo das multiple Verstehen ein implizites Interpretationselement von erst- und zweitsprachlichen Texten wurde. Es trug zum Erkennen der Gemeinsamkeiten bei, die vielfältig erzählt werden und vielfältige Bedeutungen enthalten und so mit zur Formulierung der Resultate von P2 führten. [51]

Zum Zeitpunkt des Beginns von P2 hatte ich bereits acht Jahre in Dänemark gelebt, und ein Verständnis des dänischen Materials durch das deutsche Material, der dänischen Sprache durch die deutsche Sprache war schon lange nicht mehr notwendig. Als großer Vorteil erwies sich die Quellenwahl des Projekts über die Führungskräfte (P1), denn durch die Lektüre von dreißig Jahren Medienpublikationen zu diesem Thema hatte ich meine dänischen Sprachkenntnisse und vor allem meine Ausdrucksmöglichkeiten und meinen Wortschatz ganz erheblich erweitert. [52]

Während das erste Projekt noch in deutscher Sprache verfasst wurde, schrieb ich über das zweite Projekt neben Englisch vor allem auch in dänischer Sprache. Das Bereichernde ist dabei nicht, dass ich Reflexionen in anderen als meiner eigenen Sprache ausdrücken kann, denn das würde bedeuten, dass Reflexionen unabhängig von der Sprache sind, in der sie formuliert werden. Bereichernd hingegen ist, dass ich durch den langjährigen "Aufenthalt in der Zweitsprache" und anderen Sprachen die Möglichkeit habe, mich nicht nur in verschiedenen Sprachen ausdrücken zu können, sondern auch mit diesen Sprachen zu denken. Damit erweiterte ich die Möglichkeiten für das, was ich an Reflexionen formulieren kann. Die langjährige wissenschaftliche Tätigkeit im Zweitland führte zu einer Vervielfältigung der mir zur Verfügung stehenden bedeutungsgebenden Praktiken. Die Vielfalt der Reflexionen, die mir durch das Bewegen zwischen und innerhalb mehrerer Sprachen möglich ist, bereichert auch meine wissenschaftlich Arbeit. [53]

Wie Georg SIMMEL (1999, S.687) erklärte, drückt die Sprache Gedankenprozesse aus, die allerdings in Worten, aber nicht durch Worte verlaufen. Doch bestimmt die Sprache, wie und auch was gedacht werden kann. Verschiedene Sprachen ermöglichen die Formulierung verschiedener Gedankenprozesse, wie auch Gedankenprozesse und ihre Resultate verändert werden können, wenn sie in einer anderen Sprache gedacht werden, was beispielsweise bei der Übersetzung wissenschaftlicher Arbeiten in weitere Sprachen deutlich wird. Verstehen, Erforschen geschieht mit Sprache, aber nicht als Sprache: Erforschtes und Verstandenes sind nicht mit der Sprache identisch. Erforschtes und Verstandenes entstehen daher auch nicht durch Sprache. Die eigene Sprache sowie auch das Bewusst-Sein von der eigenen Sprache änderte sich durch das Erforschte, aber auch durch die Aneignung der zweiten Lebenssprache, die mit der Zeit ihren Charakter wechselte; was ich zunächst als Fremd-Sprache aufgefasst hatte, wurde zu einer meiner eigenen Sprachen. In diesem Sinne ist es nicht die Fremd-Sprache, die nach einer Mutter-Sprache zur Zweit-Sprache wird. Es ist die Sprache, derer ich mich gerade nicht bediene, die zur jeweiligen Zweitsprache wird. [54]

Einige Probleme entstanden während der Arbeit an P1 dadurch, dass ich P1 auf Deutsch geschrieben, auf Dänisch diskutiert und schließlich auf Englisch disputiert habe. Gedacht in der hierarchisierenden Sprache der polarisierenden Abgrenzungen, die im deutschen Material vorherrschend war, und übersetzt in die das dänische Material prägende Sprache der Gleichheit, veränderten sich Probleme, wie beispielsweise das der Ungleichheit. Vor allem der Wechsel zwischen Deutsch und Dänisch machte mir in den ersten Jahren nicht wegen fehlender Sprachkenntnisse zu schaffen, sondern weil sich meine Problemstellung veränderte oder gar verschwand, wenn ich eine in deutscher Sprache gedachte Fragestellung auf Dänisch erläutern und diskutieren wollte. [55]

Ein Beispiel für dieses Phänomen ist die Arbeitshypothese aus P1, dass eine bestimmte kulturell bedingte Einstellung zu Frauen deren geringeren Wert begründe und ihren Ausschluss aus hochqualifizierten Berufen und also eine Ungleichheit der Geschlechter bedinge. Ins Dänische übersetzt wurde diese Hypothese unklar: Wenn eine Sprache auf Gleichheitskategorien beruht, wenn also das jeweils Andere von Gleichheitskategorien umfasst und in diese integriert ist, dann kann man die Ausgrenzung in dieser Sprache höchstens als relative Ausgrenzung denken und als Teil dessen, von dem es ausgegrenzt wird. Man kann die Ungleichheit nicht als hierarchische Exklusion formulieren, der Charakter der Ungleichheit wird unpräzise (siehe dazu RITTENHOFER 2000), die Problemstellung musste modifiziert werden. [56]

Diese Problematik trug andererseits langfristig zum Verstehen dessen bei, dass beispielsweise Frau und Ausgrenzung weder implizit noch explizit gleichgesetzt werden können, dass Ausgrenzung seinen Ursprung also nicht im Geschlecht haben kann. Unterschiede, die als Geschlecht ausgedrückt werden, sind stattdessen eine Folge von geschlechtsexternen Ausgrenzungs- oder Selektionsmechanismen. Dieses Erkannte trug zur Begriffsbildung in P2 wesentlich bei und wurde in P3 erweitert auf weitere subjektivierende Kategorien wie Ethnizität oder WissenschaftlerIn. Ausgrenzung ist auch keine kulturelle oder wie auch immer definierte Essenz dieser Kategorien, sondern wird mit der Verkörperung in diesen Kategorien teils essenzialisiert, teils legitimiert. So wurde ein in das ursprüngliche Design von P3 eingebautes Paradoxon notwendigerweise aufgehoben: Ursprünglich war die Ausgrenzung von ausländischen WissenschaftlerInnen ein zentrales Thema, wohlgemerkt von solchen, die im dänischen Wissenschaftsbetrieb tatsächlich aktiv auf bezahlten Stellen tätig sind. Das Thema änderte sich von der Exklusion von Insidern zur Inklusion derer, die von außen kommen. Dieses Von-außen-Kommen wurde multipel kategorisiert, die Kategorisierung wurde keinesfalls auf AusländerIn oder Geschlecht begrenzt. Dies hatte Folgen für die Auswahl von InterviewpartnerInnen, auf die ich zurückkommen werde. [57]

Das Erkannte, das Erfahrene entsteht in der Sprache, es wird also mit Sprache erfahren und verstanden. Die dadurch bedingten Vielfältigkeiten, Veränderlichkeiten und auch Widersprüchlichkeiten des Erfahrenen, Erforschten lassen sich durch gelebte und erlebte Vielfältigkeiten der Sprachen leichter erkennen, es wird durch das Denken in den Worten und Bedeutungssystemen mehrerer Sprachen gefördert. Möglicherweise wird es bedingt durch die umfassenden Ähnlichkeiten der Verschiedenheiten und die verschiedenen Ähnlichkeiten der deutschen und dänischen Kulturen: denn was sich durch die Sprachvielfältigkeiten ändert, ist nicht so sehr, was erfahren werden kann, die Bedeutungsträger haben dieselben Ausformungen, sondern vor allem, wie erfahren werden kann. Bereits Erfahrenes wird verändert und erhält neue Bedeutungen. [58]

Wie ich mit den oben diskutierten Beispielen versuchte zu erläutern, geschieht Verstehen nicht als Sprache, sondern mit Sprache. In meinem Falle geschieht Verstehen sowohl in der Sprache der Gleichheit wie auch in der polarisierenden Sprache der Unterschiede. Was sich als der zentrale Punkt für meine wissenschaftliche Tätigkeit erwies ist, dass Verstehen jedoch durch Gleichheit, durch Gemeinsamkeiten oder durch Unterschiede geschieht. Kulturen besitzen keine Sprache und sind auch nicht mit Sprache identisch; Kultur mit Sprache zu beschreiben bedeutet, dass dieselbe Kultur als verschiedene Sprachen, als Facetten ihrer Vielfältigkeiten und Widersprüchlichkeiten verstanden werden kann. Die Strukturen der Gleichheit oder der polarisierenden Unterschiede werden als Nationalsprache erzählt zu Charakteristiken der Verschiedenheiten zweier Nationen. Fragt man jedoch, was mit Sprache erzählt wird, dann eröffnet sich die Möglichkeit, dass dieselben Bedeutungsträger oder Geschichten auch in weiteren Sprachen erzählt werden können. Das, was ich als Unterschiede der dänischen und deutschen Sprache in P1 beschrieb, gilt nicht nur für die für P1 zentralen Bedeutungsträger Nation, Geschlecht und Führungskraft, sondern auch für weitere Bedeutungsträger. Da ich Sprache selbst bisher nicht als bedeutungstragende Kategorie verstanden hatte, blieb mein Blick zunächst (auch) für diese Parallelitäten verschlossen. [59]

In der wissenschaftlichen Literatur treten die Charakteristiken, die ich für die dänische und die deutsche Sprache benutzte, auch als die von Prämoderne und Moderne auf, oder aber auch als die von unterschiedlichen Geschlechtermodellen (z.B. LAQUEUR 1992). Dabei wird oft auch hervorgehoben, dass das, was als Prämoderne und Moderne, als one-sex (Mann und Frau als graduelle Verschiedenheit einer als Menschsein konzipierten Gleichheit) und als two-sex Modell (polarisierte Grundverschiedenheit von Frauen und Männern) beschrieben wird, zwar zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstanden sei, jedoch gleichzeitig existiere. Dieser Gedanke der Gleichzeitigkeit kann auch auf das Quellenmaterial von P1 angewendet werden: Was als Gleichzeitigkeit von Moderne und Prämoderne beschreibbar ist, kann auch als Differenz zweier Nationen umschrieben werden. Das bedeutet, dass Nation und Geschlecht als parallele Kategorien verstanden werden können, aber auch, dass die Differenzsysteme, die in der Sprache der Quellen ausgedrückt werden, für keine der hier diskutierten Kategorien charakteristisch sind. Auch aus diesen Gründen lese und analysiere ich Texte jetzt zunehmend im weitesten Sinne als parallele Ausformungen von Vielfältigkeiten reduzierenden Differenzsystemen. [60]

2.5 Gast in der eigenen Gegenwart

Erforschtes hat auch Konsequenzen für Erfahrenes. Wenn ich zu Verkörperungen des Anderen werde, dann wird nicht retrospektiv meine Geschichte neu geformt und es werden ihr keine neuen Inhalte gegeben. Stattdessen wird eine vieler möglicher Geschichten mit vielen möglichen Inhalten geformt. [61]

Wird mein beruflicher Werdegang beispielsweise als die Geschichte einer Frau erzählt, die sich in einer Männerdomäne, der Wissenschaft, durchgesetzt hat, dann wird meine Vergangenheit zur Geschichte des Erfolgs des Anderen, zur erfolgreichen Überwindung des Handicaps des Anders-Seins, das mit Frau verkörpert wird. Dieselbe Erzählung, wenn auch unter anderen Vorzeichen, ergibt sich, wenn sie mit Ethnizität erzählt wird, als die Geschichte der Deutschen und ihrer wissenschaftlichen Laufbahn in Dänemark. Dieselbe Geschichte kann auch als Misserfolg erzählt werden: Als die Geschichte einer Frau, die keine Uni-Stelle ergatterte und der es also nicht gelang, an der Männeruniversität Fuß zu fassen. Als Inhaberin diverser zeitlich begrenzter Projektstellen ist sie auch in diesem Sinne lediglich Gast in ihrer eigenen Gegenwart – der Gegenwart des Arbeitsplatzes Universität. [62]

Mein Projekt über die dänische Forschungspolitik lehrte mich, dass mit Geschlecht erzählt wird. Die eben angeführten Beispiele illustrieren, wie meine Geschichte mit geformt wird und Bedeutungen erhält, die in der jeweiligen Gegenwart ihres Erzählens geschaffen werden. Wie oben bereits ausgeführt, wird das, was mit Geschlecht erzählt wird, nicht nur mit Geschlecht erzählt. P2 zeigte mir, dass die Geschichten eines begrenzten oder fehlenden Erfolges in eine Erfolgsgeschichte umgeformt werden können, wenn sie beispielsweise als Geschichte des freien Wettbewerbs und des mehrfachen erfolgreichen Konkurrierens um die vom Dänischen Forschungsrat verwalteten Forschungsgelder erzählt wird. In der Geschichte des freien Wettbewerbs und der Liberalisierung des Zugangs zu Forschungsgeldern, die eine zentrale Erzählung in der dänischen Forschungspolitik ist, wäre es dann die Uni-Stelle, welche die Bedeutung von geringerem Erfolg erhält. [63]

Die Inhalte dieser Geschichten werden zu meiner multiplen Gegenwart, erhalten mir bisher unbekannte Bedeutungen und tragen zu einem erweiterten Verstehen bei. Beispielsweise wurde mir erst durch P2 klar, dass die Unsicherheiten, die Projektstellen mit sich bringen, als größerer Erfolg gelten können als reguläre Universitätsstellen. In der Erzählung einer Geschichte mit Ethnizität ist das zu überwindende Handicap nicht mehr das Frau-Sein, sondern die erfolgreiche Überwindung von Sprach- und Kulturunterschieden, oder aber die Bereicherung der dänischen Wissenschaft durch eben diese Unterschiede. Wie mir P2 zeigte, kann die Überwindung von Sprach- und Kulturunterschieden auch mit Frau erzählt werden, wenn beispielsweise die Universität als Männerkultur beschrieben wird, die Wissenschaftssprache als Männersprache. Ebenso kann die Bereicherung der Universitätsforschung durch Sprach- und Kulturunterschiede mit Frau erzählt werden, wenn diese Unterschiede zur Grundlage von Forderungen nach der Einstellung von Frauen auf wissenschaftliche Stellen werden. In diesem Falle ist das implizite Ziel eine Bereicherung der Universitätsforschung durch die Ergänzung mit dem Anderen. Ich verweise hier auf den für das dänische Forschungsministerium erstellten Bericht "Ligestilling i forskning" [Gleichstellung in der Forschung] (1998). [64]

Auch diese Kategorisierungen wurden teils an mich herangetragen, teils erzählte ich sie als mein Selbst. Erhalte ich als das Andere und in der Gestalt der AusländerIn oder Frau die Bedeutung des Kultur-Seins, dann wird Kultur zu den Inhalten der Kategorien AusländerIn oder Frau gemacht und damit zu ihrem Charakteristikum. Im Gegensatz dazu sind die anderen (DänInnen, Männer) keine Kultur, sondern sie haben eine Kultur. Hier wiederholt sich die von der Geschlechterforschung problematisierte Auffassung davon, dass Frauen ein Geschlecht sind, während Männer ein Geschlecht haben. Ein Ich wird zur Vergangenheit, wenn die Emigration als Neuanfang konzipiert wird. Da die Vergangenheit nicht mit der so definierten Gegenwart übereinstimmt, werde ich auch in diesem Sinne zum Gast. Was mit Geschlecht, Ethnizität und Wettbewerb in der Forschung erzählt und zu Geschichten von Erfolg oder Misserfolg wird, waren zuvor nur Geschichten, die ich mit meinem Selbst erzählt und denen ich Bedeutungen des Persönlichen beigelegt hatte. Wenn diese Erzählungen zu Erzählungen meiner Person werden, erzählt von mir selbst oder anderen, wird eine Geschichte positioniert zu meiner Geschichte und Gegenwart, fremde Inhalte zum Eigenen, das Eigene zum Fremden und von peripherer Bedeutung. So entwickelten sich parallele Erzählungen des von mir Gelebten und meines Selbst und verdeutlichten mir, dass sich die eigene Gegenwart und Vergangenheit verwischen, dass die fremde Vergangenheit im multiplen Sinne eigene Gegenwart ist. Die Kategorien Erst- und Zweitland, verkörpert in der Nation, erweisen sich als Kategorien, die parallel verlaufen zu Vergangenheit und Gegenwart, InländerIn und AusländerIn. [65]

Die Frage, die mich also in P3 interessiert, ist nicht, was erfahren werden kann, sondern was als Erfahrenes kategorisiert und erzählt werden kann samt, welche Effekte damit erzielt werden, d.h. mit welchen Bedeutungen dieses Erfahrene versehen werden kann. [66]

3. Cultural Interviewing und transkribierte Kultur

3.1 Transkripte als Geschichte und Gegenwart

Die Parallelität von Bedeutungsträgern führte in der Konsequenz zur interdisziplinären Konzeption von P3. Wie bereits erwähnt, baut P3 auf Interviews auf. Es sind jedoch nicht die Interviews selbst, sondern die Transkripte der Interviews, die die Grundlage für die weitere Analyse bilden. Für den interdisziplinären Status dieser Transkripte will ich hier argumentieren. Interdisziplinarität ist eine Konsequenz der Prozesse, die ich oben darzustellen versuchte. Sie ist auch eine Konsequenz dessen, dass ich als Historikerin ausgebildet bin. Ich dachte deshalb über das Arbeiten mit Interviews nach, da diese in einem herkömmlichen Verständnis von der Geschichtswissenschaft als fachfremd aufgefasst werden können. [67]

In den abgeschlossenen Projekten waren meine Quellen historische Texte. Trotz ihrer Historizität werden sie zur Gegenwart, wenn ich ihnen als Fenster in das Wesen des als Zweitland Erfahrenen Bedeutung gebe, oder wenn ich sie auch dazu benutze, um meiner Lebensgeschichte neue Bedeutungen abgewinnen, diese neu erzählen zu können. Auch so wird Geschichte zur gelebten Gegenwart. Das Vergangene wird zum Gegenwärtigen, das Gegenwärtige zum Traditionellen. Diese Bedeutungen entstehen erst in der Gegenwart der Analyse von gegenwärtig historischen und als historisch gegenwärtigen Quellentexten. [68]

Die Parallelität der Entwicklung von erzähltem Erfahrenen und Verstandenen ermöglicht es, nicht nur das Material der historisch angelegten Projekte über WirtschaftsführerInnen, Forschungspolitik und Geschlecht als gegenwärtig betrachten zu können. Auch das Interviewmaterial meines laufenden Forschungsvorhabens kann als historisches Quellenmaterial betrachtet werden. In allen drei Projekten wird der Analyse von bedeutungsgebenden Praktiken aller Art nachgegangen. [69]

Transkripte wie auch als historisch ausgewiesene Quellen haben gemeinsam, dass die Grenzen zwischen einem Forschungs-Objekt und einem ForscherInnen-Subjekt nicht eindeutig gezogen werden können. Transkripte sind Interpretationen der von mir kreierten Daten, die sich aus der Wahl von InformantInnen, Themen und Fragen zusammensetzen. Die Transkripte wurden von einer dritten Person auf der Grundlage von Bandaufnahmen erstellt und werden von mir analysiert. Wer also ist die UrheberIn dieser Quellen? Hier wie auch in der Geschichtswissenschaft gilt, dass die WissenschaftlerIn dem Quellenmaterial Bedeutungen und Inhalte beilegt: Sie wählt die Fragestellungen und sammelt das von anderen produzierte Material nach von ihr eigens hierfür erstellten Kriterien. Sie stellt das Material selbst zusammen und verleiht ihm in dieser Zusammensetzung eine bestimmte Bedeutung. Erst in der Analyse werden die "Kreaten"7) zur Verkörperung der möglichen Antworten auf diese Fragen und zu einem Text-Körper, der die Illusion der Einheit und der Einheitlichkeit vermittelt. [70]

Auch hier ist die Frage nach dem Ursprung der Bedeutungen und Inhalte, die als Resultate vermittelt werden, nicht in eindeutigen, universellen und trennbaren Kategorien zu beantworten, und schon gar nicht in Termini der individuellen Subjektivität oder der subjektiven Individualität der UrheberIn von Quellen und Resultaten. Wie die HistorikerIn, so ist auch die interviewende ForscherIn DesignerIn ihrer eigenen Quellengrundlage, die eine von ihr bestimmte und erstellte Vergangenheit verkörpert. Dies wird von poststrukturalistisch orientierten GeschichtswissenschaftlerInnen zwar schon seit einigen Jahren diskutiert, doch wird die Konsequenz bisher kaum in den wissenschaftlichen Arbeiten von HistorikerInnen umgesetzt.8) [71]

In diesem Sinne also sind auch Transkripte historische Quellen. Historische wie auch transkribierte Quellen stehen unter vielen Gesichtspunkten parallel zueinander, auch was ihre Entstehung anbelangt. Beide können als ein Resultat dessen betrachtet werden, was von BELSEY (2001) als eine Konstruktion persönlicher Beziehungen bezeichnet wird, die den eigenen Interessen der WissenschaftlerIn dient. Transkripte sind als Erzähltes parallel zum Interviewzeitpunkt, auch wenn das, was Inhalt der Erzählung ist, manchmal nur ein halbes Jahr, manchmal aber auch bereits viele Jahrzehnte zurückliegt. Das Erzählte ist parallel mit der transkribierten Erzählung. Was immer erfahren wird, wird in Erzählungen vermittelt. Diese Erzählungen verkörpern nicht ein Selbst. Diese Erzählungen sind im Transkript verkörperte Sprache. Als solche geben sie keinen Zugang zu einem in der Gestalt der interviewten WissenschaftlerIn verkörperten Subjekt. [72]

3.2 Inklusion der von einem jeweiligen Außen Kommenden

In meinem Quellenmaterial zu zwanzig Jahren dänischer Forschungspolitik fand ich nur eine Handvoll WissenschaftlerInnen, die als ethnische Nicht-DänInnen in der dänischen Forschung sichtbar gemacht worden waren. Neben wissenschaftlich Erkanntem und lebensgeschichtlich Gewussten war es auch die Verärgerung über die Unsichtbarmachung der ethnisch nicht-dänischen Minderheiten, der von Frauen oder von, finanziell gesehen, niedrig bewerteten Forschungsbereichen, die hochqualifizerte und auch für die Gesellschaft wertvolle Beiträge geleistet hatten. Diese Verärgerung führte mit zum Entwurf des laufenden Vorhabens. Auch hier kam die Perspektive der Parallelitäten von kategorisierenden Bedeutungsträgern zum Tragen. Die als Nations-Fremde Ausgewiesenen werden überproportional häufig als nicht integrierbar und kriminell präsentiert; die als Geschlechts-Fremde Ausgewiesenen werden als Probleme oder notwendige, jedoch nicht ausreichende Ergänzung in der Wirtschaft oder der Forschung präsentiert; die als Forschungs-Fremde gekennzeichneten Wissenschaften werden nahezu ausschließlich als im wirtschaftlichen Sinne unproduktiv und daher ohne gesamtgesellschaftliche Relevanz ausgewiesen. [73]

Die diskursiv vermittelte bedeutungsgebende Kategorisierung von positionierten Relationen als Geschlechter, Forschungen und Ethnizitäten erweckt homogenisierende Vorstellungen von deutlich unterscheidbaren Gemeinschaften. Gleichzeitig wird die Bedeutung einer einschließenden Ausschließlichkeit dieser Gemeinschaften reproduziert. Hierdurch wird die Vorstellung von der Homogenität gesellschaftlich Privilegierter und privilegierter Gemeinschaften genährt. Auch können die so hergestellten Differenzen zwischen Kategorien als Barrieren essenzialisiert werden. Die imaginären Gemeinschaften eines wie auch immer kategorisierten Wir stellen einen Abstand zum jeweiligen Anderen her, das aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen ist. Wird diese Differenz als Geschlecht oder Ethnizität verstanden, dann kann der Abstand zwischen einer imaginären Gemeinschaft und einem ebenso imaginären Anderen Bedeutung als beispielsweise Barriere oder aber als Ausschluss erhalten. [74]

Gedacht als Parallelen können die imaginären Gemeinschaften aber auch eine (immer auch) positionierte Inklusion derer bedeuten, die in vielfachem Sinne "von außen kommen". D.h. dass Gemeinschaften wie die der UniversitätsforscherInnen sowohl als Gemeinschaften des Anderen als auch über ein multiples von außen Kommen charakterisiert werden können. [75]

Die Thematisierung von Inklusionen erfolgt aus dem Erkannten und aus dem Erfahrenen: der Fokus auf Exklusionen reproduziert Differenzsysteme in ihren vielfältigen Kategorisierungen, die diese Differenzsysteme legitimieren und naturalisieren. Exklusion erhält häufig legitimierende Bedeutungen, wenn sie ethnifiziert, vergeschlechtlicht oder verwissenschaftlicht und so verkörpert wird. Diese konzeptionelle Notwendigkeit folgt auch einem Argument von LATHER und SMITHIES (1997, S.196): "Any act of exclusion can preface exclusion based on ... whatever is identified as danger at a given moment of history". Dies gilt auch für die Thematisierung von Exklusionen und deren kulturelle Essenzialisierungen. Im dänischen Wissenschaftsbetrieb treten auch InländerInnen, auch Männer, auch die theoretischen und methodischen Präferenzen von WissenschaftlerInnen als Kategorisierungen eines von außen Gekommenen auf. Auch das führte dazu, dass ich von meinem ursprünglichen Vorhaben abwich, zur Hälfte Frauen und Männer und zur Hälfte ausländische und dänische AkademikerInnen zu befragen. Damit hätte ich Bedeutungsträger reproduziert, die Ausgrenzungen legitimieren. Stattdessen wurden multiple Bedeutungen des von außen kommend Grundlage für die Wahl von Interviewpersonen. Denn das Hauptthema der Inklusion setzt ja ein von außen kommen voraus. [76]

Von außen kommen kann in multiplen Bedeutungsträgern verkörpert werden. Für das Design meines Forschungsvorhabens über den Zusammenhang von Ethnizität, Geschlecht und universitärer Wissenschaft war es daher notwendig, meine InformantInnen nicht nur unter den WissenschaftlerInnen zu wählen, die von ausländischen Universitäten nach Dänemark kamen. Sie sollten auch Personen umfassen, die nach Dänemark gekommen oder hier aufgewachsen waren, bevor sie eine Universitätsausbildung überhaupt begonnen hatten. Eine zweitländische Kontaktperson, die ich per E-Mail angeschrieben hatte, um den Namen und die Adresse einer potentiellen InterviewpartneIn zu erhalten, reagierte auf mein Vorhaben, zur Hälfte dänische und zur Hälfte ausländische WissenschaftlerInnen zu interviewen, mit der Bemerkung: "Obwohl ich hier auch studiert habe und nicht erst nach meiner Universitätsausbildung nach Dänemark gekommen bin, bedeutet das keinesfalls, dass ich deshalb günstiger gestellt war". Außen hatte nicht nur etwas mit von außerhalb des Landes kommend zu tun, wie ich bisher das von mir Erfahrene interpretiert und auch naturalisiert hatte. Ich erkannte in dieser Rückmeldung eine weitere Wiederholung des Themas von außen kommen, verpackt in einer weiteren Erzählung, auf die ich bis dahin nicht aufmerksam geworden war. Ich bat auch diese Kontaktperson um ein Interview. So liegt die Repräsentativität meines Materials in den multiplen Bedeutungen, die außen beigelegt werden, was als außen erfahren wird, wie außen erfahren wird, und mit welchen Bedeutungsträgern außen geformt wird. Das schließt auch DänInnen mit verschiedenen Auslandserfahrungen sowie DänInnen mit ein, die innerhalb des Landes Universitäten wechselten, oder auch WissenschaftlerInnen, die als Kinder von Einwanderern nach Dänemark gekommen oder auch hier geboren waren, hier studierten und außerhalb Dänemarks wissenschaftlichen Tätigkeiten nachgingen. [77]

Auch das Kriterium der AusländerIn als aus dem Ausland kommende AkademikerIn wurde verändert und multiplen Bedeutungen der Ethnizität das Tor geöffnet. Das Kriterium wurde auch deshalb geändert, weil ich sonst das Erzählen als oder mit Ethnizität mit der physischen Anwesenheit einer AusländerIn gleichgesetzt hätte. Deshalb interviewte ich auch DänInnen und variierte die Frage nach der Bedeutung ihrer Ethnizität für den Alltag im Wissenschaftsbetrieb und für ihre Forschung. Beispielsweise stellte ich ihnen die Frage, was es für ihren Alltag und ihre Forschung bedeute, dass sie DänInnen seien. Durch diesen Ansatz vervielfache ich auch die Bedeutungen dessen, was es heißt, zwischen verschiedensten Forschungseinrichtungen gewechselt zu haben; es kann auch den Wechsel innerhalb des Landes bedeuten, oder Wechsel vom Inland ins Ausland und zurück ins Inland. [78]

Wenn Ethnizität nicht nur das Nations-Fremde umschreibt, dann erfüllt die Wahl ethnischer Nicht-DänInen, die Universitäten wechselten, auch dieses Kriterium. Ein weiteres Problem des ursprünglichen Kriteriums war, dass ich implizit davon ausgegangen war, dass nur die sichtbare Ethnizität Bedeutung erhält, dass Ethnizität als Ausformung eines Fremden keine Rolle spielen würde, wenn sie nicht physisch vor Ort erfahren werden konnte. Auch dies hätte einer kulturellen Essenzialisierung das Wort geredet. Daher wurde das Interview mit einer WissenschaftlerIn, an deren Institut sich ausschließlich ethnische DänInnen befinden, mit einbezogen. Alle diese Änderungen wurden notwendig, weil ich nach dem ursprünglichen Design das Vorausgesetzte reproduziert hätte, dessen Bedeutungen ich eigentlich zum Gegenstand der Analyse machen wollte. Die Entnaturalisierung essenzialisierter Subjekte und subjektivierter Essenzen fängt also bereits bei der Definition der Kriterien für die Auswahl der InterviewpartnerInnen an. [79]

Ausgangspunkt für die Wahl der Personen ist die Vielfalt, Diversität und Verschiedenheit der Gestaltungen des Außen: DänInnen, die zwischen dänischen Universitäten wechselten, DänInnen, die an mehreren ausländischen Universitäten tätig waren, WahldänInnen, mit oder ohne dänischer Universitätsausbildung, dänische Minderheiten mit Erfahrungen von mehreren Universitäten, beispielsweise mit Universitäten in einem oft skandinavischen Drittland, Erfahrungen mit Universitäten aus zwei oder drei verschiedenen Ländern, und so weiter. Die Diversität der Bedeutungsträger ist notwendig, um das Differenzdenken zu durchbrechen, das auch der Inklusion zugrunde liegt. Denn selbst die Inklusion setzt die Vorstellung einer Gemeinschaft und damit ein implizit Anderes voraus. Der Unterschied liegt nicht in der Frage, ob das Andere als Teil des anderen Anderen konzipiert, oder ob es von diesem Anderen ausgeschlossen wird, sondern darin, dass ein multiples Anderes zur Charakterisierung einer Gemeinschaft der universitätsangestellten WissenschaftlerInnen herangezogen wird. [80]

Eigene Erzählungen formen sich als wissenschaftliche Problemstellung und als Katalog von Fragen, die an die InformantInnen gerichtet werden. Bei der Bestimmung der Kriterien, die der Wahl der InterviewpartnerInnen zugrunde liegen, besteht das Risiko, dass vermutete Normen kreiert werden, wenn Kategorisierungen von Menschen entworfen, erwogen, verworfen oder gewählt werden. Dabei werden oft das Interessenszentrum und die für das Projekt und die WissenschaftlerIn zentralen Interessen gleichgesetzt mit der Zentralität dieser kategorisierten Interessen für die zu behandelnden Problemstellungen. Auch um diesem Risiko zu entgehen, konnten die Kriterien für die Wahl der InformantInnen nicht dieselben sein, die ich an meinem Ausgangspunkt formuliert hatte. Die Absicht, Personen (wie mich) mit ausländischem akademischem Werdegang im dänischen Wissenschaftsbetrieb gegen DänInnen abzugrenzen, hätte zu Zirkelschlüssen über die Bedeutungen von Geschlecht, Ethnizitäten und Wissenschaften geführt. [81]

Die ursprünglich geplante symmetrische Auswahl der InterviewpartnerInnen nach Geschlecht, Nationalität und Fachbereichen hätte bedeutet, dass ich nicht nur das Gewusste, sondern auch dessen essenzialisierende Bedeutungen reproduziert und damit auch naturalisiert hätte. Ich hätte als Kultur konzipierte Essenzen beschrieben und analysiert. Getreu weit verbreiteter moderner wissenschaftlicher Traditionen und traditioneller Wissenschaftlichkeiten hätte ich dann von diesen Resultaten auf generalisierte und generalisierbare Aussagen über AkademikerInnen, AusländerInnen, DänInnen, Frauen und Männer sowie über die berufliche Zugehörigkeit wie HumanistInnen oder NaturwissenschaftlerInnen als Ursache für das Erzählte schließen können. Das Erzählte wäre mit Erfahrung gleichgesetzt worden und zur Repräsentation einer sprach- und textexternen Wirklichkeit geworden. Die Transkripte hätten dann als Wahrheit dokumentierendes Gesprochenes gegolten, das Gesprochene selbst wäre als mit dieser Wahrheit identisch verstanden worden, und die Transkripte hätten als dokumentierte Beweise dieser Wahrheiten gegolten. Als Folge einer solchen Privilegierung und essenzialisierenden Generalisierung würde ich die wahre akademische AusländerIn, die wahre Frau, den wahren Mann, die wahre WissenschaftlerIn erst schaffen und die so naturalisierten Differenzen als natürlichen Ursprung reproduzieren. [82]

Ein weiteres Problem war, dass ich Geschlecht, Nationalität und Fachlichkeit zu selbstverständlichen und nahezu natürlichen Ursachen für Exklusionsprozesse erhoben hätte. Ich hätte von vornherein alle drei Kategorien zu zentralen Erfahrungskategorien erhoben und dadurch ausgeschlossen, dass die InterviewpartnerInnen für sie zentrale Kategorien zur Sprache bringen würden, die entweder ebenso bedeutsam oder noch bedeutsamer sind als die von mir gewählten. Ich betrachtete es außerdem als wichtig, dass ich keine der drei Kategorien selbst benutzte. Des weiteren würde auch die Bedeutung von Ethnizität im Wissenschaftsbetrieb als gegebene Bedeutung vorweggenommen. Dies hätte zur Reproduktion einer kulturellen Essenzialisierung des Anderen beigetragen, hätte ich daran festgehalten, dass alle InterviewpartnerInnen an Instituten beschäftigt sein sollten, an denen auch ausländische KollegInnen angestellt sind. Dieses Kriterium wurde verändert, denn die Tatsache, dass es eine ausländische WissenschaftlerIn am Institut gab, war ausreichend. [83]

Die Erzählungen, die als Transkripte vorliegen, und die Erzählungen, die in diesen enthalten sind, bezeichne ich in Anlehnung an SCOTT (1991) als parallele Narrative zum Thema Inklusionen: Als Inklusionen Erfahrenes sowie Erfahrenes, das erst in der Situation gewusst und dem erst da eine Bedeutung von Inklusionen gegeben wird. Das Transkript selbst ist eine Erzählung, da es eine Interpretation von vorausgehenden Interpretationen ist. Steinar KVALE (1997) machte darauf aufmerksam, dass ein Transkript bereits die Interpretation einer Bandaufnahme sei. Doch darüber hinaus ist ein Transkript eine von mehreren parallelen Interpretationen der Interviewsituation. Die jeweilige Interviewsituation selbst ist eine Interpretation dessen, was zwischen der fragenden und der erzählenden WissenschaftlerIn vor sich ging. Die Bandaufnahme ist eine weitere Interpretation dessen, was im Interview vor sich ging – Gesehenes, Gefühltes, Gerochenes werden nicht übermittelt, nur Gehörtes, wobei sich das von mir und von der Maschine Gehörte ebenfalls unterscheiden mag. [84]

Reflexionen über den eigenen Ausgangspunkt führen zu der Erkenntnis, dass Transkriptionen erzählte Interpretationen und interpretierte Erzählungen sind. Transkriptionen sind schriftliche Interpretationen nicht gesprochener, sondern gehörter Sprache. Die gehörte Sprache ist eine Interpretation der auf Band aufgenommenen Sprache, und diese Laut-Sprache ist wiederum eine Interpretation des gelebten und durchlebten Interviews. Transkript und gelebtes Interview sind nicht identische, sondern sie sind parallele sprachliche Formationen und als solche Erzählungen. Transkripte sind das, was von der bedeutungssgebenden Sprache des gelebten Interviews noch übrig bleibt. Als solche sind die Transkripte Artefakte, in denen Differenz geschaffen und ein jeweiliges Anderes bestimmt, festgesetzt, spezifiziert, geformt und mit Inhalten gefüllt wird. Artefakte bestehen aus gewählter, Bedeutungen konstituierende Sprache. Die interpretierten Erzählungen und erzählten Interpretationen sind Gestaltungen von Differenzsystemen und immer als Situierung und Positionierung im Rahmen eines augenblicklich Gegebenen zu verstehen. Als solche bieten sie keine Grundlage für eindeutige und universalisierende Generalisierungen in der Sprache einer "master-voice" (LATHER 1995). [85]

3.3 Interview auf der Ebene der Bedeutungsträger

Ein weiterer Ausgangspunkt für P3 war, dass ich zwischen der Wirklichkeit meiner Erfahrungen und den erfahrenen Wirklichkeiten zu unterscheiden begann. Die Lektüre von Joan W. SCOTTs (1991) brilliantem Aufsatz "The evidence of experience" verdeutlichte, dass zwischen tatsächlichen Erfahrungen und als Tatsachen Erfahrenem, Erfahrenes verkörpert in Tatsachen, unterschieden werden muss. Was sich als meine Erfahrungen formt und in ihnen naturalisiert ist, ist eine Repräsentation dessen, was von mir bereits gewusst wurde und was für mich wahrnehmbar und auch begreifbar ist. Das Gewusste ist nicht die erinnerte Erfahrung, sondern das erfahrene Erinnerte. Das gilt auch für die Interviews: Transkripte sind keine erzählten Erlebnisse, sondern Interpretationen positioniert und situiert erlebter Erzählungen, die aus im Interview erfahrenen Erinnertem entstehen. [86]

Wie das eigene Erfahrene auch, so sind durch Transkriptionen zu Dokumenten gewordene Erzählungen keineswegs transparent. Transkripte sind keine Repräsentationen von Erfahrungen und in diesem Sinne auch keine Repräsentationen von Wirklichkeit. Transkripte sind ebenso wirklich wie die in ihnen enthaltenen Erzählungen und diejenigen, die sie erzählten. Diese Wirklichkeiten sind diskursiv vermittelt, situiert und positioniert. Transkripte sind auch keine den Subjekten ureigenen Berichte über das, was sie durchmachten. Erst die Subjektivierung dieser Narrationen würde eine Verkörperung des Erzählten herstellen und so die Vorstellung von einem Körper als Ursprung ermöglichen. Ein solcher Ausgangspunkt würde die diskursiven Praktiken verschleiern, welche diese Narrationen organisieren. SprecherInnen erfinden nicht die Systeme, innerhalb derer sie sprechen, sondern diese bilden die Grundlage ihrer Reden (POTTER 1996, S.81) und also auch ihrer Erzählungen. Das bedeutet, dass nicht nur Geschlecht, sondern auch Transkripte als bedeutungsgebende Praktiken (SCOTT 1988) analysiert werden können. [87]

Phänomenen, die wir als Subjekte begrifflich zugänglich machen, kann keine universelle und kulturell unabhängige Essenz zugeschrieben werden. Subjekte sind positionierte Verkörperungen eines jeweils diskursiven Anderen, das in die Erzählungen über das Selbst akzeptierend oder widerstreitend integriert wird (SØNDERGAARD 1999). Transkripte als Zugänge zur Essenz von Subjekten zu verstehen hieße, sie als unabhängig von Sprache und ihren Differenzstrukturen zu verstehen, als Zugang nicht zu Erfahrenem und Erfahrbarem, sondern als Vermittler von Erfahrung. Transkript und Subjekt würden als identisch behandelt, das Transkript zur kulturellen Essenz dieses Subjekts werden. Geschlechtlichkeit, Ethnizität und Fachlichkeit können im allgemeinen sozialwissenschaftlichen Verständnis als Erfahrung wesentlich strukturierende Dimensionen der Interviewpersonen vor-verstanden und konzipiert werden. Dabei wird die Frage, wie die Person erfahren und was als Person verkörpert werden kann, zur Neben-Sache. Das gilt auch für die Fragetechnik. [88]

Was für das kulturwissenschaftliche Interview und die daraus folgende übertragene Kultur notwendig ist, um einer Reproduktion der logischen Selbstverständlichkeiten, der Logik der parallelen kategorisierten Ausformungen von Differenzsystemen (RITTENHOFER 2001b) zu entgehen, ist, wie BELSEY (2001) es für die Kulturgeschichte formuliert hat, eine "analysis on the level of the signifier". Eine Analyse von Transkripten gibt keine Einsicht in das Leben von Subjekten, die, so definiert als Gegenstand der Analyse, zu Verkörperungen von Objekten würden. Dieses objektivierte Subjekt würde dann zum von außen herangetragenen signifier des Transkripts, das Transkript zu seiner Verkörperung. Wichtig ist es, die Transkripte auf die darin enthaltenen signifier hin zu untersuchen, zu fragen, was, wie und wann signified wurde, und dies auch über die häufig mit Individuen parallelisierten Grenzen einzelner Transkripte hinweg, die in ihrer Gesamtheit auf Muster und Strukturen hin durchforstet werden. Bei der Analyse der Transkripte geht es auch um die Erkundung von Parallelitäten im Erzählten, von Instabilitäten und Widersprüchlichkeiten. [89]

Erfahrenes wird im Interview zu Erzählungen, Interviews sind keine Erfahrungsdokumente. Da Narration und Sprache nicht getrennt werden können, können auch Fragestellung und Interviewfragen nicht von Sprache getrennt werden. Das bedeutet, dass die Fragen so weit wie möglich offen sein müssen für die Bedeutungen, die die Interviewpersonen etablieren, wenn über bestimmte Themen gesprochen wird. BELSEY (2001, S. 302) weist darauf hin, dass signifiers bestimmend dafür sind, wie wir die Welt verstehen. Darüber hinaus sind sie auch bestimmend dafür, wie wir uns selbst verstehen und wie wir verstanden werden. Interviewt man auf der Ebene des signifiers, dann bedeutet das auch, dass die Konzeptualisierung der Transkripte, die Bedeutungen, die wir ihnen beimessen, die Schlüssel zu ihrem Verstehen sind. [90]

Um zu erfahren, ob und gegebenenfalls wann Themen in den Bedeutungsträgern meines Interesses (Geschlecht, Ethnizität, Wissenschaft/Forschung) verkörpert werden, und ob sie ausschließlich in diesen verkörpert werden, wurde es erforderlich, den Fokus der als Leitfaden dienenden Interviewfragen zu verschieben.9) Die Notwendigkeit, die Kategorien meines Interesses zu dezentralisieren, führte dazu, das Thema Inklusion in drei thematische Bereiche zu unterteilen: Die Begegnungen mit den Arbeitsstätten, die Begegnungen mit den Umgebungen der Forschungseinrichtungen, und die Begegnungen mit den KollegInnen. [91]

Ein Interview auf der Ebene der Bedeutungsträger ist das, was ich mit dem Begriff des cultural interviewing bezeichne. Es fängt bereits bei der Definition der Auswahlkriterien für die InterviewpartnerInnen an und umfasst die Bestimmung von Themenbereichen sowie die Art der Analyse. Das bedeutet, dass die kontextuellen Relationen und ihre Kontexte in den Transkripten als verkörperte Kultur zu finden sind und nicht außerhalb. Andernfalls würde ich existierende Vorstellungen als Kausalitäten essenzialisieren und reproduzieren. Auch wenn die Relation der drei Bedeutungsträger (Geschlecht, Ethnizität und Wissenschaft bzw. Forschung) im Zentrum meines Interesses stehen, verschob ich den Fokus des Interviews so, dass ich erst ganz zum Schluss und auch nur in den Fällen, wo keines der drei zur Sprache kommt, diese explizit zur Sprache bringe. Die vorbereiteten Fragen dienen als Leitfaden und werden nur dann angewandt, wenn die darin berührten Themen nicht von selbst angesprochen werden. Alle InterviewpartnerInnen bekamen dieselbe Eingangsfrage gestellt, in der ich sie bitte, mir von ihren ersten Tagen an dem Arbeitsplatz zu erzählen, an dem sie sich zum Zeitpunkt des Interviews aktuell befinden. Ich analysiere nicht nur "on the level of the signifier", sondern interviewe auch auf dieser Ebene. [92]

3.4 "Man ist immer ein bisschen mehr Gast"

Der folgende Auszug aus einem Transkript ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Kategorien Ethnizität oder Fremdsein, Geschlecht und Berufsbezeichnung parallel zueinander verlaufen. Was ich oben als multiples Gastsein beschrieben habe, wird hier als "ein bisschen mehr Gast" beschrieben und also nicht im Fremdsein oder im Frau-Sein angesiedelt. (Das Interview wurde auf Dänisch durchgeführt und der Auszug von mir ins Deutsche übersetzt. Informationen wie Berufsbezeichnungen oder Zeitangaben wurden anonymisiert).

Wissenschaftlerin: Ich bin nie auf Hindernisse gestoßen, aber ich habe mich unglaublich angestrengt, weil ich fremd war, und vielleicht auch weil ich Frau war. ... Ich bin mir dessen sehr bewusst, dass ich vielleicht irgendwo, dass äh, das ich ein kleines bisschen mehr leisten muss als der Durchschnitt, und der Durchschnitt ist, hoch, also das ist es nicht... Auf dieselbe Weise, wie, wie, wie ich es merke, zum Beispiel, als, äh, als Minderheit in einem Land, dass ich fühle, dass man sich ein bisschen ordentlicher benehmen muss als, als die meisten, weil, äh, weil man sichtbarer ist, und weil man in Anführungszeichen ein bisschen mehr Gast ist, nicht, und das, das kann man weiter sein, wenn man hier auch seit [sehr vielen Jahren] gewohnt hat.10) [93]

Eine meiner Interessen an P3 gilt den vielfältigen Kategorisierungen des von außen kommen. Das aus den Intersektionalitäten von Sprache, Erforschtem, Erfahrenem entstandene Konzept der parallelen Kategorien hatte nicht nur Folgen dafür, wie ich meine InterviewpartnerInnen wählte, sondern auch für meine Fragetechnik. Der folgende Auszug ist aus demselben Transkript und soll zeigen, dass dieses Konzept der parallelen Kategorien sich auch auf meine im Interview gestellten Fragen auswirkte.

Ich: Aber dieses Gefühl, fremd zu sein, dass Du etwas extra leisten musst oder vielleicht rechtfertigen musst, dass man nun in einer bestimmten Position sitzt, hast du das beispielsweise auch, wenn du, wenn du außer Haus arbeitest, sozusagen, nicht, wenn du im Krankenhaus mit ÄrztInnen zusammenarbeitest, die vielleicht nicht notwendigerweise Verständnis haben für eine [Berufsbezeichnung] oder für, für deine Forschung? Hast du dann auch dieses Gefühl? Oder hat es vor allem was damit zu tun, dass du aus einem anderen Land kommst?

WissenschaftlerIn: Ja, da, da glaube ich, dass du, du Recht hast, dass ich dasselbe Gefühl habe, dass man, wenn man mit ÄrztInnen zusammenarbeitet, dann muss man sich extra anstrengen als [Berufsbezeichnung], äh, zum Beispiel um genauer zu sein ... Äh, (Pause), um einem, äh, einem stereotypen Bild entgegenzuwirken, also ich glaube, das ist es, äh, was den Kern dieses Gefühls ausmacht, das ist ein, ein Wunsch, Stereotype abzubauen.

Ich: Über [Berufsbezeichnung]?

WissenschaftlerIn: Ja, zum Beispiel, über Fremde, über [Berufsbezeichnung], nicht, wenn, wenn ich, wenn ich sage, dass ich mich mehr anstrenge, dann ist das weil, man, man kämpft nicht gegen die Vorurteile seiner Kollegen, so gesehen, sondern man kämpft gegen einige Stereotype, nicht... Äh, man bemüht sich sehr, oder ich bemühe mich sehr, beispielsweise rechtzeitig zu Terminen zu erscheinen, nicht, denn sonst hat man südländisches Zeitgefühl. Ich bemühe mich mehr, mich so präzise auszudrücken wie überhaupt möglich, und, äh, und, und habe äh, meine Kriterien soweit wie überhaupt möglich in Ordnung, also wenn ich arbeite, mit ÄrztInnen zusammenarbeite, weil es da auch ein stereotypes Bild von den verrückten [Berufsbezeichnung] gibt, was, was ich nicht kontrollieren kann, deren Welt und so, also da, da glaube ich schon, dass, äh, wenn ich sage, dass ich mich mehr bemühe, also was ich wirklich meine, das ist, dass ich in, in diesen Zusammenhängen, in die ich eingehe, da, da glaube ich, dass ich sehr dafür arbeite, ich will nicht sagen, dass ich subversiv bin, also ich bin nicht aufrührerisch, äh, aber, aber das äh, ein bischen aufzurütteln, äh, die fest verankerten Bilder der Leute, mich nicht auf diese Weise in, in eine Schublade zu stecken, aber auch durch mich selbst die Bilder zu verändern, die sie haben mögen, wie [Angehörige des Herkunftslandes] sind, oder wie Frauen sind, oder wie [Berufsbezeichnung], oder so ...11) [94]

Das Konzept der Entwicklung paralleler Erzählungen hatte weitere Folgen für P3. Die in den Interviews enthaltenen Erzählungen sowie die jeweiligen Interviews werden quer zueinander als parallele Interpretationen des Themas der Inklusionen gelesen und analysiert. Es würde hier jedoch zu weit führen, darauf anhand von Beispielen näher einzugehen. Nicht die Faktualität der in den Transkripten beschriebenen Ereignisse, sondern wie sie erzählt werden, als was sie erzählt werden, in welchen Bedeutungsträgern sie Gestalt annehmen, in welchen Kategorien sie legitimiert und erklärt werden, steht im Zentrum meiner Analyse. Auch um die oft als Essenz verstandene Bedeutung von Geschlecht und Ethnizität hinterfragen zu können, fragte ich nach, ob dieses Gastsein auf Ethnizität beschränkt sei. [95]

Die Parallelität der Bedeutungsträger ist eine Folge der immerwährenden Flüchtigkeit der etikettierenden und bedeutungsgebenden Praktiken, die in ihnen verkörpert werden. Gastsein ist nicht nur eine Frage der Nation, es kann auch eine Frage des Geschlechts, der Fachlichkeit, der Berufssituation etc. sein. Geschichte ändert sich zu Geschichten, zu parallelen Geschichten. Der Auszug soll veranschaulichen, dass auch Fachlichkeit als Fremdsein erzählt und dass auch mit Fachlichkeit die Inklusion des Anderen erzählt werden kann. Gleichzeitig soll der Auszug illustrieren, dass die Gemeinschaften der WissenschaftlerInnen sich immer aus positioniert Anderen zusammensetzen. In diesem Sinne sind Universitäten nicht andere Kulturen, sondern Kulturen des Anderen oder auch Kulturen, die das Andere kultivieren. Homogenität kann so die Bedeutung von Heterogenität erlangen. [96]

Die Transkripte von P3 präsentieren nicht nur die Sinngebungen des Erfahrenen, sondern fügen diesem Erfahrenen auch Sinngebungen hinzu und variieren es dadurch. Formuliert in der Sprache der Differenz ist das Erfahrene die Emigration in ein multiples Anderes, geformt als Nation oder als Wissenschafts- und Universitätssystem. Emigration bedeutet hier die Überschreitung von dem, was als Grenzen wahrgenommenen wird, um sich in neue Räume zu bewegen, die durch Kategorisierungen geschaffen sind und zu Bedeutungsträgern werden. Formuliert in einer diese Grenzen transzendierenden Sprache ist es die Migration einer WissenschaftlerIn innerhalb der Wissenschaften, der Universitäten, innerhalb akademischer Räume wie beispielsweise den Zentren für Geschlechterforschung. Damit werden die Ursprünge, die Herkunft zu Fiktionen ohne Bedeutungen. In den Interviews ist es daher von großer Wichtigkeit, dass die Erzählungen zu allen drei Themen eine vergleichende Perspektive enthalten. [97]

4. Multiples Verstehen und seine Flüchtigkeit: Konklusionen

Der mehrjährige Auslandsaufenthalt machte es notwendig, das Kulturelle im Persönlichen zu erkennen und das Persönliche als Kulturelles zu erfahren und mit Sprache zu verstehen. Nicht die Auslandsbeschäftigung, sondern das Nachdenken darüber, was ich mit Auslandsbeschäftigung ausdrücke, ändert die Perspektive auf Erforschtes und Erfahrenes vom relativ Eindeutigen und selbstverständlich Gegebenen zur Multiplizität des immer nur positioniert und situiert Gegebenen, das auch als Flüchtigkeit bezeichnet werden kann. Sowohl die zentrale These der hier dargestellten, abgeschlossenen Projekte sowie der Ansatz des laufenden Forschungsvorhabens wären nicht möglich gewesen ohne die gelebte Vielfalt, die nicht länger in der Sprache des exklusiven Anderen als Zeiten, Länder, Sprachen, Subjekte oder Kulturen eindeutig und unveränderlich signifiziert werden kann. So ist es die Vervielfältigung der bedeutungsgebenden Praktiken, die eine Folge der Vervielfältigung der eigenen Sprachen ist, die als Bereicherung erzählt werden kann. Diese Bereicherung wiederum kann mit der langjährigen wissenschaftlichen Tätigkeit in einem Zweitland erzählt werden. Ich kann mit einer Vielfalt von bedeutungsgebenden Praktiken analysieren, erzählen, begreifen und leben. Diese Vielfalt wäre mir nicht zugänglich gewesen ohne das Nachdenken über die Prozesse, die ich zunächst als Auslandsaufenthalt erfahren habe und dann mit Auslandsaufenthalt analysiert und auch erforscht habe. Die Folge ist nicht, dass ich eine neue Vergangenheit, eine neue Gegenwart bekommen hätte, sondern dass sich meine Erzählungen vervielfältigt haben, die, jeweils als Vergangenheit, als Gegenwart hervorgehoben, auch die Bedeutung des Vergangenen und des Gegenwärtigen erhalten können. Auch die Bedeutungen bereits gekannter, mit Leben und Forschen erzählter Geschichten werden vervielfältigt, wobei bereits existierende Bedeutungen nur jeweils positioniert aufgehoben werden [98]

Ich habe Differenzen, die als Zeit erzählt werden, mit der Verwischung von Vergangenheit und Gegenwart kontrastiert, doch auch mit der Parallelität von Kategorien wie Zeit und Raum verbunden. Erfahrenes und Erforschtes verändern ihre Bedeutungen abhängig davon, wie ich meine Gegenwart erzähle. Dies führt zu einem veränderten Verstehen, das mit der Parallelität von Kategorien verbunden ist: nämlich die Gemeinsamkeit der in diesen Bedeutungsträgern jeweils verkörperten Differenz. Das Resultat ist eine verschärfte Aufmerksamkeit auf und Interesse an länder-, personen- und sprachübergreifenden wissenschaftlichen Entwicklungen. Die konstanten Grenzverwischungen machen die Interdisziplinarität der eigenen Arbeit um so dringlicher und haben zu der Entwicklung eines Konzepts für die qualitative Forschung geführt, das ich mit dem Begriff des cultural interviewing bezeichnet habe. [99]

Die als Überschrift gewählte Metapher "Gast in der eigenen Gegenwart" illustriert die zentralen Argumente meines Beitrags, die auf die Entnaturalisierung von subjektivierenden Kategorien wie die der EmigrantIn abzielen. Ich versuche in diesem Beitrag plausibel zu machen, wie ich zu der Auffassung kam, dass es sich bei Positionierungen wie die der EmigrantIn nicht um Subjektpositionen, sondern um eine von vielen Subjektivierungsmöglichkeiten von Positionen handelt, deren Wahrnehmung kulturell bedingt ist. Da Subjektivierungen wie auch Bedeutungen immer erst in der Gegenwart entstehen und ebenso flüchtig sind wie diese Gegenwart selbst, in der sie multipliziert werden, sind alle, ob als Emigrierte oder nicht, immer auch Gäste in ihrer eigenen Gegenwart. Das bedeutet, dass die Emigration positioniert als Voraussetzung für Gastsein erzählt werden kann, die Emigration nicht aber notwendigerweise eine Voraussetzung hierfür ist, und dies unabhängig davon, ob es sich dabei um die Selbst-Positionierung einer EmigrantIn handelt oder nicht. [100]

Entscheidend für meine wissenschaftliche Tätigkeit ist also letztendlich das, was mit der langjährigen wissenschaftlichen Tätigkeit im Zweitland erzählt, erfahren, verstanden, begreifbar und reflektierbar geworden ist. [101]

Anmerkungen

1) Der Begriff Bedeutungsträger wird hier synonym mit dem Begriff Kategorie angewandt. Bedeutungsträger ist meine Übersetzung des englischen Begriffes "signifier" (BELSEY 2001). Signifier bezeichnet die legitimierenden Funktionen, die Kategorien innerhalb von Signifikationssystemen (systems of signification, MILLS 1997) zukommen. Diese Systeme sind ein Element der von FOUCAULT benannten diskursiven Regeln und Strukturen. Subjekt, Selbst, WissenschaftlerIn, Auslandsaufenthalt, Geschlecht, Ethnizität, Zeit – alle diese Begriffe sind im Folgenden als Kategorien zu verstehen. <zurück>

2) Einer der von mir für ein laufendes Forschungsvorhaben interviewten Wissenschaftler hat seine jahrelangen Erfahrungen mit ausgeprägter internationaler Zusammenarbeit mit Kollegen seines Fachbereichs so beschrieben (meine Übersetzung): Poststrukturalismus "ist sozusagen etwas, das, das, eine Notwendigkeit wird, wenn man von der Alltagswirklichkeit ausgeht, deren Teil man wird, dass man mit anderen Typen wissenschaftlicher Milieus zusammengemischt wird". Dieses Zitat dient auch als ein Beleg für das später angeführte Argument, dass dieses Erfahrene keine Essenz des Auslandsaufenthaltes ist. <zurück>

3) Dieses fünfjährige Rahmenprogramm trägt den (von mir übersetzten) Titel "Geschlechterbarrieren in den weiterführenden Ausbildungen und in der Forschung" und wurde im Frühjahr 2002 mit einer zweitägigen Forschungskonferenz abgeschlossen. <zurück>

4) Ich danke an dieser Stelle meiner Kollegin Kirsten GOMARD hier am CEK für ihre Kommentare zu einem älteren Entwurf dieses Aufsatzes und für die anregende Metapher der Flüchtigkeit des Interviews. <zurück>

5) Um kurz auf den Begriff der Wahrnehmung einzugehen: MERLEAU-PONTYs (1982, S.12) Beschreibung der wahrgenommenen Welt als immer bereits vorweggenommene Formation aller Rationalität war mir lange nur in Joan SCOTTS 1986 (1988) vorgelegter und damals bahnbrechender Definition von Geschlecht als "wahrgenommene Unterschiede der Geschlechter" bekannt und zugänglich. SCOTT verbindet diese Definition jedoch mit den Begriffen Michel FOUCAULTs und denen von Jacques DERRIDA. Anders formuliert, verstand ich diesen Gedankengang aus meiner Kenntnis der Geschlechterforschung heraus und wandte ihn zunächst, z.B. in P1, nur auf die Kategorie Geschlecht an. Auch vor diesem Hintergrund kann die Fragestellung von P1 nach der geschlechtsabhängigen Einstellung zu Führungskräften verstanden werden. <zurück>

6) Die Metapher "Aufenthalt in der Zweitsprache" illustriert zwei Pointen. Erstens veranschaulicht sie die Parallelität von Zweit-Land und Zweit-Sprache und somit die kontextspezifische Parallelität der Kategorien Raum und Sprache. Zweitens möchte ich damit ausdrücken, dass man, wenn man zwischen Sprachen wechselt, sich in verschiedenen Bedeutungswelten bewegt. Welt ist eine der Kategorien Raum, die es ermöglicht, Bewegungen in einer Sprache, aber auch innerhalb einer Sprache zu beschreiben. Diese jeweiligen Bedeutungswelten beeinflussen dann die jeweiligen Wahrnehmungen. Dies gilt auch dann, wenn die jeweils wahrgenommenen "realen" Welten nicht verschieden sind. <zurück>

7) Wendy STAINTON-ROGERS (2000) hat vorgeschlagen, dass der englische Begriff "data" mit dem Begriff "kreata" ersetzt werden solle (zitiert in BENDIX & STAUNÆS 2000, S.9). Übersetzt ins Deutsche entspräche dies der Ersetzung des Begriffes Daten mit Kreaten. Laut BENDIX und STAUNÆS stellt dies auf zwei Ebenen eine Herausforderung dar: Eine Herausforderung des epistemologischen Erkenntnisrationalismus und Universalismus und des ontologischen Essenzialismus. Daten sind nicht passiv, sprechen nicht für sich selbst, warten nicht einfach in einem Irgendwo darauf, erfasst zu werden, sondern sie werden nach zuvor definierten Kriterien erstellt. Kreaten entstehen immer in mehreren verschiedenen Kontexten und in der Zusammenarbeit mehrerer verschiedener Akteure. In diesem Sinne sind Kreaten weder reiner Text noch reine Daten. <zurück>

8) So wird das Interview meiner Kenntnis nach bisher als sozial- oder politikwissenschaftliche Methode oder auch beispielsweise in der Psychologie angewandt, nicht jedoch als Methode zur Erstellung historischer Quellen. Auch ist mir der Begriff des cultural Interviewing und das damit umschriebene Konzept aus der einschlägigen Literatur nicht bekannt. <zurück>

9) Cultural interviewing ist kein leitfadengestütztes Interview. Cultural interviewing ist eine auf Prinzipien und Strategien von Diskursanalyse und Dekonstruktion aufbauende Weiterentwicklung des narrativen Interviews. Deshalb ist hier eine kurze Bemerkung zum Begriff des Leitfadens angebracht. Um das spezifische des cultural interviewing erkennen zu können, ist eine Kenntnis dieses Leitfadens nicht notwendig. Denn es sind die Themen und nicht die Fragen, die hierfür von zentraler Bedeutung sind. Die vorbereitenden Fragen sind als Zugang zu oder als Einstieg in ein Thema gedacht. Ich komme nur dann auf sie zurück, wenn eines der von mir gewählten Themen im Verlauf des Interviews nicht berührt wird. Dieser Leitfaden wurde nie in seiner Gesamtheit angewandt. Wenn ich auf einige der Fragen zurückgegriffen habe, wurden sie mit Ausgangspunkt in der Situation und dem bereits Angesprochenen formuliert mit dem Ziel, eines der angestrebten Themen zur Sprache zu bringen. Die vorbereiteten Fragen werden also nicht einfach vom Papier abgelesen. In diesem Sinne ist der Begriff Leitfaden irreführend. Ich hatte ursprünglich den dänisch/englischen Ausdruck "guide" verwendet. Da der Begriff Leitfaden in den eher klassischen Interviewformen eine bereits vordefinierte und feste Bedeutung hat, möchte ich hier hervorheben, dass Leitfaden hier im Sinne von Wegweiser, Ratgeber oder Richtungslinien zu verstehen ist. <zurück>

10) [Interview 5, Originalsprache] Forsker: Jeg har aldrig mødt nogen, øh, nogen forhindringer, men jeg har gjort mig utrolig meget umage, fordi jeg var fremmed, og måske også fordi jeg var kvinde ... [J]eg er mig det meget bevidst, altså jeg er meget bevidst, at jeg måske et eller andet sted, at øh, at jeg skal yde en lille smule mere end gennemsnittet, og gennemsnittet er højt altså, det er ikke det ... På samme måde som, som, som jeg fornemmer det, for eksempel, som, øh, som minoritet i et land, at jeg føler, at man må opføre sig en lille smule mere ordentligt end, end de fleste, for, øh, fordi man er mere synlig, og fordi man er i gåseøjne lidt mere gæst, ikke, og det, det kan man blive ved med at være, når man så har boet her i [x] år. <zurück>

11) [Interview 5, Original. P = InteviewpartnerIn, I = InterviewerIn] I: Men den der følelse af at være fremmed, at skal gøre noget ekstra eller måske retfærdiggøre, at man nu sidder i en bestemt position, har du det for eksempel også, hvis du, når du arbejder uden for huset, så at sige, ikke, når du arbejder på et hospital sammen med nogle læger, som måske ikke nødvendigvis har en forståelse for en [fagperson] eller for, for din forskning? Har du så også den følelse? Eller har det mest at gøre med, at du kommer fra et andet land?

P: Ja, det, det tror jeg, du, du har ret i, at jeg har den samme følelse, at man, når man samarbejder med læger, så skal man gøre sig ekstra anstrengelse som [fagperson], øh, for eksempel for at være mere præcis ... Øh, (pause) for at modvirke et, øh, et stereotypt billede, altså jeg tror, det er det, øh, som er kernen i denne følelse, det er et, et ønske om at nedbryde stereotyper.

I: Om [fagpersoner]?

P: Ja, for eksempel, om fremmede, om [fagpersoner], ikke, hvis, hvis jeg, hvis jeg siger, jeg gør mig mere umage, så er det fordi, man, man kæmper ikke imod sine kollegers fordomme, sådan set, men man kæmper imod nogle stereotyper, ikke... Øh, man gør sig mere umage for, eller jeg gør mig mere umage for, for eksempel at komme til tiden til aftaler, ikke, fordi ellers har man sydlandske tidsfornemmelser. Jeg gør mig mere umage for at udtrykke mig så præcist som overhovedet muligt, og, øh, og, og have, øh, orden i mine, øh, kriterier så meget som overhovedet muligt, altså, når jeg arbejder, samarbejder med læger, fordi der er også et stereotypt billede om lala [fagpersoner], som, som ikke har styr på, på deres verden og sådan noget, altså der, der tror jeg nok, at det, øh, når jeg siger, at jeg gør mig mere umage, så i virkeligheden det jeg mener, det er, at jeg er i, i de sammenhænge hvor jeg er, så, så tror jeg, at jeg arbejder meget for at, jeg vil ikke sige, jeg er subversiv, altså jeg er ikke oprørsk, øh, men, men at øh, at ryste lidt de, øh, fastsatte forankrede billeder for folk, til ikke at sætte mig i, i, i bås på den måde, men også at forandre via mig de billeder, de måtte have, hvordan [nationalitet] er, eller hvordan kvinder er, eller hvordan [fagpersoner] er, og sådan noget. <zurück>

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Zur Autorin

Iris RITTENHOFER ist zur Zeit forskningslektor am Institut for Historie og Områdestudier (IHO), Afdelinger for Europastudier og Kønsforskning, Aarhus Universitet, Dänemark. Sie hat Geschichte, Philosophie und Germanistik an den Universitäten Heidelberg, University of Massachussetts at Amherst und der Universität Bielefeld studiert. 1991 Magistra artium, Universität Bielefeld. Migration nach Dänemark. 1992 einjährige Zusatzausbildung in Geschlechterforschung an der Universität Aarhus, Dänemark. 1994 Doktorandinnenstipendium der Universität Aalborg (Frauenforschungszentrum FREIA), Dänemark. 1995 Geburt einer Tochter. 1999 Ph.D. der Universität Aalborg. 1998 bis 2000 Forschungsprojekt: Der Magnet Geschlecht. Eine Kulturanalyse der dänischen Forschungspolitik 1970 – 1990. Wissenszentrum für Lernprozesse (VCL), Aalborg Universitet. 2000 Geburt der jüngsten Tochter. Iris RITTENHOFER arbeitet gegenwärtig an einem Forschungsvorhaben mit dem Arbeitstitel "Cultures of imagined communities: ethnicities, gender and universities" (2001 bis 2003).

Kontakt:

Iris Rittenhofer

Institut for Historie og Områdestudier (IHO), Afdelinger for Europastudier og Kønsforskning
Aarhus Universitet
Jens Chr. Skovs Vej 5
8000 Århus, Dänemark

Tel.: +8942 6458
Fax: 8942 6463

E-Mail: cekir@hum.au.dk

Zitation

Rittenhofer, Iris (2002). Gast in der eigenen Gegenwart. Über die wissenschaftlichen Folgen der langjährigen Beschäftigung von WissenschaftlerInnen im Zweitland [101 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research], 3(3), Art. 17, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0203171.

Revised 2/2007



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