Volume 3, No. 2, Art. 2 – Mai 2002

Rezension:

Victoria Hegner

Dorothée Ninck Gbeassor, Heidi Schär Sall, David Signer, Daniel Stutz & Elena Wertli (1999). Überlebenskunst in Übergangswelten: Ethnopsychologische Betreuung von Asylsuchenden (herausgegeben von der Asyl-Organisation für den Kanton Zürich, mit einem Vorwort von Danielle Bazzi). Berlin: Reimer, 151Seiten, ISBN 3-496-02669-3, EUR 22,50

Zusammenfassung: Das vorliegende Buch ist das erste von bisher zwei erschienenen Büchern des Ethnologisch-Psychologischen Zentrums in Zürich. In der Einrichtung der Asyl-Organisation für den Kanton Zürich finden Asylsuchende in schweren Krisen stationäre oder ambulante Betreuung. Die Flüchtlinge, die hierher kommen, sind dem Krieg, der Folter und/oder dem Gefängnis in der einstigen Heimat physisch entkommen. Die Migration und allmähliche Ankunft im kulturell und sozial Neuen stellt für sie jedoch eine Überforderung dar. Sie sind psychisch erkrankt und können ohne Unterstützung den Alltag kaum bewältigen. In den drei Häusern der Organisation, den so genannten Foyers finden die Asylsuchenden Aufnahme und treffen mit einem fünfköpfigen Betreuungsteam zusammen, dass sich der Migrationssituation des Einzelnen durch Ansätze aus der Ethnologie sowie Psychologie versucht zu nähern. Die Mitarbeiter haben dabei eine Arbeitsweise entwickelt, die nicht allein für die Schweiz sondern wohl auch für Deutschland Modell- und Pioniercharakter besitzt. David SIGNER beschäftigt sich in seinem Artikel mit "typischen" Konflikten und Interaktionsmuster, die im Foyeralltag auftreten. Der Autor verweist hier auf die Notwendigkeit, offen für unterschiedliche Wahrnehmungen und Kommunikation zu bleiben und benennt er die "Fallen", in die die Betreuenden bei der täglichen Arbeit oft tappen. Elena WERTLI wendet sich in ihrem Artikel Asylsuchenden mit suizidalen Krisen. Anhand von Beispielen macht sie deutlich, dass nicht die schnelle Intervention sondern die Aufrechterhaltung des Dialogs zum zentralsten Hilfsangebot für Menschen in Extremsituationen werden kann. Im Mittelpunkt von Daniel STUTZ' Artikel steht die kurdische Familie Yilmaz. Auf der Grundlage von lebensgeschichtlichen Gesprächen mit dem Ehepaar rekonstruiert der Autor dessen individuelle(n) Vergangenheit(en) und deutet die heutigen Krankheitsprobleme der Familie als Schwierigkeit im Umgang mit dem "Fremden" im neuen Land. Heidi SCHÄR SALL diskutiert in ihrem Text die Institutionalisierung von "Übergangs- und Spielräumen" in der Betreuung von MigrantInnen und beschreibt so das "Herz" des angewandten Methodenrepertoires im Ethnologisch-Psychologischen Zentrum. Die Autorin verweist in diesem Zusammenhang auf die Gefahr der "Kuturalisierung" der Verhaltens- und Anschauungsweisen von MigrantInnen. Trotz dieses Hinweises nimmt die Autorin selbst romantisierende Zuschreibungen kultureller Besonderheiten vor. Dorothée NINCK GBEASSOR schließlich richtet ihr Augenmerk auf die Probleme der Kinder von Familien im Exil, wo mindestens ein Elternteil psychisch erkrankt ist. Der Beitrag besticht durch die Sensibilität, mit der die Schwierigkeit des "Eingreifens" von Außen geschildert und analysiert wird. Die Autorin folgt jedoch in ihrer Interpretation und der Zuschreibung einer "Roma-Identität" einem stark ethnisierendem Ansatz.

Keywords: Ethnopsychologie, Migration, Asyl, Supervision, Übergangsräume, Übergangsphänomene

Inhaltsverzeichnis

1. Arte Povera

2. Sensibilität für den Einzelfall

3. Verwunderung und Fazit

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Arte Povera

Das vorliegende Buch ist das erste von bisher zwei erschienenen Büchern des Ethnologisch-Psychologischen Zentrums in Zürich. In der Einrichtung der Asyl-Organisation für den Kanton Zürich finden Asylsuchende in schweren Krisen stationäre oder ambulante Betreuung. Die Flüchtlinge, die hierher kommen, sind dem Krieg, der Folter und/oder dem Gefängnis in der einstigen Heimat physisch entkommen. Die Migration und allmähliche Ankunft im kulturell und sozial Neuen stellen für sie jedoch eine Überforderung dar. Sie sind psychisch erkrankt, können ohne Unterstützung den Alltag kaum bewältigen und werden für ihr soziales Umfeld und Vertreter einiger Hilfsorganisation untragbar. Sie kommen in das Zentrum, erhalten meist einen Wohnplatz in einem der so genannten Foyers, und treffen hier mit einem fünfköpfigen Betreuungsteam zusammen, das sich der Migrationssituation des Einzelnen durch Ansätze aus der Ethnologie sowie Psychologie versucht zu nähern. Die MitarbeiterInnen haben dabei eine Arbeitsweise entwickelt, die nicht allein für die Schweiz sondern wohl auch für Deutschland Modell- und Pioniercharakter besitzt. [1]

Als "Ethnopsychologen" nehmen die BetreuerInnen der Foyers am Leben der Bewohner beobachtend teil und vertreten hier den klassischen Ansatz der Ethnologie, dass individuelle Lebenssituationen und Probleme nicht allein durch intensive Einzelgespräche verständlich werden, sondern das es hierzu der Einsicht in die Gesamtheit des gelebten Alltags in den Foyers bedarf. Dabei geht es nicht darum, auftretende Hindernisse und objektiv schwierige Bedingungen "wegzutherapieren" und mit den "Klienten" ein bestimmtes "Ziel" zu erreichen. Was die Betreuer eigentlich wollen wird paradigmatisch im Titel des Aufsatzes von David SIGNER ausgedrückt: "Raum schaffen" (S.13). In den Foyers soll dem sozialen und kulturellen Weder-Noch-Status, den die MigrantInnen im Alltag durchleben und der durch die Unsicherheit über die volle soziale Anerkennung seitens der Aufnahmegesellschaft verstärkt wird, Rechnung getragen werden. Statt den MigrantInnen vorschnelle Entscheidungen abzuverlangen, wird die zeitweilige Unentscheidbarkeit in den Foyers anerkannt und institutionalisiert. Die passagere Lebensphase zwischen dem kulturell und emotional "Mitgebrachten" und "Neuen" kommt zu ihrem Recht, das Chaos ist erlaubt. Die nötige Zeit und der Raum, um mögliche Neuorientierungen zu formulieren und auszuprobieren, sind gegeben. Die Mitarbeiter werden dabei zu wichtigen Zeugen der Vergangenheit und Gegenwart der Asylsuchenden sowie deren Sorgen und Ressourcen (vgl. SIGNER, S.15-17, Konzept des Ethnologisch-Psychologischen Zentrums 2001, S.3) Sie nehmen das Verhalten oder ein Problem der Foyerbewohner erst einmal wahr, greifen die Stimmungen auf und sind als Betreuergruppe offen für unbewusste Austauschprozesse. Sich den Transfer von Emotionen bewusst zu machen und "die Asylsuchenden damit zu begleiten, in dem sie ihnen in tolerierbarer Form zurückgegeben werden, stellt sich das Betreuungskonzept zur Aufgabe" (S.140). [2]

Trotz der hier vollzogenen Orientierung auf das mitgebrachte Potential von MigrantInnen, sieht sich das Betreuerteam immer wieder "ausweglosen", verfahrenen Situationen gegenüber und weiß sich einfach keinen Rat mehr. Nicht allein die Lage der MigrantInnen wird dann als unbefriedigend und "arm" wahrgenommen. Die MitarbeiterInnen empfinden ihre eigenen Möglichkeiten als beschränkt und unzureichend. Die äußeren Bedingungen bestärken dieses Gefühl: der Personalschlüssel ist zu knapp bemessen, und zu knapp sind auch die finanziellen Mittel. Die Unzufriedenheit gab unter anderem dazu Anstoß, eine Supervision für die Betreuungsgruppe einzurichten. So wie den MigrantInnen in den Foyers Raum für Neuorientierung geschaffen wurde, so gaben sich nun die MitarbeiterInnen selbst einen Ort und die Zeit, um gemeinsam darüber nachzudenken, welches emotionale Echo die Konflikte bei ihnen hinterlassen hatte. Daniella BAZZI, die Supervisorin der Mitarbeitergruppe, sieht diese Vorgehensweise in der alltäglichen Betreuungsarbeit in Analogie zur "Arte Povera", eine Kunstrichtung aus 1960er Jahren, bei denen die Künstler wenige, einheimische und scheinbar "wertlose" Materialien verwandten, um aussagekräftige Kunstobjekte herzustellen (S.133). Der mit diesem Vergleich vollzogene Brückenschlag zwischen dem "Technikrepertoire" des Künstlers, Psychologen und Sozialarbeiters fasziniert und überzeugt. Daniella BAZZI führt aus, dass die Mitarbeiter in der Supervision darüber reflektieren, was es bedeutet in einer "ausweglosen" Situation nur über "wenige", scheinbar "wertlose" Handlungsmöglichkeiten zu verfügen, und was es heißt, nicht agieren zu können, sondern "auszuhalten": "Mag das Innehalten auch außen passiv wirken", schreibt Daniella BAZZI,

"innerlich verarbeiten die BetreuerInnen oft fast unerträgliche Spannungen. Doch hat die Erfahrung gezeigt, dass diese Einstellung derjenigen vorzuziehen ist, die einem Druck nachgibt und ins Agieren führt, das letztlich in unserem Sinne kein Betreuen mehr ist und bei den Asylsuchenden spürbare unerwünschte Folgen nach sich zieht" (S.135). [3]

Manchmal ist das bloße Da-sein, das Zur-Kenntnis-Nehmen und einfach Ja-sagen wichtiger als konkret zu handeln. Das Team stellt sich dabei als ein dynamisches Gebilde, das wahrnimmt, zur Verfügung, denn, so führt Dorothée NINCK GBEASSOR in ihrem Beitrag "Kinder von Asylsuchenden" treffend aus: "das 'Wahrnehmen' und 'Wissen um ...', das ja auch ... Mittragen bedeutet, ist etwas, was wirkt" (S.113). [4]

2. Sensibilität für den Einzelfall

Dass diese Arbeitsweise auf die Sensibilität für den Einzelfall setzt, wird nicht zuletzt daran deutlich, dass wir in allen Beiträgen zum Buch konkrete Menschen erleben. Wir begegnen Frau L. aus Bosnien, die ihrem eigenen Leiden dadurch Ausdruck verschafft, in dem sie von ihrer Schwester in einer bombardierten kroatischen Stadt erzählt, obwohl diese Stadt keineswegs von einem Bombardement bedroht ist (S.25). [5]

Wir schließen Bekanntschaft mit Herrn Hussein, der, um seine Anliegen durchzusetzen, vielfache Suizidversuche unternahm. Statt nun massiv zu intervenieren, hat die Betreuerin versucht, diese Form der Äußerung von Ohnmachtsgefühlen "umzulenken". Herr Hussein hält unangenehme Situationen immer noch schwer aus. Nun jedoch zerreißt er Briefe, packt die Koffer und trägt sie in das Mitarbeiterinbüro. Das Foyer verlässt er aber nicht (S.46f.). [6]

Schließlich wird unser Blick auf die Kinder von Asylsuchenden gelenkt. Wir treffen auf Edin aus Ex-Jugoslawien, der immer wieder in die Situation gedrängt wird, zwischen der Erlebniswelt innerhalb der Familie und den Erfahrungen im Schweizerischen Umfeld zu vermitteln, und der dabei doppelt marginalisiert ist: ein Problemkind für die Eltern, ein Außenseiter bei seinen Schweizer Klassenkameraden (S.113-119). [7]

Was an dieser ersten Veröffentlichungen des Ethnologisch-Psychologischen Zentrums erfrischt – und auch im zweiten Buch "Fluchten, Zusammenbrüche, Asyl" (BAZZI, SCHÄR SALL, SIGNER, WERTLI & WIRTH 2000) beibehalten wurde – ist die Offenheit mit der Probleme beschrieben, Interpretationsunsicherheiten eingestanden und Fallen, in die die Betreuenden oft auch tappen, benannt werden. [8]

So wird das Buch mit einem Beitrag von David SIGNER eröffnet, in dem aufgezeigt wird, wie schwierig es sein kann, offen für die unterschiedlichsten Formen von Kommunikation zu bleiben. Zwischen Betreuerin bzw. Betreuer und Foyerbewohner kann es passieren, dass immer wieder die gleichen Rollenzuweisungen erfolgen, die sich dann in einem starren Muster der Verständigung fixieren und so die Zugänglichkeit für "neue" Perspektiven und "Überraschung" abhanden kommt. SIGNER unterteilt in diesem Zusammenhang in medizinisierende und moralisierende sowie karikative, kulturalisierende und antipsychologische Muster (S.18-29). So bestehen KlientInnen unter anderem darauf, dass ihre Probleme auf "medizinischer" Ebene zu behandeln sind und klagen zunehmend über organische Beschwerden. Dies kann zu einem subjektiven Krankheitsgewinn führen, wenn der Klient hierdurch mehr Zuwendung von einer Person mit hohem Status erfährt, der zu einem gewissen Grad auf ihn abfärbt. Dabei kommt es oft zur Fixierung auf die körperlichen Symptome und die Frage nach den Ursachen der Krankheit bleibt ungestellt (S.19). SIGNERs Ausführungen zum kulturalisierenden Muster der Kommunikation erscheinen mir besonders interessant, denn mit Blick auf die politische Weltlage und der gegenwärtigen Popularität von HUNTINGTONs These vom Kampf der Kulturen gewinnen die Bemerkungen an politischer Aktualität. SIGNER schreibt, dass eine Gefahr darin besteht "jede Verschiedenheit als Kulturdifferenz aufzufassen, jeden Konflikt als Kulturkonflikt" (S.21). Es gibt nicht die türkische Kultur oder die italienische Identität. Kultur und Identität entsteht stets im Aushandlungsprozess mit dem "Gegenüber", wird zwar dabei einerseits immer wieder reproduziert, andererseits jedoch stetig neu formuliert und so verändert. Die Zuweisung einer bestimmten Kultur einer bestimmten Person verkennt zudem die Tatsache, dass Kulturen kein homogenes Ganzes bilden: "[Ü]berall herrscht ein Pluralismus von Lebensstilen" (S.21). Kulturelles Selbstverständnis differenziert sich nicht zuletzt nach Schicht, Bildung, Geschlecht, Stadt und Land. Die Rede von der anderen Kultur bei MigrantInnen reduziert die Zugewanderten immer wieder auf ihre nationale oder soziale Herkunft und verkennt die stetige Auseinandersetzung mit und die Prägungen durch das "Hier" und "Jetzt" im neuen Land. [9]

In den folgenden vier Beiträgen wird das für die Arbeit in den Foyers wichtige Offensein für Wahrnehmung und die kreativen Formen der Aufrechterhalten von Kommunikation anschaulich geschildert und detailliert anhand von Fallbeispielen analysiert. Elena WERTLI zeigt auf, wie die Aufrechterhaltung des Dialogs für Menschen in suizidalen Krisen zum zentralen Hilfsangebot werden kann. Dabei entgeht sie der Gefahr, Selbstmordversuche und -gedanken als ein spezifisches Migrationsproblem darzustellen. Eigene Ängste und die Erfolglosigkeit von Versuchen zu helfen, werden thematisiert und dienen Elena WERTLI letztendlich auch als Erkenntnisinstrument (S.33-59). [10]

Im Mittelpunkt von Daniel STUTZ' Artikel steht die kurdische Familie Yilmaz. Auf der Grundlage von fünf längeren Gesprächen mit dem Ehepaar rekonstruiert der Autor dessen Geschichte, und stellt dar, wie bedeutend die individuelle(n) Vergangenheit(en) für die Betreuung von Asylsuchenden sind. Mittels der intensiven Auseinandersetzung mit deren früheren Lebenssituationen (S.61-75) gelingt es ihm, ihre heutigen Krankheitsprobleme und beispielsweise die Angst vor Krankheitserregern als Schwierigkeit im Umgang mit dem "Fremden" im neuen Land zu deuten. Das "Fremde" wirkt derart bedrohlich, dass es ihre Körper angreift. In diesem Zusammenhang wird das scheinbar deplatzierte Anspruchsdenken der Familie verständlich, die sich weigert, gebrauchte Gegenstände zu übernehmen und stets neue, unbenutzte Dinge einfordert. Der Wunsch nach neuen Dingen deutet Daniel STUTZ als einen "verzweifelten Versuch", eine Paradiesvorstellung von der "Neuen Welt" aufrechtzuerhalten und sich "gleichzeitig dagegen zu wehren, vom Fremden überschwemmt zu werden und die körperliche Integrität zu verlieren" (S.74). [11]

Heidi SCHÄR SALL wendet sich in ihrem Text der Institutionalisierung von "Übergangs- und Spielräumen" in der Betreuung von MigrantInnen zu und beschreibt so das "Herz" des angewandten Methodenrepertoires im Ethnologisch-Psychologischen Zentrum. Für Asylsuchende sind Übergänge ein ständiges Thema. In der Analyse greift die Autorin zum einem auf Konzepte aus der Ethnologie zurück und bezieht sich insbesondere auf die theoretischen Überlegung von Van GENNEP und seine Ausführungen zu Übergangsphasen und Übergangsriten. Zum anderen sind für ihr Verständnis der passageren Situation von MigrantInnen die Ansätze aus der Psychoanalyse zentral, wie sie WINNICOTT in seinen Ideen zu einem intermediären Bereich zwischen Mutter und Kind formuliert hat (S.77-107). [12]

Dorothée NINCK GBEASSOR schließlich richtet ihr Augenmerk auf die Probleme der Kinder von Familien im Exil, wo mindestens ein Elternteil psychisch erkrankt ist. Dabei gelingt es ihr sehr anschaulich die Schwierigkeiten darzulegen, die rechtlichen Grundlagen im Einklang mit einem genügenden Schutz des Kindes zu bringen. Gerade hier wird deutlich, dass das "Wahrnehmen" der schwierigen Situation des Kindes auch ein für die betroffenen jungen Menschen entlastendes Mittragen bedeutet und helfen kann. [13]

3. Verwunderung und Fazit

Aufgrund des Innovationspotentials, der Flexibilität und Reflektiertheit, die sich in den Ideen und der Praxis des Psychologisch-Ethnologischen Zentrums ausdrücken, verwundert die Starrheit einiger Erklärungsansätze und die unterschwellig formulierten Wertungen in diesem Buch. Obwohl SIGNER auf die Gefahr von kulturalisierenden bzw. ethnisierenden Interpretationsmustern anfangs hinweist, werden diese insbesondere in dem Artikel von Dorothée NINCK GBEASSOR sichtbar. Bei der Erklärung für die Schwierigkeiten von Edin, einem Jungen aus Ex-Jugoslawien während des Migrationsprozesses seiner Familie, wird ausgeführt, dass seine Eltern "stark an ihrer Roma-Identität" festhalten (S.115). An keinem Punkt in dem Artikel wird aber deutlich, was denn an dem Verhalten des Vaters und der Mutter nun spezifisch "Roma" sei. Die geschilderten patriarchalischen Familienstrukturen beispielsweise lassen sich wohl in fast jeder sozial, kulturell oder politisch definierten Gruppe finden. Identität wie bereits erwähnt, bildet sich im Prozess des Austausches mit dem "Gegenüber" ab, ist also immer auch situationsgebunden. Die Eltern mögen an einem bestimmten Selbstverständnis festhalten. Hier wäre es jedoch erhellend gewesen, herauszuarbeiten, durch welche Mechanismen und in welchem Kontext die Mutter und insbesondere der Vater bestimmte Verhaltens- und Anschauungsweise selbst als spezifisch "Roma" deklarieren, sich also durch die eigene "Kulturalisierung" bzw. "Ethnisierung" versuchen von dem, was sie als "typisch Schweiz" empfinden abzugrenzen und Edin damit in einen kaum zu bewältigenden kulturellen Zwiespalt drängen. Dorothée NINCK GBEASSOR beschreibt Edins kulturelle Situation als doppelt marginalisiert. Was aber ist daran ein "trauriges Schicksal" (S.119)? "Schicksal" hat den Beigeschmack von etwas "Unabänderlichem". Jemand "ergibt sich seinem Schicksal", schicksalhaft ist man miteinander verbunden. Der Blick auf die Ressourcen von Edin und auch das Potential seines kulturellen Grenzgängertums wird damit verdeckt. [14]

Die Darstellung von Eminas Geschichte, einem Mädchen, das ebenfalls aus Ex-Jugoslawien stammt, besticht durch die Sensibilität mit der die Schwierigkeit des "Eingreifens" von Außen bei dem Verdacht auf sexuellen Missbrauch geschildert und analysiert wird (S.125). Mitunter erscheinen die Beschreibungen der Familiensituation jedoch über die Maße wertend, beispielsweise wenn das Partnerschaftsverhältnis des Vaters und der Mutter als "Konkubinat" bezeichnet wird (S.122). Konkubinat mag ursprünglich ohne negativ wertenden Charakter eine gesetzlich erlaubte außereheliche Gemeinschaft gemeint haben. Heute aber wird das Wort "Konkubinat" allgemein als eine abwertende Bezeichnung für eine Partnerschaft ohne Eheschein aufgefasst. Warum ist es für die Autorin überhaupt relevant die Leserschaft darauf hinzuweisen, dass Eminas Familie sich nicht auf eine Ehe gründet? Partnerschaftsprobleme treten überall auf, ob mit oder ohne Trauschein. [15]

In dem Abschnitt "Verdacht auf sexuellen Missbrauch" (S.122-124) erfahren der Leser und die Leserin, dass der Vater Emina zwingt, mit ihm in einem Bett zu schlafen. Manchmal klopft er abends an ihre Zimmertür und verlangt, dass sie aufmacht. In der "Spurensuche", die die Annahme auf sexuellen Missbrauch bestätigen oder entkräften könnte, bleibt jedoch die Figur des Vaters erstaunlich konturlos. Dorothée NINCK GBEASSOR bezeichnet ihn als einen unscheinbaren Mann. Er bleibt es auch in ihrem Text. Lediglich ein kurzer Absatz wendet sich konkret seiner Person zu. Stattdessen rückt die Mutter in den Mittelpunkt der Analyse. Dass Frauen den sexuellen Missbrauch der Tochter oder des Sohnes oftmals decken, teilweise aus Hilflosigkeit, aus Angst vor der "öffentlichen Schande" oder aus Kränkung, ist bekannt. In diesem Aufsatzabschnitt jedoch gewinnt die Mutter derart an Zentralität, dass dies von der eigentlichen Täterschaft des Vaters wegführt. Man erhält letztendlich den Eindruck, dass die Mutter eine Art "Hauptschuld" für das Andauern des sexuellen Missbrauchs und für das "Nichteingreifen-Können" der Psychologin trägt. Meines Erachtens folgt die Autorin hier einem überaus konservativen Erklärungsansatz, der in der amerikanischen feministischen Literatur häufig als mother blame bezeichnet wurde. [16]

Der Beitrag von Heidi SCHÄR SALL bietet eine dichte Analyse von Übergangsphänomen. Sie stellt dabei die Problematik "abfragbaren ethnologischen Wissens" klar herausstellt und macht darauf aufmerksam, dass die Zuschreibung kultureller Eigenheiten immer zur Bildung von Stereotypen und damit zur Exotisierung des Fremden führt (S.87-89). Doch so stichhaltig und überzeugend ihre Analyse hier ist, sie feit Heidi SCHÄR SALL nicht davor, selbst romantisierende Zuweisung kultureller Besonderheiten vorzunehmen. So greift Heidi SCHÄR SALL den ethnographischen Topos von der anderen Zeiteinteilung der AfrikanerInnen auf, die "Zeit zum Reden, Nachdenken und Handeln" anders als in unserer so gehetzten "westlichen Gesellschaft" bietet (S.99). Ich stelle keineswegs in Abrede, dass der "Zeit" in Afrika andere kulturelle Bedeutungen zugeschrieben werden. Der Wunsch, die Kategorie "Zeit" könnte in der Periode "der Rezession und Arbeitslosigkeit im Sinne einer Rückbesinnung auch bei uns wieder Bedeutung erhalten" (a.a.O.), erinnert jedoch allzu stark an die auch in der Kolonialliteratur immer wieder formulierten Idee von der größeren "Ursprünglichkeit" und "Mußefähigkeit" in Afrika im Gegensatz zur, vom unerbittlichen Diktat der Zeit geprägten europäischen "Zivilisation". Zudem fragt sich, wer letztendlich die "westliche Gesellschaft" repräsentiert. Wohin gehört beispielsweise der Businessmann oder die Businessfrau in Johannesburg? [17]

Das Fazit ist: ein überaus lesenswertes Buch, das dazu anregt sich auseinander zusetzen, zuzustimmen und Widerspruch einzulegen. [18]

Literatur

Bazzi, Danielle; Schär Sall, Heidi; Singer, David; Wetli, Elena & Wirth, Dieter (2000). Fluchten, Zusammenbrüche, Asyl. Fallstudien aus dem Ethnologisch-Psychologischen Zentrum in Zürich (Zürcher Arbeitspapiere zur Ethnologie. Zurich Working Papers in Social Anthropology, Band 12 Mit einem Vorwort von David Becker). Zürich: Argonaut-Verlag.

Ethnologisch-Psychologisches Zentrum/Leitung (Hrsg.) (2001). Konzept des Ethnologisch-Psychologischen Zentrums, Zürich (unveröffentlichte Schrift).

Zur Autorin

Victoria HEGNER, Doktorandin am Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin; das Thema ihrer Arbeit lautet "Russisch-Jüdische MigrantInnen in Berlin und Chicago. Eine vergleichende Studie". In FQS wurde von Victoria HEGNER auch bereits der zweite Band Fluchten, Zusammenbrüche, Asyl des Ethnologisch-Psychologischen Zentrums in Zürich besprochen.

Kontakt:

Victoria Hegner

Marienburger Str. 38
D-10405 Berlin

E-Mail: Victoriahegner@aol.com

Zitation

Hegner, Victoria (2002). Rezension zu: Dorothée Ninck Gbeassor, Heidi Schär Sall, David Signer, Daniel Stutz & Elena Wertli (1999). Überlebenskunst in Übergangswelten: ethnopsychologische Betreuung von Asylsuchenden [18 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 3(2), Art. 2, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs020225.

Revised 6/2008



Copyright (c) 2002 Victoria Hegner

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