Volume 3, No. 1, Art. 17 – Januar 2002

Prämissen einer hermeneutisch wissenssoziologischen Polizeiforschung

Jo Reichertz

Zusammenfassung: In dem Artikel werden die methodologischen, methodischen und die gegenstandsbezogenen Prämissen einer empirischen Polizeiforschung, die Ausdruck der Perspektive einer hermeneutischen Wissenssoziologie sind, vorgestellt und diskutiert. Dabei wird eingangs dargestellt und erörtert, weshalb und wie welche Daten zu erheben und auszuwerten sind. Im Anschluss daran wird am Beispiel der im Feld der Kriminalpolizei kursierenden "mythologischen Erzählungen" gezeigt, auf welches Handlungsproblem solche Geschichten eine Antwort sind. Eine solche empirisch verfahrende Polizeiforschung hat die Institution "Polizei" und deren Arbeit zum Gegenstand oder anders: sie untersucht die polizeiliche Handlungslogik, folgt ihr aber nicht, sie untersucht das Geschäft der Polizei, betreibt es aber nicht selber.

Keywords: Empirische Polizeiforschung, hermeneutische Wissenssoziologie, Feldforschung, Polizeimythen, qualitative Untersuchung von Organisationen

Inhaltsverzeichnis

1. Die Schwierigkeiten der Erforschung der Arbeit der Polizei

2. Kritik von Kriminalisten an den Kriminologen der 60er Jahre

3. Die Arbeit der Projektgruppe "Empirische Polizeiforschung"

4. Prinzipien einer hermeneutisch wissenssoziologischen Forschungsarbeit

5. Polizeimythen – Zur Bedeutung von Erzählungen im Berufsalltag von Kriminalpolizisten

6. Polizeiforschung in Deutschland – Forschung für oder über die Polizei?

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Die Schwierigkeiten der Erforschung der Arbeit der Polizei

Die empirische Sozialforschung hat in den letzten Jahrzehnten viele gesellschaftliche Gruppen und deren soziale Praxis untersucht: Obdachlose, Ausländer, Punks, Kranke, Jugendliche, Lehrer, Schüler, Eltern, etc. Dabei handelte es sich vornehmlich um Untersuchungen von face-to-face-Kommunikationen, die mit dem erklärten Ziel durchgeführt wurden, entweder die Struktur der konkreten Kommunikation oder die des jeweiligen "Kommunikationstyps" bzw. der "Kommunikationsgattung" zu identifizieren. [1]

Der Gegenstandsbereich dieser Studien beschränkte sich vor allem auf das kommunikative Handeln außerhalb von Institutionen oder die Kommunikation mit Vertretern einer Institution (Lehrer-Eltern; Richter-Beschuldigter; Arzt-Patient etc.). Empirische Untersuchungen der Kommunikation innerhalb einer Institution wurden (zieht man den angel-sächsischen Raum zum Vergleich heran, in dem Ethnographien von Institutionen selbstverständlich und mittlerweile auch schon kanonisiert sind) in Deutschland bislang kaum durchgeführt: Krankenhäuser, Versicherungsgesellschaften, Rundfunk- und Fernsehanstalten, Zeitungsverlage, Politik, Polizei, Militär, Gewerkschaften und viele Institutionen mehr sind für die Sozial- und Kommunikationsforschung weitgehend "Terra incognita". Dieser Befund soll nicht die Verdienste der Arbeiten aus dem Bereich der deutschen Entscheidungstheorie oder der Organisations- und Industriesoziologie schmälern, die vor allem die Aufdeckung der Kommunikationsstrukturen in Wirtschaftsunternehmen vorangebracht haben. Leider bildeten fast immer nur Interviews die Grundlage dieser Analysen. Absolute Ausnahmen sind dagegen Innenansichten von Institutionen. [2]

Dieser Sachverhalt hat gewiss auch etwas damit zu tun, dass diese Gruppen offensichtlich die Macht haben, den Sozialforschern den Zugang zu "ihrem" Feld entschieden und nachhaltig zu verwehren. Auch die Polizei – sowohl Schutz- als auch Kriminalpolizei – hat es in Deutschland immer wieder verstanden, sich die vermeintlich schlecht gesonnenen Sozialwissenschaftler vom Leibe zu halten. Dürfen sich "polizeifremde" Soziologen (= an Universitäten oder unabhängigen Forschungsinstituten beschäftigt) ausnahmsweise diesem Feld einmal nähern, dann werden sie auch heute noch meist mit Akten alter Fälle, offiziellen Verlautbarungen (Interviews), simuliertem polizeilichen Handeln, aber vor allem mit einer Fülle von Statistiken "abgespeist". Umfangreiche Akteneinsicht oder gar begrenzter Feldzugang wird fast ausschließlich den Forschern des BKA bzw. des LKA (meist Juristen oder ehemalige Polizisten) oder Wissenschaftlern, die im Auftrag des BKA arbeiteten (z.B. MAASSEN 1981, OEVERMANN & SIMM 1985, SCHMITZ 1977 und 1978), gewährt. Ergebnisse dieser Forschung für die Polizei (von der Polizei oder in deren Auftrag) finden sich vor allem in den Veröffentlichungen des BKA (so u.v.a. BKA 1999). [3]

"Polizeifremde" Sozialwissenschaftler konnten bislang meist nur über die Polizei forschen, wenn sie sich damit zufrieden gaben, allein quantitative Daten auszuwerten. Eine ernsthafte wissenschaftliche Untersuchung polizeilichen Handelns im Einsatz vor Ort mit Hilfe teilnehmender Beobachtung hat es in Deutschland bis Mitte der 80er Jahre jedoch nur in Ansätzen und (leider) nur für kurze Zeit gegeben. Gewiss resultiert dies auch aus der Befürchtung vieler Polizisten, die Wissenschaftler könnten zu viel Wissen über die Ermittlungspraxis an mitlesende Gesetzesübertreter weitergeben und damit die Arbeit der Kollegen erschweren und gewiss hat es auch etwas damit zu tun, dass die Polizeiadministration an einer wissenschaftlichen (und auch öffentlichen) Kontrolle der polizeilichen Arbeit nur sehr mäßig interessiert war und gewiss hängt dies auch damit zusammen, dass engagierte Soziologen in den 60er und 70er Jahren oft zu einer empirielosen Verurteilung der Polizei als Büttel des Kapitals kamen und damit sich den Zorn von Ermittlern und Behörden zuzog. [4]

2. Kritik von Kriminalisten an den Kriminologen der 60er Jahre

Dieser Zorn ist besonders gut in einem Artikel von Alexander PICK zu verspüren. Unter dem stimmungsvollen Titel "Polizeiforschung zwischen Wissenschaft und Scharlatanerie" klagte Alexander PICK (damals Kriminaloberrat und Lehrender an der Hochschule für Polizei, VS-Schwenningen) noch im Jahr 1995 mit harschen Worten die deutschen Polizeiforscher an: der bundesdeutschen Kriminologie attestierte er zum einen, dass die Kriminologen (bestenfalls) unsinnige und nicht bewiesene Ergebnisse erzielt und dass zum anderen diese Ergebnisse (für die Polizei) verheerende Ergebnisse gezeitigt hätten (vgl. PICK 1995). [5]

Vor allem die ideologiekritisch gefärbte Polizeiforschung der 60er Jahre, deren Entwicklung PICK besonders durch den labeling approach1) beeinflusst sieht, habe eine massive Stigmatisierung der Polizei als "staatliches Kriminalisierungsorgan" (ebd., S.697) bewirkt. Da es den Soziologen nicht auf die Erforschung bestimmter Sachverhalte, sondern vor allem auf die Diffamierung der Polizei ankäme, sei das Klima zwischen den Berufsgruppen durch Misstrauen bestimmt. PICK wies darauf hin, dass das (nach wie vor aktuelle) "Klagelied" der Soziologen über die Schwierigkeiten, Zugang zum Untersuchungsfeld Polizei zu erlangen, vor genau diesem Hintergrund gesehen werden müsse. Die – wie PICK es nannte – "polizeisoziologische Erbsünde" (ebd., S.698) sei seiner Meinung nach im 25jährigen Verlauf der empirischen Polizeiforschung noch nicht getilgt worden. Zwar sei die ideologische Durchdringung der "alten" empirischen Polizeiforschung immerhin aus den eigenen Reihen heraus entlarvt worden, doch eine aus Polizeisicht akzeptable "neue empirische Polizeiforschung" existiere nach wie vor nicht. [6]

Allerdings hat PICK bei seiner Polemik vor allem die so genannte "kritische Polizeiforschung" (so z.B. FEEST & BLANKENBURG 1972 oder BRUSTEN & MALINOWSKI 1975) im Blick. Neben dieser (und deshalb hatte PICK damals wie heute Unrecht) gab es nämlich bereits in die 70er Jahren eine Fülle wichtiger empirischer Untersuchungen, in denen die gesellschaftspolitische Bewertung zugunsten einer perspektivneutralen Beschreibung der Formen und Folgen polizeilicher Arbeit in den Hintergrund traten: [7]

Für die quantitative Polizeiforschung sind hier vor allem die mittlerweile klassischen Studien von STEFFEN zur "Polizeilichen Ermittlungstätigkeit aus der Sicht des späteren Strafverfahrens" (1976), KÜRZINGERs Analyse zur polizeilichen Reaktion auf Strafanzeigen (1978) und die Untersuchung von ALBRECHT und PFEIFFER zur "Kriminalisierung junger Ausländer" (1979) zu nennen. Für die kommunikationssoziologische Polizeiforschung sind die Untersuchungen von SCHMITZ (1977, 1978) und BANSCHERUS (1977) richtungsweisend. Erstmals konnten sie in der Bundesrepublik Deutschland – wenn auch unter Laborbedingungen – eine wissenschaftlich empirische Rekonstruktion alltäglicher Ermittlungs- und Protokollierungsfehler durchführen, auf deren Basis sie dann Grundsätze zur Überwindung der festgestellten Vernehmungsfehler formulierten. Und auch erste Ansätze einer qualitativen Sozialforschung lassen sich bereits für die 70er Jahre ausmachen. Hier sind die Studie von WALDMANN zur Gewichtung von Straftaten durch die Polizei im Ermittlungsverfahren (1977) und die mittlerweile klassische Ethnographie von R. GIRTLER zu Strategien, Zielen und Strukturen polizeilichen Handelns (1980) zu nennen. [8]

Zwar registrierte PICK (wenn auch am Rande), dass die in den 70er Jahren dominante ideologiekritische Ausrichtung der Polizeiforschung weitgehend aufgegeben und einer sachlicheren sprich: um Deskription der polizeilichen Arbeit bemühten Betrachtung gewichen ist. PICK nahm jedoch nicht hinreichend zur Kenntnis, dass sich seit den 80er Jahren in Deutschland (wie in den USA, Großbritannien, den Niederlanden etc.) sowohl eine neue Form quantitativer wie qualitativer Polizeiforschung etabliert hat. Analysiert die quantitative Polizeiforschung vorgängig Statistiken, welche von der Polizei erstellt wurden oder zumindest die Polizeiarbeit betreffen (beispielhaft für eine Vielzahl anderer z.B. PFEIFFER & SCHÖCKEL 1989; WALTER 1988 oder WALTER & FISCHER 1991), so beschäftigt sich die qualitative Polizeiforschung zunehmend mehr mit der verstehenden Beschreibung des polizeilichen Alltagshandelns, genauer: mit der alltäglichen Arbeit der Polizei, deren Deutung und deren Bedeutung. [9]

Mit Blick auf die hier im Vordergrund stehende qualitative Polizeiforschung (vgl. hierzu auch LÖSCHPER 2000) stellte KERNER in einem 1994 verfassten Überblick zur "Empirischen Polizeiforschung in Deutschland" denn auch fest, dass "in jüngerer Zeit ... die Forschungen unter ganz anderer Perspektive wiederaufgegriffen worden [sind], d.h. unter kommunikationstheoretischen Aspekten. Es geht um die Mikroerfassung der Herstellung von Wirklichkeit unter interagierenden Situationspartnern (...)" (1994, S.15). Zu ähnlichen Ergebnissen kommt ebenfalls der lesenswerte und informierte Überblick über die Entwicklung der deutschen Polizeiforschung von OHLEMACHER (1999), auch wenn er deren "Vielfalt" kritisiert. [10]

In diesen neuen qualitativen Untersuchungen geht es vorderhand um die genaue Deskription und Analyse polizeilicher Arbeit, um das Selbstverständnis der Polizisten, ihre Arbeitszufriedenheit, Probleme am Arbeitsplatz und natürlich immer wieder: um die Ermittlungsarbeit und weniger um die Diskussion der Funktion der Polizei in einer (nach)modernen Gesellschaft (siehe z.B.: LEY 1992, BEHR 1993 und 2000a, KRASMANN 1993, LUSTIG 1996, HÜTTERMANN 2000, REICHERTZ 1998a und 2001, SCHRÖER & RIEDEL 1998 und natürlich LIEBL & OHLEMACHER 2000, aber auch DREHER & FELTES 1997). [11]

3. Die Arbeit der Projektgruppe "Empirische Polizeiforschung"

Trotz dieser Entwicklung kann eigentlich keine echter Zweifel daran bestehen, dass innerhalb der deutschen Polizeiforschung (zur Entwicklung der Polizeiforschung in den USA siehe STEWART 1990) noch ein großer Nachholbedarf besteht. Dies ist m.E. auch darauf zurückzuführen, dass es bislang – sieht man einmal von den viel versprechenden Vorarbeiten in der Tradition der Chicago School ab – in der deutschen Forschungstradition noch keine ausgearbeiteten Verfahren gibt, solch große und hochkomplexe Handlungseinheiten auch nur annähernd adäquat zu erfassen und zu analysieren: qualitative Verfahren verbleiben leicht in einer detailreichen Mikroanalyse, ohne diese wegen der Fülle der zu berücksichtigenden Variablen zu Aussagen mit mittlerer oder größerer Reichweite kondensieren zu können, quantitative Verfahren dagegen, welche für die Untersuchung einer großen Menge strukturgleicher Objekte besonders gut geeignet sind, versagen jedoch, wenn die Analyse eines Einzelfalles, also z.B. einer Institution geleistet werden soll. Angesichts dieser Lage gibt z.B. LUHMANN den Rat, "es trotzdem zu versuchen und die wissenschaftliche Kompetenz in Kenntnis dieses Problems der Komplexität allmählich zu erweitern" (1989, S.210). [12]

In gedanklicher Vorwegnahme dieser Maxime gelang es Mitte der 80er Jahren der Projektgruppe "Empirische Polizeiforschung", die erst an der Universität Hagen (Soziologie), ab 1992 dann an der Universität Essen (Kommunikationswissenschaft) angesiedelt war bzw. noch ist, in einer Großstadt des Ruhrgebiets bei der Polizei die oben beschriebene Barriere aus Verärgerung, Misstrauen und sachangemessener Verschwiegenheit zu überwinden: wir durften nicht nur die Arbeit von Schutz- und Kriminalpolizei (auch über einen längeren Zeitraum) teilnehmend beobachten, sondern konnten zudem noch die Beamten interviewen, Akten einsehen und Teile der polizeilichen Arbeit (z.B. Vernehmungen) tontechnisch aufzeichnen. [13]

Vorangegangen waren viele vertrauensbildende Maßnahmen, eine Fülle von mühseligen Verhandlungen über Arbeitsrecht, Versicherungs- und Datenschutz. Minister, Regierungs- und Polizeipräsidenten, Staatsanwälte und Polizeibeamte auf allen Hierarchieebenen mussten überzeugt werden. Dennoch wäre der ganze Einsatz umsonst gewesen, hätte nicht eine Reihe von Zufällen und eine von uns bis dahin nicht für möglich gehaltene Kooperationsbereitschaft vieler Polizeibeamter das Unternehmen begünstigt2). [14]

Seitdem hat die Projektgruppe "Empirische Polizeiforschung" in unterschiedlichen Forschungsprojekten mit Hilfe (a) der teilnehmenden Beobachtung3) von Schutz- und Kriminalpolizei, (b) der Durchführung von Bevölkerungsumfragen zur Arbeit der Polizei und (c) der Zusammentragung und Auswertung statistischen Materials in den Polizeibehörden der Städte Dortmund, Essen, Hamm, Hagen, Mönchengladbach und Wuppertal vor allem folgende Fragestellungen bearbeitet:

  • Wie kommt es bei der Polizei zur Verdachtsbildung? (REICHERTZ 1991, RICKEN 1992b, SCHRÖER 1992)

  • Welche Interaktionsstruktur findet sich in Vernehmungen? (REICHERTZ 1994)

  • Kommunikationsprobleme in Vernehmungen mit Nichtdeutschen (DONK & SCHRÖER 1995 und 1999a, SCHRÖER 1998 und 2000)

  • Welche Bedeutung kommt bei der Vernehmung den Dolmetschern zu? (DONK 1992, 1996 und 1998)

  • Tragen deutsche oder nichtdeutsche Beschuldigte ein höheres Verurteilungsrisiko? (REICHERTZ & SCHRÖER 1993)

  • Was bewirkt die diversionsorientierte Polizeitätigkeit? (KURT 1996, SCHRÖER 1991)

  • Wie ermittelt die Kriminalpolizei bei Schwerverbrechen? (REICHERTZ 1991)

  • Möglichkeiten der lokalen Kriminalitätsprävention (REICHERTZ & MISTEREK 1995 und 1996, REICHERTZ 1997)

  • Kommt es bei Verfahren gegen nichtdeutsche Verdächtige zu einer anderen Ermittlungspraxis? (DONK 1998, REICHERTZ 1998b, SCHRÖER & RIEDEL 1998)

  • Welche Bedeutung haben Expertensysteme bei der Aufklärung von Mordfällen? (REICHERTZ 1998c)

  • Wie (gültig) ermitteln die Profiler und wie effektiv ist VICLAS4)? (REICHERTZ 2001)

  • Wie sieht die Organisationsstruktur von Ermittlungseinheiten aus? (REICHERTZ 1993)

  • Was ist die Struktur schutz- bzw. kriminalpolizeilichen Handelns? (REICHERTZ 1991, SCHRÖER 1992, SOEFFNER 1989b)5) [15]

4. Prinzipien einer hermeneutisch wissenssoziologischen Forschungsarbeit

Alle diese Forschungsarbeiten ruhen (in etwa) einem gemeinsamen Theorie-, Methoden- und Methodologieverständnis auf. Argumentiert wird nämlich aus der Perspektive einer sich wissenssoziologisch verstehenden und strukturanalytisch arbeitenden qualitativen Sozialforschung, genauer: aus der Perspektive einer hermeneutischen Wissenssoziologie (SOEFFNER 1989a, REICHERTZ 1991, SCHRÖER 1994, HITZLER, REICHERTZ & SCHRÖER 1999) – aus einer Perspektive also, welche in dieser Form für die empirische Polizeiforschung neu ist. [16]

Wissenssoziologisch ist diese Perspektive, weil sie diesseits von Konstruktivismus und Realismus die Großfragestellung untersucht, wie Handlungssubjekte (in diesem Falle also Polizisten) – hineingestellt und sozialisiert in historisch und sozial entwickelte Routinen und Deutungen des jeweiligen Handlungsfeldes – diese einerseits vorfinden und sich aneignen (müssen), andererseits diese immer wieder neu ausdeuten und damit auch "eigen-willig" erfinden (müssen). Die neuen (nach den Relevanzen des Handlungssubjekts konstituierten) Auslegungen des gesellschaftlich vorausgelegten Wissens werden ihrerseits (ebenfalls als Wissen) in das gesellschaftliche Handlungsfeld wieder eingespeist (vgl. SOEFFNER 1989a). [17]

Strukturanalytisch ist diese Perspektive, weil demnach das Verhalten von Polizisten erst dann verstanden ist, wenn man in der Lage ist, konkret beobachtetes polizeiliches Handeln in Bezug zu dem institutionell vorgegebenen und für den jeweiligen polizeilichen Handlungstypen relevanten Bezugsrahmen zu setzen und es in dieser Weise für diese Situation als eine (für die Akteure) sinn-machende (also nicht unbedingt gültige!) "Lösung" eines Handlungsproblems nachzuzeichnen. Folglich geht es bei der Rekonstruktion des Handelns um die Sichtbarmachung der (als Wissen abgelagerten) strukturellen, vorgegebenen Handlungsprobleme und -möglichkeiten, die bei der Herausbildung der "egologischen Perspektive"6) dem Protagonisten, also der Polizeibeamten, mit guten Gründen zugeschrieben werden können (vgl. REICHERTZ 1991). Im Zentrum steht dabei allerdings nicht die Rekonstruktion der von den jeweiligen Individuen gewussten singulären Perspektive. Angestrebt wird also die rationale Konstruktion egologischer Perspektiventypen (SCHROER 1994). [18]

Eine wissenssoziologische Polizeiforschung gewinnt ihre Erkenntnisse durchweg aus empirischer Forschung. Untersucht werden dabei im polizeilichen Praxisfeld alle Formen sozialer Interaktion sowie alle Arten von "Kulturerzeugnissen". Da die Forschungsstrategie nicht auf die Entdeckung allgemeiner Gesetze, die menschliches Verhalten erklären, ausgerichtet ist, sondern auf die (Re-) Konstruktion der Verfahren und Typisierungsleistungen, mit denen Menschen sich eine sich stets neu geschaffene Welt vertraut und verfügbar machen, gilt der systematischen "Findung" des Neuen besonderes Interesse. Eine Reihe von methodischen Vorkehrungen soll dies erleichtern. [19]

So soll bereits in der ersten Forschungsphase der Forscher darum bemüht sein, eine "abduktive Haltung" (vgl. REICHERTZ 1991) aufzubauen. D.h. er muss seine Forschung so gestalten, dass "alte" Überzeugungen ernsthaft auf die Probe gestellt werden und ggf. "neue", tragfähigere Überzeugungen gebildet werden können. Dieses "Programm" lässt sich jedoch nur sinnvoll umsetzen, wenn die erhobenen Daten so beschaffen sind, dass ihre Verrechenbarkeit mit den abgelagerten Überzeugungen nicht von vorne herein gewährleistet ist. Die Daten müssen die Eigenschaften eines Wetzsteines besitzen, und der Interpret muss gezwungen sein, seine überkommenen Vorurteile abduktiv ab- oder umzuschleifen. [20]

Am widerstandfähigsten dürften m.E. nichtstandardisiert erhobene Daten, also audiovisuelle Aufzeichnungen und Tonbandprotokolle, sein. Da solche Daten von den Interaktanten nicht in Anbetracht der/einer forschungsleitenden Fragestellung produziert und die Erhebung selbst nicht von subjektiven Wahrnehmungsschemata geprägt wurden, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass sie nicht von vornherein mit den abgelagerten Überzeugungen zur Deckung zu bringen sind. [21]

Wenn die Erhebung nichtstandardisierter Daten nicht möglich ist oder keinen Sinn macht, dann ist der Forscher genötigt, selbst Daten zu produzieren: er muss Beobachtungsprotokolle anfertigen und Interviews führen – und er tut gut daran, dies nach wissenschaftlich verbindlichen Standards zu tun; mithin produziert er Daten, die ihrerseits von (wissenschaftlichen) Standards geprägt sind. [22]

Dabei sind folgende zwei Erhebungsprinzipien zu beherzigen: (a) Der Forscher sollte (nur!) in Bezug auf den zu untersuchenden Sachverhalt möglichst naiv ins Feld gehen und Daten sammeln. (b) Gerade in der Einstiegsphase sollte eine möglichst unstrukturierte Datenerhebung gewährleistet sein. Der Grund: Eine frühzeitige analytische und theoretische Durchdringung des Materials und eine sich daran anschließende gezielte Erhebung von Daten in der Eingangsphase würde nur dazu führen, den Datenwetzstein, an dem sich später Theorien bewähren und entwickeln lassen sollen, frühzeitig zu entschärfen. Setzt der Forscher bei der Erhebung standardisierter Daten diese beiden Prinzipien um, dann ist zumindest strukturell die Möglichkeit eröffnet, dass die Daten "ihn ins Grübeln bringen", ihn an seine "alten" Überzeugungen zweifeln lassen. [23]

Eine Interpretation von Daten mit Hilfe der wissenssoziologischen Hermeneutik erschöpft sich nicht in der angemessenen Deskription von Beobachtungen oder der Nachzeichnung subjektiv entworfenen und gemeinten Sinns, sondern sie zielt auf die Findung der intersubjektiven Bedeutung von Handlungen. "Intersubjektiv" heißt nun in keinem Fall "wahr" oder "wirklich", sondern lediglich, dass es um die Bedeutung geht, welche durch eine (sprachliche) Handlung innerhalb einer bestimmten Interaktionsgemeinschaft erzeugt wird. Die Bedeutung einer Handlung wird so (zu einem Teil) gleichgesetzt mit der antizipierbaren Reaktionsbereitschaft, welche die Handlung innerhalb einer Interaktionsgemeinschaft auslöst. [24]

Die Interpretationstheorie schließt sich damit an die Vorstellungskraft eines typisierten typischen, in eine bestimmte Interaktionsgemeinschaft einsozialisierten Symbolbenutzers an, nicht jedoch an dessen konkrete Bewusstseinsinhalte. Kurz und plakativ: Die Bedeutung symbolischen Handelns liegt nicht vergraben im Bewusstsein des Zeichenbenutzers oder zeigt sich in einer kodifizierten Verweisung (sie liegt also nicht in der Vergangenheit), sondern die Bedeutung eines Zeichens besteht statt dessen in der antizipierbaren Reaktionsbereitschaft und den realisierten Reaktionen, die das Symbol bei der interpretierenden Gruppe auslöst (sie liegt also in der Zukunft). [25]

Methodisch verfolgt eine hermeneutische Wissenssoziologie folgenden Weg: In der Anfangsphase wird das Datenprotokoll "offen kodiert" (STRAUSS 1991), will sagen: das jeweilige Dokument wird sequentiell, extensiv und genau analysiert und zwar Zeile um Zeile oder sogar Wort für Wort. Entscheidend in dieser Phase ist, dass man noch keine (bereits bekannte) Bedeutungsfigur an den Text heranführt, sondern mit Hilfe des Textes möglichst viele (mit dem Text kompatible) Lesarten konstruiert. Diese Art der Interpretation nötigt den Interpreten, sowohl die Daten als auch seine (theoretischen Vor-) Urteile immer wieder aufzubrechen – was ein gutes Klima für das Finden neuer Lesarten schafft. [26]

Sucht man in der Phase des "offenen Kodierens" nach Sinneinheiten (die natürlich immer schon theoretische Konzepte beinhalten bzw. mit diesen spielen und auf sie verweisen), so sucht man in der zweiten Phase der Interpretation nach höheraggregierten Sinneinheiten und Begrifflichkeiten, welche die einzelnen Teileinheiten verbinden. Außerdem lassen sich jetzt gute Gründe angeben, weshalb man welche Daten neu bzw. genauer nacherheben sollte. Man erstellt also im dritten Schritt neue Datenprotokolle, wenn auch gezielter. So kontrolliert die Interpretation die Datenerhebung, aber zugleich, und das ist sehr viel bedeutsamer, wird die Interpretation durch die nacherhobenen Daten falsifiziert, modifiziert und erweitert. [27]

Am Ende ist man angekommen, wenn ein hochaggregiertes Konzept, eine Sinnfigur gefunden bzw. konstruiert wurde, in das alle untersuchten Elemente zu einem sinnvollen Ganzen integriert werden können und dieses Ganze im Rahmen einer bestimmten Interaktionsgemeinschaft verständlich (sinnvoll) macht. Die Frage, ob die so gewonnene Deutung mit der "Wirklichkeit im Text" tatsächlich korrespondiert, ist sinnlos, da eine wissenssoziologische Forschung sich stets und immer nur mit der "sozialen Realität" beschäftigt. (Beispiele finden sich in REICHERTZ & SCHROER 1992.) [28]

Für die hier favorisierte Forschungsperspektive lässt sich eine gemeinsame Abstinenz feststellen: das Verhalten der Polizeibeamten wird nicht vorab einer normen-, ideologie- oder praxiskritischen Betrachtung unterzogen, sondern es geht vor allem – und damit stehen diese Forschungsarbeiten auch in der Tradition der working-place-studies – um die perspektivenneutrale Deskription und Analyse der Arbeit von Schutz- und Kriminalpolizisten. Im weiteren soll eine sehr knappe Skizze die Arbeitsweise und den Ertrag wissenssoziologischer Forschung an einem eher unspektakulären Beispiel zeigen. Es ist Teil einer größeren Studie zur Struktur der Aufklärungsarbeit der Kriminalpolizei (vgl. REICHERTZ 1991). [29]

5. Polizeimythen – Zur Bedeutung von Erzählungen im Berufsalltag von Kriminalpolizisten

Wenn man sich im Feld unter Kriminalpolizisten befindet, dann sitzt man nicht nur stundenlang vergeblich in kalten Autos, oder sucht Schutz hinter einer breiten Schulter, wenn Ermittler mit ungestümer Leibeskraft eine Tür aufbrechen, sondern man hört immer wieder und fortwährend Geschichten – auch, weil oft stundenlang nichts anliegt und die Ermittler dann bei Kaffee und Zigarette zusammensitzen und reden. [30]

Ort dieses Geschichtenerzählens ist in X-Stadt, wo ich etwa sechs Monate teilnehmend die Arbeit der Kriminalpolizei beobachten konnte, meist ein etwa 20 qm großer, gemeinsam genutzter Raum im Polizeipräsidium, welcher "Teeküche" genannt wird. In der Teeküche können sich die Mitarbeiter der Fahndung zwanglos treffen, aber auch von Kollegen aus anderen Kommissariaten problemlos besucht werden. Für die Teeküche der Fahnder gilt folgende gewachsene und von allen geteilte Normalität: Wer von den Ermittlern im Hause ist und nichts Dienstliches bzw. Privates zu erledigen hat, der hält sich in dem als "gemeinsamen Raum" definierten Zimmer auf. Wer dort sitzt, raucht, Kaffee trinkt oder isst, braucht das nicht zu begründen. Es ist eher andersherum: wer sich nicht dort aufhält, kommt leicht in Begründungspflicht. Aber es gibt auch keine offiziellen "Termine", wann alle oder einzelne dort zu sein haben. Jeder kommt und geht, wann er will. Kollegen aus anderen Kommissariaten sind gern und oft gesehene Gäste. Auch Staatsanwälte schauen hier "auf eine Zigarette" vorbei. [31]

Gesprochen wird über "Gott und die Welt", über Frau, Kinder und Eigenheim, über den letzten Urlaub in den Bergen oder auf der See, über (kleines) Glück und Unglück, Hoffnungen und Befürchtungen. In solchen Situationen kommt es dann immer wieder mal vor, dass einer eine Geschichte über einen besonderen Fall erzählt. Die wird dann von anderen zum Anlass genommen, selbst eine Geschichte beizusteuern. Ähnlich der alltäglichen Situation, wenn in der Kneipe abends in feuchtfröhlicher Runde ein Witz den nächsten jagt, kommt es dann bei den Fahndern zu einer Kaskade von Erzählungen. [32]

Mit der Zeit lernt man, zwei Arten von Geschichten zu unterscheiden. So gibt es eine Sorte von Erzählungen, bei der die Darstellung eigenerlebter (positiver/negativer) Erfahrung deutlich im Vordergrund steht. Diese werden in der Regel nicht allzu oft vorgetragen und wenn, dann stets von demselben Erzähler. [33]

Dann gibt es Geschichten, auf die stößt man sehr früh und dann immer wieder. Jeder im Feld kennt sie, und bereits der Beginn der Geschichte genügt, um zustimmende oder ablehnende Reaktionen hervorzurufen. Meist werden diese Geschichten kollektiv erzählt. Man hört sie nicht nur von jedem einzelnen Gruppenmitglied in gleicher oder sehr ähnlicher Form, sondern man erzählt sie auch gemeinsam. Wenn einer eine solche Geschichte beginnt, dann führen andere sie oft fort und leiten über zu weiteren Geschichten, die dann von anderen mit weiteren Details oder Ergänzungen verziert werden. [34]

Diese Geschichten schildern zwar auch konkrete Erfahrungen, aber es geht in ihnen nicht mehr allein um Information, sondern vor allem um Belehrung und Selbstversicherung. Handlungsträger in diesen Geschichten sind in der Regel frühere Kollegen aus X-Stadt. Der Erzählton wird allerdings gewichtiger, wenn man selbst (am Rande) in die Geschichte verwickelt war, was seltener der Fall ist. Zwar tauchen auch immer wieder klassische Fälle (Vera Brühne, Gladbecker Geiselnehmer etc.) auf, aber die lösen eine deutlich geringere Erzählbeteiligung aus. [35]

Vor allem die kollektiv vorgetragenen Erzählungen sind m.E. als Fallgeschichten zu werten, die im Laufe gemeinsamer Praxis stilisiert wurden und dann geronnen sind zu gemeinschaftsstiftenden und -erhaltenden Mythen. Dabei ist die Verwendung des Begriffes "Mythos" durchaus ernst gemeint, denn sie erfüllen in der Tat wesentliche Funktionen des Mythos. Der Mythos ist (ganz allgemein und jenseits aller konkreten Ausgestaltung betrachtet) eine Narration, eine Erzählung aus "alter Zeit", die beansprucht, im Kern etwas Wahres und Wichtiges überliefern zu können. [36]

Der Mythos erzählt jedoch nicht nur eine Geschichte von außerordentlichen Ereignissen, sondern in diese Geschichte sind immer auch die Fragen nach den Werten der Mythengemeinschaft eingewoben. Die in den Mythen eingelassenen Interpretationen von Welt sind gleichzeitig auch Muster für die Orientierung in der Welt, indem sie helfen, die gegebene Natur und Kultur verstehbar und handhabbar zu machen. Der Mythos legitimiert auf diese Weise konkrete Verhaltensweisen der Menschen, die sich als Teil der Mythen-Gemeinschaft verstehen. Der Mythos ermöglicht es ihnen, ihr Handeln auf ein höheres Ganzes, ein – sakrales oder profanes – Ziel, ein Telos zu entwerfen und zu legitimieren. Damit führt der Mythos die Handelnden aus einer unüberschaubar gewordenen Welt hinaus in einen sinnvollen und damit auch sinngebenden Kosmos. [37]

Hat sich erst einmal eine Wertegemeinschaft gebildet, können ihre Werte zwar verändert werden, jedoch nicht beliebig, und schon gar nicht beliebig schnell. Obwohl also Werte, Handlungs- und Orientierungsmuster von Menschen in sozialer Interaktion selbst geschaffen und hervorgebracht wurden bzw. werden, entwickeln diese ihre eigene Dynamik, indem sie als Realität sui generis dem Menschen machtvoll gegenüberstehen und nicht einfach ignoriert oder missachtet werden können; der Mythos ist zwar das Produkt von Lebensformen, wirkt aber gleichzeitig auf diese Lebensformen zurück, indem er Handlungs- und Orientierungsmuster hinterlässt, die manches nahe legen und anderes zurückweisen. Denn eine Missachtung der mythischen Botschaft, ihres Regelsystems und ihrer ethischen Vorschriften käme einem Vergehen gegen die Wertegemeinschaft gleich. [38]

Mit anderen Worten: Die in Mythen und mythologischen Erzählungen eingelassenen Weltdeutungen und Handlungsorientierungen entwickeln einen eigenen Objektivitätsgehalt und formulieren Lebenswerte und Verhaltensnormen. Mythen erfüllen demnach, neben ihrer sinngebenden Funktion, auch noch eine weitere, nämlich eine normative Funktion: Der Mythos teilt ein, welche Verhaltensweisen, ethische Vorschriften und Werte allgemein als "gut" und wünschenswert und welche als "schlecht" und verachtenswert anzusehen sind. Im Mythos werden zudem (wenn auch implizit) Sanktionen benannt, die bei Nichtbeachtung der einzuhaltenden Regeln greifen sollen, es werden aber auch Belohnung und Anerkennung ausgesprochen. [39]

Indem der Mythos die Menschen einer Gemeinschaft auf bestimmte Regeln, Normen und Ideen verpflichtet, trägt er auch zum Zusammenhalt dieser Gemeinschaft und zur ihrer Identitätsbildung bei. Mithilfe des Mythos erschaffen sich die Menschen also sowohl ein Verständnis von sich selbst als auch von der Welt. Sie können so ihr Handeln miteinander und füreinander organisieren. Der Mythos wird dadurch zum Mittel der Weltbeherrschung; in ihm werden Formen sozialer Interaktion gespeichert; er legt Regeln, Normen und Werte nahe; er formuliert Handlungsanweisungen; er bestraft Nichtbefolgung und belohnt Gehorsam. [40]

Die in der von mir untersuchten Polizeidienststelle kollektiv erzählten Mythen werde ich im weiteren etwas ausführlicher untersuchen. Diese Mythen sind – wie eben schon erläutert – Teil einer polizeieigenen (dienststellenspezifischen) Kultur, die Leitbilder und Selbstdeutungen zwecks Orientierung zur Verfügung stellt. Aus wissenssoziologischer Sicht deuten die Kriminalisten mit diesen Geschichten sich (und anderen) ihren Vorgang des Deutens deuten und machen ihn sich damit verständlich7). [41]

Gleich zu Beginn meiner Feldbeobachtung hörte ich die Geschichte von der prinzipiellen Gefährlichkeit der Ermittlungsarbeit. Auch wenn die Arbeit auf den ersten Blick völlig ungefährlich erscheint – so die Botschaft –, muss immer auf Eigensicherung geachtet werden, denn man weiß nie, ob es nicht noch einmal so kommt wie damals, als KOK (Kriminaloberkommissar) Reuband mit KOK Rösner mit einer Routineermittlung betraut an einer Haustür klingelten. Ohne Vorwarnung wurde damals von innen geschossen. Die Kugel durchschlug den Oberarm des KOK Reuband. Daraufhin nahm der Schütze den Verletzten als Geisel und floh. Als er von der Polizei später gestellt wurde, erschoss er seine Geisel. Da der Tod des Polizisten auch in der überregionalen Presse Aufsehen erregt hatte, legen die Fahnder dem fremden Zuhörer auch gern die vergilbten Berichte vor. Weniger spektakulär ist dagegen die strukturähnliche Geschichte von dem "armen Würstchen", das sich widerstandslos verhaften lässt, vollkommen verängstigt und in sein Schicksal ergeben wirkt, dann aber ohne Vorwarnung um sich schlägt. Fazit beider Geschichten: auch scheinbar ungefährliche Situationen können sich ansatzlos in gefährliche verwandeln. Geboten ist stets höchste Aufmerksamkeit (= permanenter Alarmzustand)! [42]

Aber der normale Ermittler kann Situationen nicht nur im Hinblick auf ihr Gefahrenpotential völlig falsch einschätzen. Oft scheint ihm etwas völlig klar und selbstverständlich zu sein, was sich bei näherer Betrachtung aber als grober Irrtum herausstellt. Es sind die Geschichten vom trügerischen Schein. So gab es einmal den Fall "Becker". Als die Polizei am Tatort eintraf, fand sie einen toten alten Mann, eine Wohnung, die ganz offensichtlich durchwühlt worden war, und zwei Verwandte, die erklärten, dass ihr Großvater ermordet und beraubt worden sei. Im weiteren Verlauf der Ermittlungen stellte sich – laut Erzählung – heraus, dass die Verwandten den alten Mann, der eines natürlichen Todes gestorben war, erst aufgefunden und dann in der Hoffnung, Geld und Sparbuch zu finden, die Wohnung durchwühlt hatten. Da sie ihre Habgier und Hast nicht eingestehen wollten, erklärten sie der Polizei die Unordnung mit dem Hinweis auf einen Raubmord8). [43]

Noch ungewöhnlicher erschien mir eine andere oft erzählte Geschichte, die ebenfalls die trügerische Tücke des ersten Anscheins verdeutlichen sollte: Der "sternhagelvolle" Kollege KOK Roloff ist nach einer Feier von seiner Frau mit dem Wagen abgeholt worden. Auf der Fahrt nach Hause wird sie von ihrem Mann beleidigt, es kommt zu einem Streit. Die Frau hält auf dem Zubringer zu einer Autobahn den Wagen an, steigt aus und da gerade ein Taxi vorbeikommt, hält sie dieses an und fährt nach Hause. Kurz darauf erreicht eine Polizeistreife den "Tatort". KOK Roloff sitzt stark angetrunken auf dem Randstreifen des Zubringers, neben ihm sein Auto, sonst weit und breit niemand zu sehen. Natürlich glaubt die Streife kein Wort von dem, was der betrunkene Kriminalbeamte erzählt. Erst als die beiden Schutzpolizisten die Frau Roloff zu Hause aufsuchen und befragen und diese die Richtigkeit der Aussage ihres Mannes bestätigt, müssen die beiden einsehen, dass das Unwahrscheinliche in diesem Fall doch zutrifft9). Fazit: Manchmal passieren die unwahrscheinlichsten Sachen. Rechne immer mit der Möglichkeit, dass eine scheinbar ganz klare Angelegenheit sich als Verkettung unglücklicher und kaum vorhersehbarer Umstände erweisen kann. [44]

Sind die Fahnder von X-Stadt als kollektive Erzähler einmal an dieser Stelle angelangt, dann braucht man nicht mehr lange auf das Lieblingsthema zu warten: Geschichten über die Bedeutung des Zufalls und der menschlichen Dummheit. Eine besonders drastische Geschichte, in der sich Zufall und Dummheit paaren, geht so: Georg Horn, Hobbybastler und Rauschgifthändler, hat in den Tank seines PKW einen Mittelboden eingebaut. Unten ist Benzin, oben ein Hohlraum. Er bittet einen Bekannten, mit dem PKW nach Holland in ein bestimmtes Geschäft zu fahren und dort für ihn Zigaretten zu kaufen. Der fragt nicht lange, freut sich über die günstige Gelegenheit und macht sich auf den Weg. Während er nun in Holland an seinem Bestimmungsort einkauft, füllen Komplizen des Georg Horn die obere Hälfte des Tanks mit Rauschgift. Ohne etwas bemerkt zu haben, fährt der Bekannte zurück, passiert problemlos die Grenze, verspürt jedoch kurz vor X-Stadt starke Magenschmerzen. Er steuert sofort ein Krankenhaus an, dort diagnostiziert man eine akute Blinddarmentzündung. Der hilfreiche Hollandfahrer landet sofort im OP. Währenddessen macht sich Georg Horn große Sorgen. Da er befürchtet, dass sein Bekannter ihn betrügen will, meldet er seinen PKW bei der Polizei als gestohlen. Zufällig hört ein Kommissar aus der Rauschgiftabteilung von der Anzeige. Er kennt den Horn, und deshalb kommt ihm die Anzeige komisch vor. Als der Wagen vor dem Krankenhaus gefunden wird, lässt der "Mann vom Rauschgift" deshalb einen Drogenhund den Wagen beschnüffeln – mit Erfolg. [45]

Zufall und Dummheit führen zur Entdeckung und Aufklärung eines Verbrechens – ein beliebtes Thema, das immer wieder in Geschichten variiert wird. Auch die Story von dem Bankräuber, der nach gelungenem Einbruch seine Arbeit mit einem Haufen Kot krönt, sich jedoch nicht mit Toilettenpapier reinigt, sondern mit einer Rechnung, die ihm seine Krankenkasse eine Woche zuvor geschickt hatte, gehört in diese Kategorie. [46]

Sehr viel seltener hört man Geschichten, in denen die Effektivität polizeilicher Ermittlungspraxis im Vordergrund steht, in denen also Ermittler aufgrund der von ihnen ausgeführten Tätigkeiten zum Täter finden. Die Geschichte von der "winzigen Spur" gehört zu diesem (kleinen) Repertoire. Sie ist ein Lobgesang auf die Gründlichkeit des "Spurenmannes": KOK Winters trägt die Eloge vor:

"Eine alte Frau ist vor einigen Jahren in ihrer Wohnung mit 30 Scherenstichen am Körper tot aufgefunden worden, von ihrer Tochter. Die Tochter erklärte, dass Oma zwar Geld gehabt hätte, aber auf der Sparkasse, nicht im Haus. Und da ist die Wohnung von dem damaligen Kollegen Schwind mit aller Sorgfalt abgeklebt worden. Und da hat man auf dem Griff der Toilettenspülung eine Fingerspur gefunden, eine einzige – in einer Drei-Zimmer-Wohnung! Da gehört also schon einiges dazu, die zu finden und die auch so zu sichern, dass sie identifiziert, also ausgewertet werden kann. Und dann haben wir einen fünfzehnjährigen Schüler ermittelt, als Täter. Der hat auch gestanden aufgrund dieser Fingerspur, die etwa einen Quadratzentimeter groß war, in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Das war also der Erfolg des Erkennungsdienstes. Der Täter war auf Sittlichkeitsdelikte aus, der sprang alte Frauen an oder bewarf sie mit Steinen. Wegen so einer Sache ist der mit 14 mal erkennungsdienstlich behandelt worden und durch Spurenvergleich haben wir ihn dann gekriegt. Der brachte der Oma jede Woche das Grüne Blatt oder so und als sie die abbestellen wollte, ist der wütend geworden und hat auf sie eingestochen. Sexuelle Fehlentwicklung halt." [47]

Beim ED (Erkennungsdienst) arbeiten "normale" Kriminalbeamte, Kollegen der Fahnder, und ein Beamter aus dem ED-Bereich hat in jeder Mordkommission seinen festen Platz (als Spurenmann). Deshalb bezieht sich das Lob auf einen Kollegen, der zwar Kollege ist, aber auch Spezialist, und der sich damit von den Fahndern auch abhebt. Lob gibt es auch für eine andere, strukturell aber ähnliche Personengruppe, die an der Aufklärung regelmäßig mitarbeitet – nämlich über die Leute vom LKA. So kursieren über die Leistungen der bei den einzelnen LKA's beschäftigten Wissenschaftler im Polizeidienst Geschichten, die von den unwahrscheinlichen Leistungen dieser "Polizisten in Weiß" künden. In diesen Geschichten steht jedoch nie eine ausgefeilte gedankliche Kombinatorik im Mittelpunkt, sondern fast immer das außergewöhnliche (handwerkliche) Geschick, doch noch eine Spur sichtbar werden zu lassen. [48]

Nicht-Kollegen gegenüber ist man deutlich skeptischer: Das zeigt die einzige Geschichte, in der ein wenig Kombinatorik auftaucht. Sie erzählt von einem Wissenschaftler außerhalb des Polizeidienstes und ist eine Geschichte des Scheiterns: In einem See ist eine Leiche gefunden worden. Sie sitzt aufrecht auf einem Stuhl und ist an den Stuhl gefesselt. Alle Ermittlungen verlaufen im Sande. Es finden sich keine Ansatzpunkte für einen Mord. Deshalb wird das Seil mit Fotos etc. an ein wissenschaftliches Institut zwecks Begutachtung weitergeleitet. Dort kommt man zu dem Ergebnis, der Mann könne sich auch selbst gefesselt und somit Selbstmord begangen haben. Diese Lesart wird von einem der ermittelnden Fahnder gern aufgegriffen. Für ihn zeigt dieser Fall eine besonders geniale Art, Selbstmord zu begehen. Jahre später gesteht jedoch ein wegen einer anderen Tat Festgenommener u.a. auch diese Tat. Der Tote aus dem See hätte ihn und seinen Freund bei einem Einbruch beobachtet. Deshalb hätten die beiden den Mann auf den Stuhl festgebunden und in den See geworfen. [49]

Lebende Legenden traf ich im Feld nie an, ich hörte nur immer wieder von den pensionierten. Hervorragende Tugenden dieser Leitbilder: entweder konnten sie gut vernehmen oder sie hatten ein enorm leistungsfähiges Gedächtnis.

"Der Kollege Wilms war hier richtig berühmt auf der Dienststelle. Er war zwar etwas wortkarg, ist auch nicht so besonders gut mit den Kollegen ausgekommen, aber er hat ein überdurchschnittliches Gespür dafür gehabt, bei Vernehmungen die Täter zu Geständnissen zu bewegen mit seinem väterlichen Ton. Andere hätten sich an verschiedenen Angeklagten die Zähne zerbrochen, doch der hat durch seinen Ton es immer wieder geschafft, Geständnisse hervorzulocken" (KOKin Blott). [50]

Die höchste Anerkennung fand in den Geschichten das Leben und Wirken des KOK Marek.

"Der war zwar auch mit seiner Frau verheiratet, aber mehr mit seinem Beruf. Der hat sich jeden Tag, ob Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag oder Sonntag alle eingehenden Berichte über Straftaten durchgelesen und sich diese auch gemerkt. Das hat der auch im Urlaub gemacht, bei jedem Wind und Wetter. Und der konnte sich das alles merken. Ein Computer halt. Und wenn dann etwas vorgefallen ist, dann hat sich der Marek an das und an das erinnert und gesagt: 'Da müßt ihr mal dort ermitteln'." [51]

Es ist schon verwunderlich, dass in einem Arbeitsbereich, in dem offiziell so viel von Scharfsinn und Klugheit gesprochen wird, keine Sagen vorhanden sind, die diese Tugenden abbilden und würdigen. Auch auf meine ausdrückliche Nachfrage nach scharfsinnigen, also genau beobachtenden und intelligent schlussfolgernden Helden fiel keinem der Fahnder eine Geschichte ein. Stattdessen wurde ich gefragt, was ich denn überhaupt meinte. Erläuternde Hinweise auf Sherlock Holmes quittierte man mir mit dem Hinweis, der arbeite völlig weltfremd. So auch KOK Vazek:

"Es gibt nur sehr, sehr wenige Fälle, wo man so messerscharf wie Sherlock Holmes sagt: 'Wenn etwas so passiert ist, kann nur die Dame von nebenan der Mörder sein.' Solche kriminalistischen Schlussfolgerungen höheren Grades sind sehr merkwürdig. Die wirkliche Arbeit ist nicht so. Wir tragen Fakten zusammen". [52]

Auch Hinweise auf bekannte Fernsehkommissare endeten stets damit, dass eine prinzipielle Differenz festgestellt wurde, und nicht nur eine intellektuelle.

"Wir haben nur die Täter von der untersten Sohle, die Doofen, die im Fernsehen haben immer die aus dem gehobenen Niveau, die wir gar nicht kriegen, weil die sofort mit ihrem Anwalt aufkreuzen. Die wirklich Intelligenten erwischen wir nie, die Reichen sowieso nicht. Man zeigt also im Fernsehen überhaupt nicht das übliche. Aber dafür interessiert sich ja auch keiner" (KOK Golks). [53]

Von der KOKin Blott stammt folgende Einschätzung dieses Themas: "Wir sind doch nur – bildlich gesprochen – mit Hammer und Meißel ausgerüstet, während die Kriminellen immer auf dem Stand modernster Technik sind." [54]

Soweit erst einmal die Darstellung der Kollektiverzählungen. Wenn man im nächsten Untersuchungsschritt hinter den einzelnen, auf den ersten Blick isolierten Erzählungen nach einer impliziten Großerzählung Ausschau hält, also versucht, die Daten weiter zu verdichten, dann zeigt sich in ihnen folgende Polizeiwelt: Die Welt, in der die Ermittler leben, ist (glaubt man den Mythen) demnach nicht nur sehr gefährlich und unberechenbar, sie ist auch bevölkert von Tätern, Zeugen und Sachverständigen, die (möglicherweise) unvernünftig bis sehr dumm handeln. Ermitteln kann man diese Täter, falls nicht Zufall oder haarsträubende Täterdummheit von selbst zur Aufklärung führen, indem man Fakten sammelt, sein gutes Gedächtnis einsetzt, einfühlend vernimmt und ansonsten auf die Hexenkünste polizeiinterner Spurenexperten vertraut. Der eigenen Aufklärungskompetenz vertraut man dagegen wenig, weil man sich strukturell im Nachteil glaubt:

"Anfangs denkt man ja, man lernt was aus den aufgeklärten Taten. Tut man auch, aber nur wenig. Denn die schlauen Täter sind einem immer einen Schritt voraus. Den Frischlingen von denen, also die, die gerade anfangen, denen sind wir überlegen. Aber das hört nach zwei, drei Jahren auf. Das liegt daran, dass wir nur reagieren. Man sagt ja, die Gesellschaft ist im Wandel begriffen und wir passen uns alle an. Und die Leute, die am anpassungsfähigsten sind und es als erste begreifen, wie sich was entwickeln wird, das sind die Leute, die sehr schnell sehr viel Geld verdienen wollen. Und das sind die, das sage ich immer wieder, die wir als Kriminelle jagen, weil die es begriffen haben und wir hinterherhinken. Die machen etwas, und wir wissen weder genau, was sie wie tun, noch ob das überhaupt verboten ist. Wir hinken einfach hinterher, immer, fortlaufend. Also den Superpolizisten, der alles begreift und schon im vornherein weiß, den gibt es nicht, den wird es auch nicht geben" (KOK Mertens). [55]

Interpretiert man diese Geschichten entlang der hier interessierenden "Achse" der Rahmung von Wissensverarbeitungsprozessen noch etwas weiter, dann stößt man auf der Suche nach einem gemeinsamen Fluchtpunkt all dieser Selbstdeutungen auf einen Topos, der mit gewissen Abschattierungen überall auftaucht: die Irrationalität. Die Welt läuft nicht in den Bahnen der Vernunft, (das ist die eine Seite) und die Welt lässt sich deshalb nicht mit dem Mittel der Vernunft aufklären (das ist die andere Seite). Will man dennoch an der Aufklärung arbeiten, muss man deshalb Irrationalität mit Irrationalität parieren. (Der Gedächtniskünstler, aber auch der väterlich Vernehmende und die Spurenexperten haben alle etwas Außeralltägliches und Irrationales. Sie sind keine "normalen" Fahnder mehr. Man schreibt ihnen Fähigkeiten zu, die schon fast "übernatürlich" sind, zumindest lassen sich diese nicht mehr erklären oder nachahmen.) Der "normale" Ermittler arbeitet dagegen an der Aufklärung, indem er Fakten um Fakten zusammenträgt. Er reagiert nur und begnügt sich damit, nur die zu fassen, die das tun, was die Alten bereits taten. Auch das ist irrational – von Polizisten und Tätern. [56]

Kurz: im Zentrum der gesellschaftlich organisierten berufsmäßigen Aufklärung von Verbrechen, also bei den Kriminalpolizisten, trifft man auf eine in Geschichten repräsentierte Welt, die nicht mit dem Mittel der (wissenschaftlichen) Vernunft aufzuklären ist. Diese Welt wird nicht bevölkert von heldenhaften, an den Polizeialltag anschließbaren Vorbildern, die mittels gedanklicher Kühle und Strenge alleine oder gemeinsam gezielt "Nichtwissen" durch Aufklärung beseitigen (wie z.B. Holmes), sondern in dieser Welt leben Aufklärer, die sich zwar anstrengen und viel bewegen, jedoch nur über das "Wissen von Gestern" verfügen. Mit solchem Wissen kann man vielleicht einfache Vergehen aufklären, intelligente Täter sind einem jedoch stets voraus. [57]

Die bisherige Untersuchung der "deutenden Geschichten" hat m.E. gezeigt, dass die den Polizisten zur Verfügung stehende Wissensbasis aus ihrer Sicht nicht mit den Vorzeichen "sicher" und "berechenbar" gerahmt werden. Eher das Gegenteil ist der Fall. Das Wissen ist weder sicher noch immer aktuell, man weiß nicht, was man weiß und noch brauchen wird. Alles kann sein, wie es sich zeigt, aber auch ganz anders. Kurz: mit dieser Wissensbasis lässt sich zwar prinzipiell kalkulieren, aber das Kalkül verdient seinen Namen nicht, da die Basis notwendigerweise unscharf ist. [58]

Nun wäre es ein Fehler, die "symbolische Welt" und die Welt alltäglicher Praxis kurzzuschließen, also die erste für die Abbildung der zweiten zu halten. Gewiss haben sie etwas miteinander zu tun, doch man kann die Frage, ob die symbolisch repräsentierte Welt zukunftsweisender Entwurf, Verklärung vergangener Praxis, Ohnmachts- oder Allmachtsphantasie, Selbstbeschwichtigung oder Anklage oder anderes ist, erst mit Argumenten beantworten, wenn man die Erzählungen mit der gelebten Praxis vergleicht. Das würde an dieser Stelle jedoch zu weit von der hier im Vordergrund stehenden Frage wegführen. [59]

Was man jedoch bereits jetzt feststellen kann, dass sind die objektiven Wirkungen solcher Deutungen auf die Praxis polizeilicher Aufklärungsarbeit. Zwei Effekte sind mir (betrachtet man die Auswirkung solcher Erzählungen auf das Tun der Ermittler) besonders augenfällig und wichtig: zum einen die durch solche Erzählungen herbeigeführte systematische Schärfung der Aufmerksamkeit, zum anderen die ebenfalls durch sie hervorgerufene Institutionalisierung des systematischen Zweifels. Die so bewirkte Verbindung von Aufmerksamkeit und Zweifel produzieren eine spezifische Haltung, welche die Polizeiarbeit kennzeichnet und oft auch so fruchtbar macht. Das lässt sich wie folgt begründen. [60]

Die Erzählungen berichten, dass die Arbeit der Ermittler sehr gefährlich, manchmal lebensgefährlich ist. Aber man weiß nicht, wann von wem eine Gefahr droht, sondern nur, dass sie droht und dass die Bedrohung permanent ist. Der Ermittler, der diese Deutung ernst nimmt, befindet sich (sobald er die Dienststelle verlassen hat) in einem permanenten (mehr oder weniger) starken Alarmzustand. Will er den möglicherweise ihm drohenden Gefahren entgehen, muss er sie rechtzeitig erkennen. Dies fordert von ihm eine sehr genaue Beobachtung der jeweiligen Umgebung. Diese kann nicht mehr (wie im Alltag von Nicht-Polizisten) fraglos hingenommen werden, sondern sie wird im Gegenteil ständig durchleuchtet und danach beurteilt, ob sie Gefahren in sich bergen könnte10). Geschärft wird diese erhöhte Aufmerksamkeit noch durch die durch den Alarmzustand ausgelösten physiologischen Veränderungen, welche das Wahrnehmungsvermögen verändern und sensibilisieren. Effekt dieser präventiven Gefahrenabwehr: der Ermittler wendet sich stets seiner Umwelt mit einer außeralltäglichen, deutlich verschärften Aufmerksamkeit zu, was nebenbei die für den Aufklärungsprozess positive Folge hat, dass er auch mehr wahrnimmt11). [61]

Ein anderes Grundthema der Erzählungen ist die Ungewissheit. Man weiß nicht, wie sich der Täter verhalten hat: war er schlau oder einfach nur dumm? Entstand eine Spur aus Zufall oder wurde sie mit/ohne Absicht zurückgelassen? Die mit diesem "Nicht-Wissen" einhergehende Unsicherheit, verunsichert auch. Sie installiert – wenn man so will – einen grundsätzlichen Zweifel an seinen eigenen Überzeugungen. Dieser einmal etablierte systematische Zweifel (=es kann auch alles ganz harmlos sein) hat nun den Effekt, dass er objektiv der weiter oben beschriebenen Haltung des systematischen Verdachts (=überall und jederzeit kann ein Verbrechen geschehen) entgegenwirkt. Letztere, also die Haltung des Verdachts, neigt nämlich zur Unterstellung von Straftaten, da sie versucht, "Gestalten" zu einem polizeirelevanten Verdacht zu schließen. Deshalb führt eine solche Haltung leicht zur Paranoia. Die Haltung des systematischen (Selbst-) Zweifels relativiert dagegen die gewonnene, verdächtige Gestalt, sie wirkt der Paranoia entgegen und legt nahe, dass der Verdacht nur eine von sehr vielen denkbaren anderen Möglichkeiten ist. Systematische Aufmerksamkeit und systematischer Zweifel vereinen Paranoia und Gelassenheit in einer Haltung, und indem sie integriert werden, schaffen sie eine spezifische Haltung der freischwebenden, permanenten Aufmerksamkeit, die oft so viel mehr sieht als andere wahrnehmen. [62]

Zusammenfassen lässt sich nun folgendes: die Erzählkultur der Ermittler dient nur nebenbei der Zerstreuung, sehr viel mehr bewahrt und tradiert sie bewährte Handlungsstile und Haltungen. Damit ist sie ein konstitutives Element sowohl der polizeilichen Ausbildung als auch der polizeilichen Arbeit. [63]

6. Polizeiforschung in Deutschland – Forschung für oder über die Polizei?

Die Frage, ob eine Untersuchung polizeilichen Handelns nun einen gesellschaftskritischen Zuschnitt hat oder nicht, spielt in der neueren Polizeiforschung so keine Rolle mehr. Dafür ist eine andere Frage ins Zentrum gerückt, die eng mit der Geschichte der Trendwende verbunden ist: Sollte – so die neue Frage – Polizeiforschung Forschung für oder Forschung über die Polizei sein? Diese Frage resultiert m.E. letztlich aus der Geschichte der deutschen empirischen Polizeiforschung, und es wird Zeit, diese Geschichte und deren Folgen einmal zu reflektieren. [64]

Die Abkehr von der ideologiekritischen Polizeiforschung der 70er Jahre erfolgte in zwei Etappen. Zunächst konnte empirische Polizeiforschung nur noch im Auftrag polizeilicher Institutionen durchgeführt werden, und sie war von daher letztlich als Forschung zur Unterstützung der praktischen Polizeiarbeit konzipiert, also als Forschung für die Polizei. Erst Ende der 80er Jahre keimte dann wieder eine polizeiunabhängige Polizeiforschung auf, an deren Entwicklung auch die Gruppe "Empirische Polizeiforschung" beteiligt war und ist. Diese Forschung verstand sich deutlich als Forschung über die Polizei, ohne den gesellschaftskritischen Akzent wieder aufzugreifen (vgl. OHLEMACHER 1999). Beide Forschungsansätze stehen auch heute noch recht diffus nebeneinander, und im Polizeiforschungsdiskurs ist die Frage, ob empirische Polizeiforschung nun Forschung für die Polizei oder Forschung über die Polizei sein sollte, oder ob diese Frage gar obsolet ist, weil Forschung über die Polizei immer auch Forschung für die Polizei ist, nie konsequent diskutiert worden. Nicht zuletzt deshalb konnte sich Polizeiforschung in der Bundesrepublik bis heute nicht angemessen konzeptualisieren. Und so können OHLEMACHER, BOSOLD und PFEIFFER (2000, S.222) m.E. auch zu Recht zu der Einschätzung kommen: "Empirische Polizeiforschung (...) scheint auf den ersten Blick kein ausgebildeter Bereich der kriminologischen Forschung in der Bundesrepublik Deutschland zu sein". Aus meiner Sicht gilt dieser Befund auch bei einem zweiten, etwas genaueren Blick, wie sich in der Beschreibung einiger Diskursfaktoren zeigen lässt. [65]

Erst einmal muss festgestellt werden, dass die empirische Polizeiforschung kein eigenständiges Fachgebiet ist (ähnlich bereits ENDRUWEIT 1979, S.15f.). Sie ist stattdessen ein Arbeitsfeld, auf dem sich (wenige) Vertreter der unterschiedlichsten Fachdisziplinen tummeln und miteinander um die Güte und die Relevanz ihrer Untersuchungsergebnisse debattieren12): Juristen finden sich dort ebenso wie Kriminologen, Soziologen ebenso wie Kommunikationswissenschaftler und Politologen ebenso wie Pädagogen. Für Empirische Polizeiforschung gibt es weder einen Lehrstuhl, noch ein Studienangebot und schon gar nicht einen eigenen Studiengang. Pointiert: "Es fehlt in Deutschland an einer systematischen, (nicht nur, aber auch wissenschaftlich) begleiteten, rationalen Beschäftigung mit dem, was Polizei tut, was sie tun kann und was sie tun sollte" (FELTES 1997, S.3). Kurz: Für die empirische Polizeiforschung existiert (fast) keinerlei institutionelle Verankerung, auch nach einer organisierten Form der Polizeisoziologie hält man vergeblich Ausschau. [66]

In Anbetracht dieser Lage muss dann die Frage erörtert werden, ob es überhaupt Sinn macht, ein eigenes Fach für sich zu reklamieren und dieses anzustreben oder ob man sich nicht doch besser in die Arme eines etablierten Faches begeben sollte13). Aber welches Fach könnte eine Heimat bieten: die Rechtswissenschaft, die Kriminologie oder doch die Rechtssoziologie? Aus meiner Sicht macht die Forderung nach einer eigenständigen Polizeiforschung wenig Sinn, da in einem solchen Fall die Perspektive viel zu eng geführt würde. Polizeiforschung (quantitative wie qualitative) kann m.E. nur ein Teil der Soziologie sein, die im wesentlichen wissenssoziologisch ausgerichtet ist (wobei unklar ist, ob sie in der Rechtssoziologie oder der Soziologie abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle ihre Heimat finden kann). Eine eigene Polizeiforschung, verstanden als die Untersuchung der konkreten Arbeit von Polizisten und Polizistinnen, als eigenes Fach zu verlangen, käme der Forderung gleich, neben der Medizinsoziologie auch eine Ärzteforschung, neben der Bildungssoziologie auch eine Lehrerforschung, neben der Industriesoziologie auch eine Arbeiterforschung etc. einzurichten. Gewiss muss man das berufliche Handeln all dieser Personengruppen sozialwissenschaftlich untersuchen, aber doch stets und nur aus der übergreifenden Perspektive des gesamten Handlungsbereiches. Eine eigenständige, so eng gefasste Polizeiforschung liefe Gefahr, nur noch sich selbst zu sehen, und nicht mehr zu verstehen, dass die Arbeit der Polizei Teil der Antwort auf die Frage ist, wie Gesellschaft möglich ist – und damit würde Polizeiforschung zwar einiges über Arbeitsvorgänge wissen, aber wenig darüber, was diese bedeuten. In diesem Zusammenhang wäre ernsthaft zu überlegen, inwieweit das gesamte staatliche wie privatwirtschaftliche "Polizieren", also die verschiedenen auf Rechtsordnung und Rechtssicherheit zielenden Handlungsprogramme, einen hoch genug aggregierten Gegenstandsbereich bilden könnte, den eine "Soziologie des Policing" systematisch untersucht (Anschlüsse hierzu fänden sich z.B. bei BRÖCKING, KRASMANN & LEMKE 2000 und FOUCAULT 2000). [67]

Zum zweiten ist der Organisationsgrad der empirischen Polizeiforscher sehr gering. Polizeiforscher sind meist Einzelkämpfer. Es gibt keinen eigenständigen Arbeitskreis, es fehlte bislang eine eigene Zeitschrift (weshalb Artikel zur Polizeiforschung auf dem gesamten Zeitschriftenmarkt verteilt sind und deshalb oft unbemerkt bleiben) und es fehlen einführende Handbücher. Optimistisch stimmt allerdings, dass seit einigen Jahren erste Ansätze eines höheren Organisationsgrades sichtbar werden. Dafür vier wichtige Beispiele: (a) die von FELTES, KERNER und REBSCHER ab 1990 herausgegebene Buchreihe "Empirische Polizeiforschung"; (b) der Aufbau des Arbeitskreises Innere Sicherheit (AKIS) (an dem H.-J. LANGE maßgeblich beteiligt war, der immer wieder Tagungen zur empirischen Polizeiforschung organisierte); (c) die Einrichtung einer Ad-hoc-Gruppe auf dem Soziologiekongress in Köln im Jahr 2000 und (d) zuletzt die Gründung einer unabhängigen wissenschaftlichen Fachzeitschrift mit dem Namen "Polizei & Wissenschaft". [68]

Zum dritten (und das hängt ursächlich mit dem eben Gesagten zusammen) fehlt der Polizeiforschung eine eigene Debatte um relevante Theorien und Konzeptualisierungen, um eine angemessene Methodologie und Methode, um die Reichweite und die Grenze der Forschung und ihr fehlt eine eigene und übergreifende Fragestellung. Denn völlig unklar ist, welche Frage die Polizeiforschung zu beantworten versucht. Gewiss ist allein der Gegenstandsbereich: Das ist die Polizeiarbeit. Aber hat die Polizeiforschung außer dem Gegenstandsbereich auch eine Fragestellung? Oder untersucht sie nur alles, was mit der Arbeit der Polizei in Verbindung zu bringen ist14)? Viel zu optimistisch ist deshalb die Meinung BEHRs, die er im Hinblick auf eine noch zu etablierende Polizeiwissenschaft äußerte. Er wisse nicht – so BEHR –, was diese "der bisher entwickelten, mittlerweile sehr ausdifferenzierten Perspektiven des Genres 'Polizeiforschung' noch Neues hinzufügen sollte" (BEHR 2000b, S.77). Es ist dagegen sehr viel denkbar, was noch zu tun ist. [69]

Diese in organisatorischer, fachpolitischer und wissenschaftstheoretischer Hinsicht völlig unbefriedigende Lage der empirischen Polizeiforschung in der Bundesrepublik ist m.E. – wie schon gesagt – eng verknüpft mit dem ungeklärten Selbstverständnis der Polizeiforschung und mit dem daraus resultierenden ungeklärten Erkenntnisinteresse: In wessen Auftrag und mit welchem Ziel betreibt sie Forschung? Geht es darum, Arbeitsplatzstudien mit der Absicht zu betreiben, die Arbeit entlang polizeieigenen Standards zu optimieren, oder geht es darum, das polizeiliche Handeln aus externer Sicht stellvertretend zu deuten und damit die Bedingungen, Formen, Möglichkeiten, Folgen und Grenzen dieses Tuns sichtbar zu machen? Kurz: Arbeitet die Polizeiforschung für oder über die Polizei? [70]

Die Diskussion und Klärung dieser Frage ist für die Polizeiforschung von immenser Bedeutung geht es doch hier um Unabhängigkeit und Perspektivenneutralität oder anders: um Wissenschaft als Profession. Es macht m.E. wenig Sinn (auch wenn es sehr gut verstehbar ist), diese Debatte zu beenden, bevor sie richtig begonnen hat – wie dies OHLEMACHER und LIEBL anlässlich einer Tagung, auf der Forscher für die Polizei mit Forschern über die Polizei ihre Ergebnisse diskutieren (vgl. LIEBL & OHLEMACHER 2000) gefordert haben. Sie erklärten damals: "Die Kämpfe zwischen 'für' vs. 'über' sind gekämpft, es geht nunmehr um die integrative Forschung, 'in, für und über' die Polizei (...) mit dem Ziel eines deutlich kumulierenden Vorgehens" (OHLEMACHER & LIEBL 2000, S.10). [71]

Innerhalb der Polizeiforschung muss m.E. statt dessen sehr strikt zwischen einer Forschung, die für die Polizei betrieben oder von der Polizei erstellt und einer Forschung, die über die Polizei angestellt wird, unterschieden werden. Wissenschaftliche Polizeiforschung ist in diesem Verständnis keine Hilfswissenschaft der Kriminalistik, also keine Serviceleistung der Wissenschaft für die Polizei. [72]

Wissenschaft und Polizei sind in diesem Verständnis zwei eigene und unabhängige Bereiche gesellschaftlichen Lebens. Wissenschaft und Polizei haben nicht nur andere Aufgaben und Ziele, sie verfügen zudem über andere Bewertungsstandards und Handlungslogiken. Die Wissenschaft kann sich z.B. oft ohne allzu großen Zeitdruck mit enormem Einsatz bestimmte Dinge ansehen und genau prüfen, die Polizei muss dagegen in der Regel, unter enormen Zeitdruck und mit begrenzten Ressourcen anstehende Probleme lösen. Weil der Polizei wegen des enormen Handlungsdrucks oft keine Zeit bleibt, Sachverhalte genauer zu untersuchen, beauftragt sie zuweilen die eigenen Forschungsabteilungen oder unabhängige Wissenschaftler damit, bestimmte Bereiche genauer zu untersuchen und "Servicewissen" zu erarbeiten. Das ist Forschung für die Polizei. [73]

Eine unabhängige empirische Polizeiforschung – wie die Gruppe Empirische Polizeiforschung sie beispielsweise betreibt – kann und darf nicht von dieser Art sein – einfach deshalb, weil sie einen anderen Gegenstandsbereich hat. Polizeiforschung hat nämlich die Organisation "Polizei" und deren Arbeit zum Gegenstand oder anders: sie untersucht die polizeiliche Handlungslogik, folgt ihr aber nicht, sie untersucht das Geschäft der Polizei, betreibt es aber nicht selber. Dieses Beharren auf der Unterscheidung einer Polizeiforschung für oder über die Polizei15) resultiert nicht aus dem Verdacht oder der Unterstellung, die eine sei theoretisch oder methodisch besser als die andere. In beiden Bereichen gibt es gute und weniger gute Arbeiten. Der Ausbildungsgrad der Forscher und die Beherrschung der Methoden der Datenerhebung und Datenauswertung dürften ebenfalls in beiden Bereichen gleich gut bzw. gleich schlecht sein. Nein, es geht nicht um die theoretische und/oder methodische Qualität der Arbeiten über oder für die Polizei, sondern es geht um die Gebundenheit der einen an die Perspektive der Polizei (was völlig andere Fragen und Gegenstandsbereiche zur Folge hat – vgl. auch OHLEMACHER 1999, S.9) und die Gebundenheit der anderen an die Perspektive der Soziologie. Dies Externalisierung des Standespunktes, diese Betrachtung der Polizei von außerhalb, öffnet sehr viel leichter (wenn auch nicht notwendigerweise) den Blick für die Besonderheit des scheinbar Selbstverständlichen, für Alternativen und für Neues. Und so könnte sichtbar werden, dass die Arbeit der Polizei nur ein Teil des sehr viel umfassenderen "Policing" einer Gesellschaft ist. [74]

Das heißt nun nicht, dass die empirische Forschung über die Polizei nicht auch die alltägliche Arbeit der Polizei vor Ort befruchten kann, aber dies wäre ein Nebeneffekt, nicht das eigentliche Ziel. Die empirische Polizeiforschung untersucht nämlich von außen (weder mit Weisungsbefugnis noch in Befolgung einer Order) das polizeiliche Handeln (sowohl die institutionellen Vorgaben als auch die darin eingelassenen Handlungsroutinen), zum zweiten die Auswirkungen polizeilichen Handelns (auf Polizisten, Täter, Opfer, Zeugen, Bevölkerung, Gesellschaft) und schlussendlich auch die politischen Rahmenbedingungen und Zielsetzungen polizeilicher Arbeit (zum Arbeitsprogramm einer Polizeiforschung siehe auch OHLEMACHER 2000). Diese Art der Polizeiforschung betreibt in bester Tradition Aufklärung, da sie vor das Urteil die Beobachtung und die Analyse setzt. Nur wenn man eine bestehende Praxis tatsächlich kennt und zergliedert hat, kann man sich in einem Prozess der Auseinandersetzung mit guten Gründen für oder gegen diese Praxis entscheiden. [75]

Zum Schluss möchte ich noch auf ein weiteres Missverständnis kurz eingehen: die oft aus Polizeikreisen gehörte Forderung, alle Ergebnisse der Polizeiforschung müssten auch den Berufserfahrungen der Ermittler entsprechen, also in ihrer Sprache formuliert oder zumindest in sie übersetzbar sein. Eine solche Vorstellung nimmt allerdings die kritiklose Verdopplung der Lebens- und Berufserfahrung der Praktiker zum Maßstab für die Güte wissenschaftlicher Arbeit. Dies ist genau so absurd wie z.B. das vergleichbare Gebot, Politikforschung müsse im Dienste der Politiker stehen und müsse sich im übrigen mit den Lebenserfahrungen und Ansichten der Politiker in Einklang bringen lassen. Wissenschaftliche Forschung muss dagegen immer (will sie ihren Namen auch verdienen), die Erfahrung und das Wissen des einzelnen "Beforschten" überschreiten. Denn nicht nur polizeiliche Praxis gestaltet sich vielfältig – in Köln sieht sie schon ganz anders aus als in Buxtehude, und in Frankfurt am Main anders als in Frankfurt an der Oder, aber auch innerhalb einer Behörde variiert die Praxis erheblich. Wissenschaftliche Forschung muss also stets und notwendigerweise die Erfahrungen des einzelnen Ermittlers vor Ort verlassen, will sie das Gemeinsame innerhalb der Vielfalt auffinden. [76]

Gewiss müssen Wissenschaftler sicherstellen, dass ihre Ergebnisse an die Praxis "anschlussfähig" sind, aber niemand kann ernsthaft von der Wissenschaft fordern, sie dürfe dem Einzelnen vor Ort nicht mehr und nichts anderes erzählen als dieser aufgrund seiner Praxis schon weiß. Die stellvertretende Perspektivenüberschreitung und Perspektivenerweiterung machen nämlich das eigentliche Geschäft der Wissenschaft aus. Wer anderes von ihr erwartet, tut weder der Polizei noch der Wissenschaft etwas Gutes. [77]

Anmerkungen

1) Zur Erläuterung des Erkenntnisinteresses des Labeling-Ansatzes: "Dem Labeling-Ansatz der 'kritischen Kriminologie' verpflichteten Arbeiten geht es über das 'Wie' der Konstruktionsprozesse hinaus um deren systematische, sich am gesellschaftlichen Status der Verdächtigen orientierende, Selektivität und Funktion, d.h. um den 'second code' der polizeilichen Anwendungsregeln von Strafrecht" (LÖSCHPER 2000, S.3f). <zurück>

2) Siehe hierzu ausführlich REICHERTZ 1991, S.130-140 und als Ergänzung hierzu DONK & SCHRÖER 1999b. Ebenso Ricken 1992a. <zurück>

3) In der Regel hat jedes Mitglied der Projektgruppe mindestens 6 Monate im Feld "Polizei" zugebracht. Das heißt, dass man an der normalen Arbeit in einer Dienststelle (auch Überstunden und Wochenenden) teilnahm und das Verhalten der Ermittler beobachtete, jedoch den Dienst nicht selbst ausübte. <zurück>

4) VICLAS (=Violent Crime Linkage Analysis System) ist ein Expertensystem, das bei der Ermittlung von Serientätern oft zum Einsatz kommt. Ziel dieses Computerprogramms ist es, (1) bei aktuell zu klärenden Straftaten Parallelen zu früheren zurückliegenden zu entdecken, um damit Serientaten als solche überhaupt erst identifizieren zu können, (2) Hinweise auf das Persönlichkeits- und Handlungsprofil des Täters zu ermitteln, um der Polizei neue Ermittlungsansätze zu liefern und (3) überregionale Zusammenarbeit zu erleichtern. Eingesetzt werden diese Systeme in der Regel nur bei Schwerstkriminalität, so z.B. Serienmorden, gravierenden Sexualdelikten und Brandstiftung. <zurück>

5) Eine Sammlung verschiedener Arbeiten in dieser Tradition empirischer Polizeiforschung findet sich in REICHERTZ & SCHRÖER 1992 und teilweise auch in REICHERTZ & SCHRÖER 1996 und REICHERTZ 1998a. <zurück>

6) "Egologisch" heißt ganz im Sinne von Alfred SCHÜTZ dann eine Perspektive, wenn es darum geht, die untersuchte Handlung im Hinblick auf die Logik, die Motivstruktur des handelnden Ego zu rekonstruieren. Natürlich ist eine solche "Rekonstruktion" nur eine Zuschreibung von typischen Um-zu-Motiven, keinesfalls die Behauptung, diese Motive hätten im konkreten Fall auch tatsächlich vorgelegen. <zurück>

7) Leider konnte ich nur wenige dieser Geschichten mit Tonband aufzeichnen. So gut ich konnte, habe ich die anderen in meinen Feldnotizen festgehalten. Wenn nicht anders vermerkt, stammt die Ausdrucksgestalt der Erzählungen also von mir. <zurück>

8) Nebenbei: viele Geschichten thematisieren mehrere Aspekte. So geht es hier nicht allein um den trügerischen Schein, sondern auch um die überall anzutreffende Irrationalität (von Tätern, Zeugen, Sachverständigen und der Welt im allgemeinen). Die Botschaft lautet: Täter (und auch Zeugen etc.) handeln nicht immer vernünftig, meist handeln sie sogar ausgesprochen einfältig. Täter sind nicht intelligent, sondern dumm. Wäre es anders, würden sie die Tat erst gar nicht begehen. Nebeneffekt dieser Botschaft: Die im Medienleben gewonnene Überzeugung, Täter seien rational berechenbar, wird sukzessive zersetzt. <zurück>

9) Hier wird natürlich auch mit der Konkurrenz zur der in mehrfacher Hinsicht "einfachen" Schutzpolizei gespielt. Die Schutzpolizisten kommen nämlich auf jeden Fall schlecht weg: entweder werden sie durch die Frau eines K-Mannes eines Besseren belehrt, oder sie durchschauen nicht, dass die Ehefrau lediglich ihrer Solidaritätsverpflichtung nachkommt und als Ehefrau eines Kriminalisten halt geschickt lügen kann. <zurück>

10) Besonders sichtbar geworden ist dieses Verhalten bei Verhaftungen. Erst wenn man eine Reihe von Verhaftungen beobachtet und einiges falsch gemacht hat, bemerkt man dieses sorgfältige Durchmustern der Umgebung: Man steht in besonderer Weise zur Haustür, analysiert kurz das Türmaterial; sollte jemand die Tür öffnen, geht der Blick sofort zu den Händen; man hört in die Wohnung, ob sich dort möglicherweise noch andere Menschen oder Hunde (=immer gefährlich!) befinden, etc. <zurück>

11) Wer mit Kriminalbeamten unterwegs ist, bemerkt bald, dass diese nicht nur anderes wahrnehmen als man selbst – das ist jedoch meist Ergebnis des berufsspezifischen Blicks, der sich nur für bestimmte Dinge interessiert. Sie nehmen auch mehr und anders wahr. So folgte z.B. ein Ermittler auf einer Routinefahrt ohne große Probleme der Funkdurchsage, sprach mit seinem Partner, orientierte sich als Fahrer im Verkehr und nahm zugleich noch wahr, dass einer der mehreren Wagen in der Einfahrt, die gerade passiert worden war, so ein blauer Passat war wie der, der gestern gestohlen worden war. Ich hatte als Beifahrer das Gespräch und den allgemeinen Verkehr verfolgt. Weder hatte ich den Funkspruch verstanden, noch die Einfahrt bemerkt, ganz zu schweigen von dem blauen Passat. <zurück>

12) Dabei ist die Diskussionsbereitschaft allgemein nicht besonders stark ausgeprägt: Andere Polizeiforscher werden – wenn überhaupt – meist nur kommentarlos zur Kenntnis genommen (mehr oder weniger wohlwollend), so dass nur äußerst selten ein Interesse an einer (systematischen) Auseinandersetzung sichtbar wird. Manchmal gewinnt man sogar den Eindruck, als würden Polizeiforscher das Verhalten übernehmen, dass sie bei den von ihnen Erforschten beobachtet haben – ein Sachverhalt, der vielleicht daraus resultiert, dass es meistens kein biographischer Zufall ist, dass man sich für die Polizeiforschung entscheidet. <zurück>

13) Diese Frage müssen sich auch die stellen, die aus durchaus verständlichen Gründen eine eigenständige "Polizeiwissenschaft" fordern (vgl. HEUER 2000, NEIDHARDT & SCHULTE 2000; STOCK 2000). Allerdings stellt sich dann die Frage, wer eine "Polizeiwissenschaft" benötigt: Die Polizei, um ihr (Führungs-) Personal praxisnah, methodisch wie theoretisch anspruchsvoll auszubilden und damit auch die Professionalität der Arbeit der Polizei sicherzustellen, oder eine Gesellschaft, die von der Wissenschaft über sich, also auch über die polizeilichen Formen und Institutionen der Normenkontrolle, aufgeklärt werden will. Will die Gesellschaft wissen, wie eine bestimmte Art sozialer Abweichung (Verstoß gegen Rechtsnormen) verhindert, aufgedeckt und "geheilt" werden kann und will sie wissen, wie dieser Prozess in der alltäglichen Praxis abläuft und organisiert werden kann (vgl. FOUCAULT 2000). Kurz: Ist die Gesellschaft oder die Polizei die Klientin einer Polizeiwissenschaft? <zurück>

14) Beispielhaft hierfür ist die Bestimmung der Polizeiforschung durch OHLEMACHER und LIEBL: "Als empirische Polizeiforschung kann jede im weitesten Sinne sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Polizei gelten, die basierend auf der Methodologie empirischer Sozialforschung theoretisch inspiriert und methodisch kontrolliert Daten erhebt, analysiert und/oder interpretiert" (2000, S.7). <zurück>

15) Natürlich kann man auch Polizeiforschung in der Polizei betreiben, was heißen soll, das wissenschaftlich ausgebildete Polizisten mit wissenschaftlichen Methoden und Theorien die eigene Dienststelle oder andere Behörden, Kollegen und Vorgesetzte, Täter, Opfer und Zeugen untersuchen und auch ihre Ergebnisse veröffentlichen und verantworten. Für diese Forschung gilt im Prinzip das Gleiche wie für die Forschung für die Polizei. Deshalb wird sie im weiteren nicht immer extra mitgenannt. <zurück>

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Zum Autor

Prof. Dr. Jo REICHERTZ; Jahrgang 1949, Studium der Germanistik, Mathematik, Soziologie und Kommunikationswissenschaft. Dissertation zur Entwicklung der "Objektiven Hermeneutik". Habilitation mit einer soziologischen Feldstudie zur Arbeit der Kriminalpolizei. Seit 1993 Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Essen – zuständig für die Bereiche "Strategische Kommunikation", "Qualitative Methoden", "Kommunikation in Institutionen", und "Neue Medien". Gastprofessuren in Wien, Lehraufträge in Hagen, Witten/Herdecke, St. Gallen und Wien. Mehrere Jahre im Vorstand und auch Sprecher der Sektion "Sprachsoziologie" in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Vorstandsmitglied der Sektion "Wissenssoziologie" in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

Arbeitsschwerpunkte: qualitative Text- und Bildhermeneutik, Kultursoziologie, Religionssoziologie, Medienanalyse, Mediennutzung, empirische Polizeiforschung, Werbe- und Unternehmenskommunikation

Kontakt:

Prof. Dr. Jo Reichertz

Universität Essen
FB 3 – Kommunikationswissenschaft
D-45117 Essen

Tel.: 0201 183-2810 / 2808
Fax: 0201 183-2808

E-Mail: Jo.Reichertz@uni-essen.de
URL: http://www.uni-essen.de/kowi/

Zitation

Reichertz, Jo (2002). Prämissen einer hermeneutisch wissenssoziologischen Polizeiforschung [77 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 3(1), Art. 17, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0201172.



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