Volume 3, No. 1, Art. 7 – Januar 2002

Konzeptionelle Überlegungen und eine empirische Strategie zur Erforschung von Individualisierungsprozessen

Jens Zinn

Zusammenfassung: Mit BECKs (1986) These eines neuen Individualisierungsschubs wurde seit den 80er Jahren eine Diskussion über soziale Wandlungsprozesse im Nachkriegsdeutschland entfacht. Die zuweilen unscharfe und uneinheitlich verwendete Begrifflichkeit führte im Individualisierungsdiskurs immer wieder zu Missverständnissen. Dabei liegt eine zentrale Schwierigkeit in den explizit oder implizit mitgeführten Vorannahmen: etwa über das Verhältnis von Handlungsresultaten und dem ihnen zugeschriebenen Sinn sowie der Sozialstruktur zu Institutionen und Akteuren. Da diese Unterstellungen den Kern der Individualisierungsthese betreffen, müssen sie selbst der empirischen Analyse unterzogen werden, statt unhinterfragt vorausgesetzt zu werden. Diese Schwäche steht im Zusammenhang mit etablierten Forschungstraditionen im Nachkriegsdeutschland (etwa Sozialstrukturanalyse, Biografieforschung, Diskursanalyse), denn die unterschiedlichen Forschungsparadigmen erlauben jeweils für sich genommen nur sehr begrenzte Aussagen über Individualisierungsprozesse.

Im vorliegenden Beitrag soll am Beispiel der Individualisierungsthese gezeigt werden, wie soziale Wandlungsprozesse angemessen untersucht werden können: Ausgehend von der Unterscheidung zwischen institutioneller und personaler Individualisierung wird eine empirische Strategie zur Untersuchung personaler Individualisierungsprozesse vorgestellt. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Kombination qualitativer und quantitativer Daten und Methoden. Anhand eines Beispiels aus der Lebenslaufforschung wird gezeigt, wie bei der Stichprobenziehung, der Typenbildung und der standardisierten Erhebung und clusteranalytischen Reproduktion der Typologie qualitative und quantitative Forschungsstrategien kombiniert und füreinander fruchtbar gemacht werden können.

Keywords: Methodenkombination, sozialer Wandel, Individualisierung, Typenbildung, Stichprobenziehung, Clusteranalyse, Lebenslaufforschung, Biografieforschung

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konzeptionelle Überlegungen zur Individualisierungsthese

2.1 Der makrosoziologische Ausgangspunkt des Individualisierungsdiskurses

2.2 Die Entkopplung von Subjekt und Struktur? "Plurale Individualisierung" und "semantische Individualisierung"

2.3 Die Analyse sozialstrukturellen Wandels auf der Meso- und Mikro-Ebene: institutionelle und personale Individualisierung

2.4 Zum Verhältnis von Institutionen und Akteuren

2.5 Zum Verhältnis von "objektiven" Ereignissen und "subjektiven" Deutungen

2.6 Handeln und situationsübergreifende Handlungslogiken

3. Empirische Forschungsstrategien

3.1 Stichprobenziehung

3.2 Die Typisierung biografischer Handlungslogiken

3.3 Individualisierte Modi der Biografiegestaltung

3.4 Quantifizierung von typisierten Handlungslogiken

4. Resümee und Ausblick

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

Unter Individualisierung wird in der Regel ein Prozess verstanden, der mit dem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel beim Übergang von einer ständischen zu einer modernen Gesellschaft einhergeht und anhaltende Modernisierungsprozesse bis heute begleitet. Bisher wurden verschiedene Individualisierungsschübe ausgemacht (JUNGE 1996).1) Der letzte wird in der seit den 80er Jahren geführten Debatte (BECK 1994, S.48) im Nachkriegsdeutschland der 60er (und folgenden Jahre) verortet. Ausgangspunkt war eine Mischung verschiedener sozialstruktureller Entwicklungen: Ein anhaltender ökonomischer Aufschwung hatte in den 50er und 60er Jahren zum Anstieg des Durchschnittseinkommens geführt (BECK 1986: "Fahrstuhleffekt"), der allgemeine Ausbau des Wohlfahrtsstaates umfasste immer mehr zuvor ausgegrenzte Gruppen (LEISERING 1997, S.157) und immer größere Anteile der Bevölkerung hielten sich immer länger im Bildungssystem auf (Stichwort: Bildungsexpansion).2) Schließlich etablierte sich eine Individualisierungssemantik mit Begriffen wie Selbstverwirklichung, Selbstkontrolle, Selbstverantwortung und Selbststeuerung. [1]

Charakteristisch für die deutsche Debatte ist die "Logik einer Freisetzung von Individualität auf der Grundlage erfolgreicher Institutionalisierung" (WOHLRAB-SAHR 1997, S.25, KOHLI 1985). Individualisierung wird eher als Steigerungsverhältnis zwischen Institutionenabhängigkeit und Gestaltungsspielräumen gesehen. Besonders der Ausbau des Sozialstaats wird in diesem Sinne mit Individualisierungsprozessen in Verbindung gebracht (LEISERING 1997, WOHLRAB-SAHR 1997). Insgesamt überwiegt im öffentlichen Diskurs eine positive Perspektive – die Ermöglichung von Handlungsspielräumen durch neue institutionelle Arrangements, obgleich die Negativvariante (Armutszyklus und Scheitern der Individualisierung auf der Akteursebene) häufig als Möglichkeit mitbedacht wurde (etwa BECK 1986, S.143ff.). [2]

Dagegen ist der Diskurs in den USA überwiegend negativ konnotiert. Im Kontext vergleichsweise geringer institutioneller Sicherungsinstanzen und einer traditionell starken Betonung individueller Eigenleistung werden unter dem Etikett des Individualismus überwiegend gemeinwohlschädigende, solidaritätsfeindliche und egoistische Verhaltensweisen diskutiert (vgl. für einen kursorischen Überblick: WOHLRAB-SAHR 1997). Insbesondere die Kommunitarismusdebatte um neue bzw. die Rückkehr zu alten Vergemeinschaftungsformen steht für die negative Konnotation eines voranschreitenden Individualismus in der US-amerikanischen Debatte. [3]

Im Unterschied zu den USA stehen in der deutschen Debatte weniger Fragestellungen nach Vergemeinschaftung und sozialer Bindemittel im Vordergrund. Vielmehr geht es um die Reproduktion sozialer Ungleichheit auf der einen und der Vervielfältigung und Destandardisierung von Verlaufsmustern (vor allem der Erwerbsarbeit und der Partnerschaft) auf der anderen Seite. In diesem Zusammenhang wird der Frage nachgegangen, inwieweit es sich beim Individualisierungsschub im Nachkriegsdeutschland um einen sozialstrukturellen oder einen rein kulturellen Wandel handelt, d.h. um Veränderungen die allein auf der Deutungsebene zu verorten sind, aber gerade nicht zur Auflösung von traditionellen sozialen Ungleichheitsstrukturen führen. [4]

Traditionelle makrosoziologische Forschung (etwa Sozialstrukturanalyse, Ungleichheitsforschung, Berufsforschung) ging lange Zeit davon aus, dass mit spezifischen Strukturindikatoren wie der Höhe des Bildungsabschlusses, des Erwerbsstatus usw. auch die Lebensstile und Einstellungsmuster adäquat erfasst wären, da eine weitgehende Entsprechung zwischen sozialer Position und Orientierungsmustern bestehen würde (ESSER 2000, S.139). Genau dieser Zusammenhang wird von der Individualisierungsthese in Zweifel gezogen, weswegen neue Forschungsanstrengungen jenseits traditioneller Sozialstrukturanalyse notwendig werden. Denn wenn entscheidbar bleiben soll, inwieweit sozialstruktureller Wandel in Zusammenhang steht mit veränderten sinnhaften Handlungsweisen der Gesellschaftsmitglieder, veränderten formalen und institutionellen Handlungskontexten oder etwa einem wirtschaftlichen Aufschwung, muss die in der Diskussion häufig dominierende institutionelle und sozialstrukturelle Perspektive um die Mikroperspektive handelnder Akteure erweitert werden. Nur dann werden differenzierte Analysen von Individualisierungsprozessen möglich: Dies betrifft beispielsweise die Frage, inwieweit sich Individualisierungsprozesse in verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen (z.B. Wirtschaft, Familie, Freizeit) unterschiedlich durchsetzen, ob sich Individualisierung gerade in neuen Verstrickungsverhältnissen zwischen den verschiedenen Teilbereichen ausdrückt oder inwieweit unterschiedliche regionale, klassen-, schicht-, milieu-, geschlechts- und berufsspezifische sowie sonstige Effekte zu beobachten sind. [5]

Entsprechend ist die zentrale empirisch-konzeptionelle Frage des vorliegenden Beitrags: Wie können Individualisierungsprozesse auf der Akteursebene empirisch erfasst bzw. untersucht werden? [6]

Die Ergänzung der theoretischen Perspektive um eine eigenständige Mikro-Ebene der Individualisierung verlangt nach einer Umstellung der empirischen Forschungsstrategien. Anhand eines Beispiels aus der Lebenslaufforschung soll gezeigt werden, wie der Zusammenhang zwischen institutionellen Vorgaben, Handlungsresultaten und -sinn mit Hilfe einer Typologie von Handlungs- und Strukturierungslogiken3) untersucht werden kann, die sowohl auf (der Auswertung von) qualitativen als auch quantitativen Daten beruht. Darüber hinaus erweist sich die Kombination qualitativer und quantitativer Forschungsstrategien als nützlich, um die inhaltliche Repräsentativität der Typologie zu optimieren. Wenn schließlich mit der Individualisierungsthese in Zusammenhang stehende Fragestellungen untersucht werden sollen – etwa inwieweit biografische Handlungsweisen und traditionelle Sozialstrukturindikatoren zusammenhängen, individuelle Handlungsweisen durch sozialstrukturellen und institutionellen Wandel beeinflusst sind oder wenn Handlungsmuster intergenerationell verglichen werden sollen –, ist eine Übertragung der qualitativ gewonnenen Typologie in ein standardisiertes Instrument hilfreich. [7]

Mit einigen begrifflichen Klärungen soll im ersten Abschnitt des Beitrags zunächst Ordnung in die vielfältige Verwendung des Individualisierungsbegriffs gebracht werden. Zentrale Schwierigkeiten, die sich durch bestimmte Auffassungen und Bearbeitungsstrategien der Individualisierungsthese ergeben, beziehen sich auf das Verhältnis von objektiven Ereignissen zu subjektiven Deutungen einerseits und von Sozialstruktur/Kultur zu Institutionen und Akteuren andererseits. Die Verwendung empirisch unüberprüfter Annahmen über das Verhältnis objektiver Ereignisse zu subjektiven Deutungen und die Zusammenhänge zwischen sozialstrukturellen Veränderungen, Institutionen und individuellen Handlungsweisen im bisherigen Individualisierungsdiskurs wird kritisiert, und es wird eine ergänzende akteurstheoretische Forschungsperspektive gefordert, mit der die Individualisierungsthese in der Handlungspraxis der Gesellschaftsmitglieder verankert werden kann. [8]

An die konzeptionellen Vorüberlegungen schließt sich im zweiten Abschnitt der empirische Teil mit einem Beispiel aus der Lebenslaufforschung an. Es wird gezeigt, wie unter Rückgriff auf qualitative und quantitative Daten die These eines neuen "Vergesellschaftungsmodus" auf der Akteursebene untersucht werden kann: Bereits bei der Ziehung der qualitativen Stichprobe für diese Untersuchung kann durch den Rückgriff auf quantitative/standardisierte Daten kontrolliert werden, inwieweit bestimmte theoretisch relevant erscheinende (Struktur-) Merkmale und subjektive Deutungsmuster zusammenhängen. Damit kann die inhaltliche Repräsentativität einer qualitativen Stichprobe im Hinblick auf ausgewählte Merkmale optimiert werden (Abschnitt 3.1). Darüber hinaus können qualitative und quantitative Daten systematisch aufeinander bezogen werden, um Logiken der Biografiegestaltung junger Erwachsener zu typisieren (Abschnitt 3.2). Mit der Typisierung von Handlungslogiken (d.h. einer verbindenden Analyse von Deutungsmustern und Handlungsresultaten) können spezifische Eigenschaften der Individualisierungsthese erfasst werden (Abschnitt 3.3) – bspw. Uneindeutigkeiten bezüglich der Handlungsresultate (von Individualisierung kann nicht auf bestimmte Handlungsresultate geschlossen werden) oder des Einflusses von Handlungskontexten. Schließlich ist es auch bei der Standardisierung der qualitativ gewonnenen Typologie von Vorteil, wenn auf qualitative und quantitative Daten zurückgegriffen werden kann (Abschnitt 3.4). Der Beitrag endet schließlich mit einem resümierenden Ausblick. [9]

2. Konzeptionelle Überlegungen zur Individualisierungsthese

Viele Schwierigkeiten im Rahmen des Individualisierungsdiskurses können auf Unterschiede bei der Konzeptionalisierung zentraler soziologischer Problemstellungen zurückgeführt werden. Das betrifft zum einen die Frage nach dem Verhältnis von Akteur und Struktur oder genauer: von Individuen, Institutionen und Sozialstruktur. Zum anderen gilt es für die Frage nach dem Zusammenhang von Sozialstruktur und Semantik oder auf der Ebene von Individuen: von Handlungsresultaten und subjektiven Deutungen. [10]

Als Heuristik für die diversen Verstrickungsverhältnisse zwischen unterschiedlichen Daten und Erkenntnisebenen soll die folgende Unterscheidung zwischen drei analytischen Ebenen (Makro-, Meso- und Mikro-Ebene) sowie die Unterscheidung zwischen objektiven und subjektiven Daten bzw. Erkenntnisgegenstand dienen (vgl. Tabelle 1).

Zinn

Tabelle 1: Heuristik zur Analyse von sozialen Wandlungsprozessen4) [11]

Auf der Makro-Ebene kann unterschieden werden zwischen einer "objektiven" Sozialstruktur und allgemeingültigen Deutungsmustern bzw. sozialen Semantiken. In diesem Sinne wird die Sozialstruktur in kumulierten Handlungsresultaten sichtbar, wie sie etwa in Scheidungs-, Arbeitslosen- oder Fertilitätsraten zum Ausdruck kommen. Dagegen drückt sich die subjektive Seite in normativen Leitbildern, Normalitätsvorstellungen oder gängigen Deutungsmustern bezüglich des Erwerbslebens, Familie, Partnerschaft oder Geschlechtsrollen aus. Auf der Meso-Ebene sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen: Formale Institutionen werden auf der objektiven Seite als Gesetze oder gesetzte Regeln gefasst, auf der subjektiven Seite als spezifische institutionelle oder organisationsspezifische Bedeutungsgehalte. Schließlich sind auf der Mikro-Ebene einerseits die objektiven Handlungsresultate und auf der subjektiven Seite Deutungen, Orientierungen und Sinnzuschreibungen verortet. [12]

Je nachdem auf welcher Ebene Individualisierung verortet wird, welche Wechselwirkungen, Zusammenhänge oder Vermischungen zwischen den Ebenen implizit angenommen oder explizit untersucht werden, resultieren unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie die Individualisierungsthese auszubuchstabieren sei (etwa im Sinne einer Pluralisierung, Vereinzelung, Subjektivierung, Ideologie, Optionssteigerung). Da die Vorannahmen häufig nicht selbst zum Thema gemacht werden, scheinen die Argumente im Diskurs zuweilen aneinander vorbeizulaufen.5) [13]

Die begrifflichen und konzeptionellen Differenzen sind jedoch kein Zufall. Sie gehen vielmehr auf bestimmte soziologische Forschungstraditionen im Nachkriegsdeutschland zurück, die sich vor allem in einem unterschiedlichen empirischen Zugang zur Fragestellung ausdrücken: etwa in der grundlegenden Differenz zwischen quantitativ orientierter Sozialstrukturanalyse (vgl. MAYER 1989) und auf vergleichsweise wenige Fälle bezogene Biografieforschung (etwa: FISCHER-ROSENTHAL & ALHEIT 1995, DIEZINGER 1991). [14]

Nach einem Rückgriff auf BECKs Individualisierungsthese (1986) beschränken sich die folgenden Ausführungen auf ausgewählte zentrale Problemstellungen, die im Individualisierungsdiskurs kontinuierlich mitgeführt werden und maßgeblich für teilweise wenig fruchtbare Auseinandersetzungen verantwortlich sind. Darüber hinaus soll deutlich gemacht werden, auf welche Gegenstandsebene sich die Individualisierungsthese – nach Meinung des Autors – bezieht, nämlich auf einen veränderten sozialen Reproduktionsmodus oder in BECKs Worten: auf einen neuen "Modus der Vergesellschaftung" (BECK 1986, S.205). Was darunter verstanden werden kann, soll in einem ersten Schritt, und wie ein empirischer Zugang über die Mikro-Ebene individueller Akteure versucht werden kann, in einem zweiten Schritt erläutert werden. [15]

2.1 Der makrosoziologische Ausgangspunkt des Individualisierungsdiskurses

Einige Probleme im Individualisierungsdiskurs rühren von der Formulierung der Individualisierungsthese und der Strategie ihrer empirischen Untermauerung her. Vorerst sei jedoch an BECKs Definition eines "ahistorischen Modells der Individualisierung" (1986, S.206f.) erinnert, mit dem er einen "neuen Modus der Vergesellschaftung" spezifizieren möchte (BECK 1986, S.205). Er geht davon aus, dass drei zentrale Momente der Individualisierung unterschieden werden müssen: Herauslösung (bzw. Freisetzung), Stabilitätsverlust und Wiedereinbindung:

  • "Herauslösung" bezeichnet das Phänomen der Freisetzung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen im Sinne traditioneller Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge ("Freisetzungsdimension"). Hier wäre bspw. an die Kleinfamilie und an soziale Klassenstrukturen zu denken.

  • "Stabilitätsverlust" zielt auf den mit der Herauslösung einhergehenden Verlust traditioneller Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen ("Entzauberungsdimension"). Solche Sicherheiten gehen etwa mit der Erosion von Normalitätsvorstellungen bezüglich des Lebenslaufs, der Familie, des Erwerbsleben oder geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung verloren.

  • Mit der dritten Dimension ("Kontroll-" bzw. "Reintegrationsdimension") werden neue Formen sozialer Integration in den Blick genommen. Damit wird auf Zwänge des Arbeitsmarktes und der Konsumexistenz abgezielt, auf die Zunahme der Abhängigkeiten von sekundären Institutionen (etwa: Arbeitsmarkt, Sozialstaat) sowie auf institutionelle Eingriffe und Festlegungen (bspw. staatliche Regelungen zu Bildungszeiten und -wegen, zu Kinderbetreuungseinrichtungen oder zu partnerschaftlicher Absicherung). [16]

Zusätzlich unterscheidet BECK auf der jeweiligen Dimension zwischen objektiver Lebenslage und subjektivem Bewusstsein bzw. Identität. Diese zusätzliche Differenzierung hat auch Folgen für seine Argumentation. In der "Risikogesellschaft" (1986) will er sich ausschließlich der objektiven Seite widmen, während Fragen nach Bewusstsein und Identität weitgehend ausgeklammert bleiben6). [17]

Dabei ergibt sich die Schwierigkeit, dass von objektiven Lebenslagen (institutionellen Regelungen, Sozialstruktur, normative Vorgaben) nicht umstandslos auf individuelle Deutungsmuster geschlossen werden kann. Zumindest müsste der Nachweis eines entsprechenden Zusammenhangs empirisch erbracht werden. Dagegen verbindet BECK, entsprechend seiner Trennungslogik zwischen objektiver und subjektiver Seite der Individualisierung, das Verhältnis von Makro- und Mikro-Ebene mit einer unidirektionalen Erklärungsstrategie. Ausgehend von gesellschaftlichen Strukturveränderungen (bspw. steigenden Scheidungsraten, verlängerten Berufseinmündungsphasen) und allgemein verfügbaren Semantiken mit Allgemeingültigkeitsanspruch (bspw. Deutungsmuster der Selbstkontrolle, Selbstverantwortung oder Selbststeuerung) werden spezifische Anforderungsstrukturen an das Subjekt abgeleitet:

"In der individualisierten Gesellschaft muss der einzelne entsprechend bei Strafe seiner permanenten Benachteiligung lernen, sich selbst als Handlungszentrum, als Planungsbüro in bezug auf seinen eigenen Lebenslauf, seine Fähigkeiten, Orientierungen, Partnerschaften usw. zu begreifen. ... Gefordert ist ein aktives Handlungsmodell des Alltags, das das Ich zum Zentrum hat, ihm Handlungschancen zuweist und eröffnet und es auf diese Weise erlaubt, die aufbrechenden Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten in bezug auf den eigenen Lebenslauf sinnvoll kleinzuarbeiten. Dies bedeutet, daß hier ... für die Zwecke des eigenen Überlebens ein ichzentriertes Weltbild entwickelt werden muß, das das Verhältnis von Ich und Gesellschaft sozusagen auf den Kopf stellt und für die Zwecke der individuellen Lebenslaufgestaltung handhabbar denkt und macht. ... Für den einzelnen sind die ihn determinierenden institutionellen Lagen nicht mehr nur Ereignisse und Verhältnisse, die über ihn hereinbrechen, sondern mindestens auch Konsequenzen der von ihm selbst getroffenen Entscheidungen, die er als solche sehen und verarbeiten muß." (BECK 1986, S.217f.) [18]

Da Individualisierung als struktureller Veränderungsprozess konzeptionalisiert wird, dem letztlich kein Gesellschaftsmitglied entrinnen kann7), erscheint der Nachweis und die Spezifizierung des postulierten Zusammenhangs zwischen Strukturwandel und individuellem Wandel vorerst verzichtbar8). Abweichungen von angenommenen Normalitätsmustern oder durchschnittlichen Verhaltensweisen, die für einzelne Spezialgruppen oder Pioniere festgestellt werden, können so als Indikatoren für den postulierten sozialen Wandel dienen. [19]

Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich aus der Strategie, die Individualisierungsthese anhand von Sozialstrukturdaten zu unterstützen (vgl. BECK 1986). Denn dabei müssen unüberprüfte Annahmen über das Verhältnis von institutionellen und individuellen Veränderungen, insbesondere über veränderte individuelle Sinnzuschreibungen und institutionelle Bedeutungszuweisungen, zugrunde gelegt werden. Wie sich das Verhältnis zwischen Meso- und Mikro-Ebene darstellt, ist jedoch ebenso ein empirisch zu ermittelnder Sachverhalt wie der Einfluss der unterschiedlichen Ebenen auf die Makro-Ebene allgemeingesellschaftlichen Wandels (bei allen Schwierigkeiten, die solche allgemeinen Entwicklungsaussagen mit sich bringen). [20]

Mit der Beschränkung auf die Makro- und Meso-Ebene sowie auf die objektive Seite der Individualisierung bleiben die Mikro-Ebene und die subjektive Seite theoretisch-konzeptionell unterbelichtet und bieten Ansatzpunkte für Kritik. [21]

2.2 Die Entkopplung von Subjekt und Struktur? "Plurale Individualisierung" und "semantische Individualisierung"

Die Kritik an der These eines erneuten Individualisierungsschubs im Nachkriegsdeutschland überwindet häufig nicht die konzeptionellen Leerstellen der Hypothese. Wenn auf der gleichen empirischen Ebene versucht wird, die Individualisierungsthese zu widerlegen, auf der es bereits unmöglich war, sie zu bestätigen, droht der Erkenntnisfortschritt zu blockieren. Die dafür typischen Problemkonstellationen werden im Folgenden mit den Begriffen plurale Individualisierung und semantische Individualisierung bezeichnet: [22]

2.2.1 Plurale Individualisierung

Vor allem im Rahmen einer verlaufsorientierten Sozialstrukturanalyse (bzw. der quantitativen Lebensverlaufs-, Familien- oder Berufsforschung) wird die Beobachtung von Pluralisierung oder Diversifizierung von Lebensläufen (bzw. Partnerschafts- oder Erwerbsverläufen) zur Plausibilisierung von Individualisierungsprozessen herangezogen und ihr Fehlen als Hinweis zu ihrer Widerlegung angesehen (etwa MAYER & BLOSSFELD 1990, S.313). Mit Pluralisierung wird dabei in der Regel nichts anderes bezeichnet, als eine Vervielfältigung beobachtbarer Merkmalskombinationen oder Verlaufsmuster (vgl. die Definition von HUININK & WAGNER 1998, S.88). Wenn in diesem Sinne Pluralisierung die Richtigkeit der Individualisierungsthese belegen soll, muss ihr genauer die These zugrunde gelegt werden, dass Pluralisierung in einem direkten Zusammenhang mit Individualisierungsprozessen steht (plurale Individualisierung). Nur dann kann von beobachteter Pluralisierung direkt auf Individualisierungsprozesse geschlossen werden. [23]

Wenn Individualisierung sich jedoch nicht nur durch Handlungsresultate, sondern durch einen spezifischen Zurechnungsmodus (z.B. WOHLRAB-SAHR 1997)9) auszeichnet, versagt diese Form der Operationalisierung, da die zweite wesentliche Komponente – die Deutungsebene – fehlt, um Pluralisierung als Individualisierung zu qualifizieren. Die gleichen Daten können mit unterschiedlichen Deutungen verbunden werden, ohne dass entscheidbar wäre, welche Deutung nun plausibler ist. Damit die Frage beantwortbar wird, inwieweit diskontinuierliche Erwerbsverläufe auf individuelle Entscheidungen oder etwa allgemeine Globalisierungsprozesse zugerechnet werden müssen, die über die einzelnen Arbeitnehmer hereinbrechen, sind Handlungsresultate und Sinnzuschreibungen in ihrem Konstitutionszusammenhang zu analysieren. [24]

2.2.2 Semantische Individualisierung

Bleiben rasante Veränderungen auf der Ebene beobachtbarer Handlungsresultate aus, wird dies als Gegenevidenz zur Individualisierungsthese angesehen. Dann wird kritisiert, dass es sich bei der These um eine Individualisierungsideologie handele, da sich an Handlungspraxen und sozialen Ungleichheitsverhältnissen nichts Wesentliches verändern würde (bspw. KOPPETSCH & MAIER 1998). Andere Autoren sprechen von "Wunschdenken" oder einer sich wandelnden Selbstbeschreibung einer bestimmten sozialen Schicht (in diesem Sinne argumentieren etwa FRIEDRICHS 1998, S.7, MAYER 1991, S.683). Individualisierung kann dementsprechend nur als semantische Individualisierung interpretiert werden. [25]

Eine solche Trennung zwischen Handlungsresultaten und Handlungssinn übersieht, dass Handlungen erst durch ihren Sinn konstituiert werden. Verändert sich der Sinn, sind auch die Handlungen nicht mehr die gleichen10). Denn Handlungen besitzen keine eindeutige objektive Identität, sondern erhalten sie erst durch Zuschreibung eines Akteurs oder Beobachters (bereits DILTHEY 1959, S.51). Sozialer Wandel drückt sich jedoch nicht allein durch beobachtbare objektive Handlungsresultate oder neue Deutungsmuster aus, sondern auch durch veränderte Handlungslogiken, d.h. durch die Art und Weise, mit der Handlungen generiert werden. [26]

Wenn bspw. in der Partnerschaft trotz gewandelter Deutungsmuster eine unveränderte Arbeitsteilung realisiert wird, kann sie heute immer weniger mit traditionellen Geschlechterrollen begründet werden. Dadurch werden neue Aushandlungsprozesse (jenseits traditioneller Setzungen) notwendig, die auf neue Begründungsweisen (bspw. institutionelle Rahmenbedingungen, Einkommensdifferenzen, persönliche Vorlieben) zurückgreifen müssen. Damit werden wiederum alternative Arbeitsteilungsmuster denkbar, die zuvor durch Normalitätsannahmen bezüglich partnerschaftlicher Arbeitsteilung und der Natur von Männern und Frauen ausgeschlossen waren.11) [27]

Im Fall pluraler Individualisierung werden beobachtete Pluralisierung, Diversifizierung und nicht mehr auf formale Strukturindikatoren zurückführbare Lebensläufe als ein Ausdruck des Rückgangs struktureller Einflussfaktoren zugunsten autonomer individueller Entscheidungen aufgefasst. Sie würden sich quasi jenseits sozialer Strukturvorgaben konstituieren, denn das traditionelle Entsprechungsverhältnis zwischen Sinndeutungen und Strukturvorgaben wäre aufgebrochen (z.B. ESSER 2000, S.139). Ebenso erscheint im Fall semantischer Individualisierung kein Zusammenhang zwischen einem individuellen biografischen Sinnzusammenhang und strukturellen Einflüssen zu bestehen. Strukturelle Ungleichheiten reproduzierten sich "hinter dem Rücken" der Akteure – unbemerkt und ohne durch deren Sinnzuschreibungen beeinflusst zu werden (vgl. WOHLRAB-SAHR 1992). [28]

Damit gehen beide Konzepte jedoch an der Individualisierungsthese – soweit sie von BECK als Steigerungszusammenhang wachsender Institutionenabhängigkeit und Gestaltungsnotwendigkeit oder als "widersprüchliches Doppelgesicht institutionenabhängiger Individuallagen" (BECK 1986, S.210) formuliert wurde – vorbei:12) [29]

Denn einerseits werden Gesellschaftsmitglieder abhängiger von den Leistungen und Zertifikaten etwa des Bildungssystems, den Verteilungsmechanismen des Arbeitsmarktes und den Leistungen des Sozialstaates. Andererseits erzeugen diese Institutionen jedoch auch neue Entscheidungszwänge und -möglichkeiten, in denen Handeln oder Unterlassen dem einzelnen zugerechnet werden. [30]

Dies kann etwa die Entscheidung für eine bestimmte Schulform sein, die Entscheidung nach der Mittleren Reife doch noch die allgemeine Hochschulreife zu erwerben, eine Familie zu gründen, sich scheiden zu lassen oder trotz der anstehenden Hochschulreform auf eine Wissenschaftskarriere zu setzen oder all dies nicht zu tun. Gleichzeitig können Strukturvorgaben neu kombiniert oder ausgestaltet, bisher Getrenntes kann vermischt oder neu bewertet, Ungewöhnliches mit Normalem verbunden werden. Es handelt sich dabei jedoch keineswegs um Beliebigkeit oder die Auflösung normativer Vorgaben, die das Individuum im strukturlosen Raum zurücklassen (vgl. etwa BURKART 1997, S.271). Vielmehr – so die Individualisierungsthese im hier verstandenen Sinne – hat sich der institutionelle Zugriff auf die Gesellschaftsmitglieder und damit auch die individuelle Herstellungslogik von Handlungen gewandelt. Welche Zusammenhänge mit Ressourcenverteilungen, alten oder neuen Ungleichheitsindikatoren und Handlungsweisen von Akteuren bestehen, ist dann die spannende, empirisch zu beantwortende Frage. [31]

2.3 Die Analyse sozialstrukturellen Wandels auf der Meso- und Mikro-Ebene: institutionelle und personale Individualisierung

Um sozialstrukturelle Veränderungen auf der Makro-Ebene im Sinne allgemeiner gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse deuten zu können, müssen die zugrundeliegenden Prozesse näher untersucht werden. Da nicht vorausgesetzt werden kann, dass institutionelle Veränderungen und individuelle Handlungsstrategien in einem eindeutigen Verhältnis stehen, muss deutlich unterschieden werden zwischen institutioneller und personaler Individualisierung. [32]

2.3.1 Institutionelle Individualisierung

Die bekannte Argumentationsfigur der Individualisierungsthese geht von einer institutionellen Perspektive aus. Durch Freisetzung und Entzauberung sind die Individuen zur Individualisierung gezwungen (bspw. BECK & BECK-GERNSHEIM 1994, S.14f.). Als Folge sozialer Wandlungsprozesse gehen Basissicherheiten verloren und muss sich jeder einzelne nach neuen Formen gesellschaftlicher Integration umschauen. Individualisierung könnte dann, ähnlich wie bei SCHIMANK (1985), der von veränderten Gesellschaftsformen auf neue Identitätstypen schließt, als eine Art institutioneller Determinismus oder als eine institutionelle Individualisierung aufgefasst werden. Die Institutionen setzen die Rahmenbedingungen, auf die alle Gesellschaftsmitglieder nur mit individualisierten Zurechnungsmodi antworten können. [33]

Wenn Individualisierung als gesamtgesellschaftlicher Wandlungsprozess verstanden werden soll, muss die Argumentation jedoch über die Ebene objektiver institutioneller Veränderungen hinausgehen – etwa im Sinne einer stärker am Individuum ansetzenden Gesetzgebungspraxis. Entsprechend dem Diktum der Dualität von Struktur (GIDDENS 1988, S.77f.) müsste dann der Wandel von Handlungs- oder Strukturierungslogiken angeben können, mit denen Gesellschaftsmitglieder soziale Institutionen handlungspraktisch reproduzieren und modifizieren. Dem liegt ein dynamischer handlungspraktischer Institutionenbegriff zugrunde, der Institutionen nicht auf die Perspektive formaler Handlungsregulierung durch Gesetzgebung und Ausführungspraxis reduziert. Stattdessen werden sie auf die Handlungsweisen der Individuen zurückgeführt (GIDDENS 1984, S.25; 1988, S.69, S.77). [34]

2.3.2 Personale Individualisierung

Mit dem Bezug auf die Handlungspraxis der Gesellschaftsmitglieder ergibt sich jedoch eine weitere wichtige Unterscheidung für die Analyse gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse. Da ohne eine empirische Überprüfung nicht vorbehaltlos davon ausgegangen werden kann, dass institutionelle Individualisierung nur zu einer bestimmten Variante von individuellen Gestaltungsweisen führt, muss auch auf der Mikro-Ebene untersucht werden, inwieweit personale Individualisierungsprozesse beobachtbar sind. Entsprechend müsste der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich Individuen als "Planungsbüro in bezug auf [ihren] eigenen Lebenslauf .... [begreifen oder ein] aktives Handlungsmodell des Alltags [entwickeln], das das Ich zum Zentrum hat, ihm Handlungschancen zuweist und eröffnet und es auf diese Weise erlaubt, die aufbrechenden Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten in bezug auf den eigenen Lebenslauf sinnvoll kleinzuarbeiten"? (BECK 1986, S.217f.) Schließlich wäre ein Weg zu finden, wie ein entsprechendes Verhalten bzw. dessen Veränderung im Kohortenvergleich überprüft werden könnte. [35]

Zuvor sollen die angesprochenen Problembereiche – das Verhältnis von Institutionen, Akteuren und Sozialstruktur sowie von objektiven Ereignissen zu subjektiven Deutungen – näher erläutert werden. Auf dieser Grundlage wird das Konzept übersituativer Handlungslogiken vorgestellt, dass den folgenden empirischen Analysen und konzeptionellen Überlegungen zugrunde liegt. [36]

2.4 Zum Verhältnis von Institutionen13) und Akteuren

Gesellschaftliche Individualisierungsprozesse drücken sich in einem Steigerungsverhältnis von wachsender Institutionenabhängigkeit und damit einhergehender Gestaltungsnotwendigkeit aus. In diesem Zusammenhang wird häufig auf die zunehmende Bedeutung "sekundärer Institutionen" – wie Arbeitsmarkt oder Sozialstaat (BECK 1986, S.211ff.) – verwiesen, die individualisiertes Handeln ermöglichen und erzwingen würden. Beispielsweise hätte die Expansion des Sozialstaats nach dem zweiten Weltkrieg dazu geführt, dass auch vom Prozess der Individualisierung bisher ausgeschlossene Gruppen erfasst wurden: alte Menschen infolge des Ausbaus der Renten- und Krankenversicherung, Frauen vor allem infolge der Bildungsexpansion und die Gruppe der Armen infolge moderner Sozialhilfe (LEISERING 1997, S.157). Inwieweit jedoch der Wandel formaler Vorgaben wie der Sozialgesetzgebung zu gesellschaftlichen Individualisierungsprozessen führt, kann, der hier vertretenen Argumentation nach, nicht allein auf der Grundlage institutionellen Wandels (hier vor allem im Sinne einer sich ausbreitenden Sozialgesetzgebung) entschieden werden, sondern muss um die Praxis individueller Akteure ergänzt werden.14) Denn institutioneller Wandel kann einerseits Ausdruck einer veränderten individuellen Praxis sein, die beispielsweise in einem entsprechenden Gesetz Anerkennung und Regulierung erfährt. Andererseits kann eine Gesetzgebung jedoch auch einer neuen gesellschaftlichen Praxis vorangehen, beispielsweise, wenn aus rechtsdogmatischen oder politischen Gründen neue gesetzliche Regelungen eingeführt werden, die erst in die alltägliche Gestaltungspraxis und Biografie der Gesellschaftsmitglieder eingefügt werden müssen. In der Regel ist es jedoch beides: Pioniere oder Vorreiter forcieren die Einführung oder Veränderung von formalen Regelungen, die dann, wenn sie gelten, den Ausgangspunkt bilden können für neue Praktiken. Welche neuen Praktiken sich aus solchen formalen Veränderungen ergeben, bleibt jedoch eine offene, empirisch zu beantwortende Frage. Das Gleiche gilt, wenn die Veränderung oder Pluralisierung gesellschaftlicher Leitbilder (bspw. in öffentlichen Diskursen) als Indikator für voranschreitende Individualisierungsprozesse herangezogen wird. Ohne eine Verbindung zwischen den leitbildhaften Idealisierungen und der Handlungspraxis der Gesellschaftsmitglieder bleibt unklar, inwieweit Leitbilder zur Strukturierung individueller Handlungspraxis beitragen. [37]

Forschungspraktisch bedeutet dies, dass es für die Analyse allgemeingesellschaftlicher Individualisierungsprozesse nicht ausreicht, sozialstrukturelle und formal-institutionelle Handlungsbedingungen und -resultate zu untersuchen. Die Analyse solcher institutionellen Individualisierungsprozesse muss mit der Analyse individueller Handlungslogiken (die aus Handlungs- und Deutungsmustern abzuleiten wären) ergänzt werden, um personale Individualisierungsprozesse spezifizieren zu können. Denn sozialstrukturelle Veränderungen auf der Makro-Ebene (etwa steigende Scheidungsraten oder die Zunahme diskontinuierlicher Erwerbsverlaufsmuster) konstituieren sich aus den Aktivitäten von Gesellschaftsmitgliedern (Mikro-Ebene) in Auseinandersetzung mit ihren sozialen Handlungskontexten (Meso-Ebene). Dabei sind zusätzlich auch sozialstrukturelle Rückkopplungseffekte von der Makro- auf die Mikro-Ebene zu berücksichtigen, etwa im Sinne von Knappheitserfahrungen auf dem Arbeitsmarkt. Inwieweit Veränderungen auf der Makro-Ebene auf personale oder institutionelle Individualisierungsprozesse zurückgeführt werden können, ist dann eine empirische Frage. [38]

Um einen veränderten Reproduktionsmodus sozialer Strukturen empirisch aufzeigen zu können, ist entsprechend die Art und Weise zu untersuchen, mit der Handelnde soziale Strukturen in Auseinandersetzung mit Strukturvorgaben reproduzieren und verändern (bspw. doing gender, doing family, doing social structure). Da es nicht darum gehen kann, an die Stelle eines strukturellen Determinismus nun einen individuellen Voluntarismus zu setzen, muss gezeigt werden, inwieweit eine Reproduktions- oder Handlungslogik im Sinne der "Dualität von Struktur" (GIDDENS 1984, S.25ff.; 1988, S.77ff.) als Medium und als Ergebnis von Handlungen dargestellt werden kann und inwieweit sie in Zusammenhang mit spezifischen Handlungsbedingungen und -kontexten steht. [39]

Doch was ist unter Reproduktions- oder Handlungslogiken auf der Mikro-Ebene zu verstehen? Dazu ist vorerst das Verhältnis von objektiven Ereignissen zu subjektiven Deutungen, aus denen diese abgeleitet werden können, zu klären. [40]

2.5 Zum Verhältnis von "objektiven" Ereignissen und "subjektiven" Deutungen

Es wurde argumentiert, dass Versuche, die Individualisierungsthese mit Daten zu unterstützen oder zu widerlegen, die entweder allein auf der Ebene objektiver Ereignisse und Eigenschaften15) oder auf der Ebene individueller Handlungsorientierungen und Deutungsmuster16) zu verorten sind, scheitern müssen, da sich die Individualisierungsthese auf die Verknüpfung beider Seiten bezieht. Die Versuche, dies trotzdem zu tun, gehen mit impliziten Zusammenhangshypothesen einher (etwa zwischen bestimmten Verlaufs- und Deutungsmustern, Ereignissen und ihrer individuellen Zurechnung oder zwischen gesellschaftlichen Semantiken und individuellen Deutungsmustern), die erst überprüft werden müssen, um die Gültigkeit der Individualisierungsthese bestätigen oder widerlegen zu können. [41]

Diese Trennungslogik zwischen objektiv und subjektiv bzw. Makro- und Mikro-Ebene ist nicht zufällig, denn der Diskurs folgt damit der traditionellen Arbeitsteilung in der deutschen Sozialforschung. Auf der einen Seite steht eine an formalen Indikatoren (z.B. Geschlecht, Schulabschluss, Berufsstatus) orientierte Sozialstrukturanalyse, die von Verteilungen auf die ihnen zugrunde liegenden sinnhaften Handlungen schließt, statt die Bedeutungen der Handlungen aus der Perspektive der Handelnden selbst zum Gegenstand der Forschung zu machen. Das heißt auf der Grundlage großer Datensätze werden mit Strukturindikatoren wie Berufsstatus, Einkommen, Geschlecht, Alter usw. statistische Zusammenhänge zwischen Variablen oder Verlaufsmustern untersucht. Unter Rückgriff auf allgemeine Annahmen über die Handlungsrationalität von Akteuren, wie sie der Wissenschaftlerin oder dem Wissenschaftler durch eigene Erfahrungen oder Forschungsliteratur zur Verfügung stehen, werden dann die quantitativen Ergebnisse plausibilisiert. Dieses Verfahren ist insoweit erfolgreich, wie die Stabilitätsannahme der Handlungsrationalität nicht durch sozialen Wandel gefährdet erscheint oder die Handlungsrationalität einer spezifischen Subkultur nicht unbekannt ist (KELLE & LÜDEMANN 1995, zur "Gewohnheitsheuristik des Alltagswissens"). Immer dann, wenn diese Annahmen nicht zutreffen, versagt das Verfahren und es werden zusätzliche Forschungsanstrengungen erforderlich, in denen der Zusammenhang zwischen Deutungsmustern und Merkmalskombinationen bzw. Handlungspraktiken zum Gegenstand gemacht wird. [42]

Auf der anderen Seite steht eine an Deutungsmustern orientierte Einstellungs-, Identitäts- oder Biografieforschung. Sie ist sicher besser dazu geeignet, die Innenperspektive der Akteure, ihr Verständnis sozialer Wirklichkeit und Zusammenhänge mit sozialstrukturellen Bedingungskonstellationen zu untersuchen. Umgekehrt gerät in diesem Paradigma zuweilen die Handlungsrelevanz der ermittelten Sinnstrukturen aus dem Blick. Etwa wenn in der Biografieforschung ausschließlich auf Erzählungen rekurriert, aber nicht mehr auf weiteres objektives Material Bezug genommen wird, um biographische Verläufe zu rekonstruieren. Bei verschiedenen Versuchen, diese Trennungslogik zu überwinden, indem Einstellungsmuster mit Mustern soziodemografischer Merkmale korreliert werden (bspw. VESTER 1997), zeigt sich, dass Identitäten oder Deutungsmuster, wie sie in biografischen Interviews oder mit standardisierten Instrumenten erhoben werden, häufig nicht in einem eindeutigen Zusammenhang zu biografischen Handlungsweisen stehen (etwa BAETHGE, HANTSCHE, PELULL & VOSKAMP 1988, S.190ff., S.247). Denn die Logik, in der Subjekte Kontexterfahrungen17) ins Verhältnis zu eigenen Wünschen setzen und schließlich auf die Handlungsebene herunterbrechen, bleibt ausgeblendet. [43]

Wie kommt man jedoch von Handlungsresultaten und Deutungsmustern zu allgemeinen Handlungs- und Strukturierungslogiken des Lebenslaufs? Wie kann ein "neuer Modus der Vergesellschaftung" (BECK 1986, S.205) auf der individuellen Ebene analysiert werden? [44]

2.6 Handeln und situationsübergreifende Handlungslogiken

Was ist nun unter situationsübergreifenden Handlungslogiken zu verstehen? Es sind die Logiken, die Handlungsregelmäßigkeiten, -mustern oder -routinen zugrunde liegen.18) Auf Handlungslogiken können Handlungsresultate (auch im Sinne von Unterlassungen) und ihre Deutungen in verschiedenen Kontexten und unter unterschiedlichen Bedingungen zurückgeführt werden. Dabei reicht eine spezifizierte Handlungslogik jedoch nie aus, um bestimmte Handlungen vorherzusagen. Je nach Handlungskontext oder situationsspezifischen Bedingungen variieren die Folgen. [45]

Mit dem analytischen Rückgriff auf Handlungen (und nicht nur auf Identitäten, Wünsche, Orientierungsmuster oder Lebensentwürfe) und damit auf beobachtbare Resultate soll der Anschluss an Strukturphänomene auf der Makro-Ebene gewährleistet werden. Mit dem simultanen Bezug auf den Handlungssinn soll gleichzeitig die Unauflöslichkeit der Verbindung von Handlung und Handlungssinn gesichert werden. Dementsprechend sind nicht nur Handlungsresultate, sondern auch Handlungslogiken nur unter Bezug auf den individuell zugeschriebenen Sinn verstehbar bzw. ableitbar. Denn die gleichen Handlungsresultate können auf ganz unterschiedliche Weise zu Stande kommen und ihnen können ganz unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben werden. Umgekehrt können unterschiedliche Handlungsresultate auf die gleiche Logik zurückgeführt werden. Im Sinne einer doppelten Hermeneutik (z.B. GIDDENS 1988, S.338) handelt es sich bei übersituativen Handlungslogiken also um Konstrukte zweiter Ordnung (SCHÜTZ 1960). Sie sind entsprechend beobachterabhängige Konstruktionen, denen eine Mehrzahl unterschiedlicher Handlungen in verschiedenen Situationen zugeordnet werden können. [46]

Übersituative Handlungslogiken können nur durch den Vergleich von Handlungsweisen zu unterschiedlichen Zeitpunkten abgeleitet werden. Denn dann offenbaren sich die Verstrickungsverhältnisse zwischen sich wandelnden Deutungsmustern bzw. biografischen Erzählungen und Lebensverläufen (insbesondere Erwerbs- und Partnerschaftskarrieren). Es wird deutlich, wie neue Ereignisse nicht nur die Gegenwart und Zukunft verändern, sondern auch die Vergangenheitsdeutungen (z.B. bei der Berufswahl, HEINZ, KRÜGER, RETTKE, WACHTVEITL & WITZEL 1987, S.185). [47]

Dabei gilt es, auf der einen Seite die Handlungskontexte oder noch allgemeiner formuliert: die formalen Handlungsbedingungen zu untersuchen und auf der anderen die individuellen Deutungen der Handlungsbedingungen. Wie wird mit ihnen umgegangen? Welche Schlussfolgerungen werden gezogen? Wie werden sie ins Verhältnis gesetzt zu den eigenen Vorstellungen? Inwieweit sind die individuellen Vorstellungen durch die Handlungsbedingungen beeinflusst? Die Rückkopplung der biografischen Handlungen an die Handlungskontexte hilft zu entscheiden, inwieweit einzelne, möglicherweise von einer allgemeinen Handlungslogik abweichende Handlungen eine allgemeine Handlungslogik außer Kraft setzen oder allein situationsspezifisch zu interpretieren sind. So muss beispielsweise geklärt werden, ob eine Entscheidung für einen Betriebswechsel durch offensichtliche Unterbezahlung zustande kommt, also als situative Reaktion zu interpretieren ist, oder ob das Einkommen bei allen biografischen Entscheidungen als zentrales Kriterium dient und sich somit eine allgemeine übersituative Handlungslogik ausdrückt. [48]

Die Forschungsfrage lautet: Inwieweit lassen sich ähnliche Umgangsweisen mit Kontexterfahrungen zu übersituativen Logiken gruppieren, denen ganze Bündel von kontextspezifischen Handlungsmustern verschiedener Personen zugeordnet werden können? (vgl. Tabelle 2)

Zinn

Tabelle 2: Beispiel für ein Verhältnis von übersituativen Handlungslogiken zu biographischen Einzelentscheidungen [49]

Im Rahmen des Individualisierungsdiskurses bestehen nicht nur die bereits erläuterten Gefahren des Fehlschlusses von institutioneller auf personale Individualisierung und von bestimmten Handlungsresultaten auf ihren Handlungssinn, sondern es besteht auch die Gefahr, von einem veränderten Vergesellschaftungsmodus oder einer individuellen Handlungslogik auf bestimmte Handlungsresultate zu schließen. Wenn die Individualisierungsthese richtig ist, und damit die These eines sich grundlegend wandelnden Vergesellschaftungsmodus, dann stellt sich die Frage, wie sich diese Veränderungen in den Handlungslogiken der Akteure zeigen. Ist es nur eine Frage der Selbst- oder Fremdzurechnung von Handlungen? Liegt der Kern in einem "aktiven Handlungsmodell des Alltags" und einem "ich-zentrierten Weltbild" (BECK 1986, S.217)? Sind ganz neue Umgangsweisen mit Strukturerfahrungen zu beobachten, die sich von allem bisher Dagewesenen unterscheiden? Oder handelt es sich eher um eine Modifikation von Bekanntem, während sich an der Handlungslogik nichts Grundlegendes ändert? Also verschreibt man sich beispielsweise nicht mehr der christlichen Kirche, sondern entscheidet sich für einen Glauben, der den persönlichen Vorstellungen entspricht und bleibt dann dabei.19) [50]

Im vorangegangenen Abschnitt wurde bereits herausgestellt, dass eine neue, individualisierte Handlungslogik nur durch eine gleichzeitige Analyse von Handlungsresultat und Handlungssinn identifiziert werden kann. Dabei ist diese Möglichkeit, eine spezifische individualisierte Handlungspraxis zu identifizieren, Voraussetzung dafür, Strukturphänomene auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene eher auf personale oder institutionelle Individualisierung bzw. bestimmte Verstrickungsverhältnisse beider Ebenen oder auf ganz andere soziale Veränderungen zurückzuführen (etwa Kollektivierungsprozesse, vorübergehende Moden oder einen wirtschaftlichen Wachstumsschub). Damit stellt sich die Frage nach den konkreten empirischen Forschungsstrategien. Wie kann einerseits eine Handlungs- oder Strukturierungslogik aus der Akteursperspektive identifiziert werden und andererseits ihre Verallgemeinerbarkeit zur Überprüfung der Individualisierungsthese als einem allgemeinen gesellschaftlichen Wandlungsprozess sichergestellt werden?

Zinn

Tabelle 3: Qualitative und quantitative Daten und ihre Verbindung auf drei Analyseebenen [51]

3. Empirische Forschungsstrategien

Im vorangegangenen Abschnitt wurde argumentiert, dass auf der Datenebene eine Integration von Handlungsresultaten und Handlungssinn essentiell für die Untersuchung von Individualisierungsprozessen sei. Erst mit dem Rückgriff auf individuelle Handlungslogiken könne unterschieden werden, inwieweit sozialstrukturelle Veränderungen (etwa zunehmende Scheidungsraten oder destandardisierte Erwerbsverläufe) auf institutionelle oder personale Individualisierungsprozesse zurückgeführt werden können oder anderen gesellschaftlichen Veränderungen zugerechnet werden müssen. Dazu erscheint es notwendig, in verschiedenen Forschungsphasen qualitative und quantitative Forschungsstrategien zu kombinieren. Denn die auf der Analyse formaler Strukturindikatoren (bspw. MAYER 1991, MAYER & BLOSSFELD 1990) beruhenden quantitativen Studien, mit denen Pluralisierungs- oder Destandardisierungsprozesse spezifiziert werden, sagen für sich genommen nichts über die zugrunde liegenden Deutungsmuster der Akteure aus. Diese können heute jedoch nicht mehr unüberprüft aus einem bisher geteilten gesellschaftlichen Wissenskorpus entnommen werden, da die Individualisierungsthese, mit der These eines neuen Vergesellschaftungsmodus, gerade auf den Wandel und die strukturelle Änderung dieses gemeinsamen Wissens zielt. Deswegen erscheint es notwendig, bisher unhinterfragte Selbstverständlichkeiten bezüglich des Zusammenhangs von Handlungs- und Deutungsmustern mit in den Blick zu nehmen.20) [52]

Dieses Problem kann nicht einfach mit einer quantitativen Strategie gelöst werden, bei der formale Verlaufsmuster mit Einstellungsfragen korreliert werden. Denn die statistische Korrelation sagt nur wenig über die individuelle Handlungslogik aus, die von Akteuren aus der Auseinandersetzung mit biografischen Kontexten generiert wird. Diese Logik, die sich weder allein aus individuellen Handlungs- noch aus individuellen Einstellungsmustern, sondern nur aus deren Verbindung im Zeitverlauf ableiten lässt, müsste unter den heutigen Bedingungen vermeintlich gewandelter Verhältnisse erst in einer qualitativen Studie spezifiziert werden, bevor versucht werden kann, sie in ein valides standardisiertes Messinstrument zu transformieren, um sie auch in ihrer quantitativen Bedeutsamkeit überprüfen zu können (siehe hierzu auch Abschnitt 2.4).21) [53]

Qualitative Fallstudien eröffnen – soweit sie sich auf Lebensläufe und deren biografische Beschreibungen beziehen und nicht nur auf die Rekonstruktion von Einstellungsmustern, Werthaltungen oder Lebensentwürfen – die Möglichkeit, die Verbindung zwischen Deutungsmustern und Handlungsresultaten im Lebenslauf zu rekonstruieren. Die Verallgemeinerbarkeit solcher Studien wird jedoch fragwürdig, wenn sie sich auf Einzelfälle, Spezialgruppen (bspw. Pioniere, Eliten, aus gesellschaftlichen Teilbereichen exkludierte Personen) und aus der Theorie oder dem Alltagswissen von Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftlern abgeleitete Normalitätsunterstellungen stützen statt auf die systematische Kontrastierung von besonderen mit normalen Gruppen.22) Um die Wahrscheinlichkeit möglichst zu maximieren, dass die im Vergleich zu quantitativen Studien aus relativ wenigen Fällen23) abgeleiteten Aussagen (Konstrukte oder Typologien) verallgemeinerbar sind, und um die Gefahr unbeobachteter Heterogenität gering zu halten, bedarf es einer systematischen Auswahl der qualitativen Stichprobe. Deswegen empfiehlt sich auch bei der Ziehung der qualitativen Stichprobe (Merkmale: inhaltliche Repräsentativität, gezielte Fallauswahl, Einzelfallanalyse) die Kombination mit einer quantitativen Auswahllogik (Merkmale: statistische Repräsentativität, Zufallsauswahl bzw. Vollerhebung). Werden beispielsweise in einer standardisierten (statistisch) repräsentativen oder geschichteten Vorstudie für bedeutsam erachtete Merkmale wie formale Strukturindikatoren (bspw. Geschlecht, soziale Herkunft, Schulabschluss) oder bestimmte Lebenserfahrungen (bspw. Scheidung, Erwerbslosigkeit, Drogenkonsum, Abtreibung) erhoben, können diese Informationen für die Ziehung der qualitativen Stichprobe genutzt werden. Durch die optimale Platzierung der Fälle und gezielte Fallkontrastierungen bezüglich der für die Forschungsfragestellung als bedeutsam erachteten Merkmale kann die Wahrscheinlichkeit systematischer Verzerrungen – wenn auch nicht gänzlich beseitigt – so doch deutlich verringert werden (vgl. KLUGE 2001). [54]

Des weiteren können standardisierte und qualitative Erhebungsverfahren kombiniert werden, wenn – wie in der Lebenslauf- oder Biografieforschung üblich – Erwerbs-, Partnerschafts- oder ganze Lebensläufe rekonstruiert werden sollen. Wird einer Erhebungswelle qualitativer Interviews eine standardisierte Untersuchung vorangestellt, bei der bereits Lebenslaufdaten erhoben wurden, können diese Daten nicht nur für die Fallauswahl, sondern auch für gezielte Nachfragen im Gespräch genutzt werden. Umgekehrt können qualitative Interviews dazu dienen, formale Verläufe zu überprüfen und zu korrigieren. Damit kann die Qualität der standardisiert erhobenen Daten besser eingeschätzt werden (vgl. KLUGE 2001). [55]

Im Folgenden soll an einem Beispiel aus der Lebenslaufforschung gezeigt werden, wie die Kombination qualitativer und quantitativer Daten und Methoden genutzt werden kann, um Individualisierungsprozesse fundierter als bisher zu untersuchen. [56]

In einer Studie über Statuspassagen in die Erwerbstätigkeit (vgl. HEINZ, BOGUN, HELLING, MÖNNICH & WITZEL 1991, HEINZ, WITZEL, KELLE, MIERENDORFF & ZINN 1996; KÜHN & ZINN 1998; MÖNNICH & WITZEL 1994) wurden systematisch quantitative und qualitative Forschungsstrategien aufeinander bezogen, um die subjektiven Orientierungen und typischen Formen des individuellen Umgangs mit Erwerbserfahrungen in den ersten Berufsjahren vor dem Hintergrund sozialstruktureller Kontextbedingungen zu untersuchen. Dazu wurden junge Fachkräfte in zwei Arbeitsmarktregionen mit unterschiedlichen Chancenstrukturen (Bremen und München) ausgewählt, die ihre Berufsausbildung in einem von sechs unter den zehn am stärksten besetzten Ausbildungsberufen (Bankkauffrau/mann, Bürokauffrau/mann, Maschinenschlosser/in, Kfz-Mechaniker/in, Einzelhandelskaufmann/frau, Friseur/in) 1989/90 erfolgreich abschlossen. Im Makro-Panel wurden dieselben jungen Fachkräfte viermal mittels standardisierter Fragebögen befragt, zum Abschluss der Lehre (1989, n = 2230) sowie zwei, fünf und acht Jahre (1997, n = 989) danach. Parallel zu den ersten drei Erhebungswellen des Makro-Panels wurden die jungen Erwachsenen in einem Mikro-Panel mittels qualitativer leitfadengestützter Interviews befragt. Dabei wurde die Stichprobe der ersten Welle (n = 194) in der zweiten Welle systematisch reduziert (n = 113). In der dritten Welle konnten noch 91 Personen interviewt werden, für die somit Interviewmaterial über alle drei Wellen vorlag. [57]

Bei der Erhebung und Auswertung des Mikro- und Makro-Panels erwies sich die Kombination qualitativer und quantitativer Daten und Strategien insbesondere auf drei Ebenen als nützlich, die auch für die Bearbeitung der Individualisierungsthese relevant erscheinen:

  • Bei der Ziehung der qualitativen Stichprobe, die als Grundlage für verallgemeinerbare Forschungsergebnisse dienen sollte (HEINZ et al. 1991, S.19ff.),

  • bei der Entwicklung einer Typologie subjektiver Orientierungen und erwerbsbiografischer Handlungsweisen in den ersten Erwerbsjahren – der Typologie "berufsbiografischer Gestaltungsmodi" (BGM) – bei der systematisch Handlungsresultate und Deutungsmuster aufeinander bezogen wurden (vgl. WITZEL & KÜHN 1999, 2000) und

  • bei der Quantifizierung der qualitativ entwickelten Typologie erwerbsbiografischer Handlungsweisen, wobei statistische Korrelationen und qualitativ gewonnene Typen zur wechselseitigen Überprüfung und Einschätzung der Ergebnisse herangezogen wurden, die Aussagen zur quantitativen Verteilung der Typen im Makro-Panel erlaubten (vergleiche auch SCHAEPER & WITZEL 2001). [58]

Im Folgenden wird gezeigt, inwieweit diese Strategien der Verknüpfung qualitativer und quantitativer Daten und Methoden, auch für die Untersuchung der Individualisierungsthese genutzt werden können: [59]

Zuerst wird im Abschnitt 3.1. der Frage nachgegangen, was bei der Ziehung einer Stichprobe zu beachten ist, wenn aus den Ergebnissen möglichst allgemeine Aussagen über gesamtgesellschaftliche Entwicklungsprozesse abgeleitet werden sollen. Im Anschluss daran wird in Abschnitt 3.2 diskutiert, inwieweit die in dieser Studie im Kontext der Lebenslaufforschung entwickelte Längsschnitt-Typologie von Handlungs- und Strukturierungslogiken, die Typologie berufsbiografischer Gestaltungsmodi (BGM), als eine Strategie aufgefasst werden kann, personale Individualisierungsprozesse empirisch zugänglich zu machen, und im Abschnitt 3.3 wird erörtert, welche Aussagen sich aus den BGM bezüglich gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse ableiten lassen. Schließlich wird im Abschnitt 3.4. erläutert, welche Vorteile die Kombination qualitativer und quantitativer Daten bei der Übersetzung einer qualitativ gewonnenen Typologie in ein standardisiertes Erhebungsverfahren mit sich bringt und welche Perspektiven eine solche standardisierte Typologie für die Untersuchung gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse – insbesondere das Verhältnis von institutioneller zu personaler Individualisierung – eröffnet. [60]

3.1 Stichprobenziehung

Sampling-Strategien in der qualitativen Forschung gehorchen einer anderen Logik als in der quantitativen Forschung, bei der die Zufallsauswahl als beste Lösung angesehen wird (z.B. SCHNELL, HILL & ESSER 1999), um von der Stichprobe auf eine angebbare Grundgesamtheit zu schließen (statistische Repräsentativität). Vielmehr geht es in der qualitativen Forschung eher um die Frage der Generalisierbarkeit24) der Ergebnisse, im Sinne einer inhaltlichen Repräsentation einer Problemkonstellation (MERKENS 1997, S.100) oder theoriegeleiteten Repräsentativität (PREIN, KLUGE & KELLE 1994, S.6). Hierbei repräsentiert die qualitative Stichprobe nicht die quantitative Verteilung von Merkmalen, sondern eine spezifische Problemkonstellation25), damit die Ergebnisse auf ähnliche Problemstellungen anderer Gruppen oder Bereiche übertragen werden können. Deshalb wird mit der Stichprobenziehung versucht, mit Merkmalen, die als relevant erachtet werden, einen großen Variantenreichtum möglicher Problemkonstellationen zu gewährleisten (vgl. etwa PATTON 1990, S.172; KÜCHLER 1983, S.26), um die Typik von Wirkungszusammenhängen hinreichend zu erfassen (vgl. KELLE & KLUGE 1999, S.46ff.). Dieser Logik folgt auch das in der qualitativen Forschung verbreitete Theoretical Sampling (GLASER & STRAUSS 1970): Hiermit wird nicht von einem im Vorhinein festgelegten Stichprobenplan ausgegangen, sondern die theoriegeleitete Erweiterung der Stichprobe im Forschungsverlauf ist explizit vorgesehen. Mit der Hinzunahme von kontrastierenden Fällen wird der Anwendungsbereich der Theorie spezifiziert und abgesichert bzw. der rekursive Ausbau der Theorie bis zur theoretischen Sättigung vorangetrieben (GLASER & STRAUSS 1967; STRAUSS & CORBIN 1990).26) [61]

3.1.1 Ein Beispiel aus der beruflichen Sozialisationsforschung

Thema des bereits dargestellten Forschungsprojekts Statuspassagen in die Erwerbstätigkeit waren die subjektiven Orientierungen und typischen Umgangsweisen junger Fachkräfte in den ersten Berufsjahren vor dem Hintergrund sozialstruktureller Rahmenbedingungen. Das Design des Projekts beinhaltete von vornherein einen quantitativen und einen qualitativen Forschungsstrang (HEINZ et al. 1996), die in allen Forschungsphasen füreinander nutzbar gemacht werden konnten (siehe Paragraph 57). Bei der qualitativen Stichprobenziehung konnte auf die standardisierte Erhebung zurückgegriffen werden, um ein zweistufiges Stichprobenverfahren zu realisieren. [62]

Grundlegend für das Forschungsdesign des Projekts (vgl. HEINZ et al. 1991, S.15ff.) waren die theoretischen Annahmen, dass sich regional-, berufs- und geschlechtsspezifische Strukturen auf die Berufseinmündungsprozesse von Jugendlichen niederschlagen und die erfolgreiche Bewältigung der ersten Schwelle – dem Übergang von der Schule in die Berufsausbildung – bereits eine entscheidende Bedingung für die Chancenrealisierung der zweiten Schwelle – dem Übergang von der Ausbildung in den Beruf – darstellt. Um unterschiedliche regionale Arbeitsmarktbedingungen systematisch in den Blick nehmen zu können, wurden auf der Grundlage einer regional vergleichenden Strukturanalyse der Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation (vgl. BAUMEISTER & BOGUN 1991) zwei städtische Arbeitsmärkte, einmal mit guter (München) und einmal ungünstiger Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation (Bremen) ausgewählt. Eine weitere wichtige Vorannahme bestand in der Berufsspezifik der Arbeitsmarktsituation. Aus diesem Grund wurde die Stichprobe nach Ausbildungsberufen mit hohen (Kraftfahrzeugmechaniker/in, Friseur/in, Einzelhandelskaufmann/frau) und mit niedrigen Beschäftigungsrisiken (Bankkaufmann/frau, Bürokaufmann/frau, Maschinenschlosser/in) differenziert, wobei gleichzeitig die Geschlechtsspezifik Beachtung fand. Sowohl typische Frauenberufe (Friseur/in, Bürokauffrau/mann), typische Männerberufe (Maschinenschlosser/in, Kraftfahrzeugmechaniker/in) wie auch typische Mischberufe (Bankkaufmann/frau, Einzelhandelskaufmann/frau) wurden berücksichtigt. [63]

Auf der Grundlage dieser theoriegeleiteten Vorüberlegungen wurden mittels einer standardisierten Befragung die Bildungs- und Beschäftigungsverläufe sowie weitere formale Merkmale – wie Schulabschluss, Geschlecht, Geburtsjahr, die Teilnahme an berufsvorbereitenden Maßnahmen, Übernahmeangebot des Ausbildungsbetriebs etc. – erhoben. Um möglichst umfassende Daten zu erhalten, die die ganze Spannbreite der Erfahrungskonstellationen Bremer Auszubildender in den sechs ausgewählten Berufen dieses Jahrgangs erfassen, wurde in Bremen eine Vollerhebung aller Auszubildenden durchgeführt, die zu einem bestimmten Stichtag die Berufsschule besuchten; in München wurde eine vergleichbare Stichprobe gezogen (vgl. HELLING & MÖNNICH 1991; HEINZ et al. 1991). [64]

Die standardisierte Fragebogenerhebung kann als erste Stufe der qualitativen Stichprobenziehung aufgefasst werden, denn die standardisierte Erhebung, bei der gleichzeitig die Bereitschaft für die Durchführung qualitativer Interviews eingeholt wurde, stellte die Ausgangspopulation für die folgende Auswahl der qualitativen Interviewpartner/innen dar. Auf der Grundlage der erhobenen Merkmale und Verläufe wurde in der zweiten Stufe der qualitativen Stichprobenziehung eine optimale Platzierung der Fälle entlang der als theoretisch relevant eingeschätzten Merkmale und individueller Verlaufsmuster gewährleistet. Aus jeder Berufsgruppe wurden für die erste Interviewwelle je 30 Personen kriteriengeleitet ausgewählt, die sich gleichermaßen auf die beiden Regionen mit guten und eher ungünstigen Arbeitsmarktaussichten verteilten. Weitere Indikatoren, nach denen die Fallauswahl variiert wurde, waren: Geschlecht, die Übergangsform in die Lehre (direkt/nicht-direkt), Schulabschluss (Abitur, Mittlere Reife usw.) und Übernahmeerklärung des Ausbildungsbetriebs (ja, nein, Bedingung). Schließlich wurden zusätzlich Fälle mit besonders auffallenden Übergangsformen oder ungewöhnlichen Merkmalskombinationen ausgewählt, um die Reichweite der angestrebten qualitativen Typologie durch die Konfrontation mit möglichen Ausreißern optimieren zu können (vgl. ZINN 2001a; MÖNNICH & WITZEL 1994, S.266; HEINZ et al. 1991, S.20ff.). [65]

Durch die quantitative (Vor-) Untersuchung konnte die qualitative Stichprobe bezogen auf die ausgewählten Merkmale (Geschlecht, Schulabschluss, Region, Beruf, Übergangsform an der ersten Schwelle usw.) systematisch variiert werden. Inwieweit die Bedingungen der beiden Arbeitsmarktregionen und der ausgewählten Berufe auf andere Arbeitsmärkte bzw. Berufe übertragbar sind oder im weiteren Untersuchungsverlauf noch gelten, müssen weitere Untersuchungen zeigen27). Das Stichprobendesign gewährleistete jedoch, dass die Wahrscheinlichkeit von systematischen Verzerrungen bezogen auf die erhobenen Strukturindikatoren gering gehalten werden konnte. [66]

Wie sieht nun ein adäquates Stichprobendesign zur Untersuchung von Individualisierungsprozessen aus? [67]

3.1.2 Stichprobendesign zur Untersuchung der Individualisierungsthese

Für die systematische Untersuchung der Individualisierungsthese ist es bspw. notwendig, sich von der ausschließlichen Untersuchung spezifischer Sondergruppen wie sogenannte Pioniere oder Vorreiter zu verabschieden (bspw. BONSS & KESSELRING 1998), wenn die gesellschaftliche Reichweite von Individualisierungsprozessen untersucht werden soll. Vielmehr müssen solche Sondergruppen in einem vergleichend angelegten Sample integriert werden. Nur dann kann entschieden werden, inwieweit es sich bei möglichen Individualisierungsprozessen um bereichsspezifische Prozesse handelt, die sich in unterschiedlicher Weise auf das Beschäftigungssystem, die Gestaltung der Partnerschaft oder die Freizeitgestaltung beziehen, um gruppenspezifische Entwicklungen, die bestimmte Berufe, Altersgruppen oder soziale Schichten betreffen oder allgemeingesellschaftliche Entwicklungsprozesse, die sich auf allen Ebenen in vergleichbarer Weise bemerkbar machen. Damit soll nicht für "allumfassende Studien" plädiert werden, vielmehr geht es darum, je nach Themenfeld hinreichende Kontrast- oder Kontrollgruppen mit zu berücksichtigen, um besondere Entwicklungen von allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen unterscheiden und im Hinblick auf die jeweiligen sich wandelnden Handlungsbedingungen in einem Bereich oder für eine Gruppe (institutionelle Individualisierung) kontextualisieren zu können. [68]

Auch bei der Untersuchung der Individualisierungsthese sind vor der Sampleziehung Überlegungen anzustellen, welcher Phänomenbereich im Hinblick auf Individualisierungsprozesse untersucht werden soll. Zur Frage nach einer sich ausbreitenden Arbeitsmarktindividualisierung wäre zuerst die Frage nach theoretisch relevanten und entsprechend zu variierenden Merkmalen zu beantworten. Beispielsweise könnte der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Zunahme des Anteils befristeter Tätigkeitsverhältnisse in Zusammenhang mit personalen Individualisierungsprozessen steht. Die Stichprobe wäre dann zunächst nach dem Merkmal Erwerbsstatus zu schichten (beispielsweise mit den Merkmalsausprägungen Normalarbeitsverhältnis, befristete Tätigkeit und Erwerbslosigkeit). Wird die These der Umdefinition von Arbeit untersucht, könnte zusätzlich nach ehrenamtlicher Arbeit oder Hausarbeit gefragt werden. [69]

Zielt eine Untersuchung dagegen auf Individualisierungsprozesse im Bereich der Partnerschaft – man denke beispielsweise an die Scheidungsraten, die sowohl als Bedeutungsverlust wie -zuwachs der Institution Familie interpretiert werden können (vgl. FURSTENBERG 1987) und entsprechend mit Prozessen der Freisetzung und Entzauberung in Verbindung gebracht werden –, wäre eine entsprechende Stichprobe nach den relevant erscheinenden Beziehungsformen zu schichten, etwa mit den Merkmalsausprägungen feste Partnerschaft bzw. Ehe und Single, die kombiniert werden können mit der Frage, ob Kinder betreut werden oder nicht. Weitere Merkmale, für die vermutet wird, dass sie in Zusammenhang mit Einstellungen und Handlungsweisen stehen, wie Scheidungserfahrungen oder verschiedene Partnerschaftsformen, können als zusätzliche Kriterien mittels eines standardisierten Fragebogens erhoben werden, um später für die gezielte Auswahl der Fälle zur Verfügung zu stehen. [70]

Wird vermutet, dass es sich bei Arbeitsmarktindividualisierung oder Veränderungen im Bereich der Partnerschaft um schicht- oder milieuspezifische Phänomene handelt (bspw. FRIEDRICHS 1998, S.7; TREIBEL 1996, S.431), kann bei der Stichprobenziehung zusätzlich anhand eines Indikators sozialer Schichtzugehörigkeit variiert werden (bspw. nach den Berufen bzw. Bildungsabschlüssen der Eltern und/oder der Befragten). Für die These geschlechtsspezifischer Unterschiede muss entsprechend nach Frauen und Männer differenziert werden. [71]

Sollen solche oder ähnliche Faktoren bei der (qualitativen) Untersuchung systematisch berücksichtigt und die systematische Verzerrung der Stichprobe durch weitere Faktoren minimiert werden, bietet sich die Kombination qualitativer und quantitativer Verfahren in einem zweistufigen Stichprobendesign an.28) Um Effekte unbeobachteter Heterogenität, etwa durch organisationsspezifischen, schichtspezifischen, regionalen oder ähnlichen Feldzugang gering zu halten, ist eine Zufallsstichprobe die nach wie vor beste Lösung. Wenn zu befürchten ist, dass bestimmte theoretisch bedeutsame Spezialgruppen (etwa Alleinerziehende, Arbeitslose) unterrepräsentiert sind, kann die Stichprobe zusätzlich geschichtet werden, um eine hinreichend große Anzahl an Personen mit vielfältigen Merkmalskombinationen zu erfassen. Das ist wichtig, weil auf die Heterogenität der quantitativen Stichprobe in einem zweiten Schritt theoriegeleitet zurückgegriffen wird. Entsprechend einer qualitativen Forschungslogik, wie bspw. beim Theoretical Sampling (GLASER & STRAUSS 1970), können dann aus der quantitativen Stichprobe, nach theoretisch als relevant erachteten Merkmalskombinationen (etwa soziale Herkunft, Geschlecht, Alter) gezielt Fälle ausgewählt werden. Die quantitative Stichprobe gibt in einem solchen Design die Grenzen an Problemkonstellationen und Wirkungszusammenhängen vor, auf die sich die theoriegeleitete Fallauswahl und später die gewonnenen Forschungsergebnisse beziehen. Sind bestimmte Personenkreise nicht in die quantitative Stichprobe gelangt, bleiben sie aus der Analyse ausgeschlossen, wenn nicht ein neuer Zugang zum Feld gesucht wird.29) [72]

Die Grundidee der Kombination qualitativer und quantitativer Forschungsstrategien, die im Verfahren der zweistufigen Stichprobenziehung zur Anwendung kommt, kann bspw. auch dann genutzt werden, wenn die im Rahmen des Individualisierungsdiskurses diskutierte These der Zunahme diskontinuierlicher oder fragmentierter Lebensläufe (Patchwork-Biografien) als Anzeichen zunehmender gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse überprüft werden soll. Dafür wären vorerst in einer standardisierten Befragung formale Erwerbsverläufe zu erheben und in einem ersten quantitativen Auswertungsschritt, soweit möglich, nach Verlaufsmustern zu typisieren30). In einem zweiten Schritt würden diesmal aus den jeweiligen Verlaufstypen zu gleichen Teilen Probandinnen und Probanden für die qualitative Analyse gezogen, wobei wiederum nach weiteren Merkmalen differenziert werden sollte (vgl. ERZBERGER & KLUGE 2000 sowie KLUGE 2001). Damit wären durch die Kombination quantitativer und qualitativer Forschungsstrategien Aussagen über das Verhältnis von Verlaufs- und Deutungsmustern möglich. [73]

Inwieweit sich Deutungsmuster verändern oder der Vergesellschaftungsmodus auf der individuellen Ebene gleich bleibt, kann zudem besser im Paneldesign untersucht werden als in einer einzelnen retrospektiven Erzählung, wie das in der Biografieforschung üblich ist (vgl. KLUGE 2001). Werden die Lebensgeschichten möglichst zeitnah zu den verschiedenen Situationen und Phasen des Lebensverlaufs erzählt, kann ihr Wandel besser kontrolliert werden als bei einer einzelnen Befragung. Entsprechend wäre auch für die Untersuchung der Individualisierungsthese die Parallelführung eines quantitativen und eines qualitativen Panels zu empfehlen. Denn im Vergleich der Interpretationsmuster und Handlungsweisen zu verschiedenen Erhebungszeitpunkten können allgemeine biografische Integrationsmodi von situationsspezifischen Handlungsweisen besser unterschieden werden. Das gilt auch für den Grenzfall, dass kein übersituatives Muster beobachtbar ist. Damit kann die viel diskutierte Frage untersucht werden, ob sich Individualisierung in einem bestimmten Modus ausdrückt (beispielsweise auf seine innere Stimme zu hören und sich situationsspezifisch zu entscheiden) oder kein bestimmter Modus mehr durchgehalten wird, sondern zwischen verschiedenen üblichen Modi häufig gewechselt wird (bspw. von einem traditionellen Muster zu einem situativ-kontextuellen, von einem rationalen zu einem metaphysisch-magischen und wieder zurück). [74]

Ziel der hier vertretenen Stichprobenstrategie ist es immer, bezüglich bestimmter, theoretisch als relevant erachteter Merkmale systematische Verzerrungen bzw. Lücken in der Auswahl zu vermeiden, um damit die Reichweite der getroffenen Aussagen nicht unnötig und unkontrolliert einzuschränken bzw. die ohnehin schwierige These der Verallgemeinerbarkeit der qualitativ gewonnenen Ergebnisse nicht von vornherein zu gefährden. Die Beispiele zeigen jedoch, dass für die qualitative Stichprobenziehung sehr schnell die Möglichkeiten erschöpft sind, einen variantenreichen Merkmalsraum zu kontrollieren. Unterscheidet man nur zwischen zwei Geschlechtern (weiblich, männlich) und drei Erwerbsstatus (Normalarbeitsverhältnis, befristete Erwerbstätigkeit, Erwerbslosigkeit), wären sechs Felder mit Fällen zu besetzen. Werden für jede Merkmalskombination wenigstens zehn Fälle interviewt, wären das bereits 60 qualitative Interviews. Deshalb ist es zu empfehlen – entsprechend dem Ideal möglichst guter Platzierung – auch bei der Fallauswahl innerhalb der Zellen nach weiteren Merkmalen zu variieren, um zufällige Klumpungen bezüglich relevanter Merkmale (bspw. soziale Herkunft, Alter, Familienstand) auszuschließen. Damit kann das Problem unkontrollierter Einflüsse (unbeobachtete Heterogenität) zwar nicht völlig ausgeschlossen, jedoch bereits durch einen systematischen Stichprobenplan gering gehalten und damit die Qualität der Stichprobe maximiert werden (vgl. KLUGE 2001). [75]

In diesem Abschnitt wurde argumentiert, dass bereits bei der Planung des Stichprobendesigns, das zur Untersuchung von Prozessen allgemeinen gesellschaftlichen Wandels dient, wie sie von der Individualisierungsthese postuliert werden, eine Kombination qualitativer und quantitativer Forschungsstrategien unerlässlich erscheint, um die Güte und Verallgemeinerbarkeit (inhaltliche Repräsentativität) der aus dem qualitativen Sample abgeleiteten Aussagen zu optimieren. Das ist besonders wichtig, wenn darüber hinaus angestrebt wird, eine qualitativ ausgearbeitete Typologie in ein standardisiertes Instrument zu transformieren und an einer größeren Population zu erproben. [76]

3.2 Die Typisierung biografischer Handlungslogiken

Wie kann nun eine Typologie von Integrationsmodi entwickelt werden, die dazu geeignet ist, personale Individualisierungsprozesse zu beschreiben? Das soll an einem Beispiel aus der bereits erwähnten Studie über junge Fachkräfte, der Typologie Berufsbiografischer Gestaltungsmodi (BGM)31), gezeigt werden. Da die Typologie nicht mit der Absicht entwickelte wurde, gesellschaftliche Individualisierungsprozesse zu untersuchen, müssen gewisse Einschränkungen in Kauf genommen werden. Das betrifft insbesondere die Beschränkung auf einen bestimmten Gegenstandsbereich – die Gestaltung der ersten Berufsjahre junger Fachkräfte mit erfolgreich abgeschlossener Berufsausbildung – und die Dimensionalisierung der Typologie32). Gleichwohl müssten sich, wenn die Individualisierungsthese richtig ist, in dem untersuchten Lebensabschnitt und dem primären Untersuchungsfeld (erste Erwerbsjahre) Hinweise auf Individualisierungsprozesse wiederfinden. [77]

Der Schwerpunkt der folgenden Ausführungen liegt vorerst auf der Konstruktionslogik der Typologie, auf deren Grundlage der empirische Zugang zu personalen Individualisierungsprozessen möglich sein soll, bevor gezeigt wird, inwieweit die Typologie zur Beschreibung von Individualisierungsprozessen genutzt werden kann. [78]

Das Forschungsprojekt, dessen Sampling-Strategie im vorangegangenen Abschnitt beschrieben wurde, untersuchte den Übergang ins Erwerbssystem und den Erwerbsverlauf junger Fachkräfte in den ersten Berufsjahren mit qualitativen Interviews und standardisierten Fragebögen. Dadurch waren sowohl standardisierte Analysen über Erwerbs- und Partnerschaftsverläufe junger Fachkräfte möglich als auch die Entwicklung einer qualitativen Längsschnitttypologie zu berufsbiografischen Umgangsweisen in den ersten fünf Erwerbsjahren. [79]

Das qualitative Interviewmaterial der drei Erhebungswellen wurde unter Rückgriff auf ein axiales Kodierschema (sog. ARB-Schema) ausgewertet (vgl. WITZEL & KÜHN 2000). Mit seiner Hilfe konnte das Material zuerst hinsichtlich berufsbiografischer Ereignisse, realisierter und unterlassener Handlungen (Realisierungen) strukturiert werden. Gleichzeitig wurde den jeweiligen Ereignissen auf sie bezogene Interessen, Ziele und Präferenzen (Aspirationen) sowie Bewertungen der Handlungsresultate (Bilanzen) zugeordnet. Das bedeutet nicht, dass dieses Schema die tatsächliche Ablauflogik des biografischen Entscheidungsprozesses wiedergibt. Vielmehr können Aspirationen auch im Nachhinein entsprechenden Realisierungen zugewiesen werden oder in der Entscheidungssituation können andere, gar nicht reflektierte Gründe die entscheidende Rolle spielen. Darauf kam es jedoch nicht an. Vielmehr bestand die Hauptaufgabe des ARB-Schemas in der Strukturierung des qualitativen Interviewmaterials, in dem in aller Regel der Zwang, eine konsistente und begründete Geschichte zu erzählen, zum Ausdruck kam. Aus dem so strukturierten Interviewmaterial konnte die Situationslogik der biografischen Einzelereignisse rekonstruiert werden. Darüber hinaus ergab sich jedoch auch eine Ablaufstruktur biografischer Ereignisse, die dazu beitrug, situationsspezifische Umgangsweisen zu verstehen und gleichzeitig eine situationsübergreifende Ablauflogik zu konstituieren.33) Aus dem in Anlehnung an die Grounded Theory (GLASER & STRAUSS 1967; STRAUSS & CORBIN 1990) durchgeführten systematischen Vergleich der Aspirationen, Realisierungen und Bilanzen eines Falls und dem Vergleich der biografischen Muster der Fälle untereinander kristallisierte sich eine begrenzte Zahl übersituativer biografischer Auseinandersetzungsweisen heraus, die als Berufsbiografische Gestaltungsmodi (BGM) typisiert wurden. [80]

3.2.1 Berufsbiografische Handlungslogiken junger Fachkräfte

Die Interviews der jungen Fachkräfte zeigten sehr unterschiedliche Gestaltungsweisen und Auseinandersetzungsformen mit den beruflichen Anforderungsstrukturen, die in sechs unterschiedlichen Modi der Biografiegestaltung bzw. BGM typisiert wurden (vgl. WITZEL & KÜHN 2000): [81]

Im Kern der BGM Chancenoptimierung und Laufbahnorientierung steht die Karrieregestaltung. Die jungen Fachkräfte, die ihre Biografie nach dem BGM Chancenoptimierung gestalten, legen großen Wert auf Handlungs- und Gestaltungsspielräume in ihrer Arbeitstätigkeit. Sie streben nach wechselnden, neuen Herausforderungen in der Arbeit, die zu einem Erfahrungsgewinn und zu einer Verbesserung ihrer Qualifikationen führen, somit ihre Position auf dem Arbeitsmarkt stärken und Voraussetzungen für einen beruflichen Aufstieg bieten. Sie bemühen sich um einen sukzessiven Erwerb von Qualifikationen. Um eine breite Kompetenzentwicklung zu erreichen, legen sie sich nicht auf bestimmte betriebliche Laufbahnen fest, sondern halten sich, so lange es geht, möglichst viele berufliche Wege offen. [82]

Das Offenhalten von beruflichen Perspektiven unterscheidet sie von den jungen Fachkräften, deren berufsbiografisches Handeln dem BGM Laufbahnorientierung zugeordnet wurde. Diese legen sich bei der Wahrnehmung beruflicher Optionen auf vorgegebene Laufbahnstrukturen ihres Berufs oder Betriebs fest. Dementsprechend entwickeln sie frühzeitig konkrete Zielvorstellungen. Ein vorhersehbarer Aufstieg im Rahmen vorgegebener Bahnen ist ihnen wichtig, dabei wird – wie beim BGM Chancenoptimierung – der private Lebensbereich tendenziell den Arbeitsanforderungen untergeordnet. Die Investitionen in Humankapital sind jedoch im Unterschied zum BGM Chancenoptimierung nicht auf große Breite ausgerichtet, sondern eng an den Anforderungen und Notwendigkeiten der angestrebten Laufbahn orientiert. Junge Fachkräfte mit BGM Laufbahnorientierung bevorzugen praxisorientierte und eng auf ihren spezifischen Tätigkeitsbereich bezogene Qualifizierungsstrategien. [83]

Die BGM Persönlichkeitsgestaltung und Selbständigenhabitus lassen sich durch den mit ihnen verbundenen Autonomiegewinn charakterisieren. Sie waren in der qualitativen Stichprobe jedoch nur selten anzutreffen. Die jungen Fachkräfte mit BGM Persönlichkeitsgestaltung orientieren sich bei berufsbiografischen Entscheidungen überwiegend an persönlichen Ansprüchen und Bedürfnissen, die oft im Widerspruch zu den Verhaltenserwartungen am konkreten Arbeitsplatz oder in ihrem Herkunftsmilieu stehen. Sie haben den Anspruch, dass Arbeit nicht nur die materielle Reproduktion sichern, sondern "sinnvoll" sein soll. Um ihre Vorstellungen zu verwirklichen, nehmen die jungen Fachkräfte sowohl berufsbiografische Brüche wie lange Qualifizierungspfade in Kauf. Dabei sind häufig schwierige Kompromissbildungen notwendig. Auch beim Selbständigenhabitus spielt die berufliche Autonomie eine zentrale Rolle, geht allerdings mit der Ablehnung abhängiger Beschäftigung einher. Sein "eigener Chef" zu sein wird als Chance zu einem höheren Einkommen und einer gesicherten Zukunft begriffen. Zentral ist der Geschäftserfolg. [84]

Die jungen Fachkräfte mit BGM Betriebsidentifizierung und BGM Lohnarbeiterhabitus zeichnen sich durch fehlende Karriereorientierung aus und weisen einen vergleichsweise geringen Anteil selbstinitiierter Gestaltung des Berufsverlaufs aus. "Statusarrangement" ist ihr zentrales Motiv bei der Gestaltung ihrer Erwerbsbiografie. Der BGM Lohnarbeiterhabitus tritt vor allem bei Befragten auf, die sich in beruflichen Kontexten mit ungünstigen Beschäftigungschancen und Laufbahnstrukturen befinden. Die Befragten bemühen sich um ein Arrangement mit den Bedingungen, streben vor allem nach beruflicher Kontinuität und arrangieren sich unter Hinweis auf betriebliche Anforderungen mit einem niedrigen Einkommensniveau und Tätigkeiten, die wenig Handlungsspielräume beinhalten. Die Arbeit wird lediglich als Notwendigkeit zur materiellen Reproduktion betrachtet und als notwendiges Übel aufgefasst, das ins Verhältnis gesetzt wird zum finanziellen Ertrag. Das gegenwärtig erzielte Einkommen ist der zentrale Bewertungsmaßstab einer Tätigkeit. So sind die jungen Facharbeiter auch dazu bereit, für ein höheres Einkommen Tätigkeiten auszuführen, die ihrem Qualifikationsniveau nicht mehr entsprechen. [85]

Junge Erwachsene mit BGM Betriebsidentifizierung glauben, am Ende ihrer beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten angekommen zu sein. Sie betrachten den Betrieb primär als eine Art Heimat, in der sie hoffen, einen endgültigen und dauerhaften Platz zum Arbeiten gefunden zu haben. Sie kompensieren geringes Einkommen und mangelnde berufliche Perspektiven mit einem sehr positiv bewerteten familiären Betriebsklima, in dem sie sich geborgen fühlen. Die jungen Erwerbstätigen bemühen sich um Etablierung und Kontinuität im erreichten beruflichen Status, Veränderungs- oder Aufstiegsambitionen bestehen nicht. [86]

Die sechs BGM zeigen in idealtypischer Weise, wie sich junge Fachkräfte mit individuellen Gestaltungswünschen und Strukturvorgaben auseinandersetzen. Die Typologie weist jedoch einige Besonderheiten auf: [87]

Durch die parallele Erhebung eines standardisierten und eines qualitativen Panels konnten qualitative und quantitative Daten wechselseitig aufeinander bezogen werden. So flossen die standardisiert erhobenen Daten über die Erwerbs- und Partnerschaftsverläufe sowie eine Anzahl von formalen Daten nicht nur in die Ziehung der qualitativen Stichprobe ein (vgl. vorangegangenen Abschnitt), sie konnten darüber hinaus für die Rekonstruktion des Lebenslaufs und wichtiger beruflicher und partnerschaftlicher Ereignisse während der Durchführung der qualitativen Interviews genutzt werden. Dadurch sind die ermittelten und in den Interviews erfragten Verläufe weniger stark von der selektiven Erinnerung in der einzelnen Interviewsituation bestimmt. Gleichzeitig konnten die bei der Durchführung der Interviews bereits vorliegenden Verlaufsdaten für gezielte Nachfragen genutzt werden, wenn bestimmte Ereignisse unerwähnt blieben. [88]

Mit der Kombination qualitativer und quantitativer Verfahren bei der Ermittlung der Erwerbs- und Partnerschaftsverläufe lässt sich jedoch nicht nur die Validität der erhobenen Verläufe verbessern. Viel wichtiger ist, dass sich hierin ein anderes Forschungsinteresse als in vielen qualitativen Fallstudien niederschlägt, die sich überwiegend auf die (biografischen) Erzählungen zu einem bestimmten Zeitpunkt beziehen. Da personale Individualisierung als Vergesellschaftungsmodus aufgefasst wurde, der sich in den Handlungs- oder Strukturierungslogiken der Lebensläufe niederschlagen müsste, kommt es, entsprechend der hier präsentierten Typenbildung, auf die sinnhafte Handlungspraxis der Akteure an. [89]

Durch das Paneldesign war es zusätzlich möglich, Schilderungen zu einem bestimmten Befragungszeitpunkt mit den Äußerungen zu anderen Zeitpunkten zu vergleichen (vergleiche zu diesem Aspekt auch BÖTTGER 2001). Damit konnten bereits in den Interviews Widersprüche thematisiert, aber auch Veränderungsprozesse oder Stabilitäten in den Selbstpräsentationen beobachtet werden. [90]

Im Unterschied zu Querschnittstudien konnte nachvollzogen werden, inwieweit geäußerte Vorstellungen bezüglich der eigenen Erwerbsbiografie im Beobachtungszeitraum handlungsrelevant wurden. Denn bereits bei GEISSLER und OECHSLE (1996) wurde deutlich, dass Lebensentwürfe und Lebensplanung in keinem eindeutigen Verhältnis zueinander stehen. Während GEISSLER und OECHSLE unter Lebensplanung die in aktuellen biografischen Entscheidungen relevant werdenden Pläne verstehen, kann die Handlungsrelevanz von Lebensentwürfen stark variieren. Die BGM beziehen sich entsprechend auf im Beobachtungszeitraum handlungswirksam werdende Orientierungen und nicht auf allgemeine Einstellungsmuster oder Lebensentwürfe. [91]

Es geht dabei nicht allein darum, imaginierte Zukunft hinsichtlich ihrer Handlungsrelevanz zu kontrollieren. Vielmehr zielen die BGM neben den reflexiven Entscheidungsprozessen (reflexives Bewusstsein)34) auch auf die routinisierten Praktiken (praktisches Bewusstsein), für die zwar in der Regel auf Nachfrage eine Begründung angegeben werden kann, denen jedoch keine reflexiven Entscheidungsprozesse vorausgehen müssen. So kann analytisch beides unterschieden werden: dass sich im Zuge einer stabilen biografischen Gestaltungspraxis die Deutungsmuster anpassen, oder umgekehrt, dass veränderte Deutungsmuster eine neue Gestaltungspraxis nach sich ziehen. Damit bleibt offen, inwieweit Individualisierung in Form selbstreflexiver biografischer Entscheidungspraxis wirksam wird oder auf der Ebene routinisierter Praxen, mit denen sich Individuen auf neue Handlungskontexte einstellen oder Altbewährtes weiterhin praktizieren. [92]

Sind die BGM nun eher von individuellen Faktoren oder von den Kontexterfahrungen (vgl. Fußnote 17) der jungen Fachkräfte abhängig? Inwieweit machen sich die jungen Erwachsenen mit den BGM von ihren Handlungskontexten abhängig oder setzen sich über sie hinweg? In welcher Weise können die BGM als Hinweis auf Individualisierungsprozesse interpretiert werden und welche BGM sind hierzu besonders geeignet? [93]

3.2.2 Die Stabilisierung biografischer Handlungslogiken

Die Handlungslogiken in den ersten Berufsjahren unterscheiden sich als Selbstsozialisationsergebnis im Beruf – die in der Ernstsituation Erwerbsarbeit zu verorten sind (HEINZ, KELLE, WITZEL & ZINN 1998) – von den sich während der Schulzeit und Berufsausbildung vollziehenden Sozialisationsprozessen für den Beruf (HEINZ 1995). Da BGM Ergebnisse von Strukturerfahrungen in (beruflichen) Handlungskontexten darstellen, beschreiben sie sowohl erlebte Situationslogiken35), wie auch die Handlungsweisen, mit denen Akteure Strukturvorgaben reproduzieren und modifizieren (GIDDENS 1984). Damit sind sie auch der Ort, an dem veränderte Zurechnungsmodi, Auseinandersetzungsweisen oder personale Individualisierungsprozesse beobachtbar sein müssten. [94]

Die qualitativen Daten zeigten, dass weder die Handlungskontexte die Handlungsweisen der jungen Fachkräfte determinieren, noch die Handlungsweisen völlig unabhängig von den Strukturerfahrungen in spezifischen Handlungskontexten sind. Vielmehr stehen Handlungskontexte und BGM in einem lockeren Verhältnis zueinander. BGM und Kontext müssen zueinander passen oder "viabel"36) sein. Das kann mit drei kurzen Beispielen aus dem Einzelhandel und dem Bankwesen illustriert werden: [95]

Der Einzelhandel ist ein Tätigkeitsbereich, der hochgradig geschlechtsspezifisch differenziert ist, einmal nach Fachgebieten (horizontal37)) und einmal nach Berufspositionen und Karriereperspektiven (vertikal). Die Laufbahnstrukturen in größeren Kaufhäusern, Verkaufsketten oder Supermärkten sind in aller Regel für Männer reserviert.38) Deswegen machen junge Fachfrauen immer wieder die Erfahrung, dass ihre Mühen, sich in die Laufbahnstrukturen des Einzelhandels einzuklinken, vergeblich sind: "Als Frau hat man sowieso unheimliche Schwierigkeiten, da weiterzukommen. Und ich hab' gearbeitet und ich hab' mir den 'Arsch' aufgerissen, aber Männer. Die Männer sind so an mir vorbeigelaufen. Das ging ja nicht nur mir so", wie die Interviewte Thea sagte. Oder sie wissen bereits von anderen, wie gering ihre Chancen innerbetrieblicher Karriere sind. So meinte Anne: "Die Firma F. hat glaub' ich 5000 Mitarbeiter, ... Jetzt kenn' ich keine einzige Frau in dieser Firma, die da die Karriereleiter hochgestiegen ist." [96]

Junge Frauen ziehen daraus unterschiedliche Konsequenzen. Manche, wie beispielsweise Thea mit BGM Lohnarbeiterhabitus, suchen sich eine besser bezahlte Stelle in einem anderen Tätigkeitsbereich. Sie kann schließlich auch nicht mehr durch ein Beförderungsangebot auf eine von ihr lange vergeblich angestrebte Substitut-Stelle vom Wechsel abgehalten werden. Denn mit der Beförderung würde sich, Theas Einschätzung nach, nichts Grundsätzliches an der Arbeitssituation (geringe Bezahlung bei hoher Belastung) ändern. Stattdessen wechselt sie in den öffentlichen Nahverkehr (Straßenbahnfahrerin), der ihr eine geringere Arbeitsbelastung bei höherem Einkommen verspricht. [97]

Andere Frauen sehen ebenfalls keine Chance, sich in betriebliche Laufbahnstrukturen einzuklinken. Sie ziehen jedoch andere Konsequenzen aus ihren Erwerbserfahrungen als jene mit BGM Lohnarbeiterhabitus. Solche Frauen wie Anne versuchen, durch den Erwerb weiterer Bildungsressourcen ihren Anspruch auf eine attraktivere und besser bezahlte Tätigkeit doch noch zu verwirklichen. Sie informieren sich umfassend über mögliche Optionen mit all ihren Vor- und Nachteilen, wählen diejenige, die ihnen am perspektiven- und chancenreichsten erscheint und bemühen sich, ihre Handlungsspielräume zu erhalten oder zu vergrößern. Sie stabilisieren entsprechend den BGM Chancenoptimierung (vgl. Absatz 82). [98]

Damit wird plausibel, warum im Forschungszusammenhang des Projekts keine jungen Einzelhandelskauffrauen mit BGM Laufbahnorientierung gefunden wurden: Der Modus ist mit den Handlungskontexten nicht kompatibel, da im Einzelhandel die Laufbahnstrukturen für die jungen Einzelhandelskaufmänner reserviert sind. [99]

Auch ein Beispiel aus dem Bereich des Bankgewerbes zeigt, wie BGM und Handlungskontext wechselseitig aufeinander bezogen sind. Im Bankgewerbe sind die berufsbegleitende Weiterqualifizierung und die Versuche einer Höherqualifizierung eine Norm, der sich vor allem junge Bankkaufmänner im Konkurrenzkampf um knappe Aufstiegspositionen ausgesetzt sehen. Als Heinrich eine Höherqualifizierungsmaßnahme abbricht, die ihn neben der Erwerbsarbeit zu stark zeitlich eingeschränkt hätte, versucht er ohne Weiterqualifizierung im Beruf zu verbleiben (BGM Lohnarbeiterhabitus). Ihm gelingt es nach mehreren Betriebswechseln jedoch nicht, in Konkurrenz zu anderen eine dauerhafte berufliche Perspektive im Bankgewerbe zu realisieren. Vielmehr wird er aus dem fachspezifischen Arbeitsmarkt herausgedrängt und wechselt den Beruf, um nicht arbeitslos zu werden. [100]

Mit den Beispielen wurde deutlich, dass junge Fachkräfte auf ihre Kontexterfahrungen unterschiedlich reagieren: Sie können den ermöglichenden Charakter (GIDDENS 1984: enabling) sozialer Strukturen nutzen, um eigene Wünsche trotz widriger Bedingungen zu realisieren, aus den gegebenen Bedingungen "das Beste" zu machen oder sich mit dem erreichten Berufsstatus zu arrangieren. [101]

3.2.3 Die Bindung biografischer Akteure an ihre Handlungskontexte

Die BGM stehen nicht einfach nur in einem lockeren Verhältnis zu ihren Handlungskontexten – mit ihnen binden sich die jungen Fachkräfte gleichzeitig in unterschiedlicher Weise an ihre Kontexte (z.B. geschlechtsspezifische Verhaltenserwartungen, regionale und berufliche Arbeitsmarktsituation): [102]

Die Umgangsweisen der jungen Fachkräfte mit BGM Chancenoptimierung sind relativ unabhängig von ihren Handlungskontexten. Durch ihre multioptionalen Strategien vermeiden sie ganz bewusst die Abhängigkeit von bestimmten Arbeitgebern oder Berufspositionen, aber auch von aktuellen Berufsvorstellungen. Denn oft sehen sie auch ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen als Variable. Wenn eine Option enttäuscht wird oder sich ihre Wünsche und Vorstellungen ändern, können sie so aus mehreren anderen Möglichkeiten auswählen. [103]

Dagegen legen sich jene mit BGM Laufbahnorientierung bereits relativ stark auf einen Betrieb oder Arbeitgeber fest. Die Handlungsstrategien variieren zwischen einem "Mal sehen, wie weit ich komme" bis zu einem engagierten "Streben nach einer bestimmten Position". Durch die eng auf die Laufbahnvorgaben orientierten Qualifizierungsstrategien können sie zwar durch Learning on-the-job Karriere machen, sind also weniger auf den Erwerb zertifizierter Bildungsabschlüsse angewiesen, jedoch um den Preis stärkerer Abhängigkeiten von ihrem Arbeitgeber. Im Krisenfall (bspw. Konkurs) oder wenn die Laufbahn "verstopft" ist droht die Entwertung ihrer unzertifizierten betriebsgebundenen Qualifikationen. [104]

Mit dem BGM Lohnarbeiterhabitus machen sich die jungen Fachkräfte zwar nicht von bestimmten Arbeitgebern, aber von den Gelegenheiten des regionalen Arbeitsmarkts abhängig. Ihr Verhältnis zum Arbeitsmarkt konstruieren sie als im Zeitverlauf gleichbleibend. Auf der einen Seite sehen sie ihre eigenen Qualifikationen als weitgehend konstant an (keine langangelegten Qualifizierungstrategien erscheinen notwendig). Auf der anderen Seite gehen sie von relativ gleichbleibenden Arbeitsmarktbedingungen aus, die sie beispielsweise mit Aussagen wie "Wer arbeiten will, der bekommt auch Arbeit" rationalisieren. [105]

Im Unterschied zu Fachkräften mit BGM Lohnarbeiterhabitus kompensieren jene mit BGM Betriebsidentifizierung ihre ungünstigen Karriereaussichten oder ihr niedriges Einkommen mit dem guten Betriebsklima. Diese Umgangsweise wird vor allem bei jungen Frauen angetroffen, die durch ihre Erwerbsarbeit keine Familie ernähren müssen, häufig bereits eine Hausfrauenrolle antizipieren und keinen (weiteren) beruflichen Aufstieg mehr anstreben. [106]

Im Unterschied zum BGM Selbständigenhabitus, mit dem sich die jungen Erwachsenen von ihrem eigenen Geschäftserfolg im Rahmen wirtschaftlicher Bewertungskriterien abhängig machen, zeigt der BGM Persönlichkeitsgestaltung eine nach persönlichen Werten und Bedürfnissen ausgerichtete Form der Selbstbindung. Die jungen Fachkräfte setzen sich über traditionelle Orientierungsmuster wie Status, Einkommen oder Verhaltenserwartungen des Herkunftsmilieus hinweg. Jenseits ausgetretener Orientierungsmuster können sie die Verhaltensstandards ihres Herkunftsmilieus überwinden. Auf der Basis persönlicher Beurteilungskriterien können dabei auch solche Berufsverläufe positiv bewertet werden, die aus anderer Perspektive (z.B. monetärer) als sozialer Abstieg erscheinen (Lebenskünstler). [107]

In einer Arbeitswelt, die sich immer mehr durch lebenslanges Lernen und relativ schnell wandelnde Qualifikationsbedarfe auszeichnet, während vorhersehbare Laufbahnstrukturen zunehmend wegbrechen, werden berufsbiografische Selbstbindungsformen unterschiedlich prämiert: Mit multioptionalen Gestaltungsstrategien der Berufsbiografie reagieren die jungen Fachkräfte am flexibelsten auf Veränderungen im Beschäftigungssystem. Damit sind sie auch am wenigsten der Gefahr rascher Entwertung ihrer Qualifikationen ausgesetzt. Das Verlassen auf betriebliche Laufbahnangebote und betriebsfixierte Qualifizierungsstrategien bringt nicht nur Chancen mit sich, sondern auch Gefahren, wenn bei einem Betriebswechsel erworbene Qualifikationen entwertet werden. Schließlich bleiben jene, die nicht mehr oder nur wenig in ihr Humankapital investieren, Spielball der (regionalen) Arbeitsmarktsituation und sind von Marginalisierung bedroht. Die verstärkte Orientierung an persönlichen Kriterien der Biografiegestaltung kann ganz unterschiedliche Folgen haben. Der Chance sozialen Aufstiegs steht das Risiko sozialen Abstiegs entgegen. Aber auch ganz neue Erwerbsformen können erschlossen werden. [108]

Im Folgenden soll nun gezeigt werden, inwieweit die Selbstbindungsformen der jungen Fachkräfte in Zusammenhang stehen mit verschiedenen Formen von BGM-Wechseln. [109]

3.2.4 Konstanz und Wandel der Handlungslogiken

Haben die jungen Fachkräfte in den ersten Berufsjahren erst einmal einen berufsbiografischen Gestaltungsmodus etabliert, dann ist er in der Regel auch für den Rest des Beobachtungszeitraums stabil. In einigen Fällen werden jedoch früh stabilisierte Modi durch berufliche Ereignisse oder veränderten Bezug zur jeweiligen Erwerbstätigkeit noch einmal in Frage gestellt und gewechselt. [110]

Grundsätzlich können zwei Varianten des BGM-Wechsels beobachtet werden. Zum einen wird der Wechsel durch veränderte Handlungsbedingungen in einer neuen Tätigkeit ausgelöst, die entweder zu grundsätzlich neuen Arbeitserfahrungen führen und neue berufliche Perspektiven eröffnen oder berufliche Karriereperspektiven verschließen. Zum anderen geht der Wechsel auf veränderte subjektive Ansprüche an die Erwerbsarbeit zurück, die zur Suche nach einer Berufsperspektive führen, die ganz persönlich "Sinn macht". Die BGM-Wechsel sind vor allem bei jungen Fachkräften mit formal niedrigen schulischen Ressourcen zu beobachten: [111]

So wechselt beispielsweise der Interviewpartner Kuno vom BGM Lohnarbeiterhabitus zum BGM Laufbahnorientierung, nachdem er seinen Wunschberuf (Einzelhandelskaufmann) zugunsten einer Bankanstellung aufgab. Entsprechend dem Modus Lohnarbeiterhabitus nutzt er die Gelegenheit des Stellenwechsels, um das Verhältnis von Aufwand (Arbeitsbelastung) und Ertrag (Lohn) zu optimieren, der sich ihm im expandierenden Münchner Arbeitsmarkt aufgrund einer regionalen Arbeitskräfteknappheit im Bankgewerbe eröffnete. In dem neuen beruflichen Umfeld, in dem ihm seinen Möglichkeiten entsprechende Karriereperspektiven eröffnet werden, entwickelt er berufsbiografische Umgangsweisen, die dem BGM Laufbahnorientierung entsprechen. [112]

Umgekehrt verhält es sich bei Marco, der aus den gleichen Motiven den Betrieb wechselt wie Kuno. Er gelangt jedoch in einen kaufmännischen Arbeitskontext, in dem ihm mit formal niedrigen schulischen Ressourcen (Hauptschulabschluss) – im Unterschied zum Einzelhandel – weitere betriebsinterne Karrierepfade verstellt sind. Dazu müsste er in den Erwerb weiterer Bildungsressourcen (höherer Schulabschluss, Studium) investieren, wozu er sich wegen der Notwendigkeit, seine junge Familie zu ernähren, nicht in der Lage sieht. Er wechselt vom BGM Laufbahnorientierung zum BGM Lohnarbeiterhabitus. [113]

In beiden Fällen besteht ein relativ enger Zusammenhang der BGM-Wechsel mit einem spontanen Wechsel des beruflichen Handlungskontextes. Anders verhält es sich in einem weiteren Fall. [114]

Johann orientiert sich bei der Berufswahl an der herkunftsspezifischen Umgangsweise mit Erwerbsarbeit und stabilisiert den BGM Lohnarbeiterhabitus im Bankgewerbe. Schnell stellt er jedoch fest, dass die Banktätigkeit trotz guter Bezahlung und Karriereperspektiven nicht seinen Vorstellungen entspricht. Er entwickelt stattdessen die Vorstellung, dass ihm die Erwerbsarbeit auch persönlich "etwas bringen muss". Auf der Suche nach einer solchen Tätigkeit erwirbt er die Mittlere Reife und die fachgebundene Hochschulreife mit dem Ziel eines Studiums. Damit wechselte Johann zum BGM Persönlichkeitsgestaltung. [115]

Dass sich ein Wechsel des Gestaltungsmodus vor allem bei jungen Erwachsenen mit BGM Lohnarbeiterhabitus und Laufbahnorientierung feststellen lässt und dass sich vor allem jene mit BGM Persönlichkeitsgestaltung und Chancenoptimierung über eingrenzende Kontextbedingungen (Herkunftsmilieu, betriebliche und berufliche Handlungsbedingungen) hinwegsetzen, scheint kein Zufall zu sein. Vielmehr stehen sie in Zusammenhang mit den unterschiedlichen Selbstbindungsformen der BGM, die mit unterschiedlichen Abhängigkeiten von betrieblichen Handlungsbedingungen und regionalem Arbeitsmarkt einhergehen. Die jungen Fachkräfte mit dem BGM Lohnarbeiterhabitus reagieren direkter auf Veränderungen oder Gelegenheiten des regionalen Arbeitsmarkts und jene mit BGM Laufbahnorientierung machen sich von den betrieblichen Laufbahnstrukturen abhängig. Dagegen basteln sich die Fachkräfte mit BGM Persönlichkeitsgestaltung vor allem nach eigenen Kriterien und jene mit BGM Chancenoptimierung im Hinblick auf überbetriebliche und -regionale Chancenstrukturen ihre Erwerbsbiografie zusammen (vgl. vorangegangenen Abschnitt). [116]

Da die jungen Erwachsenen trotz gleicher formaler Bildungsressourcen und vergleichbarer sozialer Herkunft unterschiedliche erwerbsbiografische Entscheidungen treffen, wird deutlich, dass trotz anhaltendem Einfluss struktureller und institutioneller Faktoren Handlungsspielräume bleiben39), die von den Interviewten in unterschiedlicher Weise und mit unterschiedlichen Folgen für die weitere Erwerbsbiografie genutzt werden. Inwieweit können die unterschiedlichen Umgangsweisen und Selbstbindungsformen an berufliche Kontexte und normative Verhaltenserwartungen, die mit den BGM charakterisiert werden, als Ausdruck von Kollektivierungs- oder Individualisierungsprozessen interpretiert werden? [117]

3.3 Individualisierte Modi der Biografiegestaltung

Wenn Individualisierung auf "die Auflösung vorgegebener sozialer Lebensformen" zielt und "wo immer solche Auflösungstendenzen sich zeigen[, die Frage zu stellen ist, ] welche neuen Lebensformen entstehen, wo die alten, qua Religion, Tradition oder vom Staat zugewiesenen, zerbrechen?" (BECK & BECK-GERNSHEIM 1994, S.11f.), dann kann mit dem vorgestellten Konzept – statt nach verdinglichten neuen Lebensmodellen – nach den Strukturierungsprozessen, Handlungslogiken oder Gestaltungsmodi gefragt werden, mit denen Akteure Neues umzusetzen suchen und damit gleichzeitig alte Ungleichheitsmuster reproduzieren, verschärfen oder neu konstituieren. Wenn der Einzelne in "der individualisierten Gesellschaft ... entsprechend bei Strafe seiner permanenten Benachteiligung lernen [muss,] sich selbst als Handlungszentrum, als Planungsbüro in bezug auf seinen eigenen Lebenslauf seine Fähigkeiten, Orientierungen, Partnerschaften usw. zu begreifen" (BECK 1986, S.216f.), stellt sich die Frage – wenn das Argument der Individualisierungsthese nicht auf der Ebene der Ideologie verharren soll – nach den handlungswirksamen Konsequenzen, die sich jedoch nicht einfach auf bestimmte Verlaufsmuster, sondern auf die Logiken ihrer Entstehung beziehen müssen. [118]

Mit der Typologie berufsbiografischer Gestaltungsmodi lässt sich eine, für die Individualisierungsthese typische Schwierigkeit aufzeigen. Individualisierung als Diagnose auf der institutionellen Ebene (institutionelle Individualisierung) erlaubt nur begrenzte Aussagen darüber, welche Handlungslogiken auf der Akteursebene mit dem institutionellen Wandel korrespondieren. Entsteht ein neuer individualisierter Typus, der in der reflexiven Moderne dominiert? Modernisieren sich bisherige Umgangsweisen unter dem Eindruck voranschreitenden gesellschaftlichen Wandels? Verschiebt sich das Verhältnis der Typen zueinander, so dass in verschiedenen historischen Epochen unterschiedliche Gestaltungsmodi dominieren? Da ohne einen historischen Vergleich mit früheren Handlungsweisen Thesen über historische Entwicklungstrends kaum empirisch gestützt werden können – im Sinne eines direkten Vergleichs früherer mit heutigen Umgangsweisen –, beschränken sich die abschließenden Erörterungen auf die Frage, inwieweit diese Typen Umgangsweisen entsprechen, die zur Individualisierungsthese kompatibel erscheinen. [119]

Der Vergleich der verschiedenen BGM untereinander legt auf den ersten Blick nahe, den eher seltenen Modus Persönlichkeitsgestaltung (WITZEL & KÜHN 2000, S.20) als individualisierten Modus zu interpretieren. Er scheint durch seine geringe Bindung an berufliche Handlungskontexte als die am stärksten dem Individualisierungskonzept entsprechende Umgangsweise40). Es werden sowohl institutionalisierte Angebote wie der Zweite Bildungsweg genutzt als auch neue Wege gesucht, beispielsweise durch beruflichen Umstieg oder Ausstieg. Teilweise werden aufwendige Bildungskarrieren in Angriff genommen, aber auch bereits vorhandene Qualifikationen werden scheinbar achtlos beiseite gelegt. Maßstab der Biografiegestaltung sind persönliche Kriterien, die gegenüber institutionalisierten – hier vor allem beruflichen Normen – durchgesetzt werden. Die eigenen Maßstäbe als Kriterien der Biografiegestaltung, jenseits von gesellschaftlichen Karriere- und Laufbahnstrukturen, können, gemessen an herkömmlichen erwerbs- und einkommensorientierten Maßstäben, sowohl zum Erfolg wie auch zum bösen Erwachen führen. Der BGM Persönlichkeitsgestaltung zeigt damit die Ambivalenz von individualisierten Strategien der Biografiegestaltung, deren "Erfolg" ungewiss erscheint: Inwieweit sie zu Karrieren führen, die als vertikale oder horizontale Mobilität beobachtet werden können, bleibt offen. Die Konsistenz erhalten die Biografien der jungen Fachkräfte, die zuweilen als Patchwork- oder Bruchbiografie beobachtet werden können, durch ihre persönlichen Gestaltungs- und Bewertungsmaßstäbe. [120]

Jene mit den Modi Chancenoptimierung oder Selbständigenhabitus41) scheinen für die modernisierte Moderne gut gerüstet zu sein, denn im Zuge raschen gesellschaftlichen Wandels werden multioptionale Karrierestrategien prämiert. Sie erscheinen aus sozialisationstheoretischer Perspektive als folgerichtige Reaktion auf Handlungsbedingungen, die den Eindruck zu erwecken versuchen, dass beruflicher Erfolg und gesellschaftlicher Status überwiegend in die Leistungsbereitschaft des Einzelnen gestellt sind. Insoweit schließen sie an die Reproduktionslogiken eines Beschäftigungssystems an, das nach wie vor an Bildungszertifikaten und Leistungsbereitschaft orientiert ist, auch wenn der Lebensberuf und die Karrieren in relativ festen Laufbahnstrukturen an Bedeutung verlieren. [121]

Für Frauen mit BGM Chancenoptimierung ist die Berufskarriere häufig eng verbunden mit der Frage nach der Vereinbarkeit von Berufskarriere und Familie. Es erscheint plausibel, dass gerade Frauen ohne Familie eine berufliche Karriere verwirklichen oder jene, die Ehe eher partnerschaftlich organisieren und sich nicht nach dem Leitbild der guten Mutter überwiegend auf die Familiengestaltung festlegen. Wenn sie sich nicht mit einer Tätigkeit auf einfachem Qualifikationsniveau zufrieden geben und den Modus Betriebsidentifizierung oder Lohnarbeiterhabitus stabilisieren, sondern berufliche Karriereperspektiven verfolgen, sind sie in doppelter Weise gezwungen, ihre Chancen zu optimieren: einmal im Berufsbereich, weil ihnen dort in der Regel keine Laufbahnstrukturen zur Verfügung stehen, auf die sie zurückgreifen könnten; andererseits auf der Familienseite, da sie zwischen eigenen Ressourcen (z.B. Partnerschaft, Herkunftsfamilie, Vermögen) und staatlichen Versorgungseinrichtungen jonglieren müssen, um berufliche und familiale Wünsche zu verbinden. Sie sind nicht nur auf ihre privaten Ressourcen, sondern wenn diese kaum zur Verfügung stehen, um so mehr auf die Verfügbarkeit staatlicher Leistungen angewiesen. Die staatlichen Angebote beruhen jedoch nach wie vor überwiegend auf dem Modell einer allzeit verfügbaren Hausfrau (KRÜGER 1995). Darin zeigt sich, dass die positiv bewerteten Effekte von Individualisierungsprozessen von handfesten institutionellen Veränderungen (hier vor allem verstanden im Sinne gesetzlicher Rahmenbedingungen, vgl. VOBRUBA 1992) abhängig sind, wenn sie nicht nur ein Phänomen ressourcenreicher, privilegierter Gruppen oder weniger Pioniere bleiben soll. [122]

Wie sind schließlich die Modi Lohnarbeiterhabitus und Laufbahnorientierung unter modernisierungstheoretischer Perspektive zu interpretieren? Das Arrangement auf einem vergleichsweise niedrigen Qualifikationsniveau und die Bindung an eine verlässlich und vorhersehbar erscheinende Laufbahn erinnern an Handlungsbedingungen der einfachen Moderne. Eine Patchwork-Biografie, die aus einem Lohnarbeiterhabitus oder einer Laufbahnorientierung resultiert, ist Ergebnis betrieblicher und regionaler Kontextbedingungen, an die sich die jungen Fachkräfte binden. Während jene mit Laufbahnorientierung in hohem Maße auf den Bestand des Betriebs und seine Vacancy Chains angewiesen sind, ergeben sich die beruflichen Chancen und Risiken mit BGM Lohnarbeiterhabitus unmittelbar aus der regionalen Arbeitsmarktsituation. Wie die Beispiele der BGM-Wechsel gezeigt haben, ist es deswegen wohl kein Zufall, dass die jungen Erwachsenen mit Modus Lohnarbeiterhabitus und Laufbahnorientierung ihre Umgangsweisen noch in den ersten Berufsjahren wechselten. [123]

Die qualitativen Analysen haben gezeigt, dass die BGM von den jungen Fachkräften in verschiedenen beruflichen Handlungskontexten (bspw. Betrieben, Arbeitsmarktregionen, Weiterbildungseinrichtungen, Berufen, Laufbahnstrukturen) erprobt werden, jedoch je nach den zur Verfügung stehenden Ressourcen (bspw. Bildungszertifikate, biografische Erfahrungen, soziale Netzwerke, Kompetenzen und Fertigkeiten, aber auch askriptiven Merkmalen wie Geschlecht), Kontexten und biografischen Prioritätensetzung zu unterschiedlichen – aber nicht beliebigen – Handlungsresultaten führen können. Dadurch, dass die BGM in dieser Weise kontext- und ressourcenunabhängig formuliert wurden, ist es eine empirisch zu prüfende Frage, inwieweit die BGM mit traditionellen Ungleichheitsindikatoren (soziale Herkunft, Schulabschluss, Geschlecht usw.) der einfachen Moderne zusammenhängen. Ein Blick auf die Zusammenhänge der BGM mit Schulabschlüssen und sozialer Herkunft in den qualitativen Interviews (vgl. ZINN 2001a) legt den Verdacht nahe, dass nach wie vor eine hohe Korrespondenz zwischen BGM und traditionellen Ungleichheitsindikatoren besteht. An anderer Stelle wurde jedoch gezeigt, dass auch jene mit geringeren formalen Bildungsressourcen42) ihre Chancen optimieren können, indem sie Schulabschlüsse nachholen und multioptionale Karrierestrategien verfolgen. Am Beispiel junger Maschinenschlosser (KELLE & ZINN 1998) konnte gezeigt werden, inwieweit durch spezifische berufliche Erfahrungskonstellationen und erhöhten Selektionsdruck der BGM Chancenoptimierung, relativ unabhängig von den Bildungsressourcen und der sozialen Herkunft, stabilisiert werden kann. [124]

Das Ergebnis zeigt, dass Herkunfts-, Bildungs- und biografische Ressourcen vermittelt sind durch die BGM, die sowohl als Handlungsroutinen wie auch als selbstreflexive biografische Gestaltungsweisen, als Ausgangspunkt wie als Folge biografischen Handelns wirksam werden. Handlungsresultate, die später in Form traditioneller Ungleichheitsindikatoren gemessen werden können (bspw. MAYER & BLOSSFELD 1990), hängen nicht eindeutig von den BGM ab, sondern von weiteren Handlungsbedingungen wie Ressourcenausstattung, askriptiven Merkmalen, biografischen Erfahrungen, sozialen Netzwerken und individuellen Prioritätensetzungen. Damit wird deutlich, dass personale Individualisierung weniger eine Frage des Scheiterns oder Gelingens ist43), sondern eine Frage der Handlungslogik. Inwieweit diese jedoch dazu führt, soziale Ungleichheiten abzubauen, hängt wesentlich von weiteren Faktoren (Arbeitsmarktkonkurrenz, Konjunktur, normative Orientierungen usw.) ab. Weder die formale Ressourcenausstattung noch die Handlungsresultate oder die Handlungslogik allein sind also hinreichende Kriterien, um sozialen Wandel zu erklären. [125]

Mit der Typisierung von Handlungslogiken, wie am Beispiel der Typologie Berufsbiografischer Gestaltungsmodi vorgeführt, sind verschiedene Modi konstruierbar, die zur Beschreibung personaler Individualisierungsprozesse dienen können. Die Wechselwirkungen der BGM mit den unmittelbaren Handlungsbedingungen in den ersten Erwerbsjahren können untersucht werden. Hypothesen sind generierbar bezüglich des Auftretens eines neuen individualisierten Typus, seiner gesellschaftlichen Verbreitung (z.B. in bestimmten Milieus) oder einer Individualisierung herkömmlicher Modi. Um jedoch sicher zu gehen, dass die in der relativ kleinen Stichprobe beobachteten Handlungslogiken und Wechselwirkungen mit Strukturvorgaben auf gesamtgesellschaftliche Prozesse übertragbar sind, muss auch ihre quantitative Bedeutsamkeit ermittelt werden. Es muss nach einem Weg gesucht werden, die Typologie in ein standardisiertes Instrument zu übersetzen. [126]

3.4 Quantifizierung von typisierten Handlungslogiken

Bisher wurde argumentiert, dass für die Überprüfung der Individualisierungsthese nicht nur Veränderungen auf der institutionellen Ebene zu berücksichtigen seien, sondern auch die individuellen Handlungslogiken der Gesellschaftsmitglieder untersucht werden müssen, damit beobachtete sozialstrukturelle Veränderungen Individualisierungsprozessen oder anderen Erscheinungen zugerechnet werden können. Dazu wurde vorgeschlagen und am Beispiel berufsbiografischer Gestaltungsmodi (BGM) veranschaulicht, die individuellen Handlungslogiken aus den sinnhaften Handlungen von Subjekten abzuleiten und zu typisieren. Zuvor wurde gezeigt, wie mit der systematischen Kombination qualitativer und quantitativer Strategien bei der Stichprobenziehung eine Typologie auf eine möglichst breite Basis (inhaltliche Repräsentativität) gestellt werden kann. [127]

Zum Abschluss geht es nun um die Frage, wie eine qualitativ gewonnene Typologie, mit der Handlungs- und Strukturierungslogiken aus der Akteursperspektive typisiert wurden, für quantitative Analysen zugänglich gemacht werden kann. Das erscheint notwendig, um auch quantifizierende Fragestellungen, die üblicherweise im Zusammenhang mit der Individualisierungsthese virulent werden, beantworten zu können. Hierzu gehört etwa die Frage nach der quantitativen Bedeutsamkeit von Individualisierungsprozessen, der anhand der Verbreitung individualisierter Modi nachgegangen werden könnte, oder inwieweit sich Veränderungen der formalen Kontextbedingungen (bspw. Ausbildungsverordnungen und Weiterqualifizierungsmöglichkeiten) auf die Formen oder die Verbreitung der Gestaltungsweisen des Lebenslaufs auswirken. Mit einer standardisierten Typologie wäre es darüber hinaus möglich, den Zusammenhang zwischen bestimmten biografischen Umgangsweisen und formalen Strukturindikatoren für Klassen- oder Schichtzugehörigkeiten sowie sozialen Milieus zu überprüfen, um etwa die These eines nachlassenden Einflusses von Klassenlagen auf die biografischen Gestaltungsweisen zu untersuchen. [128]

Wie wäre nun vorzugehen, um eine qualitativ entwickelte Typologie von Handlungslogiken in ein standardisiertes und damit quantifizierbares Erhebungsinstrument zu transformieren? Ein Blick in die einschlägige Literatur zeigt, dass bisher relativ wenig Versuche unternommen wurden, qualitativ entwickelte Typologien zu quantifizieren.44) In besonderem Maße betrifft dies jedoch Typologien, die versuchen, qualitative und quantitative Daten zu integrieren, sowie qualitative Längsschnitttypologien, die aufgrund des hohen Forschungsaufwandes bisher vergleichsweise selten entwickelt wurden45). Das gilt auch für die Biografieforschung, die zwar noch relativ häufig Verlaufstypologien – im Sinne erzählter Lebensgeschichten – erstellt, sich bisher jedoch meist auf ausführliche Einzelfallanalysen und kleine Samples konzentriert. Wenige Einzelfälle werden dabei als Beispiele für personenspezifische Manifestationen oder Bewältigungsmuster gesellschaftlicher Wirkungszusammenhänge aufgefasst. Eine quantifizierende empirische Überprüfung der individuellen Handlungslogiken würde dagegen den methodologischen und wissenschaftstheoretischen Grundannahmen des zugrundeliegenden Forschungsparadigmas widersprechen.46) [129]

Anhand des Beispiels der Typologie berufsbiografischer Gestaltungsmodi (BGM) und Erkenntnissen aus anderen Forschungszusammenhängen folgend kann jedoch gezeigt werden, wie qualitative und quantitative Daten und Forschungsstrategien bei der Rekonstruktion einer solchen Typologie nutzbringend aufeinander bezogen werden können: etwa bei der Entwicklung eines standardisierten Erhebungsinstruments oder bei der clusteranalytischen Reproduktion der Typologie. [130]

In der Studie zu Statuspassagen in die Erwerbstätigkeit (HEINZ et al. 1996; KÜHN & ZINN 1998; MÖNNICH & WITZEL 1994) wurde nach drei qualitativen Erhebungswellen, auf deren Grundlage die qualitative Typologie berufsbiografischer Gestaltungsmodi (BGM) entwickelt wurde, versucht, die BGM in der vierten quantitativen Erhebungswelle in ein standardisiertes Instrument zu transformieren (vgl. SCHAEPER & WITZEL 2001). [131]

In einem ersten Schritt mussten die der Typologie zugrundeliegenden Dimensionen (Arbeitstätigkeit, Qualifikation, Karriere, Einkommen, Betrieb) und die für die verschiedenen Typen signifikanten Ausprägungen in standardisierte Items transformiert werden. Dazu konnten gängige Skalen zur Messung von Arbeits-, Berufs- und Weiterbildungsorientierungen herangezogen werden, wie sie u.a. in der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) und dem Sozioökonomischen Panel (SOEP) Verwendung finden. Sie wurden auf der Grundlage des qualitativen Interviewmaterials für den Untersuchungszusammenhang modifiziert und ergänzt. Darüber hinaus wurden anhand des Datenmaterials für die unterschiedlichen Typen besonders charakteristisch erscheinende Items abgeleitet. Am Ende standen Itembatterien (fünfstufige Rating-Skalen) zu allgemeinen Arbeitsorientierungen, dem Stellenwert der Erwerbstätigkeit im Verhältnis zu anderen Lebensbereichen und zu Gründen der Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen. Die Handlungspraxis oder Realisierungen wurden durch eine Anzahl von Fragen zum Berufsverlauf, zu Weiterbildungsaktivitäten und zur Partnerschaft ermittelt. Insgesamt erschien dieses Verfahren als die praktikabelste Möglichkeit, Orientierungen in Bezug auf Arbeitstätigkeit, Weiterbildung oder die individuelle Lebensgestaltung und die Handlungspraxis mittels eines überschaubaren und bewältigbaren Fragebogens zu erfassen. [132]

Im zweiten Schritt sollten mittels clusteranalytischer Verfahren die qualitativ entwickelten BGM im standardisiert erhobenen Datensatz reproduziert werden. Beim Versuch, sowohl Realisierungen (Handlungsresultate) wie Aspirationen47) gleichzeitig in die Clusteranalyse miteinzubeziehen, ergaben sich unerwartete Schwierigkeiten. Die Verhaltensvariablen bestimmten in uninterpretierbarer Weise die Clusterstruktur (vgl. SCHAEPER & WITZEL 2001), so dass die Handlungsweisen ausschließlich als Deskriptionsvariablen berücksichtigt wurden, d.h. die Zusammenhänge zwischen Handlungspraxis und Orientierungsmustern konnten nur korrelativ reproduziert werden. Die anschließende explorative Clusteranalyse bezog sich dementsprechend ausschließlich auf die Arbeits-, Berufs- und Weiterbildungsorientierungen. Deswegen wurde die resultierende Typologie (7-Cluster-Lösung) im Unterschied zu den berufsbiografischen Gestaltungsmodi als Typologie berufsbiografischer Orientierungen (BOM) bezeichnet. [133]

In einem dritten Schritt ging es schließlich um die Frage, inwieweit die sechs BGM mit den sieben berufsbiografischen Orientierungsmustern (BOM) konvergierten: Inwiefern unterschied sich also die Typologie sinnhaften Handelns von der Typologie allgemeiner Orientierungen? Dabei zeigten sich sowohl weitgehende Übereinstimmungen von Typen – drei, den BGM Betriebsidentifizierung, Lohnarbeiterhabitus und Laufbahnorientierung sehr ähnliche Typen, konnten mittels der Clusteranalysen konstruiert werden. Es zeigten sich jedoch auch grundlegende Unterschiede zwischen BGM und BOM. Drei BOM-Typen hatten kein Pendant bei den BGM (Sicherheitsorientierte, anspruchslose Notwendigkeitsorientierte, anspruchsvolle ganzheitlich Orientierte). Das größte Cluster der sogenannten Sicherheitsorientierten dem ca. ein Viertel der Befragten zugeordnet wurden, ist in seinen Ausprägungen ein Durchschnittstypus, der sich nur durch die hohe Bedeutung der Arbeitsplatzsicherheit auszeichnet. Die kleine Gruppe der anspruchslos Notwendigkeitsorientierten (9 Prozent) sind insgesamt negativ orientiert. Alle Aspekte – Betriebsklima, die Karriere, autonome Vielseitigkeit und Persönlichkeitsentwicklung – sind leicht bis stark unterdurchschnittlich ausgeprägt, worin eine Folge von Desillusionierung und Anspruchslosigkeit vermutet wurde (SCHAEPER & WITZEL 2001, S.237). Als Gegenstück zu den anspruchslos Notwendigkeitsorientierten kann der Typus der anspruchsvoll ganzheitlich Orientierten angesehen werden. Er zeichnet sich durch überdurchschnittliche Ausprägungen auf fast allen Dimensionen aus. Unterdurchschnittliche Bedeutung hat nur die Erwerbstätigkeit als Mittel zur Sicherung der Existenzgrundlage. Drei BGM (Selbständigenhabitus, Persönlichkeitsgestaltung und Chancenoptimierung) konnten mittels der Clusteranalyse nicht trennscharf rekonstruiert werden. Sie gehen in den Mischtypus chancenoptimierende Persönlichkeitsgestaltung ein (SCHAEPER & WITZEL 2001). Die Frauen und Männer dieses BOM zeichnen sich durch starke Bildungsbereitschaft aus. Besonders wichtig sind ihnen ihre Berufstätigkeit insgesamt, arbeitsinhaltliche Aspekte sowie berufliche und arbeitsinhaltliche Entwicklungsmöglichkeiten (vgl. die BGM, Absatz 82ff.) [134]

Wie können nun die Unterschiede zwischen den beiden Typologien und den Fallzuordnungen erklärt werden? (Siehe hierzu auch SCHAEPER & WITZEL 2001, S.239ff.) [135]

Methodische Fragen bezüglich der Eignung des gewählten Clusterverfahrens zur Rekonstruktion einer qualitativ entwickelten Typologie werden hier zugunsten konzeptioneller Überlegungen und Entscheidungen zurückgestellt. Damit das Risiko von Methodenartefakten gering bleibt, erscheint es insbesondere beim Instrumentarium der Clusteranalyse jedoch ratsam, dass theoretische Vorentscheidungen oder Kriterien der qualitativen Typenbildung systematisch in das statistische Instrument umgesetzt werden, denn einzelne Entscheidungen können ganz erheblichen Einfluss auf die späteren Clusterlösungen haben.48) Zudem sind viele Entscheidungen im Rahmen der Clusteranalyse nicht durch statistische Daumenregeln, sondern nur durch inhaltliche Begründung unter Bezug auf theoretische Vorüberlegungen und etwa qualitatives Interviewmaterial zu treffen (vgl. MICHEEL 2002a), etwa wenn es um die Frage geht, ob kleine Cluster beibehalten werden sollen oder vorerst wenig trennscharfe Gruppen konzeptionell genauer herausgearbeitet werden sollen. [136]

Die folgenden Erörterungen beschränken sich auf drei zentrale konzeptionelle Problembereiche, die bei der vorliegenden Analyse und der Untersuchung von Individualisierungsprozessen von Bedeutung sind:

  • die Strategien der Integration von Handlungen (Realisierungen) und Deutungen (Aspirationen, Bilanzierungen) in Handlungslogiken bei standardisierten Erhebungs- und Auswertungsverfahren,

  • die Erfassung übersituativer Handlungslogiken,

  • die Untersuchung sozialen Wandels anhand übersituativer Handlungslogiken. [137]

3.4.1 Zur Integration von Handlungen und Deutungen zu Handlungslogiken

Wie können Handlungen und Deutungen zu Handlungslogiken integriert werden? Aufgrund der theoretischen Vorüberlegungen dieses Aufsatzes überrascht es nicht, dass der Versuch der korrelativen Verknüpfung von Handlungsresultaten und allgemeinen Handlungsorientierungen bei der Standardisierung der qualitativen Typologie misslang. Das kann als Beleg für einen Befund angesehen werden, der sich bereits in anderen Studien offenbarte (etwa bei BAETHGE et al. 1988) und der deshalb in anderen Forschungsprojekten explizit konzeptionell berücksichtigt wurde (etwa bei GEISSLER & OECHSLE 1996 mit der Unterscheidung zwischen Lebensentwürfen und Lebensplanung): Zwischen allgemeinen Handlungsorientierungen und der Praxis von Akteuren besteht kein eindeutiges Zuordnungsverhältnis. Vielmehr sind – so die theoretische Argumentation – Handlungslogiken wie die BGM uneindeutig bezüglich der Handlungsresultate. Diese werden durch zusätzliche Faktoren (etwa die Ressourcenlage, die Situation und Situationsdefinition des Akteurs u.ä.) vermittelt. Das heißt, weder allein aus Handlungsresultaten noch allein auf der Grundlage allgemeiner Handlungsorientierungen kann auf Handlungslogiken geschlossen werden. [138]

Wenn es nicht gelingt, bestimmte Items oder Skalen zu entwickeln, die als gute Indikatoren für Dimensionen bestimmter Handlungslogiken gelten können, dann stellt sich die Frage, ob nicht ein komplexeres Erhebungsinstrument entwickelt werden muss. Vergegenwärtigen wir uns dazu noch einmal die Konstruktionslogik der BGM. Sie wurden unter Rückgriff auf bestimmte Realisierungen (oder ihre Unterlassung) eines formalen Lebensablaufs49) und darauf bezogene Aspirationen und Bilanzierungen entwickelt. Um diese Logik im standardisierten Instrument zu reproduzieren, müssten Items auf bestimmte Lebensereignisse bezogen werden, so dass Umgangsweisen und Deutungsmuster zu verschiedenen biografischen Ereignissen bei der Auswertung systematisch miteinander verglichen werden können. Zuerst wäre also zu erfragen, ob schon einmal bspw. ein Stellenwechsel oder eine Weiterbildung geplant oder vollzogen wurde, um im Anschluss – bezogen auf ein entsprechendes Ereignis – nach den in die Entscheidung eingeflossenen Gründen und Überlegungen zu fragen und danach, welchen Stellenwert sie für die jeweilige Entscheidung hatten. Dieses Verfahren birgt im Unterschied zur Erfragung allgemeiner Handlungsorientierungen die Gefahr, zu umfangreichen und aufwendigen Fragebögen zu führen, hätte jedoch den Vorteil, stärker an die Handlungspraxis anzuknüpfen. Die übersituative Handlungslogik müsste dann aus dem Vergleich sinnhaften Handelns in mehreren biografischen Entscheidungssituationen abgeleitet werden. [139]

Liegen für einen Teil der Fälle zu einem bestimmten Erhebungszeitpunkt sowohl standardisierte Daten wie auch qualitatives Interviewmaterial vor, kann eine weitere Strategie verfolgt werden. Dann wird es möglich, für jeden Einzelfall zu überprüfen, inwieweit die auf der Grundlage der standardisierten Items vorgenommenen Fallzuordnungen zu den Clustern mit den Zuordnungen der Fälle in der qualitativen Typologie übereinstimmen.50) Gibt es Differenzen, können die in der Clusteranalyse verwendeten Items daraufhin geprüft werden, ob sie die notwendige Trennschärfe und Varianz zur Reproduktion der Typen besitzen oder nicht besser aus der Analyse ausgeschlossen werden sollten. Diese Strategie verfolgte JAKOB (2001), um eine Typologie von Sicherungsmodi beim Übergang von Offizieren am Ende des Studiums in den Zivilberuf zu entwickeln. Er verfügte über ein standardisiertes Sample mit Daten sowohl zu Handlungsweisen (handlungspraktische Vorbereitung auf den Übergang) wie auch zu Deutungsmustern (Bewertungen, Einschätzungen, Erwartungen). Beide Datenarten wurden in der von ihm durchgeführten Clusteranalyse berücksichtigt. Für ein Subsample lagen Daten aus einer standardisierten Erhebung und qualitative Interviews vor. Damit war es möglich, den Gründen geringer Trennschärfe von Items oder Handlungsresultaten bei der Clusterbildung nachzugehen, nach Wegen ihrer angemessenen Berücksichtigung zu suchen oder aus dem Pool erhobener Einstellungsitems und Informationen über Handlungsresultate geeignetere Items (größere Trennschärfe/Eindeutigkeit, hohe Varianz) für die Analyse auszuwählen. [140]

3.4.2 Zur forschungspraktischen Unterscheidung zwischen situationsspezifischen und übersituativen Handlungslogiken

Der zweite Problembereich bezieht sich auf die Frage, wie situationsspezifisches Handeln (bspw. in Bezug auf einen bestimmten Betrieb oder eine aktuelle Lebenspartnerin) von allgemeinen biografischen Handlungslogiken (des allgemeinen Umgangs mit betrieblichen Anstellungsverhältnissen oder Partnerschaft) unterschieden werden kann, die sich auf einen bestimmten Lebensabschnitt (bspw. die ersten Berufsjahre) beziehen. [141]

Wenn in einem standardisierten Querschnittsdesign Begründungsmuster bezüglich einzelner Ereignisse abgefragt werden, so unterliegen sie der gleichen situationsspezifischen Antwortlogik, die auch für biografische Interviews gilt, bei denen nur eine Befragung durchgeführt wird. Denn es kann davon ausgegangen werden, dass Meinungen, Sichtweisen und Beschreibungen bezüglich der vergangenen Lebensgeschichte durch die aktuelle Lebenssituation beeinflusst werden. Um mögliche Veränderungen, gerade wenn sie von den Befragten nicht reflektiert werden, empirisch erfassen zu können, ist es daher hilfreich, Akteure mit einigem Zeitabstand, etwa in sich alle drei Jahre wiederholenden Erhebungswellen, zu befragen. So können Veränderungen in den Darstellungs- und Begründungsweisen einer Abfolge von Lebensereignissen (auch derselben Lebensereignisse) kontrolliert und spezifiziert werden. Damit Aussagen über den Wandel oder die Stabilisierung biografischer Handlungslogiken möglich werden – unabhängig davon, ob standardisiert oder unstandardisiert erhoben – müssen die zu unterschiedlichen Erhebungszeitpunkten erhobenen Umgangsweisen miteinander verglichen werden. Es können dann übersituative Gestaltungsweisen von situationsspezifischen unterscheiden werden. [142]

Ein qualitatives Panel, wie es im Projekt zur Statuspassage ins Berufsleben realisiert wurde, erlaubte den Vergleich der Erzählungen zu unterschiedlichen Erhebungszeitpunkten. Darüber hinaus konnte auch in der Interviewsituation auf Veränderungen und Widersprüche aufmerksam gemacht werden, womit weitere Begründungen und Erklärungen provoziert wurden. Welche Deutungen dann als plausibler angenommen bzw. als unplausibel verworfen wurden, musste in jedem Einzelfall aus dem Gesamtzusammenhang des Interviews und des Berufsverlaufs entschieden werden. [143]

Wie können jedoch unterschiedliche Selbstdarstellungsweisen im standardisierten Verfahren verglichen werden? [144]

Auf der Grundlage von standardisierten Paneldaten könnte unter Zuhilfenahme einer probabilistischen Clusteranalyse verglichen werden, wie sich die Zuordnungswahrscheinlichkeiten von Einzelfällen zu einer bestimmten Clusterlösung im Vergleich der einzelnen Erhebungswellen verändern. Die Erhöhung der Zuordnungswahrscheinlichkeiten einzelner Fälle zu einem Cluster wäre dann als Stabilisierung einer idealtypischen Umgangsweise zu interpretieren. Damit könnte auch ermittelt werden, ob einzelne Personen – bei insgesamt gleichbleibender Clusterlösung für die gesamte Stichprobe – zwischen zwei Erhebungszeitpunkten den Typus biografischer Gestaltungsweisen wechseln. [145]

3.4.3 Die Analyse sozialen Wandels anhand übersituativer Handlungslogiken

Um allgemeine Individualisierungsprozesse zu untersuchen, die sich auf unterschiedliche Statuspassagen und Abschnitte des Lebenslaufs beziehen, müssten die BGM, die für die ersten Erwerbsjahre entwickelt wurden, auf eine allgemeinere Basis gestellt werden, die weitere Personenkreise einbezieht (nicht nur erfolgreiche Lehrabsolvent/innen, sondern auch gescheiterte, nicht nur junge Erwachsene, sondern auch Personen im mittleren Lebensalter und nicht mehr im Erwerbsleben stehende usw.). [146]

Für die Untersuchung allgemeiner Individualisierungsprozesse im Sinne eines allgemeinen gesellschaftlichen Wandels liegt der Vorteil der standardisierten Typologie in der Möglichkeit, quantitative Veränderungen im Kohortenvergleich sichtbar zu machen. Dazu müssen Clusterlösungen aus Stichproben zu unterschiedlichen historischen Zeitpunkten verglichen werden. [147]

Wird versucht, die Clusterlösung einer Anfangskohorte in späteren Kohorten zu reproduzieren, so können, je nachdem wie gut das gelingt, Hypothesen bzw. Schlüsse für die Art des sozialen Wandels abgeleitet werden. Sind – auch wenn sich die Proportionen verschieben – die einzelnen Fälle noch ebenso gut wie zu anderen Zeitpunkten den verschiedenen Gruppen zuzuordnen oder passen die Fälle immer schlechter in die Clusterlösung? Letzteres wäre Anlass, einzelne Fälle genauer zu untersuchen, wozu wiederum auf qualitative Befragungen zurückgegriffen werden müsste. Werden qualitative Interviews nach der Auswertung des standardisierten Materials durchgeführt, können Befragte – ähnlich dem zweistufigen Sampling (vgl. Abschnitt 2.1) – gezielt für qualitative Analysen ausgewählt werden: beispielsweise Fälle, die einem einzelnen Typus besonders nahe kommen und solche, die nur schlecht oder gar nicht den Clustern zuzuordnen sind. Dadurch können Prozesse sozialen Wandels näher untersucht werden, die sich im standardisierten Instrument nur unspezifisch in der veränderten Güte clusteranalytischer Gruppenbildung niederschlagen. Neue Erkenntnisse aus den qualitativen Analysen können dann wieder Anlass für die Modifikation der Typologie sein (bspw. für die Entwicklung eines neuen Typus) oder zu neuen Formen der Standardisierung führen. Bisher wurden solche Problemstellungen der Reproduktion von Clusterlösungen zu verschiedenen Zeitpunkten nur selten statistisch ausgearbeitet (vgl. dazu jedoch: HANSSEN, MICHEEL & WAGENBLASS 2002; MICHEEL 2002b). Nach wie vor besteht daher Forschungsbedarf. Der bezieht sich über die statistischen Problemstellungen hinaus auf die Gültigkeit und Vergleichbarkeit von Handlungsweisen zu unterschiedlichen historischen Zeitpunkten. Je größer die zeitlichen Abstände zwischen den untersuchten Kohorten werden (etwa beim Vergleich der Flackhelfergeneration mit der heutigen Jugend), desto größer wird das Problem der Gültigkeit und Übertragbarkeit des verwendeten standardisierten Instruments. Denn in der Regel nimmt das Problem sich wandelnder begrifflicher Deutungen und sich verändernden Sprachgebrauchs zu (ALLERBECK & HOAG 1984). Um die Vergleichbarkeit solcher quantitativ standardisierter Verfahren abzusichern bzw. einschätzen zu können, empfiehlt sich daher die Verbindung mit qualitativen unstandardisiert erhobenen Daten, die Hinweise auf einen entsprechenden Bedeutungswandel und Möglichkeiten seiner Bearbeitung geben können. [148]

Insgesamt konnte gezeigt werden, dass bei der Transformation einer qualitativen Typologie in ein standardisiertes Instrument und seiner Anwendung im Kohortenvergleich, die Kombination qualitativer und quantitativer Daten und Methoden auf verschiedenen Ebenen nützlich sein kann:

  • Bei der Entwicklung eines standardisierten Fragebogens kann eine hohe Lebensnähe der Items gewährleistet werden, da auf die in vivo Formulierungen aus dem qualitativen Interviewmaterial zurückgegriffen werden kann.

  • Bei der Reproduktion der qualitativen Typologie mittels einer auf standardisierten Items beruhenden Clusteranalyse gibt das qualitative Material Entscheidungshilfen, die nicht auf der Grundlage rein statistischer Überlegungen getroffen werden können – beispielsweise bei der Kriterienauswahl zur Operationalisierung bestimmter Dimensionen oder wenn entschieden werden muss, ob Cluster trotz geringer Fallzahlen beibehalten werden sollen, weil sie theoretisch von Bedeutung sind.

  • Umgekehrt kann auch das quantitative Datenmaterial Hinweise für die Korrektur der qualitativen Typen geben, so etwa, wenn zwischen bestimmten qualitativen Typen nur eine geringe Trennschärfe erreicht werden kann. Dann muss im Einzelfall entschieden werden, inwieweit es sich um ein Problem der Typologie oder der Standardisierungsversuche handelt. Besteht die Möglichkeit, auf umfangreiches qualitatives Datenmaterial zurückzugreifen, können sich neue Auswertungsperspektiven für die qualitative Typenbildung ergeben. Reicht das vorhandene Material nicht aus, wären die aufgeworfenen neuen Fragestellungen in weiteren qualitativen Interviews zu berücksichtigen.

  • Werden auf der Grundlage eines standardisierten Instruments Individualisierungsprozesse durch Kohortenvergleich untersucht, bedarf es ergänzender qualitativer Analysen, um die anhaltende Gültigkeit des Instruments abzusichern und seine Sensibilität für sozialen Wandel zu erhalten. Die gezielte Auswahl von idealtypisch erscheinenden sowie abweichenden Fällen kann zur Absicherung und Weiterentwicklung der Typologie genutzt werden. [149]

4. Resümee und Ausblick

Zu Beginn wurde argumentiert, dass der Individualisierungsdiskurs im Nachkriegsdeutschland vor allem durch die Trennung zwischen qualitativen und quantitativen Daten und Erhebungsstrategien behindert, wenn nicht gar blockiert wird. Um Bewegung in diese verfahrene Situation zu bringen, wurde eine konzeptionelle und forschungspraktische Strategie vorgeschlagen. Es sollte gezeigt werden, wie mit der Kombination qualitativer und quantitativer Daten und Methoden die Individualisierungsthese besser als bisher überprüft werden kann. [150]

Als Kern der Individualisierungsthese wurde die Behauptung eines neuen Vergesellschaftungsmodus angesehen. Dazu reicht es jedoch nicht aus, wie bislang überwiegend die Zusammenhänge zwischen institutionellem Wandel auf der Meso-Ebene und sozialstrukturellem Wandel auf der Makro-Ebene zu untersuchen und daraus auf Veränderungen auf der Mikro-Ebene handelnder Akteure zu schließen. Vielmehr wurde es als empirisch offene Frage angesehen, inwieweit institutioneller Wandel auch auf der Mikro-Ebene zu den postulierten Veränderungen führt. Dadurch wird es möglich, beobachteten Wandel auf der Makro-Ebene differenziert, im Hinblick auf Zusammenhänge mit institutionellen oder individuellen Veränderungen, zu analysieren. Dieser Perspektivenwechsel schlug sich konzeptionell in einer begrifflichen Differenzierung nieder. Es wurde unterschieden zwischen institutionellen Individualisierungsprozessen, mit denen veränderte Strukturvorgaben auf der Meso-Ebene bezeichnet werden, und personalen Individualisierungsprozessen, die auf die Handlungslogiken von Subjekten in Auseinandersetzung mit ihren institutionellen Handlungsbedingungen auf der Mikro-Ebene abzielen. [151]

Die Mikro-Ebene personaler Individualisierung erschien jedoch noch aus einem weiteren Grund von besonderer Bedeutung für die Analyse allgemeiner Individualisierungsprozesse. In sich rasch wandelnden modernen Gesellschaften kann immer weniger unhinterfragt von allgemeingültigen und überdauernden Deutungsmustern ausgegangen werden. Deswegen müssen Handlungspraxis und Handlungssinn als Einheit erhoben werden, wenn nicht unüberprüfte Zusammenhangshypothesen vorausgesetzt werden sollen. Da sich die Individualisierungsthese jedoch genau auf den Zusammenhang von Handlungspraxis und Handlungssinn bezieht, wie er sich in spezifischen Handlungslogiken manifestiert, kann sie nicht allein unter Bezug auf veränderte allgemeine Deutungsmuster oder Pluralisierungsprozesse analysiert werden. [152]

Anhand eines empirischen Beispiels wurde demonstriert, wie auf verschiedenen Ebenen personale Individualisierungsprozesse bearbeitet und ins Verhältnis zu institutionellen Handlungskontexten und sozialstrukturellen Handlungsresultaten gesetzt werden können. Dabei wurden Strategien der Kombination qualitativer und quantitativer Daten und Methoden aufgezeigt, mit denen auf der Ebene der Stichprobenziehung, der Typenbildung und der Quantifizierung einer qualitativ gewonnenen Typologie hinreichend valides empirisches Material erhoben werden kann, auf dessen Grundlage fundiertere Aussagen über gesellschaftliche Individualisierungsprozesse möglich sein sollten. [153]

Ein besonderer Schwerpunkt des empirischen Teils lag auf dem Beispiel einer Typologie berufsbiografischer Handlungslogiken ("berufsbiografische Gestaltungsmodi"), mit der die spezifische Problematik der Individualisierungsthese exemplarisch aufgezeigt werden konnte. Eine veränderte Handlungslogik für sich genommen erlaubt keine eindeutigen Aussagen bezüglich der zu erwartenden Handlungsresultate. Dazu müssen die Logiken in Zusammenhang mit spezifischen Handlungskontexten analysiert werden. Inwieweit ein BGM Chancenoptimierung oder Persönlichkeitsgestaltung zu einer Patchworkbiografie führt, steht in Zusammenhang mit den jeweiligen Handlungskontexten, den zur Verfügung stehenden individuellen Ressourcen, Erfahrungen und Aspirationen. [154]

Der Bedarf, neue methodische und konzeptionelle Wege zu gehen, steigt in dem Maße, wie Forschungsfragestellungen komplexer werden, auf moderne theoretische Entwicklungen Bezug genommen wird oder eine sich rasch wandelnde Gesellschaft bisherige Gewissheiten und Erklärungsgewohnheiten infrage stellt. Wenn verallgemeinerte Erklärungsmuster für die Handlungsrationalitäten von Akteuren an Gültigkeit verlieren, sich verschiedene gesellschaftliche Milieus der Erfahrungswelt der Wissenschaftler/innen zunehmend entziehen und bisherige Umgangsweisen durch neue ersetzt werden, müssen quantitative, an formalen Strukturindikatoren orientierte Studien ihre Erklärungsprämissen durch qualitative Untersuchungen untermauern, wenn sie sich nicht dem Vorwurf einer "Variablensoziologie" (ESSER 1989; FAULBAUM 1992; KELLE & LÜDEMANN 1995) aussetzen wollen. [155]

In einer sich modernisierenden Moderne (BECK 1986) oder verflüssigenden Gesellschaft (URRY 2000) stellt sich die Frage noch einmal neu, inwieweit Forschung noch stärker auf individuelle Handlungslogiken bezogen werden muss, um den Wandel der sozialen Reproduktionsmechanismen in den Blick zu bekommen. Denn wenn sowohl die Vorstellungen stabiler biografischer Handlungskontexte als auch die Vorstellung stabiler oder sich krisenhaft wandelnder Identitäten verabschiedet werden müssen, dann erscheint eine Forschungsperspektive angebracht, die sich im Lebensverlauf wandelnde Subjektkonstellationen ins Verhältnis setzt zu biografischen Bedingungs- und Erfahrungskonstellationen und beides verbindet mit den Logiken ihrer Reproduktion und Veränderung. Dazu bedarf es der systematischen Kombination qualitativer und quantitativer Daten und Methoden im Forschungsprozess. [156]

Anmerkungen

1) JUNGE unterscheidet zwischen einem primären Individualisierungsschub, für den die Prozesse der Rationalisierung und Domestizierung zentral sind, einem sekundären Individualisierungsschub, in dessen Zentrum die Differenzierung von Handlungssphären steht und schließlich einen tertiären Individualisierungsschub, der für die Entwicklung der BRD seit den 60er Jahren charakteristisch sei und mit einer zunehmenden Subjektivierung der Vergesellschaftung einhergehe (1996, S.733f.). <zurück>

2) Weitere, häufig genannte Entwicklungslinien sind beispielsweise: der starke Ausbau des Dienstleistungssektors, die deutliche Zunahme an gestaltbarer Freizeit, vereinzelte Wirkungen des massenhaften Fernsehkonsums und die Abkehr breiter Bevölkerungsschichten von der Kirche. <zurück>

3) Die Begriffe "Strukturierungslogik" und "Handlungslogik" unterscheiden sich durch die Beobachterperspektive. Einmal wird die Struktur, einmal die Akteursperspektive eingenommen: Einmal erscheinen Handlungsresultate als Folge einer bestimmten Konstellation struktureller Vorgaben, einmal als individuell hergestellte kontextspezifisch ausgeprägte Folge von Handlungsmustern oder -gewohnheiten. <zurück>

4) Vergleiche die ganz ähnliche Unterscheidung von "kultureller Zurechnung", "institutioneller Verankerung" und subjektiver Erfahrung und Zurechnung bei WOHLRAB-SAHR 1997, S.30f., die jedoch ohne die forschungspraktische Unterscheidung objektiv/subjektiv auf der Ebene des Forschungsgegenstands auskommt. <zurück>

5) Dagegen diskutiert WOHLRAB-SAHR (1992) die unterschiedlichen Vorannahmen der Ansätze einer "Sozialstruktur des Lebenslaufs" (K.-U. MAYER, W. MÜLLER, H.-P. BLOSSFELD) gegenüber der "Institution des Lebenslaufs" (M. KOHLI). <zurück>

6) Bis heute argumentiert BECK schwerpunktmäßig auf der "objektiven" Seite des Analyseschemas. <zurück>

7) Es handelt sich dabei um keine unübliche Argumentationsstrategie. In ähnlicher Weise schließt SCHIMANK (1985) von allgemeinen Strukturveränderungen auf Identitätsformen. <zurück>

8) Der 1999 gegründete Münchner Sonderforschungsbereich 536 "reflexive Modernisierung" stellt sich im B-Bereich der Aufgabe, die Auswirkungen von Individualisierungsprozessen oder deren Konstitution auf der Subjektebene zu erforschen (vgl. BECK & BONSS 2001). <zurück>

9) Unter dem Wandel des Zurechnungsmodus wird eine "qualitative Veränderung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft" im Zuge gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse verstanden in Richtung eines Deutungsmusters, "das Selbstkontrolle, Selbstverantwortung und Selbst-Steuerung akzentuiert" (WOHLRAB-SAHR 1997, S.28): "Individualisierung wird hier demnach als ... Verlagerung der Zurechnung biografischer Ereignisse auf die einzelne Akteurin interpretiert, die sich im Hinblick auf ihr biografisches Arrangement nicht mehr auf einen – unterstellten – kollektiven Konsens, d.h. auf allgemein akzeptierte Selbstverständlichkeiten berufen kann" (WOHLRAB-SAHR 1993, S.88; vgl. 1997, S.28 und 1993, S.62; vgl. auch die Diskussion zwischen BECK & BECK-GERNSHEIM 1993 und BURKART 1993). <zurück>

10) Das sehen letztlich auch die Autorinnen KOPPETSCH und MAIER (1998), interpretieren es jedoch als Nachweis für den ideologischen Charakter der Individualisierungsthese. <zurück>

11) Vgl. etwa die vorübergehende Wiederbelebung solcher Naturkonstruktionen im Begriff des "weiblichen Arbeitsvermögens", BECK-GERNSHEIM und OSTNER 1978 und zur Kritik: KNAPP 1987. <zurück>

12) Vgl. auch die Argumentation bei WOHLRAB-SAHR 1992; 1993, S.40ff. <zurück>

13) Die Verwendung des Institutionenbegriffs ist häufig uneinheitlich oder unscharf. Im vorliegenden Zusammenhang wird deswegen unterschieden zwischen "formalen Institutionen", die sich auf formale Regelungen wie Gesetzgebung oder formale Organisation beziehen, und "Institutionen" ohne weitere Spezifizierung, mit denen die sinnhafte Handlungspraxis sozialer Akteure (Organisationen, Individuen, Netzwerke) bezeichnet wird. <zurück>

14) In diesem Sinne stellt LEISERING (1997) eine Verbindung zwischen einem sozialstaatlich bedingten Individualisierungsschub im Nachkriegsdeutschland und beobachteten Copingstrategien von Sozialhilfebeziehern her. <zurück>

15) "Die vergangene Lebensgeschichte bestimmt in einem zunehmend höheren Ausmaß, welche Lebenschancen sich später eröffnen. Die Mechanismen der sozialen Selektion werden rigider, die Sozialstruktur wird nicht zunehmend offener und mobiler. Sie wird zunehmend geschlossener und immobiler" (MAYER & BLOSSFELD 1990, S.311; vgl. auch MAYER 1991). <zurück>

16) Bspw. in der Jugendforschung: LENZ 1988, S.155; HORNSTEIN 1989, S.243; ALHEIT und GLASS 1986, S.11f. <zurück>

17) Die Begriffe Kontexterfahrung oder Handlungskontext werden hier in einem denkbar weiten Sinn verwendet. Sie umfassen die individuelle "Wahrnehmung" (das heißt aber nicht unbedingt reflexive Bewusstwerdung) von sozialstrukturellen Handlungsbedingungen (bspw. kann sich ein ungünstiger regionaler Arbeitsmarkt dadurch bemerkbar machen, dass der einzelne nur schwer eine ausbildungsadäquate Tätigkeit findet), staatlichen Regelungen und Vorgaben, (Betriebs-) Kulturen, Arbeitsbedingungen, Lebenslagen usw. <zurück>

18) Wobei selbstverständlich völlig regel- oder musterlose Handlungsweisen als Muster der Regellosigkeit beschreibbar sind. <zurück>

19) Entsprechend kann etwa das Beispiel WOHLRAB-SAHRs (1995) einer Konversion zum Islam interpretiert werden. <zurück>

20) Dabei muss an dieser Stelle offen bleiben, ob oder inwieweit die bisherige Annahme eines allgemein geteilten Wissenskorpus nicht bereits in der Vergangenheit eine starke Vereinfachung der sozialen Wirklichkeit darstellte. <zurück>

21) Es kann bspw. auch überprüft werden, inwieweit bestimmte standardisierte Items dazu geeignet sind, spezifische Handlungslogiken zu erfassen. <zurück>

22) Vgl. beispielsweise die Forschungsstrategien und methodologischen Grundannahmen der objektiven Hermeneutik (bspw. REICHERTZ 1997). <zurück>

23) Dem steht eine mit der zunehmenden Verbreitung computergestützter Auswertungstechniken (etwa mit Programmen wie "Atlas", "NUDIST" oder "WinMax") größer werdende Anzahl qualitativer Studien gegenüber, die 50 und mehr Fälle in die Analyse einbeziehen. Vergleiche die Veröffentlichungen verschiedener Projekte aus dem Kontext des Bremer Sonderforschungsbereichs, vgl. KLUGE 2001, Abschnitt 2.3.1. <zurück>

24) Das gilt um so mehr, wenn nicht allein versucht wird, den subjektiv gemeinten Sinn der Äußerungen bestimmter Personen nachzuvollziehen, sondern wenn – wie bereits in der ethnomethodologischen und interaktionslogisch orientierten Forschung (bspw. BOHNSACK 1984) – auf die Rekonstruktion der Regeln sozialen Handelns abgezielt oder – wie etwa in der objektiven Hermeneutik (OEVERMANN, TILMANN, KONAU & KRAMBECK 1979) – die Rekonstruktion von deutungs- und handlungsgenerierenden Strukturen angestrebt wird. <zurück>

25) Es geht bspw. um die Verstrickungsverhältnisse zwischen den Strukturvorgaben in einem erlernten Beruf und individuellen beruflichen Gestaltungswünschen, die je nach Geschlecht, Ethnie, sozialer Herkunft, Region etc. variieren können. Statt nach unterschiedlichen statistischen Zusammenhängen zu suchen, stellt sich die Frage nach der Qualität des Zusammenhangs und inwieweit er sich verändert, wenn Personen mit anderen Merkmalen untersucht werden. Etwa wenn statt Deutschen Türken, statt Männern Frauen, statt Münchnern Bremer, statt Arbeiterinnen Bildungsbürgerinnen usw. untersucht werden. <zurück>

26) Dagegen betonen Studien in der Tradition der frühen objektiven Hermeneutik, deren Ziel die Aufdeckung der objektiven Bedeutungsstruktur von Texten war (REICHERTZ 1997, S.31), die Bedeutung einer möglichst heterogenen Zusammensetzung der Interpretationsgruppe, um hochwertige Fallanalysen zu erzielen. Die Generalisierbarkeit der Ergebnisse wird dabei eher aus der Qualität der Einzelfallanalyse (oder Analyse weniger Fälle) als aus dem Vergleich mit mehreren anderen systematisch ausgewählten Fällen abgeleitet. <zurück>

27) Beispielsweise zeigte sich im Untersuchungsverlauf, dass die vermeintlich guten Arbeitsmarktaussichten des Maschinenschlosserberufs mit der allgemeinen Krise des deutschen Maschinenbaus immer ungünstiger wurden. Auch diese Studie folgte bezüglich der Übertragbarkeit der Ergebnisse, die für bestimmte Berufe in ausgewählten Regionen ermittelt wurden, einer Replikationslogik und nicht einer Auswahllogik (vgl. YIN 1989, S.53ff.). <zurück>

28) Eine standardisierte Erhebung kann jedoch auch noch für weitere Auswertungsstrategien genutzt werden, die über die bloße Stichprobenziehung hinausgehen, etwa indem Zusammenhänge von Erwerbs- oder Partnerschaftsverläufen und Einstellungsmustern untersucht werden. <zurück>

29) Das kann jedoch praktisch unmöglich werden, wenn Lebensläufe im Längsschnitt untersucht werden. Denn wenn sich nach zehn Jahren herausstellt, dass eine wichtige Untersuchungsgruppe unbeachtet geblieben ist, kann dieses Defizit nicht mehr korrigiert werden. <zurück>

30) Dabei hat sich das Verfahren des "Optimal-Matching" bewährt (vgl. SCHAEPER 1999, ERZBERGER & PREIN 1997). <zurück>

31) Vgl. hierzu ausführlich: WITZEL und KÜHN 1999 sowie WITZEL und KÜHN 2000, ZINN 2001a, KÜHN und ZINN 1998, WITZEL und ZINN 1998. <zurück>

32) Zwar werden die Dimensionen (Arbeitstätigkeit, Qualifikation, Karriere, Einkommen, Betrieb), die der Typenbildung zugrunde gelegt wurden, ausführlich erläutert (siehe bspw. SCHAEPER & WITZEL 2001, WITZEL & KÜHN 1999, S.30f.), es wird jedoch nicht deutlich, aufgrund welcher Überlegungen sie ausgewählt wurden. <zurück>

33) Dabei handelte es sich nicht um einen stufenweisen, nur in einer Richtung verlaufenden Interpretationsprozess. Auch die vermeintlich erkannten situationsübergreifenden Gestaltungsweisen wurden wiederum zur Erklärung der unterschiedlichen "Situationslogiken" des Einzelfalls erprobt, bis ein schlüssiges Verhältnis von Situationslogik und übersituativer Handlungslogik hergestellt war. <zurück>

34) Vgl. zur Unterscheidung zwischen reflexivem und praktischem Bewusstsein GIDDENS (1984) Stratifikationsmodell des handelnden Selbst. <zurück>

35) Damit ist nicht eine "verobjektivierte" Situationslogik wie bei POPPER (1974) gemeint, sondern die durch die Einzelnen interpretierte und durch eigenes sinnhaftes Handeln reproduzierte Situationslogik. <zurück>

36) Statt von "Passung" von "Viabilität" zu sprechen soll deutlich machen, dass es sich hier nicht um ein Eins-zu-eins Passungsverhältnis im Sinne einer Entsprechung handelt, sondern im konstruktivistischen Sinne (vgl. VON GLASERSFELD 1987) bloß um "Vereinbarkeit". <zurück>

37) Dabei ist nicht zu verkennen, dass auch die horizontale Segregation nach Fachgebieten vertikale Ungleichheitsstrukturen impliziert, beispielsweise durch geringere Bezahlung oder ungünstigere Karriereperspektiven. <zurück>

38) Das drückt sich nicht zuletzt durch den Stellenzuschnitt aus. Die unterdurchschnittliche Bezahlung auf den Aufstiegspositionen geht häufig mit einer überdurchschnittlichen Arbeitsbelastung einher. Dabei wird stillschweigend eine weitere Person vorausgesetzt, die im Hintergrund die Reproduktionsarbeit leistet. Solche Tätigkeiten werden häufig nur deswegen in Kauf genommen, weil sie als eine vorübergehende Episode auf dem Weg nach oben interpretiert werden (ZINN 2001a). <zurück>

39) Im Sinne des Diktums des ermöglichenden Charakters sozialer Strukturen (GIDDENS 1984). <zurück>

40) Vgl. etwa GIDDENS (1991) Auffassung, dass sich reflexive Modernisierung als Zunahme selbst-reflexiver Steuerung auffassen lässt.. <zurück>

41) Dabei darf der Modus Selbständigenhabitus als berufsbiografische Umgangsweise mit Erwerbserfahrungen in den ersten Erwerbsjahren nicht mit dem Erwerbsstatus "selbständig tätig" verwechselt werden. Diese sind weder inhaltlich deckungsgleich noch müssen sie bei ein und derselben Person zusammenfallen. <zurück>

42) Es wurden Abiturienten Fachkräften mit formal niedrigeren Schulabschlüssen gegenübergestellt. <zurück>

43) Vgl. BECK 1986. Gleichzeitig sind die Beurteilungskriterien des Scheiterns unklar: Sollen monetäre, durch den Wissenschaftler angelegte Kriterien oder die des Beobachteten gelten? <zurück>

44) So klagt etwa FUCHS-HEINRITZ bereits 1990 in seinem Resümee über den Stand der Jugendforschung. <zurück>

45) Dagegen gibt es mittlerweile in der quantitativen Lebenslaufforschung zunehmend Versuche, ganze Lebensläufe anhand weniger formalisierter Status-Kategorien – etwa mit Hilfe der "Optimal-Matching"-Technik – zu typisieren (vgl. ERZBERGER & PREIN 1997; SCHAEPER 1999) <zurück>

46) Vgl. etwa die Argumentationsweisen in der "objektiven Hermeneutik" (SOEFFNER 1989) oder in der "Narrationsanalyse biografischer Selbstrepräsentationen" (FISCHER-ROSENTHAL & ROSENTHAL 1997). <zurück>

47) Interessanterweise wurde auf die Operationalisierung der Bilanzierungen verzichtet. Stattdessen wurde davon ausgegangen, dass sich Aspirationen aus Bilanzierungen heraus entwickeln. Wenn die vergangenen Erfahrungen jedoch zu neuen Umgangsweisen mit den beruflichen Handlungskontexten führen, fallen Handlungspraxis (in der Vergangenheit) und Aspirationen (noch nicht verwirklichte Zukunftsvorstellungen) auseinander. Damit wird nicht mehr sinnhafte Praxis untersucht, sondern die Differenz zwischen aktuellen Wünschen und Aspirationen auf der einen Seite und vergangenen Handlungsresultaten auf der anderen. <zurück>

48) Dazu ist der Rückgriff auf eine Software notwendig, die die statistischen Analysemöglichkeiten nicht von vornherein einschränkt wie etwa bei gängigen Softwarepaketen (bspw. SPSS), sondern vielfältige Analysemöglichkeiten bietet (bspw. Clustan, Almo). <zurück>

49) Bspw. Stationen des Berufsverlaufs: Betriebs-/Berufs-/Stellenwechsel, Weiterbildung; Stationen der Partnerschaft: Zusammenziehen mit Partner, Heirat, Geburt des ersten Kindes. <zurück>

50) Das haben SCHAEPER & WITZEL (2001) auch versucht. Ihnen standen jedoch nur die qualitativen Daten der ersten drei Erhebungswellen zur Verfügung, die sie mit den Zuordnungen der vierten standardisierten Erhebungswelle verglichen. Dadurch konnten sie die Stärke des Einflusses verschiedener Faktoren (z.B. Sozialisationseffekte) auf die Güte der Fallzuordnung jedoch nicht einschätzen (weil der zeitliche Abstand zwischen der letzten qualitativen Befragung und der vierten quantitativen Erhebung immerhin drei Jahre betrug). Hinzu kommt die unterschiedliche Konstruktionslogik der Typologien. Die BGM bezogen die Handlungspraxis mit ein, während sich die BOM allein auf die Orientierungen zum vierten Erhebungszeitpunkt gründeten. <zurück>

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Zum Autor

Jens ZINN, Dr. phil., Dipl.-Soz., Studium der Soziologie in Saarbrücken und Bielefeld, 1994 Diplom in Bielefeld, 1999/2000 Promotion in Bremen, Wissenschaftliche Tätigkeiten: 1994 Mitarbeit in einem Forschungsprojekt zum Berufsverbleib Bielefelder Soziologie-Absolventen/innen, 1995 bis 1999 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich 186 "Statuspassagen und Risikolagen im Lebensverlauf", seit Oktober 1999 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich 536 "Reflexive Modernisierung. Analysen zur (Selbst-)Transformation der industriellen Moderne" in München mit dem Arbeitsschwerpunkt "Unsicherheitserfahrungen und Sicherheitsfiktionen in der reflexiven Moderne"

Forschungsinteressen: Kombination qualitativer und quantitativer Forschungsstrategien, soziologische Theorien, Lebenslauf- und Biografieforschung, Berufssoziologie, Soziale Ungleichheit

Kontakt:

Jens Zinn

Fakultät für Sozialwissenschaften
Universität der Bundeswehr München
Werner-Heisenberg-Weg 39
D-85577 Neubiberg

Tel.: 089/6004-4518

E-Mail: jens.zinn@unibw-muenchen.de

Zitation

Zinn, Jens (2001). Konzeptionelle Überlegungen und eine empirische Strategie zur Erforschung von Individualisierungsprozessen [156 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 3(1), Art. 7, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs020171.

Revised 2/2007



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