Volume 3, No. 1, Art. 25 – Januar 2002

Rezension:

Martin Spetsmann-Kunkel

Manfred Lueger (2000). Grundlagen qualitativer Feldforschung. Methodologie – Organisierung – Materialanalyse. Wien: WUV – Universitätsverlag, 276 Seiten, ISBN: 3-8252-2148-2, EUR 19.90

Zusammenfassung: Das Buch Grundlagen qualitativer Feldforschung. Methodologie – Organisierung – Materialanalyse von Manfred LUEGER führt in unterschiedliche Verfahren der qualitativen Feldforschung ein. Neben der Darstellung unterschiedlicher Beobachtungsverfahren und Sprachprotokollanalysen werden auch die Artefaktanalyse und die Strukturdatenanalyse vorgestellt; Methoden, die bisher in der Literatur zu dem Thema "Feldforschung" kaum Erwähnung fanden.

Keywords: qualitative Feldforschung, interpretative Sozialforschung, Sprachprotokollanalyse, Artefaktanalyse, Strukturdatenanalyse

Inhaltsverzeichnis

1. Verfahren der qualitativen Feldforschung

2. Kritische Einschätzung

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Verfahren der qualitativen Feldforschung

MANFRED LUEGERs Buch Grundlagen qualitativer Feldforschung. Methodologie – Organisierung – Materialanalyse beschäftigt sich mit unterschiedlichen Verfahren der sozialwissenschaftlichen Beobachtung und Analyse, deren Ziel es ist, ein Verständnis sozialer Phänomene und Prozesse zu erlangen und damit der Frage, wie Menschen Gesellschaft produzieren bzw. reproduzieren nachzugehen. [1]

Das Buch ist als eine Handreichung konzipiert, die versucht, die Organisation des Forschungsprozesses anzuleiten und mittels zahlreicher forschungspraktischer Anregungen in das Analyseverfahren der qualitativen Feldforschung einzuführen. LUEGER folgt dabei der Argumentation einer interpretativen Sozialforschung und verweist dementsprechend zu Beginn – im besten Sinne der verstehenden Soziologie Max WEBERs – auf die grundsätzlichen Probleme wissenschaftlich-systematischen und methodisch-kontrollierten Fremdverstehens, in dem er etwa thematisiert, wie sich der Sinn einer Handlung verstehen lässt, wenn dem Forscher/der Forscherin der lebensweltliche Kontext des Handelnden weitestgehend fremd ist? [2]

Bei der Organisation der beobachtenden Feldforschung spricht sich LUEGER – und dies unterscheidet ihn von seinem Kollegen Roland GIRTLER (2001) – für die Teamarbeit aus: Den Sinn fremden Handelns zu verstehen, ist – so LUEGER – bestenfalls durch gemeinsame Beobachtung eines sozialen Ereignisses und anschließender Teaminterpretation möglich. [3]

LUEGER setzt sich ferner im weiteren Verlauf dieses Kapitels über die Organisierung der Feldforschung mit einigen grundsätzlichen Fragen auseinander, mit denen sich der Forscher/die Forscherin vor seinem/ihrem Eintritt in das Feld beschäftigen sollte. Beispiele für derartige Fragen sind unter anderem:

  • Wie lässt sich herausfinden, welche Ereignisse und Phänomene es zu beobachten und zu interpretieren lohnt?

  • Sollte sich der Forscher/die Forscherin für die verdeckte oder offene Beobachtung entscheiden?

  • Wie kann der schwierige Zugang in das zu untersuchende Feld erfolgen? Wie lässt sich der Kontakt zu einem "Gatekeeper", der die Forscher beispielsweise in eine fremde Lebenswelt einführen kann, herstellen?

  • Sollte der Forscher/die Forscherin an den Aktivitäten im Feld teilnehmen oder nicht?

  • Wie werden die Beobachtungen protokolliert? Und:

  • Wie werden idealerweise die Forschungsergebnisse präsentiert? [4]

LUEGERs Darstellung, die sich bisher inhaltlich wenig von anderen Veröffentlichungen zum Thema "Feldforschung" (GIRTLER 2001, LEGEWIE 1995) unterscheidet, gewinnt in der Folge an Attraktivität, da neben dem bekannten Beobachtungsverfahren nun die "Artefaktanalyse", die "Sprachprotokollanalyse" und die "Strukturdatenanalyse" mit in die Diskussion aufgenommen werden. Bei diesen drei Analyseverfahren werden jene Aspekte herausgearbeitet, die für eine praktische Feldforschung von besonderer Bedeutung sind. [5]

Die Artefaktanalyse untersucht sämtliche Dinge, die von Menschen produziert bzw. beeinflusst sind (mit den Worten LUEGERs: "Artefakte ... verkörpern Objektivationen sozialer Beziehungen", S.141). Dies kann beispielsweise sowohl Kunst als auch Müll, eine kultivierte Landschaft oder eine städtische Architektur sein. Selbst der menschliche Körper muss als ein Produkt des Prozesses sozialer Konstruktionen und damit als ein Artefakt begriffen werden. Die Fragen, die mittels Artefaktanalyse zu beantworten sind, zielen unter anderem auf Produktion und Funktion eines Artefaktes bzw. nach der Art des Umganges mit dem Artefakt. [6]

LUEGER macht anschaulich, dass jede Feldforschung in einem Milieu, in dem Menschen leben, mangelhaft wäre, würde sie sich ausschließlich auf die menschlichen Handlungen ungeachtet der sich in dem Milieu befindlichen Artefakte konzentrieren. In Anlehnung an Pierre BOURDIEU u.a. (1998) verdeutlicht LUEGER beispielsweise, dass eine Untersuchung menschlicher Eigenheime sowohl über den durch die Einrichtung ausgedrückten Geschmack aber auch über die Einbindung in ökonomische Machtverhältnisse Auskunft geben kann. [7]

Unter der Überschrift der Artefaktanalyse beschäftigt sich LUEGER in der Folge ferner mit der Auswertung von Photographien, deren Bedeutung für die Sozialforschung – z.B. der Sozialphotographie von Walker EVANS (1997) für die Diskussion eines Themas wie "Armut und soziale Ungleichheit" – verdeutlicht wird. [8]

Mit Sprachprotokollanalyse ist die Analyse transkribierter Gespräche gemeint. Bevor sich LUEGER den möglichen Analysearten der Sprachprotokolle zuwendet, widmet er sich zunächst einigen grundsätzlichen Fragen, die bei einem erkenntnisgeleiteten Gespräch, einem wissenschaftlichen Interview zu beachten sind; so etwa:

  • Wie erfolgt die Kontaktaufnahme mit den zu interviewenden Personen?

  • Wie kann der Gesprächseinstieg erfolgreich gestaltet werden?

  • Wie sollte das Gespräch geführt werden, damit es informativ verläuft? [9]

Für die Interpretation des vorliegenden Textmaterials empfiehlt LUEGER eine Kombination aus einer Feinanalyse, in Anlehnung an Ulrich OEVERMANNs objektiver Hermeneutik, und einer Grobanalyse (FROSCHAUER & LUEGER 1992), die sich eher zu der Erforschung komplexer Sozialsysteme eignet. [10]

Zum Ende der Abhandlung wird auf die Bedeutung der Strukturdatenanalyse als ein die Forschung im Feld begleitendes Analyseverfahren hingewiesen. Für eine biographische Forschung beispielsweise ist die Analyse der Lebensdaten unumgänglich, gibt sie doch möglicherweise Aufschluss über die biographische Situiertheit der untersuchten Person. Und auch die zahlenmäßige Verteilung von Frauen und Männern in den Führungspositionen einer Organisation ist für die Untersuchung einer Unternehmenskultur äußerst relevant. Mit anderen Worten: Die zu analysierenden Daten beinhalten wichtige Zusatzinformationen zum Verständnis des Untersuchungsgegenstandes. [11]

2. Kritische Einschätzung

LUEGERs Buch ist aufgrund seiner sehr komplexen und konzentrierten Sprache kein empfehlenswertes Buch für Studienanfänger der Sozialwissenschaften, die beginnen sich für die Methoden der qualitativen Sozialforschung zu interessieren. Gerade ein Grundlagenbuch, welches auch den Anspruch haben sollte, den Einstieg in ein Thema zu ermöglichen, darf nicht in einer zu abstrakt-akademischen Sprache verfasst sein. Einem Buch über Feldforschung stände es zudem gut zu Gesicht, wenn zur Illustration anschauliche Beispiele aus der Forschungspraxis genannt werden (in diesem Zusammenhang sei als positives Beispiel auf das bereits erwähnte Werk GIRTLERs [2001], das nunmehr in der vierten, überarbeiteten Auflage vorliegt, verwiesen). Überraschend auch das plötzliche Ende der Darstellung. Ohne in einem Resümee auf die zurückliegende Argumentation nochmals einzugehen, endet das Buch abrupt am Ende des Kapitels über die "Strukturdatenanalyse". Wünschenswert wäre hier eine wiederholende Zusammenfassung der zentralen Elemente der unterschiedlichen methodischen Verfahren und ihrer Bedeutung für die qualitative Feldforschung gewesen. Im positiven Sinne besonders erwähnenswert ist demgegenüber, dass LUEGER zu Recht die Analyse von Artefakten und Strukturdaten als einen bedeutsamen Bestandteil und eine wichtige Ergänzung der qualitativen Feldforschung begreift und darstellt. [12]

Literatur

Bourdieu, Pierre u.a. (1998). Der Einzige und sein Eigenheim. Hamburg: VSA.

Evans, Walker (1997). Amerika. München: Schirmer/Mosel.

Froschauer, Ulrike & Lueger, Manfred (1992). Das qualitative Interview zur Analyse sozialer Systeme. Wien: Wiener Universitätsverlag.

Girtler, Roland (2001). Methoden der Feldforschung (4. überarbeitete Auflage). Wien: Böhlau.

Legewie, Heiner (1995). Feldforschung und teilnehmende Beobachtung. In Uwe Flick, Ernst v. Kardorff, Heiner Keupp, Lutz v. Rosenstiel & Stephan Wolff (Hrsg.), Handbuch Qualitative Feldforschung. Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen (2. Auflage, S.189-193). Weinheim: Beltz, Psychologie-Verlags-Union.

Zum Autor

Martin SPETSMANN-KUNKEL, M.A., Studium der Soziologie, Psychologie, Politischen Wissenschaft in Aachen, derzeit Promotion zum Dr. phil.

Kontakt:

Martin Spetsmann-Kunkel

Uerdinger Straße 306
D-47800 Krefeld

E-Mail: Maspe11571@aol.com

Zitation

Spetsmann-Kunkel, Martin (2002). Rezension zu: Manfred Lueger (2000). Grundlagen qualitativer Feldforschung. Methodologie – Organisierung – Materialanalyse [12 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 3(1), Art. 25, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0201256.



Copyright (c) 2002 Martin Spetsmann-Kunkel

Creative Commons License
This work is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License.