Volume 2, No. 3, Art. 24 – September 2001

Wissenschafts-Kriterien: Eine Moderation

Franz Breuer & Jo Reichertz

Zusammenfassung: Zur Moderation und Orientierung von Beiträgen zur FQS-Debatte über "Qualitätsstandards" qualitativer Sozialforschung wird an die Breite und Vielfalt von in Diskursen über Wissenschaft diskutierten Gütemaßstäben erinnert, und es werden einige Impressionen hinsichtlich ihres historischen Wandels in der jüngeren Vergangenheit präsentiert. Damit verbunden ist die Aufforderung an Debatten-Teilnehmer, sich des systematischen und historischen Stellenwerts postulierter Kriterien und Kriterien-Mixe gewahr zu sein.

Keywords: Gütekriterien von Wissenschaft, Qualitätsstandards von Wissenschaft, Evaluation von Wissenschaft, Erkenntnistheorie, historischer Wandel von Gütekriterien, Rechtfertigungszusammenhang, Entdeckungszusammenhang, Redlichkeit, Ethik, Gegenstandsangemessenheit, Technologiefähigkeit, Selbstpräsentation von Wissenschaftlern

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Situation und Intention

3. Systematisierung von Gütekriterien-Bereichen und -Ebenen

3.1 Güte aufgrund der Logik der Rechtfertigung

3.2 Güte aufgrund der Logik der Entdeckung

3.3 Güte aufgrund der Ehrlichkeit und Redlichkeit der Wissenschaftler

3.4 Güte als Gegenstandsangemessenheit: Selbstreflexion und Perspektivität

3.5 Güte als Ergebnis einer humanen Ethik

3.6 Güte als Technologiefähigkeit von Forschung

3.7 Güte aufgrund der (Darstellungs-) Politik der Forscher/innen

3.8 Güte als Ergebnis externer Forschungsevaluation

4. Impressionen zum historischen Wandel der Kriterien-Priorisierung

5. Resümee

Literatur

Zu den Autoren

Zitation

 

1. Einleitung

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben – sofern sie an Hochschulen oder Instituten als Beamte oder Angestellte (auf Zeit) beschäftigt sind – neben der Forschung auch noch andere Tätigkeitsfelder zu bearbeiten: so müssen sie vor allem lehren, prüfen und einen Anteil an der Verwaltung der Institution übernehmen. Alle diese Tätigkeiten haben ein eigenes und eigenständiges Handlungsproblem zu lösen – was zur Folge hat, dass nicht eine Handlungslogik für alle Bereiche gilt, sondern dass für jedes dieser Felder eine historisch gewachsene und sozial gesicherte Handlungslogik existiert, also ein Set von Regeln und Prozeduren, wie dieses zentrale Handlungsproblem zu bearbeiten bzw. zu lösen ist. [1]

Auch Forschung betreiben ist erst einmal Arbeit – manchmal eine gut, manchmal eine weniger gut bezahlte, und manchmal (insbesondere in der Qualifikationsphase) erhält man auch überhaupt keine finanzielle Entlohnung. Betrachtet man die Arbeit der Forschung einmal genauer, dann zeigt sich, dass auch sie Ergebnis sozialer Ausdifferenzierungsprozesse ist und sie aus einer Reihe von (nicht immer) disparaten Teilaufgaben besteht, die jeweils eine eigene Logik besitzen. Für alle Bereiche wissenschaftlichen Arbeitens existieren sozial ausgehandelte und oft völlig unterschiedliche Gütekriterien, und wir schlagen deshalb vor, bei der weiteren Debatte um die Gütekriterien qualitativer Sozialforschung stets anzugeben, auf welchen Bereich bzw. Güteaspekt jeweils Bezug genommen wird. [2]

Die folgenden Überlegungen versuchen also die Diskussion über die Gütekriterien qualitativer Sozialforschung einerseits etwas anzuregen und ihr andererseits eine gewisse Orientierung und Sortierung zu geben. Wir versuchen, diese etwas genauer zu spezifizieren und zu detaillieren. Herausgekommen ist dabei eine Ideen-Skizze, von der wir hoffen, dass sie durch nachfolgende Beiträge weiter ausgearbeitet und präzisiert wird. [3]

2. Zur Situation und Intention

Es gibt eine vielfältige und aspektreiche Debatte über Wissenschafts- bzw. Wissenschaftlichkeits-Kriterien im Laufe der Geschichte. Im innerwissenschaftlichen (wissenschaftstheoretischen) Diskurs der Neuzeit stehen traditionell solche der Erkenntnistheorie und der Methodologie im Vordergrund. In dieser "Diskursarena" wurden im zwanzigsten Jahrhundert stark die Ideen der "Demarkation", des epistemologischen "Gnadenstandes" wissenschaftlicher Erkenntnis gegenüber anderen menschlichen Erkenntnisweisen aufgrund von Vernunft- bzw. Rationalitäts-Auszeichnungen, sowie der Gedanke der "Werturteilsfreiheit" bzw. "Enthaltsamkeit" der Wissenschaft – der Losgelöstheit ihrer Ideenproduktion und Kriterien von "transwissenschaftlichen", v.a. gesellschaftlich-praktischen Bezügen – hervorgehoben. [4]

Zur Abschirmung dieser Vorstellung wurde eine Unterscheidung von "innerwissenschaftlichen" und "außerwissenschaftlichen" Bedingungen, Prozessen und Argumentationen eingeführt: Der Zusammenhang von gesellschaftlicher Ordnung, Moral, Ökonomie, Produktion und Kriegführung mit Wissenschaft ist zwar historisch unabweisbar, soll/kann so aber aus dem (innerwissenschaftlichen) Diskurs – z.B. über Güte-/Qualitäts-Kriterien – herausgehalten werden. Insofern ist die einige Zeit relevante Unterscheidung zwischen inner- und außerwissenschaftlichen Maßstäben Ergebnis eines erfolgreichen Kampfes der Wissenschaft(ler/innen) gegen die Bevormundung durch Kirche und Staat. [5]

Das "normativ" und "idealistisch" geprägte (Selbst-) Bild von Wissenschaft (gekennzeichnet durch die Maximen Rationalitäts-, Wahrheitsstreben und "Selbstgenügsamkeit") wurde in der wissenschaftstheoretischen Debatte v.a. des letzten Drittels des vergangenen Jahrhunderts fragwürdig aufgrund wissenschaftshistorischer und -soziologischer Analysen. So deckten beispielsweise die KUHNsche Darstellung von Theorienwechseln in den Naturwissenschaften (KUHN 1973) sowie mikrosoziologische Beschreibungen wissenschaftlicher Produktionsprozesse (im Gefolge der selbstreflexiv auf Wissenschaft gewendeten wissenssoziologischen Sichtweise in der Tradition MANNHEIMs; vgl. 1959) die Begrenztheit, Relativität und Fragwürdigkeit des beanspruchten Rationalitäts-Begriffs und -Monopols sowie die Bedeutsamkeit sozialer Strukturen und Prozesse für die wissenschaftliche Erkenntnisproduktion auf. [6]

Die deskriptiv akzentuierte Perspektive auf Wissenschaft-im-Vollzug stellte eine sehr grundlegende Herausforderung der üblichen normativ geprägten Rationalitäts-Vorstellungen dar. Wissenschaftliche Forschung vollzieht sich in der Praxis offensichtlich nach grundlegend anderen "Logiken" als denen der Exekution eines epistemologischen, argumentationslogischen und methodischen Kanons bzw. Regelwerks – auch und gerade dann, wenn sie "erfolgreich" ist. Erkenntnistheorie ist eine spezifische Rechtfertigungsstrategie, ersonnen von Menschen, die mit genau dieser Strategie arbeiten und damit (wenn sie forschen) auch ihren Lebensunterhalt bestreiten. Betrachtet man jedoch die Wissenschaftsgeschichte, dann findet man nur wenige Beispiele dafür, dass neue Erkenntnis sich der Einhaltung der erkenntnistheoretischen Postulate verdankt. Oft genug waren Intuition, Zufall, Eigeninteresse und Dickköpfigkeit die Väter und Mütter des Neuen. [7]

Diese "Entzauberung" der idealisierten Erkenntnisansprüche von Wissenschaft ging einher mit einer "Profanisierung" der wissenschaftlichen Tätigkeit: Bei realistischer Betrachtungsweise erwies sie sich als weniger "abgehoben" von anderen menschlichen Hervorbringungen: Die kontextuellen (gesellschaftlichen, sozialen, sprachlichen, interaktiven, medialen, kognitiven etc.) Bedingungen, in die Wissenschaft eingebunden ist, besitzen je ihre eigenen Kriterien und üben je spezifische Einflüsse und Zwänge auf die Art und Weise des wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens aus. In der (i.w.S.) wissenschaftstheoretischen Diskussion durchgesetzt hat sich in diesem Zusammenhang die Anerkenntnis der "Einverwobenheit" wissenschaftlicher Arbeit in solche kontextuellen Strukturen und Prozesse. Wie in "objekttheoretischer" Argumentation – bei der Darstellung und Propagierung gegenstandswissenschaftlicher Forschungsergebnisse oder auch -anträge – mit diesem Sachverhalt umgegangen wird, ist allerdings eine andere Sache: Er stellt ja eine grundlegende Schwächung der "Begründungsstärke" von Erkenntnisbehauptungen dar, und je nach Diskurs-Kontext und Publikum wird diese Relativierung offen gelegt oder zugedeckt. [8]

In einer solchen Situation eine "Debatte" um Güte- bzw. Qualitätskriterien von (qualitativer) Sozialwissenschaft zu führen, macht es in unseren Augen sinnvoll, eine systematische "Inventur" der postulierten und praktizierten Beurteilungs-Kriterien, die im Wissenschaftsbetrieb eine Rolle spielen, vorzunehmen. Das hat zum einen eine "diskurshygienische" Funktion: In unseren Augen erklären sich mancherlei Kontroversen in diesem Feld durch die Tatsache, dass sich verschiedene Autorinnen und Autoren auf unterschiedliche Qualitäts-Ebenen bzw. -Domänen beziehen, ohne dies (dem Leser, der Leserin oder sich selbst) deutlich zu machen. So bauen sich u.U. Gegensätze auf, die von einem "Metastandpunkt" aus zu entzerren sind. Zum anderen erscheint uns eine Zur-Kenntnisnahme, ein Transparentmachen und eine Diskussion des breiten Spektrums von Qualitäts-Maßstäben, die in inner- und außerwissenschaftlichen Diskursen eine Rolle spielen, notwendig. Nur so sind die (häufig impliziten, unaufgedeckten) Präferenzen und Wertentscheidungen, die in wissenschaftlichen Produktionsprozessen (bei der Mittel-Beantragung, dem Umgang mit den Untersuchungspartnern und -partnerinnen, der Veröffentlichung von Forschungsberichten etc.) eine Rolle spielen, einer realistischen und zukunftbezogen-produktiven Abwägung zugänglich. Es ist allerdings an dieser Stelle zu berücksichtigen, dass sich diese Ebenen-Differenzierung zwar analytisch vornehmen lässt, dass die Kriterien in ihrem konkreten Prozessieren in Kontexten und Diskursen jedoch vielfältig miteinander verknüpft, korreliert und verkoppelt sind. [9]

3. Systematisierung von Gütekriterien-Bereichen und -Ebenen

Versucht man, die "Diskursarena" zum Thema "Gütekriterien für wissenschaftliche Forschungsarbeiten" etwas zu ordnen, fällt das nicht leicht, weil die einzelnen Debatten sich teilweise überschneiden und die Argumente auch nicht immer auf der gleichen Ebene angesiedelt sind. Deshalb kann unser Vorschlag nur ein erster Versuch sein. Folgende Maßstäbe und Bereiche lassen sich u.E. unterscheiden: [10]

3.1 Güte aufgrund der Logik der Rechtfertigung

Allgemeine (begründungs-) methodologische Kriterien empirischer Wissenschaften: In der Wissenschaftstheorie der empirischen (Real-) Wissenschaften hat sich in den dominierenden Traditionen des letzten Jahrhunderts (dem Logischen Empirismus und Kritischen Rationalismus und ihren Nachfolge-Unternehmen) unter der Orientierung auf die Idee einer "Einheitswissenschaft" ein Standard-Kanon von Güte-Maßstäben herauskristallisiert, der – unter Absehung von differentiellen Gegenstandscharakteristika bzw. Disziplin-Spezifika – bestimmte logische und methodologische Maximen enthält. Diese prägen auch heute noch weitgehend das Bild in konventionellen Methodologie-Lehrbüchern der Sozialwissenschaft. [11]

Prototypische Gesichtspunkte in diesem Zusammenhang, die sich hauptsächlich auf sprachlich-begriffliche Charakteristika und das Verhältnis von wissenschaftlichen Symbolisierungen bzw. Symbolsystemen und Realität beziehen, sind etwa:

  • begriffliche Exaktheit/Präzision,

  • intersubjektive Eindeutigkeit von Begriffen und Aussagen,

  • Subjektunabhängigkeit bzw. Objektivität von Begriffs- und Aussagenverwendung,

  • Reliabilität/Zuverlässigkeit von Beobachtungen, Messungen u.ä.,

  • logische Konsistenz von Aussagen und Aussagensystemen,

  • empirische Prüfbarkeit von realitätsbezogenen Behauptungen,

  • Bestätigungsgrad von Aussagen,

  • Repräsentanz von Aussagen für Situationen und Personen,

  • Validität/Gültigkeit sowie

  • Wahrheit empirischer Aussagen,

  • Ästhetik/Einfachheit und Ökonomie von Theorien,

  • Systemhaftigkeit von Aussagen bzw. Theorieintegration. [12]

3.2 Güte aufgrund der Logik der Entdeckung

Von konventioneller Wissenschaftstheorie zwar als "Bereich" identifiziert, hinsichtlich der Kriterien allerdings wenig durchgearbeitet, sind die Entdeckung und Entwicklung wissenschaftlichen Wissens bzw. wissenschaftlicher Theorien. Dieser Aspekt wird häufig der "Psychologie der wissenschaftlichen Arbeit" zugerechnet und so von der epistemologischen und methodologischen Sphäre ausgeschlossen. [13]

Hier spielen Schluss- und Argumentationsweisen eine große Rolle, deren "Erkenntnissicherheits-Garantie" als unzulänglich anzusehen ist – wie etwa induktive, abduktive Prozeduren und heuristische Verfahren des Erfindens und Entdeckens von Neuem. Als in Diskursen praktizierte, aber wenig systematisierte (systematisierbare?) Kriterien werden in diesem Zusammenhang beispielsweise Charakteristika wie "Kreativität", "Innovation", "Anregungsgehalt", "Überraschungswert" ins Feld geführt. [14]

3.3 Güte aufgrund der Ehrlichkeit und Redlichkeit der Wissenschaftler

Eine Diskussion der jüngsten Zeit bezieht sich auf basale Gesichtspunkte von "Ehrlichkeit", "Redlichkeit" und "Ehrenhaftigkeit", die im konventionellen Selbstbild der Wissenschaftler-Gemeinschaft gar nicht problematisierungsbedüftig waren (und diese Fiktion wird gern aufrechterhalten – weil nicht sein kann, was nicht sein darf): Wissenschaftler/innen dürfen hinsichtlich ihrer Forschungsergebnisse nicht lügen, täuschen, betrügen, sie dürfen ihre Resultate nicht fälschen, sich nicht die Verdienste anderer (verdeckt) aneignen etc. [15]

Belehrt durch aufsehenerregende Verstöße gegen solche Maximen werden Gesichtspunkte der "Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" (beispielsweise von einer Expertenkommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft) entworfen. Mit einem Kanon institutioneller Maßnahmen und personaler Verpflichtungen soll die Gefahr "wissenschaftlichen Fehlverhaltens" eingedämmt werden. Maximen und Kriterien beziehen sich u.a. auf die Dokumentation und Sicherung von Daten, die seriöse Identifizierung der Autorenschaft von Texten, Regeln der Kooperation in Forschergruppen, institutionelle Prozeduren der Seriositäts-Kontrolle und des Konflikt-Managements, Postulate der Höhergewichtung "qualitativer" gegenüber "quantitativen" Charakteristika wissenschaftlicher Produktion. [16]

3.4 Güte als Gegenstandsangemessenheit: Selbstreflexion und Perspektivität

Unter dem Gesichtspunkt der Abhängigkeit der Qualitäts-Kriterien von der Charakteristik des spezifischen Objekts der wissenschaftlichen Erkenntnis sind eine Reihe weiterer Aspekte ins Feld geführt worden – prototypisch verbunden mit einer (Unangemessenheits-) Kritik an den (naturwissenschaftlich inspirierten) einheitswissenschaftlichen Postulaten für Sozial- bzw. Humanwissenschaften. Es geht hier um erkenntnistheoretische Überlegungen zum Verhältnis von Gegenstandsstruktur und wissenschaftlicher Forschungsmethodik. Das Grundargument ergibt sich aus dem Sachverhalt, dass die Sozial- und Humanwissenschaften es bei ihrer Erkenntnisbemühung mit einem prinzipiell "strukturidentischen Objekt" zu tun haben: Die Rollen von Erkenntnissubjekt und -objekt sind nur "verabredungsbedingt" verschieden und grundsätzlich vertauschbar. Dies wird als fundamentaler Unterschied zur naturwissenschaftlichen Forschungsstruktur angesehen und ist beispielsweise konstitutiv für eine auf Selbstauskünfte und Selbsteinsichten der "Objekte" gegründete Methodik. Nicht die gegenstands-desinteressierten Methodologie-Gesichtspunkte sind danach ausschlaggebend für wissenschaftliche Angemessenheit, sondern die adäquate "Passung" von Gegenstandsstruktur und Forschungsmethodik – wobei der Gegenstandsstruktur der Primat zukommt. [17]

Auf diesem Hintergrund resultieren Adäquatheits-Überlegungen für wissenschaftliche Konzepte, die die "Modellierung", das "Menschenbild", die "Repräsentation" von Objekten/Subjekten betreffen. Es wird u.a. darauf abgehoben, dass das Objekt als Erkenntnisgegenstand durch seine Darstellung grundsätzlich erst konstituiert wird (Konstruktion des/der Anderen – "Othering"). Die Wahl der wissenschaftlichen Methoden und (Beobachter-, Teilnehmer-) Perspektiven entscheidet, als was das und was am Objekt feststellbar ist. Strukturcharakteristika der Interaktion von Forschungssubjekt (dem Wissenschaftler bzw. der Wissenschaftlerin) und Forschungsobjekt (der Versuchsperson, dem Untersuchungspartner bzw. der Untersuchungspartnerin) sind mitentscheidend für die Art der Konzeptualisierung des Gegenstands und die möglichen Untersuchungsresultate. [18]

Hier werden – in unterschiedlichen Traditionen und Disziplinen – etwa folgende Maximen vorgebracht:

  • Selbstreflexivität der "Objekte": Die Fähigkeit der Objekte, über sich selbst Auskunft geben, über sich selbst nachdenken zu können etc., ist eine konstitutive Charakteristik des Forschungsgegenstands;

  • Enthierarchisierung der sozialen Relation zwischen "Subjekt" und "Objekt": "Versuchspersonen" werden als "Forschungspartner/innen", "Mitforscher/innen" o.ä. konzipiert; u.U. können "Objekte" als "Experten" hinsichtlich ihres Handlungsfelds bzw. Lebenskontextes behandelt werden;

  • Selbstanwendung: Sozial-/humanwissenschaftliche Theorien bzw. die in ihnen enthaltenen Objekt-/Subjekt-Modelle sollen nicht nur auf das epistemologische Objekt, sondern auch auf das Erkenntnissubjekt (das Erleben, Handeln etc. des Wissenschaftlers bzw. der Wissenschaftlerin) anwendbar sein;

  • Reflexion der Grenzziehung zwischen Subjekt und Objekt der human-/sozialwissenschaftlichen Erkenntnis: Es müssen begründete Entscheidungen darüber getroffen werden, an welcher "Stelle" im transaktionalen Verhältnis von Subjekt und Objekt Daten abgelesen werden (auf dem "Distal"-"proximal"-Kontinuum; vgl. DEVEREUX 1967);

  • Bestimmung wesentlicher kategorialer "Objekt"-Charakteristika im Rahmen eines vorgängigen "historisch-empirischen Verfahrens" (HOLZKAMP 1983);

  • Multiperspektivität von Beschreibungen: Die (nicht selten divergierenden) Darstellungen von Objekten aus unterschiedlichen Beteiligten- bzw. Beobachter-Perspektiven sind – jenseits von Vereinheitlichungs-Ansprüchen – interessant in Bezug auf die Gewinnung von beobachter- und gegenstandsbezogener "Tiefeninformation". [19]

3.5 Güte als Ergebnis einer humanen Ethik

Unter dem Gesichtspunkt der Ethik des Umgangs mit den (strukturgleichen) Forschungsobjekten in human- bzw. sozialwissenschaftlichen Kontexten sowie der Verantwortung des Wissenschaftlers bzw. der Wissenschaftlerin für die Wahrung ihrer Belange im Zusammenhang mit der Untersuchung sind eine Reihe von Kriterien aufgestellt worden. Diese werden häufig von wissenschaftlichen und professionalen Gesellschaften in Form von ihre Mitglieder verpflichtenden Ethik-Kodizes formuliert – wobei es sich in der Regel um Maximen mit relativ großen Interpretations-Spielräumen handelt. Dazu gehören vor allem Regeln der Nicht-Schädigung von Untersuchungsteilnehmern und -teilnehmerinnen in physischer, sozialer und psychischer Hinsicht, der "Aufklärung" und (bedingten) Wahrhaftigkeit ihnen gegenüber, des vertraulichen, die Persönlichkeitsrechte wahrenden Umgangs mit ihren Daten u.ä. Als "gut" gelten demnach Untersuchungen, die sich einer humanen Ethik im Umgang mit den jeweils Untersuchten befleißigen. Von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen selbst werden diese Gesichtspunkte häufig als "lästig" empfunden, da sie überwiegend Einschränkungen hinsichtlich ihrer Handlungs- und Verfügungsmöglichkeiten in einem Untersuchungsfeld darstellen. Ihre wissenschaftspraktische Bedeutsamkeit und Wirksamkeit ergibt sich nicht selten erst aufgrund von Anfragen bzw. Anmahnungen einer "kritischen Öffentlichkeit". [20]

3.6 Güte als Technologiefähigkeit von Forschung

Ein Qualitätsmerkmal wissenschaftlicher Forschungsergebnisse, das zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist das (auch von der amerikanischen Pragmatik favorisierte) Kriterium ihrer praktischen Anwendbarkeit, Nützlichkeit und Verwertbarkeit in technischen, ökonomischen und sozialen Kontexten ("Technologiefähigkeit"). [21]

Das Kriterium erweist sich als komplex: Einerseits stehen wissenschaftliche Erkenntnisproduzenten diesem Gesichtspunkt mitunter insofern distanziert gegenüber, als "Erkenntnis" – vergleichbar der "Kunst" – in unserer Gesellschaft jenseits praktischer Nützlichkeiten als ein "Wert an sich" gilt, und insofern "Freiheit von Wissenschaft" postuliert (und in Gesellschaftsverträgen versprochen) wird. Andererseits stellt sich v.a. in der jüngeren Wissenschaftsgeschichte heraus, dass für zunächst und vermeintlich "anwendungsferne" wissenschaftliche Erkenntnisse (etwa der Grundlagenforschung) Bereiche gesucht bzw. gefunden werden, die diese Erkenntnisse zu solchen mit allerhöchster praktischer Bedeutsamkeit werden lassen. Demgegenüber kann die kurzfristige bzw. kurzschlüssige intentionale Orientierung der am Wissenschaftsprozess beteiligten Akteure auf Verwertungsrelevanz geradezu kontraproduktive Effekte haben: Anwendungszentrierte Projekte und deren Ergebnisse können etwa im Rahmen sich wandelnder praktisch-kontextueller Umstände zu einer "rasch verderblichen Ware" werden (etwa wenn den "Säuen" hinterherlaufen wird, die aktuell mit großer Aufregung "durchs Dorf getrieben" werden). [22]

Neben dieser praktischen (oder von HABERMAS und HOLZKAMP so genannten: "technischen") Relevanz wissenschaftlicher Forschung – der prinzipiellen Möglichkeit des gesellschaftlichen Nützlichmachens wissenschaftlicher Erkenntnisse, unter Absehung von den Wertcharakteristika der Zwecke, für die diese eingesetzt werden – wird der Gesichtspunkt der interessenbezogenen Bedeutsamkeit ins Feld geführt. (Bei HOLZKAMP 1972 heißt dies in Anlehnung an HABERMAS 1965: "emanzipatorische Relevanz".) Von bestimmten ethischen und gesellschaftstheoretischen Werten und Zielvorstellungen ausgehend kann die Anwendung/Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse hinsichtlich ihrer Nützlichkeit für bestimmte Interessen bzw. Interessenten beurteilt werden. Für den human- und sozialwissenschaftlichen Bereich lässt sich dies etwa an der Gegenüberstellung deutlich machen: Dienen Forschungsergebnisse der "Fremdbestimmung" bzw. Manipulation sozialer (Abhängigkeits-) Verhältnisse im Sinne beliebiger (etwa "herrschender") Interessen/Interessenten? Oder erlauben sie eine Selbstaufklärung der Objekte/Subjekte in Bezug auf deren Lebensbedingungen und fördern eine verstärkte Selbstverfügung darüber (Ermöglichung von Selbstreflexion, Selbstentwicklung, Erweiterung von Eigenverfügung über Handlungsmöglichkeiten)? Auch diesem Kriterium ist offensichtlich durch "intentionales Forscherhandeln" – trotz vielerlei ("parteilicher") Bemühungen in den Sozialwissenschaften v.a. der siebziger und achtziger Jahre – nicht oder nur bedingt bzw. nur unter bestimmten Umständen beizukommen. [23]

3.7 Güte aufgrund der (Darstellungs-) Politik der Forscher/innen

Für Sozialforscher und -forscherinnen besonders interessant (und riskant) sind die Aspekte der Güte wissenschaftlicher Arbeiten, die sich direkt oder indirekt aus der "Darstellungs-Arbeit" (Impression-Management) und der "Sozial-Politik" der Wissenschaftler/innen ergeben. In mikrosoziologischen Untersuchungen realer Forschungsprozesse (Ethnographien wissenschaftlicher "Laboratorien", der Produktion wissenschaftlicher Texte etc.) sind eine Reihe von Praktiken und praktizierten Kriterien beschrieben worden, die nur bedingt etwas mit dem üblichen Begriff von "Qualitätskriterien" zu tun haben. Es handelt sich vielmehr überwiegend um soziale Anpassungs-, Anschlussleistungen und Selbstpräsentationen der Wissenschafts-Akteure gegenüber unterschiedlichen (inner- wie außerwissenschaftlichen) Mitspielern und Rezipienten, die – wie in jedem anderen sozialen Feld auch – mehr oder weniger konform realisiert, regelgerecht und publikumswirksam "bedient" werden. (Hat ein Wissenschaftler bzw. eine Wissenschaftlerin die "richtige Nase" für "angesagte", zeitgemäße Strömungen, Praktiken, Personen etc.? Kann er/sie sein/ihr "In-Sein", sein/ihr "Dazugehören" überzeugend darstellen?) [24]

Solche Handlungscharakteristika lassen sich mit Oberbegriffen wie "soziale Selbstinszenierung" oder "Staging" kennzeichnen. Sie beziehen sich etwa auf Aspekte wie:

  • Anschluss an aktuelle Foki öffentlicher (medialer, politischer u.ä.) Diskussion,

  • Anschluss an aktuelle Konjunkturen wissenschaftlicher Theorien bzw. "Paradigmen",

  • Verwendung prestigeträchtiger Instrumente und Verfahren (der schnellste/größte Rechner, die innovativste Analyseprozedur etc.),

  • Techniken textueller Präsentation – etwa Konformität hinsichtlich textsortenbezogener Standardschemata, aber auch Laien-Verständlichkeit, Unterhaltungswert u.ä.,

  • soziale Verankerung in wissenschaftlichen Netzwerken, Gesellschaften, Seilschaften o.ä.,

  • Zugang zu bestimmten Präsentations-Medien,

  • Kooperation mit privaten und kommerziellen Instanzen (Kontakte mit "der Wirtschaft" und "den Medien" u.ä.),

  • taktisches Geschick im Umgang mit Gutachter-Diskursen, Wissenschafts-Bürokratie, Forschungs-Sponsoren u.ä. [25]

Die Qualität wissenschaftlicher Arbeiten rangiert in diesem Diskurs umso höher, je mehr es dem jeweiligen Wissenschaftler bzw. der jeweiligen Wissenschaftlerin gelingt, in möglichst vielen der genannten Bereiche erfolgreich zu sein. Es will uns scheinen, dass diese Handlungs- und Akteurs-Merkmale gegenwärtig recht hoch im Kurs stehen, und dass sie für den (sozialen, ökonomischen) Erfolg oder Misserfolg wissenschaftlicher Aktivitäten und ihrer Protagonisten von großer Bedeutung sind. [26]

3.8 Güte als Ergebnis externer Forschungsevaluation

In der jüngsten Zeit werden – v.a. durch wissenschaftsexternen Druck auf die Ressourcen-Allokation im Wissenschaftsbetrieb – Prozeduren der "Evaluation" wissenschaftlicher Leistungen in die Welt gesetzt, die eine Differenzierung zwischen "besserer" und "schlechterer" Wissenschaft, zwischen "Spitzen"- und "Durchschnitts"-Forschung ermöglichen sollen. Dabei werden in eklektischer Manier allerlei "Indikatoren" und "Maße" erfunden und übernommen, mit denen eine solche Qualitäts-Differenzierung möglich sein soll. [27]

Diese sind relativ wenig an den traditionellen wissenschaftstheoretischen Kriterien orientiert, heben vielmehr stärker "untheoretisch" auf leicht operationalisierbare und quantifizierbare Merkmale, "betriebswirtschaftliche" Maßstäbe und "soziale Resonanzen" wissenschaftlicher Forschungsarbeit ab. Solche Gesichtspunkte stellen diskutierte Kandidaten für das "Ranking" von Personen und Institutionen im Kontext von Wissenschaftspolitik dar, werden zu Propagandainstrumenten im Rahmen von Vermarktwirtschaftlichung und Konkurrenzaktionen von Universitäten, Forschungseinrichtungen, Ausbildungsgängen etc. [28]

Beispiele aus diesem Bereich:

  • Menge publizierter Texte eines Wissenschaftlers, einer Wissenschaftlerin, der Mitglieder einer Institution,

  • Aufnahme von Publikationen in (nach Wertung in der "Fachkultur") bestimmte "hochrangige" Organe (Zeitschriften, Verlage),

  • englischsprachige Publikation,

  • Zitations-Häufigkeit von Autoren/Publikationen in selektiven Statistiken ("Impact-Faktor" u.ä.),

  • Einwerbung von "Drittmitteln" bei staatlichen und privaten Förderinstitutionen bzw. Sponsoren,

  • Herausgeberschaften von (renommierten) Periodika,

  • Charakteristika von Ausbildung bzw. Lehre einer Institution,

  • Alter eines Wissenschaftlers, einer Wissenschaftlerin,

  • Geschlechtszugehörigkeit eines Wissenschaftlers, einer Wissenschaftlerin. [29]

Als "wichtig" gelten hier die Arbeiten der Verfasser/innen, die bei diesem externen Ranking die vorderen Plätze einnehmen. [30]

4. Impressionen zum historischen Wandel der Kriterien-Priorisierung

Für die wissenschaftstheoretische Diskussion bis in die 1970er Jahre (die zumindest für die universitäre Form des Betreibens von Wissenschaft einen hohen Stellenwert besaß) standen die wissenschaftsinternen epistemologischen und methodologischen Gesichtspunkte der Qualitäts-Beurteilung im Vordergrund (Prototypen: Objektivität, Zuverlässigkeit, Gültigkeit, Wahrheit). [31]

Aus der Diskussion um die politisch-administrative Planung von "Big Science" (Ressourcen-Allokation, Forschungsprioritierung) sowie aus der "linken" Wissenschaftskritik wurde in dieser Zeit der Gesichtspunkt der Technologiefähigkeit bzw. Praxisrelevanz als Gütekriterium stärker in den Mittelpunkt gerückt. [32]

In den 1980er und 1990er Jahren stellte sich im Bereich der traditionellen wissenschaftsinternen Qualitäts-Kriterien Ernüchterung und Skepsis ein: Die Idee des Abbild-/Repräsentations-Charakters wissenschaftlichen Wissens verlor an Anhängerschaft, die epistemologische Orientierung veränderte sich in Richtung auf Relativität und Diskursivität/Diskursabhängigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis. Die bis dahin in der Scientific Community für relativ unproblematisch gehaltenen Kriterien wurden in der "internen Debatte" der meisten sozialwissenschaftlichen Disziplinen fragwürdig und obsolet. [33]

Die transwissenschaftlich-politischen Kriterien der Wissenschafts-Produzenten und Produzentinnen verlagerten sich von einem Bekenntnis zu "gesellschaftlich-sozialem Fortschritt" (bzw. zumindest von einer Auseinandersetzung mit diesem Anspruch) zu einer Orientierung an "Börsenkursen" und den jeweils individuell verfügten ideellen, sozialen und ökonomischen "Kapitalen". [34]

Wissenschaft hat sich selbst bei diesem Wandel zunehmend die Möglichkeiten der Erlangung von Erkenntnissicherheit abgesprochen. Im innerwissenschaftlichen Diskurs wird eine bunte Vielfalt mehr oder weniger exotischer und "postmoderner" (Ersatz-) Gesichtspunkte angeboten und propagiert (z.B. Ästhetik, Unterhaltungswert o.ä.), die mit der früheren "Ernsthaftigkeit" der Erkenntnisambitionen nicht mehr viel zu tun haben. Wenn nicht (mehr) begründet und eindeutig nach wissenschaftseigenen Gütekriterien entschieden werden kann, muss zwangsläufig nach anderen Maßstäben geurteilt werden. [35]

Dieser Rückzug des Wissens-Gültigkeits-Anspruchs stößt in der nichtwissenschaftlichen Öffentlichkeit auf Desinteresse oder er wird mit Befremdnis zur Kenntnis genommen. Zudem manifestiert sich die desolate wissenschaftliche Erkenntnisproduktion in vielerlei gesellschaftlichen Diskurs-Erfahrungen des "Drei wissenschaftliche Experten – vier verschiedene Meinungen" in Fällen praktischer Entscheidungs-Unsicherheiten. Das "öffentliche Vertrauen" in die Problemlöse- und Selbststeuerungs-Fähigkeit (Autonomie) von Wissenschaft scheint verbreitet aufgebraucht bzw. verspielt zu sein. Interne bzw. Selbst-Kontrolle der Wissenschaft wird zunehmend durch externe Fremd-Kontrolle ersetzt. Der Effektivitäts-Gewinn erscheint allerdings zweifelhaft: Die "Transaktionskosten" der nun vorherrschenden Parole "Ersetze Vertrauen durch Kontrolle!" (Gremien, Antragsverfahren etc.) sind erheblich. [36]

Es hat eine (Selbst-) Entzauberung von Wissenschaft bzw. von wissenschaftlichen Erkenntnisansprüchen innerhalb der Scientific Community und in der nichtwissenschaftlichen Öffentlichkeit stattgefunden. In diesem Zusammenhang sind der Wissenschaft die Legitimation und Möglichkeiten der Selbststeuerung zunehmend aus der Hand geglitten bzw. sie hat sich diese aus der Hand nehmen lassen. Das gilt nicht mehr nur für Fragen von "Big Science", wo es um Allokations-Entscheidungen für riesige Forschungs-Investitionen geht, sondern durchdringt Wissenschaft und darauf bezogene Entscheidungen in umfassendem Maße: "Evaluation" von Forschung, wissenschaftlicher Ausbildung etc. hat Konjunktur allüberall und in allen möglichen und unmöglichen Spielarten. Die Teilnehmer/innen am "Wissenschafts-Spiel" werden in diesem Zusammenhang aus ihrem "Elfenbeinturm" innerwissenschaftlicher Legitimation von Projekten und Erkenntnisansprüchen vertrieben und sind zunehmend in gesellschaftliche ("wissenschaftsfremde", z.B. ökonomische, administrative und massenmediale) Diskurse gezwungen, die ihnen bisher eher fremd waren. Dies ist ein vielschichtiger und oft auch widersprüchlicher Prozess: Neben Tendenzen der demokratischen Belüftung des autoritären Wissenschafts-Muffs und -Dünkels eröffnen sich zunehmend ungebremste Zugriffe der Geldgeber, der Politik, der Massenmedien auf wissenschaftliche Prioritätensetzungen, Projektauswahl und Forschungskonzepte (Ökonomisierung der Wissensproduktion). [37]

5. Resümee

Resümierend kann man sagen: Die Legitimations-/Kriterien-Ebenen, auf denen wissenschaftliche Projekte (Forschungsanträge und -ergebnisberichte) bestehen müssen, haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren entscheidend verändert, erweitert, diversifiziert. Die relevanten Diskurs-Kontexte sind zahlreicher und oft auch differenzierter geworden. Dabei ist eine Haupt-Bewegung unverkennbar: fort vom wissenschaftsinternen Diskurs über Gütekriterien und hin zu dem wissenschaftsexternen – und zwar zu denen, die weitgehend von der Wirtschaft, der Politik und den Medien vertreten werden. Weil dies so ist, stehen neue Kriterien-Gesichtspunkte, ein anderer "Mix" bzw. ein anderes "Profil" von Maßstäben im Vordergrund. Ein gemeinsamer Bezugspunkt dieser Diskurse (z.B. die "Wahrheit") ist aus unserer Sicht nicht mehr vorhanden. Die zentrale Frage im Hintergrund ist denn auch die, ob die Wissenschaft, nachdem sie Jahrhunderte benötigte, sich von dem Zugriff durch Kirche und Staat zu befreien, sich nun freiwillig der Logik der Wirtschaft, der Politik und der Medien unterwirft – also ob die Institution "Wissenschaft" in Erwartung finanzieller und symbolischer Ressourcen die eigenen Kriterien der Bewertung und somit ihr bisheriges Monopol auf die Bestimmung der Verfahren zur Produktion gesicherten Wissens aufgibt. [38]

Einer klärenden und zukunftsorientierten Diskussion über Güte-/Qualitäts-Kriterien (qualitativer) Sozialwissenschaft ist u.E. demnach nicht damit gedient, dem flüchtigen Zeitgeist von Kriterien-, Qualitäts-, Evaluations-Debatten hinterherzulaufen (in Abwandlung eines gegen KUHN gerichteten Verdikts von LAKATOS [1974]: einer "mob psychology" aufzusitzen). Der Diskussion ist ebenfalls nicht damit gedient, Qualitäts-Maßstäbe "an sich" zu postulieren, zu verabsolutieren und gegeneinander auszuspielen. Vielmehr sollte nach unserer Meinung erst einmal das breite Spektrum bedeutsamer und interessanter Argumente entfaltet, explizit gemacht und zur Kenntnis genommen werden. [39]

Ferner sollten die Strukturen und Anforderungen der gesellschaftlichen, sozialen, wissenschaftlichen Kontexte und Diskurse (auch unter Reflexion ihres historischen Wandels), in denen bzw. für die diese Maßstäbe (bzw. ihre Aggregierungen) Geltung behaupten, jeweils namhaft gemacht und auf ihre Bedeutung für die wissenschaftliche Arbeit hin geprüft werden. Erst auf dieser Basis erscheint es uns möglich, die unterschiedlichen Gesichtspunkte (für Kontexte differentiell) angemessen zu gewichten, zu relationieren und evtl. daraus Vorschläge für Kriterien-Profile zu entwickeln. Mit der Übernahme bzw. Akzeptanz von Kriterien sind ohne Zweifel stets Wertentscheidungen verknüpft – und die Frage: Welche Werte kann ich im Rahmen meines Selbstverständnisses als (qualitativer) Sozialwissenschaftler unter In-Rechnung-Stellung der Forschungsfrage, der Datenlage, des Fachdiskurses über Gütestandards und den gesamten Folgen meiner Forschung vertreten? Die verantwortungsvolle Beantwortung dieser Fragen lässt dann (so unsere Hoffnung) wenig Spielraum für Beliebigkeit. [40]

Literatur

Devereux, Georges (1967). Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. München: Hanser.

Habermas, Jürgen (1965). Erkenntnis und Interesse. Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 12, 1139-1153.

Holzkamp, Klaus (1972). Zum Problem der Relevanz psychologischer Forschung für die Praxis. In Klaus Holzkamp, Kritische Psychologie. Vorbereitende Arbeiten (S.9-34). Frankfurt a.M.: Fischer.

Holzkamp, Klaus (1983). Grundlegung der Psychologie. Frankfurt a.M. u.a.: Campus.

Kuhn, Thomas S. (1973). Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Lakatos, Imre (1974). Falsifikation und die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme. In Imre Lakatos & Alan Musgrave (Hrsg.), Kritik und Erkenntnisfortschritt (S.89-189). Braunschweig: Vieweg.

Mannheim, Karl (1959). Wissenssoziologie. In Alfred Vierkandt (Hrsg.), Handwörterbuch der Soziologie (S.659-680). Stuttgart: Enke.

Zu den Autoren

Franz BREUER

Jo REICHERTZ

Zitation

Breuer, Franz & Reichertz, Jo (2001). Wissenschafts-Kriterien: Eine Moderation [40 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 2(3), Art. 24, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0103245.



Copyright (c) 2001 Franz Breuer, Jo Reichertz

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