Volume 2, No. 3, Art. 25 – September 2001

Rezension:

Nicola Döring

Cornelia Behnke & Michael Meuser (1999). Geschlechterforschung und qualitative Methoden. Opladen: Leske + Budrich, 92 Seiten, ISBN 3-8100-2001-X, DM 19,80.- / öS 145.- / sFr 19.-

Zusammenfassung: Auf weniger als 100 Seiten zeichnen Cornelia BEHNKE und Michael MEUSER die Entwicklung der Geschlechterforschung aus der Frauenforschung nach und erörtern unterschiedliche Vorschläge einer feministischen Methodologie. Zudem diskutieren sie das Verhältnis von qualitativer Forschung und Geschlechterforschung und demonstrieren sehr überzeugend das Potenzial einer am konstruktivistischen Geschlechterbegriff orientierten qualitativen Forschung anhand von Gruppendiskussionen mit verschiedenen Männergruppen. Abschließend widmen sie sich noch der Frage, welche Rolle das Geschlecht der Forschenden bei der Datenerhebung und -interpretation spielt.

Keywords:

1. Geschlechterforschung: Die Emanzipation von der Frauenbewegung

2. Doing Gender: Sich fortwährend zur Frau oder zum Mann machen (lassen)

3. Konstruktion von Männlichkeit: "Wenn ich 'ne Frau wär, würd ich sagen, ich bin Hausfrau"

4. Fazit

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Geschlechterforschung: Die Emanzipation von der Frauenbewegung

Cornelia BEHNKE und Michael MEUSER sind momentan beide bei Ronald HITZLER am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie in Dortmund tätig (http://www.hitzler-soziologie.de). Sie befassen sich seit Jahren mit Geschlechterforschung (siehe z.B. auch BEHNKE, 1997; MEUSER, 1998) und arbeiten aktuell unter anderem an einem DFG-Projekt zu "Doppelkarrierepaaren". [1]

Ihr Buch beginnt mit einem Rückblick: Von der Zuschauerwissenschaft zur bewussten Parteilichkeit, von der Affirmation zur Emanzipation – mit diesem politischen Impetus startete die Frauenforschung (women's studies) in den 70er Jahren. Eigene Betroffenheit sowie Empathie mit anderen Frauen sollten in der feministischen Wissenschaft den Erkenntnisgewinn leiten. Anstatt den im Patriarchat erzeugten Objekt-Status von Frauen in der Forschung fortzusetzen, ginge es darum, Frauen eine Stimme zu geben, marginalisierte weibliche Erfahrungswelten zu würdigen und auf den Abbau von Unterdrückung hinzuwirken. Aktionsforschung oder auch offene Befragungsstudien waren methodische Ansätze der Wahl und nicht zufällig qualitativ ausgerichtet. Nachhaltig geprägt wurde die frühe Frauenforschung vor allem durch die von der Soziologin Maria MIES aufgestellten "Methodischen Postulate zur Frauenforschung". 1978 erschienen die Postulate in der damals neu gegründeten Zeitschrift "Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis" (http://www.beitraege-redaktion.de/). Maria MIES, mittlerweile emeritiert, verband ihre Arbeit als Professorin an der Fachhochschule Köln stets mit politischem Engagement in der Frauen-, aber auch in der Umwelt- und Dritte-Welt-Bewegung, das sie bis heute fortführt. Sie selbst orientiert sich also an ihrem Postulat parteilicher Forschung. [2]

BEHNKE und MEUSER verdeutlichen anhand der in der späten Frauenforschung laut gewordenen MIES-Kritik, dass eine wissenschaftstheoretische Position, die auf Parteilichkeit und Betroffenheit gründet, zu einer problematischen Entgrenzung von Wissenschaft und Politik führt. Dass Frauenforschung stets im Dienst der Frauenbewegung stehen müsse, wird denn auch heute kaum noch akzeptiert. [3]

Das Streben nach Erkenntnisgewinn sei vielmehr auch jenseits frauenpolitischen Kalküls von Wert. Lediglich Unterdrückungserfahrungen von Frauen zu thematisieren, schränke etwa den Gegenstandsbereich der Frauenforschung sehr stark ein. Die direkte Verknüpfung von Forschungsprojekten mit politischen Strategien berge die Gefahr, dass nur tagespolitisch opportune Forschungsergebnisse produziert werden (dürfen). Die Prinzipien der Identifikation und Parteilichkeit erweisen sich nicht zuletzt in der Forschungspraxis als untauglich: Freundschaft, Nähe oder sogar Sinnlichkeit (S.24) als Bestandteile des Forschungsprozesses stellen für die Beteiligten eine Überforderung dar, wecken falsche Erwartungen und erweisen sich ihrerseits leicht als herrschaftsförmig. So kann die autonome Kontrolle der Erforschten darüber, was sie von sich preisgeben (wollen) in einem qualitativen Interview sehr viel eingeschränkter sein als beispielsweise in einer standardisierten schriftlichen Befragung (S.37). Schließlich reicht es gerade für eine Analyse der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern nicht aus, die Sichtweisen von Frauen unkritisch zu dokumentieren. Denn Frauen scheinen nicht selten durch die Produktion von Mythen geschlechtsbezogene Herrschaftsmechanismen zu verschleiern (S.36), anstatt sie zu thematisieren und systematisch zu reflektieren. [4]

2. Doing Gender: Sich fortwährend zur Frau oder zum Mann machen (lassen)

Diese und weitere Kritikpunkte an der klassischen Frauenforschung haben, wie BEHNKE und MEUSER berichten, zur Entwicklung und Institutionalisierung der Geschlechterforschung (Gender Studies) geführt. Sie ist am sozial-konstruktivistischen Geschlechter-Modell orientiert und integriert Männer als Forschende sowie als zu Erforschende. Die Geschlechterforschung ist jedoch keine Addition von Frauen- und Männer-Studien, sondern nimmt die wechselseitigen Bezüge und changierenden Grenzen von Weiblichkeits- und Männlichkeits-Inszenierungen in den Blick. Demgegenüber läuft eine Forschung, die sich allein auf "Frauen" und "weibliche" Erfahrungen (bzw. auf "Männer" und "männliche" Erfahrungen) konzentriert, Gefahr, den politisch und theoretisch abgelehnten Geschlechterdualismus dennoch zu affirmieren. Während Männer- und Frauen-Studien Geschlechtszugehörigkeit als unabhängige Variable bzw. Handlungsmotiv verstehen, werden Männlichkeit und Weiblichkeit in der Geschlechterforschung eher als abhängige Variablen bzw. Handlungsfolgen verstanden. Frausein oder Mannsein erscheint als Produkt unserer individuellen und kollektiven Bemühungen, uns selbst und andere Menschen nach Geschlecht zu kategorisieren und zu interpretieren (Doing Gender). [5]

Und gerade diese Bemühungen lassen sich mit qualitativen Verfahren oftmals besser rekonstruieren als mit quantitativen. So haben denn Studien mit Frauen- oder Gender-Themen wesentlich dazu beigetragen, qualitative Methoden und den Umgang mit ihnen zu verfeinern. Ein dezidiert feministischer Methoden-Kanon existiert jedoch gemäß der Übersicht von BEHNKE und MEUSER nicht. [6]

Waren sich die frühen Frauenforscherinnen ihrer spezifischen Frauen-Identität sicher und haderten mit den wissenschaftlichen Methoden, so ist es heute eher umgekehrt. Das historisch überwiegend von Männern entwickelte Spektrum an quantitativen und qualitativen Methoden und Methodologien wird in der Geschlechterforschung fruchtbar gemacht, und Forscherinnen legen auf ihre akademische Identität großen Wert. Während Frausein als immer komplexer und polyvalenter erscheinendes Konstrukt für kollektive Identifikation kaum noch taugt, sind Professionalisierung und Institutionalisierung konsensfähige Bezugsgrößen im akademischen Diskurs. Dass die MIESschen Postulate nicht nur auf eine Entgrenzung von Wissenschaft und Politik, sondern auch auf eine Entgrenzung von Wissenschaft und Privatleben hinauslaufen, wird bei BEHNKE und MEUSER nicht explizit benannt und analysiert. Dabei ist gerade dieser Aspekt relevant für die Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Geschlechts der Forschenden für Datenerhebung und Dateninterpretation (S.77ff.). So werden in Teilen der feministischen Literatur aus methodologischen Gründen persönliche Selbstverortungen verlangt und geliefert (z.B. autobiografische Narrationen zu Mittelschichtzugehörigkeit und heterosexuellen Männerbeziehungen bei DEVAULT, 1999). In der Analyse und Empfehlung von BEHNKE und MEUSER dagegen treten an die Stelle solcher persönlichen Bekenntnisse kontextspezifische Erläuterungen über die interaktiven Konsequenzen der im Forschungsprozess inszenierten Geschlechterkategorisierung:

"Obschon die Forschenden nicht als geschlechtslose Wesen in die Forschungsinteraktion eintreten, wird die Bedeutung, die ihrer Geschlechtszugehörigkeit zukommt, 'lokal' in der Aktion mit den Erforschten erzeugt. Des weiteren wird das Geschlecht der Forschenden je nach situativer Konstellation von Themen, Erhebungsverfahren, Personen und deren persönlichen wie sozialen Merkmalen mehr oder minder bedeutsam. Der 'kompetente Mann' oder die 'sensible Frau' sind weniger Eigenschaften der Forschenden als Zuschreibungen durch die Erforschten. In Experteninterviews mit zumeist männlichen Angehörigen der Funktionselite scheinen Interviewer eher als kompetente Gesprächspartner wahrgenommen zu werden als Interviewerinnen. Daraus folgt nicht zwangsläufig, daß nur Männer solche Interviews durchführen sollten, denn die Inkompetenzunterstellung kann, wie oben erwähnt, ebenfalls forschungsstrategisch genutzt werden. Führt man mit denselben Männern biographische Interviews, zeigt sich u.U., daß diese offener reden und bereiter sind, über eigene Schwächen zu sprechen, als wenn sie eine 'sensible Frau' zur Gesprächspartnerin haben." (S.84) [7]

Eine kritisch-konstruktive, dezidiert professionalisierte Haltung nehmen BEHNKE und MEUSER gegenüber Frauen- und Geschlechterforschung ein. Sie machen implizit deutlich, dass Professionalisierung im Bereich der Geschlechterforschung nicht automatisch Entfremdung bedeutet, sondern gerade auch den Forscherinnen neue Identitäts- und Handlungsoptionen eröffnet. Leider fehlt eine explizite Diskussion der historisch neuen Berufsrolle von Wissenschaftlerinnen im allgemeinen sowie der ebenfalls neuen Rolle jener Wissenschaftler, die sich (bislang als Minderheit) Geschlechterfragen zuwenden. Dass die Verabschiedung eines teils kämpferischen teils privatisierenden Jargons in der Gender-Forschung nicht mit einer harmonisierend-unkritischen Haltung gegenüber Herrschaftsverhältnissen einhergeht, klingt an, wird jedoch nicht weiter ausgeführt. [8]

3. Konstruktion von Männlichkeit: "Wenn ich 'ne Frau wär, würd ich sagen, ich bin Hausfrau"

BEHNKE und MEUSER illustrieren ihren Ansatz anhand von Gruppendiskussionen mit Männern aus zwei Generationen (40-50jährige und 20-30jährige) sowie aus zwei Milieus (Mittelschicht und Arbeitermilieu). Befragt wurden natürliche Gruppen (z.B. Stammtisch, studentische Männerwohngemeinschaft). Die Frage nach der Bedeutung des Mannseins bildete dabei den Diskussionseinstieg. Als Geschlechterforschung qualifiziert sich diese Studie, die mit dem Gruppendiskussionsverfahren eine etablierte (und nicht explizit feministische) qualitative Methode nutzt, durch ihre theoretische Orientierung am konstruktivistischen Geschlechterbegriff, der die Interpretation und Kontrastierung der verschiedenen Gruppenäußerungen strukturiert. Tatsächlich zeigten sich deutliche und zum Teil auch überraschende Unterschiede der Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen der Befragten in Abhängigkeit von Generation und Milieu (ausführlicher dazu auch BEHNKE, 1997). Politisch besonders brisant ist hier wohl der Befund, dass gerade die befragten Männer der Funktionselite Geschlechterfragen teilweise äußerst moralisierend und polarisierend gegenüberstanden. "Ich habe gesagt zu meiner Frau, wenn ich 'ne Frau wär, würd ich sagen, ich bin Hausfrau" (S.61). Diese in einer Gruppendiskussion mit Honoratioren einer kleinen Gemeinde gefallene und unterstützte Äußerung spiegelt nicht nur das Frauenbild, sondern gerade auch das Männerbild der Diskutanten wieder: Wenn es um praktische Hausarbeit geht, sind sie als Männer Außenstehende und Unbeteiligte; wenn es um den ideellen Wert dieser Tätigkeit geht, sind sie jedoch Experten. Die befragten jungen Männer aus dem Arbeitermilieu legten dagegen in Bezug auf die Geschlechtsrollenverteilung eine pragmatische und egalisiertere Haltung an den Tag. [9]

4. Fazit

Von der geradezu bescheiden wirkenden Aufmachung des Büchleins sollte man sich nicht täuschen lassen: BEHNKE und MEUSER integrieren und komprimieren ihr profundes methodologisches und forschungspraktisches Wissen so differenziert und schlüssig, dass ihr Werk als Klassiker der rezenten konstruktivistischen Geschlechterforschung gelten kann. Ihr Buch ist Band 1 der von Ralf BOHNSACK, Christian LÜDERS und Jo REICHERTZ bei Leske + Budrich herausgegebenen Reihe "Qualitative Sozialforschung", in der mittlerweile schon mehr als zehn Bände erschienen sind. [10]

Was bei BEHNKE und MEUSER fehlt ist eine kritische Diskussion und historische Relativierung des Geschlechterkonstruktivismus. So sehr dieser heute dominierende Ansatz durch die Überwindung früherer Ideologien überzeugt, so sicher ist auch, dass er selbst Ideologien enthält, die uns noch nicht genügend bewusst geworden sind. Dass der Geschlechterkonstruktivismus von Nicht-Akademikerinnen und Aktivistinnen oft als "abgehoben" oder gar unpolitisch kritisiert wird (z.B. GRIMM, 1994), lässt sich wohl nicht allein mit dem Hinweis, es handele sich eben um "Grundlagenforschung" (S.44) zurückweisen. Vielmehr scheint doch auch eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Relation von professionalisierter akademischer Identität und feministischer Identität notwendig. Doch entsprechende Analysen sollten im Zusammenhang mit praktischer Forschungstätigkeit erarbeitet werden. Und diese hat erst begonnen. Denn trotz aller "Gender"-Rhetorik ist es in der quantitativen wie qualitativen Forschung nach wie vor gängig, die Geschlechtszugehörigkeit als etwas Vorgegebenes zu behandeln und nicht als etwas Erklärungsbedürftiges. [11]

Literatur

Behnke, Claudia (1997). "Frauen sind wie andere Planeten". Das Geschlechterverhältnis aus männlicher Sicht. Frankfurt/M.: Campus.

Devault, Marjorie L. (1999). Liberating Method: Feminism and Social Research. Philadelphia: Temple University Press.

Grimm, Sabine (1994). Über feministische Intellektuelle. In Cornelia Eichhorn & Sabine Grimm (Hrsg.), Gender Killer. Texte zu Feminismus und Politik. Berlin: ID Verlag. Buch-Homepage: http://www.nadir.org/nadir/archiv/Feminismus/GenderKiller/.

Meuser, Michael (1998). Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster. Obladen: Leske + Budrich.

Mies, Maria (1978). Methodische Postulate zur Frauenforschung – dargestellt am Beispiel der Gewalt gegen Frauen. Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, 1(1), 41-63. [Nachdruck 1984, Heft 11, 7-25].

Zur Autorin

Nicola DÖRING, Dr. phil., Dipl.-Psych., arbeitet als wissenschaftliche Assistentin am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft (IfMK) der TU Ilmenau und vertritt im Wintersemester 2001/2002 die Professur "Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Medienintegration" an der Universität Erfurt. Ihr Forschungsschwerpunkt sind soziale Aspekte der mediatisierten Kommunikation, insbesondere der Online- und Mobil-Kommunikation.

Kontakt:

Dr. Nicola Döring

TU Ilmenau
Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft
PF 10 05 65
D-98684 Ilmenau

E-Mail: nicola.doering@tu-ilmenau.de
URL: http://www.nicola-doering.de/

Zitation

Döring, Nicola (2001). Rezension zu: Cornelia Behnke und Michael Meuser (1999). Geschlechterforschung und qualitative Methoden [11 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 2(3), Art. 25, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0103253.

Revised 6/2008



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