Volume 2, No. 2, Art. 13 – Mai 2001

Rekonstruktionen der Forschungspraxis – eine Antwort auf die Frage, was ein Einführungstext in qualitative Methoden bringen soll

Carlos Kölbl

Review Essay:

Ralf Bohnsack (1999). Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in Methodologie und Praxis qualitativer Forschung (3., überarbeitete und erweiterte Auflage). Opladen: Leske + Budrich, 278 Seiten, DM 36.- / sFr 33.- / öS 263.-, ISBN 3-8100-1947-X (ISBN 3-8100-2759-6 für die 4. durchgesehene Auflage 2000)

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Bemerkungen

2. BOHNSACKs methodologisches Programm

3. "Grundpositionen" rekonstruktiver Sozialforschung

4. Zwischenfazit: Herkömmlicher Überblickstext oder Werkstattbericht?

5. Der Akt des Interpretierens

6. Zur Geltung qualitativ-methodisch gewonnener Ergebnisse

7. "Praxeologische Methodologie" und abschließende Hinweise

8. Resümee

Literatur

Anmerkung

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitende Bemerkungen

Es ist inzwischen ein gängiger und – zumindest was die Anzahl an Publikationen anbelangt – auch ein mehr oder minder zutreffender Topos, dass qualitative Sozialforschung schon eine ganze Weile kein Schattendasein mehr führt. Mittlerweile ist selbst der einleitende Satz fast schon zum Gemeingut von Rezensionen qualitativer Methodenbücher geworden. Wie dem auch sei, den an dieser Art der Forschung Interessierten stehen tatsächlich eine ganze Reihe an Arbeiten zur Verfügung. Neben qualitativ-empirischen Studien, Darstellungen einzelner Verfahren und methodologischen Erörterungen sind hier wenigstens drei Arten von Einführungsbüchern zu nennen. Da gibt es zum einen Texte, die einen Überblick über das Feld geben wollen, etwa MAYRING (1996). Desweiteren liegen Handbücher vor – z.B. das von FLICK, von KARDORFF und STEINKE (2000) –, die sich als Nachschlagewerke zu einzelnen Fragen qualitativer Forschung eignen. Schließlich ist noch auf Arbeiten zu verweisen, die man als reflektierte Werkstattberichte bezeichnen kann – als Prototyp darf wohl STRAUSS (1994) gelten. Zu dieser letzten Kategorie lässt sich auch die hier zu besprechende, nunmehr bereits in dritter Auflage erschienene, erstmals stärker überarbeitete und erweiterte Einführung des an der FU Berlin lehrenden und forschenden Soziologen Ralf BOHNSACK zählen. [1]

2. BOHNSACKs methodologisches Programm

Blickt man in das Inhaltsverzeichnis des Buches, so stellt man fest, dass der Autor seine "Einführung in Methodologie und Praxis qualitativer Forschung" auf bestimmte Methodologien und Verfahren konzentriert hat. Es sind dies die dokumentarische Methode, die objektive Hermeneutik, das narrative Interview und das Gruppendiskussionsverfahren. Dass hiermit eine starke Beschränkung stattfindet, ist nicht weiter problematisch. Allerdings wäre es gerade für Neulinge auf dem breiten Feld der qualitativen Sozialforschung hilfreich, wenn dies auch schon im Buchtitel ausgewiesen würde. Die Fokussierung mag auch gute Gründe haben. Bis auf die Anmerkung des Autors, dass die dargestellten "Grundlinien und Grundpositionen [...] in ihrer Bedeutung [...] nicht nur bestätigt wurden, sondern noch an Bedeutung gewonnen haben" (S.7), erfährt die Leserin bzw. der Leser solche Gründe aber nicht. Es lassen sich ja mühelos andere Methodologien und Methoden benennen, die auch einer vertieften Erörterung wert wären. Man denke etwa an die teilnehmende Beobachtung, die Konversationsanalyse oder die "Grounded Theory". Hier deutet sich also eine Schwäche der Arbeit an, auf die später noch näher einzugehen sein wird. [2]

In der Einleitung wird zunächst die doppelte Bedeutung des Terminus "rekonstruktive Sozialforschung" erläutert. Zum einen ist diese Art der Forschung rekonstruktiv, wenn sie die Konstruktionen ihrer Forschungspartner mit Hilfe bestimmter methodischer Vorkehrungen analysiert und somit – ganz im Sinne von Alfred SCHÜTZ – Konstruktionen zweiten Grades schafft. Zum anderen bezieht sich das fragliche Verfahren auf die Forscher selbst, die, ihr wissenschaftliches Handeln reflektierend, Rekonstruktionen ihrer Praxis erarbeiten. Es sind eben solche Rekonstruktionen der Forschungspraxis, an Interpretationen konkreter empirischer Materialien aufgezeigt, die BOHNSACK seiner Leserschaft auf den weiteren Buchseiten präsentieren möchte. Ein anderes in diesem Kapitel vom Autor zu Recht betontes Konstituens gehaltvollen qualitativ-methodischen Denkens ist die Operation des Vergleichens. Komparative Analysen finden – hier besteht eine offensichtliche Analogie zum Rekonstruieren – nun aber nicht nur bei der Analyse des Datenmaterials statt, sondern auch bei der Darstellung der Zugänge qualitativer Forschung. Dies dient der Auffindung der "Kontraste in der Gemeinsamkeit" (S.40). Schließlich wird auf die unüberwindbaren Grenzen eines Lehrbuchs zu qualitativen Methoden verwiesen. Diese liegen laut BOHNSACK darin, dass zwar durch gedanklichen Nachvollzug und virtuelle Teilhabe am Forschungsprozess Grundlagen erworben werden können, an einer praktischen Aneignung aber letztlich kein Weg vorbeiführt, um den "Modus Operandi" qualitativer Forschung zu verinnerlichen. So richtig dieser Hinweis ist, so wenig spezifisch ist er doch für das Erlernen rekonstruktiver Methoden. Zu einem versierten Experimentalpsychologen etwa wird man ja auch nicht allein durch die Lektüre experimenteller Anordnungen. [3]

Im nächsten Kapitel expliziert der Autor erst die Besonderheiten erfahrungswissenschaftlichen Denkens, um sich dann denjenigen unterschiedlichen Zugängen empirischer Sozialforschung zu widmen, die für gewöhnlich unter dem Titel quantitative versus qualitative Methoden firmieren. BOHNSACK bevorzugt jedoch die Termini "hypothesenprüfend" versus "rekonstruktiv". Damit betont er den übergeordneten wissenschaftstheoretischen Rahmen der unterschiedlichen Methodologien. Die hypothesenprüfenden Verfahren werden als in den Dienst der Theorieprüfung gestellte Methoden und die rekonstruktiven als in den der Theoriegenerierung gestellte bestimmt. Der rekonstruktiven Forschung kommt somit die Ausfüllung einer in der POPPERschen Wissenschaftstheorie unterbestimmten Phase des Forschungsprozesses zu, auf deren Wichtigkeit nicht zuletzt Anselm STRAUSS und Barney GLASER im Rahmen der von ihnen entwickelten "Grounded Theory" immer wieder beharrt haben. Diese Unterscheidung ist für die gesamten Ausführungen des Kapitels leitend. Von ihr ausgehend, umreißt BOHNSACK die Logik hypothesenprüfender Forschung, die ethnomethodologische Kritik an ihr sowie schließlich die Möglichkeiten eines methodisch kontrollierten Fremdverstehens. Letzteres geschieht unter Rekurs auf die phänomenologische Soziologie, die Hermeneutik in ihrer kritischen Rezeption durch HABERMAS, die Wissenssoziologie unter besonderer Berücksichtigung der MANNHEIMschen Arbeiten und die Chicagoer Schule. Anstatt auf Details der lesenswerten Argumentation einzugehen, sei an dieser Stelle lediglich vermerkt, wie wohltuend sich dieses zweite Kapitel von manch anderen Erörterungen zu den unterscheidbaren Modi empirischer Sozialforschung abhebt. Weder belästigt der Autor seine Leser mit oftmals nicht weiter ausgeführten und so dann auch nicht recht hilfreichen Dichotomisierungen à la qualitative Forschung sei idiographisch, holistisch und explikativ, wogegen quantitative Forschung nomothetisch, partikularistisch und reduktiv sei. Auch sitzt BOHNSACK keinem "induktiven Selbstmissverständnis" qualitativer Forschung auf (vgl. KELLE 1994 zur Aufdeckung dieses misslichen Selbstverständnisses in prominenten qualitativen Ansätzen); vielmehr wird das Induktionsproblem bereits auf den ersten Seiten des Kapitels überzeugend abgehandelt. Und schließlich wird auch keiner Mythologie qualitativer Forschung zugearbeitet, in der der rekonstruktiven Forschung grundsätzlich eine höhere Ethik, Natürlichkeit, Alltagsnähe oder ein stärkeres emanzipatorisches Potential als dem quantitativen Gegenpart zugeschrieben wird. Dies zu betonen ist m.E. deshalb wichtig, weil die genannten Tugenden der BOHNSACKschen Ausführungen nicht selbstverständlich sind, wie ein Blick in manche gängigen Lehrbücher und auch in so manche universitäre Veranstaltung rasch lehrt. [4]

3. "Grundpositionen" rekonstruktiver Sozialforschung

Die nun folgenden fünf Kapitel stehen ganz im Zeichen der eingangs benannten "Grundpositionen" rekonstruktiver Sozialforschung. Dabei beginnt der Autor mit der Behandlung der dokumentarischen Methode, die er selbst in zahlreichen Studien federführend mitentwickelt hat. Aus diesen forschungspraktischen Erfahrungen resultiert eine intime Kenntnis der Vorgehensweise sowie eine pointierte theoretische Reflexion, die für den Leser gewinnbringend ist. Anhand empirischen Materials aus einem Forschungsprojekt zu kollektiven Orientierungen in Gruppen Jugendlicher werden die wesentlichen Aspekte der dokumentarischen Methode anschaulich vorgestellt. Zunächst wird vorgeführt, was ein Interpret tut, wenn er Texte auswertet. Dazu wird eine analytische Zweiteilung des Interpretierens vorgenommen, nämlich in das formulierende und das reflektierende Interpretieren. Mit ersterem werde eine Rekonstruktion von Textsegmenten angestrebt, die noch innerhalb des Relevanzsystems der Forschungspartner verbleibe. Letzteres aber solle einer Transzendierung dieser Relevanzsysteme dienen. Um eine solche zu erreichen, müsse der Interpret intra- und intertextuelle Kontrastierungen vornehmen. Ein Rückgriff auf Gegenhorizonte sei unerlässlich, um das empirische Material schließlich typisieren zu können. Die hier skizzierten kognitiven Operationen werden von BOHNSACK im vorliegenden Kapitel aber noch nicht genauer expliziert, sondern im Verlauf von gut nachvollziehbaren Interpretationen einzelner Textpassagen aus dem genannten Forschungsprojekt gleichsam beiläufig eingeführt. Im zweiten Teil des Kapitels stellt der Autor dann eine elaborierte methodologische Rahmung der dokumentarischen Methode vor, in der er eine historische und systematische Verortung leistet. Von allen Kapiteln ist dieses das längste. Das liegt daran, dass BOHNSACK hier mehr als anderswo Textmaterial präsentiert. Das hat den schon angedeuteten Vorteil, dass der "Modus Operandi" der dokumentarischen Methode für den Leser lebendig wird. [5]

Das gleiche lässt sich für das anschließende Kapitel über die objektive bzw. strukturale Hermeneutik, wie sie zunächst von Ulrich OEVERMANN entwickelt wurde, leider nicht sagen. Zwar wird auch hier empirisches Material vorgestellt. Dies beschränkt sich jedoch auf die Betrachtung lediglich einer – wenn auch für die Konstitution der objektiven Hermeneutik wichtigen – kurzen Textpassage. Dabei wird die Sequenzanalyse qualitativer Daten beschrieben, die Feinanalyse schon nicht mehr, mit der Begründung, sie könne besser andernorts nachgelesen werden. Während hier – wie auch schon in dem vorhergehenden Kapitel – die methodologische Reflexion der behandelten "Grundposition" an Elaboration kaum etwas zu wünschen übrig lässt, wird die Forschungspraxis der objektiven Hermeneutik nicht annähernd so deutlich wie die der dokumentarischen Methode. [6]

Mit der Diskussion von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen dokumentarischer Methode und objektiver Hermeneutik, die dem Kapitel über das narrative Interview vorangeht, löst BOHNSACK seinen Anspruch ein, auch in der theoretischen Reflexion eine der Konstituenten rekonstruktiver Sozialforschung zu realisieren, nämlich die der beständigen Komparation. Damit werden die Verfahren in ihren Gemeinsamkeiten – etwa dem Primat des Sozialen bei der Konstituierung von Sinn – und ihren Eigenarten – etwa einer Dichotomisierung von latenten und manifesten Sinngehalten in der objektiven Hermeneutik gegenüber einer eher akzentuierenden Differenzierung in der dokumentarischen Methode – herausgestellt. Dabei gilt noch einmal, dass die zuletzt genannte Methodologie in der Darstellung farbiger und anschaulicher gerät, da auch hier an Textsegmenten exemplifiziert wird, was es mit den Besonderheiten der dokumentarischen Methode auf sich hat. [7]

Bei dem mit "narratives Interview" betitelten Kapitel wirkt die Überschrift etwas befremdlich, soll doch eine Methodologie und nicht bloß ihr zentrales Erhebungsverfahren beschrieben werden. "Soziologischer Narrativismus" wäre vielleicht schlüssiger gewesen. Dies ist allerdings lediglich als eine Randbemerkung zu verstehen, denn ansonsten erhält man einen guten Einblick in wesentliche Aspekte (nicht nur) soziologischer Biographieforschung. In diesem Forschungsbereich haben die Anregungen Fritz SCHÜTZEs zur sozialwissenschaftlichen Verarbeitung von Erzähltheorien bekanntlich ihren bislang wohl nachhaltigsten Einfluss hinterlassen. Wie auch in den vorangegangenen Kapiteln erfährt die Darstellung eine Anreicherung mit einem beispielhaften Textauszug. Es handelt sich um einen Interviewausschnitt aus Gerhard RIEMANNs (1987) schon fast klassisch zu nennender Arbeit zum "Fremdwerden der eigenen Biographie", der dazu dient, das biographietheoretische Konzept der "Verlaufskurven" zu veranschaulichen. [8]

Das letzte Kapitel – "Gruppendiskussionsverfahren" – zu einzelnen Methodologien kommt demgegenüber mit nur wenig Anschauungsmaterial aus. BOHNSACK führt dem Leser in einem historischen Durchgang die unterschiedlichen Vorstellungen, die bezüglich der Gruppendiskussion existier(t)en, vor Augen. Die Konzeptionen POLLOCKs und MANGOLDs einerseits und die Wiederbelebung der Debatte durch NIESSEN und VOLMERG anderseits finden angemessene Berücksichtigung. Die weiteren methodologischen Argumentationen erinnern an die Ausführungen zur dokumentarischen Methode, da der Autor auch hier stark auf die Arbeiten Karl MANNHEIMs und sein eigenes empirisches Material rekurriert. Wie nach der Lektüre der anderen Kapitel schon zu erwarten war, erhellt BOHNSACK die Eigenart der Gruppendiskussion auch komparativ. Dazu stellt er Überlegungen zu einigen Unterschieden mit dem narrativen Interview an, die unter anderem um die Frage nach kollektiven und individuellen Erfahrungsformen kreisen. Nicht recht klar ist, weshalb BOHNSACK eine so enge Verknüpfung zwischen Gruppendiskussion und Milieuforschung vornimmt. Zwar mag ja sein, dass für diese Art der Forschung das Gruppendiskussionsverfahren besonders gut geeignet ist, das kann aber doch nicht heißen, es ausschließlich hierfür zu reklamieren. Um nur ein Beispiel zu nennen, in dem gewinnbringend mit dieser Methode gearbeitet wurde, sei auf Arbeiten zum Naturverständnis von Kindern hingewiesen (vgl. GEBHARD, BILLMANN-MAHECHA & NEVERS 1997). [9]

4. Zwischenfazit: Herkömmlicher Überblickstext oder Werkstattbericht?

Die vorangehenden Kapitel zu den einzelnen Verfahren habe ich lediglich skizzenhaft referiert und kommentiert. Das geschah deshalb, weil es mir bei aller möglichen kritischen Würdigung im Detail um ein übergreifendes Problem des Buches zu tun ist, das oben zwar schon angedeutet, nicht aber näher ausgeführt worden ist. Obschon dem Anspruch nach ein reflektierter Werkstattbericht erwartet werden konnte, kommt der Autor dem nur teilweise nach. Am besten gelingt das in den Kapiteln über die dokumentarische Methode und das Gruppendiskussionsverfahren. Hier werden noch am ehesten Rekonstruktionen der Forschungspraxis in dem eingangs erwähnten doppelten Sinne des Wortes vorgenommen. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass dies die Methodologien sind, mit denen der Autor täglich umgeht. Im Falle der Gruppendiskussion erklärt das wohl auch, weshalb er die kritisierte Verengung von Gruppendiskussion und Milieuforschung vornimmt und nicht das breitere Anwendungsspektrum der Methode präsentiert. Betrachtet man im Vergleich dazu die anderen Verfahren, so wird eine gewisse Halbherzigkeit des Unternehmens deutlich. Die Kapitel zur strukturalen Hermeneutik und zum narrativen Interview haben nämlich eher einen überblickshaften Charakter, als den von kritisch reflektierten Werkstattberichten. Bei jenem kann sogar von einem Zurückfallen hinter eine optimale konventionelle Lehrbuchdarstellung gesprochen werden, da noch nicht einmal ein bestimmtes Maß an Vollständigkeit gewährleistet wird, was sich im Fehlen der Feinanalyse manifestiert. Es scheint, als hätte sich der Autor letztlich doch nicht zwischen einem herkömmlichen Überblickstext und einem Werkstattbericht entscheiden können. Dieser Unentschiedenheit ist vermutlich auch die nicht näher begründete Auswahl der behandelten Methodologien geschuldet. Indem BOHNSACK aber versucht, beides zu verwirklichen, nimmt die Qualität des Buches Schaden. Eine Konzentration auf die Rekonstruktionen derjenigen Forschungspraxis unter der Rahmenkonzeption des MANNHEIMschen Ansatzes, wie sie der Autor in den Kapiteln vornimmt, die sich mit der dokumentarischen Methode, dem Gruppendiskussionsverfahren und der Interpretation empirischen Materials – auf das gleich einzugehen sein wird – beschäftigen, hätte die programmatische Zielsetzung besser verwirklicht. So aber ist es nicht allein zu der beklagten Halbherzigkeit gekommen, sondern auch zu vermeidbaren Redundanzen in den eben genannten starken und den noch verbleibenden Kapiteln des Buches. [10]

5. Der Akt des Interpretierens

Die Ausführungen zu der Frage, was ein Interpret eigentlich tut, wenn er interpretiert, gehören zu den besten Passagen des Buches. BOHNSACK entfaltet hier die Unterscheidungen, die er bereits im Kapitel über die dokumentarische Methode getroffen, aber noch nicht erläutert hatte. Es geht also um die formulierende, die reflektierende Interpretation und die Typenbildung. Allein die reflektierende Interpretation sei genauer in den Blick genommen. Darunter versteht der Autor ein Vorgehen, das es dem Auswerter qualitativer Daten ermöglicht, über das immanente Selbstverständnis der untersuchten Forschungspartner hinaus zu interpretativen Aussagen zu gelangen. Dazu bediene er sich unterschiedlicher Vergleichshorizonte. BOHNSACK betont den besonderen Wert empirisch fundierter Vergleiche. Es lassen sich aber darüber hinaus eine Reihe anderer Gegenhorizonte bestimmen, die das Geschäft des Interpreten leiten können. Dies sind, außer den empirisch fundierten, wissenschaftlich fundierte bzw. vermittelte, imaginative, fiktive und utopische Vergleichshorizonte sowie das Alltagswissen des Interpreten als Vergleichshorizont (vgl. STRAUB 1999, S.201-226, auch noch für weitere Ausdifferenzierungen). Theoretische Gegenhorizonte, die als eine Unterart der wissenschaftlich fundierten Vergleichshorizonte aufzufassen sind, möchte BOHNSACK aber nur insoweit gelten lassen, als lediglich grundlegende theoretische Konzepte, wie Handlung, Identität, Rolle und dergleichen, untersuchungsleitend sein sollen. Wenn ich recht sehe, steht dahinter die Angst vor einem Rückfall in ein doch nur wieder subsumptionslogisches empirisches Vorgehen, das die Besonderheiten des Untersuchungsgegenstandes eliminiert. Das ist verständlich und in der Tat kann dies geschehen; letztlich kann nahezu jeder Vergleichshorizont, der sich zu sehr in den Vordergrund der Analyse schiebt, einem Interpreten den Blick auf den Gegenstand "verkleistern" und das Prinzip der Offenheit (HOFFMANN-RIEM 1980) zunichte machen. Gleichzeitig gilt aber auch, dass ohne Gegenhorizonte – und damit meine ich natürlich auch andere als empirisch fundierte – das empirische Material "stumm" bleibt. Ein ähnlicher Gedanke findet sich bezogen auf den Prozess klinisch-psychoanalytischen Verstehens in einem Buch von Helmut DAHMER (1989), das bezeichnenderweise den Titel "Psychoanalyse ohne Grenzen" trägt: "Ein Psychoanalytiker, der nicht mit Geschichte und Politik, Kulturgeschichte und Religionswissenschaft, Literatur und Mythologie vertraut ist, der kann auch seine Patienten nicht verstehen, der kann nicht deuten – weil ihm eben nichts einfällt" (ebd., S.294). [11]

6. Zur Geltung qualitativ-methodisch gewonnener Ergebnisse

Dass es keinen "View from nowhere" (Thomas NAGEL) gibt, ist die zentrale These, die der Autor im neunten Kapitel entwickelt. Von besonderem Interesse ist dabei die Frage, was das für spezifische Gütekriterien rekonstruktiver Sozialforschung heißen kann. Denn selbstverständlich muss auch eine interpretativ verfahrende Forschung angeben können, wann das Ergebnis einer Datenanalyse Gültigkeit beanspruchen darf, wie es um die Generalisierbarkeit sowie Objektivität bestellt ist und welche Vorkehrungen zu treffen sind, um Zuverlässigkeit zu erreichen. Die entscheidende Voraussetzung, von der BOHNSACK ausgeht, liegt eben in der genannten "Aspektstruktur" (S.182) der sozialen Welt. Das impliziert, dass die "Forschungsobjekte" und die "Forschungssubjekte" in ihrem Denken gleichermaßen im sozialen Raum verwurzelt seien (MANNHEIM). Somit unterscheiden sich, dem Autor gemäß, die Kriterien zur Geltungsbegründung wissenschaftlicher Aussagen nicht prinzipiell von denen zur Beurteilung der Authentizität, Echtheit oder Konsistenz der Erlebnisschilderungen der Forschungspartner. Die Perspektivität des "Untersuchungsgegenstandes" und des Wissenschaftlers ist nun zugleich die Grenze, an die sozialwissenschaftliches Erkennen stößt als auch überhaupt die Voraussetzung dafür: "[D]ie soziale Gebundenheit einer Sicht, einer Kategorialapparatur [wird] gerade durch diese vitale Bindung eine größere Chance für die zugreifende Kraft dieser Denkweise in bestimmten Seinsregionen bedeuten" (MANNHEIM 1952, S.73, zit. nach BOHNSACK, S.178). Das gilt es für die weiteren, auf die einzelnen Gütekriterien bezogenen Argumentationen zu beachten. In aller Kürze können diese folgendermaßen wiedergeben werden: Validität stellt sich dann ein, wenn der Interpret es vermag, die Authentizität von Erlebensschilderungen der Forschungspartner in den Grenzen ihrer Reichweite am Text zu belegen. Dabei muss er selbst allerdings Vorkehrungen dafür treffen, dass seine eigenen Aussagen als glaubwürdig anerkannt werden. Dies kann nicht zuletzt durch die möglichst weitgehende Offenlegung des Forschungsprozesses erfolgen. Was die Verallgemeinerbarkeit anbelangt, so muss Sorge dafür getragen werden, dass in komparativen Analysen die Abgrenzbarkeit einer bestimmten Typisierung von anderen Dimensionen eines Falles (und so auch wieder eine spezifische Reichweite von Analyseergebnissen) aufgewiesen wird. Reproduzierbarkeit sodann "als Voraussetzung für intersubjektive Überprüfbarkeit [wird] dadurch erreicht, daß der Forscher Bedingungen der Möglichkeit schafft, daß die Gruppen oder Individuen in der für sie typischen Eigenstrukturiertheit sich (d.h., die für sie konstitutive Prozeßstruktur) zu entfalten, zu reproduzieren vermögen" (S.188). Die Zuverlässigkeit schließlich kann durch die begrifflich-theoretische Explikation der empirischen Vorgehensweise erhöht werden. Die Nachzeichnung dieses Kapitels sollte einen Punkt, auf den es mir besonders ankommt, deutlich werden lassen: BOHNSACKs Sache ist es weder, für die Beurteilung der Güte von Interpretationen das "ganz Andere" zu fordern, noch, die Vorschläge standardisierter Sozialwissenschaft ungeprüft auf die rekonstruktive Forschung zu übertragen. Eine solche nüchterne Betrachtung wird der Sache gerechter als das Einnehmen dieses oder jenes Extrems. [12]

7. "Praxeologische Methodologie" und abschließende Hinweise

Im letzten Kapitel findet eine genauere Darstellung der im gesamten Verlauf des Buches immer wieder skizzierten Position einer "praxeologischen Methodologie" statt. Der Autor variiert hier das Thema der "umfassende[n] Verankerung der wissenschaftlichen Erkenntnis in der sozialen Praxis" (S.193), das dem Leser nun schon des öfteren begegnet ist. Dazu diskutiert er nicht bloß die Rolle von Rekonstruktionen der Forschungspraxis in den Sozial-, sondern auch in den Naturwissenschaften. Durch die "Verstrickung" in soziale Praxen wissenschaftlicher wie außerwissenschaftlicher Art verfüge der Forscher über ein Erfahrungswissen, das seine Analysen nolens volens leite. Da ein solches Wissen zumeist implizit sei, gelte es, dieses methodisch zu kontrollieren. Vorkehrungen zur methodischen Kontrolle bieten, so der Autor, das abduktive Schlussverfahren nach Charles Sanders PEIRCE und komparative Analysen. Bei der Lektüre der von BOHNSACK angestellten Überlegungen in diesem Kapitel erfährt man durchaus Erhellendes, eben nicht zuletzt zum Umgang mit implizitem Wissen. Gleichzeitig trifft man aber immer wieder auf alte Bekannte, wie etwa die ethnomethodologische Kritik an hypothesenprüfenden Verfahren, so dass sich bisweilen die Frage stellt, ob es wirklich einer nochmaligen Behandlung der Thematik bedurfte. Andererseits erfährt die gesamte Arbeit durch die Zusammenführung zentraler Argumentationsstränge auch eine schöne Abrundung. [13]

Das Buch wird schließlich mit einem hilfreichen Anhang komplettiert. Dort werden zum einen praktische Hinweise zur Durchführung einer Gruppendiskussion gegeben. Außerdem exemplifiziert der Autor die Schritte bei der Interpretation von Texten und teilt Richtlinien zur Transkription elektroakustisch erhobener Daten mit. [14]

8. Resümee

Es bleibt zu fragen, was sich gegenüber den ersten beiden Auflagen außer dem Umstand, dass die Widmung erweitert wurde, geändert hat und welches Resümee zu ziehen ist. Im Kapitel zur dokumentarischen Methode wurde das Unterkapitel zur expliziten methodologischen Rahmung ergänzt, der Anhang wurde um die Anregungen zur Durchführung von Gruppendiskussionen angereichert, und das Kapitel zur "Praxeologischen Methodologie" wurde neu hinzugefügt. Dadurch mitbedingt, hat sich der Anmerkungsapparat um ein Vielfaches vergrößert. Auch das Literaturverzeichnis hat an Umfang deutlich zugenommen, was die Produktivität auf dem Feld rekonstruktiver Sozialforschung unterstreicht und den Leser mit vielen Lektüreanregungen versorgt. Gleichwohl muss hier kritisch angemerkt werden, dass Fehler aus den vorhergehenden Auflagen zwar ausgeräumt wurden, sich dafür allerdings eine ganze Reihe neuer Ungereimtheiten eingeschlichen haben. Ein Personenregister fehlt nach wie vor. Die Erweiterungen sind allesamt von Interesse. Der Wert der neu hinzugenommenen Kapitel wird jedoch dadurch etwas getrübt, dass der Autor Redundanzen nicht vermieden hat. Das aber liegt an der gesamten Anlage der Arbeit, die – wie diskutiert – zwischen Überblickstext und kritischem Werkstattbericht hin und her oszilliert und so die Kapitel, die sachlogisch zur dokumentarischen Methode gehören, auseinanderreißt. Auch für die Ausführungen zum Interpretieren von Texten gilt dieser sachlogische Zusammenhang, wird dort doch ebenso wie in dem Kapitel über die dokumentarische Methode sowie dem über die Gruppendiskussion mit dem empirischen Material aus der Studie zu den Orientierungen Jugendlicher gearbeitet, und ist doch auch hier der übergeordnete Rahmen "MANNHEIM-getränkt". Trotz alledem – und natürlich auch der anderen in der Besprechung hervorgehobenen Vorzüge wegen – halte ich die Neuauflage dieses Einführungstextes für lesenswert, da hier stärker als in vielen anderen Arbeiten zum Thema tatsächlich etwas vom Habitus rekonstruktiver Sozialforschung vermittelt wird. Bei aller Reichhaltigkeit auch sonstiger Literatur zu qualitativen Methoden, ist gerade ein solches Anliegen nach wie vor aktuell. Eben deshalb bedarf es aber bei der Frage danach, was ein Einführungstext in qualitative Methoden bringen soll, wenn man sich denn schon für anschauliche und elaborierte Rekonstruktionen entscheidet, einer noch konsequenteren Beantwortung in diesem Sinne. [15]

Anmerkung

Dies ist die leicht modifizierte Version eines Rezensionsaufsatzes, der zuerst in Handlung Kultur Interpretation. Zeitschrift für Sozial- und Kulturwissenschaften, 2000, 9(1), S.169-178 (edition diskord) erschienen ist. Wir danken den Herausgebern für die Erlaubnis eines Wiederabdrucks.

Literatur

Dahmer, Helmut (1989). Psychoanalyse ohne Grenzen. Aufsätze Kontroversen. Freiburg: Kore.

Flick, Uwe; von Kardorff, Ernst & Steinke, Ines (Hrsg.) (2000). Qualitative Sozialforschung. Ein Handbuch. Reinbek: Rowohlt.

Gebhard, Ulrich; Billmann-Mahecha, Elfriede & Nevers, Patricia (1997). Naturphilosophische Gespräche mit Kindern. Ein qualitativer Forschungsansatz. In Helmut Schreier (Hrsg.), Mit Kindern über die Natur philosophieren (S.130-153). Heinsberg: Dieck.

Hoffmann-Riem, Christa (1980). Die Sozialforschung einer interpretativen Soziologie. Der Datengewinn. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 32, 339-372.

Kelle, Udo (1994). Empirisch begründete Theoriebildung. Zur Logik und Methodologie interpretativer Sozialforschung. Weinheim: Deutscher Studien Verlag.

Mannheim, Karl (1952). Ideologie und Utopie (zuerst 1929). Frankfurt/M.: Schulte - Bulmke.

Mayring, Philipp (1996). Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zum qualitativen Denken (3., überarb. Aufl.). Weinheim: Beltz. Psychologie Verlags Union.

Riemann, Gerhard (1987). Das Fremdwerden der eigenen Biographie. Narrative Interviews mit psychiatrischen Patienten. München: Fink.

Straub, Jürgen (1999). Handlung, Interpretation, Kritik. Grundzüge einer textwissenschaftlichen Handlungs- und Kulturpsychologie. Berlin, New York: de Gruyter.

Strauss, Anselm (1994). Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung. München: Fink.

Zum Autor

Carlos KÖLBL ist zur Zeit Forschungsassistent in einer von Burkhard LIEBSCH und Jürgen STRAUB geleiteten interdisziplinären Studiengruppe, die sich am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen mit dem Thema "Lebensformen im Widerstreit. Identität und Moral unter dem Druck gesellschaftlicher Desintegration" beschäftigt, sowie Lehrbeauftragter für Methodenlehre an der Universität GH Essen. Forschungs- und Interessenschwerpunkte: Entwicklungs-, Sozial- und Kulturpsychologie, Psychologie des Geschichtsbewusstseins, Handlungstheorien, qualitative Sozialforschung; Arbeit an einer Dissertation zur Entwicklung des Geschichtsbewusstseins im Jugendalter.

Kontakt:

Dipl.-Psych. Carlos Kölbl

Kulturwissenschaftliches Institut Essen
Goethestr. 31
D-45128 Essen

E-Mail: carlos.koelbl@kwi-nrw.de

Zitation

Kölbl, Carlos (2001). Rekonstruktionen der Forschungspraxis – eine Antwort auf die Frage, was ein Einführungstext in qualitative Methoden bringen soll. Review Essay: Ralf Bohnsack (1999). Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in Methodologie und Praxis qualitativer Forschung [15 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 2(2), Art. 13, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0102135.

Revised 6/2008



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