Volume 2, No. 2, Art. 15 – Mai 2001

Verschwinden kann alles. Der Soziologe bleibt

Achim Seiffarth

Review Essay:

Ronald Hitzler, Jo Reichertz & Norbert Schröer (Hrsg.) (1999). Hermeneutische Wissenssoziologie. Standpunkte zur Theorie der Interpretation (Reihe: Theorie und Methode. Band 1). Konstanz: Universitätsverlag Konstanz, 350 Seiten, DM 58.- / EUR 29.65 / öS 423 / sFr 52.50, ISBN 3-87940-671-5

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Programm

3. Verschwindet die Gesellschaft?

4. Das Individuum und sein Habitus

5. Sprachursprung und das Verschwinden des Individuums

6. "... und eine kommode Religion"

7. Praxis? Eine Show!

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

Wo die "theoretischen Prämissen" eines soziologischen Wissenschaftsprogramms ausgearbeitet werden sollen, tut man gut daran, sich auf größere Materialschlachten einzustellen. Das gilt besonders dann, wenn es – wie im vorliegenden Falle – um jene phänomenologisch orientierte interpretative Sozialforschung geht, die von Alfred SCHÜTZ begründet wurde. Denn da hat, wer einzelnes anzugreifen glaubt, es gleich mit HUSSERL (Epoché! Appräsentation!), mit Max WEBER (Sinnadäquanz!) und – siehe da – auch mit Seite 845 von SARTREs "Das Sein und das Nichts" zu tun. Da wird Papier gewälzt. Da wird auf Begriffsminen getreten, aber darauf kommt es nicht an. Am Ende wird man sich umsehen und fragen, wer nun eigentlich (was) gewonnen habe. Die Antwort finden erschöpfte Leser und Leserinnen im Beitrag des Mitherausgebers Jo REICHERTZ, mit dem der Diskussionsband abgeschlossen wird: Wissenssoziologie definiert sich über einige Grundannahmen und ein möglichst rigoroses Verfahren der Datenauswahl und -verarbeitung, denn Letztbegründungen seien nicht zu haben, auch an HUSSERLs Epoché glaube kein Mensch mehr. Hätte, wer das Ganze so pragmatisch ausklingen lässt, nicht auch zuvor theoretische Fragen "pragmatisch" diskutieren können, ohne auf Ursprungsphilosophie und ein Dutzend Autoritäten zurückzugreifen? [1]

2. Das Programm

Bei soziologischen Theoriedebatten erfreut sich ein Spiel besonderer Beliebtheit: Vertreter verschiedener Richtungen werfen sich vor, jeweils nicht ganz unwichtige Aspekte des sozialen Lebens zum Verschwinden gebracht zu haben. Im Falle der Systemtheorie LUHMANNs ist das nichts weniger als der Mensch selber, und das gehört sich nicht. Im Falle der Hermeneutischen Soziologie wird der Verdacht laut, es sei die Gesellschaft, und das ist für Soziologen auch keine Empfehlung. Die Vertreter der Hermeneutischen Wissenssoziologie versuchen offenbar, diesem Verdacht zu entgehen. "Gesellschaft" kommt in den Prinzipien durchaus vor, welche die Herausgeber des Sammelbandes "Hermeneutische Wissenssoziologie" in ihrer kurzen Einleitung aufzählen: Vorausgesetzt wird, Handeln sei nicht nur durch "von außen" einwirkende Faktoren zu erklären. Die Subjekte agierten auf eigenwillige Weise. Dabei bezögen sie sich interpretierend und handelnd (auch) auf das, was ihnen "von außen", durch "Gesellschaften bzw. durch deren Institutionen" nahegelegt werde. So setzten sie Eingelebtes fort und erneuerten es zugleich. Die hermeneutische Wissenssoziologie beschreibt nun das "Außen", "Wirklichkeit", als "Wissensbestände" (Rezeptwissen, Kenntnis von Sanktionen und Normen usw.), die sich der Einzelne auf je subjektive Weise zueigen mache, was wiederum andere Subjekte – und mit ihnen Soziologen – zu verstehen versuchten. [2]

Wird "Gesellschaft" erwähnt, stellt sich bei diesem Ansatz, der die Interpretationsleistung des Subjekts so sehr betont, allerdings die Frage, wo sie sich befinde – technischer ausgedrückt: wie wir sie beschreiben, die Wissensbestände, die Gesellschaft, die Institutionen, die unserem interpretierenden Subjekt zunächst äußerlich gegenüberzustehen scheinen. Zu dieser Frage sind in Kapitel II "Handlung und gesellschaftliche Fundierung" mehrere Beiträge versammelt. [3]

Daran schließt sich eine zweite Frage an: Auf welche Weise sind die anderen Subjekte sich gegenseitig (und damit soziologischem Verstehen) zugänglich? Unter dem Titel "Subjektivität und Intersubjektivität" geht es im dritten Kapitel vor allem um dieses Problem. All dem geht ein erstes Kapitel voraus, in dem "Methodologische Reflexionen" angestellt werden sollen. LUCKMANN, SOEFFNER und HONER stellen dort klassische Positionen zur hermeneutisch und lebensweltlich orientierten Wissenssoziologie dar. Im Folgenden soll, um Wiederholungen zu vermeiden, auf diese Aufsätze nur im Rahmen einer problemorientierten Darstellung eingegangen werden. [4]

3. Verschwindet die Gesellschaft?

In seinem Beitrag über "Konsequenzen der Situationsdefinition" erklärt Ronald HITZLER, die soziale Welt (als "Situationsdefinition") befinde sich im Kopf der Einzelnen, und daher seien "soziale Phänomene als Aggregate individuellen Handelns" (S.297) immer erst in einem zweiten Schritt zu erklären. Aber lassen wir die ontologische Frage (Was kommt zuerst?) beiseite, und betrachten methodologisch, wie uns das Individuum mit seinen Situationsdefinitionen zugänglich ist, stellt sich die Sache geradezu umgekehrt dar: ein äußerer Beobachter wird nur über schrittweise Rekonstruktionen von einer Außen- zu einer (rekonstruierten) Binnenperspektive vordringen, die sich dabei auch als beschränkte Perspektive erweisen könnte. Ein Beobachter, der dergestalt die im Blick auf "Kulturbedeutung" hergestellte äußere Einheit des Handelns (Einheit der Manifestationen des Subjekts) mit einer inneren Einheit der Handlung verbinde, könne – argumentieren Hansfried KELLNER und Frank HEUBERGER – der WEBERschen Forderung gerecht werden, Kausal- und Sinnadäquanz miteinander zu verbinden. Allerdings scheint SCHÜTZ den Begriff der Sinnadäquanz auf eine Weise zu wenden, die sich nicht in solche Modellbildung einfügt. Thomas S. EBERLE ("Sinnadäquanz und Kausaladäquanz bei Max Weber und Alfred Schütz") meint, SCHÜTZ habe, wohl unter dem Einfluss der zeitgenössischen Wirtschaftswissenschaft (ein zu weites Feld) den Begriff der Kausaladäquanz eliminiert und sich gänzlich auf die Bildung von Modellen verlegt, wobei Sinnadäquanz die Form einer Rationalität annehme, die als Zweck-Mittel-Relation gedacht, objektiv (im Sinne der Richtigkeitsrationalität WEBERs) gültig zu sein scheint. Hierdurch gerate SCHÜTZ erstens in Konflikt mit der grundsätzlichen Subjektorientierung seines Ansatzes, und greife zudem auf ein Rationalitätskonzept zurück, das "in der Forschungspraxis" (in Wirklichkeit ist das, was EBERLE dann vorbringt, ein begriffliches Problem) problematisch sei. Der Autor schlägt nun einen nicht normativ beschränkten, reflektierten Umgang mit dem Begriff der Adäquanz vor. Auf den ersten Blick sieht das zwar nach Kopfsprung in eine neue Naivität aus: "Vollständige Adäquanz liegt vor, wenn die konkrete Sinnorientierung von Akteuren zutreffend erfasst ist" (S.115). Aber dieses – an sich unerreichbare – Ziel vollständiger Adäquanz deutet EBERLE im Sinne einer pragmatischen Orientierung: es bedeute letztlich nur "die Forderung ... über die Adäquanz explizit Rechenschaft abzulegen" (S.115f). Spätestens hier dürfte sich allerdings die Frage nach Aufwand und Ertrag des Klassikerstudiums stellen. EBERLE distanziert sich von (WEBERs und) SCHÜTZ' Auszeichnung der Zweckrationalität, womit der Problemhorizont anderer Beitragender (vgl. SOEFFNER, S.47) offenbar schon überschritten ist. Aber das, was doch laut Kapitelüberschrift Thema sein sollte, ist bei der Klassikerbehandlung aus dem Blick geraten: "gesellschaftliches Handeln". Die Rettung kommt aus der Integration anderer Theorien. [5]

4. Das Individuum und sein Habitus

Was bedeutet "gesellschaftlich"? Spielt im Handeln der Akteure etwas mit, was ihr aktuelles Bewusstsein, vielleicht ihr Bewusstsein überhaupt übersteigt? Michael MEUSER zufolge beantworten die Hauptvertreter der phänomenologisch informierten Soziologie (SCHÜTZ, BERGER, LUCKMANN) die Frage mit ja, ohne aber die begrifflichen Mittel auszuarbeiten (für SCHÜTZ etwa Weil-Motive), die zur Erfassung solcher hinterrücks ("a tergo") wirkenden Einflüsse nötig wären. Diese Lücke – so MEUSER – könnte durch BOURDIEUs Habitus-Begriff ausgefüllt werden, der etwas wie "inkorporierte Verfahren" thematisiert, die, "dem reflexiven Zugriff weitgehend entzogen", gesellschaftliche Ungleichheit reproduzieren. Allerdings greife BOURDIEU auf "sinnfremde" Begriffe zurück, etwa "Kapitalkonfigurationen", ohne eine genetische Rekonstruktion zu liefern, und sei deshalb in eine interpretative Soziologie schlecht zu integrieren. Ob hier nicht doch BOURDIEUs Hinweise auf Sozialisation einspringen könnten? Darauf geht MEUSER nicht ein. Er hält die Integration des MANNHEIMschen Begriffs des "konjunktiven Erfahrungsraums" für erfolgversprechend. Dieser "Raum" entstehe laut MANNHEIM im Medium des Sinns, durch "Gemeinsamkeit der Erfahrungsbasis", und sei daher zwar dem Verstehen des Beobachters (hier erläutert MEUSER MANNHEIMs Darstellung des hermeneutischen Zirkels), den Handelnden selbst aber "eher intuitiv denn reflexiv zugänglich" (S.133). Dabei legt MEUSER Wert auf die Feststellung, dass die Individuen diese vom sozialen Kontext herzuleitenden Strategien ständig interpretieren, bei Nichtfunktionieren auch "reparieren" müssten, und daher nicht als "kognitive Deppen", blind Ausführende, betrachtet werden dürften, sondern "virtuose [...] Interpreten der Welt" seien, deren soziostrukturelle Einbindung gleichwohl nicht außer Acht bleiben dürfe. Von diesem Ausgangspunkt aus sei auch die Entwicklung der modernen Gesellschaft nicht mehr einsinnig als "Individualisierung" zu beschreiben, sondern immer zugleich Habitualisierung (etwa über Milieus) in die Betrachtung mit einzubeziehen. Wird hier das Subjekt in weitere gesellschaftliche Zusammenhänge einbezogen, könnte der sinnverstehend-rekonstruierenden Betrachtung immer noch ein systematisches Vorurteil zur Last gelegt werden. Denn ihr gerät die Einheit von subjektiver und objektiver Welt, immer nur konsensuelle Wirklichkeitskonstruktion in den Blick, während die Frage, wie bei konkurrierenden Wirklichkeitsentwürfen entschieden werde, nicht gestellt wird. "Die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit ist eben nicht das Ziel, sondern das Ergebnis eines praktischen Lebensvollzuges, der unübersehbar von Machtinteressen durchsetzt ist" (S.166), schreibt Nathalie IVÁNY und plädiert für die Integration des Machtbegriffs von Anthony GIDDENS in die wissenssoziologische Perspektive, wobei der objektivistische Ressourcenbegriff GIDDENS' umformuliert werden müsse. [6]

5. Sprachursprung und das Verschwinden des Individuums

Was in der verstehenden Sozialforschung Subjekt, subjektive Deutung, subjektive Absicht heißt, ist Ergebnis der Konstruktion durch den Beobachter. Das akzeptieren Systemtheoretiker und Hermeneutiker gleichermaßen. Systemtheorie beschreibt Kommunikation als totalitär, in sich geschlossen. Die Hermeneutiker halten den Beitrag des Individuums für zentral, das ständig aus subjektiver Weltsicht heraus Kommunikation vorantreiben, oft auch reparieren muss. Ob die beiden Ansichten einander ausschließen? Vermutlich nicht. Aber die Theoriediskussion führt hier, beim Vergleich von Systemtheorie und Hermeneutischer Soziologie, dem die zentralen Aufsätze des dritten Kapitels gewidmet sind, auf die Frage der Entstehung von Kommunikation zurück. [7]

LUHMANN beantwortet die Frage durch Beschreibung des Problems: der doppelten Kontingenz beim Kontakt (?) zweier psychischer Systeme, und der Lösung: an sich extrem unwahrscheinlich, ist sie dann außerordentlich evolutionswirksam – so wirksam, dass die einzelnen psychischen Systeme nur mehr in unüberbrückbarer Ferne, als irritierende Geräuschquelle erscheinen. An dieser Version kritisiert Norbert SCHRÖER in seinem Beitrag "Intersubjektivität, Perspektivität und Zeichengebrauch" erstens eine gewisse Willkür des Perspektivenwechsels (dabei, könnte man hegelianisierend einwenden, folgt LUHMANN einfach dem Gang des Begriffs), zweitens bemängelt er die Reduzierung des Individuums, dessen "Anstrengungen" bei der (Nicht-) Aufrechterhaltung von Kommunikation nicht zur Geltung kämen, und weist drittens darauf hin, dass LUHMANNs Sicht stark kontra-intuitiv sei, der Sicht der Beteiligten widerspreche. In ihrem Artikel über "Kommunikation, Verstehen, Verständigung" erklärt Ursula DALLINGER die Konstitution von Sprache aus phänomenologischer Sicht. Sprache sei auf die Face-to-face-Situation, die Synchronisierung von innerem Zeiterleben und äußerer Zeit in der Wahrnehmung "äußerer Objekte ... oder Vorgänge am Körper des Anderen" in der Wir-Beziehung zurückzuführen (S.259). Ob das "funktioniert", also die Entstehung von Sprache erklärte, sei hier einmal dahin gestellt. Folgenreich an dieser Vorstellung dessen, was die Autorin denn auch Ursprung der Sprache nennt, ist eben der ihr zugeschriebene Status selber, wird hier doch eine eigentliche, gründende Kommunikationssituation von anderen – abgeleiteten – unterschieden. Konsequenzen dieser Art von Rekonstruktion sind: 1) andere Kommunikationsformen (Massenmedien) erscheinen von vorneherein als uneigentliche Formen, sind nicht mehr als Kommunikation eigenen Rechts erfassbar; 2) beruht "Verständigung durch Sprache ... auf der Fixierung der Darstellungsfunktion der Zeichen, abgelöst vom Ursprung in der Wir-Beziehung" (S.260), dann ist die Wandlung von Sprachbedeutung auf Variationen im Sprachgebrauch oder das Ausnutzen von (vorgegebenen) fringes begrenzt – womit wir tatsächlich in die Nähe strukturalistischer Sprachauffassung geraten sind. War eine "quasi(!)-strukturalistische Position, in der die Subjekte als Anhängsel ihrer Kultur begriffen werden" (SCHRÖER, S.209) nicht gerade zu vermeiden? Da mutet doch die Aufforderung SCHRÖERs, "die verbleibende Fragilität jeder kommunikativen Verständigung stärker hervorzuheben" (a.a.O.), etwas hilflos an. LUHMANN verzichtet auf authentische Ur-Szenarien der beschriebenen Art und kann an dieser Stelle zwei Punkte verbuchen: wegen der Allgemeinheit seiner Theorie und für die pragmatische Verflüssigung von Kommunikation. [8]

6. "... und eine kommode Religion"

Was wirft man LUHMANN vor? Ursula DALLINGER stellt dar, dass es mit der von LUHMANN gefeierten Autopoiesis nicht so weit her sei, weil auch ein LUHMANN-System etwas voraussetzen müsse, wobei die Autorin aber wohl fälschlich voraussetzt, eine Voraussetzung sei eine Voraussetzung. Hubert KNOBLAUCH beleuchtet "Unterschiede und Überschneidungen zwischen Systemtheorie und Sozialkonstruktionismus". Er bemerkt, "Bewusstseinsprozesse sind ... konstitutiv für Handlungen, für Kommunikation und für Gesellschaft" (S.223), das/die System/e könnte/n sie nicht einfach hinter sich zurücklassen – sie beziehen "Bewusstsein" denn ja auch mitunter ein, aber mit eigenen Mitteln (und was heißt hier "konstitutiv"?). Der Eindruck solcher Wortgefechte verblasst freilich angesichts der Liste von Gemeinsamkeiten von Systemtheorie und hermeneutischem Sozialkonstruktivismus: 1) statt Handlung stehe bei beiden Kommunikation im Mittelpunkt; 2) beide siedelten Soziologie auf der Ebene von Beobachtung/Konstruktion zweiter Ordnung an; 3) beide sehen soziales Leben als immer schon interpretiertes Leben an; 4) "die Position Luhmanns impliziert eine fast postmoderne Relativierung der wissenschaftlichen Beobachtung, wie sie andernorts in der Kritik etwa ethnographischer Beobachtung zum Ausdruck kommt" (S.228), wovon sich auch in SCHÜTZ' Abgrenzung gegenüber HUSSERL Spuren fänden – SCHÜTZ betone hier den Wert methodischen Vorgehens, LUHMANN antworte durch "Erhöhung des theoretischen Niveaus". [9]

Der Autor unterstreicht abschließend die Komplementarität beider Positionen. So sei für die Systemtheorie die Frage der empirischen Validierung ein Problem, während die konkreten "Formen und Ausprägungen, die das Soziale annimmt", dem Hermeneutiker kaum zugänglich seien. Systemtheorie konzentriere sich auf soziale Semantik, Sozialkonstruktivismus eher auf pragmatische Aspekte. KNOBLAUCH schlägt einen Mittelweg vor, den er "kommunikativen Konstruktivismus" nennt. Sein Credo: "Gesellschaft besteht [...] im Kern aus der Kopplung von Bewusstsein und Kommunikation" (S.233). Offensichtlich nimmt der Autor den begriffsstrategischen Kontrast zwischen LUHMANNianern und HUSSERLianern nicht allzu ernst, auf den er zuvor hingewiesen hatte (die einen denken in Differenzen, die anderen glauben, in Identitäten zu denken). Ob KNOBLAUCH so dem etwas näherzurücken glaubt, was er "spätmodernen Zeitgeist" nennt und was er – wie Ursula DALLINGER auch – ganz auf Seiten LUHMANNs wähnt? [10]

7. Praxis? Eine Show!

Der Staub hat sich gelegt, die Schlacht der Klassiker ist vorüber. Sieger sind nicht zu ermitteln, aber es sieht so aus, als ließe es sich in den Ruinen ganz gut leben. Hatte sich nicht in der Auseinandersetzung mit LUHMANN ein gewisser Konsens abgezeichnet (der ja etwa auch die Ethnographie nach GEERTZ und die Ethnomethodologie mit einschlösse); hatte sich nicht auch gezeigt, dass ganz nach Bedarf Begriffe wie Habitus, hermeneutisch umgeformt, in das Begriffsinstrumentarium aufgenommen werden können (was ja faktisch in Forschungsarbeiten schon geschieht)? – Da wäre doch die Frage nicht ganz abwegig, wie weit empirisches Arbeiten mit dieser "kommoden Religion" kommen könne, ohne die eines HABERMAS würdige (vergebliche) Fleißarbeit der Synthese im "Kommunikativen Konstruktivismus" zu übernehmen. Ein Nachwort? Keine Spur. Kaum scheinen Individuum und Gesellschaft gerettet, bringt man die ganze Diskussion zum Verschwinden und geht schweigend zur Praxis über. [11]

Jo REICHERTZ geht von einer grundsätzlichen Begründungsschwierigkeit wissenschaftlichen Arbeitens aus und betrachtet die Forschungsaktivität unter dramatologischem Gesichtspunkt. Damit greift er den professionssoziologischen Ansatz eines im dritten Kapitel eher isoliert stehenden Aufsatzes von Michaela PFADENHAUER wieder auf. PFADENHAUER weist auf die Schwierigkeit der Selbstdarstellung von Professionalität hin. Professionalität sei kein "brute fact", sondern müsse jeweils über Handeln, Attestate etc. erst erschlossen werden. Zum Erfolgswissen des Experten gehöre daher immer auch Darstellungskompetenz. Er müsse "bei anderen glaubhaft den Eindruck von Expertenschaft [...] erwecken" (S.281). REICHERTZ fragt nun, wie das dem Sozialwissenschaftler gelingen könne. Hier geht es ums Geld: Nicht nur seien immer mehr Sozialwissenschaftler auf außeruniversitäre Auftraggeber angewiesen, auch innerhalb der Universität werde die Institutionalisierung von Leistungskontrolle gefordert. REICHERTZ zählt eine Reihe von Kriterien auf, welche für die Wissenssoziologie Geltung hätten, und untersucht dann die Rolle verschiedener Verfahren bei der Rechtfertigung der Gültigkeit einer empirischen Arbeit, etwa die Technik der Perspektiven-Dekonstruktion durch Sequenzanalyse oder der Bezug auf die Mehrperspektivität der wissenschaftlichen Gruppendiskussion. Insbesondere die Fragen der "Zuverlässigkeit der Datenerhebung", der "Repräsentativität der Datenauswahl" und der "Gültigkeit der (generalisierten) Aussagen" müssten beantwortet werden, wenn der qualitativ arbeitende Sozialwissenschaftler sich als professionell darzustellen wünscht. [12]

Ein Problem bleibt: Inzwischen wissen alle Beteiligten, dass ihre Arbeit nicht im Abbilden von Wirklichkeit, sondern im Bau von Konstruktionen besteht, welche von anderen Konstruktionen verschluckt oder beiseite geschoben werden können. Sozialforscher verfahren deshalb "gewissermaßen augenzwinkernd, so ..., als ob sie die soziale Wirklichkeit" (SCHIMANK zit. nach REICHERTZ, S.329) abbildeten. REICHERTZ wünscht sich hier "ernsthafte Naivität": man müsse "die jeweiligen Akteurfiktionen [des Wissenschaftlers! A.S.] ernstnehmen, will man weiterhandeln" (S.330). Das ist wohl auch im Interesse der geldeintreibenden Selbstdarstellung kaum vermeidlich. Sehr ernsthaft entrüstet sich REICHERTZ denn auch über die schlechte Qualität vieler qualitativer empirischer Arbeiten, deren Rolle sich daher zunehmend auf die (gratis verfertigte) Examensarbeit beschränke. Aus der Sicht des Universitätswissenschaftlers ist diese Entrüstung verständlich; von außen wird man hingegen gerade auch schlechte Konstruktionsarbeiten mit Gewinn de- und rekonstruieren, "gewissermaßen augenzwinkernd". [13]

Zum Autor

Achim SEIFFARTH, M.A., Jahrgang 1960. Studium der Philosophie, Soziologie und Germanistik an der TU Berlin. Lektor für deutsche Sprache an der (staatlichen) Universität Mailand. Lehrbuch- und Zeitschriftenveröffentlichungen zur Didaktik, vor allem des Deutschen. Fachliche Interessen: Theorie, soziologisch informierte Landeskunde (observing).

Kontakt:

Achim Seiffarth

Università degli Studi di Milano
Ist.di Germanistica
Piazza S.Alessandro, 1
I-20123 Milano

E-Mail: Achim.Seiffarth@unimi.it

Zitation

Seiffarth, Achim (2001). Verschwinden kann alles. Der Soziologe bleibt. Review Essay: Ronald Hitzler, Jo Reichertz & Norbert Schröer (Hrsg.) (1999). Hermeneutische Wissenssoziologie. Standpunkte zur Theorie der Interpretation. [13 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 2(2), Art. 15, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0102150.

Revised 6/2008



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