Volume 2, No. 2, Art. 24 – Mai 2001

Desintegrationsprozesse im öffentlichen Stadtraum – Analysen und Szenarien zur Mediatisierung der Städte

Dagmar Hoffmann

Review Essay:

Helmut Bott, Christoph Hubig, Franz Pesch & Gerhart Schröder (Hrsg.) (2000). Stadt und Kommunikation im digitalen Zeitalter. Frankfurt/M.: Campus, 310 Seiten, DM 68.-, ISBN 3-593-36407-7

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Inhalt

2.1 Stadt und Kommunikation im Wandel

2.2 Stadt, Kommunikation und öffentlicher Raum

2.3 Semiotik der Stadt

2.4 Information – Kommunikation – Partizipation?

3. Resümee

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung

Über die Folgen der Individualisierung für das öffentliche Leben und die Schwierigkeit, sich im öffentlichen Raum als Individuum zu verorten, ist in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur von Soziologen viel sinniert worden (vgl. z.B. KEIM 1997, KEUPP 1994, SENNETT 1986). Prozesse der Modernisierung und die damit einhergehende Rationalisierung und Individualisierung (vgl. z.B. van der LOO & van REIJEN 1997) gelten als wesentliche Ursachen für den Verlust des Städtischen. Darüber hinaus wird die Relevanz der neuen Technologien für moderne Stadtentwicklungsprozesse betont. Sie induzieren neue Formen der Verständigung der Individuen im öffentlichen Raum, setzen modifizierte Zeitstrukturen frei, haben Desintegrationsprozesse und Entsolidarisierungen zur Folge (vgl. HONNETH 1994). Der vorliegende Sammelband kann als eine Art Bestandsaufnahme betrachtet werden, in der aus ganz unterschiedlichen Perspektiven Gegenwarts- und Zukunftsdiagnosen zur Entwicklung von Städten vor dem Hintergrund sich verändernder Kommunikation vorgestellt und kritisch diskutiert werden. [1]

2. Zum Inhalt

Stadtplaner, Sozial- und Kulturwissenschaftler, Philosophen und Architekturkritiker haben hier den Versuch unternommen, die neuen Formen flüchtiger Öffentlichkeit in ihrer Bedeutung für die postmoderne Stadt zu erfassen und zu analysieren. Es wird davon ausgegangen, dass Kommunikation, Information, Dienstleistungen und Unterhaltung im digitalen Zeitalter nicht mehr auf einzelne Orte angewiesen sind, sondern dass sie überall getätigt und mehr oder weniger ortsunabhängig abgerufen werden können. Die Mediatisierung ermöglicht die Aufhebung räumlicher Bindungen, damit werden z.B. lokale, feste Büroarbeitsplätze überflüssig und Verankerungen in Teams und Organisationen scheinen sich aufzulösen. [2]

Durch zunehmende Digitalisierungen verändert sich – so die kulturpessimistisch anmutende These – der öffentliche Raum, entstehen neue Formen der Kommunikation, die mitunter auch andere Lebensstile zur Konsequenz haben bzw. andere Alltagswelten der Stadtbewohner induzieren. Es wird befürchtet, dass der öffentliche Raum zur Bedeutungslosigkeit verdammt ist, dass sog. "Nicht-Orte" entstehen, die dem öffentlichen Raum einer Stadt nicht bedürfen und die an keinen konkreten Ort angebunden sind. Die Auswirkungen solcher Trends für die private und öffentliche Kommunikation werden theoretisch zu erfassen versucht, wobei sowohl auf klassische wie auch zeitgenössische philosophische und soziologische Konzepte zurückgegriffen wird. Neben den Theoretikern melden sich auch Praktiker der Stadtplanung und Architektur zu Wort, die aus ihrer Sicht und mit ihren Erfahrungen Probleme hinsichtlich der Gestaltung des öffentlichen Raums erörtern, eines Raums, der öffentliches Leben nicht segmentieren und "entsinnlichen" soll. [3]

Den kulturpessimistischen Szenarien werden in traditioneller Hinsicht funktionale städtische Kommunikationen entgegengesetzt, wobei eine Vielzahl von zum Teil recht anschaulichen Beispielen angeführt wird. Partizipationen am öffentlichen Leben in den Städten scheinen demzufolge trotz zunehmender Individualisierungen und Digitalisierungen nach wie vor möglich. Bestehende kulturelle Institutionen und Orte, die mehr oder weniger von Entwertungen und Demontage bedroht sind, werden trotz allem bekanntlich frequentiert und erleben wider Erwarten eine Renaissance. Zudem entstehen neue Orte der Solidarisierungen, werden Plätze in ganz eigentümlicher Weise besetzt, gibt es unplanmäßige Dynamiken, wobei das Beispiel der Techno-Freaks mit ihrer jährlich stattfindenden Parade einige Autoren in dem vorliegenden Band fasziniert. [4]

Dem Sammelband ging im Herbst 1998 ein internationales Kolloquium im Rahmen des Alcatel SEL Stiftungskollegs an der Universität Stuttgart mit gleichnamigem Titel voraus, das vom Zentrum für Kulturwissenschaften und Kulturtheorie, dem Städtebau-Institut sowie der Abteilung für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie der Universität Stuttgart veranstaltet wurde. Dokumentiert wurden 17 Beiträge, die als interdisziplinäres Diskussionsforum verstanden werden können. Insgesamt gliedert sich der Band in vier Themenbereiche:

  • Stadt und Kommunikation im Wandel (BÖHME, KONITZER, HÄUSSERMANN, RIBBECK, LINTL & GROSSMANN),

  • Stadt, Kommunikation und öffentlicher Raum (BOTT, PARAVICINI, HUBELI, STEIERWALD, PAWLEY),

  • Semiotik der Stadt (AUGÉ, MERSCH, MALPAS) und

  • Information – Kommunikation – Partizipation? (LOVINC, RENN & OPPERMANN, KRCMAR & SCHWABE, PESCH) [5]

Im folgenden wird die thematische Gliederung aufgenommen, wobei allerdings nicht alle Beiträge gleichermaßen ausführlich rezensiert werden können. [6]

2.1 Stadt und Kommunikation im Wandel

In dem Themenbereich "Stadt und Kommunikation im Wandel" konzentrieren sich sechs Autoren in fünf Beiträgen im wesentlichen auf die Frage, ob und wie neue Formen der Kommunikation Stadt verändern und Öffentlichkeit determinieren können. Helmut BÖHME stellt zunächst die Bedeutung der Kommunikation als elementare Komponente für die Konstituierung von Stadt heraus. Nach einer komprimierten Begriffsdefinition von Konstitution und Kommunikation kommt er zu dem Schluss, dass städtische Kommunikation im herkömmlichen Sinn als raumverdichtend zu bezeichnen ist, während sich die telekommunikative Stadt eher raumlos präsentiert, dafür aber zeitverdichtend. Denn durch die Allgegenwärtigkeit von Information und Kommunikation können Distanzen aufgehoben werden und bedingende Räume überwunden werden. "Stadt ist nicht mehr notwendiger, topographisch fixierter Ort für Kommunikation" (BÖHME, S.16), aber sie behält elementare Kernbereiche bei und widersteht damit den neuen Entwicklungen. Die gesellschaftlichen Bedingungen sind für eine Stadt in sozialer und kultureller Hinsicht konstitutiver als Technologien, die Informationstransfers verändern. Gleichwohl wird sich Stadt neu konstituieren (müssen), wobei ein wesentlicher Bestimmungsfaktor der der Erinnerung und der Besinnung ihrer Bewohner auf die erlernte Zeichenverständigung und auf erlebte räumliche Dichte ist. Davon wird die künftige Gestaltung von Stadt determiniert werden, so dass polyzentristische oder amorphe Tendenzen sich nicht durchsetzen werden. [7]

In dem Beitrag von Werner KONITZER geht es weniger um veränderte Stadtbilder, sondern mit Verweisen u.a. auf Hannah ARENDT, Karl POPPER, John DEWEY und Eric A. HAVELOCK um die Veränderungen der Öffentlichkeit und der Medien sowie um die Veränderungen der Öffentlichkeit durch eine zunehmende Mediatisierung. KONITZER setzt sich dabei mit der Entstehung und dem Strukturwandel von Öffentlichkeit unter maßgeblicher Einbeziehung der Theorie von HABERMAS auseinander. Durchaus nachvollziehbar weist er darauf hin, dass die Kommunikation mittels der digitalen Medien Formen des gemeinsamen Denkens und Sprechens erweitert hat, und dass es aber noch nicht gelungen ist, die neuen Kompetenzen der Kommunikation für die unmittelbare Verständigung in der nicht-medialen Öffentlichkeit nutzbar zu machen. [8]

Der sich anschließende Artikel von Hartmut HÄUSSERMANN skizziert – verständlich und klar strukturiert – anhand der gegensätzlichen Konzepte über Stadtkultur von Georg SIMMEL und Robert PARK zukünftige zwischenmenschliche Kommunikationsmuster in Form von Trends. Er schärft mit seinem Beitrag den Blick für eine Qualitätsprüfung der neuen städtischen Kultur, die Anonymität und Distanziertheit in ihrer ursprünglichen Form durchaus konservieren kann, die ihre Heterogenität verlieren und sich jeglicher Kontrolle entziehen wird. [9]

Den bis dahin theoretisch anspruchsvollen Beiträgen folgt – wofür der Leser nicht undankbar ist – ein kurzer Bericht mit Fotomaterial von Eckhart RIBBECK über die urbane Kommunikation in Mexiko-Stadt und Rio de Janeiro. Wünschenswert wäre hier eine Erläuterung der Fotos, die die abgebildeten Orte benennt. Zwar lässt sich dieser Vergleich des metropolitanen Lebens dieser Städte nicht in einen unmittelbarem Zusammenhang zu den anderen Aufsätzen dieses Kapitels bringen, zu denen man eher europäische Großstädte assoziiert, aber er demonstriert die Schwierigkeiten allein auf deskriptiver Ebene städtische Kommunikationsformen in ihrer Entwicklung plastisch und analytisch erfassen zu wollen. Zum Abschluss dieses Themenkomplexes "Stadt und Kommunikation im Wandel" greifen Mathias LINTL und Wolf Dieter GROSSMANN ökonomische Prozesse der Informationsgesellschaft auf, die die Attraktivität der Stadt in Frage stellen. Thematisiert werden von den beiden Autoren die besonderen Standortanforderungen an Städte und Regionen, die speziellen Umwelt- und Freizeitqualitäten, die veränderte Unternehmenskulturen zur Bedingung machen und als innovativ erachten. [10]

2.2 Stadt, Kommunikation und öffentlicher Raum

In dem folgenden Kapitel widmen sich verschiedene Autoren unter Berücksichtigung der progressiven technologischen Neuerungen der Neubestimmung des öffentlichen Raumes. Dabei werden Alltagsbeobachtungen zu systematisieren versucht, stadtplanerische Konzepte vorgestellt und Probleme der Urbanitätsrealisation erörtert. Zunächst zeigt Helmut BOTT etwas kryptisch heutige Entwicklungen und Szenarien (wie etwa das "Desintegrationsszenario" und das "Stadt-Schichtenszenario") von Städten auf. Er macht deutlich, dass es bildlich sehr schwer fassbar ist, was Stadt heute eigentlich ausmacht und wie sie sich konkret verändert. Die Stadt zeigt sich ambivalent: Konsum findet immer häufiger in ausgelagerten Dienstleistungszentren statt oder wird per Teleshopping erledigt. Die gute und moderne Ausstattung mit Medien in den Haushalten ermöglicht vielen Menschen Homebanking und einen Heimarbeitsplatz. Dies spricht für ein Absterben des öffentlichen Raumes. Doch andererseits finden in den Städten gut besuchte Großevents statt und werden kulturelle Einrichtungen wie Kinocenter bestens frequentiert. Demnach wird der öffentliche Raum doch nach wie vor – zumindest kulturell – "besetzt". [11]

Befürchtet wird dennoch von vielen Beobachtern ein Bedeutungsverlust öffentlicher Räume, weil sich physische Kontakte und zwischenmenschliche Beziehungen prinzipiell zu reduzieren scheinen. Prognostiziert wird – so Ursula PARAVICINIs Bilanz – ein Verlust von Verantwortlichkeit und sozialer Kontrolle im öffentlichen Raum durch eine zunehmende Fokussierung auf die medial-vermittelte Welt. Es besteht die Gefahr einer autistischen Gesellschaft, in der sich die Individuen zurückziehen. Demgegenüber wird ein Bild einer Informationsgesellschaft entworfen, in der in virtuellen Welten attraktive neue Lebensräume entstehen, die vernetzte Formen von Urbanität als Lebensweise zur Folge haben. Dieser kontroversen Debatte fügt PARAVICINI einen neuen Aspekt hinzu, in dem sie darauf hinweist, dass "die virtuelle, immaterielle Öffentlichkeit über die Netze nicht gegen die sinnlich wahrnehmbare, in den ortsspezifischen öffentlichen Räumen erfahrbare Öffentlichkeit ausgespielt wird" (PARAVICINI, S.118). Die Autorin berücksichtigt als einzige die besondere Situation und Sicht der Frauen in einer sich verändernden Stadt. Sie liefert in ihrem Beitrag gestalterische, stadtplanerische Vorschläge als zukunftsorientierten Ansatz für die Neukonzeption öffentlicher Räume am Beispiel von Barcelona. [12]

Drei ganz zentrale und interessante Fragen in Bezug auf den öffentlichen Raum stellt sich Ernst HUBELI: (a) Ist das öffentliche Leben und der öffentliche Raum wirklich zerstört? (b) Ist Öffentlichkeit überhaupt planbar? (c) Kann Öffentlichkeit dargestellt oder symbolisiert werden? Diese Fragen werden von dem Autor plausibel diskutiert und anhand von Beispielen (Versaille, New York und Zürich) detailliert erläutert, ergänzt mit einem stadtplanerischen Projekt. Fazit seiner Überlegungen ist, dass es möglich ist, öffentliche Räume mit einer definierten Funktionalität zu gestalten, aber inwieweit das verfolgte Ziel der Planer dann von den Menschen angenommen wird, kann als unmöglich steuerbar eingeschätzt werden. [13]

Das unkontrollierte Steuerungsdilemma ist im weiteren thematischer Fokus von Marcus STEIERWALDs Beitrag. Er stellt Urbanitätsvorstellungen und -realisationen gegenüber, wobei auch er die Problematik mit Beispielen zu veranschaulichen versucht. Er will darauf hinweisen, dass Planer die Funktionalität der Stadt unterstützen können, aber dass sie durch bewusste Nicht-Planung Freiräume für eine behutsame Stadtentwicklung offen halten sollten. Was die Digitalisierung der Stadt anbetrifft, so wird sie seiner Ansicht nach die Zukunft der Stadt nur begrenzt beeinflussen. Zudem wird sie keine neuen Verortungen erzeugen, sondern neben dem Stadt-Quartier wird voraussichtlich ein virtuelles Nicht-Quartier entstehen. Das Kapitel schließt mit einem gewagten Exkurs von Martin PAWLEY über die fiktionale Bevölkerung in Großstädten. Der fiktionalen Stadt der Zukunft stellt er die traditionelle europäische Stadt gegenüber. Diese Komplementarität gelingt ihm überzeugend, weniger stimmig scheint mir die Metapher des "Sandhaufen-Urbanismus" zur Beschreibung post-urbaner und post-kunsthistorischer Muster. [14]

2.3 Semiotik der Stadt

Dieses Kapitel vereinigt drei Beiträge, die sich mit den Zeichen- und Symbolsystemen als Kommunikationsform in der Stadt auseinandersetzen. Aus einer anthropologischen Perspektive entwirft Marc AUGÉ das Bild einer Stadt, die in Orte und Nicht-Orte geteilt ist. Als Nicht-Ort definiert er einen Raum, in dem sich weder Identitäten noch Beziehungen noch Geschichte ablesen lassen, wie z.B. Räume des Verkehrs, Räume der Kommunikation und Räume des Konsums: Sie werden hauptsächlich von einsamen und schweigenden Individuen frequentiert. Diese Nicht-Orte wie auch z.B. Disneyland und Center Parks werden immer selbstverständlicher und gleichen sich weltweit. Damit werden Vorstädte und Peripherien zu Nicht-Orten und erscheinen als Anti-Urbanität. Stadt wird als Fiktion zum (fremden) Spektakel. [15]

Reduziert man nur den Blick auf die Semiotik der Stadt, so macht dies eine schlüssige und eindeutige Interpretation von Stadt auch nicht leichter. Sehr bildhaft philosophisch unternimmt Dieter MERSCH in Anlehnung an BARTHES den Versuch, die "Erotik der Stadt" zu spezifizieren und greifbar zu machen. Er versucht über verschiedene geschickte Zugänge herauszufinden, wo die Aura der Urbanität liegt, die Ordnung und Struktur der Stadt. Aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet kommt MERSCH zu dem Schluss, dass Stadt mehr oder minder mystisch und auch durch die imaginären Räume der Medien inszeniert und fiktional bleibt. Der Anspruch einer "Ethik" des Urbanen ist seiner Ansicht nach lobenswert, doch schwer umsetzbar. Mit einem Rückbezug auf HEIDEGGERs und FOUCAULTs Kategorisierung von Technologie und gesellschaftlicher Entwicklung, versucht Jeff MALPAS mehr in ideologischer Hinsicht "the city as the image of modernity" (S.215f.) zu verstehen und zeigt die Wechselbeziehung zwischen "modernity" und "urban" auf. Technologien produzieren Dysfunktionalitäten, leisten seiner Ansicht nach aber auch einen wesentlichen Beitrag zur Kontrolle und zum Management der Bevölkerung einer Stadt. [16]

2.4 Information – Kommunikation – Partizipation?

Das letzte Kapitel des vorliegenden Tagungsbandes wird von den niederländischen Medienwissenschaftlern Geert LOVINC und Patrice RIEMENS eröffnet, die im Prinzip die mediale Infrastruktur in diesem Fall Amsterdams zu beschreiben versuchen. Sie bemühen sich, individuelle Partizipationsmöglichkeiten in Bezug auf die neuen Medien und im Hinblick auf "the Digital City" aufzuzeigen. Hier kann der Cyber-resistente Leser eine Ahnung davon erhalten, wie folgenreich Virtualität und Vernetzungen in ökonomischer, kultureller und sozialer Hinsicht sein können. Relativ nüchtern erscheint dann der nachfolgende Artikel über Bürgerbeteilungsverfahren in der Raumplanung von Ortwin RENN und Bettina OPPERMANN. Die Autoren plädieren für eine bevölkerungsverträgliche Planungskultur, die nur unter Einbeziehung der betroffenen bzw. potentiell betroffenen Individuen gelingen kann. Sie stellen relativ ausführlich verschiedene Mediationsmodelle dar und prüfen sie auf ihre Effizienz. [17]

In diesen thematischen Kontext passen auch die folgenden Ausführungen von Helmut KRCMAR und Gerhard SCHWABE zur Digitalisierung und Transparenz der Parlamentsarbeit. Berichtet wird von einem Projekt, das sich mit den Problemen und den Erfolgsaussichten der computerunterstützten Arbeit eines Stuttgarter Gemeinderats beschäftigt. Generell halten die Autoren solche virtuellen Einrichtungen für chancenreich und bürgerfreundlich. Kritisch merken sie an, dass damit Wissen nur für bestimmte Interessens- und Bevölkerungsgruppen zur Verfügung gestellt, anderen die Nutzung solcher Einrichtungen verwehrt bleiben wird. Mit kooperativen, offenen Planungsverfahren beschäftigt sich dann auch der letzte Beitrag von Franz PESCH, der das Großprojekt Stuttgart 21 vorstellt. Seiner Meinung nach gehen Städte mit Großprojekten immer ein großes Wagnis ein, wobei nicht allein ihre Größe und Physiognomie Sprengkraft auslöst, sondern die oftmals fehlende Transparenz der Verfahren und die begrenzte wirtschaftliche Beherrschbarkeit problematisch ist. Der Stadt wird damit nicht erlaubt, sich in gewohnten Zeitintervallen weiterzuentwickeln, und als Ort sinnlicher Erfahrung und politischer Entscheidung wird sie immer mehr auf die konsumptive Ebene zurückgedrängt. [18]

Insgesamt scheint dieser Themenkomplex jedoch inhaltlich recht unterschiedliche Beiträge zu bündeln. Es werden aufgrund des Titels "Information – Kommunikation – Partizipation?" und des ersten Beitrags tendenziell eher medienwissenschaftliche Abhandlungen erwartet, demzufolge überraschen die nachfolgenden Artikel ein wenig, was allerdings auch der Rezensentin bzw. ihrer Leseweise geschuldet sein kann. [19]

3. Resümee

Wie prinzipiell für Tagungsbände typisch, wird auch in dem vorliegenden ein themenzentrierter Querschnitt geliefert, der sich allerdings durch Interdisziplinarität und eine gelungene Mischung von Theorie und Praxisbezug auszeichnet. Wird auch an einigen Stellen der Eindruck erweckt, dass die Beiträge mehr oder weniger beziehungslos nebeneinander stehen, so ergibt sich aber in der Gesamtheit ein fruchtbarer Diskurs sowohl über kulturpessimistische Thesen als auch über zukunftsweisende, optimistische Annahmen und idealtypische Vorstellungen von "Stadt und Kommunikation im digitalen Zeitalter". Die Betrachtungsweisen sind – was durchaus erfreulich ist – gesellschaftlich und individuell ausgerichtet. Somit öffnet sich das Buch für eine breite, primär aber doch wissenschaftsorientierte Leserschaft. Letztere wird – was vergleichsweise ärgerlich ist – leider in mehreren Artikeln (u.a. von HÄUSSERMANN und PARAVICINI) interessante und notwendige Literaturangaben vermissen. Da Sammelbände in der Regel immer einen etwas "patchworkartigen" Charakter haben, wäre zum Ende der Lektüre ein Abschlusskapitel durchaus angebracht gewesen, das die einzelnen Beiträge sinnstiftend vernetzt. Das Vorwort von Helmut BOTT genügt diesem Anspruch nur sehr bedingt. [20]

Literatur

Honneth, Axel (1994). Desintegration. Bruchstücke einer soziologischen Zeitdiagnose. Frankfurt/M.: Fischer.

Keim, Karl-Dieter (1997). Vom Zerfall des Urbanen. In Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Was treibt die Gesellschaft auseinander? Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Weg von der Konsens- zur Konfliktgesellschaft, Band I (S.245-286). Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Keupp, Heiner (1994). Ambivalenzen postmoderner Identität. In Ulrich Beck & Elisabeth Beck-Gernsheim (Hrsg.), Riskante Freiheiten (S.336-350). Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Loo, Hans van der & Reijen, Willem van (1997). Modernisierung. Projekt und Paradoxon (2.Auflage). München: dtv.

Sennett, Richard (1986). Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität. Frankfurt/M.: Fischer.

Zur Autorin

Dagmar HOFFMANN, Studium der Soziologie in Berlin, Promotion zum Thema "Attraktion und Faszination Medien – Jugendliche Sozialisation im Kontext von Modernisierung und Individualisierung" an der Philosophischen Fakultät der Technischen Universität Chemnitz. Derzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem von der DFG geförderten interkulturellen Forschungsprojekt zum Thema "Dominanzideologien, Geschlechtsrollen und Delinquenz im Leben Jugendlicher in Berlin und Toronto" im Arbeitsbereich Empirische Erziehungswissenschaft am Institut für Allgemeine Pädagogik der Freien Universität Berlin. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte: Medienforschung, Jugendsozialisation, Politische Soziologie, Kultursoziologie.

Kontakt:

Dr. phil. Dagmar Hoffmann

Freie Universität Berlin
Institut für Allgemeine Pädagogik
AB Empirische Erziehungswissenschaft
Fabeckstr. 13
D-14195 Berlin

Tel.: +49 - (0)30 - 8385 4435
Fax: +49 - (0)30 - 8385 4796

E-Mail: dhoff@zedat.fu-berlin.de

Zitation

Hoffmann, Dagmar (2001). Desintegrationsprozesse im öffentlichen Stadtraum – Analysen und Szenarien zur Mediatisierung der Städte. Review Essay: Helmut Bott, Christoph Hubig, Franz Pesch & Gerhart Schröder (Hrsg.) (2000). Stadt und Kommunikation im digitalen Zeitalter. [20 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 2(2), Art. 24, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0102248.

Revised 7/2008



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