Volume 2, No. 2, Art. 30 – Mai 2001

Justierungen von Identität

Günter Mey

Review Essay:

Wolfgang Kraus (2000). Das erzählte Selbst. Die narrative Konstruktion von Identität in der Spätmoderne (2. Auflage). Herbolzheim: Centaurus, 264 Seiten, DM 48.-, ISBN 3-8255-0121-3

Inhaltsverzeichnis

1. Identitätsforschung als Herausforderung

2. Streifzüge durch das Themenfeld (post-) moderner Identität

3. Theoretisches Surplus – methodisches Defizit?

Literatur

Anmerkung

Zum Autor

Zitation

 

1. Identitätsforschung als Herausforderung

In kaum einem anderen Feld subjektwissenschaftlicher Forschung stellt sich die Frage nach der Bedeutung gesellschaftlicher Erosionsprozesse mehr als in der Identitätsforschung. Um so mehr überrascht es, dass die Zahl derer sehr gering ist, die sich innerhalb der Psychologie unter Rekurs auf die in der Soziologie beschriebenen Prozesse von Individualisierung, Destandardisierung und Enttraditionalisierung mit dem Themenfeld Identitätsbildung beschäftigen. Dabei wären solche Bemühungen, die empiriebasiert Anregungen und Modellbildungen unterbreiten würden, dringend geboten angesichts eines derzeitigen Überwiegens an literarischen, essayistischen oder populärwissenschaftlichen Abhandlungen, die diverse Spielarten einer postmodernen Identität verkünden. Jürgen STRAUB, der seit mehr als einem Jahrzehnt jenen postmodernistischen Versuchen widerspricht (dazu insbesondere STRAUB 1991, 2000) und der vor den Auswüchsen einer "Armchair Psychology" warnt, diagnostiziert, dass bis heute ein "postmodernes Selbst" wohl nur ein (empirisch nicht haltbarer) Mythos sei. [1]

Sich in das Spannungsfeld zwischen der Frage nach der Postmoderne und der Bemühung um empirische Antworten zu begeben, ist in der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts vor allem für jene Forschungsarbeiten charakteristisch, die im Kontext des durch die DFG geförderten Längsschnittprojekts "Erwerbsverläufe, soziale Netze und Identitätsentwicklung junger Erwachsener" unter der Leitung von Heiner KEUPP an den Universitäten in München und Leipzig hervorgegangen sind. Neben einer Fülle an Arbeitspapieren, die von Projektbeginn an erstellt wurden, einem aus einer Tagung hervorgegangenen Reader (KEUPP & HÖFER 1997) und einer das Gesamtprojekt dokumentierenden Publikation (KEUPP u.a. 1999) sind aus dem Projektkontext heraus auch einige Dissertationen entstanden. Hierzu zählt die von Wolfgang KRAUS 1995 an der FU Berlin eingereichte Arbeit "Das erzählte Selbst", die 1996 als Paperbackausgabe im Centaurus Verlag publiziert wurde und die 2000 in der zweiten Auflage erschienen ist. Dieses Verfügbarhalten einer Publikation (ein Faktum, das bei weiten nicht allen, auch lesenswerten Dissertation vorbehalten ist) ist schon deshalb begrüßenswert, weil KRAUS in den Mittelpunkt seiner Arbeit gestellt hat, eines der zentralen Bestimmungsmerkmale von Identität – die Kohärenz – eingehender auszuleuchten. [2]

Damit betritt KRAUS den "Definitionsraum", der mitentscheidet, ob der Pendelschlag im Diesseits oder im Jenseits der Trennlinie endet, die ein "modernes" von einem "postmodernen" Verständnis von Identität scheidet (sofern Identität als zu verwendender Begriff akzeptiert wird, siehe dazu etwa BÖHME 1996). Das Buch von KRAUS ist wichtig (und spannend), da hier ein Autor um den Gehalt des Kohärenzbegriffes buchstäblich ringt, und die Lesenden Seite um Seite mit ihm ringen können. Und es dokumentiert, dass es in der Tat nicht so leicht ist, Identität als eine multiple zu konzeptualisieren, wie dies in den postmodernen Unternehmungen gerne vorgeschlagen wurde/wird: entgegen der KEUPPschen Ankündigung im Vorwort, dass Kohärenz nicht als unverrückbare Koordinate gedacht werden darf und vielleicht sogar entgegen der ursprünglichen Intention KRAUS', den Kohärenzbegriff zu rekonzeptualisieren – am Ende stellt sich ein, dass auch KRAUS trotz einer grundsätzlicheren, postmodernen Orientierung am Kohärenzbegriff festhält. [3]

2. Streifzüge durch das Themenfeld (post-) moderner Identität

KRAUS ordnet seine Arbeit um zwei für das Forschungsfeld Identität zentrale Fragen: Die erste ist, "wie ... Subjekte ihre Kohärenzerfahrung angesichts einer Vielfalt lebensweltlicher Selbsterfahrungen einerseits und einer Abnahme gesellschaftlicher Kohärenzmodelle andererseits" organisieren, und die zweite, "wie ... sich jemand in eine Zukunft hinein [entwirft], dem der feste Stand abhanden gekommen ist" (S.4)? [4]

KRAUS verzichtet bei seinen Erörterungen weitgehend auf eine detaillierte Gesellschaftsanalyse – soziale, politische und kulturelle Veränderungen werden nur allgemein umrissen. Dies hat mich zwar zunächst ein wenig verwundert, ich habe diese Entscheidung aber im Laufe der Lektüre sehr zu schätzen gewusst, da das Buch dadurch eine gewisse Leichtigkeit (nicht zu verwechseln mit Leichtfertigkeit) gewinnt. In der Eröffnung werden primär unter Rekurs auf Peter WAGNERs "Soziologie der Moderne" und Kenneth GERGENs "Das gesättigte Selbst" einige zentrale Bestimmungsstücke postmoderner Ansätze herausgearbeitet, wobei es KRAUS nicht darum geht, Postmoderne als Epochenbegriff zu konstituieren, sondern er beabsichtigt, eine "Scheidung der theoretischen Standorte" (S.29) vorzunehmen, entlang derer er psychologische Versuche, Identitätsentwicklung zu konzeptualisieren, beleuchten möchte. [5]

Dazu gehört zunächst eine Auseinandersetzung mit Erik ERIKSONs psychosozialer Entwicklungstheorie, der KRAUS, anders als etwa noch in den achtziger Jahren üblich, keine kategorische Absage erteilt (und damit auch anders als Heiner KEUPP, der seinen Entwurf einer Patchwork-Identität 1988 als einen "Abschied von Erikson" formulierte). Gleichwohl diagnostiziert KRAUS, dass die ERIKSONschen Positionierungen für das Verständnis einer postmodernen Identität schwerlich geeignet scheinen. [6]

Im Anschluss daran werden im zweiten Kapitel neuere Strömungen in der Identitätsforschung abgehandelt. Hier beschäftigt sich KRAUS mit dem mittlerweile häufig rezipierten Modell der "Identitätszustände" nach James MARCIA (zu dem er 1995 gemeinsam mit Beate MITZSCHERLICH einen kurzen, gleichwohl vielbeachteten Artikel vorgelegt hat), sowie mit den Identitätsansätzen von Glynis BREAKWELL und Carmel CAMILLERI, die Identitätsbildung als "Strategie" und "Management" begreifen. [7]

Trotz der unterschiedlichen Bedeutungsdimensionen, die KRAUS für die von ihm vorgestellten Identitätskonzepte herausarbeitet, eint alle Ansätze, so der Autor, dass sie "ganz wesentlich dem Projekt der Moderne verpflichtet" (S.61) bleiben, da sie letztlich doch am Kohärenzbegriff festhalten. Aber genau ein Überdenken dessen ist KRAUS zufolge eine unhintergehbare Notwendigkeit, um Subjektentwicklung unter den Bedingungen der "krisenhaften Spätmoderne" identitätstheoretisch zu fassen, weshalb er im dritten Kapitel Ausführungen zum "dissoziierten Selbst" anschließt, in denen sowohl ein Exkurs zur "Multiplen Persönlichkeitsstörung" als auch in "die philosophische Debatte um die Einheit der Person" unternommen wird. [8]

Nachdem er im vierten Kapitel das für seine (empirische) Fragestellung bedeutsame Forschungsfeld der Zukunftsperspektive behandelt, wendet er sich im fünften Kapitel dem "Selbst" zu, wobei er zwischen einem "strategischen Selbst" und einem "fragilen Selbst" scheidet. Auch hier beklagt KRAUS, dass aus postmoderner Sicht das Konzept des strategischen Selbst mit der ihm eigenen kognitivistischen Orientierung – ähnlich den Identitätstheorien – der Moderne verpflichtet bleibe, da ein handlungsmächtiges Subjekt konstituiert werde: "ein sich selbst entwerfendes, grandioses Selbst, das ... letztlich aber doch 'Herr' seiner selbst bleibt ... [und damit] ... der Vorstellung an[hängt], sich rational planend in die Zukunft entwerfen zu können" (S.143). Ebenfalls problematisch sei, dass diese Ansätze aufgrund ihrer Kausalitätsvorstellungen die für ihn zentrale Frage nach Ambiguität unberücksichtigt ließen. Nicht zuletzt deshalb wendet er sich der Diskussion um das fragile Selbst zu, da diese einen ihm angemessen erscheinenden "Bezug zur aktuellen Gesellschaftsanalyse" erlaube (S.144; Herv. im Orig. unberücksichtigt gelassen). Trotz der eigenen Zuordnung zu der LACANschen Position, nach der "das kohärente Selbst als tröstendes Trugbild" (S.148) erscheint, setzt KRAUS sich von deren vermeintlichen Konsequenzen ab, weil diese "in dem Punkt einer großen Hoffnungslosigkeit [konvergieren]. Es ist ein gesellschaftskritischer Impuls, der lähmend wirkt, weil er keine Perspektiven, keine Handlungsmöglichkeiten aufzeigen mag und kann" (S.157) und weil "die perspektivische Orientierung, die Verortung in der Zeit nicht mehr aufscheint. Das Subjekt ist Opfer einer Situation, aus der es sich nicht befreien kann" (S.158). Jener Agonie will KRAUS nicht folgen. Für ihn stellt sich Identitätsbildung situativ dar/her, Kontinuität und Kohärenz müssen immer wieder neu hergestellt werden. [9]

Im folgenden sechsten Kapitel, das der Hinführung zur Studie von KRAUS dient, werden die zuvor unternommenen Streifzüge weniger bündelt, sondern die Ausführungen haben eher weiterführenden Charakter. Dabei zentriert KRAUS seine Überlegungen um zwei Modelle: Das eine behandelt "Identität als Projekt" (HARRÉ), das andere – bezugnehmend auf die narrative Psychologie (insbesondere auf Kenneth GERGEN und Mary GERGEN) – das Konzept der "narrativen Identität", mit dem KRAUS gleichzeitig die Frage für seine empirische Studie zuspitzt, nämlich wie Identitätsprojekte heute erzählt werden und wie in diesen Erzählungen Erfahrungen der sozialen Entwurzelung aufscheinen bzw. ob und in welcher Weise in ihnen Individualisierungsprozesse sichtbar werden. Zur Beantwortung dieser Fragen legt er im siebten Kapitel eine Analyse von Datenmaterial 40 weiblicher und männlicher 18jähriger Jugendlicher vor, das er mit einem Fragebogen erhoben hat, in dem er die Befragten einlädt, sich "drei verschiedene Zukünfte vorzustellen" (S.247) und dreimal hintereinander die Frage "Wer wirst du in fünf Jahren sein?" zu beantworten. Die daraus resultierenden Antworten (Satzfragmente) unterzieht er einer dreiphasigen Analyse – zunächst einer Stilanalyse, daraufhin einer Inhaltsanalyse und schließlich einer Narrationsanalyse im engeren Sinne, bei der die "Textteile in ihrem Charakter als Geschichten zu analysieren und zu typisieren" (S.194) sind. [10]

Die über diese Analysen erarbeiteten Detailbefunde führt KRAUS schließlich als idealtypische Narrationstypen zusammen, und er diskutiert sie – rückbindend an die eingeführte Analyse WAGNERs – als Kommentare gesellschaftlicher Modernisierung: Er unterscheidet die "Erzählung der organisierten Moderne", die "spätmoderne Strategienarration" und die "postmoderne Narration", in denen sich "der Fundus an Narrationsformen zeigt, über die Jugendliche heute verfügen können oder müssen, um ihre Identität zu erzählen" (S.229). An der von KRAUS vorgeschlagenen Typologie wird deutlich, dass er bei seinen Überlegungen nicht auf den Kohärenzbegiff verzichtet, sondern an seiner Stelle unterschiedliche Kohärenzformen einführt bzw. unterschiedliche Modi, wie Kohärenz bei Subjekten thematisch wird: als prozessimmanente beim ersten Typus, als subjektiv produzierbare bei zweitem und schließlich als (nur noch) situativ erlebbare beim dritten Typus. [11]

3. Theoretisches Surplus – methodisches Defizit?

KRAUS zeigt mit seinem Buch in den ersten sechs Kapiteln eine große Fülle an möglichen Diskussionslinien auf. Indem er die verschiedenen Sichtweisen auf Identität ordnet und weiterführt, liefert sein Buch auch heute – fast sechs Jahre nach dem Erscheinen der Erstpublikation – für künftige Arbeiten fruchtbare Anknüpfungspunkte. Ich selbst verdanke KRAUS' Arbeit – ich habe sein Buch 1997 anlässlich der Rezension für das Journal für Psychologie erstmals gelesen – viele Denkanstöße, die für meine damals lediglich in Grundzügen vorliegende Dissertation wichtig waren, auch – oder vielleicht gerade – weil ich mich nach anfänglicher Nähe zum "Kreis der Münchener Reflexiven Sozialpsychologen" (BROCKMEIER & MATTES 1999, S.9) in kritischer Distanz zu einigen der postmodernen Vorschläge (und Lesarten) bewegt habe (und auch weiterhin bewege, siehe dazu MEY 1999; S.78ff). [12]

Doch ungeachtet dessen, ob nun ein Anschließen an die Position(en) von Wolfgang KRAUS erfolgt oder nicht: mit den von ihm aufgezeigten Möglichkeiten, wie eine adäquate Perspektive auf Identität in der "krisenhaften Spätmoderne" zu konzeptualisieren sei, bietet er einen spannenden und diskussionsbereichernden Beitrag, eben weil er sein Anliegen konsequent verfolgt, vorliegende Identitätskonzeptionen "postmodern" zu lesen und die Perspektiven einer narrativen Psychologie für die Identitätsforschung zu nutzen. Dass KRAUS damit früher als (viele) andere den "Narrative Turn" innerhalb der deutschsprachigen Psychologie vollzogen hat, wird auch daran deutlich, dass sein Buch zu den "Standardreferenzen" in Beiträgen zu Identität und/oder Erzählung gehört. Und auch, dass er nicht nur behutsam in die unterschiedlichen Forschungsfelder einführt, sondern sicher und sprachlich "leicht" argumentiert, ist eine Stärke des Autors und damit auch des Buches; es dürfte schon deshalb für viele an identitätstheoretischen Diskursen Interessierte ein guter Einstieg sein. [13]

Ich selbst habe dieses Buch bis zu Beginn des siebten Kapitels (oder genauer: bis zur Seite 188) mit großem Interesse gelesen. Innegehalten habe ich erst bei der empirischen Umsetzung, denn diese bleibt für mich problematisch: So wirkt diese empirische Studie ein wenig wie "angehängt", ein Eindruck, den ich auch in einer von Thomas AHBE (1998, S.92) verfassten Rezension wiederfand: "Die Referierung der identitätstheoretischen Konzepte ist sehr ausführlich und breit, – zu breit, wenn man zum Maßstab nimmt, inwieweit sie zur folgenden Empiriearbeit und Formulierung der theoretischen Ergebnisse des Buches wirklich erforderlich sind". [14]

Doch während AHBE sein Augenmerk auf die Verknüpfung von Theorie und Empirie lenkt, ist mein hauptsächlicher Einwand ein anderer: gemessen an dem ursprünglichen Anliegen und an den theoretischen Erörterungen wirken die Daten "dünn". Das Argument von KRAUS, dass sich die narrationsanalytische Methodik "erst in einer allmählichen Konsolidierungsphase" (S.186) befinde und er sich von daher auf Material beziehe, das ihm erlaube, die Methodik zu erproben und weiterzuentwickeln, erscheint zwar einleuchtend, ist aber eher pragmatisch denn programmatisch zu lesen. Aber auch wenn ihm gelingt, die in seinem Fragebogen angebotenen und verwendeten Satzkürzel "ansatzweise als formenreichere Narration [zu] 'versteh[en]'" (S.191) – und Heiner KEUPP in seinem Vorwort vermerkt, dass "die herausgearbeiteten Muster von erzählten Identitätsprojekten ... ein hohes Maß heuristischer Fruchtbarkeit für die künftige Identitätsforschung erkennen" (S.x) ließen, hätte ich vorgezogen, wenn KRAUS seine Überlegungen an Interviewmaterial – oder z.B. an Aufsätzen, sofern er schriftlich erhobenes Material bevorzugt – konkretisiert hätte, um "Identitäten zum Reden zu bringen", wie KRAUS (2000) es selber benennt und bezogen auf das Längsschnittprojekt vorschlägt. Denn trotz der mit der Einbeziehung von aussagekräftigerem (autobiographischem) Material verbundenen methodischen Herausforderungen ist es m.E. nur mit solchen Daten möglich, Subjektwerdung in angemessener Weise zu rekonstruieren, und damit den Subjekten nicht nur ihre "Geschichten" (zurück-) zugeben, sondern ihnen ihre je eigene Geschichte und deren Konstruktion zu belassen. Ohne die Berücksichtigung solchen Materials laufen postmodern ausgerichtete Bemühungen, die Identitätstheorie zu rekonzeptualisieren, Gefahr, auf dem biographischen Auge blind zu sein. [15]

Auch wenn KRAUS aufgrund seiner methodischen Vorkehrungen Biographisches nicht als Empirisches gewichten und thematisieren kann, bewahrt er doch den Blick für das krisenhafte (und zum Teil leidvolle) Geschehen, das ihm etwa als "tiefe Verunsicherung und Ratlosigkeit" in den Antworten einer weiblichen Jugendlichen begegnet. "Als Auswerter leide ich darunter, Monate nachdem dieser Text geschrieben wurde, angesichts der Anonymität und des zeitlichen Abstandes keine Möglichkeit zu haben, in irgendeiner Weise helfend darauf zu reagieren" (S.222). Und trotz der teilweisen Stilisierung einer die Vielfalt an Sinn- und Orientierungsmustern gestaltenden postmodernen Existenz bleibt KRAUS auch zurückhaltend. Einen Vortrag, in dem er die Ergebnisse seiner Studie präsentiert, beendete er mit folgender Schlussbemerkung:

"Wenn man es schafft, Situationen in ihrer ganzen Intensität auszukosten, sie aktiv zu beeinflussen, wird man in der Lage sein, mit raschen Veränderungen fertig zu werden, sofern man sie erlebt. Eine Voraussetzung dafür ist: Nicht zu stolpern. Und das mag lustig klingen, ist es aber nicht. Denn wenn die Armut an Perspektiven so groß ist, die biographische Unsicherheit so groß [ist], dann ist das Leben nicht lustig." (KRAUS 1996, S.9) [16]

Insofern möchte ich abschließend festhalten, dass ich das Buch von KRAUS – trotz der Vorbehalte, die ich zuweilen gegenüber postmodernen Perspektiven hege, da diese entgegen dem teilweise mitgeführten gesellschaftskritischen Impetus unempfänglich zu werden drohen gegenüber dem Leiden an intensiv erlebten Identitätsproblemen – ganz weitgehend als bereichernd erlebt habe. Und auch wenn für mich auch bei der zweiten Beschäftigung das größte Defizit der von Wolfgang KRAUS vorgelegten Arbeit die empirische Umsetzung bleibt (siehe dazu auch MEY 1999, 99ff und STRAUB 2000, S.184), so erachte ich dieses Buch zugleich als eine wichtige Publikation für alle – und ungeachtet ihrer theoretischen Positionierung im Dies- oder Jenseits postmoderner Konzeptualisierungen von Identität –, die sich mit der Justierung von personaler Identität unter den Bedingungen veränderter gesellschaftlicher Bedingungen beschäftigen. [17]

Anmerkung

Dieser Rezensionsaufsatz ist die überarbeitete Fassung einer Rezension, die im Journal für Psychologie, 6(3), 85-87 (Oktober 1998) zu der ersten Auflage des Buches erschienen ist.

Literatur

Ahbe, Thomas (1998). Rezension zu: Wolfgang Kraus (1996). Das erzählte Selbst. Die narrative Konstruktion von Identität in der Spätmoderne. Psychologie & Gesellschaftskritik, 22(1), 91-96.

Böhme, Gernot (1996). Selbstsein und derselbe sein. Über ethische und sozialtheoretische Voraussetzungen von Identität. In Annette Barkhaus, Matthias Mayer, Neil Roughley & Donatus Thürnau (Hrsg.), Identität, Leiblichkeit, Normativität. Neue Horizonte anthropologischen Denkens (S.322-340). Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Brockmeier, Jens & Mattes, Peter (1999). Diskurs und Erzählung: Forschungsstand, intellektueller Stil oder nach-positivistisches Paradigma? Einleitende Bemerkungen. Journal für Psychologie, 7(1), 3-11.

Keupp, Heiner (1988). Auf dem Weg zur Patchwork-Identität. Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis. Mitteilungen der dgvt, 4/88, 425-438.

Keupp, Heiner & Höfer, Renate (Hrsg.) (1997). Identitätsarbeit heute. Klassische und aktuelle Perspektiven der Identitätsforschung. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Keupp, Heiner; Ahbe, Thomas; Gmür, Wolfgang; Höfer, Renate; Mitzscherlich, Beate; Kraus, Wolfgang & Straus, Florian (1999). Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek: Rowohlt.

Kraus, Wolfgang (1996). Adoleszente Identitätsprojekte. Eine narrationstheoretische Analyse. [Vortrag auf dem 40. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie vom 22. bis 26. September 1996 an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Rahmen der Arbeitsgruppe "Identitätsstrategien in der Spätmoderne"]

Kraus, Wolfgang (2000, Juni). Identitäten zum Reden bringen. Erfahrungen mit qualitativen Ansätzen. in einer Längsschnittstudie [33 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 1(2), Art. 15. Abrufbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00kraus-d.htm [Zugriff: 18. November 2000].

Kraus, Wolfgang & Mitzscherlich, Beate (1995). Identitätsdiffusion als kulturelle Anpassungsleistung. Erste Ergebnisse zu Veränderungen der Identitätsentwicklung. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 42, S.65-72.

Mey, Günter (1999). Adoleszenz, Identität, Erzählung. Theoretische, methodologische und empirische Erkundungen. Berlin: Köster.

Straub, Jürgen (1991). Identitätstheorie im Übergang? Über Identitätsforschung, den Begriff der Identität und die zunehmende Beachtung des Nicht-Identischen in subjekttheoretischen Diskursen. Sozialwissenschaftliche Literaturrundschau, 23, 49-71.

Straub, Jürgen (2000). Identitätstheorie, empirische Identitätsforschung und die "postmoderne" armchair psychology. Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung, 1, 167-194.

Zum Autor

Günter MEY ist wissenschaftlicher Assistent an der Technischen Universität Berlin im Fachgebiet Entwicklungspsychologie. Seine Forschungsschwerpunkte sind insbesondere Qualitative Methodologie/Methoden und Identitätsforschung.

Kontakt:

Dr. Günter Mey

Technische Universität Berlin
Fakultät VII – Architektur Umwelt Gesellschaft
Institut für Soziologie
Fachgebiet Entwicklungspsychologie –
HAD 40
Hardenbergstraße 4-5
D-10623 Berlin

E-Mail: mey@gp.tu-berlin.de
URL: http://www.tu-berlin.de/fb7/ifs/psychologie/entwicklung/mey

Zitation

Mey, Günter (2001). Justierungen von Identität. Review Essay: Wolfgang Kraus (2000). Das erzählte Selbst. Die narrative Konstruktion von Identität in der Spätmoderne (2. Auflage) [17 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 2(2), Art. 30, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0102309.

Revised 7/2008



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