Volume 2, No. 2, Art. 33 – Mai 2001

Rezension:

Gustav Frank

Klaus-Peter Köpping & Ursula Rao (Hrsg.) (2000). Im Rausch des Rituals. Gestaltung und Transformation der Wirklichkeit in körperlicher Performanz (Performanzen. Interkulturelle Studien zu Ritual, Spiel und Theater; Band 1). Münster, Hamburg, London: Lit, 247 Seiten, ISBN 3-8258-3988-5, DM 39.80

Inhaltsverzeichnis

1. Performative turn

2. Ritualbegriff

3. Ein kurzer Überblick

4. Interdisziplinarität und "Übersetzbarkeit"

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Performative turn

Eine Vielzahl von Arbeiten in allen Disziplinen der Sozial- und Geistes-/Kulturwissenschaften im vergangenen Dezennium hat sich dem Körper zugewandt, immer mehr der corpo-reality, dem Feld der Körpertechniken und -praxen. Gegen den linguistic turn des 20. Jahrhunderts, die Prägung des Gegenstandsfeldes durch Beobachtung sprachähnlicher und zeichenhafter Prozesse, scheint sich das genannte Wissenschaftenbündel mit erklärt nicht- oder antisemiotischen Modellen ins 21. Jahrhundert auf den Weg machen zu wollen. Der performative turn, den die Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes reklamieren, steht dabei neben, nicht selten auch in Verbindung zum visual turn, der Hinwendung zu einer Bildwissenschaft angesichts einer angenommenen Dominanz des Visuellen in der Kultur. Für alle diese Wendungen scheint zu gelten, dass sie in den etablierten Grenzen akademischer Disziplinen den Grund für Beschränktheit und Rückständigkeit des Wissens sehen. Eine neue, nicht-additive Kooperation über Disziplingrenzen soll Gegenständen wie dem Körper und dem Visuellen angemessen sein, die alle kulturellen Grenzziehungen und Felder queren. [1]

Um den aus der Verstärkung der Interdisziplinarität bzw. der Kreation "undisziplinierter" Forschung folgenden Problemen der Verständigung und Verständlichkeit abzuhelfen, unternehmen es die Herausgeber der Reihe Performanzen/Performances, die der vorliegende Sammelband eröffnet, an der "Auswahl und Etablierung geeigneter interdisziplinärer Leitbegriffe" (S.v) zu arbeiten. Aus dem Trivium Ritual, Spiel und Theater geht es dem dominant ethnologische Studien versammelnden Band vor allem um das erste: Ritual. [2]

2. Ritualbegriff

Im engeren Rahmen der Diskussion um das Ritual dokumentiert der Band wiederum eine Wende in den Auffassungen. Entgegen der hergebrachten Annahme seiner Isolierbarkeit als eine fremdkulturelle, einheitliche Größe, erweist sich das rituelle Geschehen in den vorgelegten Studien als dynamische, ähnlich den Prozessen in den vermeintlich entwickelten Gesellschaften der Beobachter vieldeutige und ambivalente Größe. Neben der alten statischen Auffassung richten sich die Studien des Bandes aber auch gegen eine neuere Hypothese. Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen die Thesen des Indologen STAAL (1979, 1989) der gegen eine lange Tradition der Interpretation von Ritualen als symbolische Verweisungssysteme ihre Bedeutungslosigkeit behauptet. In den Vordergrund rückt damit die Regelhaftigkeit rituellen Handelns, die STAAL (1989, S.108) als Reproduktion einer Syntax ohne Semantik aufzufassen scheint. Daneben ist es vor allem die Arbeit zur Ritualtheorie von HUMPHREY und LAIDLAW (1994), die im Brennpunkt der Diskussion steht. Diese Autoren sehen ebenfalls nicht die Kommunikation von Bedeutungen als wesentliches Element im Ritual; vielmehr die (spirituelle?) Hingabe an das rituelle Geschehen. Dagegen erweisen die Beiträger des vorliegenden Bandes, dass diese Positionen genau die Aspekte methodisch ausblenden, die das Ritual ausmachen, aber eine Theoriebildung blockieren, die auf einer Architektur einfacher Disjunktionen beruht und damit notwendig unterkomplex bleiben muss. Dies zeigt sich darin, dass die These der Bedeutungslosigkeit auf der Beobachtung eines zu kleinen Ausschnitts des rituellen Geschehens beruht. Dagegen wird an die Indexikalität, die Verweisungsstruktur und die Kontextsensitivität im Gesamtzusammenhang der jeweiligen Aktualisierung des rituellen Repertoires erinnert. Diese Rückbindung an den je aktuellen, spatio-temporalen Kontext ist es, die Rituale als sozial kontrollierte, nicht zuletzt auch ver- und ausgehandelte Performanzvarietäten erweist. Zudem erscheinen Perioden der Feste und Rituale als krisenhafte Zeit im Jahreszyklus bedeutungsvoll, die durch eine Infragestellung und Reorganisation der Ordnung der Gemeinschaft ausgezeichnet ist. So ließe sich resümieren, dass Rituale auf drei Ebenen, der symbolischen, der sozialpragmatischen und der ästhetisch-performativen, besonders effiziente Verdichtungen und Instrumentarien der Selbstverständigung darstellen. Selbst wenn man die Bedeutungslosigkeit eines Rituals akzeptierte, ermöglicht die Re-Kontextualisierung dieser Partialbeschreibung Einblick in die Bedeutungen und damit sogar die Bedeutsamkeit der Bedeutungslosigkeit, wie der religionsvergleichende Aufsatz von A. MICHAELS herausstellt. [3]

Der Band profiliert damit einerseits Rituale als Gegenstand der "Wandelbarkeit wie Verhandelbarkeit" (S.3) von rituellen Formalisierungen, andererseits die Funktion von Ritualen als "transformative Performanzen" (S.7), etwa als geregelte Krisenszenarios der individuellen wie kollektiven Selbstverständigung auf den unterschiedlichsten Ebenen. [4]

3. Ein kurzer Überblick

Für den nicht ausschließlich an der ethnologischen Einzelforschung interessierten Leser verstärkt sich vor diesem Hintergrund die Bedeutung der Einleitung der beiden Herausgeber noch, die ihr ohnehin durch die Anlage des Bandes zugewiesen ist. Als Diskussion und Einführung des Theorierahmens macht sie das Herzstück aus, das in den Einzelstudien seine beispielhaften empirischen oder historischen Bestätigungen erfährt: so in Teil 1 "Rituale zwischen performativer Intentionalität und kosmischer Signifikanz", wo M. GAENNSZLE anhand des rituellen Sprechens in Ostnepal die Relevanz des performativen Kontexts verdeutlicht; U. RAO an indischen Tempelritualen eine Wechselbeziehung statt eines Gegensatzes von Offenheit und Formalität deutlich machen kann; S. WOLF über Liminalität am Beispiel ihres nepalesischen Materials reflektiert; A. REIN an der tänzerischen Repräsentation der Reisgöttin in Bali Mehrdeutigkeiten von Symbolen und Intentionen herausarbeitet; S. ZORIC die Verhältnisse von Text und Performanz, zugleich das empirisch verfahrender Anthropologie und spekulativer Philosophie angeregt von ihrer Erforschung eines buddhistischen Rituals in Korea erörtert; A. MICHAELS drei südasiatische Religionen vergleicht und doch auf die Perspektive europäischer Tradition, ex opere operato, bezieht. [5]

Teil 2 "Der göttliche Körper" umfasst A. HENNs Rückführung der Debatte um Bedeutungslosigkeit mit indischem Material (Goa) auf ihre theologischen Wurzeln im Streit um die Abbildbarkeit und Zugänglichkeit der Gottheit; B. HAUSERs Überlegungen führen mit Beispielen aus Burma zurück zur Intentionalität und Variabilität in der Aktualisierung von Ritualen; B. SCHNEPELs Beobachtungen zum "Körper im Tanz der Strafe" in Orissa, ausgehend von der "orientalistischen" Rezeption der früh-modernen Theateravantgarde des Okzidents, und des Herausgebers K.-P. KÖPPINGs für die Kernthesen des Bandes so zentralen Belege zur Transformation durch Performanz in japanischen Ritualen. [6]

Teil 3 "Performanzen und die Imagination der Welt" verlässt den engeren Rahmen ethnologischer und religionsvergleichender Studien. M. PRAGER wendet sich dem "Theater der Grausamkeit" zu und analysiert unter einer postkolonialen Perspektive die europäische Balirezeption; L. HAUSTEIN die "Performance-Kunst" und ihre primitivistischen Implikationen. Abgeschlossen wird der Band von V. CRAPANZANOs quasi-sokratischem Diskurs über "Körper, Schmerz und Gedächtnis". [7]

4. Interdisziplinarität und "Übersetzbarkeit"

Im letzten, dritten Teil des Bandes werden die engeren Grenzen der ethnologischen Forschung hin zum Theater, zur Kunst und zu einem anthropologisch-philosophisch-psychoanalytischen Gespräch mit LACAN überschritten. Dabei wird nochmals besonders deutlich, wie eng das Problem Ritual mit den Gesellschaften verbunden ist, die es beobachten wollen. Der Ritualbegriff inkorporiert noch immer den Gestus der Frühen Moderne – Entstehungszusammenhang der Soziologie/Ethnologie –, die sich gegen die Erstarrungen einer konventionellen verbalen Sprache richtete und gegen diese "die stummen Künste" (Hugo von HOFMANNSTHAL), die körperlichen Performanzen favorisierte. Im Zeichen der Lebensphilosophie waren "Erlebnis" und "Ereignis" per definitionem immer jenseits der Verbalisierbarkeit liegende Kontakte mit dem Lebensstrom. Der postmoderne und dekonstruktivistische Diskurs überbieten mit ihrer Kritik am Logo- und Phonozentrismus diese Figuration noch. Der Einsatz des Bandes, Terminologie in je konkreten Beschreibungssituationen für das interdisziplinäre Gespräch zurückzugewinnen, ist angesichts solcher blockierender selbstreferentieller Schleifen von Theorien besonders verdienstvoll. Dennoch bleiben angesichts dieser Einschreibungen in die Theoriebausteine Zweifel für eine Anwendbarkeit gerade etwa auf europäische Kulturen der Moderne, denen die Bausteine einige ihrer Implikationen verdanken. [8]

Wie weit also die performative und transformative Dimensionierung des Ritualbegriffs über die Stimulanz durch den entfalteten Aspektreichtum in Disziplinen trägt, die nicht am Band beteiligt waren, etwa die Philologien, die Geschichts- und Medienwissenschaften, bzw. inwieweit sie diese verlocken kann, sich zu entgrenzen und selbst mit dem vorgeschlagenen Ritualbegriff zu operieren, ist schwer abzuschätzen. Um die Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Regionen, sozioökonomischen, soziosemiotischen Kontexten und medialen Konfigurationen entstammenden Materialien, die der Band ausbreitet, herzustellen, wären umgekehrt auch zusätzliche Ringe von Kontexten um die Rituale hilfreich, die ein Dialog mit diesen Disziplinen bereitstellen könnte. Historikern, Literatur-, Film- und Kulturwissenschaftlern sei eine Konsultation dieses Bandes jedenfalls empfohlen. [9]

Literatur

Humphrey, Caroline & Laidlaw, James (1994). The Archetypal Actions of Ritual. A Theory of Ritual Illustrated by the Jain Rite of Worship. Oxford: Clarendon Press.

Staal, Frits (1979). The Meaninglessness of Ritual. Numen 26, 2-22.

Staal, Frits (1989). Rituals Without Meaning. Ritual, Mantras and the Human Sciences. New York: Peter Lang.

Zum Autor

Gustav FRANK

Bücher

  • 1998: Krise und Experiment. Komplexe Erzähltexte im literarischen Umbruch des 19. Jahrhunderts. Wiesbaden, DUV

  • mit Detlev KOPP (Hrsg.) (1999). Emancipation des Fleisches. Erotik und Sexualität im Vormärz. Bielefeld: Aisthesis

  • mit Detlev KOPP (Hrsg.) (2001). Gutzkow lesen! Bielefeld, Aisthesis

Projekte

Kontakt:

Dr. Gustav Frank

Department of German
University of Nottingham
University Park
Nottingham NG7 2RD, UK

E-Mail: Gustav.Frank@nottingham.ac.uk

Zitation

Frank, Gustav (2001). Rezension zu: Klaus-Peter Köpping & Ursula Rao (Hrsg.) (2000). Im Rausch des Rituals. Gestaltung und Transformation der Wirklichkeit in körperlicher Performanz [9 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 2(2), Art. 33, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0102334.



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