Volume 2, No. 2, Art. 34 – Mai 2001

Rezension:

Victoria Hegner

Danielle Bazzi, Heidi Schär Sall, David Signer, Elena Wetli & Dieter Wirth (2000). Fluchten, Zusammenbrüche, Asyl. Fallstudien aus dem Ethnologisch-Psychologischen Zentrum in Zürich (Zürcher Arbeitspapiere zur Ethnologie. Zurich Working Papers in Social Anthropology, Band 12; Mit einem Vorwort von David Becker). Zürich: Argonaut-Verlag, 145 Seiten, ISBN 3-905553-11-2, DM 27.-

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zwischen Ethnologie und Psychoanalyse

3. Die Spurensuche

4. Fazit: Ein beeindruckendes Fachbuch mit Romanqualitäten

Anmerkung

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung

Wird in der deutschen Politik und Presse über das Thema Migration gesprochen und gestritten, so geschieht dies oftmals mit dem Tenor der Angst vor einer Art Überfremdung: Konservative Politiker warnen vor dem "Missbrauch" eines zu freizügigen Einwanderungs- und Asylgesetzes und sprechen von einer allseits verbindlichen "deutschen Leitkultur", in die sich Migranten schnell und erfolgreich zu integrieren haben. Ausländer sollen Punkte für ihre Integrationsbereitschaft sammeln können und dafür mit dem Bleiberecht "belohnt" werden. Auch in grünen Kreisen ist die Diskussion um Zuwanderung immer auch mit der Frage nach einer gelungenen sozialen und kulturellen Eingliederung verbunden, wobei die gebotenen Konzepte über die differenzierte Formulierung von beruflichen und sprachlichen Integrationsangeboten wenig hinausreichen. Migranten und insbesondere Flüchtlingen, für die der eigene Migrationsprozess eine Überforderung darstellt und die schließlich unter dem Druck ihrer Exilsituation zusammenbrechen, wird dabei kaum der Raum und die Zeit für eine Neuorientierung geboten. [1]

Gerade von ihnen berichtet das vorliegende Buch. Wir lernen die Arbeitsweise und so das Innenleben einer bemerkenswerten Institution kennen: die Foyers für Asylsuchende im Kanton Zürich. In drei Häusern wohnen hier Flüchtlinge, die von Krieg, Folter und Verfolgung im früheren Heimatland psychisch erkrankt sind und allein, ohne Betreuung nicht mehr leben können. So begegnen wir Aman, der einerseits von "Nicht-Eigenem" fortwährend eingenommen wird: von Zwängen, Diktaten, unbekannten Sprachen, Schmerzen, Dämonen, und der andererseits das "Eigene" offensiv nach außen präsentiert. Es ist sein Geruch, der manchen auf Distanz hält und Aman so eines abgegrenzten Selbst versichert (S.53-80). Wir erfahren von Frau Gül, deren Sprache fragmentiert und oft unverständlich bleibt und damit zum sinnhaften Ausdruck ihrer biographischen Brüche wird (S.33-52), oder wir lesen von Familie Danovic, die von der Angst vor den Behörden gelähmt ist und so keinerlei Schritte unternimmt, um Ausweise zu erhalten, was als Widerstand gedeutet werden kann. Doch Widerstand wogegen (S.92-105)? Die Autoren dieses Buches – Danielle BAZZI, Heidi SCHÄR SALL, David SIGNER, Elena WETLI und Dieter WIRTH – sind zugleich das Betreuungsteam in dieser Institution. Ihre eigenen Sympathien, Ängste und Widerstände im Umgang und Zusammenleben mit den Asylsuchenden sind für das Schreiben der einzelnen Geschichten und die Suche nach Erklärungsansätzen ein essentielles Erkenntnisinstrument. [2]

2. Zwischen Ethnologie und Psychoanalyse

Die Arbeitsweise in den Foyers fasziniert vor allem durch die dabei vollzogene Gratwanderung zwischen den Methoden und Theorien der Ethnologie und der Psychologie. Als "Ethno-Psychologen" nehmen die Mitarbeiter der Foyers am Leben der Bewohner beobachtend teil und vertreten hier den klassischen Ansatz der Ethnologie, dass die Migrationssituation des Einzelnen sich weniger anhand herausgehobener Begebenheiten beschreiben und erklären lässt, sondern dass diese eher durch die Einsicht in die Gesamtheit des gelebten Alltags in den Foyers verständlich wird. Dabei geht es nicht darum, auftretende Probleme und objektiv schwierige Bedingungen "wegzutherapieren". Wie Danielle BAZZI im Schlusskapitel des Buches hervorhebt, sollen vielmehr "Übergangsräume" geschaffen werden (S.134). Grundlegende Erkenntnis ist, dass die Neuankömmlinge zwar ihre frühere Heimat verlassen haben. Jedoch fällt der Abschied vom Herkunftsland und die physische Ankunft im Exil-Ort keineswegs mit der kulturellen und sozialen Loslösung von Gewohntem und der vorbehaltlosen Akzeptanz des Neuen zusammen. Der Zustand des Unentschiedenseins wird durch die Unsicherheit über die volle soziale Anerkennung seitens der Aufnahmegesellschaft verstärkt. Statt nun diesen Weder-Noch-Status – die Liminalität – zu ignorieren und Migranten vorschnelle Entscheidungen abzuverlangen, wird die zeitweilige Unentscheidbarkeit in den Foyers anerkannt und institutionalisiert. [3]

Die passagere Lebensphase, die Situation des Übergangs, kommt zu ihrem Recht, das Chaos ist erlaubt. Die nötige Zeit und der Raum, um mögliche Neuorientierungen zu formulieren und auszuprobieren, sind gegeben. Die Mitarbeiter werden dabei zu wichtigen Zeugen der Vergangenheit und Gegenwart der Asylsuchenden sowie von deren Sorgen und Ressourcen (S.135, siehe auch: Konzept des Ethnologisch-Psychologischen Zentrums 2001, S.3). Sie nehmen das Verhalten oder ein Problem der Foyerbewohner erst einmal wahr, greifen die Stimmungen auf und sind als Betreuergruppe offen für unbewusst vermittelte Emotionen. Das Team wird praktisch zum "Behältnis von Übertragungsgefühlen seitens der Asylsuchenden" (S.124). Es stellt ein gruppales Containment dar, ein Erkenntnisinstrument, das aus der Psychoanalyse stammt. Es soll bewirken, das die Übertragung von Gefühlen,

"anders strukturiert, auf den oder die Asylsuchenden zurückwirkt, d.h. dass sich die Haltefunktion auf die Gruppe der Bewohner überträgt: Die Präsenz des Teams dient somit nicht nur der besseren Wahrnehmung der Asylsuchenden, sonders das Team stellt sich auch als ein Wahrnehmendes zur Verfügung und wird so zum Betreuungsinstrument" (Konzept des Ethnologisch-Psychologischen Zentrums 2001, S.4). [4]

Doch wie soll das Team diesen komplexen Austauschprozess verfolgen und reflektieren, wenn es zu wiederholten realen Attacken auf die Arbeitsfähigkeit der Betreuergruppe kommt? Wenn morgens die Schlüssellöcher der Büros verstopft sind. Gerade an diesen destruktiven Aktivitäten illustriert BAZZI anschaulich die Arbeitsweise im Team. Um die Angriffe, wie das Verkleben der Schlüssellöcher, zu stoppen, wird nicht versucht, den Schuldigen zu ermitteln, denn auch wenn nur eine Person daran beteiligt ist, so bringen doch andere Hausbewohner ihre feindseligen Impulse mit ein, indem sie die destruktiven Akte des Einzelnen dulden. Die Hausbewohner als Ganzes müssen die Destruktivität erkennen und stoppen. Ein erster Schritt hierzu ist, dass das Team sich in der Supervision erst einmal der Angst bewusst wird, die solche Akte und Zerstörungswünsche bei ihm selbst auslöst. Bei einer Hausversammlung bringen die Mitarbeiter ihr Gefühl zum Ausdruck. Die Emotionen werden dabei weniger durch die verbale Äußerung für die Hausbewohner wahrnehmbar. Ein Mitarbeiter reicht Nägel herum, die sich in den blockierten Schlüssellöchern befunden haben. Dieser non-verbale Austausch zwischen der Gruppe der Betreuer und der Gruppe der Bewohner, in dem nicht zuletzt auch Wut kommuniziert wird, führt schließlich dazu, dass die zerstörerischen Äußerungen ein Ende finden. [5]

3. Die Spurensuche

Voraussetzung für diese vorsichtige und selbstkritische Arbeit in den Foyers ist, sich von der Idee der Linearität und Kontinuierlichkeit des Migrationsprozesses zu verabschieden. Am Ende eines Aufenthaltes in den Foyers steht nicht notwendig die soziale und kulturelle "Integration" oder geglückte Neuorientierung. Migration ist vor allem durch Brüche und "Umwege" gekennzeichnet. Diese Einsicht widerspiegelt sich nicht zuletzt auch im Schreibstil einiger Autoren. Hervorzuheben ist hier vor allem der Beitrag von David SIGNER. In beeindruckender Weise ist das Zusammenspiel von Diskontinuität und Beständigkeit in Amans Leben in die Struktur des Textes und die Sprache des Autors eingegangen. Wir folgen einer Suche nach Spuren, die direkt oder indirekt immer wieder zu Aman führen. Dabei will SIGNER Aman nicht einfach nur verstehen und Erklärungen für seine Handlungen, Gedanken und Sprache finden, sondern er versucht, Aman vor dem Schicksal seines Bruders zu retten, der in Deutschland einsam in einem Zimmer verhungert ist. "Hunger" wird dabei zu einem Sinnbild für "Leere" und Bedeutungslosigkeit. Indem SIGNER alle Indizien über Amans Leben textlich versammelt, konstruiert er "ein Netz von Kontakten und Berührungen", das Aman im Leben halten könnte (S.63). [6]

SIGNER wechselt in seinem Text zwischen der Beschreibung und Analyse von Amans Vergangenheit und gegenwärtigem Leben. Damit wird zwar einerseits die Idee von Kontinuität zwischen dem was war und dem was ist vermittelt. Andererseits wird diese Beständigkeit auch gerade durchbrochen, denn oftmals werden die gerade "gesponnenen Fäden", die Vergangenheit und Gegenwart verbinden könnten, wieder fallengelassen, und SIGNER wendet sich in einem nächsten Abschnitt einer Episode aus dem Foyeralltag zu, die einen völlig neuen Einblick in Amans Leben eröffnet und für die sich keine "Indizien" in der Vergangenheit finden lassen werden, oder SIGNER zitiert einen Dialog zwischen ihm und Aman ein zweites Mal. Diese Form der Unterbrechung des Leseflusses oder der Schreibkonventionen können als Ausdruck von Amans eigenen Brüchen und Wiederholungen interpretiert werden. Wie SIGNER selbst meint:

"In dem Moment, wo ich das schreibe, werde ich gewahr, dass nicht nur Aman diese Szene wiederholt, sondern auch ich selbst sie schon einmal beschrieben habe, und also nicht nur die Situation, sondern auch ihn in seiner Repetivität wiederhole und verdopple" (S.74, Herv. im Orig.). [7]

Bemerkenswert ist ebenfalls der Abschnitt "Erscheinungen", in dem SIGNER auf Amans "Krankheitsgeschichte" eingeht. Aman hört Stimmen und hat ein Punktesystem von Dämonen und schwarzen Engeln entworfen. Der Autor diskutiert hier differenziert die Idee von Krankheit und die Frage, ob Aman in seiner Heimat als religiöser Seher statt als "Verrückter" gelten würde. Dabei entgeht SIGNER der Ethnisierung von Amans Verhalten, wenn er gleichzeitig feststellt: "Vielleicht ist jedoch der kulturelle Faktor gar nicht relevant. Es gibt starke Indizien, dass gerade Schizophrenien formal auf der ganzen Welt große Ähnlichkeiten haben und nur differieren, was die kulturgeprägten Inhalte angeht" (S.59; Herv. im Orig.). [8]

4. Fazit: Ein beeindruckendes Fachbuch mit Romanqualitäten

In den Beiträgen von Elena WERLI und Dieter P. WIRTH ist die Problematik der Kulturalisierung und Ethnisierung von Verhalten differenziert reflektiert. Auch diese Artikel beeindrucken durch den Schreibstil und die geschilderte, durchaus schwierige Nähe zu den Bewohnern. [9]

Heidi SCHÄR SALLs Aufsatz kann als ein Plädoyer für die Vitalität und den Mut, mit denen insbesondere somalische Migrantinnen den sozialen und kulturellen Schwierigkeiten in der Aufnahmegesellschaft begegnen, gelesen werden. Sie entwickelt dabei die Idee eines "anderen Frauenbildes" und zeigt auf, dass somalische Frauen weder dem in Europa gängigen Bild von der unterdrückten muslimischen Frau entsprechen, noch dass sie die sozialen Rollenzuschreibungen der Aufnahmegesellschaft erfüllen. Frauen aus Somali treten sozialen und ökonomischen Schwierigkeiten mit Aggressivität entgegen und bedienen sich damit einer Verhaltensweise, die für Frauen in unseren Gesellschaften tabuisiert zu sein scheint. So sehr mit der These vom "anderen Frauenbild" auch das vitale Selbstbewusstsein von somalischen Frauen thematisiert wird, so wenig werden damit Frauen-Stereotypen dekonstruiert. Heidi SCHÄR SALL verkehrt sie lediglich in ihr Gegenteil und bestätigt sie damit in ihrer Umkehrung: Nicht abhängig und unterdrückt, sondern mobil und so autonom sind die Somalierinnen. Indem SCHÄR SALL das Verhalten der somalischen Frauen als "aggressiv" definiert, beschreibt sie ebenfalls nur die Umkehrung der in unseren Gesellschaften und insbesondere in der Psychoanalyse etablierten Gleichsetzung von Weiblichkeit mit Passivität. Zudem ist gerade die "Umkehrung" eine sehr starke Form des Othering, in der die Kongruenz von Fremd und Eigen wenig thematisiert wird. [10]

Mit dem "anderen Frauenbild" zeigt SCHÄR SALL ein charakteristisches Rollenverhalten von somalischen Frauen im Schweizer Exil auf. Damit jedoch ethnisiert sie ein stückweit die Migrationserfahrung. Die Frage ist, kann man überhaupt "typische" bzw. "kulturspezifische" Verhaltensweisen für bestimmte Nationalitäten oder andere soziale und kulturelle Zugehörigkeiten per se definieren. In Bezug auf somalische Frauen in Zürich wäre es wert, Formen der Auseinandersetzung im Migrationsprozess noch stärker im urbanen Zusammenhang zu betrachten und zu fragen, wie sehr die Verhaltensweisen der Migrantinnen vor allem auch ein Ausdruck des spezifischen sozialen und kulturellen Kontextes von Zürich ist.1) [11]

Das Buch zeichnet sich dadurch aus, dass mit jedem Beitrag andere Aspekte der Migration beleuchtet und verschiedene Zugangswege zum Feld favorisiert werden. Deshalb ist dieser Band unbedingt jedem oder jeder, der oder die sich mit Fragen der Migration oder/und der Ethnopsychoanalyse beschäftigt zu empfehlen. Wer nach neuen Formen des Schreibens von Ethnographien sucht, wird hier ebenfalls fündig und wird fasziniert von dem romanhaften Erzählstil sein, durch den mitunter auch komplizierte ethnologische und psychoanalytische Ansätze allgemein verständlicher werden. Es wäre zu wünschen, dass das engagierte und selbstkritische Selbstverständnis der Mitarbeiter der Foyers diskursbildend für die Migrationspolitik der Aufnahmegesellschaften würde. [12]

Anmerkung

1) Dieser Ansatz folgt der Idee einer Anthropology of the City vs. einer Anthropology in the City. Bei einer Anthropology in the City wird ein Viertel, eine Subkultur oder eine Gruppe von Migranten als ein einzelnes klar abgrenzbares Phänomen untersucht, ohne dabei den spezifischen sozialen, kulturellen und politischen Kontext der jeweiligen Stadt, in der die Studie erfolgt, in Betracht zu ziehen. Bei einer Anthropology of the City geht man jedoch davon aus, dass der lokale Kontext und das untersuchte urbane Phänomen in direkter Wechselbeziehung stehen. Damit wird dem ethnisierten Konzept der Auswanderungserfahrung entgegengesprochen, bei dem für die jeweiligen Einwanderungsgruppen "typische" Akkulturationsformen und Migrationsverläufe formuliert werden, die Allgemeingültigkeit ungeachtet urbaner Zusammenhänge besitzen. <zurück>

Zur Autorin

Victoria HEGNER, Doktorandin am Institut für Europäische Ethnologie, Arbeitsschwerpunkte: vergleichende ethnologische Stadtforschung (Berlin-Chicago), qualitative Migrationsforschung (Jüdische Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion im Vergleich)

Kontakt:

Victoria Hegner

Kopernikusstr. 18
D-10245 Berlin

E-Mail: vhegner@gmx.de

Zitation

Hegner, Victoria (2001). Rezension zu: Danielle Bazzi, Heidi Schär Sall, David Signer, Elena Wetli, Dieter Wirth (2000). Fluchten, Zusammenbrüche, Asyl. Fallstudien aus dem Ethnologisch-Psychologischen Zentrum in Zürich [12 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 2(2), Art. 34, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0102345.

Revised 3/2007



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