Volume 2, No. 1, Art. 3 – Februar 2001

Rezension:

Rudolf Schmitt

Uwe Flick, Ernst von Kardorff & Ines Steinke (Hrsg.) (2000). Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Hamburg: rowohlts enzyklopädie, 768 Seiten, 39.90 DM, ISBN 3-499-55628-6

Inhaltsverzeichnis

1. Zum Inhalt

2. Eindruck

3. Resümee

Anmerkung

Literatur

Zum Autor

Zitation

 



Ein Handbuch – das ist zunächst wörtlich zu nehmen, und lässt den Rezensenten zunächst etwas bange vor seiner Aufgabe werden, als ihm ein knapp 770 Seiten dickes Buch im Backsteinformat (Taschenbuch!) aus der Büchersendung entgegenkommt. Wohlan ... [1]

1. Zum Inhalt

Als Handbuch will es eine "Bestandsaufnahme und Ortsbestimmung der sich differenzierenden qualitativen Forschung" (FLICK, KARDORFF & STEINKE, S. 27) geben. Nach einer knappen und gehaltvollen Einführung in das Phänomen "qualitative Forschung" folgen fünf Kapitel, die diesen Anspruch mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung ausfüllen. [2]

In den Aufsätzen des zweiten Kapitels finden sich historische Skizzen zu ANSELM STRAUSS, ERVING GOFFMAN, HAROLD GARFINKEL und HARVEY SACKS, PAUL WILLIS, CLIFFORD GEERTZ, NORMAN K. DENZIN und den EthnopsychoanalytikerInnen PARIN, MORGENTHALER und PARIN-MATTHÈY. In durchweg spannend zu lesenden Artikeln werden die Verbindungen von Person, Gegenstand, wissenschaftlichem Kontext und Entwicklung der jeweiligen Methode bzw. Methodologie rekonstruiert – eine Fortsetzung der Betrachtung "klassischer Studien" im älteren "Handbuch Qualitative Sozialforschung" (FLICK et al. 1991). [3]

Das nächste Kapitel widmet sich der Theorie qualitativer Forschung und versammelt die unterschiedlichsten Positionen: von der phänomenologischen Lebensweltanalyse bis zum Konstruktivismus, von der qualitativen Evaluationsforschung bis zur Geschlechterforschung. Je nach AutorIn findet sich eine Spannbreite von solidem Grundsatzreferat (BERGMANN über die Ethnomethodologie) bis hin zum persönlich gehaltenen Kommentar (DENZIN über den symbolischen Interaktionismus). [4]

Das vierte Kapitel vereinigt methodologische Diskussionen über Design und Prozess qualitativer Forschung, zum Verhältnis von Hypothesen und Vorwissen, zu Abduktion, Induktion und Deduktion, zu Auswahlverfahren, zum Verhältnis von qualitativen und quantitativen Methoden, zu den Gütekriterien und zur Triangulation. Diese Aufsätze sind stärker didaktisch aufbereitet, es dominiert die Informationsvermittlung. [5]

Es bleibt das konkrete Handwerk qualitativen Forschens übrig, und ihm ist der größte Teil des Buches (250 Seiten) gewidmet. Sehr gründlich wird vom Einstieg ins Feld über Formen und Schwierigkeiten des Interviewens, des Beobachtens, des Umgangs mit Foto und Video und der Transkription bis hin zur Textanalyse im Sinne der Grounded Theory oder anderer Auswertungsverfahren der Prozess einer qualitativen Forschung in mehreren Varianten beschrieben. Auch wird die Problematik einer adäquaten Darstellung qualitativer Forschung besonders berücksichtigt. [6]

Das letzte Kapitel stellt qualitative Forschung in weitere Kontexte: Verwendung derselben durch Auftraggeber, ihre Zukunft, besondere Probleme der Forschungsethik, absehbare Probleme. Eine so radikal skeptische, gleichzeitig hilf- und sinnreiche Position wie die von Lüders gegenüber den möglichen Selbstüberschätzungen qualitativen Forschens ist selten zu lesen. Probleme des Datenschutzes (informierte Einwilligung, Anonymisierung, Frage nach Schädigung durch Forschung) wie ein (hervorragend ausgestattetes) Modell der Lehre von qualitativer Forschung finden sich ebenfalls beschrieben. [7]

Was zum Rundum-Sorglos-Paket fehlt, dessen Einfügung das Buch allerdings auf das Doppelbackstein-Format aufblähen würde, sind praktische Anweisungen für AnfängerInnen. Aber auch hier hilft das Buch: Man findet einen Serviceteil (!) mit der Kurzbesprechung von Büchern, die in einzelne qualitative Forschungsverfahren didaktisch einführen. Genannt werden u.a.: MAYRING, STRAUSS & CORBIN, eine Übersicht von Zeitschriften zur qualitativen Forschung und eine Liste "klassischer Studien" verschiedener Richtungen bzw. Fachgebiete. Es folgt eine kommentierte Sammlung von Quellen im Internet (Journale, Mailinglisten, Datenbanken) und Kurzbeschreibungen der wichtigsten Computerprogramme zur Bearbeitung qualitativer Daten. Das Buch wird von einem 83 Seiten umfassenden Gesamt-Literaturverzeichnis und einem 13 Seiten umfassenden Register gleichermaßen auf- und abgeschlossen. [8]

2. Eindruck

Bei insgesamt 60 Einzelaufsätzen (ohne Serviceteil) verbieten sich auf beschränktem Platz Anmerkungen zu einzelnen Aufsätzen. Insgesamt sind die Texte lesbarer, "narrativer" als noch in FLICK et al. 1991; als Beispiel nenne ich den humorvollen Aufsatz von HERMANNS über die Ängste beim Interviewen. Der Anspruch auf Vollständigkeit der Bestandsaufnahme ist weitestgehend eingelöst; mir fehlt allenfalls das oft genutzte problemzentrierte Interview nach WITZEL, das nur sehr kurz erwähnt wird. Die Dynamik der Entwicklung ist in den zum Teil auch kontrovers entgegenstehenden Positionen enthalten – so sind zur Triangulation unterschiedliche Definitionen, Anmerkungen und Einschätzungen zu finden; qualitative Forschung zeigt sich als vielstimmiger Chor. Im erwähnten älteren Buch waren einzelne Handlungsfelder als Gegenstand qualitativer Forschung ausgewiesen worden (Gesundheit, Arbeitswelt, etc.), die jetzt nicht mehr vorkommen – aber das dürfte inzwischen den Umfang eines eigenen Buches beanspruchen. [9]

3. Resümee

Für DiplomandInnen, DoktorandInnen und andere Forschende ist das Buch unverzichtbar, um die Fülle qualitativer Forschungspraxis sowie methodischer wie methodologischer Reflexion zu überblicken und Anschlussmöglichkeiten zu gewinnen. Das gleiche gilt für Lehrende; viele Aufsätze sind in der Methodenausbildung auch aufgrund ihrer Lesbarkeit schon in mittleren Semestern einzusetzen. Hier ist auch der studentInnenfreundliche Preis des Buches anzumerken. Nicht zuletzt deuten die in vielen Artikeln bilanzierenden, selbstkritischen, skeptischen, oft den Anspruch einzelner Herangehensweisen beschränkenden Reflexionen auf eine gewandelte Identität qualitativen Forschens, die nicht mehr unbedingt den Außenfeind "quantitatives Forschen" braucht, um sich ihrer selbst gewiss zu sein: Das Buch und seine AutorInnen stellen diesen Stand qualitativer Forschung dar wie her. [10]

Anmerkung

Diese Rezension ist eine veränderte Version der Besprechung, die in Psychomed. Zeitschrift für Psychologie und Medizin (Reinhardt-Verlag, München) veröffentlicht wird. Wir danken für die Erlaubnis zur Vorveröffentlichung.

Literatur

Flick, Uwe; von Kardorff, Ernst; Keupp, Heiner; von Rosenstiel, Lutz & Wolff, Stephan (Hrsg.) (1991). Handbuch qualitative Sozialforschung. Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen. München: Psychologie Verlags-Union.

Zum Autor

Rudolf SCHMITT

Studium von Psychologie und Germanistik in Marburg und Berlin, jeweils mehrere Jahre in Einzelfall- und Familienhilfe und Psychiatrie beschäftigt, seit 1997 Professur für Psychologie am FB Sozialwesen der HTWS Zittau-Görlitz, wissenschaftlicher Schwerpunkt: Metaphernanalyse als sozialwissenschaftliches Forschungsverfahren

Kontakt:

Prof. Dr. Rudolf Schmitt

Fachbereich Sozialwesen
Hochschule für Technik, Wirtschaft und Sozialwesen Zittau / Görlitz
Goethestr. 5
D - 02826 Görlitz

E-Mail: r.schmitt@hs-zigr.de

Zitation

Schmitt, Rudolf (2001). Rezension zu: Uwe Flick, Ernst von Kardorff & Ines Steinke (Hrsg.) (2000) Qualitative Forschung. Ein Handbuch [10 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 2(1), Art. 3, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs010135.

Revised: 7/2010



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