Volume 7, No. 2, Art. 9 – März 2006

Rezension:

Stefanie Große

Bruno Hildenbrand (2005). Fallrekonstruktive Familienforschung. Anleitungen für die Praxis (2. Auflage) (Reihe Qualitative Sozialforschung, Band 6). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 95 Seiten, ISBN 3-531-32286-9, Euro 12,90

Zusammenfassung: Bruno HILDENBRAND ist mit seinem Buch "Fallrekonstruktive Familienforschung. Anleitungen für die Praxis" ein praxisorientiertes Nachschlagewerk zur Methodik der Fallrekonstruktion gelungen. Der Autor thematisiert in fünf Kapiteln exemplarisch den Ablauf eines fallrekonstruktiven Vorgehens am Einzelfall, was er mit Beispielen aus seiner eigenen Forschungsarbeit illustriert. Trotz kleiner Kritikpunkte handelt es sich um ein sehr informatives und äußerst empfehlenswertes Buch.

Keywords: Fallrekonstruktive Forschung, Methodologie, Anwendungsfelder der qualitativen Sozialforschung

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung in das Thema: Forschung und Praxis von Fallrekonstruktionen

2. Eine methodische Anleitung für die Praxis

2.1 Fallrekonstruktion auf Einzelfallebene

2.2 Von der Fallrekonstruktion zur Fallkontrastierung

3. Fazit: Empfehlenswerte praxisorientierte Anleitung

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einführung in das Thema: Forschung und Praxis von Fallrekonstruktionen

Mit dem Begriff der Fallrekonstruktion, der im Titel des Buches von Bruno HILDENBRAND enthalten ist, ist ein unmittelbarer Hinweis auf zwei wesentliche Bezugspunkte qualitativen Forschens verbunden: einerseits auf eine rekonstruktiv vorgehende Forschungslogik und andererseits auf die essentielle Bedeutung des Einzelfalls im Rahmen dieses methodologischen Vorgehens. [1]

Abgrenzend von quantitativen Ansätzen ist es kennzeichnend für qualitativ-rekonstruktiv vorgehende Forschungsprozesse, interessierende Phänomene nicht zuvor in einzelne Variablen zu untergliedern, sondern in ihren komplexen Zusammenhängen in alltäglichen Handlungskontexten zu untersuchen. Qualitative Forschung beruht auf einer methodologischen Basis, deren Forschungslogik darauf ausgerichtet ist, durch methodisch kontrollierte Verfahren neue Phänomene zu explorieren, womit sich das Ziel verbindet, hypothesengenerierend statt hypothesenprüfend vorzugehen. Angelehnt u.a. an die Überlegungen von Charles S. PEIRCE (1970) verlassen qualitativ-empirisch orientierte Untersuchungszusammenhänge die deduktive und hypothesengeleitete Logik quantitativen Forschens und wenden sich einem abduktiven, hypothesenbildenden Vorgehen zu.1) [2]

Forschungsarbeiten, die sich an einer qualitativen Forschungslogik ausrichten, ist eine Orientierung am "interpretativen Paradigma" (WILSON 1973) gemeinsam. Dieses Paradigma besagt, dass jegliche Interaktion und soziale Ordnung auf interpretativen Leistungen der handelnden Akteurinnen und Akteure beruht (MEUSER 2003, S.93). Dabei wird von der Binnenperspektive der Handelnden ausgegangen und der Annahme, dass soziale Wirklichkeit als Ergebnis eines kommunikativen und interaktiven Prozesses zu verstehen ist, in dessen Rahmen sich wiederkehrende Aushandlungsprozesse2) vollziehen (vgl. STRAUSS 1993, S.145). [3]

Wird soziale Wirklichkeit wie im "interpretativen Paradigma" schon als sinnhaft interpretierte Leistung handelnder Akteurinnen und Akteure verstanden, dann lenkt dies den Blick auf die Interpretationsleistung und den subjektiven "Idealisierungs- und Formalisierungsprozess" (SCHÜTZ 1977, S.64) der biographisch Handelnden bei der Untersuchung sozialer Ordnungen (vgl. FABEL-LAMLA 2004, S.115). Aus dieser Fokussierung auf die subjektive Perspektive ergeben sich auf methodologischer Ebene einige Konsequenzen für den Forschungsprozess selbst. Zum einen muss eine Forschungsperspektive, die Intersubjektivität in den Mittelpunkt stellt, bei den Erfahrungen, den Interpretationsmustern und dem Lebensweltbezug der untersuchten Akteurinnen und Akteure ansetzten. Dies ist gerade deshalb bedeutsam, um sich als Forscherin/Forscher aneignen zu können, was den Handelnden schon bekannt ist bzw. bekannt sein muss, damit sie in alltäglichen Lebenssituationen agieren können. Somit ist auch die Theoriebildung über ein untersuchtes Phänomen als "interpretativer Prozess" (WILSON 1973, S.54) zu verstehen. Zum anderen ist eine möglichst unvoreingenommene und offene Haltung der Forscherinnen und Forscher gegenüber dem Gegenstandbereich notwendig, um für die Komplexität der dort vorfindbaren Selbst- und Wirklichkeitskonstruktionen sensibel sein zu können und sie als Basis für weiterführende Analysen zu verwenden. [4]

Die Entscheidung für eine fallrekonstruktiv vorgehende Forschungslogik zielt darauf ab, die Komplexität des Forschungsthemas erfassen zu können, ohne zugunsten von Generalisierbarkeitsbestrebungen Auswahlentscheidungen vornehmen zu müssen oder Teilergebnisse auf Grund statistischer Verfahren (z.B. Mittelungen) aufzugeben. Rekonstruktive Forschung zielt dementsprechend auf die "Rekonstruktion der impliziten Wissensbestände und der impliziten Regeln sozialen Handelns" (MEUSER 2003, S.140). Dabei wird der "Einzelfall [...] dialektisch als individuiertes Allgemeines verstanden" (HILDENBRAND 1987, S.161) und damit in zweifacher Hinsicht bedeutsam: einerseits als punktuelles Ergebnis eines individuellen Erfahrungsverarbeitungsprozesses, der andererseits eingebettet ist in einen allgemeinen Hintergrund (gesellschaftliche Rahmung). Entscheidend für eine Analyse ist die Besonderheit und Individualität des Einzelfalls in Auseinandersetzung mit strukturellen Rahmenbedingungen, also die Herausbildung individueller Handlungsorientierungen und Handlungen (vgl. HILDENBRAND 2005, S.11ff). Des Weiteren ist davon auszugehen, dass Handlungsorientierungen der einzelnen Akteurinnen und Akteure nicht zufällig aus dem Nichts heraus entstehen, sondern sich vor dem Hintergrund eines spezifischen Erfahrungs- und Wissenshintergrundes herausbilden. Im lebensgeschichtlichen Zusammenhang betrachtet folgen Handlungsorientierungen einem bestimmten Muster, das kennzeichnend ist für die jeweilige Biographie und die "Geschichte" des Erfahrungsverarbeitungs- und Lernprozesses widerspiegelt (vgl. FLICK 2002, S.112). Im Mittelpunkt der Fallrekonstruktion steht die Herausarbeitung dieses fallspezifischen Musters, das nicht statisch aufgefasst wird, sondern in dem Kontinuität und Veränderung erkennbar werden (vgl. HILDENBRAND 2005, S.11ff). Aus diesen Annahmen lässt sich schlussfolgern, dass einer fallrekonstruktiven Einzelfallanalyse die Aufgabe zukommt "zu rekonstruieren, wie der Fall seine spezifische Wirklichkeit im Kontext allgemeiner Bedingungen konstruiert hat" (HILDENBRAND 1995, S.257). [5]

2. Eine methodische Anleitung für die Praxis

Um den spezifischen Konstruktionen des Einzelfalls näher zu kommen, ergeben sich als methodische Konsequenz einige grundlegende Vorgehensweisen bei der Datenerhebung und Datenauswertung. Einer Betrachtung dieser konkreten methodischen Umsetzung in der fallrekonstruktiven Forschungspraxis widmet sich das hier zu besprechende Buch "Fallrekonstruktive Familienforschung. Anleitungen für die Praxis" von Bruno HILDENBRAND, das in der bewährten Reihe "Qualitative Sozialforschung" von BOHNSACK, LÜDERS und REICHERTZ erschienen ist. HILDENBRANDs erklärtes Ziel ist es, mit diesem Buch Einblicke in die konkrete Forschungspraxis zu geben und den Lesenden den Nachvollzug einer Fallstudie zu ermöglichen (vgl. S.11ff). Dazu stellt er die Entwicklung einer Fallstudie in den Mittelpunkt seiner Ausführungen und zeichnet die einzelnen Arbeitsabläufe Schritt für Schritt nach. Auf inhaltlicher Ebene bezieht sich HILDENBRAND auf den Bereich der Familienforschung, in deren Rahmen er die präsentierte Fallstudie einordnet. An dieser Stelle hätte ich mir als Leserin eine etwas ausführlichere Hinführung zum Themenbereich der Familienforschung gewünscht, da die der Fallstudie vorangestellten Begriffsklärungen nicht mit dem Forschungsfeld Vertrauten lediglich einen fragmentarischen Eindruck ermöglichen. Auch fehlt der Hinweis, ob der geschilderte Ablauf einer Fallrekonstruktion ausschließlich für den Bereich der Familienforschung geeignet oder auch in anderen Forschungsfeldern anzuwenden ist. Dies erscheint mir gerade deshalb sinnvoll zu sein, da das Buch den Anspruch auf den Status eines "Lehrbuchs" (S.14) erhebt und sich somit gezielt an Lesende wendet, die mit der Forschungsmethode bisher wenig vertraut sind. Allerdings weist der Autor nachdrücklich darauf hin, kein allgemeingültiges Vorgehen für den "Ablauf einer beliebigen Fallstudie" (S.15) zu liefern, sondern vielmehr den Lesenden Leitlinien an die Hand zu geben, die die eigene Forschungspraxis "inspirieren" (S.14) können. [6]

Das Buch gliedert sich in fünf übergreifende Kapitel, wobei das Eingangskapitel zur einführenden Begriffsklärung dient, während das Abschlusskapitel Hinweise auf Schlüsseltexte zu den Themenbreichen "Familie" und "Methode der Fallrekonstruktion" bereitstellt. Im zweiten Kapitel beschäftigt sich HILDENBRAND mit der konkreten Entwicklung einer Fallstudie, der er einen siebenstufigen Ablaufplan voranstellt, der einem Aufsatz von LEBER und OEVERMANN (1994) entnommen ist. Dieser Ablaufplan trifft die Lesenden relativ unvermittelt und leider ist mir beim Lesen auch seine Bedeutung für die nachfolgenden Ausführungen verborgen geblieben, da der Autor in seinen Schilderungen einer anderen Darstellungsweise folgt (vgl. S.17f). Von diesen grundlegenden Annahmen ausgehend beginnt der Autor seine praxisnahe Einzelfalldarstellung. [7]

2.1 Fallrekonstruktion auf Einzelfallebene

Im Abschnitt "Vorbereitungen einer Fallstudie" (S.18ff) widmet sich HILDENBRAND einer besonders für Anfängerinnen und Anfänger wichtigen Thematik. Von der Bedeutsamkeit einer konkreten Fragestellung über die Fallauswahl bis hin zu ersten Kontakten mit den Akteurinnen und Akteuren des Forschungsfeldes erhalten die Lesenden informative Tipps und detailreiche Informationen, die sich in der Praxis bewährt haben. Diese Abschnitte haben mir sehr gefallen, da sie für die Zielgruppe des Buches – Anfängerinnen und Anfänger in der Anwendung der fallrekonstruktiven Methode – von besonderer Bedeutung sein dürften und sich durch große Praxisnähe auszeichnen. In ähnlicher Weise ist der sich anschließende Abschnitt aufgebaut, in dem sich der Autor mit Hinweisen zur Handhabung und zur Analysemethode von Beobachtungsprotokollen beschäftigt und dies beispielhaft unterlegt. Kritisch anzumerken bleibt hier allerdings, dass HILDENBRAND, wenn er sich der Art des Kodierens nach der "Grounded Theory" (vgl. STRAUSS 1998) zuwendet, nicht erwähnt, an welcher Stelle des Kodierprozesses er sich befindet. Dies erweckt bei den Lesenden den Eindruck, Kodieren bestehe allein in der Anwendung des Kodierparadigmas, das hier zwar sehr anschaulich präsentiert wird, aber eben nur einen Bestandteil dieses Ansatzes ausmacht. Meiner Meinung nach wird der Autor mit diesem Vorgehen der Komplexität der Methode nicht gerecht und stellt sie verkürzt dar, was zu Verwirrungen bei den Lesenden führen kann. [8]

Mit der Thematik "Das familiengeschichtliche Gespräch" (S.28ff und S.45ff) folgen die umfangreichsten und zentralen Abschnitte der exemplarisch vorgeführten Fallrekonstruktion. Für die Erhebung eines familiengeschichtlichen Gesprächs schlägt HILDENBRAND folgenden Ablauf vor (vgl.29ff):

  • Das Gespräch findet bei der Familie zu Hause statt, wobei möglichst alle zur Familie zugehörigen Personen anwesend sein sollen.

  • Mit der Frage nach der Familiengeschichte wird der Erzählstimulus gegeben und das Gespräch eingeleitet.

  • Eine grundsätzliche Offenheit für die Belange und Beweggründe der Familie sollte gegeben sein, z.B. Klärung von Fragen zum Forschungsanliegen.

  • Es folgt das Nachfragen von Sozialdaten der Familie und der Familiengeschichte. Ziel ist hier auf der Basis dieser Daten ein Genogramm3) erstellen zu können.

  • Im Abschluss an das Gespräch wird ein Beobachtungsprotokoll angefertigt, in dem beispielsweise Angaben zur Sitzordnung, zum Raum, nonverbale Äußerungen usw. festgehalten werden. [9]

Die Datenanalyse auf Einzelfallebene beschreibt HILDENBRAND entlang eines vierstufigen Prozesses:

  • Genogrammanalyse im Hinblick auf die "objektiven Daten" der Familie (vgl. S.32ff),

  • Analyse der Eingangssequenz (vgl. S.45ff),

  • thematische Analysen (vgl. S.53ff),

  • abschließende Integration der Fallstrukturhypothese und Schreiben einer Fallmonographie (vgl. S.60ff). [10]

Zum ersten Schritt merkt der Autor an, dass er vorzugsweise in einer Interpretationsgruppe erfolgen sollte, da dieses Vorgehen die Variabilität beim "Erkunden der ... objektiven Möglichkeiten des Handelns von Individuen oder Familien" (S.32) gewährleistet. Am Ende dieser Analysephase steht die Formulierung einer schlüssigen – allerdings vorläufigen – Fallstrukturhypothese, die mit Hypothesen aus im Vorfeld erstellten Beobachtungsprotokollen verglichen wird, um zu einer ersten integrierten Fallstrukturhypothese zu gelangen (vgl. S.33). Dieser Schritt wird wieder mit einem Beispiel illustriert, an Hand dessen die Leserin/der Leser eine Vorstellung von der praktischen Durchführung einer Genogrammanalyse erhält. [11]

Der Analyse der Eingangssequenz wird in fallrekonstruktiven Verfahren eine herausragende Bedeutung zugesprochen (vgl. S.45), da sich mit der Erzähleröffnung eine sich "allmählich strukturierende soziale Interaktion" (a.a.O.) entwickelt, in der nicht nur der Inhalt des Gesagten relevant ist, sondern auch die Art, wie die Familie den dargebotenen Interaktionsrahmen aufgreift. Um ein methodisch korrektes Vorgehen zu gewährleisten, empfiehlt HILDENBRAND an dieser Stelle, die bisher entwickelten Fallstrukturhypothesen zunächst auszublenden (vgl. S.47) und sie erst nach der Eingangssequenzanalyse kontrastierend hinzuzuziehen (vgl. S.52). Wie es allerdings gelingen kann, bereits vorhandenes Vorwissen über den Einzelfall völlig auszublenden – was mir gerade für Anfängerinnen und Anfänger nur schwer nachvollziehbar erscheint – dazu gibt der Autor wenig bis gar keine Hilfestellungen. Dies wäre meines Erachtens allerdings notwendig, wenn einerseits – wie in HILDENBRANDs Ausführungen erfolgt – die Bedeutung des Ausblendens an verschiedenen Stellen im Auswertungsprozess hervorgehoben wird (vgl. S.27, S.32 und S,47) und man andererseits dem selbst formulierten Anspruch an ein Lehrbuch (vgl. S.14) gerecht werden möchte. [12]

Als weiteren Schritt zur Überprüfung der im Analyseprozess aufgestellten Fallstrukturhypothesen sieht der Autor thematische Analysen vor. Dazu empfiehlt er, den Gesprächsablauf in Form eines tabellarischen Protokolls festzuhalten, was den Zugriff auf einzelne Themen des Gesprächs und die Überprüfung von Hypothesen erleichtern soll (vgl. S.53). Allerdings habe ich als Leserin den Hinweis, eine thematische Analyse könne entweder sequentiell erfolgen oder sich an der Vorgehensweise der narrativen Analyse nach SCHÜTZE (1984) orientieren, als wenig hilfreich empfunden (vgl. S.55), da die Ausführungen zu Letzterem insbesondere im Hinblick auf die praktische Anwendung sehr bruchstückhaft und wenig detailliert ausfallen. Ähnlich ging es mir beim Lesen der Ausführungen zum vierten Schritt (Abschließende Integration der Fallstrukturhypothese und Schreiben einer Fallmonographie), der besonders für die Adressantinnen und Adressaten des Buches im Hinblick auf die Anwendung in der Praxis schwer nachvollziehbar sein dürfte. [13]

Zwischen den Darstellungen der einzelnen Analyseschritte einer Fallrekonstruktion hat HILDENBRAND verschiedene Abschnitte eingefügt, in denen er methodische Vorgehensweisen thematisiert, die während des gesamten Prozesses von Bedeutung sind. Er nennt mit dem Schreiben von Memos (S.40ff) ein wichtiges Hilfsmittel, dass dazu dient, den Analyseprozess voranzutreiben. Darüber hinaus verweist er mit der Dokumentenanalyse (S.56ff) auf ein weiteres Hilfsmittel zur Überprüfung der sich herausbildenden Fallstrukturhypothese. Die Ausführungen zu beiden Aspekten können als besonders hilfreich bewertet werden, da sie praxisnahe Tipps zur Umsetzung im Forschungsprozess bieten. [14]

2.2 Von der Fallrekonstruktion zur Fallkontrastierung

HILDENBRAND beendet seine praxisorientierte Betrachtung einer Fallrekonstruktion nicht auf der Ebene des Einzelfalls, sondern behält auch deren Stellung im Kontext einer Gesamtstudie im Blick, was den Lesenden eine Einordnung der einzelnen Analyseschritte ermöglicht. Hervorzuheben ist, dass der Autor explizit auf Modifizierungsmöglichkeiten der Grounded Theory und der Objektiven Hermeneutik hinweist, diese anschaulich darlegt und darauf aufbauend forschungspraktische Probleme thematisiert (vgl. S.65ff). Seine modifizierte Vorgehensweise des "Theoretical Samplings" der Grounded Theory stellt HILDENBRAND anschaulich über folgende vier Schritte dar:

  • Aus den theoretischen Vorüberlegungen leiten sich die Kriterien für die Auswahl des ersten Falles ab.

  • Die beiden ersten Fälle werden, nachdem sie vollständig auf Einzelfallebene rekonstruiert wurden, auf der Basis ihrer Fallstrukturhypothesen verglichen. Dabei steht die erwartete Form der Kontrastierung mit der tatsächlich vorgefundenen im Mittelpunkt.

  • Darauf aufbauend wird der nächste Fall ausgewählt. Hierfür sind dann nicht mehr Kriterien der theoretischen Vorüberlegungen maßgebend, sondern diejenigen, die sich bei der Auswahl der ersten beiden Fälle entwickelt haben.

  • Bis die Theorie gesättigt und eine Typenbildung möglich ist, wird mit dem unter 2. beschriebenen Vorgehen fortgefahren. [15]

Dieses Verfahren wird – da dies den Umfang und das Ziel des Buches übersteigen würde – lediglich auf wenigen Seiten umrissen und bleibt schon aus diesem Grund fragmentarisch. Dennoch ist die Thematisierung der Fallkontrastierung und darauf aufbauend der Typenbildung in diesem Rahmen nur zu begrüßen, da es insbesondere Anfängerinnen und Anfänger im Umgang mit der Methode dafür sensibilisiert, den Gesamtzusammenhang eines fallrekonstruktiven Vorgehens zu betrachten und die Möglichkeit bietet, dessen Leistungsfähigkeit im Hinblick auf Theoriebildungsprozesse nachvollziehen zu können. [16]

3. Fazit: Empfehlenswerte praxisorientierte Anleitung

Das Buch "Fallrekonstruktive Familienforschung" hinterlässt einen positiven und empfehlenswerten Eindruck. Trotz dieses positiven Gesamteindruckes fielen mir beim Lesen einige Punkte auf, die meiner Ansicht nach im Falle einer Neuauflage verbessert werden sollten. So sehe ich Kritikpunkte im Aufbau und der Zusammenstellung der einzelnen Abschnitte in Kapitel II, das den Kern des Buches ausmacht. Dort werden von HILDENBRAND verschiedene Abschnitte eingefügt, in denen er methodische Vorgehensweisen, wie z.B. das Schreiben von Memos oder das Verfahren der Dokumentenanalyse, thematisiert, die während des gesamten Prozesses von Bedeutung sind. Dies im Darstellungsverlauf der Fallrekonstruktion einzuführen hat zwar den Vorteil, dass sich unmittelbare Bezüge zwischen den methodischen Vorgehensweisen und deren konkreter Verwendung in der Praxis herstellen lassen und man damit vermutlich auch dem im Forschungsprozess praktizierten Vorgehen am Nächsten kommt, doch erhöht es weder die Lesefreundlichkeit noch erleichtert es nicht in die Materie eingearbeiteten Lesenden den Nachvollzug der einzelnen Abläufe einer Fallrekonstruktion. Wenn ein solches Vorgehen im Rahmen eines Lehrbuches gewählt wird, sei hier der Vorschlag einer Leseanleitung genannt, mit deren Hilfe sich die Lesenden orientieren können, und die ein Erschließen des Gesamttextes erleichtern dürfte. Ein weiterer Kritikpunkt, der sich hier unmittelbar anfügen lässt, bezieht sich ebenfalls auf den Nachvollzug der einzelnen Analyseschritte. Über die gesamten Ausführungen hinweg hat die Rezensentin eine Übersicht über die dargestellten Auswertungsschritte vermisst, was sich gerade für Neulinge in der Anwendung dieses Verfahrens als hilfreich erwiesen hätte. [17]

Abschließend möchte ich aber festhalten, dass das Buch als informative Lektüre überaus empfehlenswert ist. Mir hat besonders gefallen, dass es seinem Anspruch auf Praxisnähe gerecht wird und es nicht mit dem Forschungsvorgehen vertrauten Leserinnen und Lesern wichtige Impulse für das Durchführen eigener Projekte gibt. Darüber hinaus kann das ausführliche Thematisieren ethischer Grundlinien für qualitative Forschungsprojekte (vgl. Kapitel IV) nicht hoch genug bewertet werden und sollte einen selbstverständlichen Platz in Handbüchern erhalten. [18]

Anmerkungen

1) Da eine ausführliche Beschreibung des Abduktionsbegriffes an dieser Stelle zu weit führen würde, sei auf KELLE (1994) und REICHERTZ (2003) verwiesen. <zurück>

2) 1978 hat Anselm STRAUSS in seinem Buch "Negotiations" eine systematische Beschäftigung mit Aushandlungsprozessen sozialer Ordnung vorgeschlagen. Das "Concept of negotiated order" bezog sich anfangs auf Interaktionsprozesse innerhalb von Organisationen. Das zentrale Ergebnis war, dass es keine organisatorischen Abläufe ohne Aushandlungsprozesse geben kann (STRAUSS1993, S.249). In Erweiterung dieses Fokus' auf Aushandlungen schlägt STRAUSS an späterer Stelle (S.254ff) vor, anstatt von "Negotiated order" von "Processual ordering" zu sprechen. Auf diese Weise soll eine Überbetonung der Aushandlungsaspekte bei der Konstruktion sozialer Ordnung vermieden werden und andere Interaktionsprozesse/-formen wie persuasion (Überredung), manipulation, education, threat und coercion sollen mit in den Blick geraten. Zentrales Moment von Interaktionsprozessen bleibt jedoch weiterhin die "Aushandlung". Eine der prägnantesten Beschreibungen dessen, was demzufolge als "Negotiated Order Approach" eine breite Rezeption erfahren hat, findet sich bei MAINES und CHARLETON (1985, S.271f.). <zurück>

3) "Das Genogramm ist ein graphisches Hilfsmittel, um zentrale lebens- und familiengeschichtliche Daten über mehrere Generationen hinweg zu rekonstruieren und so zu einer Fallstrukturhypothese zu gelangen" (HILDENBRAND, S.32) <zurück>

Literatur

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Zur Autorin

Stefanie GROßE, 2002 Abschluss in Pädagogik, Soziologie und Wirtschafts- und Sozialpsychologie (M.A.), anschließend wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt "Biographisches Lernen junger Frauen und Doing-Gender-Prozesse in den Statuspassagen zur Erwerbsarbeit", seit November 2003 Promotionsstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung, Thema: "Zum lebensgeschichtlichen Stellenwert kritischer Lebensereignisse. Eine qualitative Studie zu biographischen Lernprozessen im Verlauf der Statuspassagen Ausbildung/Beruf sowie Partnerschaft/Familie".

In FQS finden sich zwei weitere Besprechungen von Stefanie GROßE, zu: Lebenszeiten. Erkundungen zur Soziologie der Generationen (herausgegeben von Günter BURKART & Jürgen WOLF 2002) sowie zu Berufsbiografie und Familiengründung. Biografiegestaltung junger Erwachsener nach Abschluss der Berufsausbildung (Thomas KÜHN, 2004).

Kontakt:

Stefanie Große

Schleinitzstraße 15
D-38106 Braunschweig

E-Mail: grossesteffi@gmx.net

Zitation

Große, Stefanie (2005). Rezension: Bruno Hildenbrand (2005). Fallrekonstruktive Familienforschung. Anleitungen für die Praxis [18 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 7(2), Art. 9, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs060299.



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