Volume 9, No. 3, Art. 21 – September 2008

Rezension:

Lisa Pfahl

Anne Waldschmidt & Werner Schneider (Hrsg.) (2007). Disability Studies, Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung. Erkundungen in einem neuen Forschungsfeld (Disability Studies: Körper – Macht – Differenz Band I). Bielefeld: Transcript, 343 Seiten, ISBN 3-89942-286-7, EUR 29,80

Zusammenfassung: Der Sammelband mit 13 Beiträgen gibt einen Einblick in Theorie, Forschungsansätze und -arbeiten im deutschsprachigen Feld der Disability Studies. Körper- und kulturtheoretischen Beiträgen zur Einführung folgen Artikel, die Ergebnisse empirischer Studien zu Körperbehinderungen vorstellen. Ländervergleichende und sozialpolitische Analysen bereichern den Sammelband um deutschlandspezifische Befunde in der Soziologie der Behinderung. Der Reader stellt eine Fortführung neuerer Veröffentlichungen im transdisziplinären Forschungsfeld der Disability Studies dar und ergänzt diese um eine Auseinandersetzung mit der governmentalitätskritischen, anglo-amerikanischen Debatte um Behinderung sowie um jüngste Forschungsergebnisse zur Konstruktion von Behinderung am Beispiel von Blindheit, persönlicher Assistenz, Conterganschädigung und der Segregation in Sonderschulen.

Keywords: Behinderung; Normalität; Diskursanalyse; Foucault; Goffman; Körper; soziale Ungleichheit; Inklusion; Biografieforschung; Wissen; Medizin; Rehabilitation; Kultur

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Körper, Macht/Wissen und die Praxis von Behinderung. Theoretisch-analytische Grundlagen der Disability Studies

3. Disability Studies, Cultural Studies, Queer Studies. Querverbindungen und Perspektiven

4. Normalität, Abweichung und Behinderung als Regime von Sichtbarkeiten. Historische Rekonstruktionen des Blicks auf den "anderen" Körper

5. Behinderung in Diskursen und Interaktionen. Medizinische Praxis, Selbstbestimmung im Alltag und biografische Erfahrung

6. Behinderung und sozialer Status. Institutionen der Inklusion/Exklusion

7. Zusammenfassung

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung

Die Disability Studies sind im anglo-amerikanischen Raum seit über 20 Jahren ein eigenständiges, transdisziplinäres Forschungsfeld, dem zunehmend Aufmerksamkeit zuteil wird. Die von Irving K. ZOLA gegründete Zeitschrift "Disability Studies Quarterly" und die von Len BARTON herausgegebene Zeitschrift "Disability & Society" haben maßgeblich zur Etablierung des sozialwissenschaftlichen Zugangs zum Thema Behinderung beigetragen. Fragestellungen, Forschungsansätze und Ergebnisse der anglo-amerikanischen Beschäftigung mit Behinderung aus sozialwissenschaftlicher Perspektive sind in dem von Gary L. ALBRECHT, Katherine D. SEELMAN und Michael BURY (2001) herausgegebenen "Handbook of Disability Studies" festgehalten. Obwohl für den deutschsprachigen Raum ein solches Handbuch fehlt und auch keine deutschsprachige Zeitschrift zu Disability Studies existiert, sind einige Lehrbücher und Sammelbände erschienen, die soziologische Zugänge zum Thema entwickelt haben. Walter THIMMs "Soziologie der Behinderten" (1972) und Günther CLOERKES "Soziologie der Behinderten" (1997, 2007) sind zwei Grundlagen zum Themenfeld, die einen Einblick in soziologische, sozialmedizinische und erziehungswissenschaftliche Fragestellungen und Forschungsansätze geben. Die neueren Sammelbände von CLOERKES "Wie man behindert wird. Texte zur Konstruktion der sozialen Rolle und zur Lebenssituation betroffener Menschen" (2003), WALDSCHMIDT "Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies" (2003), sowie von HERMES und ROHRMANN "Nichts über uns ohne uns. Disability Studies als neuer Ansatz emanzipatorischer und interdisziplinärer Forschung über Behinderung" (2006) ergänzen die oben genannten Lehrbücher um eine gesammelte Darstellung der Ergebnisse der vielfältigen Forschungsansätze und -projekte zum Thema. Die Veröffentlichungen zeigen, dass in den letzten Jahren verstärkt auch in Deutschland eine sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit Behinderung stattfindet. [1]

Der hier besprochene Sammelband "Disability Studies, Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung. Erkundungen in einem neuen Forschungsfeld", herausgegeben von Anne WALDSCHMIDT und Werner SCHNEIDER, präsentiert gemeinsame Theoriegrundlagen und dokumentiert zugleich vielfältige Forschungsinteressen innerhalb der Disability Studies. Mit seiner theoretischen Ausrichtung richtet er sich an ein akademisch-informiertes Publikum. Die kultursoziologisch orientierte Reflektion der Analysekriterien von Behinderung steht dabei im Vordergrund gegenüber einem soziologischen Grundlagenwissen über Behinderung und Menschen mit Behinderungen. Der Sammelband gliedert sich in fünf Abschnitte: grundlagentheoretischen Überlegungen zur Soziologie der Behinderung folgen Analysen, die in thematische Abschnitte zu Transdisziplinarität, historischer Rekonstruktion, Diskurs- und Biografieforschung sowie Ungleichheit und sozialem Status zusammengefasst wurden. Aufgrund dieser Vielfalt variieren sowohl die Themen der einzelnen Beiträge als auch ihre Methodik. Interessierten Leser/innen mit sozialwissenschaftlichem Hintergrund liefert das Buch damit einen guten Überblick über aktuelle Ansätze der Disability Studies in Deutschland und bietet auch Einblick in die methodischen Vorgehensweisen der empirischen Forschungsarbeiten. [2]

2. Körper, Macht/Wissen und die Praxis von Behinderung. Theoretisch-analytische Grundlagen der Disability Studies

Robert GUGUTZER und Werner SCHNEIDER bieten Orientierung über bestehende körper- und leibsoziologische Überlegungen. Ziel ihres Beitrags ist es, Anschlusspunkte für die Theorie und die empirische Forschung in den Disability Studies bereitzustellen und dabei "[…] Behinderung/Nicht-Behinderung als historisch-kulturell geformt und in seinen Konsequenzen für soziale Beziehungen zwischen verkörperten Subjekten ins Zentrum [zu] rück[en]" (S.34). Im Rückgriff auf die kulturanthropologische Unterscheidung von Körper und Leib beschreiben sie den behinderten Körper bzw. Körperbehinderung diskursanalytisch als ein "diskursiv vermitteltes, machtvolles Wissensverhältnis", wohingegen die Leiberfahrungen als Selbsterfahrungen gesetzt werden, "die für die Entwicklung und Aufrechterhaltung einer personalen Identität von (unterschiedlicher) Bedeutung sind" (S.45). Die Autoren diskutieren, welche Körpervorstellungen, legitimiert durch machtvolle Diskurse der Medizin, Statistik und Rehabilitationswissenschaften, als Normalität gelten, und wie sich diese Vorstellungen von behinderten und nicht-behinderten Körpern in verschiedenen Körperpraktiken widerspiegeln. GUGUTZER und SCHNEIDER weisen darauf hin, dass soziale Praktiken wie Routinehandlungen, Selbstdarstellung und Agieren, verstanden als Körperpraktiken, einer differenzierten Analyse je nach körperlichen Fähigkeiten bedürfen und verstehen im Anschluss an MEUSER (2004) soziale Ordnungen als Körperordnungen (vgl. S.41). In einem weiteren Schritt fordern die Autoren die Perspektive auf die (Selbst-) Erfahrung der Personen für die Disability Studies ein, "um das Was und Wie ihrer Erfahrungen (als Prozess wie als Produkt verstanden) zu rekonstruieren" (S.46). Dabei bleiben sie jedoch hinter ihrem zuvor formulierten Anspruch zurück, die diskursiv hergestellten, machtvollen Wissensordnungen um normale bzw. abweichende Körpervorstellungen auf leibliche Erfahrungen in bestehenden Körperordnungen und Körperpraktiken zu beziehen. Es bleibt unklar, inwieweit die (Selbst-) Erfahrung und die Entwicklung personaler Identitäten von (nicht-) behinderten Personen durch Körperpraktiken hervorgebracht werden, die auf normalisierenden und (ab-) bewertenden Körperordnungen beruhen. Ihre thematische Fokussierung führt die Autoren unter der Überschrift "Body Turn und der Körper als Utopie" dazu, "die subjektiv gespürte Behausung von Identität, den materialen Ort des Selbst" (S.47) vornehmlich als leiblichen Selbstbezug denn als normierendes Selbstverhältnis von Körper und Person mit und ohne Behinderung zu begreifen. [3]

In ihrem Beitrag zeigt Anne WALDSCHMIDT die Relevanz der Arbeiten von FOUCAULT für die Disability Studies auf und führt in daran anschließende Forschungsansätze zu Behinderung ein. Sie diskutiert historische, genealogische und governmentalitätskritische Studien zum Thema Behinderung und stellt ihren Ansatz der Analyse des flexibel-normalistischen Dispositivs von Behinderung vor. Auch WALDSCHMIDT setzt in ihrem Beitrag den Körper als "Ausgangs- und Ansatzpunkt" (S.60) zur sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit Behinderung. Sie argumentiert, dass Behinderung nicht auf einer vorsozialen Beeinträchtigung von Körperlichkeit beruhe: "[D]en behinderten Körper zu analysieren, heißt herauszuarbeiten, dass es ihn als definierbare, abgrenzbare und erkennbare Einheit, kurz: als soziales Phänomen, erst dann geben kann, wenn sich entsprechende diskursive Strategien und Machtpraktiken um ihn herum verdichten" (S.61). Damit setzt sich WALDSCHMIDT von einer Auffassung ab, die den Körper als "diskursiven Effekt" fasst und diskutiert TREMAINs Annahme kritisch, dass " 'disability' als soziale Benachteiligung konstruiert wird, um 'impairment' als Interventionsebene herzustellen" (S.58). Unter der Überschrift "Die Macht der Normalität" setzt sich die Autorin mit dem Konzept der Disziplinarmacht auseinander und wendet FOUCAULTs Verfahren zur Analyse von Behinderung an. Sie liefert damit ein hilfreiches methodisches und theoretisches Gerüst für die Disability Studies, deren Gegenstand in sozialer Praxis und in dichotomem Bezug auf Gesundheit als Normalität hergestellt wird und somit einem starken historischen Wandel unterzogen ist. Die Disability Studies zeigen auf, wie durch den Vergleich, die Differenzierung, die Hierarchisierung, die Homogenisierung und die Ausschließung immer wieder neue Personengruppen gesellschaftlichen Normierungszwängen unterliegen (vgl. S.68). Einen Mangel konstatiert WALDSCHMIDT in Bezug auf Forschungsarbeiten, die "auch flexibel-normalisierende und subjektivierende Strategien problematisieren" (S.69). Die spannende Frage danach, welche subjektivierenden Strategien den historischen Wandel der Disziplinarmacht begleiten, greift WALDSCHMIDT jedoch nicht auf, sondern kehrt am Schluss ihres Beitrags zu TREMAIN (2005) und dem "Government of Disability" zurück. Der Beitrag endet mit einer Diskussion des Behinderungsdispositivs, d.h. einer Beschreibung der politischen, sozialen und interpersonalen Ebene von Behinderung, bei der die gesellschaftlichen Wissensformationen im Vordergrund stehen und (nicht-) behinderte Selbstverhältnisse nur kurz Erwähnung finden. [4]

Michael SCHILLMEYER greift in seinem Beitrag auf die pragmatistische Theorie John DEWEYs zurück, um der Frage nach dem Verhältnis von Natur/Kultur in der Beschäftigung mit Behinderung nachzugehen. SCHILLMEYER kritisiert die gängige sozialwissenschaftliche Fokussierung auf Behinderung als kulturelles, sozial konstruiertes Phänomen, mit dem sich insbesondere die Disability Studies von einem naturwissenschaftlich-medizinischen Verständnis von Behinderung als natürlichem, außergesellschaftlichem, individuellem, d.h. nicht sozialem Problem abgrenzen will. Er schlägt vor, Behinderung als "Ereignis und Erfahrung (als 'längeres Ereignis')" zu begreifen und mit einer solchen Sichtweise auf Behinderung die pragmatistische "Annahme von multiplen Objekten des Sozialen/Nicht-Sozialen" (S.84f.) in die Disability Studies einzuführen. Verstanden als multiple Objekte werden körperliche Schädigungen genauso wie Barrieren in der Umwelt, vom Autor als Natur und Kultur verstanden, in, an und mit denen Personen Erfahrungen machen. Demzufolge findet, immer wenn sich Behinderung ereignet, Soziales und Nicht-Soziales statt: Eine subjektive Erfahrung von sozialer Behinderung wird an und mit den nicht-sozialen Eigenschaften und Eigenheiten der Objekte von Behinderung gemacht (vgl. S.86). Der von SCHILLMEYER gewählte Begriff des "Behindert-Werdens" soll damit die "Doppelläufigkeit" (DEWEY 1995) und Prozesshaftigkeit von Behinderungserfahrungen verdeutlichen. Diesen Ansatz verknüpft der Autor anschließend mit dem Diskursbegriff FOUCAULTs und beschreibt die Macht der Diskurse, die fortwährend als Praktiken "systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen" (FOUCAULT 1981). Daraus schlussfolgert SCHILLMEYER:

"Konzipiert man Behinderung als ereignishaften materialen Diskurs, der die Praxis und Erfahrung von Behinderung als situatives Behindert-Werden in den Mittelpunkt stellt, so führt dies zu multiplen Realitäten von Behinderungen, die sich nicht durch eine Theorie oder ein Modell vereinheitlichen lassen" (S.88). [5]

Mit der "Science, Technology and Society"-Forschung liefert er ein Beispiel für die analytische Anwendung. SCHILLMEYER legt in seinem Beitrag überzeugend dar, dass sich Behinderung nicht ausschließlich sozial erklären lässt und warum "das komplexe Werden des Objektes Behinderung" (S.93) in den Fokus des Interesses gerückt werden sollte. Wie und warum Diskurse machtvoll wirken und inwiefern sie in spezifischen Praktiken von Spezialdiskursen als Ereignis hegemonialen Diskursen untergeordnet werden, wird in der von SCHILLMEYER gewählten Situationslogik als Analyserahmen jedoch nicht in den Blick genommen. Trotz gelungener Kritik am sozialen Modell von Behinderung bleibt zudem unberücksichtigt, wie durch "situative" oder kulturelle Modelle von Behinderung den Subjekten und Objekten von Behinderung "eine Stimme zu geben" (S.92) ist, ohne die Dichotomie von Natur und Kultur abermals zu re-konstruieren. [6]

3. Disability Studies, Cultural Studies, Queer Studies. Querverbindungen und Perspektiven

Einen guten Einblick in die Entstehungsgeschichte der Disability Studies und die verschiedenen Traditionslinien der Theorieentwicklung über Behinderung in Großbritannien, den USA und Deutschland gibt Clemens DANNENBECK. Er argumentiert, dass ein "cultural turn" der Disability Studies ihre Transdisziplinarität vergrößere und aus dem wissenschaftlichen Projekt zugleich ein Politisches werden lasse, dass Personen nicht nur durch ihre Behinderung beschreibe, sondern anhand "sozialer, kultureller und genderspezifischer Differenzen" (S.112). In ihrer praktischen Relevanz zielt diese Perspektive auf die "Auflösung einer selektiven Förderpraxis" und eine stärker "situations- und kontextspezifisch" ausgerichteten sozialpädagogischen Arbeit (vgl. S.112ff.). Eine Pädagogik, die nicht der Logik zielgruppenspezifischer Integration folgt, wie z.B. sonderpädagogische Förderzentren, ist die Pädagogik der Inklusion, die die individuellen Bedürfnisse aller gemeinsam unterrichteten Schüler/innen berücksichtigt. Diese Pädagogik erfordert nach DANNENBECK eine praktische Transdisziplinarität in der sozialen Arbeit, die von den Disability Studies theoretisch reflektiert und politisch engagiert begleitet werden sollte. [7]

Auf einen transdisziplinären Ansatz greift auch Heike RAAB zurück. Im Rückgriff auf Überlegungen zur Wechselwirksamkeit von Klasse, Ethnie und Geschlecht in den Queer Studies und Gender Studies arbeitet sie Behinderung als eine weitere Differenzkategorie heraus. RAAB erläutert Intersektionalität als das Zusammenwirken von sozialstrukturellen, kulturellen und geschlechtstypischen Ungleichheiten, wobei sie für ein Analysemodell plädiert, "das mit mehreren, nicht hierarchisch angeordneten Analysekategorien operiert" und Behinderung multipel erklärt, d.h. die Differenz und Vielzahl von Behinderungsformen berücksichtigt (S.127f.). Im Anschluss an KLINGER und KNAPP (2005) muss die Differenzkategorie Behinderung dabei nicht nur auf der Subjektebene betrachtet werden, sondern auch in ihrer gesellschaftlichen Dimension "als Kreuzungspunkt und Effekt soziokultureller Macht- und Herrschaftspraktiken" (S.134). Diese Überlegungen wendet die Autorin auf die Überschneidung von Behinderung, Heteronormativität und Geschlecht an und beschreibt anhand einer biografieanalytischen Studie von BRUNER (2005), inwiefern Behinderung nicht "als einziges stigmatisierendes Differenzierungsmerkmal" (S.137) fungiert. [8]

Anschließend erweitert RAAB die Diskussion um Behinderung und Geschlecht um das Thema der Heteronormativität und weist auf Gemeinsamkeiten von Queer Studies und Disability Studies hin. Die Queer Studies, die sich mit Körpernormen und medizinischen Praxen beschäftigen, um den Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit zu untersuchen, erkennen RAAB zufolge jedoch nicht "alle Facetten von Heteronormativität" (S.140). Erst die Erkenntnisse der Disability Studies, dass "Menschen mit Behinderungen häufig als sexuelle und geschlechtliche Neutren behandelt" (S.140) werden, vervollständige die Komplexität von Heteronormativität. Ob gesellschaftlich abgewerteten, wenig anerkannten Personen auch der Zwang zur Anpassung an allgemeine, hegemoniale Differenzen abgesprochen wird, ist zu bezweifeln, jedoch eröffnet der Beitrag einen konstruktiven Ansatz zur Untersuchung der Wechselwirksamkeit von Behinderung mit Geschlecht und zu anderen kategorialen Zuschreibungen, die die Disability Studies um wichtige Erkenntnisse bereichern. [9]

4. Normalität, Abweichung und Behinderung als Regime von Sichtbarkeiten. Historische Rekonstruktionen des Blicks auf den "anderen" Körper

Thomas BECKER ergänzt in seinem Beitrag die Diskurstheorie FOUCAULTs um die Feldtheorie von BOURDIEU (1993) mit dem Ziel, die Strategien wissenschaftlicher Diskurse aufzuzeigen. BECKER versteht Körper "als aktive Träger von Wissen und nicht nur als beobachteter Gegenstand" (S.155); "Wissen wird damit als ein aktiver Zustand des Leibes und nicht nur als Diskurs verstanden, und ein Feld stellt anders als beim frühen Foucault nicht mehr ein rein semantisches Feld des Diskurses, sondern einen spezifischen Raum strategischer Handlungen dar" (S.155). Der "Blick", d.h. der Beobachterstandpunkt, spielt für BECKER dabei eine wichtige Rolle, denn er strukturiert das "Interesse am interesselosen Blick" der Wissenschaft (S.157). Dies diskutiert BECKER an der französischen Entwicklung der Natur- und Humanwissenschaften und argumentiert, dass der interesselose Blick der Wissenschaft immer vom Standpunkt des Beobachters/der Beobachterin ausgehe und in die Theoriekonzeptionen einfließe. "Die Normierung der eigenen Gesellschaft durch eine Natur bedurfte [...] der Erfahrung des Eigenen im Fremden" (S.164). In biologischen und ethnografischen Studien haben männliche Wissenschaftler das Andere an der Übereinstimmung mit sich selbst gemessen. Es wurde eine Unterscheidung des rein Normalen und des rein Anormalen vorgenommen, dazwischen liegen Anomalien und Normalität (vgl. S.165). Am Beispiel der Entstehung und Weiterentwicklung der "Anstalten für Schwachsinnige" in Frankreich wird anschließend gezeigt, wie die theoretischen Unterscheidungen auch in die Praxis der frühen Psychiatrie einfließen und in PINELs "traitement moral" dazu führen, dass behinderte Personen in heilbar und unheilbar eingestuft werden (vgl. S.165). "Übertragen auf die Psychiatrie konnten die nicht mehr steuerbaren Fälle nun zu rein natürlichen Behinderungen erklärt werden mit der Konsequenz, dass sie aus dem Bereich öffentlicher Kommunikation ausgeschlossen wurden" (S.165). BECKER versucht anschließend, seine Ergebnisse auf gegenwärtige Themen der Disability Studies zu beziehen. Er argumentiert, dass sich die Unterscheidung in "Anormale", "Anomalien" und "Normale" in der Institutionalisierung der Sonderpädagogik zeige, die durch eine Differenzierung von behinderten Personen "Erziehbare von den nicht erziehbaren Extremfällen" (S.154) unterscheide. Doch insgesamt bleibt sein spannender Beitrag sehr in historische Details verstrickt; wobei seine Schlussfolgerungen folgerichtig an bekannte Erkenntnisse von DURKHEIM, CANGUILHEM und anderen anschließen. [10]

Maren MÖHRING geht der These nach, dass körperliche Abweichungen in alltäglichen Interaktionen über den Blick festgestellt werden. Sie greift dabei auf GOFFMANs (1967) Unterscheidung von diskreditierten und diskreditierbaren Personen zurück. Anhand der lebensreformerischen Diskurse zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigt MÖHRING, wie kriegsversehrte Personen an ästhetischen und physiologischen Merkmalen gemessen und als "andere" Körper beschrieben werden. In einer kulturhistorischen Wendung zu "inneren Schönheit" des Menschen und zugleich in Bezug auf seine Funktionsfähigkeit soll der "Widerspruch zwischen Schönheitsnorm und Kriegsversehrung" bewältigt werden: "Statt eines geraden Körpers wird nun die sittlich gerade Haltung betont" (S.188). MÖHRING gibt Aufschluss über die herausgehobene Rolle der Kriegsversehrten unter den (körper-) geschädigten Personen nach dem Ersten Weltkrieg und auch über den Einfluss dieser zunächst nicht als behindert definierten Gruppe in der bundesrepublikanischen Rehabilitationsgesetzgebung nach dem Zweiten Weltkrieg. Dass tatsächlich die Sichtbarkeit bzw. der Blick so eine große Rolle spielt, bleibt fragwürdig. MÖHRINGs Material der Diskurse der Freikörperkulturbewegung sind sehr spezifisch auf Blickkultur und Kontexte von Sichtbarkeit ausgewählt und beweisen noch nicht den Stellenwert der Sichtbarkeit beim Thema Behinderung allgemein (so sind z.B. über die Hälfte der im Bildungssystem als behindert klassifizierten Personen lernbehindert, d.h. sie erfahren eine körperlich unsichtbare schulische Behinderung). [11]

5. Behinderung in Diskursen und Interaktionen. Medizinische Praxis, Selbstbestimmung im Alltag und biografische Erfahrung

Siegfried SAERBERG zeigt in seinem Beitrag, wie die unterschiedlichen "Wahrnehmungsstile" von blinden und sehenden Personen gemeinsames soziales Handeln und Interaktion erschweren. Teilnehmende Beobachtung, Interviews mit Sehenden, die "blinde" Erfahrungen gemacht haben und Interaktionsprotokolle stellen die Datengrundlage dar. SAERBERG entwickelt im Anschluss an SCHÜTZ und LUCKMANN (1984) seine Überlegungen zur Passung bzw. Inkongruenz von sozialen Relevanzen und erläutert am Beispiel des "Nach dem Weg Fragens", wie Reziprozität und Normalität "in der sozialen Begegnung dynamisch hergestellt werden" (S.213). Der Autor argumentiert, dass aus der Interaktion sehender und blinder Passanten eine "eigene Dramaturgie der Blindheitsinszenierung" (S.213) erwachse. Er stellt fest, dass "Typenwissen auf hochgradig anonyme und unbestimmte, am 'normalen Erwachsenen', einem 'Jedermann', einer 'Jederfrau' orientierte Typen zurückgreift" und damit "keinen den wirklichen Herausforderungen innerhalb einer sozialen Begegnung zwischen Blinden und Sehenden angemessenen Inhalt" besitzt (S.217): "Und zwar sind nicht Blinde oder allgemein Behinderte defizitär, sondern der soziale Typenhaushalt ist es" (S.217). SAERBERG schlussfolgert, dass unterschiedliche Wahrnehmungsstile, soziale Typiken und die Sozialisation von kulturell-kognitiven Mustern in einem differenzierte(re)n Konzept von Normalität soziale Interaktion erleichtern würde. Darüber hinaus will SAERBERG auch zur Klärung der in den Disability Studies geführten Kontroverse um Normalität, Identität und Differenz beitragen (S.219). Ausführlicher dargestellt und gewürdigt wird seine Arbeit in einer Rezension von Dirk vom LEHM (2008). [12]

Karsten ALTENSCHMIDT und Lakshmi KOTSCH untersuchen mit einer Videointeraktionsanalyse das Verhältnis von körperbehinderten Personen und ihrer persönlichen Assistenz. Die persönlichen Assistenznehmer/innen und ihre Begleiter/innen werden im Haushalt und persönlichen Leben dabei beobachtet, wie sie ihren Alltag selbständig bewältigen. ALTENSCHMIDT und KOTSCH beschreiben das Konzept von Selbstbestimmtheit in Abgrenzung zur Pflege in Institutionen und erläutern, welchen Einfluss die emanzipatorische Behindertenbewegung auf die Entwicklung eines Modells persönlicher Assistenz hatte, bei dem die körperbehinderte Person Arbeitgeber/in des Assistenten bzw. der Assistentin ist. Dabei greifen sie auf die Theorie "totaler Institutionen" und "Die Interaktionsordnung" von GOFFMAN (1972, 1980) zurück. Anhand der Interpretation einer audiovisuellen Interaktionssequenz zwischen Assistenznehmerin, persönlicher Assistentin und Forscherin wird gezeigt, welche "Spannung zwischen dem Wunsch nach Autonomie einerseits und dem Angewiesensein auf andere Menschen andererseits" (S.240) für die Assistenznehmerin bestehe. ALTENSCHMDIT und KOTSCH deuten die sprachliche Äußerung der körperbehinderten Frau, mit der sie sich an die Forscherin richtet ["Sind meine ersten Eier, die ich koche, ja […] Premiere"], so, als ob die Assistenznehmerin den "aktiven Anteil" der Assistentin am "gemeinsamen Eierkochen" ignoriere. [13]

Walburga FREITAG untersucht in ihrem Beitrag den medizinisch-orthopädischen Diskurs über das "Dysmelie-Kind" und analysiert seine Wirkungsweise auf die Betroffenen anhand biografischer Erzählungen contergangeschädigter Personen. Dabei schafft es die Autorin, auf knappem Raum eine theoretische Einführung in die Diskurstheorie FOUCAULTs zu geben, ihr empirisches Material zu veranschaulichen und ihre plausible methodische Vorgehensweise darzustellen. FREITAGs Diskursanalyse der wissenschaftlichen Bezeichnungspraktiken zeigt, wie die Frühprothetisierung von Säuglingen und Kleinkindern zu einem Normalisierungsdispositiv wurde, das sich eng an Professionalisierungsstrategien der Medizin und Orthopädie knüpfte, aber auch Auswirkungen für die behandelten Personen hatte:

"Die medizinische Konstruktion des Phänomens und die damit verbundenen Ein- und Ausschlusspraktiken haben starken Einfluss auf die Identität der Personen, die durch diese medizinische Konstruktion Teil einer Gruppe werden; gleichzeitig nehmen sie anderen die Möglichkeit, sich juristisch als contergangeschädigt anerkennen zu lassen […] Die Macht zu bestimmen, was und wer als contergangeschädigt anzuerkennen ist, wird somit vollständig in die Hände der Medizin gelegt" (S.255). [14]

Die Ergebnisse der biografischen Studie belegen, dass die Erzähler/innen sich während dieser medizinisch dominierten Normalisierungsphase in der Kindheit normal fühlten und sich das Gefühl, behindert zu sein, erst während der Pubertät verstärkte. Im Erwachsenenalter hingegen "steigert die mit der Arbeitslosigkeit verbundene Nichtanerkennung der eigenen Arbeitsfähigkeit das subjektive Gefühl, behindert oder gar schwerbehindert zu sein" (S.261). Der Beitrag verdeutlicht den Stellenwert der Körper der contergangeschädigten Personen, wie auch Anne KLEIN (2006) in ihrer Rezension der dem Beitrag zugrundeliegenden Studie herausgehoben hat, sowohl im Hinblick auf die medizinischen Normalisierungspraktiken als auch im Hinblick auf relevante biografische Erfahrungen von "funktioneller Normalität" des eigenen Körpers, die sich gegen "kosmetische Normen" wenden und Prothesen ablehnen (vgl. S.263). Der Autorin gelingt es, die zentralen Fragen der Disability Studies nach der Governmentalität und der Biopolitik von Behinderung aufeinander zu beziehen, und somit die humanwissenschaftlichen Diskurse zum Thema Behinderung nicht länger getrennt von ihren Akteuren und Gegenständen zu untersuchen. [15]

6. Behinderung und sozialer Status. Institutionen der Inklusion/Exklusion

Gudrun WANSING beschreibt die eingeschränkte gesellschaftliche Partizipation behinderter Menschen als eine Folge ihrer wohlfahrtsstaatlichen Inklusion. In Anlehnung an den und Abgrenzung von dem Inklusionsbegriff von LUHMANN geht WANSING davon aus, dass zwar alle Personen als "Adressaten" gesellschaftlicher "Kommunikationssysteme" in gesellschaftliche Teilbereiche wie die der Ökonomie, Bildung oder Rehabilitation eingeschlossen würden, jedoch Menschen mit Behinderungen durch Mechanismen eines "kumulativen Ausschluss[es] aus den Funktionssystemen" ein erhöhtes "Exklusionsrisiko" besitzen (vgl. S.277ff.). An diese Reformulierung des systemtheoretischen Exklusionsbegriffs als "Ausgrenzungsprozesse im Kontext der funktional differenzierten Gesellschaft" (S.281) schließt eine Beschreibung der eingeschränkten gesellschaftlichen Teilhabe von behinderten Personen im Bildungssystem, im Wirtschaftssystem, in sozialen Beziehungen und im Rehabilitationssystem an. Die wohlfahrtsstaatlichen und bildungspolitischen Eingliederungsversuche werden im Anschluss an die Sozialstruktur- und Lebenslaufforschung als Ursache für "neue, kumulativ wirkende Ausgrenzungsrisiken [beschrieben], die an institutionellen Schnittstellen von Schule, Ausbildung, Erwerbstätigkeit und Rente beschleunigt werden" (S.290). WANSING reflektiert: "Die kommunikative Form 'Behinderung' verweist dabei nicht nur auf ein besonderes Risiko bei der Startposition im Leben oder bereits vollzogene Ausgrenzung, sondern immer auch auf einen Mangel an Handlungsmöglichkeiten und Zukunftsperspektiven" (S.291). [16]

Auch Michael MASCHKE beschäftigt sich mit Behinderung als wesentlichem wohlfahrtsstaatlichen Problem. Ihm gelingt eine weitreichende sozialstrukturelle Analyse von Behinderung, die er theoretisch als eine zentrale Form sozialer Ungleichheit in unserer Gesellschaft fasst und im Zusammenhang mit Armut und Deprivation, sozialer Exklusion und dem Konzept der Diskriminierung in seiner komplexen sozialen, gesellschaftlichen und politischen Dimension beschreibt (vgl. MASCHKE 2008). Dem Leitsatz "Die Definition eines Problems bestimmt immer auch den Ansatz seiner Lösung" (S.300) folgend, werden von MASCHKE drei wohlfahrtsstaatliche Interventionen diskutiert und die Begriffe "Kompensation (als Antwort auf Armut), Rehabilitation und Integration (als Antwort auf Deprivation), Partizipation und Inklusion (als Antwort auf Exklusion) sowie Gleichstellung (als Antwort auf Diskriminierung) geklärt" (S.302). Die quantitative und dynamische Armutsforschung, der Ressourcenansatz sowie der Lebenslagenansatz werden daraufhin untersucht, welche Vor- und Nachteile sie für die Erhebung, Messung und Interpretation des Phänomens Behinderung besitzen; dabei werden auch konkrete Konzepte für quantitative Analyseverfahren von Daten über (nicht-) behinderte Personengruppen erklärt. Das anschließend veranschaulichte Konzept der sozialen Exklusion erweitert die Perspektive der Armutsforschung um die Beobachtung der "Prozesse der Ein- und Ausschließung", die "in Relation zu Institutionen, in denen Akteure aufeinander treffen", stattfinden und behinderte Personen und ihre Vertretungen nicht mehr als "soziale Problemgruppe", sondern "als rational und strategisch agierende Individuen und Organisationen" verstehen (S.307). Sozialpolitisch werde auf Exklusionsprozesse zunehmend reparativ und nicht präventiv eingewirkt, so MASCHKE. Um jedoch wohlfahrtsstaatlich eine Inklusion behinderter Personen(-gruppen) zu bewerkstelligen, "[...] müsste daher mit dem radikalen Umbau der Institutionen" (S.310) begonnen werden. Die folgende Diskussion von direkten und indirekten Diskriminierungen zeigt für die Behindertenpolitik aus der Gleichstellung von Männern und Frauen bekannte Möglichkeiten und Grenzen von Gruppenrechten ("affirmative action") auf. Gerade aufgrund der komplizierten Entstehung von Ungleichheit in Exklusions- und Diskriminierungsprozessen in unterschiedlichen Institutionen und Kontexten plädiert der Autor für eine Beschäftigung der Disability Studies mit dieser Form der Ungleichheit, "da hier die politischen Lösungsstrategien weniger am behinderten Menschen und mehr an behindernden Institutionen und gesellschaftlichen Strukturen ansetzen (S.314). Zugleich bedürfe es einer Beschreibung der Lebenssituation behinderter Menschen mit dem Lebenslagenkonzept, um politische Unterstützung für Interventionen zu erhalten. Mit seinem Beitrag bietet MASCHKE eine theoretisch fundierte, sehr gut strukturierte Einführung in zu untersuchende sozialstrukturelle Faktoren, um Lebenslagen behinderter Menschen zukünftig empirisch besser erfassen zu können. [17]

Justin POWELL untersucht sonderpädagogische Förderung in Deutschland und den USA und fasst die institutionelle Segregation und ihre Folgen als "schulische Behinderung". Er erklärt, wie durch sonderpädagogische Fördersysteme die Exklusion von behinderten und armen Schülerinnen und Schülern in beiden Staaten überwunden wurde – jedoch ohne eine Inklusion aller Schüler/innen. Neben einem historischen Abriss der Entstehungsgeschichte sonderpädagogischer Fördersysteme erarbeitet POWELL in Anlehnung an DiMAGGIO und POWELL (1983) eine neo-institutionalistische Analyse der aussondernden schulischen Einrichtungen und verortet Sonderschulen und Sonderklassen für behinderte Schulkinder in den historisch und rechtlich spezifischen Kontexten der beiden Staaten. Im Sinne einer Soziologie der Behinderung zielt POWELL dabei auch auf kulturelle Kontextfaktoren. Schulische Behinderung ist, so POWELL, "[…] ein kontinuierlich sich ausbreitender Prozess des Behindertwerdens durch offizielle Klassifizierung und Beschulung in räumlich getrennten und stigmatisierenden Einrichtungen" (S.321). POWELL untersucht drei Dimensionen von schulischer Behinderung: die Behinderungsparadigmen, die sonderpädagogische Profession und sonderpädagogische Organisationen sowie die Bildungspolitik und Rechtsprechung (vgl. S.324). Dabei rekapituliert er die Geschichte schulischer Behinderung in Deutschland und den USA und unterteilt sie entlang wegweisender rechtlicher und gesellschaftlicher Veränderungen in der Behindertenpolitik in drei Phasen: vor und um 1900, von 1900 bis in die 1970er Jahre, seit den 1970er Jahren bis in die Gegenwart. [18]

Durch den Vergleich der zwei Länder kann er anfängliche Ähnlichkeiten und zunehmende Divergenzen aufzeigen, die auf einer unterschiedlichen Ablösung der anfänglichen "Übernahme von Leitbildern und Strukturprinzipien des allgemeinen Schulsystems" beruhen. Die Untersuchung schulischer Behinderung muss ihm zufolge in jeder Kultur und in den jeweiligen historischen Phasen erfolgen, da die unterschiedlichen bildungspolitischen Ziele in hohem Maße durch Organisationen geprägt sind und erst durch diese verständlich und verändert werden (können). POWELL zeigt überzeugend, wie die grundlegenden Ideen und Einstellungen über schulische Behinderung Verbreitung finden (vgl. S.329). Ein wichtiger Motor der kulturellen und normativen Definitionsmacht von Behinderung sind, so POWELL, die klinischen Professionen. Das klinische Paradigma setze voraus, dass individuelle Defizite zu einer Behinderung führen und diese "an der Person korrigiert werden müssen" (S.331). Diese Überzeugung finde sich in der deutschen Sonderpädagogik wieder, und die damit verbundene Dichotomie von A/Normalität verdecke die räumliche "Variabilität und Temporalität der Konzepte schulischer Behinderung" (S.331). Dabei leisten die beteiligten Professionen normative Interpretationshilfen und etablieren sich als angemessene Dienstleister für die Problematik. Die neo-institutionelle Perspektive eröffnet, dass insbesondere die Trennung der Sonderpädagogik von der allgemeinen Pädagogik eine "Ordnungsbasis" voraussetzt, die es nur spezialisierten Expert/innen ermöglicht, institutionelle Unterstützung anbieten zu können (vgl. S.332). Die getrennten sozialen und organisationalen Regeln und Praktiken verhindern dabei nicht nur im Bildungssystem das Menschenrecht auf Teilhabe und Inklusion. [19]

7. Zusammenfassung

Die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes ergänzen die eingangs genannten vorhandenen Lehrbücher und Reader um einen theoretischen Blick auf Behinderung und liefern einem akademischen Publikum einen guten Überblick über die verschiedenen Forschungsfragen und -ansätze, die in diesem Forschungsfeld in jüngster Zeit Verbreitung finden: Der Band dokumentiert den erreichten Stand der deutschsprachigen Disability Studies. Dabei wurden die unterschiedlichen Einzelbeiträge in fünf Abschnitte gruppiert, deren thematischer Zuschnitt nicht allen Beiträgen gerecht wird. Die meisten Artikel geben guten Aufschluss über ihre theoretischen Vorannahmen, Forschungsfragen, empirische Umsetzung und die methodischen Verfahren, die im Anschluss an die Diskurstheorie und Sozialphänomenologie entwickelt wurden, sodass sie als Einzelbeiträge fast durchweg gut bestehen. Die im ersten Abschnitt dargestellte theoretische Grundlegung des Buches wirft die Frage nach dem wechselseitigen Konstitutionsverhältnis von subjektivem und gesellschaftlichem Wissen über Behinderung auf, die jedoch nur in einzelnen Beiträgen bearbeitet wird und weiterer Forschung bedarf. So behandeln z.B. einzelne Beiträge zum Teil explizit die spezifischen Interaktionen zwischen Forscher/innen und Befragten bzw. Forscher/innen und den Objekten ihres Diskurses. Solche den Forschungsprozess reflektierenden methodologischen Überlegungen sind in anderen wissenschaftlichen Feldern und in vielen Minority Studies bereits geleistet worden – ihre Übertragbarkeit zu reflektieren würde zur sozialwissenschaftlichen Selbstverständigung in diesem neuen Forschungsgebiet beitragen. [20]

In Bezug auf die inhaltliche Ausrichtung des Sammelbandes ist auf die Fokussierung auf Körper bzw. Körperlichkeit von Behinderung hinzuweisen. Zwar trägt die Buchreihe den Titel "Körper – Macht – Differenz" und signalisiert damit das spezifische Interesse an körpersoziologischen Überlegungen. Aber auch für die als "lernbehindert" klassifizierten Personen, die die Mehrheit der Menschen mit Behinderungen darstellen, sind m.E. grundsätzliche Überlegungen anzustellen: Welche Wirkung üben Diskurse um Behinderung auf die leibliche und kognitive Selbstwahrnehmung von Individuen aus? Die eingangs genannten Veröffentlichungen der Disability Studies beschäftigen sich z.T. ausführlich mit der Wissensproduktion durch die Akteure im Feld, die eng mit der Entstehung des transdisziplinären Forschungsfeldes verquickt ist. Die jüngste Geschichte um die sozialen Bewegungen zum Thema Behinderungen findet in diesem Sammelband keine Berücksichtigung, sodass die schwierige Frage nach der gesellschaftlichen Definitionsmacht von Behinderung häufig in den Details der Forschungsgegenstände der vorgestellten Studien verborgen bleibt. Auch eine Analyse der rechtlichen, sozialmedizinischen und gesellschaftlichen Bewertung von Behinderung, wie sie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO 2001) in der "International Classification of Functioning, Disability und Health" (ICF) entwickelt wurde und weltweit vermehrt Anwendung findet, bedarf bislang kaum geleisteter sozialwissenschaftlicher Kritik und böte zugleich Anschlusspunkte für interessierte Expertinnen und Experten: Eine Beschäftigung mit der nach wie vor im medizinischen Paradigma vorgenommenen und im sozialwissenschaftlichen Diskurs re-produzierten Trennung von "geistiger" und "körperlicher" Behinderung wäre ein lohnenswertes Nachfolgeprojekt. Das nötige Wissen und die methodischen Verfahren, um die normalisierende Wirkung getrennter gesellschaftlicher Bezeichnungspraktiken weiter zu untersuchen, bündelt der vorliegende Sammelband bereits. [21]

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Zur Autorin

Lisa PFAHL (Dipl.-Soz.) ist Wissenschaftlerin in der Abteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Sie promoviert über "Diskursive und biographische Konstruktionen von Lernbehinderung. Sonderschulabgänger/innen im Übergang von der Schule in den Beruf". Arbeitsschwerpunkte: Bildung und soziale Ungleichheit, Disability Studies, Gender Studies, interpretative Methoden der Sozialforschung.

Kontakt:

Lisa Pfahl

Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
Arbeitsmarkt und Ausbildung
Reichpietschufer 50
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E-Mail: pfahl@wzb.eu
URL: http://www.wzb.eu/bal/aam/

Zitation

Pfahl, Lisa (2008). Rezension zu: Anne Waldschmidt & Werner Schneider (Hrsg.) (2007). Disability Studies, Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung. Erkundungen in einem neuen Forschungsfeld [21 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(3), Art. 21, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0803215.



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