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Review: A Response to: Schmitt, Rudolf (2011). Review Essay: Rekonstruktive und andere Metaphernanalysen [Review Essay: Reconstructive and Other Approaches to Metaphor Analysis] >
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Kommentar der Replik von Kruse, Biesel, Schmieder (2012) auf meine Rezension (Schmitt 2011a).
by Prof. Dr. Rudolf Schmitt (2012-04-18)
Angesichts der Umfänglichkeit von Rezension (Schmitt 2011a) und Replik (Kruse, Biesel und Schmieder 2012) könnte man vermuten, dass hier im übersichtlichen Feld der Metaphernanalyse sehr große Gegensätze verhandelt werden. Da dem nicht so ist, will ich im folgenden Text neben bestehenden Differenzen vor allem auch die bisher zu wenig elaborierten Gemeinsamkeiten wieder sichtbar machen. Ich verlasse darum auch die Rolle des Rezensenten zugunsten der eines Fachkollegen mit eigenen Anliegen.
a) Gemeinsamkeit 1: Die kognitive Metapherntheorie nach Lakoff und Johnson.
Sowohl Kruse, Biesel und Schmieder wie mein Vorschlag zu einer Metaphernanalyse beziehen sich auf die kognitive Metapherntheorie nach Lakoff, Johnson als derzeit elaboriertester Theorie der Metaphorik. Das ist, wie der Vergleich in meiner Rezension zeigt, nicht selbstverständlich. Auch ist bei unseren beiden Implementierungen keine kritiklose Übernahme gemeint: Die kognitive Metapherntheorie in der Fassung ihrer Begründer hat inhärente Konstruktionsmängel (u. a. fehlende Situierung der Sprachverwendung im Diskurs, ein eklatanter Mangel an Selbstreflexion (Schmitt 2011b)) wie auch Ergänzungs- und Korrekturbedarfe, die sich erst aus der Bezugnahme auf sie im Kontext der Sozialwissenschaften ergeben (u.a. fehlende Methodik der Analyse).
Die Differenz zwischen dem von Kruse, Biesel und Schmieder (2011) vorgeschlagenen Ansatz und der von mir vorgeschlagenen systematischen Metaphernanalyse besteht in der Form der Implementation der Methode (multimethodisches Basisverfahren vs. Elaboration einer eigenen Methodik), dem Ausmaß des Rückgriffs auf die kognitive Metapherntheorie (u.a. ist wird "embodiment" nicht als Gegensatz zur linguistischen Relativitätsannahme diskutiert), sowie die mir fehlende Reflexion neuerer (hilfreicher und problematischer) Entwicklungen in der kognitiven Metapherntheorie (Stichworte: "multimodal metaphor" (Forceville 2008, 2009), Lakoffs zunehmende Verkürzung der Metapherntheorie auf neurologische Annahmen (Lakoff 2008), oder erste Ansätze, die kognitive Metapherntheorie wissenssoziologisch zu reformulieren (Stadelbacher 2010).
b) Gemeinsamkeit 2: Methodizität statt Suche nach auffälligen Metaphern
Die zweite Gemeinsamkeit besteht in der Anlage der Metaphernanalyse als Methode mit einer strengeren Trennung in eine a) systematische Suche nach metaphorischen Übertragungen in einem gegebenen Text, auf die erst b) die Rekonstruktion metaphorischer Konzepte folgt, die dann c) die Grundlage für interpretatorische Schlussfolgerungen sind. Im Detail sind die Schritte anders, aber nicht unähnlich ausgeführt. Wir stimmen mit Reichertz (2009) überein, dass Reflektiertheit und Elaboriertheit der Methode zur Qualität qualitativer Forschung beitragen. Im Vergleich zu meiner Übersicht metaphernanalytischer Methoden (Schmitt 2011a, 3. Abschnitt) zeigt sich, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.
Eine Differenz besteht im Verhältnis von Forschungsfrage und Erhebung zur Auswertung. Ich halte die Reflexion der Forschungsfrage vor allem in kritischer Absicht für wichtig, um Metaphernanalysen nicht auf dafür untaugliche Forschungsfragen anzuwenden. Kruse, Biesel und Schmieder (2012, Abs. 26) gehen bei ihrem Methodenvorschlag ferner davon aus, dass die Daten bereits vorliegen, und beziehen die Erhebung von Daten nicht in die Konstruktion des Verfahrens ein - hier bin ich skeptisch, ob diese Prämisse für einen publizierten Vorschlag einer Methodik sinnvoll ist.
c) Gemeinsamkeit 3: Skepsis gegenüber Schulen mit Universalitätsanspruch
Kruse, Biesel und Schmieder (2011, 2012) gehen ebenso wie mein Vorschlag davon aus, dass die Metaphernanalyse eine für viele Forschungsfragen und Textsorten sinnvolle, aber keinesfalls eine für alle Anwendungsfälle taugende Methode ist. Im Kontext qualitativer Forschung mit der starken Betonung der Gegenstandsangemessenheit der Methoden sollte diese Auffassung selbstverständlich sein, jedoch wissen wir um die Existenz von qualitativen bzw. rekonstruktiven "Schulen", wissen um die Alltäglichkeit von gegenseitigen und hinter Rationalisierungen versteckten Entwertungen und abgrenzenden selbstwertdienlichen Aufwertungen (vgl. die z.T. kräftigen Reaktionen auf Reichertz 2007a in: Mayring (2007), Mruck (2007), Flick (2007) und vor allem den Autoren, die sich dem "rekonstruktiven" Spektrum zurechnen, im gleichen Heft, Reichertz' Reaktion (2007b) und die Zusammenfassung der Debatte durch Herzog, Hollenstein (2007)).
- Die Differenz zwischen uns liegt darin, wie die über die Metaphernanalyse hinausgehenden Phänomene des Materials und weitergehende Implikationen der Forschungsfrage behandelt werden sollen: Kruse, Biesel und Schmieder schlagen ein großes textorientiertes "Basisverfahren" mit mehreren Ebenen der Textbetrachtung vor; ich halte eine je nach Forschungsfrage spezifische Triangulation mit a) anderen Textauswertungsverfahren (Inhaltsanalyse: Schmitt 1995, grounded theory: Schachtner 1999, Schulze 2007) und/oder b) die Heranziehung von nicht auf Text orientierten Methoden (z.B. Feldstudien (Hroch 2005), Analysen von Artefakten, Medien und Zeichnungen (Schachtner 1999, Forceville 2008, 2009), Gesten (Cienki, Müller 2008, Schmidt 2007) oder quantitativen Daten (Moser 2000, Geffert 2006) für sinnvoller. Auch wenn von den genannten Arbeiten viele nicht dem Vollbild einer reflektierten Triangulation (Flick 2008) entsprechen, liefern sie Hinweise, wie eine solche gelingen könnte.
Bleibende Differenzen.
a) Was ist und kann das "Basisverfahren"?
Es mag eine Fehleinschätzung meiner Rezension sein, dass es sich hier nicht, wie von mir gesehen, um eine in ein größeres Verfahren eingebettete Metaphernanalyse, sondern ein umfassendes Verfahren ist, von dem nur der metaphernanalytische Teil elaboriert worden ist. Auch nach den Erläuterungen bleibt bei mir ein Verständnisdefizit: Was sind seinen Abläufe, seine methodische Schritte und die innere Qualitätssicherung des Basisverfahrens? Ich will zwei Kritikpunkte schärfen:
- Die Auswertung in der Gruppe als Universalantwort auf Fragen zur Methode:
Auch in der Replik wird deutlich, dass die Frage nach genauerer Abgrenzungen einzelner Schritte oder die Möglichkeit der Fokussierung auf diese (z.B. auf die Selbstreflexion eigener Metaphern der Forschenden) damit beantwortet wird, dass das alles im Prozess der Gruppe geleistet werde. Reichertz hat diese Argumentationsstrategie deutlich kritisiert:
"((32) Eine weitere Prämisse qualitativer Forschung, die im Kontext der Rechtfertigung oft in Anspruch genommen wird, besteht darin, die Perspektivenvielfalt des Arbeitsteams zu nutzen - also auf den konkreten Diskurs zu setzen und auf dessen überzeugungsfestigende und überzeugungsübertragende Kraft zu hoffen [...] Man vertraut in einem solchen Falle einerseits voller Demut andererseits voller Optimismus auf die Intelligenz des Diskurses. Voller Demut, weil man sich der Gruppe beugt, und voller Optimismus, weil man der Intelligenz der Gruppe vertraut.
Man rechtfertigt also das, was als "gültige" Erkenntnis vorgestellt wird, nicht mehr mit dem Verweis auf Verfahren oder eigene Hellsichtigkeit, sondem man tritt bescheiden zurück und sagt: "Nicht nur ich habe mit Hilfe der Kenntnis der Regeln der Bedeutungskonstitution die Bedeutung des zu Interpretierenden rekonstmiert, sondern diese Rekonstruktion geht auf die Arbeit einer Gruppe von Menschen zurück, die Uber die Regeln der Bedeutungskonstitution ebenfalls verfügen und gemeinsam kommen wir darin überein, dass die Bedeutung des zu Interpretierenden x ist."
((33)) Hier zeigt sich sehr deutlich das in diesem Ansatz eingelassene Vertrauen aufdie Intelligenz und auch die soziale Kraft einer konkreten (meist hierarchisch gegliederten) Arbeitsgruppe und in die in ihr eingelassene Perspektivenvielfalt. Die Macht, Gültigkeit zu verleihen, wird auf diese Weise nicht mehr an eine objektivierbare, kontrollierbare und intersubjektiv nachvollziehbare Prozedur (also an etwas nicht-subjektives) gebunden, sondem ausdrücklich dem Diskurs interessierter Wissenschaftler (und damit einem sozialen Prozess) überantwortet. Nach welchen Mustern und mit welchen Relevanzen dieser soziale Prozess im Einzelnen organisiert ist, liegt trotz der (von den Wissenschaftlern wenig geliebten und unterstützten) Wissenschaftssoziologie weitgehend im Dunklen." (Reichertz 2007a, S. 203)."
Man könnte über diese Zurückhaltung deutlich hinausgehen und mit Verweis auf psychoanalytische Befunde zur Gruppendynamik Gruppen auch als Hort des Unbewussten, als Sammlung von Konkurrenzen und Generator von kaschierenden Rationalisierungen betrachten. Ich will das hier nicht in diesem Extrem behaupten, aber doch anregen, dass der Glaube an die hilfreiche Kraft von Gruppen im Interpretationsprozess empirische Differenzierungen bräuchte.
- fehlende theoretische Prägnanz
Das zustimmende Zitieren so gegensätzlicher Vorgehensweisen wie Grounded Theory oder Objektiver Hermeneutik und der Theoretiker_innen fast aller Buchstaben des Alphabets lässt die Frage entstehen, welcher Geistesgröße ausnahmsweise NICHT gefolgt wird. Unter der Assimilation der heterogenen Ansätze leidet die innere Bezugnahme und sinnstiftende Vernetzung, aber auch die Positionierung im Feld. Ich kann dem Satz nicht folgen: "Mit unserem Basisverfahren wollen wir auch nicht distinktive Positionierungen unternehmen - gerade weil wir keiner eigenen Schulenbildung Vorschub leisten wollen." (Kruse et al. 2012, Absatz 17). Eine Positionierung bedeutet m. E. noch keine Schulenbildung. Im Gegenteil verhindert das theoretische All-inclusive-Menü kritisierbare - und damit veränderbare - Festlegungen, an deren Überwindung sich später so etwas wie eine Reflexions- und Entwicklungsgeschichte ablesen ließe. Es verhindert eine präzisere Feststellung, was die Autoren mit zentralen Begriffen meinen. Reichertz schreibt ähnlich skeptisch über die qualitative Forschung insgesamt:
"Der Befund von der Vielfalt ohne rechte Einheit gilt auch dann, wenn man - wie Ronald Hitzler das getan hat - das Gemeinsame qualitativer Sozialforschung in ihrer Orientierung auf "die Rekonstruktion von Sinn" sieht (vgl. Hitzler 2002; ähnlich auch Hollstein & Ullrich 2003). Untersucht man aber das jeweilige Selbstverständnis der diversen qualitativen Ansätze, dann ist dieser Befund zwar in gewisser Weise zutreffend, das Problem ist allerdings, dass die jeweiligen Gebrauchsweisen der Begriffe "Sinn" und "Rekonstruktion" so stark auseinander laufen (subjektiv, objektiv, sozial, latent etc.), dass von einem gemeinsamen Nenner (zumindest nicht mehr ernsthaft) gesprochen werden kann. Allenfalls kann man sagen, dass bei fast allen qualitativen Ansätzen "Sinn" (Gegenstand der Forschung) und "Rekonstruktion" (Anspruch der Forschung) als "Grundtöne" immer wieder aufklingen. Weil das so ist, macht es aus meiner Sicht keinen Sinn, von der Qualitativen Sozialforschung zu sprechen, sondern, wenn überhaupt, sollte man das Ganze das Feld der qualitativen Methoden nennen, in dem die Hinwendung zum menschlich erzeugten "Sinn" immer wieder zu hören ist und in dem diese Orientierung als wesentliche Währung gehandelt wird." (Reichertz 2007a, S. 197)
Ich will nicht so weit gehen, dass Kruse, Biesel und Schmieder einer ähnlichen Unklarheit das Wort reden, und bleibe bei der Vermutung meiner Rezension, dass eine ausführlichere Darstellung des Basisverfahrens als separate Publikation die Vermittlung des Verfahrens nicht nur für Novizen, sondern auch für Fortgeschrittene nachvollziehbarer gestalten könnte.
b) Theoretische Einordnung von Lakoff und Johnson
Die Autoren schreiben in der Replik:
"LAKOFF und JOHNSON (2003a [1980], 2003b [1998]) sind zwar, wie SCHMITT korrekt anmerkt, keine Sprachstrukturalisten wie de SAUSSURE, aber wenn es darum geht, zugängliche Reflexionen über "Sprache" zu stimulieren, ist de SAUSSURE - trotz wichtiger Weiterentwicklungen in der linguistischen Semantik - ein wertvoller Anker- und Ausgangspunkt. [...] dies zeigt sich nicht zuletzt auch an poststrukturalistischen Sprachtheorien, die nicht de SAUSSURE negieren, sondern ihn radikal weiterdenken. Poststrukturalistische Sprachtheorien (und hierbei auch die kognitive Linguistik) sind damit - über einen Kamm gekämmt - neostrukturalistische Ansätze." (Kruse, Biesel, Schmieder 2012, Abs. 9).
Ich musste hier tief Luft holen, suchte noch einmal bei einer der derzeit zuverlässigsten Übersichten über die linguistische Semantik Rat (Geeraerts 2010) und vermute seitdem, dass der Kamm, mit dem hier gekämmt wurde, einer für große Pferde gewesen sein muss.
c) Unidirektionalitätshypothese bei Olaf Jäkel
Völlig uneins waren wir darüber, wie Olaf Jäkel als Autor differenzierter Beschreibungen der kognitiven Metapherntheorie die Unidirektionalitätshypothese bei Lakoff und Johnson darstellt. Sie behauptet eine einlinige Übertragung von sinnlich-konkreten auf abstrakte Phänomene und lässt sich mit vielen Beispielen unterlegen. Sie ist jedoch notwendigerweise vage, denn was für einzelne Beobachter konkret ist, ist für andere abstrakt. Ich halte mich an späte Darstellungen von Jäkel; so zitiert er als problematisches Beispiel den Satz von Friedrich Engels "In der Familie ist der Mann der Bürger und die Frau der Proletarier." (Jäkel 2003, S. 61). Diese Metaphorik lässt sich nur aus dem Quellbereich einer komplexen Theorie ableiten, die auf das zunächst einfacher erscheinende Phänomen "Familie" übertragen wird. Jäkel formuliert dann, dass die Hypothese der Übertragung von einfachen auf komplexe Bereiche "nicht mehr und nicht weniger als eine Tendenz oder Präferenz darstellt; eine in ihrer Erklärungskraft sehr leistungsfähige Regel, die aber nicht ohne Ausnahme gilt." (ebd., S. 84).
In früheren Texten hat er diese Hypothese weniger eingeschränkt vertreten. Ich fand, dass man hier vielleicht unnötig debattiert, habe Olaf Jäkel von dieser Diskussion in Kenntnis gesetzt und hoffe auf eine klärende Antwort von ihm.
Zusammenfassung:
Es gibt viele Gemeinsamkeiten, und mir scheint, dass einige Differenzen sich bei einer weiteren Elaborierung des Basisverfahrens und der ihm zugeordneten rekonstruktiven Metaphernanalyse im Vergleich zu der von mir vorgeschlagenen systematischen Metaphernanalyse auflösen lassen, zumindest nachvollziehbarer werden und als unterschiedliche Varianten qualitativer Forschung begriffen werden können.
Literatur: