Volume 1, No. 2, Art. 4 – Juni 2000

Kollektive-Autobiografie-Forschung (KAF) als subjektwissenschaftliche Methode1)

Stefan Busse, Christiane Ehses & Rainer Zech

Zusammenfassung: Die "Kollektive-Autobiografie-Forschung" (KAF) ist eine qualitative Methode zur Bearbeitung von autobiografischem Textmaterial (Interviews oder verfasste Episoden und Geschichten) in einer Forschungsgruppe. Sie ist Anfang der 80er Jahre ausgehend von subjekttheoretischen Grundpositionen der Kritischen Psychologie entwickelt worden (ZECH 1983, 1988). Heute synthetisiert sie subjekttheoretische und systemtheoretische Perspektiven. Bei der KAF wird die verbreitete Trennung in Forscher und Erforschte aufgehoben, indem die Theorien und Methoden von den Betroffenen selbst angeeignet und auf ihre eigene Situation analytisch angewendet werden. Für das Forschungsprozedere sind folgende Merkmale charakteristisch: 1. Die erforschten Subjekte sind Protagonisten eines autobiographischen Handlungsgeschehens. 2. Sie sind Autoren einer erzählten autobiographischen Geschichte. 3. Sie sind Zeitzeugen einer gesellschaftlichen Situation. 4. Sie sind Forschungssubjekte im wissenschaftlichen Interpretations- und Theoretisierungsprozess. In diesen vier Rollen sind die Subjekte permanent als Betroffene und Experten präsent. Das Erkenntnisinteresse der KAF richtet sich über die Selbstaufklärung und die Erweiterung der individuellen Handlungsfähigkeit hinaus auf die Rekonstruktion verallgemeinerbarer Handlungs- und Begründungstypen in umschreibbaren gesellschaftlichen Situationen. Das Forschungssetting gestaltet sich als mehrstufiger Gruppenprozess, in dem Texte unterschiedlicher Ordnung – vom Fall bis zur Theorie – interaktiv und dialogisch erzeugt werden. Exemplarisch wird dies an einem deutsch-deutschen Forschungsprojekt zu biografischen Mustern in Politisierungsprozessen entwickelt.

Keywords: kollektive-Autobiografie-Forschung, Kritische Psychologie, Subjekttheorie, Systemtheorie, individuelle Handlungsfähigkeit, verallgemeinerbare Handlungs- und Begründungstypen, Identität zwischen Forschenden und Erforschten, interaktiver mehrstufiger Gruppenprozess

Inhaltsverzeichnis

1. Methodologische Ausgangspunkte der KAF

1.1 Kritische Subjekttheorie und Methode

1.2 Vier methodologische Forschungsschritte

2. Die Bedeutung der Gruppe als Forschungsinstrument

2.1 Die Gruppe als erweitertes Erkenntnissubjekt

2.2 Die Gruppe als Ort der Verunsicherung und Stabilisierung

2.3 Die Gruppe als Qualifikationsinstanz und Ort des Lernens

2.4 Der Forschungsprozess als Gruppenprozess

2.5 Die Gruppe als Spiegel und Reflexionsgegenstand

3. Das Projekt "Politisierung der Subjekte im deutsch-deutschen Vergleich"

3.1 Die Geschichte der Ost-West-Forschungsgruppe bzw. -thematik

3.2 Gemeinsame theoretische und sozialisatorische Hintergründe

3.3 Die intersubjektiv vollzogene deutsch-deutsche Vereinigung

3.4 Empfindlichkeiten und Lernprozesse

4. Die Verschränkung von Forschungs- und Gruppenprozess als Methode

4.1 Die Verschränkung von Gruppeninteraktion und Textproduktion

4.2 Schritte des Verfahrens

5. Methodologische Reflexionen

5.1 Das anwesende Subjekt: 'Störvariable' oder Experte?

5.2 Objektive Expertengeschichte und subjektiver Handlungsraum

5.3 Der Gruppenprozess als Konstruktionsprozess oder 'die allmähliche Verfertigung der Autobiografie im Kollektiv ...'

Literatur

Zu den Autoren und der Autorin

Zitation

 

1. Methodologische Ausgangspunkte der KAF

1.1 Kritische Subjekttheorie und Methode

Die "Kollektive-Autobiografie-Forschung" (KAF) ist in den 80er Jahren von ZECH (vgl. 1983, 1988) als eine gruppenbezogene qualitative Forschungsmethode zur Bearbeitung von autobiografischem Textmaterial (Interviews oder verfasste Episoden und Geschichten) entwickelt worden. Der theoretische Hintergrund der autobiografischen Forschung waren die Texte der kulturhistorischen Schule der sowjetischen Psychologie und der Kritischen Psychologie. Den allgemeinen Forschungsgegenstand bildet das individuelle Gewordensein des Subjekts bzw. Formen seiner individuellen Handlungsfähigkeit unter jeweils konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen. Es wurde und wird untersucht, wie sich Individuen aktiv und selbsttätig in die sie umgebenden gesellschaftlichen Lebensbedingungen hinein entwickeln, dabei in der Veränderung dieser Bedingungen ihre Persönlichkeit und Handlungsfähigkeit entfalten, aber auch die vorhandenen ideologischen Anpassungsangebote realisieren und damit auf Möglichkeiten ihrer Entwicklung verzichten. Analysiert wird also das Zueinander der objektiven situationalen Handlungsbedingungen und der subjektiven Handlungsbegründungen in seinen Auswirkungen für die individuelle Persönlichkeitsentwicklung. [1]

Eine ausgearbeitete Methodologie und Methodik dazu hatte die Kritische Psychologie jedoch bis Anfang der 1980er Jahre kaum entwickelt. Einzig die Hamburger Frauenforscherinnen um Frigga HAUG hatten zeitgleich mit der ersten Version der KAF (vgl. ZECH 1983) ihre Methode der Erinnerungsarbeit vorgelegt, die ebenfalls den Anspruch hatte, eine kritisch-psychologische Forschungsmethode zu sein (vgl. HAUG 1983). Im selben Jahr erschien dann auch Klaus HOLZKAMPs "Grundlegung der Psychologie" (vgl. 1983). Der Anspruch, mit der KAF eine subjektwissenschaftliche Forschungsmethode im Paradigma der Kritischen Psychologie entwickelt zu haben, erzwang jetzt deren Überarbeitung und Weiterentwicklung (vgl. ZECH 1988). In dem methodischen Vorgehen wird versucht, die Trennung in Forschende und Erforschte aufzuheben, indem die Theorien und Methoden von den Betroffenen angeeignet und im Rahmen eines metasubjektiven Verständigungsrahmens methodisch kontrolliert auf sie selbst angewendet werden. Neben der Herausarbeitung verallgemeinerter situationaler Entwicklungstypen ist es ein Ziel der KAF, dazu beizutragen, dass sich die Individuen in dem widersprüchlichen gesellschaftlichen Geflecht von Entwicklungsmöglichkeiten und -behinderungen neue für sie bisher nicht realisierte Möglichkeiten erschließen. Erforschung von Handlungsfähigkeit heißt dabei nicht nur, deren Status quo zu erfassen, sondern immer auch bereits nach deren möglichen Erweiterungen, im Sinne der 'Zone der nächsten Entwicklung' (WYGOTSKI) zu fragen. [2]

1.2 Vier methodologische Forschungsschritte

Die Konstitution gesellschaftlicher Individualität wird nicht als wie auch immer geartete Prägung begriffen, sondern als aktiver Aneignungsprozess gesellschaftlicher Möglichkeiten in ihrer subjektiv zugänglichen Form durch die Subjekte selbst. Dabei gestalten diese ihre Persönlichkeit und entwickeln ihre Handlungsfähigkeit. Der Einsicht der subjektiven Funktionalität sämtlicher menschlicher Lebensäußerungen folgend wurden autobiografische Geschichten von Anfang an als Konstruktionen betrachtet – ein Verständnis, das sich in der Biografieforschung erst Ende der 90er Jahre allgemein durchsetzte. Die Frage blieb, wie sich Gesellschaft in diesen subjektiven Konstruktionen vermittelt. Um diesen Vermittlungsprozess aufzuschlüsseln, geht die KAF grundsätzlich in vier Arbeitsschritten vor:

2. Die Bedeutung der Gruppe als Forschungsinstrument

Die eben skizzierten vier methodischen Schritte werden kollektiv vollzogen. Das heißt, das tragende Grundprinzip der KAF ist, die Gruppe (das 'Kollektiv') als Forschungsinstrument zu qualifizieren und zu nutzen. Die Tatsache, dass im Forschungsprozess als Gruppenprozess der Einzelne sowohl als Protagonist seiner Lebensgeschichte (als Akteur und Betroffener), als Autor seiner Biografie, als Zeitzeuge historischer Handlungszusammenhänge und als Forscher präsent ist, verweist auch die Gruppe in jeweils unterschiedliche Rollen und Funktionen.2) [4]

2.1 Die Gruppe als erweitertes Erkenntnissubjekt

Subjektwissenschaftliche Theoriebildung hat einen Doppelbezug zum Subjekt. Einerseits entwickelt sie Einzeltheorien (Theorien mit konkretem aktualempirischem Gegenstandsbezug) auf der Basis allgemeiner kategorialanalytisch gewonnener Grundbegriffe (einer allgemeinen Subjekttheorie, s.o.). Andererseits 'emergiert' sie Theorien aktualempirisch radikal vom Subjektstandpunkt. Das bedeutet, dass schlussendlich niemand anderes kompetent Aussagen über ein konkretes Subjekt machen kann als dieses selbst. Gleichzeitig kann es dies aber auch nicht, weil es auf der Basis seiner einzigartigen Biografie und seiner selektiven Weltwahrnehmungen in seinen spezifischen Deutungen – sprich: Konstruktionen – gefangen ist. Um diese Gefangenheit in den eigenen Konstruktionen zu überschreiten, bedarf es reflexiver Anordnungen, die in der KAF im theoretisch verfremdeten Blick auf die eigene verschriftlichte Autobiografie gegeben sind. Dieser theoretische Blick auf das eigene Leben ist eingelagert in die metasubjektive Perspektive der wechselseitigen Betrachtung der Forschenden. Reflexion bedeutet hier im systemtheoretischen Sinn die Beobachtung des eigenen Systems aus der Perspektive der Umwelt sowie eine Beobachtung zweiter Ordnung, d.h. eine Umschaltung von der WAS-Beobachtung auf die WIE-Beobachtung. Die Gruppe bietet hier die Möglichkeit, die Paradoxie des in der eigenen Konstruktion gefangenen Experten des eigenen Lebens zu überschreiten. [5]

2.2 Die Gruppe als Ort der Verunsicherung und Stabilisierung

Die Rückseite der wissenschaftlichen Aufklärung des Gegenstandes ist die Selbstaufklärung der beteiligten Subjekte. Da die Forschersubjekte zudem Teil der von ihnen erforschten gesellschaftlichen Lebensbedingungen sind, und die wissenschaftliche Erkenntnis über die eigene gesellschaftliche Vermitteltheit nicht von der Erweiterung der Bestimmung über den eigenen Lebensprozess zu trennen ist, ist jeder handlungsorientierte Forschungsprozess in gewissem Sinne immer auch eine Verunsicherung, eine psychologische 'Therapie' für die daran Beteiligten (vgl. HOLZKAMP 1980, S.6). Die quasi-therapeutische Verunsicherung ist hier impliziter Teil der methodischen Vorgehensweise der Selbstaufklärung, und die Gruppe hat eine stabilisierende Funktion als Bedingung der angestrebten Selbstveränderung. [6]

2.3 Die Gruppe als Qualifikationsinstanz und Ort des Lernens

Die KAF ist zudem als Lern- und Qualifizierungsmethode konzipiert. Das Lernen ist die Bedingung der Forschung und die Voraussetzung der angestrebten Erweiterung der individuellen Handlungsfähigkeiten der Beteiligten. Die Forschung ist die Voraussetzung des Lernens, weil nur in der erkennenden Überwindung des eigenen Gewordenseins erweiternde individuelle Lernprozesse überhaupt denkbar sind. Die Forschungsgruppe hat dabei vier Funktionen: Sie dient a) der theoretischen Qualifizierung der beteiligten Subjektforscherinnen und -forscher und b) ihrer methodischen Qualifizierung zur Fremd- und Selbstanwendung der einzelnen Verfahrensschritte; sie dient c) der wechselseitigen Selbstaufklärung und d) der gemeinsamen Überwindung des jeweiligen Status quo in der Erweiterung der individuellen Handlungsfähigkeit. [7]

2.4 Der Forschungsprozess als Gruppenprozess

Die Forschungsmethode qualifiziert die Gruppe als Kollektiv. Forschen im Kollektiv überschreitet individuelles Forscherhandeln hin zum Gruppenhandeln. Die Bezüge einer 'Scientific Community' werden sozusagen im Unmittelbaren, nicht erst über den öffentlichen Diskurs vereinzelter publizierender Forschersubjekte hergestellt. Das gemeinsame Herstellen eines Produktes, das gemeinsame Interesse an (Selbst-) Aufklärung zwingt zu gemeinsamen Zielorientierungen, zum Aushandeln von Verbindlichkeiten und zur Reflexion produktbezogener Abhängigkeiten. Der Forschungsprozess als Gruppenprozess schließt somit auch Phänomene der sogenannten Gruppendynamik ein, aber nicht als freischwebende Dynamiken unverbindlicher Ad-hoc-Gruppen, sondern mit existentieller Relevanz. Die Möglichkeiten zur Erweiterung individueller Handlungsfähigkeit sind dadurch in die Notwendigkeiten der Erweiterung kollektiver Handlungsmöglichkeiten eingebettet. [8]

2.5 Die Gruppe als Spiegel und Reflexionsgegenstand

Der subjektwissenschaftliche Forschungsgegenstand wird von der Forschungsgruppe nicht einfach per objektivierender Distanz erforscht, sondern spiegelt sich zugleich in den Gruppenbeziehungen selbst. Die Gruppenbeziehungen reproduzieren die jeweils kontextabhängigen Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen mit gruppenspezifischen Abwehrfiguren, ideologischen Ein- und Ausklammerungen von Wirklichkeiten und Gegenstandsperspektiven. Somit muss die Gruppe selbst zum Gegenstand von Reflexion (Supervision) werden, um die Seiten des Gruppengeschehens zu kontrollieren, die der (Selbst-) Aufklärung im Wege stehen. [9]

3. Das Projekt "Politisierung der Subjekte im deutsch-deutschen Vergleich"

3.1 Die Geschichte der Ost-West-Forschungsgruppe bzw. -thematik

Im Herbst 1991 traf sich erstmals eine interdisziplinäre Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Leipzig und Hannover. Sie war aus dem Kontakt zwischen Stefan BUSSE und Rainer ZECH unmittelbar nach der Wende hervorgegangen. Am Beginn stand die von Euphorie getragene Neugier aufeinander. Erfahrungen wissenschaftlichen Arbeitens wurden ausgetauscht und Forschungsprojekte vorgestellt. Man erzählte sich, wie das je eigene Leben in die verschiedenen gesellschaftlichen Kontexte eingebunden war. Aus dieser Begegnung ist ein gemeinsames Forschungsprojekt entstanden, dass die Ost-West-Thematik zum Gegenstand nahm. Nach einigen methodologischen und methodischen Diskussionen entschied man sich dafür, die KAF auf eine Frage der politischen Sozialisationsforschung anzuwenden, weil sie wissenschaftlich das fortsetzte, was spontan entstanden war: das wechselseitige Sich-Erzählen autobiografischer Geschichten und Geschichte (vgl. BUSSE, ZECH 1994). Es ging jetzt darum zu analysieren, wie sich die Betroffenen in ihren jeweiligen gesellschaftlichen Systemen eingefädelt, angepasst oder widerständig gezeigt und welche Folgen ihre je konkreten Verhaltensweisen für sie selbst als Persönlichkeiten gehabt haben. [10]

3.2 Gemeinsame theoretische und sozialisatorische Hintergründe

Das wechselseitige wissenschaftliche Verstehen ging vergleichsweise reibungslos vonstatten, hatte man sich – ohne voneinander zu wissen – doch an den gleichen theoretischen Konzepten orientiert (vgl. für den Ost-Teil der Gruppe ALBERG 1990). Auch die jeweiligen Sozialisationen im 'linken' Hochschulmilieu wiesen bei allen Unterschieden der Gesellschaftssysteme gewisse Gemeinsamkeiten auf, die das spontane Verständnis erleichterten. Die Tatsache, dass die deutsch-deutsche Forschungsgruppe noch heute besteht, zeigt, dass die Überwindung der ebenfalls vorhandenen Unterschiede gelungen ist und das wechselseitige Verständnis Bestand hat. Dies ist bei den nach der Wende entstandenen Forschungsgruppen nicht selbstverständlich; bei vielen hat Streit und Unverständnis bald zur Auflösung geführt. [11]

3.3 Die intersubjektiv vollzogene deutsch-deutsche Vereinigung

Die Begegnung von Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus Ost und West war möglich geworden durch den Zerfall des ostdeutschen Realsozialismus, der an seinen eigenen inneren Widersprüchen zerbrochen war. Die in der Forschungsgruppe erreichte deutsch-deutsche Vereinigung vollzog sich in Parallelität zur Vereinigung auf gesellschaftspolitischer Ebene. Die subjektwissenschaftliche Analyse der Biografien der Beteiligten ermöglichte diesen das Verständnis untereinander und der jeweiligen Gesellschaften. Die Erforschung der Thematik der unterschiedlichen politischen Sozialisationen in Ost und West war zugleich das parallele Erarbeiten der Bedingungen wechselseitigen Verstehens. Selbst-Verständnis und Gesellschafts-Verständnis waren in der KAF von je her zwei Seiten einer Medaille gewesen. Mag sein, dass der Prozess in der Forschungsgruppe deshalb gelungen ist, weil sich beide Seiten hierbei zur Disposition, zur Befragung und zur Erklärung stellten. Gesamtgesellschaftlich sind jedenfalls die Unterschiede noch oder wieder groß; hier führte die Ungleichheit der Ausgangsbedingungen nicht zur Horizontalität der Beziehungen, sondern reproduzierte neue Vertikalitäten (vgl. AHBE 1994 und 1999). [12]

3.4 Empfindlichkeiten und Lernprozesse

Die Dynamik der deutsch-deutschen Forschungsgruppe verlief indes nicht ohne Friktionen und gelegentlicher Dramatik. Die Ossis neigten zu Verteidigungshaltungen und fühlten sich leicht angegriffen, wenn sich Wessis in distanzierter Ironie zur Gesellschaft und zu ihren eigenen Geschichten äußerten. In beidem – im Verhältnis zur eigenen Gesellschaft und zur eigenen erzählten Geschichte – war bei den Ossis mehr 'Herzblut' involviert. Sie waren auch objektiv in der Situation, ihr vergangenes und abgeschlossenes gesellschaftliches Leben sowie ihre individuelle Beteiligung erklären zu müssen. Die Wessis leben in einer zwar veränderten, aber nicht grundsätzlich in Frage gestellten Kontinuität. Die andere Seite der östlichen Verteidigungshaltungen waren gelegentliche Selbstbezichtigungen – gewissermaßen als Identifikation mit dem Aggressor. Wessis waren verletzt, wenn ihre Bemühungen zur Integration der neuen Brüder und Schwestern nicht den verdienten 'Dank' erhielten. Hierin zeigt sich versteckt die Ungleichheit der kommunikativen Ausgangsbedingungen. Diese beidseitigen Empfindlichkeiten hätten, wenn sie nicht wiederum zum Gegenstand der Forschung gemacht worden wären, leicht zum Scheitern der Gruppe führen können. So waren sie Ausgangspunkt von Lernprozessen für ein vertieftes wechselseitiges Verstehen, für Anerkennung und Achtung der Unterschiede einer 40 Jahre getrennten deutschen Geschichte, die sich eben auch in den Biografien und Autobiografien der Beteiligten ausdrückte. [13]

Die weiteren subjekt- und biografietheoretischen Voraussetzungen und empirischen Ergebnisse dieses Projektes werden hier nicht weiter dargestellt, weil an dieser Stelle vor allem deren methodologischer Rahmen und das methodische Prozedere der Kollektiven-Autobiografie-Forschung interessieren soll (vgl. zu inhaltlichen Ergebnissen ZECH 1995 und BUSSE, EHSES & ZECH 1999). [14]

4. Die Verschränkung von Forschungs- und Gruppenprozess als Methode

4.1 Die Verschränkung von Gruppeninteraktion und Textproduktion

Die oben gesetzten methodologischen Prämissen waren freilich nicht einfach axiomatische Ausgangspunkte, die im Rahmen des Politisierungsprojektes bruchlos in methodisches Handeln umgesetzt wurden. Zum einen implizieren sie auch einen 'Überschuss' an methodischen Idealsetzungen, zum anderen bedarf das realisierte methodische Prozedere auch weiterer methodologischer Reflexion. Einiges davon wird unten noch Erwähnung finden. Doch zunächst zum methodischen Prozedere selbst. [15]

Die nunmehr zu skizzierende Schrittfolge des Forschungsverfahrens ist eine Verschränkung eines mehrstufigen Prozesses der Datengewinnung, über die Datenanalyse bis hin zu Theoretisierung und Veröffentlichung des Materials mit unterschiedlichen Settings des Gruppenhandelns. Die folgende Beschreibung ist selbst ein Ergebnis des Prozesses und gibt seine Logik, nicht aber immer seine reale Abfolge wieder. [16]

Zum einen sind die Arbeit und die Funktion der Teilgruppen und der Plena zu unterscheiden:

Zum anderen ist die Teilgruppenarbeit als eine Verzahnung von Gruppeninteraktion und Textproduktion zu verstehen. Jede Gruppeninteraktion basiert auf einem Text und produziert einen neuen Text, der wiederum den operativen Ausgangspunkt für eine neue Gruppeninteraktion schafft (Zur Verdeutlichung des Verfahrens vgl. Abb. 1).



Abb1: Verschränkung von Forschungs- und Gruppenprozess [18]

Methodologisch galt es in allen interpretativen Prozessen, eine Distanz zwischen der realen Person und deren realem Leben auf der einen und der Autobiografie als Text auf der anderen Seite herzustellen. Eine methodisch kontrollierte Selbst-Distanz der Betroffenen war zwingend notwendig, um die Aufhebung der Trennung von Erforschenden und Beforschten zu ermöglichen. Der theoretisch verfremdete Blick auf die eigene verschriftlichte Autobiografie wurde dadurch erleichtert, dass in der methodisch kontrollierten Sprachregelung der Gruppe immer im Modus der dritten Person, d.h. dem 'Protagonisten' und dem 'Autor' des zu interpretierenden Textes, verhandelt wurde. Damit war nie die Person des Interviewten Gegenstand der Interpretation, sondern immer nur der Text eines Autors über die autobiografischen Handlungen eines Protagonisten! Die Person selbst interagierte hier als 'Subjekt der Interpretation' in den Rollen des Zeitzeugen und des Forschers. Das Subjekt war also während des gesamten Forschungsprozesses permanent anwesend: als Protagonist, als Autor, als Zeitzeuge und als Forscher. [19]

Im Folgenden wird ein mehrstufiger kollektiver Prozess dargestellt, der – ausgehend von der biografischen Beschreibung – über Auflösung jeweils vorangegangener Konstruktionen und neuerlichen Synthetisierungen schrittweise zu einer Fallverdichtung führt. [20]

4.2 Schritte des Verfahrens

0. Biografisches Geschehen als ungeschriebener Text

Diese Nullstufe muss logisch vorausgesetzt werden, damit die Erzeugung eines autobiografischen Textes überhaupt möglich ist. Das biografische Geschehen ist vor allem als Erinnerung, aber nicht als fertiger Text verfügbar. Es steht dem Subjekt – wie das die Ergebnisse der modernen kognitiven Psychologie nahe legen (vgl. SCHACTER 1999) – als unterschiedliche Engramme, (Teil‑) Szenen, Episoden, als raumzeitlich indizierte Skripte zu Verfügung. Über sie hat das Subjekt einen erinnernden Zugang zu den Handlungsanforderungen und -begründungen, die biografisches Geschehen generiert haben (vgl. ROSENTHAL 1995). Gleichwohl harren diese Erinnerungen auf einen Erinnerungsanlass (hier unsere Aufforderung zum autobiografischen Erzählen), durch den die autobiografische Erzählung als Text aktiv konstruiert wird. [21]

1. Schritt: Produktion des autobiografischen Textmaterials

Zur Produktion des autobiografischen Materials wurden zehn narrative Interviews durchgeführt. Der Erzählimpuls'Wann kam das Politische in deine Biografie, wann und wie wurde dir klar, dass du in politischen Verhältnissen lebst?' war der jeweilige Ausgangspunkt, von dem aus der Erzähler seine Erzählung entfaltete. Die im narrativen Interview übliche Sparsamkeit oder gar Abstinenz an Interventionen wurde in manchen Interviews nicht nur durch Nachfragen, sondern auch durch ('unerlaubte') Kommentare, Konfrontationen unterbrochen. Dadurch dass Interviewende und Interviewte in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe involviert waren, kam dies einer natürlichen Erzählsituation ziemlich nah, so dass wir hier von einer dialogischen Erzeugung des autobiografischen Textes ausgehen können und müssen. [22]

2. Schritt: Transkription des Interviewmaterials durch den jeweiligen Autor

Die Transkription des biografischen Interviews erfolgte durch den Autor der autobiografischen Erzählung selbst. Der verschriftlichte Text war die operative Basis für die nächste Gruppeninteraktion. [23]

3. Schritt: Interpretation des Materials durch die Teilgruppe

In Vierergruppen wurde unter Einschluss des Protagonisten der autobiografische Interviewtext interpretiert. Die Gruppenzusammensetzung sollte die kulturelle Differenz (Ost/West und Männer/Frauen) bei der Interpretation nutzen. [24]

Die Textanalyse selbst diente dazu, die implizite Dramaturgie des Textes zu rekonstruieren. Nach einer assoziativen Annäherung an den Text durch die Interpreten wurde der Text in seiner Gliederung nach Einführung/Ouvertüre, Haupt- und Nebengeschichten etc. vor allem szenisch-strukturell analysiert. Mittels mottohafter Überschriften wurden Textbausteine unter Erzählfoki subsumiert. Interpretationsperspektive waren nicht vorab gebildete Kategorien, sondern folgende Fragestellungen:

4. Schritt: Zusammenfassende Verschriftlichung der Interpretation

Der Ausgangspunkt dieses Schrittes sind die Tonbandprotokolle der Gruppeninterpretation – und zwar der letzten Interpretation, auf die sich die Gruppe geeinigt hat. Der wörtliche Text wird zu einem Interpretationstext verdichtet. Der Autor dieses neuen Textes ist wiederum der Autor des Interviews; der nunmehr vorliegende Text ist ein Metatext, der die implizite Geschichte des Interviews sozusagen nochmals erzählt und dabei beschreibt, wie der Autor seine autobiografischen Erzählung im Sinne der eben aufgeführten Fragestellungen konstruiert hat. [26]

Der Autor des jeweils ausgewerteten Textes war dabei dem Protokoll der Teilgruppe verpflichtet, er hatte allerdings auch die Freiheit der eigenen Interpretation insofern, als er nicht den Prozess protokollierte, sondern eine verdichtende Beschreibung der Interpretation lieferte, auf die sich die Gruppe schließlich geeinigt hatte. Die Protokollierung der interaktiven Aushandlung der Interpretation selbst wäre freilich eine weitere wichtige Quelle für die Interpretation des interaktiven Konstruktionsprozesses. Mittels der 'Übertragungs- und Spiegelungsphänomene' wiederholt und spiegelt sich partiell die Dynamik der inszenierten und erzählten autobiografischen Szenerie in der Dynamik und kommunikativen Anordnung der Interpretationsgruppe (gerade im Kontext des politisch aufgeladenen Ost-West-Themas und auch durch die jeweiligen Differenzierungen entlang der Geschlechter). Wir haben diese Quelle nicht systematisch genutzt, gleichwohl hat sie auf der nächsten Stufe der Theoretisierung eine Rolle gespielt. [27]

Insgesamt entsteht auf dieser Stufe so ein neuer synthetischer Text, eine schriftliche Fallgeschichte – als Geschichte dieses Falls –, die die Interpretationsgrundlage für die nächste, theoretische Interaktion liefert. [28]

5. Schritt: Theoretisierung der Interpretation

Wiederum wurden Vierergruppen (nach dem Ost/West- bzw. Männlich/Weiblichschema) mit dem Ziel gebildet, die Fallgeschichte in einer Falltheorie – einer Theorie dieses Falls – weiter zu verallgemeinern. Es ging darum, die strukturelle Logik und Konstruktion des Falls nachzuzeichnen. Dabei wurden die Forschungsfragen aus den theoretischen Plenumsdiskussionen expliziter an den Fall herangetragen und zugleich aus dem Material Forschungskategorien gewonnen:

Der synthetisierte Interpretationstext wurde durch die theoretisierenden Gruppendiskussionen sozusagen wieder in einen interaktiven Text aufgelöst.

Als Indiz für die Relevanz der Gruppendiskussionen als Aushandlungsprozess von Deutungsvarianten (der ja in der ersten Verschriftlichung sozusagen getilgt wurde, s.o.) steht dabei die Tatsache, dass gerade in dieser Phase der Theoretisierung von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern immer wieder spontan auch der ursprüngliche Interviewtext als Theoretisierungshilfe herangezogen wurde. Hier konnte auch nochmals kritisch geprüft werden, inwieweit die Interpretationsgruppe (5. Schritt) den ideologischen Spuren des Autors gefolgt (ihm quasi auf 'den Leim gegangen' war) oder auch umgekehrt, inwiefern die Gruppe versucht hat, sich gegen die interpretatorische Perspektive, gegen die Selbstsicht des Autors durchzusetzen. So hat die Theoretisierungsphase über die bloße Theoretisierung hinaus nochmals eine wichtige Reflexions- und Abgleichungsfunktion für die Gruppe und den Autor. [30]

6. Schritt: Verschriftlichung der Theoretisierung

Die Tonbandprotokolle der Theorieteilgruppe waren die Grundlage für einen weiteren Schritt der Textproduktion. Wiederum hatte der Autor des Interviewtextes, in der Rolle des protokollierenden Forschers, die Aufgabe, die Diskussion anhand der 'letzten Variante' der interaktiv erzeugten Theoretisierung in eine konsistente Falltheorie – als Theorie über diesen Fall – zu überführen. Auch dies ist ein aktiver Konstruktionsprozess, in dem ein interaktiver Text zu einem theoretischen Text synthetisiert wird. [31]

7. Schritt: Verallgemeinerung als Fallvergleich

Eine weitere Stufe struktureller Verallgemeinerung wurde durch Fallvergleich und Fallkontrastierung im Plenum über die einzelnen Teilgruppenergebnisse realisiert. Bei der Herausarbeitung von Falltypischem – als theoretischer Übergang von 'diesem Fall' zu einem 'solchen Fall' – ging es um eine doppelte Verallgemeinerungsperspektive:

a) Mit Bezug auf die Bedingungsanalyse ging es um die typischen gesellschaftlich präformierten Handlungssituationen, die bestimmte Aufgaben definierten, bestimmte Handlungsalternativen anboten, bestimmte widersprüchliche Handlungssituationen vorgaben und bestimmte ideologische Deutungsangebote für die Selbst- und Weltsicht für den Handelnden nahe legten; mithin ging es um die Rekonstruktion bestimmter gesellschaftlicher Diskurslogiken, die dem Subjekt die Fassung und Ausblendung von Realität anboten. [32]

b) Mit Blick auf die Begründungsanalyse ging es um die typischen biografisch entstandenen Muster von Handlungsregulierung und Bewältigungsroutinen im Umgang mit gesellschaftlich definierten  bzw. politisch indizierten Handlungssituationen, in denen Macht, Abhängigkeit von und Umgang mit Autorität, das Zueinander von individuellen, gruppenspezifischen und gesellschaftlichen Interessen, von Ideologie und gesellschaftlichem Auftrag, politischen Handlungen und politischen Strukturen (Partei etc.) eine Rolle spielten. [33]

c) Schließlich wurde beides synthetisiert, um das individuelle biografische Handlungsmuster als typischen Fall unter definierten gesellschaftlichen Handlungssituationen ('als Fall von...') verständlicher zu machen. Hier wurden die Ergebnisse der Bedingungsanalyse expliziter mit begründungs- und musterbezogenen Falltheorien in Beziehung gesetzt. Der Sinn des Fallvergleiches bestand somit darin, Typisches von nur Ephemerem zu unterscheiden bzw. auch den jeweiligen Fall als Variante eines Allgemeineren zu bestimmen. [34]

Als leitendes Unterscheidungskriterium haben wir die naheliegenden Merkmale Ost/West, Mann/Frau herangezogen und haben Gemeinsamkeiten und Unterschiede sondiert, um zunächst hypothetische Aussagen über biografische Politisierungsmuster machen zu können. Wenn man davon ausgeht, dass es nur endliche Varianten von Handlungsfähigkeit unter bestimmten gesellschaftlichen Situationen gibt, dann wird man so auch zu Typen und Grundvarianten von subjektiven Regulierungsformen bzw. Mustern gelangen können (vgl. BUSSE, EHSES & ZECH 1999). [35]

Diese Stufe der kollektiven Typisierung operierte wiederum auf den synthetisierten Texten (der Theoretisierung) und löste diese abermals interaktiv auf. Dies war die Voraussetzung für eine erneute Textproduktion im Kontext von Veröffentlichungen. [36]

8. Schritt: Veröffentlichung

Die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen mag eine Trivialität bzw. Selbstverständlichkeit am Ende eines jeden Forschungsprozesses sein. Veröffentlichung suggeriert jedoch, dass Ergebnisse oder Texte als besondere Form von Daten und besondere Formen von Datenverallgemeinerung nur noch an die Öffentlichkeit getragen werden müssten. Dies übersieht, dass hier ein weiterer ernstzunehmender und methodologisch nicht zu unterschlagender Konstruktions- und Synthetisierungsschritt vollzogen wird. Dies mindestens aus den folgenden zwei Gründen: [37]

a) Veröffentlichungen sind immer anlassbezogen und folgen einer Fragestellung; sie sind Inszenierungen im Rahmen von Veröffentlichungserwartungen und -routinen, z.B. einer bestimmten Zeitschrift oder eines Tagungsthemas, die unweigerlich einen interpretatorischen Fokus setzen, auf den hin das Material nicht neu erfunden, aber zugespitzt, apostrophiert wird. Das kann das Erkenntnisinteresse sogar neu zentrieren und neue Sichten auf das Material werfen. (Unsere Teilnahme an der Tagung "Die Gruppe als Erkenntnisinstrument der qualitativen Forschung" im Oktober 1999 an der Universität Bremen hat die hier in diesem Aufsatz skizzierte Sicht auf unseren eigenen Forschungsprozess in der durch die Fragestellung erzwungenen Prägnanz erst herausgefordert.) [38]

b) Das Verhältnis von Erkenntnisprozess und Erkenntnisdarstellung kehrt sich bei der Veröffentlichung in der Regel um. Das hat u.a. eine Zweck-Mittel-Verkehrung von empirischem Material und theoretischen Aussagen zur Folge: Das empirische Material wird nicht mehr mühsam durchforstet, um zu verallgemeinerten theoretischen Aussagen zu kommen, sondern es bekommt vor allem die Funktion, ein theoretisches Elaborat zu belegen, empirisch zu sichern und zu erden. Das führt zwangsläufig – bei aller selbstauferlegten Datentreue – zu Akzentuierungen, die das Material in ein spezifisches Passepartout setzen. Aus der möglichen Datenfülle muss ausgewählt werden; sie muss verdichtet werden, um die theoretischen Aussagen in einem leserbezogenen Text zu plausibilisieren. Man behilft sich für eine solche Datenreduktion oft mit beispielhaften Zitierungen oder – wie wir es an anderer Stellen getan haben (vgl. BUSSE, EHSES & ZECH 1999) – mit der Produktion weiterer synthetischer Texte, in denen ein Fall nochmals erzählt oder theoretisch entworfen wird (die ca. zehnseitigen Falltheorien sind dabei nochmals veröffentlichungshandlich gemacht worden). In jedem Fall handelt es sich um eine weitere Konstruktionsstufe. [39]

5. Methodologische Reflexionen

Uns wesentlich erscheinende methodologische Probleme haben wir bereits im Zuge der Darstellung expliziert. Einiges, das vor allem durch die spezifische Anordnung unseres Forschungsdesigns zum Tragen kam, sei hier abschließend nochmals als grundsätzliches Problem aufgeworfen. [40]

5.1 Das anwesende Subjekt: 'Störvariable' oder Experte?

Qualitative Forschung zeichnet sich in ihrem Selbstverständnis gerade dadurch aus, dass sie das klassische Objektivitätsproblem zumindest relativiert. Die Subjektivität des Forschers und die unkontrollierte Subjektivität des Erforschten sollen nicht einfach per Kontrolle aus dem Forschungsprozess ausgeschlossen, sondern selbst als reflexive Erkenntnisquelle genutzt werden. Dennoch dürfte auch beim qualitativen Forschen die Nichtpräsenz (oder Aussperrung?) des für den Forschungsprozess 'unqualifizierten' Subjekts der Regelfall sein. Höchstens wird versucht, durch die 'kommunikative Validierung' mit den erforschten Subjekten das Gefälle zwischen Forschenden und Erforschten nachträglich wieder partiell zu mildern. Welche Konsequenzen aber hat die permanente Präsenz des erforschten Subjekts im Forschungsprozess? Eines ist bereits deutlich geworden: Die permanente Präsenz des Subjekts macht eine kommunikative Validierung als ständige Instanz nicht einfach nur möglich und notwendig, die Frage ist vielmehr, als 'wer' oder 'was' das erforschte Subjekt im Forschungsprozess jeweils agiert und angesprochen wird. Die oben skizzierten Rollen sind unterschiedliche validierende Ansprachen an das Subjekt, die der Einübung einer dialogischen Kompetenz in der Handhabung dieser Rollen entsprechen. Das klassische Problem der Kontrolle des Subjektivitätsmoments wird so zu einem Qualifizierungsproblem für die qualitative Forschung, weil das Subjekt nicht nur als Betroffener und Experte seiner bloß subjektiven Sicht angesprochen wird, sondern in variierenden Expertenschaften. Das Problem der 'Erziehung zur guten Versuchsperson' (Lewin) in der klassischen Psychologie reüssiert hier zum Kommunikations- und Qualifizierungsproblem des Gruppenmitgliedes und der ganzen Gruppe. [41]

Methodische Regulierungen waren somit erforderlich, um dieser komplexen Anforderung gerecht zu werden: Als Interpretationsgrundlage wurde zwar allein der transkribierte Text und die Äußerungen der Beteiligten aus den Rollen der Zeitzeugenschaft und/oder des Forschers zugelassen, methodisch zu kontrollieren und zu reflektieren waren jedoch auch die Spontaneinwürfe der betroffenen Protagonisten/Autoren. [42]

Entweder waren dies:

a) begründungsbezogene Einwürfe (Handlungsrechtfertigungen): Diese wurden bei starkem Votum des Autors einbezogen, aber nicht als Korrektur des Interviewtextes, sondern nur als konkurrierende Interpretationen, die auch ein anderer der Interpretationsgruppe hätte einbringen können, denn möglicherweise stand der Interpretation der Gruppe nicht nur die korrigierende Interpretation durch den Autor kritisch entgegen, sondern auch der 'rechtfertigenden Begründung' des Autors der bereits produzierte Text. Dabei bezogen sich solche kritischen Einwände sowohl auf die Protagonistenperspektive ('Ich habe damals so gehandelt, weil...') als auch auf die Autorenperspektive ('Ich habe im Interview so reagiert, weil...'). Solche Einwürfe produzieren im Prinzip aber immer neues Datenmaterial, dessen 'Zulässigkeit' selbst Gegenstand einer interaktiven Aushandlung der Gruppe zu sein hat. [43]

Oder es waren:

b) bedingungsbezogene Einwürfe: Hier konnte der Autor mitunter Kontextwissen liefern, das eine Handlung/Auslassung/Begründung verständlicher machte. Aber auch hier musste die Zulässigkeit bei Wahrung der Textautorität durch die Gruppe kritisch geprüft werden, ob also eine solche Einlassung wirklich wichtig und einschlägig war, um etwa eine Textpassage besser zu verstehen, oder ob sie entbehrlich und nur dem ungestillten Erzähl- und Rechtfertigungsbedürfnis des Protagonisten/Autors geschuldet war. Auch das war Gegenstand des Aushandlungsprozesses der Gruppe. [44]

Dennoch setzte am Ende der Interpretation ein wichtiges methodologisches Prinzip ein: Das letzte Wort hat der Autor! Dies aus folgenden Gründen:

a) Der Autor ist nicht nur Experte seiner Geschichte. Durch den gemeinsam in der Gruppe vollzogenen Interpretationsprozess, durch den methodisch explizierten äußeren Dialog zwischen den Rollen des Protagonisten, des Autors, des kommunizierenden Zeitzeugen und des interpretierenden Forschers wird auch der innere Dialog zwischen diesen Rollen in den beteiligten Subjekten qualifiziert. Das heißt, das Subjekt ist nicht nur Experte seiner Geschichte (im Zustand einer "Urzentrierung"); es wird auch zum Experten einer reflexiven Selbstverarbeitung seiner Geschichte (über den durch den Gruppenprozess über eine "Dezentrierung" vollzogenen Modus einer "Rezentrierung", vgl. diese drei Modi der Welt- und Selbstaneignung bei RAEITHEL 1984). [45]

b) Da die Erweiterung der Handlungsfähigkeit der Protagonisten im Rahmen dieses Settings nur über die Veränderung der Selbstbeschreibung möglich ist, darf die produzierte Interpretation die Reinterpretationsfähigkeit des Autors nicht überschreiten, d.h. es gilt, die 'Zone der nächsten Entwicklung' als 'Zone der nächstmöglichen Selbstbeschreibung' zu finden bzw. nicht zu überschreiten. Schließlich wird den einbezogenen Subjekten durch die Interpretationsmacht der Gruppe und durch die Nichthintergehbarkeit ihres produzierten Textes einiges an Irritation, Verunsicherung und Entmystifizierung zugemutet. Damit ist der Interpretationsprozess ein Aushandlungsprozess nicht nur hinsichtlich seiner inhaltlichen Dimension, sondern auch mit Bezug auf mögliche Handlungserweiterungen und Veränderung des Subjekts bzw. durch das Subjekt. Denn die Aufarbeitung der Geschichte ist letztendlich nicht allein einer abstrakten aufdeckenden Wahrheit verpflichtet, sondern vor allem der Veränderung und Veränderungsfähigkeit der Subjekte. [46]

5.2 Objektive Expertengeschichte und subjektiver Handlungsraum

Das Objektivitätsproblem hat uns noch von einer anderen Seite eingeholt – nämlich bezüglich der gesellschaftlichen Handlungskontexte und darin gesellschaftlich vermittelter Handlungssituationen, die ihrerseits in den Geschichten und Konstruktionen der Autoren auftauchen. Hier hatten wir zunächst die Illusion, wir könnten die Verhältnisse, wie sie im Osten oder Westen realiter gewesen sind, irgendwie als 'objektives Eichmaß' an die subjektiven Konstruktion legen, um zu rekonstruieren, wie es in Kontrastierung zu den Geschichten der Autoren eigentlich gewesen ist. Aber: erstens sind auch die konkret historischen Verhältnisse – wie jedes Reden über Geschichte – immer überindividuelle Konstruktionen; zweitens geben sie selbst den Stoff, aus dem die individuellen Konstruktionen gewoben sind (Ideologievermittlung). Dies führte mitunter zu einem Rollenkonflikt zwischen dem 'Autor' als Oralhistoriker und dem 'Forscher' als Expertenhistoriker (der sich anhand wissenschaftlicher Literatur z.B. über die DDR in den 1970er Jahren kundig gemacht hat). Wie ist dieser Widerspruch als Quelle der Erkenntnis nutzbar? Hier wäre das Konzept der 'biografischen Situation' (LEU 1999) in seiner methodologischen Relevanz genauer zu sondieren. Schließlich ist ein konkretes Subjekt nicht in der DDR der 1970er Jahre 'an sich' aufgewachsen, sondern die DDR hat sich ihm über biografische Situationen so und einem anderen Subjekt schon wieder anders vermittelt. Hieraus wird erklärlich, dass individuelle Subjekte, die sich in scheinbar identischen objektiven Handlungsräumen aufgehalten, realiter in unterschiedlichen biografischen Umwelten agiert haben. Was wir von einer Bedingungsanalyse erwarten können ist nur, dass Handlungsmöglichkeiten eines definierten Handlungsraumes umrissen werden, in denen sich die Subjekte so oder so verhalten können. Hier dürfte allein als Objektivitätskriterium gelten, dass objektive Handlungsvarianten prinzipiell endlich sind und bestimmte Varianten sozusagen gar nicht vorkommen können. [47]

5.3 Der Gruppenprozess als Konstruktionsprozess oder 'die allmähliche Verfertigung der Autobiografie im Kollektiv ...'

Dazu ist bereits Wesentliches gesagt worden. Die Transformation eines 'inneren Textes' (Erinnerung) in eine synthetische autobiografische Falltheorie ist ein Prozess, in dem Bedeutungen produziert, aber auch vernichtet werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass ein Forschungsprozess nicht einfach über einen exterritorialen Forschungsgegenstand operiert, sondern von diesem auch umschlossen ist und eingeholt wird. Es wäre genauer zu reflektieren, wie die Gruppe als Vermittlung zwischen individueller und gesellschaftlicher Handlungsebene auch ein Thema wie das der 'Politisierungsmuster' in ihrem Gruppenprozess selbst spiegelt und fortschreibt. Im Fall unseres Projektes muss beispielsweise gefragt werden, wie Besonderheiten ost-west-deutscher Politisierung und aktuelle Probleme des Ost-West-Diskurses mehr oder weniger blind im Gruppenprozess durchgeschlagen haben oder hier auch zur Reflexion gekommen sind. Inwiefern also Ost-West-Probleme im Gruppenprozess zum Tragen kamen (vgl. 3.4), wäre nicht allein die Frage nach der internen Gruppendynamik als solcher, sondern danach, wie umgreifende Diskurseinbindungen den Gruppendiskurs bestimmt haben. Das heißt, angefangen von der interaktiven Erzeugung eines biografischen Interviews bis zur Veröffentlichung haben wir es immer mit einem mehrstufigen Konstruktionsprozess zu tun, in welchem Texte synthetisiert und wieder interaktiv aufgelöst werden, in dem die jeweiligen Zwecke und Intentionen der Forschenden den Forschungsgegenstand mitkonstituieren. Das ist ein Umstand, der auch durch die neueren Perspektiven einer narrativen Psychologie bislang nur auf der Gegenstandsseite, aber kaum auf der Seite der Forschung genügend gewürdigt worden ist. [48]

Anmerkungen

1) Überarbeiteter Vortrag, gehalten auf der Tagung "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken ..." über qualitative Methoden der Psychologie – Schwerpunkt: "Gruppe als Erkenntnismittel" – der Neuen Gesellschaft für Psychologie vom 1. bis 2. Oktober 1999 an der Universität Bremen, Institut für Psychologie und Sozialforschung. <zurück>

2) Weil es sich um Rollen und nicht um konkrete Menschen handelt, wird ausschließlich die männliche Sprachform verwendet. <zurück>

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Zu den Autoren und der Autorin

Stefan BUSSE, Prof. Dr. Dipl. Psych., Hochschullehrer am FB Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida (Sachsen).

Arbeitsschwerpunkte: Biografieforschung, Psychologiegeschichte und DDR, Supervisionsforschung

Kontakt:

Stefan Busse

Hochschule Mittweida (FH), FB Soziale Arbeit, Außenstelle Roßwein
Döbelner Strasse 58
D - 04741 Roßwein

E-Mail: busse.markkleeberg@t-online.de

 

Christiane EHSES, Dr. Dipl. Päd., Mitarbeiterin im ArtSet Institut für kritische Sozialforschung und Bildungsarbeit e.V.

Arbeitsschwerpunkte: Organisationsforschung und -beratung, Bildung, individuum- und gruppenbezogene Entwicklungsforschung

Kontakt:

Christiane Ehses

ArtSet Institut für kritische Sozialforschung und Bildungsarbeit e.V.
Ferdinand-Wallbrecht-Strasse 17
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E-Mail: ehses@artset.de

 

Rainer ZECH, Prof. Dr. Dipl. Päd., Mitarbeiter im ArtSet Institut für kritische Sozialforschung und Bildungsarbeit e.V.

Arbeitsschwerpunkte: Bildung und Persönlichkeit, Organisationsforschung und Beratung, Forschungsmethodologie und -methodik

Kontakt:

Rainer Zech

ArtSet Institut für kritische Sozialforschung und Bildungsarbeit e.V.
Ferdinand-Wallbrecht-Strasse 17
D - 30163 Hannover

E-Mail: Zech@artset.de

Zitation

Busse, Stefan, Ehses, Christiane & Zech, Rainer (2000). Kollektive-Autobiografie-Forschung (KAF) als subjektwissenschaftliche Methode [48 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(2), Art. 4, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs000246.

Revised 8/2008

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