Volume 11, No. 1, Art. 2 – Januar 2010



Kontext, Erfahrung, Erwartung und Handeln – ein empirisch begründetes, allgemeines Modell zur Analyse biografischer Unsicherheit

Herwig Reiter

Zusammenfassung: Auf der Grundlage einer qualitativ-explorativen Untersuchung der Bedeutung von Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen im post-sowjetischen Litauen schlage ich ein empirisch begründetes Model zur Analyse biografischer Unsicherheit vor. Der erste Teil widmet sich der Diskussion der besonderen Unsicherheitsfaktoren in Übergängen Jugendlicher in die Arbeitswelt im post-kommunistischen Kontext. Der Zusammenbruch sozialistischer Regime in Europa ist, wie die gegenwärtige Wirtschaftskrise, ein historisches Ereignis von besonderer Tragweite und gleichzeitig Auslöser von Unsicherheit schlechthin: Er erschüttert nicht nur die Grundlagen von Gesellschaften, sondern auch die Selbstverständlichkeit damit verbundener Erwartungen. Vor diesem Hintergrund wird der Fall einer jungen Frau vorgestellt und wie sie mit der im Übergang in die Arbeitswelt durch den Systemwechsel nunmehr drohenden Arbeitslosigkeit umgeht. In einem nächsten Schritt wird ihre besondere Art der Bearbeitung von Unsicherheit in der Zeitperspektive der Produktion von Sicherheit konzeptuell verdichtet. Dabei werden drei Formen und Ebenen biografischer Unsicherheit unterschieden: Wissens-, Ergebnis- und Anerkennungsunsicherheit. Biografische Unsicherheit wird dabei als ein Phänomen beschrieben, das durch die empirische Analyse biografischen Entwerfens und Handelns sichtbar gemacht werden kann. Im letzten Teil führe ich die davor erarbeiteten empirischen Befunde und Konzepte in einem Stratifikationsmodell biografischer Unsicherheit zusammen, das als Instrument zur biografischen Analyse von Unsicherheitsphänomenen vorgeschlagen wird.

Keywords: biografische Unsicherheit; Übergänge Jugendlicher; Postkommunismus; Zeitperspektive; Arbeitslosigkeit; Anerkennung; sozialer Wandel; Wirtschaftskrise

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – Gefährliche Übergänge

2. Der Fall Magdalena

3. Dimensionen und Zeitperspektiven biografischer Unsicherheit

4. Ein Stratifikationsmodell biografischer Unsicherheit für die empirische Analyse

5. Schlussbemerkungen

Danksagung

Anmerkungen

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung – Gefährliche Übergänge1)

In diesem Artikel mache ich einen Vorschlag für ein allgemeines, empirisch begründetes Modell zur Analyse von biografischer Unsicherheit. Entwickelt wurde es auf der Grundlage einer empirischen Studie zur Bedeutung von Arbeit und Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen in Übergängen zum Arbeitsleben im postkommunistischen Litauen (REITER 2008a). Sofern die Korrosion der Gültigkeit von (Normalitäts-) Erwartungen als eine der Hauptgründe für Unsicherheit auf biografischer Ebene anerkannt wird (BONSS & ZINN 2005; WOHLRAB-SAHR 1993; ZINN 2004), kann auch die postkommunistische Transformation, ähnlich der jüngsten Wirtschaftskrise, als Generator biografischer Unsicherheit par excellence gelten. Gleichsam über Nacht verschwanden innerhalb der ehemals kommunistischen Hälfte Europas gemeinsam mit vielen Einschränkungen zur individuellen Lebensgestaltung, die das Lebenslaufmodell des autoritären Wohlfahrtsstaates auferlegt hatte, auch seine Kontinuitätsversprechen und die bislang geltenden Kriterien zur Bewertung individueller Leistung (LEISERING 2003; LEISERING & LEIBFRIED 1999). Anders gesagt, die postkommunistischen Verhältnisse wurden zu einer exogenen Quelle von Unsicherheit, weil sie Institutionen neu definierten und zur Auflösung dessen führten, was als selbstverständlich angesehen worden war (BONSS 1995, S.23). [1]

Für Jugendliche, die in diesen Ländern der rasanten Anpassung an westliche Standards von Wirtschaft und Gesellschaft aufwuchsen, führte die neue Situation zu Unsicherheit in ihren Übergängen in die Arbeitswelt auf mindestens drei in der Literatur analytisch unterschiedenen Ebenen (z.B. BONSS & ZINN 2005): Erstens veränderte die Einführung von Arbeitslosigkeit und eines marktwirtschaftlichen Systems auf der Ebene der strukturellen Unsicherheit den institutionellen Rahmen von Übergängen ins Arbeitsleben. Die Wege ins Beschäftigungssystem wurden differenzierter und institutionelle Vorgaben immer weniger verbindlich. Zweitens litt die Bildung biografischer Erwartungen unter der Abwertung traditioneller Normalitätsmodelle von Lebensführung und Beschäftigung. Übergangsentscheidungen wurden individualisiert, Perspektiven weniger deutlich und de-standardisiert. Drittens wurde Unsicherheit als neues Merkmal des postkommunistischen Umfelds anerkannt, und Individuen reagierten entsprechend darauf. Dieser dritte Aspekt gesellschaftlicher Unsicherheit geht teilweise über die soziologische Argumentation hinaus und findet seinen Niederschlag in unmissverständlichen Indikatoren wie der Selbstmordrate, die in den 1990er Jahren in einigen der ehemals kommunistischen Länder unter jungen Menschen zugenommen hatte (UNICEF 2000, Kapitel 2). [2]

Auswirkungen dieser und ähnlicher Formen "externer Unsicherheit", die für Übergänge Jugendlicher im Postkommunismus relevant sind, werden in etlichen Beiträgen diskutiert (z.B. BLOSSFELD, KLIJZING, MILLS & KURZ 2005; KOVACHEVA 2001; NUGIN 2008; ROBERTS, CLARK, FAGAN & THOLEN 2000; WILLIAMS, CHUPROV & ZUBOK 2003).2) Das Ziel dieses Artikels ist es, das vorhandene Wissen um eine Perspektive zu ergänzen, mit der aufgezeigt wird, wie externe Bedrohungen, ob real oder imaginiert, übersetzt und im Inneren von (biografischem) Handeln relevant werden können. Zusammengefasst stelle ich in dem Artikel ein allgemeines Modell zur Analyse biografischer Unsicherheit am Beispiel von Jugendübergängen vor. [3]

Übergänge sind (ausgedehnte) Momente biografischen Wandels, in denen Individuen in bestimmten biografischen, sozialen und materiellen Situationen auf der Grundlage ihrer Erfahrungen und anderer ihnen zur Verfügung stehender Wissensformen Erwartungen ausbilden. Das hier diskutierte Thema der Jugendübergänge in die Arbeitswelt und das assoziierte Problem der Arbeitslosigkeit verweisen auf einen solchen Moment des Wandels; das gilt auch für den Übergang ins Erwachsenenalter im Allgemeinen oder Übergänge in anderen Lebensphasen. Übergänge beinhalten typischerweise sowohl normative als auch biografische Aspekte. In Anlehnung an die Arbeiten von Arnold VAN GENNEP (1981 [1909]) stellen sie in normativer Hinsicht Statuspassagen zwischen Positionen im Lebenslauf dar; Statuspassagen "link institutions and actors by defining time tables and entry as well as exit markers for transitions between social status configurations" (HEINZ 1996, S.58-59). Konzeptuell stehen Statuspassagen an der Schnittstelle von Handlung/Struktur und repräsentieren biografische Akteur*innen und ihre Biografie sowie den Lebenslauf und damit verbundene Institutionen und deren normatives Programm. [4]

Die biografische Dimension von Übergängen ist besonders bedeutsam aufgrund ihrer Qualität als "fateful moments", die GIDDENS (1991, S.243) definiert als "moments at which consequential decisions have to be taken or courses of action initiated". Die biografische Qualität von Übergängen ergibt sich aus der Konzeptualisierung des Individuums als Akteur*in, der/die im Prinzip in der Lage ist, die Form seines/ihres Lebensverlaufs von der Geburt bis zum Tod zu beeinflussen. Obgleich dies für den Verlauf gesellschaftlicher, globaler oder sogar kosmologischer Ereignisse unbedeutend sein mag, ist es entscheidend für die Konstitution einer Biografie als ontogenetische Erzählung. Ein Übergang ist mehr als ein einzelner schicksalhafter Moment; im Sinne eines ausgedehnten Moments zielorientierten Wandels ist er eine Abfolge oder ein Konglomerat von schicksalhaften Momenten, in denen einzelne Entscheidungen oder Ereignisse weitreichende Folgen haben und sogar "außer Kontrolle" geraten können.3) [5]

Übergänge sind, wie alle menschlichen Handlungen, charakterisiert durch inhärente Unsicherheit bezüglich ihres Ausgangs und ihrer Folgen für die Zukunft des/der Einzelnen und der Gesellschaft. Mary DOUGLAS (1996) verwendet den Begriff "danger", um diese zwei Seiten von Unsicherheit in Übergängen zu erfassen. VAN GENNEP folgend verweist DOUGLAS auf die Bedeutung von "danger-beliefs" (1996 [1966], S.3) für die Aufrechterhaltung der "idealen Gesellschaftsordnung" in religiösen Systemen. Sie bezeichnet Passagen durch Übergangszustände hindurch sowie marginale Phasen als gefährlich für Einzelne und als potenziell ansteckend oder gefährlich für andere:

"He [VAN GENNEP; H.R.] saw society as a house with rooms and corridors in which passage from one to another is dangerous. Danger lies in transitional states, simply because transition is neither one state nor the next, it is undefinable. The person who must pass from one to another is himself in danger and emanates danger to others" (p.97). [6]

Arbeitslosigkeit in wohlfahrtsstaatlichen Marktgesellschaften als ein mögliches Ergebnis des Übergangs von Jugendlichen ins Berufsleben (d.h. der Metapher folgend der "next room" nach der Schule) ist ein Beispiel für die zweifache Gefahr im obigen Sinn – d.h., sie ist sowohl für Einzelne als auch für die Gesellschaft gefährlich. Die Option der Arbeitslosigkeit ist integraler Bestandteil und Bedrohung für die Gestaltung derartiger Gesellschaften und stellt zugleich ein Referenzproblem dar, um das herum das Leben von Individuen organisiert werden muss. Immerhin bedingt Arbeitslosigkeit die Etablierung von (externen) moralischen Ansprüchen als Teil von "men's attempts to force one another into good citizenship" (DOUGLAS 1996, S.3). [7]

Die Abschaffung der verfassungsrechtlichen Verpflichtung (und des Rechts) auf Arbeit in ehemaligen staatssozialistischen Ländern beendete dort die ideologischen Ansprüche an eine umfassende planwirtschaftliche Behandlung des Faktors Arbeit zusammen mit dem bislang geltenden "communist taboo against unemployment" (BAXANDALL 2000). Durch das Problem der Massenarbeitslosigkeit war nun auch die postgraduale Arbeitsplatzgarantie, die den Sozialismus einst charakterisiert hatte, belastet durch Unsicherheit, "a situation in which actors cannot predict outcomes and cannot assign probability distributions to possible outcomes", wie BECKERT (1996, S.814) es für den Bereich der Wirtschaftssoziologie definiert. Mit anderen Worten, die Institutionalisierung eines Arbeitsmarkts (und damit von Arbeitslosigkeit) in den ehemaligen staatssozialistischen Ländern hat Jugendübergänge im Postkommunismus zu gefährlichen Übergängen im Sinne von DOUGLAS gemacht (vgl. auch ALLATT 1997). Auch für Jugendliche in diesen Ländern wurde nun relevant, was JAHODA, LAZARSFELD und ZEISEL (1975 [1933]) vor vielen Jahren als Bedrohungen der Arbeitslosigkeit für Biografie und Identität beschriebenen hatten; zudem sind sie nun betroffen von neuartigen beschäftigungsbezogenen Kriterien für "richtiges/gutes" oder einfach "angemessenes/akzeptables" Verhalten (vgl. JUSKA & POZZUTO 2004). [8]

Vor diesem Hintergrund wurde das hier vorgestellte Modell biografischer Unsicherheit auf der Grundlage einer Analyse von Interviews mit Jugendlichen im Übergang in die Arbeitswelt im postsowjetischen und neokapitalistischen Kontext Litauens entwickelt. Litauen wurde ausgewählt, weil es eines jener Länder ist, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in einen Transformationsprozess eingetreten sind, der sie auf das westliche Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell hin orientierte und schließlich in die Europäische Union brachte. Die litauische Transformation gehörte dabei zu den radikalsten und führte unter anderem zu Massenarbeitslosigkeit und einem beträchtlichen Problem der Erwerbsarmut (BARDONE & GUIO 2005). Mit einer Gesamtarbeitslosenquote von 16,5% im Jahr 2001 erreichte auch die litauische Jugendarbeitslosenquote ihren Höchststand von knapp 31%; sie war zu dieser Zeit die höchste unter den baltischen Ländern (EUROPEAN COMMISSION 2006). Im Laufe der Studie reduzierte sich die Arbeitslosigkeit zunächst aufgrund des Arbeitskräftemangels in der Region. Dieser Trend kehrte sich aber wegen der anlaufenden Wirtschaftskrise deutlich um, und allein in den 14 Monaten von April 2008 bis Juli 2009 vervierfachte sich die Gesamtarbeitslosenquote von 4,4% auf 16,4%.4) [9]

Im Rahmen eines qualitativen Forschungsprojekts zur Untersuchung der veränderten Bedeutung von Arbeit und Arbeitslosigkeit im Übergang ins Arbeitsleben wurden im Jahr 2004 insgesamt 30 problemzentrierte Interviews (WITZEL 2000) mit Jugendlichen durchgeführt. Die Stichprobe umfasste Jugendliche in linearen (n=11) und nichtlinearen (n=19) Übergängen ins Berufsleben. Jeweils die Hälfte der Befragten war männlich oder weiblich, die Hälfte lebte in der Hauptstadt Vilnius, acht in anderen Städten oder regionalen Zentren und sieben in Dörfern. Die Jugendlichen waren zwischen 15 und 24 Jahre alt; die Kernaltersspanne lag bei 16 bis 21 Jahren mit Einzelfällen darunter und darüber. Die Interviews wurden von litauischen Muttersprachlerinnen durchgeführt und ins Englische übersetzt. Aufgrund der mit dieser Art der Verarbeitung der Daten verbundenen, unvermeidlichen Verfremdung der ursprünglich gesprochenen Sprache (TEMPLE & YOUNG 2004) wurden bestimmte Formen der hermeneutischen Tiefenanalyse ausgeschlossen (siehe z.B. FLICK 2006, S.330-341). Die Datenanalyse umfasste indessen einerseits umfangreiche biografische Fallrekonstruktionen. Auf der Grundlage von fallübergreifenden Analysen wurden andererseits systematisch empirisch begründete Typologien nach KLUGE (2000) gebildet. Insgesamt wurden drei solcher Klassifizierungen erstellt. Die erste ist eine heuristische Typologie der Beziehungen zwischen Individuen, dem Staat und den Arbeitslosen in der Gesellschaft. Eine zweite Typologie klassifiziert die jungen Frauen in der Stichprobe nach deren Vorstellungen, wie sie ihr soziales Geschlecht (gender) mit den Arbeitsverhältnissen in Beziehung setzen wollen. Die dritte Klassifikation, die für diesen Artikel relevant ist, beschreibt Muster von Jugendübergängen und damit verbundene Zeitperspektiven biografischer Unsicherheit.5) [10]

Um die konkrete Entwicklung des empirisch begründeten Modells biografischer Unsicherheit nachvollziehbar zu machen, ist der Artikel in drei Abschnitte gegliedert. Im nachfolgenden Abschnitt geht es um den Fall einer jungen Frau; es wird rekonstruiert, wie sie der im Übergang in die Arbeitswelt drohenden Arbeitslosigkeit begegnet. Als prototypisches Beispiel für das Übergangsmuster der Fortführung zeichnet sich dieser Fall durch umfassende Unsicherheitsreduktion aus. Im Anschluss daran wird die ihr eigene Art des Unsicherheitsmanagements in der Zeitperspektive der Produktion von Sicherheit konzeptuell reformuliert, indem drei Aspekte oder Ebenen biografischer Unsicherheit unterschieden werden: Wissens-, Ergebnis und Anerkennungsunsicherheit. Alle drei sind auf unterschiedliche Weise in Mustern von Jugendübergängen und ihren entsprechenden Zeitperspektiven biografischer Unsicherheit repräsentiert; und sie sind empirisch beobachtbar durch die Analyse des Handelns und Entwerfens auf der biografischen Ebene. Im Sinne einer Synthese der Diskussion wird im letzten Abschnitt ein Stratifikationsmodell biografischer Unsicherheit entwickelt und als allgemeines Werkzeug für die biografische Analyse von Unsicherheitsphänomenen vorgeschlagen. [11]

2. Der Fall Magdalena

In dem Postskript, das sie nach dem Gespräch mit Magdalena verfasste, verwendet die Interviewerin die folgenden Worte, um ihren Eindruck von der Befragten zusammenzufassen:

"The most important thing about the girl (that I noticed) is that she is calm about her future. She already knows what she wants to be in her life, what she wants to achieve, and how to achieve this. As she said herself: 'I already found my place'." [12]

Zum Zeitpunkt des Interviews war Magdalena eine 18-jährige Studentin im ersten Jahr an der Polizeiakademie. Ihre Übergänge von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II und von dort in ihr erstes Studienjahr verliefen reibungslos und sie scheint geringe Zweifel an ihrem Studienwunsch gehabt zu haben. Zunächst zog sie die Militärakademie in Erwägung, beschloss dann aber, Polizistin zu werden wie ihr Vater. Es ist ein Beruf, den sie schon als Kind mochte, wie sie im Rückblick feststellt. Sie kann sogar angeben, dass sie diese Idee erstmals in ihrer Kindheit wohl im Alter von vier Jahren gegenüber einigen Verwandten ausgesprochen hatte. Auf die Frage nach ihrer Motivation antwortet sie:

"Somehow actually I thought about it since childhood, because my father (is) also at the police. So I remember when I was four years old, and when we used to go to the village, so relatives used to ask me: 'What are you going to be when you grow up?' 'A police officer, like dad' (...)" (21.9).6) [13]

Obwohl Magdalena einige andere berufliche Ideen verfolgte und sogar ein Studium an der Universität in Erwägung zog, gab sie dies auf, da sie angesichts ihrer schlechten Bildungsabschlüsse nicht genügend Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit hatte. Die Polizeiausbildung konnte innerhalb des litauischen Systems der Vergabe postsekundärer Ausbildungsplätze dagegen auch mit den schlechtesten Noten gewählt werden. Besonders wichtig ist die Tatsache, dass der Einfluss ihres inzwischen pensionierten Vaters in ihrem ersten Jahr an der Polizeiakademie allgegenwärtig ist. Sie identifiziert sich sehr mit seinen Erfahrungen und er wurde zum Vorbild für ihre zukünftige Arbeit. Die Fortsetzung der "Familientradition" (21.45) der Polizeiarbeit ist ein wichtiges motivierendes Element in Magdalenas Erzählung. Immer wieder weist sie darauf hin, dass sie ihre Familie zufriedenstellen, sie "stolz" auf sie machen und beweisen will, dass die anfängliche Skepsis gegenüber ihrem schulischen Erfolg unnötig war. Sie strengte sich an, studierte hart und war erfolgreicher als erwartet. Auf die Frage, ob sie irgendwie dazu gedrängt wurde oder einfach das Gleiche wie ihr Vater machen wollte, verweist sie noch einmal auf ihre Kindheit. Und sie wünscht sich, dass auch ihre eigenen Kinder diesen Kreis generationsübergreifender Anerkennung aufrechterhalten:

"No, nothing. I just, maybe, well, when I was a child, I used to look at my father, in uniform and so, and I used to think ... Well, I was proud that my father was in the police force. And I also want my children to be proud that I would be as well, not only something simple, but I will hold a (responsible) position (...)" (21.46). [14]

Für ihr Studium musste Magdalena den Ort, an dem sie aufgewachsen war, verlassen und in eine andere Stadt ziehen; dort lebt sie in einem Wohnheim für Studierende. Ihre hohe Identifikation mit ihrem Studium schließt auch ihr neues soziales Umfeld ein: "I'm telling you I feel that it is my place" (21.14). Erheblich verändert hat sich allerdings das Verhältnis zu ihren Freunden aus der Vergangenheit, die sie nun an Wochenenden gelegentlich zu Hause trifft. Sie sagt sogar, sie "got alienated from these friends because they stayed the same" (21.15). Sie änderte ihren Lebensstil und findet, dass sie mit ihnen nichts mehr gemeinsam hat. Der allmähliche Verlust des Interesses ist nur eine Dimension dieses Distanzierungsprozesses, die Abgrenzung ist schließlich sehr deutlich. Im Gegensatz zu ihren Freund*innen, die ihr entspanntes Student*innenleben im Rahmen des regulären Universitätsstudiums für eine Weile weiterführen können, sind Magdalenas Perspektiven ziemlich klar: Das Arbeitsleben, ihre "Zukunft", steht vor der Tür. Sie kommentiert den Unterschied zwischen ihren Freund*innen und sich selbst so:

"Well, they don't think yet. Because my future is very close. Because it is only one and a half years for me and that's it, I go to work. I'll have to work for a year. And I know that I have to study hard for a year, for a year and a half. Well, I have to get a good job. And then I should get good recommendations to study further. And this point is very close. Maybe it seems for them that, well, four years, so, 'We'll have time to get used to it, it is nothing' " (21.16). [15]

Magdalenas allgemeine Vorstellung vom Leben ist ziemlich gefestigt – d.h. Aufwachsen, Ausbildung, vielleicht ins Ausland gehen, um für eine Weile ein anderes Leben kennenzulernen, und dann im Wesentlichen für ein oder zwei Jahre arbeiten, um sich zu etablieren und eine Familie zu gründen. Auf ihre Auslandspläne muss sie allerdings verzichten oder sie zumindest verschieben. Denn um von der mit ihrer Berufsausbildung verbundenen Arbeitsplatzgarantie profitieren zu können, musste sie sich vertraglich verpflichten, nach Abschluss im Land zu bleiben. Mit dem sehr straffen Ausbildungsprogramm fühlt sie sich zwar nicht ganz wohl. Aber der Preis, den sie dafür zahlen muss, ist gering angesichts der erwarteten Kontinuitätsvorteile und im Vergleich zu den diskontinuierlichen Übergängen, die sie bei Verwandten, Freund*innen und ehemaligen Klassenkamerad*innen beobachtet. Im Vergleich zu einigen ihrer ehemaligen Klassenkamerad*innen, die jetzt studieren, oder verglichen mit anderen Bekannten, die anfingen, sich treiben zu lassen und Drogen zu nehmen, hat sie das Glück, von der Arbeitsplatzsicherheit ihrer beruflichen Laufbahn zu profitieren. Die anderen werden sich der harten Realität des Arbeitsmarktes stellen müssen, wo, wie sie behauptet, Kontakte, Freund*innen und Geld die wichtigsten Zugangsvoraussetzungen darstellen. Die Gewissheit, einen Job zu bekommen, ist "a very big point in favor of this profession" und wurde bereits vertraglich zugesichert. In einer Situation der Unvorhersehbarkeit kann sie bereits jetzt "gelassen" sein. Sie betont die Tatsache, dass sie sich in der angenehmen Position befindet, sagen zu können: "I will have a job" (21.27). [16]

Magdalena vertritt die Ansicht, dass es möglich sein sollte, einen Job zu finden, wenn man nur will. Dennoch anerkennt sie das Fehlen von Arbeitsplätzen als Hauptgrund für Arbeitslosigkeit neben individuellen Mängeln, die auch relevant sein können dafür, keinen Job zu finden. Außerdem kritisiert sie, dass viele junge Menschen in Hochschulstudiengängen ohne Berufsaussichten landen. Sie schlägt vor, sie auch in nichtakademische Berufe lenken zu können – "people should be told what their real perspectives are" (21.33). Magdalena wählte genau jenes Arbeitsfeld, in dem das Sozialkapital ihres Vaters für sie nützlich sein kann – "I even went for that, because dad will help me somehow through old connections. Because I don't know, I wanted these kinds of guarantees." Andernfalls würde sie wahrscheinlich "go abroad, to do any kind of work" (21.42). Jedenfalls: "it was much more difficult for our parents. They did everything by themselves, and now parents can help us somehow. Well, at least my family" (21.34). In der Sowjetunion mussten Jugendliche in der Regel direkt nach der Schule zur Arbeit gehen, und es war schwieriger, im Bildungssystem zu bleiben. Für diejenigen, die es geschafft hatten zu studieren, war, wie sie sagt, schon vor Abschluss klar, wo sie arbeiten würden:

"As I was told, they also studied and maybe in the third year, when two years were left for them, so they used to have jobs, they already knew that they would finish and would go to work there, to some factory or something" (21.34). [17]

Was das Arbeitsleben angeht, ist Magdalenas Perspektive der Fortführung außerordentlich konsistent. In ihrer Darstellung unterstreicht sie ihre bewusste Entscheidung für Kontinuitätsgarantien, die sie auf verschiedenen Ebenen umsetzt. Sie führt die Familientradition und Erfahrung weiter, eine bestimmte Aktivität über die gesellschaftliche Transformation hinweg hochzuhalten und "zu exekutieren"; und sie beabsichtigt, diesen "Familiensinn" für Polizeiarbeit an die nächste Generation weiterzugeben. Außerdem scheint sich der förderliche Einfluss der Position ihres Vaters aufgrund dieser Entscheidung entfalten und in ihre eigene Karriere hinein andauern zu können. Auf diese Weise profitiert sie offensichtlich, ob bewusst oder nicht, von den Vorteilen des alten und neuen Systems. Aufgrund ihrer Entscheidung kann sie schließlich den zu erwartenden Schwierigkeiten auf dem aktuellen Arbeitsmarkt entkommen. Gleichzeitig kann sie die Planbarkeitsvorteile des vorherigen Systems in Bezug auf klare Strukturen und Perspektiven sowohl in Bezug auf die Arbeit als solche als auch auf die Karriere beibehalten. [18]

Im nächsten Schritt möchte ich die Besonderheiten dieses Falles konzeptuell reformulieren, um die Terminologie für ein allgemeines Modell biografischer Unsicherheit zu entwickeln und darzustellen. Aus Platzgründen und um Anschaulichkeit und Hauptaugenmerk des Arguments nicht zu gefährden, beschränke ich mich hier auf nur einen Fall. In der zugrundeliegenden Studie wurden konzeptuelle Paraphrasen für Prototypen aller drei Jugendübergangsmuster der vorgestellten Typologie ausgearbeitet (REITER 2007, 2008a).7) [19]

3. Dimensionen und Zeitperspektiven biografischer Unsicherheit

Magdalena ist noch nicht weit davon entfernt, bereits eine wichtige Entscheidung über ihre (berufliche) Zukunft getroffen zu haben. Das Interview gibt ihr die Gelegenheit, zurückzublicken und diese Entscheidung in Beziehung zu setzen zu ihrer Vergangenheit, ihrer erwarteten Zukunft und ihrem (sozialen) Umfeld. "Biografische Rationalisierung" könnte ein allgemeiner Begriff sein, um diesen Prozess zu beschreiben, mit dem ex post und je nach aktueller Situation eine sinnvolle Ordnung im Raum biografischer Erfahrungen hergestellt wird.8) Aus dieser Rationalisierung ergibt sich das Bild einer jungen Frau, die weiß, was sie will und wie sie es will; die zuversichtlich ist, dass die Dinge wie geplant verlaufen werden, und die Pläne hat, die vollkommen im Einklang mit der Tradition ihrer Familie stehen und auch gesellschaftlich höchst anerkannt sind. In konzeptueller Hinsicht ist Magdalenas Zeitperspektive eine der Sicherheitsproduktionen. In ihrem Fall bringt die spezifische "Verknüpfung von lebensgeschichtlicher Vergangenheit und Zukunft in der jeweiligen Gegenwart", wie BROSE, WOHLRAB-SAHR und CORSTEN (1993, S.170) das Konzept der Zeitperspektive definieren, Erfahrung (Vergangenheit) in ein produktives Verhältnis mit Erwartungen (Zukunft) und biografischem Entwerfen (Gegenwart). [20]

Erfahrung und deren Status im Rahmen des biografischen Entwerfens ist die Schlüsselkategorie für eine Beurteilung der Qualität der Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Erfahrungen sind durch einen doppelten zeitlichen Horizont gekennzeichnet: Durch Erfahrung bewahren und interpretieren wir die Vergangenheit, um unser (biografisches) Handeln auf die Zukunft auszurichten (FISCHER & KOHLI 1987; HOERNING 1989; HOERNING & ALHEIT 1995; ROBERTS 2004; VOGES 1987). Nach WOHLRAB-SAHR (1992, 1993) bezieht sich ein soziologischer Begriff der biografischen Unsicherheit allgemein auf die Schwächung dieses Zusammenhangs von Erfahrung, Erwartung und Entwerfen aufgrund einer Erosion der intersubjektiv geteilten Gewissheit in einer spezifischen sozialen Situation. Prozesse der De-Institutionalisierung wie die postkommunistische Transformation können Gründe für diese Art von Unsicherheit sein.9) [21]

Wie alle ihre Altersgenossen ist auch Magdalena von den Herausforderungen biografischer Unsicherheit für Jugendliche im Postkommunismus betroffen: Institutionelle Arrangements von Jugendübergängen und das Wissen um ihr Zusammenspiel erodierten oder wurden nutzlos. Anhand des Interviewmaterials lassen sich insgesamt drei Ebenen oder Dimensionen biografischer Unsicherheit unterscheiden. Wissensunsicherheit bezieht sich auf biografische Planung und die Mobilisierung von Erfahrungswissen im Sinne von SCHÜTZ und LUCKMANN (1973). Ergebnisunsicherheit hinsichtlich des Ausgangs von (sozialen) Handlungen verweist auf antizipierte Ereignisse und Handlungsergebnisse angesichts der essenziellen Kontingenz der Zukunft (MEAD 2002 [1932]). Anerkennungsunsicherheit betrifft die Neubewertung des sozialen Umfelds und verweist auf das Thema der Wertschätzung in sozialen Beziehungen (HONNETH 1992). [22]

Wie sind diese Dimensionen biografischer Unsicherheit in Magdalenas Fall repräsentiert? Erstens löst Magdalena das SCHÜTZsche Problem der Wissensunsicherheit im Zusammenhang mit dem Einzug von Arbeitslosigkeit in die postkommunistische Welt, indem sie eine unproblematische Karriere auf der Grundlage des in der Familie bereits verfügbaren Wissens verfolgt. Die Transformationen postkommunistischer Gesellschaften hin zu Marktdemokratien sind auferlegte Übergänge, die auch die Gültigkeit des vorhandenen Wissens und der biografischen Orientierungsmuster infrage stellen. Die Frage ist: wonach sollte man streben, und wie, unter den sich ändernden Rahmenbedingungen? Die typische Reaktion auf diese Situation der Wissenskrise (SCHÜTZ 1964) bestünde in der Anwendung, Anpassung und Aktualisierung von vorhandenem Wissen und vorhandenen Erfahrungen – wie nützlich diese auch sein mögen –, indem man sich auf die eigene Erfahrung oder die von signifikanten Anderen besinnt. Im Fall von Magdalena wird, kurz gesagt, die motivationale Basis für zukunftsorientiertes Handeln dominiert von einer Bezugnahme auf einen Bestand an vergangenen Erfahrungen. Im Grunde eliminiert sie Wissensunsicherheit völlig, indem sie die Vergangenheit ihrer Familie in ihre eigene Zukunft (und möglicherweise die ihrer Nachkommen) projiziert.10) [23]

Zweitens ist das MEADsche Problem der Ergebnisunsicherheit stark reduziert durch den Umstand, dass aufgrund ihrer Entscheidungen relativ genau vorhersehbar ist, welche Form Magdalenas Zukunft annehmen wird. Ergebnisunsicherheit wurde schon allein durch die Einführung von Arbeitslosigkeit im Zuge der institutionellen Transformation zu einem Bestandteil postkommunistischer Jugendübergänge in die Arbeitswelt. Insgesamt hat die Transformation wohl zu einer Verschiebung hin zu einer Art von Komplexität geführt, durch die das individuelle Handeln zusätzlich herausgefordert wird. Vermutlich mehr als jemals zuvor sind die Auswirkungen biografischen Handelns nunmehr davon abhängig, inwieweit Anteile der Zukunft angeeignet werden können durch die angemessene Einschätzung von Chancen, die Antizipation von Veränderungen der Opportunitätsstrukturen und schließlich die Fähigkeit, die eigenen Prioritäten in der gegenwärtigen Situation zu konsolidieren. Die Überprüfung und Revision dessen, was aus der Vergangenheit für die Zukunft im Rahmen einer Kontrollperspektive nützlich werden könnte, fokussiert die Aufmerksamkeit auf die Gegenwart als "locus of reality" (MEAD 2002 [1932], S.35). Dies bietet die Möglichkeit zur Reduktion einiger Ungewissheiten des Lebens. Mit der Übernahme einer scheinbar risikoarmen Berufskarriere, die auch für eine junge Frau in einem Hochrisikoarbeitsmarkt realisierbar ist, schränkt Magdalena nicht nur ihren Relevanzhorizont, sondern auch die Bandbreite der zu erwartenden Handlungsergebnisse ein. Auch ihr Potenzial für Spontaneität – Kontingenz, die ihre Wurzeln in MEADs Konzept des "I" hat – wird auf diese Weise reduziert. [24]

Drittens veränderte die gesellschaftliche Transformation den Status von Individuen und erfordert unter Umständen eine Reorganisation des Raums relevanter Sozialkontakte und was sie repräsentieren. Der Kern des Problems der Anerkennungsunsicherheit ergibt sich genau aus dieser Neubewertung sozialer Kontakte durch (und für) sich ändernde gesellschaftliche Anforderungen. Dabei geht es um Kämpfe um Anerkennung im Sinne von HONNETH (1992), wie sie auf biografischer Ebene stattfinden, wenn Akteur*innen ihre biografischen Orientierungen auf signifikante "circles of recognition" (PIZZORNO 1991, S.219) hin ausrichten.11) Relationale Unsicherheit und der Prozess der Reorganisation sozialer Zugehörigkeit sind, anthropologisch betrachtet, Teil der natürlichen, sozialen und reflexiven menschlichen Grundbedingung von Unsicherheit (DUX 1982). Gerade Jugendliche sind außerordentlich sensibel, wenn es um die Bedeutung von anderen Personen geht. Fragen des eigenen Status gegenüber anderen sind in Übergangssituationen besonders kritisch, weil sie, wie in der Einleitung erläutert, normativ belastet sind. Der Prozess der postkommunistischen Transformation kann Anerkennungsunsicherheit zusätzlich befördern, indem er einerseits die Kompetenz älterer signifikanter Anderer abwertet und infrage stellt, ob sie für die Zukunft ihrer Nachkommen überhaupt informativ sein können. Andererseits müssen Statuspositionen im sozialen Umfeld neu verteilt werden, da sich durch die Transformation insgesamt die Logik des "normative modeling" von Lebensläufen (LEISERING 2003, S.211) verändert hat und neue Leistungskriterien mit Arbeitslosigkeit als zugehörigem Indikator für das Scheitern (REITER 2007) eingeführt wurden. Magdalenas spezielle Strategie des Managements von Anerkennungsunsicherheit besteht darin, ihre soziale Vergangenheit zu sortieren, wobei sie zwei Ziele gleichzeitig verfolgt: die Abgrenzung von "alten" Freund*innen bzw. Gleichaltrigen und die Nutzung des positiven Familienkapitals, indem sie die sozial immerhin hoch anerkannte Familientradition fortsetzt. [25]

Insgesamt ist Magdalenas Darstellung ein Beispiel für die umfassende Neutralisierung von Unsicherheit und die Produktion von Sicherheit auf allen drei Ebenen. Die Reduktion von Wissensunsicherheit erfolgt durch die Herstellung von Vorhersagbarkeit mithilfe der Verlängerung der Vergangenheit (z.B. Familienerfahrungen). Kontingenz und Ergebnisunsicherheit werden durch die Übernahme einer offenbar risikoarmen beruflichen Laufbahn in einem Hochrisikoarbeitsmarkt vermieden. Die Berufung auf die Familientradition und die damit verbundene Erzählung der intergenerationellen Anerkennung lösen schließlich das Problem der Anerkennungsunsicherheit und bauen soziale Wertschätzung auf. Diese zu diesem Zeitpunkt umfassende Produktion von Sicherheit bedeutet nicht unbedingt, dass in Magdalenas (beruflicher) Zukunft jedes Moments der Kreativität, Veränderung oder Kontingenz fehlen wird. Im Gegenteil, die moderne (berufliche) Sozialisation über den gesamten Lebensverlauf hinweg geht in der Regel ohnehin einher mit schwankenden Prioritäten etwa hinsichtlich konkurrierender Aspekte wie der beruflichen Kontinuität oder der Frage der Selbstverwirklichung (HELLING 1996). [26]

Der Fall von Magdalena ist repräsentativ für das Übergangsmuster der Fortführung; es ist eines von drei Mustern, die in dem der Studie zugrundeliegenden Interviewmaterial identifiziert wurden. Die anderen beiden sind das Muster der Liberation und das Muster der Trajektorie. Sie können wie folgt zusammengefasst und verallgemeinert werden (ohne zusätzliche empirische Referenz für die beiden letztgenannten).

Alle drei Muster von Jugendübergängen und die damit verbundenen Zeitperspektiven sind Antworten auf die Unsicherheitsproblematik der postkommunistischen Situation. Sie bilden den Ausgangspunkt für ein allgemeines Modell der biografischen Unsicherheit zur Analyse ähnlicher Phänomene; es wird im Folgenden vorgeschlagen. [28]

4. Ein Stratifikationsmodell biografischer Unsicherheit für die empirische Analyse

Zusammengefasst lassen sich die in diesem Beitrag diskutierten Elemente zu einem dynamischen Stratifikationsmodell zur Analyse biografischer Unsicherheit synthetisieren (Abbildung 1). Es ist nicht als theoretisches Modell zu verstehen, sondern eher im Sinne eines Analyseplans zur empirischen Untersuchung von Unsicherheit. Der beobachtbare Kern biografischer Unsicherheit besteht, kurz gesagt, im Aushandlungsprozess biografischen Handelns und Entwerfens durch die bedeutungsvolle Verknüpfung von Erfahrung (VERGANGENHEIT) mit Erwartungen (ZUKUNFT) – d.h., der Etablierung einer biografischen Zeitperspektive – in einer veränderlichen biografischen Situation (ÜBERGANG). In analytischer Hinsicht beinhalten biografische Unsicherheiten und die dafür charakteristischen Zeitperspektiven drei Dimensionen:

Normen wie diese gehen in der Regel über das unmittelbare Umfeld hinaus und verweisen auf den historisch veränderlichen Meso- und Makrokontext, in dem sich Biografien typischerweise entfalten – und zwar vermittelt durch den Lebenslauf als sozial und politisch konstruierter, institutionalisierter Bezugsrahmen und Generator von Lebenserwartungen (LEISERING 2003). Zuletzt können Veränderungen im weiteren Umfeld von Institutionen, Gesellschaft, Wirtschaft, Natur und Geschichte Quellen externer Unsicherheit sein. Die Bedeutung dieses weiteren Umfelds hängt davon ab, inwieweit das Individuum daran durch vermittelnde Rahmenstrukturen (wie z.B. den Lebenslauf oder die politische Ökonomie einer Gesellschaft) gebunden ist.



Abbildung 1: Ein dynamisches Stratifikationsmodell biografischer Unsicherheit [30]

Mit anderen Worten, die Untersuchung biografischer Zeitperspektiven im Sinne triangulärer Konfigurationen von Erfahrung, Erwartung und Entwerfen steht im Mittelpunkt einer systematischen Analyse biografischer Unsicherheit in Jugendübergängen sowie anderer maßgeblicher biografischer Momente und Statuspassagen. Sie alle sind eingebettet in geschichtete Erlebniswelten. Die Analyse dieser Dreieckskonfigurationen erfolgt durch die Rekonstruktion der Art und Weise, wie Motive des biografischen Handelns sowie das Handeln selbst in der biografischen Situation eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft herstellen. Dies ermöglicht die empirische Lokalisierung und Bewertung von Wissens-, Ergebnis- und Anerkennungsunsicherheit im Inneren des biografischen Handelns. Diese Unsicherheiten sind situativ und damit dynamisch und im Zeitverlauf veränderbar. Das soziale Umfeld ist auf allen Unsicherheitsebenen involviert als Quelle von Wissen, Motivation und stellvertretender Erfahrung sowie als imaginäres Zielpublikum von Handlungsergebnissen, die sowohl für die Bewertung als auch für das Beziehungsmanagement relevant sind. Schließlich lassen sich aus dieser Perspektive die möglichen Auswirkungen von Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft und insbesondere in der politisch sozialisierten Institution des Lebenslaufs rekonstruieren. Auf diese Weise können wir herausfinden, ob, wie und inwieweit externe Unsicherheiten, die theoretisch und empirisch erkennbar sein könnten, tatsächlich bis auf die Ebene des biografischen Handelns vordringen. [31]

Auf der Grundlage dieses Modells soll es beispielsweise möglich sein, herauszufinden, ob und wie "increasing insecurity, which is becoming the basic experience of the younger generation" aufgrund von Globalisierung, wie BECK und BECK-GERNSHEIM (2009, S.33) in Anlehnung an eine Studie von BLOSSFELD et al. (2005) behaupten, tatsächlich auf der Ebene des biografischen Handelns artikuliert und ratifiziert wird. Ebenso können Belege für die biografische Relevanz der wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Kontextmerkmale einer Beschleunigungsgesellschaft, wie sie ROSA (2003, 2005) beschreibt, empirisch ans Licht gebracht werden. [32]

Die Identifizierung der Grenzen dieser äußeren Schicht der Unsicherheitszwiebel ist besonders schwierig. So stellen beispielsweise die anthropologischen Grundlagen des gesellschaftlichen Lebens trotz ihrer offensichtlichen Relevanz in der Regel nur unerwartete Quellen externer Unsicherheit dar. Gelegentlich sind Ereignisse wie Erdbeben in der Lage, die "habitual ties between the body and the world" (REHORICK 1986, S.388) außer Kraft zu setzen und die grundlegende Kontextabhängigkeit des Menschen ins Bewusstsein zu rufen. Auch die Tatsache, dass wir die dünne Kruste eines Feuerballs bewohnen, der mit etwa 100.000 km/h durch den Weltraum rast, führt typischerweise nicht zu biografisch relevanter "kosmischer Angst", zumindest nicht bei Menschen, die wir üblicherweise für geistig gesund halten.14) Selbst die Risiken der physischen Zerstörung durch Kriege und andere Formen des Sterbens "by human decision" (HOBSBAWM 1994, S.12; vgl. auch LEITENBERG 2006), die sowohl recht allgegenwärtig als auch innerhalb der Dauer eines Lebens wahrscheinlich sind, werden durch kognitive (Schutz-) Mechanismen herausgefiltert oder unterdrückt. All diese Aspekte können kulturell, religiös oder politisch moderiert, manipuliert oder neutralisiert werden.15) Oder sie werden innerhalb des Erfahrungsschatzes einfach nicht relevant als Deutungsrahmen oder Schemata, die typischerweise innerhalb von ein paar Generationen zur Verbreitung und Weitergabe von relevantem Wissen verfügbar sind. [33]

Insgesamt muss im Falle von biografischer Unsicherheit die empirische Analyse der Relevanz externer Quellen von Unsicherheit und Risiko, die sowohl theoretisch als auch empirisch identifiziert werden können, der Perspektive der einzelnen Akteur*innen folgen. [34]

5. Schlussbemerkungen

In diesem Artikel schlage ich vor, die Diskussion zu Unsicherheiten in Jugendübergängen und anderen biografischen Momenten des Wandels ein Stück voranzubringen, indem ich ein allgemeines Modell zur Analyse biografischer Unsicherheit vorstelle. Das Modell ist empirisch begründet in einer vergleichenden Untersuchung von Mustern von Übergängen junger Menschen in die Arbeitswelt im postkommunistischen Kontext Litauens, ein Kontext, in dem das Problem der Arbeitslosigkeit gleichzeitig mit dem marktwirtschaftlichen Management von Humanressourcen eingeführt wurde. Im Bereich der Übergangsforschung kann das Modell primär auch relevant sein als ein Werkzeug zur Synthese von bereits vorgeschlagenen und ähnlich ausgerichteten Klassifizierungen von Jugendübergängen in Arbeit und ins Erwachsensein, wie z.B. BRANNEN und NILSEN (2002), CAVALLI (1985), DU BOIS-REYMOND (1998) und LECCARDI (2005).16) [35]

Darüber hinaus kann das vor diesem sehr spezifischen Hintergrund entwickelte Modell mit Typologien verglichen werden, die in anderen Kontexten konstruiert wurden. WOHLRAB-SAHRs (1993) Klassifikation von sieben Typen biografischer Unsicherheit, die auf der Grundlage einer Studie zu weiblicher Zeitarbeit empirisch rekonstruiert wurden, oder ZINNs (2004) Typologie der Konstruktion biografischer Sicherheit sind nur zwei Beispiele. Hier ist nicht der Ort für ein derartiges, notwendigerweise umfangreicheres Unterfangen. Ein entscheidender Unterschied zu diesen beiden Beispielen besteht jedoch darin, dass das vorgestellte Stratifikationsmodell biografischer Unsicherheit empirisch auf einer Studie basiert, die sich zur Rahmung der Untersuchung nicht auf soziologische Metadiskurse beziehen muss. Die postkommunistische Transformation ist ein Phänomen, das, so scheint es, weitgehend unabhängig ist von Meta-Narrativen einer Evolution der Moderne auf eine andere Ebene, wie sie etwa die der reflexiven Modernisierung vorschlägt. Im Gegensatz dazu geht Unsicherheit hier nicht auf schleichende Veränderungen zurück, sondern auf die abrupte Konfrontation ganzer Gesellschaften mit neuen Anforderungen an die Lebensgestaltung. Gängige Begriffe wie die der "shock therapy" (GLIGOROV 1995), mit denen die Dynamik der sozioökonomischen Transformation beschrieben wird, sind bezeichnend für diese Art von Veränderung. [36]

Die aktuelle Wirtschaftskrise ist ein weiterer Wendepunkt in der Geschichte, der etablierte Kontinuitätsüberzeugungen untergräbt. Die Gefahr der Arbeitslosigkeit steht wieder einmal im Mittelpunkt eines Problems, das diesmal ein globales ist und sich nicht auf postkommunistische Länder beschränkt.17) Für die Bevölkerung des ehemaligen sozialistischen Ostens Europas ist es jedoch das zweite Mal innerhalb von zwei Jahrzehnten, dass die Grundlagen ihrer Gesellschaften infrage gestellt werden. Weitere Forschung zu diesem Thema könnte sich beispielsweise damit befassen, die Kinder der Großen Rezession zu untersuchen und herauszufinden, wie sich dieses historisch einzigartige globale Phänomen auf deren Unsicherheitsprofil, Bewältigungsstrategien und Entwicklung in den kommenden Jahren und Jahrzehnten auswirken wird (ELDER 1974; ZERNIKE, 2009). [37]

Schließlich beinhaltet das hier vorgestellte Modell Bestandteile, die hinreichend allgemein erscheinen, um vielleicht einen Baustein für eine Soziologie der Unsicherheit beizutragen, die, wie es scheint, noch geschrieben werden muss. Einzelne Bereiche wurden bereits systematisch diskutiert, allerdings jeweils unter einem ganz bestimmten Blickwinkel (z.B. BECKERT 1996; BOGNER 2005; BONSS 1995; EVERS & NOWOTNY 1987; KAUFMANN 1970; ZINN 2008). Dennoch fehlt bislang ein umfassender Überblick, der die klassischen soziologischen Beiträge einschließlich derjenigen von DURKHEIM und MERTON, SIMMEL und PARK sowie die von GEHLEN, DOUGLAS und anderen institutionellen Anthropolog*innen berücksichtigen würde. [38]

Danksagung

Frühere Fassungen wurden bei drei Gelegenheiten präsentiert: 8th Annual Conference of the European Sociological Association "Conflict, Citizenship and Civil Society", Glasgow, 3.-6. September 2007, Joint Session of Research Network 3 (Biographical Perspectives on European Society) and Research Network 22 (Sociology of Risk and Uncertainty); 1st ISA Forum of Sociology "The End of Rationality? The Challenge of New Risks and Uncertainties in the 21st Century", Barcelona, 5.-8. September 2008, Joint Session of TG04 and RC38: "Biographical Coping with Risk and Uncertainty" of the International Sociological Association (ISA); Nordic Youth Research Conference NYRIS10 "Bonds and Communities – Young People and Their Social Ties", Lillehammer, 13.-15. Juni 2008. Ich bedanke mich bei den Teilnehmer*innen für wertvolle Kommentare und Feedback.

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Anmerkungen

1) Die hier veröffentlichte deutsche Version eines früher erschienenen englischen Artikels orientiert sich an den aktuellen FQS-Richtlinien. <zurück>

2) Unsicherheit und Risiko sind beliebte Themen der allgemeinen Jugendforschung. Neuere Beiträge sind beispielsweise: CAVALLI (1985), CIESLIK und POLLOCK (2002), FURLONG und CARTMEL (1997a, 1997b), GILLIS (1993), HEINZ (2009), KELLY (1998), LECCARDI (2005, 2008). <zurück>

3) THOMSON et al. (2002) verwenden in ihrer Untersuchung ähnlicher Phänomene den Begriff "critical moments". <zurück>

4) "Harmonized unemployment rates" (%), monatliche Daten nach EUROSTAT. <zurück>

5) Für eine Diskussion prototypischer Beispiele für diese Typologien vgl. REITER (2008b, 2009, 2010). <zurück>

6) Der erste Teil der Nummer (z.B. "21") verweist auf die Interviewnummer, der zweite Teil (z.B. "9") auf die fortlaufend nummerierte Kodiereinheit. <zurück>

7) Dort findet sich auch eine ausführlichere Diskussion zur Lokalisierung von Unsicherheit in den Zeit- und Sozialtheorien von George H. MEAD und Alfred SCHÜTZ; vgl. auch REITER (2003). <zurück>

8) Das hier vorgeschlagene Verständnis von biografischer Rationalisierung unterscheidet sich völlig von der Verwendung des Begriffs bei BOLÍVAR und DOMINGO (2006) zur Diskussion der wissenschaftlichen Etablierung des biografischen Ansatzes. <zurück>

9) Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass es bei biografischer Unsicherheit im Kern um den Prozess der Handlungsplanung auf der Basis dieses Zusammenhangs geht und nicht um die Realisierung irgendeines Ergebnisses. <zurück>

10) Insbesondere durch den Aspekt der Unsicherheitsreduktion durch die Reproduktion von verfügbarem Wissen hat das Muster der Fortführung einige Gemeinsamkeiten mit dem Typus der Sicherheitsproduktion, den Jens ZINN (2004, S.208) "traditionalization" nennt. <zurück>

11) Diesen Aspekt führe ich an anderer Stelle im Rahmen einer Diskussion der ambivalenten Rolle familiärer Beziehungen im Postkommunismus näher aus (REITER 2008c). Ich schlage die Verwendung des Begriffs der Anerkennungsunsicherheit vor, wenn signifikante soziale Beziehungen, deren Geschichte, Entstehung und Perspektiven zu einer Quelle von Ambiguität werden im Rahmen des Prozesses der Ausbildung von Erwartungen, Plänen und Entwürfen hinsichtlich biografischer Übergänge. Diese Ambiguitäten können Selbstentfaltung und die Bildung von Selbstvertrauen erschweren und unterminieren oder aber auslösen und erleichtern und zu Formen der Bearbeitung von Anerkennungsunsicherheit einladen. Außerdem bedingen sie die Einschätzung verfügbarer Optionen und prägen zukunftsorientiertes Handeln. <zurück>

12) Der hier verwendete Begriff der Trajektorie (trajectory) geht zurück auf ein Konzept, das zuerst von STRAUSS und GLASER (1970) im Kontext von Untersuchungen zu Verlaufskurven des Sterbens entwickelt wurde. Vgl. auch RIEMANN und SCHÜTZE (1991). <zurück>

13) Das hier adressierte mikro-epistemologische Problem auf biografischer Ebene korreliert mit einem fundamentalen Wissensproblem der Moderne. Dazu etwa DUX (2005, S.119): "Under conditions of uncertainty human beings need to make knowledge certain, i.e. provable. But uncertainty of knowledge is the stigma of the modern age." <zurück>

14) Mit seinem Begriff der "Weltangst" hat SPENGLER (1963 [1918], S.215) allerdings bereits vor etwa einem Jahrhundert ein verwandtes Thema aufgegriffen. Für eine Diskussion der zeitgenössischen Relevanz apokalyptischer Ideen vgl. NAGEL, SCHIPPER und WEYMANN (2008). <zurück>

15) Für ein Beispiel aus der Ethnografie zur Tragweite und sozialen Produktion von Ignoranz am Beispiel der Verseuchung von Erdreich vgl. AUYERO und SWISTUN (2008). <zurück>

16) Wie in REITER (2009) angedeutet, könnten die hier vorgestellte Terminologie und Dimensionen von Unsicherheit allerdings auch hilfreich sein zur Beschreibung der Reaktionen von Staaten (wie der postsozialistischen) auf Unsicherheit im Rahmen von Übergängen und Transformationen. <zurück>

17) Robert B. ZOELLICK, Präsident der Weltbank, und Dominique STRAUSS-KAHN, Direktor des Internationalen Währungsfonds, finden klare Worte für diese Entwicklung in ihrem gemeinsamen Vorwort zum "Global Monitoring Report 2009" (IBRD & THE WORLD BANK 2009, S.xi): "We are in the midst of a global financial crisis for which there has been no equal in over 70 years. It is a dangerous time. The financial crisis that grew into an economic crisis is now becoming an unemployment crisis. It risks becoming a human and social crisis—with political implications. No region is immune." Für Schätzungen des globalen Ausmaßes der Beschäftigungskrise vgl. auch IMF 2009 und ILO 2009). <zurück>

Zum Autor

Herwig REITER ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München. Zu seinen Arbeitsgebieten gehören die Soziologie der Jugend, Arbeit und Arbeitslosigkeit, Lebenslauf und Biografie, Postkommunismus und qualitative Methodologie und Methoden.

Kontakt:

Herwig Reiter

Deutsches Jugendinstitut e.V.
Nockherstr. 2
81541 München

Tel.: 0049 (0)89-62306-186
Fax: 0049 (0)89-62306-162

E-Mail: reiter@dji.de
URL: https://www.dji.de/~reiter

Zitation

Reiter, Herwig (2019). Kontext, Erfahrung, Erwartung und Handeln – ein empirisch begründetes, allgemeines Modell zur Analyse biografischer Unsicherheit [38 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 11(1), Art. 2, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-11.1.1422.

Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research (FQS)

ISSN 1438-5627

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