Volume 14, No. 2, Art. 16 – Mai 2013

Rezension:

Marcus Knaup

Heinz Jürgen Kaiser & Hans Werbik (2012). Handlungspsychologie. Eine Einführung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht; 240 Seiten; ISBN 978-3-8252-3741-7; 24,99€

Zusammenfassung: Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts diskutieren Psycholog/innen und Philosoph/innen verstärkt darüber, ob es angemessen und weiterführend sein kann, menschliches Verhalten ohne einen Bezug auf unsere Wünsche, Absichten und Fantasien zum Thema zu machen. Damit stellte sich insbesondere die Frage, was menschliche Handlungen eigentlich sind und was sie von einem Verhalten von Körpern, von Reizen und Ereignissen abhebt. In dem hier vorzustellenden Buch wird diese Frage aufgegriffen und in das Arbeitsgebiet der Handlungspsychologie eingeführt. Das gut lesbare und strukturierte Buch ist in zwei Teile geteilt: Der Erste widmet sich den Grundlagen handlungspsychologischer Theoriebildung, der Zweite greift einige Felder psychologischer Berufspraxis auf und geht der Frage nach, in welcher Weise die Handlungspsychologie fruchtbar für die konkrete Praxis sein könnte. Jedes Kapitel in beiden Teilen wird mit einer Zusammenfassung abgeschlossen, an deren Ende jeweils Verständnisfragen zum Kapitel gestellt werden.

Keywords: Handlungspsychologie; Handlungstheorie; Handlungen

Inhaltsverzeichnis

1. Der Mensch: ein Wesen, das handeln kann

2. Handlungspsychologie: Was ist das?

3. Fazit

Zum Autor

Zitation

 

1. Der Mensch: ein Wesen, das handeln kann

Vielleicht haben Sie ja heute Morgen nach dem Aufstehen die Zeitung gelesen, waren in der Mittagspause einkaufen, haben telefoniert und E-Mails geschrieben. Jedenfalls darf ich unterstellen, dass Ihnen dies – wenn Sie es tun – nicht bloß widerfährt. Als Mensch ist es Ihnen nämlich möglich zu handeln. Handlungen sind nicht einfach Ereignisse oder Zufälle (wie z.B. ein Lottogewinn oder eine Schneelawine). Sie lassen sich – wie schon ARISTOTELES und später auch KANT gesehen hat – auf Sie als Handelnden zurückführen. Für dieses oder jenes Vorhaben haben Sie gewiss gute (oder weniger gute) Gründe und können zielorientiert handeln: Z.B. widmen Sie sich dem Rezensionsteil der vor Ihnen liegenden Zeitschrift, um sich über Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt zu einem Fachgebiet, das Sie interessiert zu informieren. Was alles zeichnet eine Handlung aus und warum handeln wir? Diese Frage greifen Heinz Jürgen KAISER und Hans WERBIK in ihrem gemeinsamen Buch "Handlungspsychologie. Eine Einführung" auf. [1]

Die Autoren beleuchten, welche Grundannahmen, Vorstellungen von Menschsein und zwischenmenschlichen Beziehungen sowie nicht zuletzt welche Forschungslogik psychologischen Handlungstheorien zugrunde liegen. Dabei haben sie stets konkrete Anwendungsfelder der Handlungstheorie im Blick (wie z.B. das Bemühen um ein gelingendes Älterwerden von Menschen und die Frage nach der Überwindung aggressiver Verhaltensweisen). [2]

Generelle Aufgabe der Psychologie ist es, das Erleben und Verhalten von Menschen zu beobachten, zu beschreiben und schließlich zu deuten. "Problemlösungsprozesse im Lebensalltag", so die beiden Autoren, "leiden weniger an einer ungenügenden Fülle 'harter Daten' (etwa: quantitative Ergebnisse von Messoperationen), als vielmehr daran, dass diese harten Daten nicht immer ausreichend zum Verständnis der zu lösenden Probleme beitragen" (S.148). Da wir heute in einer sehr komplexen Welt leben, argumentieren die Autoren für eine Perspektivenvielfalt: "Wir können nicht erwarten, diese komplizierte, facettenreiche Welt von einem einzigen Standpunkt aus denkend und handelnd bewältigen zu können" (S.11). Das einseitig-verkürzte Menschenbild des Behaviorismus, das die wissenschaftliche Psychologie lange bestimmt hat, teilen die Autoren nicht. Gegenüber der (wissenschaftlichen) Dritte-Person-Perspektive wird die Bedeutung der Ich- wie auch der Du-Perspektive für eine zukunftsfähige, dialogisch konzipierte Psychologie hervorgehoben. Neuro- und Sozialwissenschaften, Philosophie wie auch Theologie werden als Gesprächspartner/innen gesucht – und ernst genommen.

"Während die [...] experimentell begründete Variablen- oder Kontrollpsychologie als herstellungsorientierte Psychologie bezeichnet werden kann (Ziel: Herstellung bestimmter Bedingungen zur Erzeugung und Kontrolle bestimmter psychischer oder Verhaltenseffekte), begreifen wir die Handlungspsychologie als umgangsorientiert: Ihre Erkenntnisse sollen mithelfen, den Umgang der Menschen miteinander zu verbessern" (S.196). [3]

Die Erforschung des Handelns von Menschen mit dem Rüstzeug der handlungstheoretischen Methodik gleiche der Arbeit von Psychotherapeut/innen oder psychologischen Berater/innen. Es gehe nämlich hier wie dort um ein "Sich-Beraten über das, was als Beitrag zum Verständnis menschlichen Handelns im Allgemeinen gelten soll oder als Versuch, einem individuellen Verhalten einen Sinn zu geben, um es den Klienten verfügbar, kontrollierbar, gestaltbar zu machen" (S.128). [4]

2. Handlungspsychologie: Was ist das?

Im ersten Teil (S.19-122), der insgesamt sieben Kapitel umfasst, widmen sich die Autoren den Grundlagen der Handlungstheorie. Sie erläutern, was unter menschlichen Handlungen genau zu verstehen sei (S.29-50). Das, was den Menschen ausmache, könne nicht mit mechanistischen oder dialektischen Modellen (sensu MARX oder PIAGET) erfasst werden. Mit ihren Handlungen, so die beiden Autoren, verbinden Menschen einen subjektiven Sinn. Das Anderskönnen ebenso wie das Unterlassenkönnen sind wichtige Komponenten des Handlungsbegriffes. Sagen wir es so: Menschen können sich für oder gegen etwas entscheiden und demgemäß handeln. Sie können es auch unterlassen, eine bestimmte Handlung auszuführen. [5]

Die methodischen Voraussetzungen einer Theorie menschlichen Handelns werden dargestellt und erörtert. Die Autoren widmen sich auch dem Problemkomplex der Wahrheit von (wissenschaftlichen) Aussagen, wobei insbesondere auf die Position des Philosophen Karl R. POPPER eingegangen wird (S.51-64). KAISER und WERBIK erläutern die Besonderheiten eines handlungspsychologischen Gegenstandsentwurfes für die Psychologie (S.65-85). In diesem Zusammenhang wird vor allem das Problem der Erklärung von Handlungen dargelegt. Zu dessen Klärung wird der Dialog zwischen Forschenden und Beforschten als unhintergehbar und unverzichtbar herausgestellt, was die Frage aufwirft, wie zwischen "Forschungspartner/innen" Konsens erzielt werden soll. Dafür werden Lösungen angeboten: z.B. die Einrichtung sog. "Interpretationstriaden" in Analogie zu den Beratungstriaden im Rahmen des handlungspsychologischen Konfliktlösungsmodells, das im zweiten Teil des Buches vorgestellt wird. Zur Bewältigung von Interpretationsdifferenzen zwischen Forscher/innen und Forschungspartner/innen werden dabei sachverständige Vermittler/innen als dritte Personen hinzugezogen und so die treffendsten Interpretationen von Verhaltensweisen als Handlungen ermittelt. [6]

Auch auf die Frage nach der Willensfreiheit (S.86-100), die in aktuellen Debatten beispielsweise von dem deutschen Kognitionswissenschaftler und Psychologen Wolfgang PRINZ bestritten wird, gehen die Autoren ebenso ein wie auf handlungstheoretisches Denken in sozialwissenschaftlichen Disziplinen (S.101-112). Ausdrücklich genannt wird der Ansatz der Ethnomethodologie in der Soziologie, aber auch der der Tätigkeitspsychologie oder der Motivationspsychologie. [7]

Der erste Teil schließt mit einer Verhältnisbestimmung von "Kultur" und "Handlung" (S.113-122). Aus Sicht der Autoren steht die von ihnen vorgestellte Handlungspsychologie sowohl thematisch als auch methodologisch in einer engen Beziehung zur mittlerweile recht weit entwickelten Kulturpsychologie, in der es vor allem um die Frage des Zusammenhanges von psychischen Phänomenen mit den Regelsystemen, Lebensformen und Symbolsystemen geht, die das ausmachen, was üblicherweise als "Kultur" (einer Gruppe, eines Volkes) bezeichnet wird. [8]

In dem ebenfalls sieben Kapitel umfassenden zweiten Teil (S.123-193) beleuchten KAISER und WERBIK die Praxisbezüge der vorgestellten Theorie menschlichen Handelns. Sie fragen zunächst, in welchem Verhältnis psychologische Theorie und Praxis zueinanderstehen (S.125-127) und diagnostizieren, dass eine verhaltenstheoretische Konzeption der Psychologie das Verhältnis zwischen psychologischer Theorie und psychologischer Praxis, die einen konkreten sozialen Umgang mit Menschen bedeute, nicht unbedingt einfach(er) mache, und zwar wegen der Unverträglichkeit des mechanistischen Menschenbildes mit dem Selbstverständnis der Menschen, die sich ja selbst als Personen, als Urheber/in ihrer Handlungen (KANT, ARISTOTELES!) erleben, und die das Vermögen haben, so oder eben anders entscheiden zu können. [9]

Anschließend wird erläutert, inwieweit die Handlungstheorie als Basis empirischer Forschung angesehen werden kann (S.128-136). Für KAISER und WERBIK stellt diese die Grundlage für eine empirische Forschung dar, die dialogisch angelegt ist, d.h. in der die Erkenntnisse durch einen Dialog zwischen Forschenden und Beforschten gewonnen werden. Die Beantwortung einer Forschungsfrage setze demnach eine spezifische Interaktion – einen wirklichen Dialog – zwischen Forschenden und ihren Gegenübern voraus, in der es jeweils um die tragfähigste Deutung von Verhaltensweisen als Handlungen gehe. Auf diese Weise gewonnene und als zutreffend ausgewiesene Deutungen seien unter anderem die Grundlage für "narrative Erklärungen", in denen lebensgeschichtliche Ereignisse zur Erklärung von bestimmten Handlungen und Handlungstendenzen und ihrer Veränderung herangezogen werden könnten. Diese kurze Darstellung des methodischen Konzepts lässt bereits erkennen, dass hier ein Ansatz vorgelegt wird, der der qualitativen Forschung in der Psychologie zugerechnet werden kann. [10]

Aus handlungspsychologischer Sicht widmen sich die Autoren im folgenden Kapitel den Möglichkeiten und Grenzen einer Konfliktberatung (S.137-147). Grenzen einer handlungstheoretisch fundierten Konfliktberatung sind ihnen zufolge insofern gegeben, als zum Gelingen des Beratungsprozesses schlichtweg nicht weniger als die Wahrhaftigkeit der Aussagen der beteiligten Konfliktpartner/innen vorausgesetzt werden müsse. Das erfordere die Realisierung einer Kommunikationssituation, die an die sog. "ideale Sprechsituation" im Sinne von HABERMAS erinnere und in der beispielsweise Rang-, Macht- und Statusunterschiede der Konfliktpartner/innen keine Rolle spielen sollten. [11]

Als Weiteres wird eine "Verkehrspsychologie" vorgestellt. Diese solle "Verständnis bildend" sein. Damit ist gemeint, dass eine Verkehrsteilnahme und das Verkehrsgeschehen, so die beiden Autoren, eben nicht bloß als Reiz-/Reaktionsprozesse aufgefasst werden sollten, sondern (auch) als Ergebnis von Handlungsentscheidungen und Handlungsrealisierungen (S.148-161). Im Klartext heißt das: Das Verhalten im Straßenverkehr soll eben nicht nur erklärt, sondern auch verstanden werden. [12]

Schließlich widmen sich KAISER und WERBIK einer handlungspsychologischen Konzeption der Altersforschung (S.162-175), bei der es ihnen um ein fundiertes Verständnis der Beweggründe der Handlungen alter Menschen geht und damit in aller Konsequenz um einen angemessenen Umgang mit ihnen (z.B. in Pflegeheimen). Sie zeigen ferner Hilfestellungen für die Beratungspraxis im Umgang mit aggressiven Menschen auf, und zwar durch Verfahren zur Erfassung des subjektiven Sinnes aggressiver Verhaltensweisen und ihrer kritischen Diskussion in Beratungsprozessen (S.176-182). Unter dieser Perspektive werden auch gesellschaftliche Konflikte am Beispiel des Terrorismus durch die Analyse historischer Dokumente unter die Lupe genommen (S.183-193). [13]

In einem Abschlusskapitel (S.194-203) fassen die Autoren schließlich ihre gesamte Darstellung der Handlungspsychologie zusammen und heben dabei besonders hervor, dass für Forschende und ihre Dialogpartner/innen nicht unterschiedliche Vorstellungen von Menschsein veranschlagt werden brauchen, und dass die Handlungspsychologie von Menschen aus "Fleisch und Blut" betrieben werde, d.h., dass wir es hier nicht mit einer "Objektwissenschaft" zu tun haben. Den Autoren ist es wichtig, noch einmal zu unterstreichen, dass die Beschäftigung mit der Handlungspsychologie den Prozess der Theoriebildung in der Psychologie besser nachvollziehbar mache und aufzeigen könne, welche Schritte bei der Theoriebildung unbedingt beachtet werden sollten. [14]

3. Fazit

Dem Charakter eines Einführungswerkes ist an einigen Stellen auch Kürze und Prägnanz geschuldet (z.B. Kap. 5 zur Willensfreiheitsthematik, Kap. 8 zum Verhältnis von psychologischer Theorie und Praxis). Gleichwohl hätte ich mir zumindest dort den ein oder anderen vertiefenden Literaturhinweis zum Weiterstudium gewünscht. Die fachfremden Lesenden wie auch die Noviz/innen in der (Handlungs-) Psychologie werden den Autoren dankbar sein für die verständliche Sprache (was bei einem gemeinsamen Buchprojekt eigens hervorgehoben werden sollte). Zahlreiche eingängige Beispiele, Übersichten, Abbildungen sowie Kontrollfragen und Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels erleichtern die Erfassung des Inhaltes für Studium und Praxis. [15]

KAISER und WERBIK geht es um das, was den Menschen außerhalb des psychologischen Labors auf den Nägeln brennt, anders gesagt: um das "pralle Leben". Im Mittelpunkt steht der handelnde Mensch in seinen sozialen Beziehungen. Die beiden Autoren stehen für eine Psychologie,

"die nicht nur wissenschaftlich ernst zu nehmen ist, sondern auch in der Lebenspraxis der Menschen und in der Praxis der psychologischen Berufsfelder ernst genommen wird, weil sie dazu beitragen kann, Probleme der Menschen, insbesondere Probleme des Zusammenlebens der Menschen zu beheben oder doch zu mildern" (S.15). [16]

Menschliche Handlungen, so lernen wir bei KAISER und WERBIK, können gelingen oder auch scheitern. Die Lektüre bzw. der Kauf dieses Buches ist jedenfalls eine Handlung, die sich lohnt. [17]

Zum Autor

Marcus KNAUP wurde 1979 in Dortmund geboren. Er studierte katholische Theologie (Diplom), Philosophie und Philosophie der Religion (Magister) in Paderborn und Freiburg i. Br. Er wurde an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg mit einer Arbeit über das Leib-Seele-Problem promoviert und veröffentlichte 2012 "Leib und Seele oder mind and brain? Zu einem Paradigmenwechsel im Menschenbild der Moderne (Freiburg: Alber).

Zu seinen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten zählen Philosophie des Geistes, Anthropologie, Religionsphilosophie, Naturphilosophie sowie Medizin- und Bioethik.

Kontakt:

Dr. phil., Dipl. theol. Marcus Knaup

Baptistaweg 2
D-44388 Dortmund

E-Mail: Marcus.Knaup@gmx.net

Zitation

Knaup, Marcus (2013). Rezension zu: Heinz Jürgen Kaiser & Hans Werbik (2012). Handlungspsychologie. Eine Einführung [17 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 14(2), Art. 16,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1302165.

Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research (FQS)

ISSN 1438-5627

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