Volume 4, No. 2, Art. 4 – Mai 2003

Rezension:

Susanne Friese

Andreas Wernet (2000). Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik. Opladen: Leske + Budrich, 99 Seiten, ISBN 3-8100-2600-3, EUR 10,50

Zusammenfassung: WERNET stellt in seinem Buch sowohl die theoretischen Hintergründe der Objektiven Hermeneutik als auch die praktische Vorgehensweise der Methodik vor. Die Gewichtung liegt dabei auf den methodentechnischen Kernoperationen der objektiv-hermeneutischen Textinterpretation. Die wichtigsten methodischen Stichworte und Prinzipien werden im ersten Drittel des Buches, in den Kapiteln 1 und 2, umrissen. Auf den restlichen 60 Seiten erläutert WERNET die Methode anhand von Beispielen, was den Einstieg in die Objektive Hermeneutik um einiges erleichtert. Ich würde dem Leser dennoch empfehlen, sich nicht gleich mit den Beispielen zu befassen, sondern sich zunächst einmal mit dem ersten Teil des Buches auseinanderzusetzen. Dies ist nicht immer einfach, trägt aber zum allgemeinen Verständnis bei. Die Kapitel bauen aufeinander auf und ein Springen zwischen Kapiteln ist erst ratsam, wenn man das Buch zumindest einmal von vorne bis hinten sequentiell durchgelesen hat.

Nach der theoretischen Einleitung geht es im dritten Kapitel des Buches um den Dreischritt, der für die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik von grundlegender Bedeutung ist. Die Interpretationstechnik des Dreischritts wird anhand von drei Beispielsätzen erläutert und beinhaltet das Erzählen von Geschichten, das Bilden von Lesarten und das Rekonstruieren einer Fallstruktur. Im vierten Kapitel wird eine vollständige Interpretationssequenz, in der Sprache der Objektiven Hermeneutik: eine Fallrekonstruktion, am Beispiel eines Lehrerinterviews durchgeführt. Abgerundet wird das Buch durch eine Zusammenfassung aller wichtigen Regeln und Maxime auf den letzten fünf Seiten.

Zielgruppe des Buches sind Forschende, die sich erstmals mit der Objektiven Hermeneutik beschäftigen wollen um sie möglicherweise als ein Interpretationswerkzeug zu verwenden. Insgesamt betrachtet ist es WERNET gelungen, dem interessierten Neuling einen Einblick in das Verfahren zu geben, und das Buch ist sicherlich auch geeignet, Anwendern der Methode als komprimiertes Referenzwerk zu dienen. Ob WERNET den Leser von der Güte der Methodik überzeugt, muss jeder für sich selbst entscheiden. WERNET geht in seiner Abhandlung auf häufig genannte Kritikpunkte ein und gibt oftmals auch einleuchtende Antworten. In mindestem einem Punkt konnte er mich aber nicht überzeugen: Und das ist der Anspruch der Objektiven Hermeneutik, die einzige Methode zu sein, die die soziale Wirklichkeit angemessen darstellen kann. In Abschnitt 3 dieser Rezension zeige ich die Unhaltbarkeit dieser Behauptung anhand der von der Objektiven Hermeneutik selbst erstellten Grund- und Regelsätzen auf.

Keywords: Objektive Hermeneutik, Kontextfreiheit, Wörtlichkeit, Sequentialität, Extensivität, Sparsamkeit, Lesarten, Fallkonstruktion, Textinterpretation, Generalisierung, methodologische Position

Inhaltsverzeichnis

1. Motivation

2. Adressaten und Inhalte

2.1 Grundannahmen der Objektiven Hermeneutik

2.2 Die fünf Prinzipien der objektiv-hermeneutischen Textinterpretation

2.3 Praktische Umsetzung

2.4 Lesbarkeit

3. Fazit und Evaluierung

3.1 Ein kleines Experiment zum Geschichtenerzählen

3.2 Kritik am Anspruch der Objektiven Hermeneutik

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Motivation

Zunächst einmal möchte ich meine Beweggründe darlegen, warum ich mich entschieden habe, eine Rezension für dieses Buch zu schreiben. Im Herbst 2000 habe ich den Begründer und Vater der Objektiven Hermeneutik Ulrich OEVERMANN auf einer Tagung kennen gelernt. Während der Tagung kam es zu langen und zum Teil sehr lebhaften Diskussionen zwischen uns: ich in der Rolle der jungen Kritikerin und Ulrich OEVERMANN in der Rolle des erfahrenen Professors und Verfechters seiner Methode. Zu dem Zeitpunkt kannte ich die Objektive Hermeneutik nur vom Hörensagen und von OEVERMANNs Ausführungen auf der Tagung, die ich zugegebenermaßen als sehr provozierend empfunden habe. Überzeugen konnte er mich nicht, zumindest nicht mit dem Anspruch, dass die Wirklichkeit sich nur mit Hilfe der Objektiven Hermeneutik fassen lasse. [1]

Als angeboten wurde, das Buch von Andreas WERNET zu rezensieren, habe ich dies zum Anlass genommen, mich mehr mit den Standpunkten und Verfahren der Objektiven Hermeneutik auseinander zu setzen. Um es vorweg zu nehmen, meine kritische Haltung zur Objektiven Hermeneutik hat meine Evaluierung des Buches an sich nicht negativ beeinflusst. Im Gegenteil, ich habe das Buch mit zunehmender Begeisterung gelesen und insgesamt möchte ich dem Buchautor ein Lob aussprechen. Ihm ist es geglückt, eine sehr komplexe Methodik auf 99 Seiten so darzustellen, dass man am Ende den Eindruck hat, so ungefähr zu wissen, was sich hinter dem Begriff Objektive Hermeneutik verbirgt. Von dort bis zur erfolgreichen praktischen Umsetzung bedarf es sicherlich noch einiger Übung, aber das Buch ist ein erster Schritt dorthin. [2]

Somit sollte auch die Zielsetzung deutlich sein, mit der ich das Buch gelesen habe. Meine Anforderungen an das Buch waren, einen besseren Einblick in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik und deren Annahmen zu bekommen. Diesen Anspruch hat das Buch erfüllt. [3]

2. Adressaten und Inhalte

Zielgruppe der Buchreihe Qualitative Sozialforschung, Praktiken – Methodologien – Anwendungsfelder, zu denen auch das Buch von Andreas WERNET gehört, sind junge Sozialforscher und Sozialforscherinnen mit einem Interesse an qualitativen Methoden, die sich gezielt für ihre eigene Forschungspraxis Erfahrungs- und Hintergrundwissen in den Bereichen Datenerhebung, Auswertung, Interpretation und Ergebnisdarstellung aneignen möchten. Das Buch spricht mit Sicherheit diese Zielgruppe an; man könnte den Kreis aber auch auf all diejenigen Forscher und Forscherinnen ausweiten, die sich erstmals mit der Objektiven Hermeneutik beschäftigen, jenseits von Adjektiven wie jung oder alt. [4]

2.1 Grundannahmen der Objektiven Hermeneutik

Das Buch beginnt erst "so richtig" auf Seite 11. Auf den Seiten zuvor werden die Lesenden darauf vorbereitet, was sie erwartet. Und das, was dann folgt – nämlich die, wie der Autor es so schön ausdrückt, methodologischen Stichworte (oder Grundannahmen der Objektiven Hermeneutik) – ist dann bis Seite 20 erst einmal heftig. Das Buch sollte bis dahin nicht aus der Hand gelegt werden. Tut man es dennoch, darf man mit dem Lesen wieder von vorne beginnen, um den Faden nicht zu verlieren. [5]

WERNET legt zunächst einmal die Annahmen der Objektive Hermeneutik dar. Hierzu gehört, dass die Objektive Hermeneutik den Anspruch erhebt, eine Wirklichkeitswissenschaft zu sein. Dies bedeutet, so WERNET, dass die Methode sich an dem Kriterium der intersubjektiven Überprüfbarkeit misst. Die wirkliche Wirklichkeit sei jedoch nicht zu erfassen. Der Zugriff auf soziale Lebenswelten bestehe nur über den Umweg des Textes, dem wirklichkeitsadäquaten Protokoll. Das Protokoll ist somit mit der Wirklichkeit gleich zu setzen und wird zum Gegenstand der methodischen Erschließung. [6]

Als nächstes wird die Annahme des regelbasierten sozialen Handelns diskutiert. Diese Annahme besagt, dass soziales Handeln mit Bezugnahme auf unser Regelwissen interpretiert werden kann. WERNET erläutert in diesem Zusammenhang drei Regelkomplexe, die für die Güte einer objektiv-hermeneutischen Textinterpretation eine zentrale Rolle spielen: universelle und einzelsprachspezifische Regeln der sprachlichen Kompetenz, Regeln der kommunikativen Kompetenz, und Regeln der kognitiven oder moralischen Kompetenz (S.14). Kritik an einer Interpretation ist z.B. gerechtfertigt, wenn eine Verletzung einer der Regeln vorliegt (vgl. Abschnitt 3). [7]

Als weitere wichtige Stichworte der Objektiven Hermeneutik nennt WERNET die Fall-Struktur-Rekonstruktion und den sequenziellen Ablauf der Analyse. Ausgehend von der oben erwähnten Annahme, dass soziales Handeln regelgeleitet ist, leitet er ab, dass die Handlungsmöglichkeiten einer Person vorbestimmt sind. Nicht festgelegt seien jedoch die Handlungsoptionen, die in einer konkreten Situation gewählt werden können. Um sich nicht möglichen Entscheidungssituationen zu verschließen, muss jede Interpretation daher in einer streng sequentiellen Reihenfolge vorgenommen werden. Eine Fallstruktur lässt sich dann rekonstruieren, wenn man das für die Realisierung einer möglichen Handlungsoption Typische gefunden hat. [8]

Im Weiteren beleuchtet WERNET die Hervorhebung der latenten Sinnstruktur in der Objektiven Hermeneutik, deren Ziel es ist, Bedeutungsstrukturen zu finden, die allgemein gültig sind und über die momentan gelebte Situation hinausgehen. Nicht von Interesse ist, Motivationen und Intentionen der handelnden Person zu deuten. Dies ist der Grund, warum das Wort "objektiv" als Beschreibung des Verfahrens verwendet wird. Dies beinhaltet auch, dass die in einem Text gemachten Aussagen immer wörtlich genommen werden müssen. Von besonderer Bedeutung ist, wie etwas gesagt bzw. ausgedrückt wurde; nicht, wie etwas gemeint sein könnte. Analysten, die einen Text nach den Prinzipien der Objektiven Hermeneutik interpretieren, betrachtet nur die Handlungsoptionen, die gewählt bzw. nicht gewählt werden, oder von einem allgemeinen Regelverständnis abweichen. Das Desinteresse an Motivation und Intention, wie WERNET betont, ist allerdings nicht gleichzusetzen mit einem Außerachtlassen des Kontextes. Der Kontext ist sehr wohl wichtig, und nach einer isolierten Betrachtung einzelner Sequenzen wird der Zusammenhang mit dem Kontext im dritten Analyseschritt auch hergestellt. Dies ist der Schritt, mit dem versucht wird, eine Fallstruktur zu rekonstruieren. Darauf aufbauend kann dann eine Fallstrukturhypothese formuliert werden. Letztere wird dann anhand anderer Textstellen überprüft. Dies erklärt, warum nur einige wenige Textstellen genauestens interpretiert werden und nicht der gesamte Text. [9]

Ein letztes Set von Annahmen, auf die die Objektive Hermeneutik sich stützt, betrifft die sogenannte Fallstruktur-Generalisierung. Nach Durcharbeiten des Buches lernt der Lesende, dass dies das letzte Glied in der Interpretation ist. Verfahrenstechnisch gesehen geht man zur Basis der Untersuchung zurück und betrachtet die methodisch gesicherte Fallstrukturhypothese in Relation zur eigentlichen Forschungsfrage und der theoretischen Ausgangsposition. Erst wenn dies abgeschlossen ist, wird die nächste Textstelle der objektiv-hermeneutischen Feinanalyse unterzogen. WERNET hebt die Fallstruktur-Generalisierung als besonderes Merkmal der Objektiven Hermeneutik in Abgrenzung zu subsumierenden-klassifizierenden Analysemodellen hervor. Diese Annahme ist nach meinem persönlichen Dafürhalten eine diskussionsträchtige Behauptung und grenzt an eine sehr arrogante Haltung gegenüber anderen Analysemethoden. Zum Beispiel wird behauptet: "Die Entfaltung eines Kategoriesystems, das dazu dient, die empirisch vorfindlichen Merkmalsausprägungen darunter zu versammeln und zu ordnen, erscheint dem Gegenstand der Analyse: soziale Wirklichkeit, nicht angemessen." Ein paar Zeilen weiter heißt es: "Dieses Vorgehen stellt eine ausgesprochene Verarmung der theoretischen Würdigung empirischer Phänomene dar." (S.19, Herv. im Orig.) [10]

Dies ist äußerst provozierend und wie ein Schlag ins Gesicht für alle Forscher, die sich entschließen, nicht den Prinzipien der Objektiven Hermeneutik zu folgen. Die Objektive Hermeneutik stellt sich somit als etwas "Besseres" dar, das über allen anderen Analyseverfahren steht. [11]

Ob nun besser oder auf gleicher qualitativer Ebene mit anderen Verfahren, um den Leser dieser Rezension einen Überblick über die weitere Vorgehensweise zu geben, möchte ich WERNET vorgreifen und zusammenfassend darstellen, was man als Leser eigentlich nach dem 1. Kapitels noch nicht weiß. Eine Evaluierung der Güte einmal außen vor gelassen, die Konzeption der Generalisierung der Forschungsergebnisse ist ein oberstes Gebot in der Objektiven Hermeneutik. Dabei verfolgt die Objektive Hermeneutik die Idee einer analytischen Spirale. Das Ergebnis einer Textinterpretation, d.h. die Fallstruktur-Generalisierung, kann dazu dienen, neue Fragestellungen zu formulieren, die dann in der nächsten Interpretationsrunde näher untersucht werden. Zum Beispiel wäre es denkbar, dass man als Ergebnis der Interpretation einer Textsequenz einen bestimmten Verhaltenstypus als Generalisierung definiert. In der nächsten Interpretationsrunde könnte man besonderes Augenmerk darauf legen, ob sich empirisch nachweisbar ein entgegengesetzter Typus finden lässt. Diese Fragestellung kann dann – in der Terminologie der Objektiven Hermeneutik – zu einer neuen Fallbestimmung führen und dient als Anhaltspunkt zur Auswahl der nächsten Textsequenz, die interpretiert werden soll. [12]

2.2 Die fünf Prinzipien der objektiv-hermeneutischen Textinterpretation

Im Anschluss an die "methodischen Stichworte" geht WERNET in Kapitel 2 näher auf die fünf Prinzipien der objektiv-hermeneutischen Textinterpretation ein, die in der praktischen Umsetzung zum Tragen kommen: Kontextfreiheit, Wörtlichkeit, Sequentialität, Extensivität und Sparsamkeit. [13]

Gemäß WERNET bedeutet Kontextfreiheit, dass Textsequenzen oder deren Bausteine zunächst einmal ohne ihren Kontext betrachtet werden. Es wird gefragt, welche Lesarten möglich wären, wenn man sich die Worte der zu untersuchenden Sequenz losgelöst aus dem umgebenden Zusammenhang vorstellt. Stellen Sie sich z.B. einmal zwei oder drei alternative Situationen vor, in denen der folgende Satz gefallen sein könnte: "Möchst dein Brot selbst machen oder soll ich dir's schmieren?" (S.40) [14]

Ich komme auf diesen Satz in der Diskussion weiter unten noch einmal zurück. Wenn Sie dem Gedankenexperiment partizipativ folgen wollen, notieren Sie sich die von Ihnen erdachten alternativen Handlungssituationen jetzt. Das Prinzip der Kontextfreiheit wird häufig als ein Kritikpunkt der Objektiven Hermeneutik angeführt. Es findet sich aber auch in anderen Analyseansätzen wieder, wie zum Beispiel im Prozess des offenen Kodierens in der Grounded Theory (zumindest, wenn man dem Ansatz von Juliet CORBIN folgt). Hier geht es zunächst einmal nur darum, sich nicht alternativen Interpretationen zu verschließen. [15]

Juliet CORBIN (1999) schlägt u.a. die Technik des "far out" Vergleichs vor. Hierzu schaut man sich eine Textsequenz an, z.B. das Wort "Opernsänger", und vergleicht es mit einem willkürlichen anderen Wort, z.B. "Fliegenfischen". Welche Gemeinsamkeiten lassen sich für diese beiden Worte feststellen? Nach einigem Überlegen fällt einem auf, dass für Beides Übung notwendig ist, sicherlich auch Talent und eine gewisse Begabung, vielleicht auch Durchhaltevermögen, um die Fertigkeit des Singens bzw. des Fliegenfischens zu meistern. Anhand dieses "far out" Vergleiches öffnet man sich für neue Sichtweisen, erkennt Dinge, die man vorher nicht gesehen hat und versucht Voreingenommenheiten zu umgehen. In der Objektiven Hermeneutik verfolgen das Erzählen von kontrastierenden Geschichten oder der Ersetzungstest ein ähnliches Ziel (vgl. WERNET 2000, S.42 und S.74). [16]

WERNET kennt die Kritik, die an dem Prinzip der Kontextfreiheit geübt wird, sehr wohl und fügt erklärend hinzu, dass dies eher auf einem Missverständnis beruhe, da die Konfrontation mit dem Kontext ja nach Bildung der Lesarten explizit gesucht werde. Hier stimme ich WERNET zu und finde das Prinzip eher spannend und aufschlussreich. Als weiterer Kritikpunkt wird angeführt, dass durch die Entkontextualisierung möglicherweise eine zu große Anzahl an Interpretationen und Handlungsalternativen gebildet wird. Dieser Kritik kann WERNET das Prinzip der Sparsamkeit entgegen halten. Das Prinzip der Sparsamkeit besagt, dass "nur solche Lesarten gebildet werden dürfen, die ohne weitere Zusatzinformationen über den Fall von dem zu interpretierenden Text erzwungen werden". Dabei gilt das Gebot, "diejenigen Geschichten auszuschließen, die darauf angewiesen sind, fallspezifische Äußergewöhnlichkeiten zu unterstellen" (WERNET 2000, S.35). [17]

Die Maxime der Wörtlichkeit wird als nächstes erläutert. Wörtlichkeit in der Objektiven Hermeneutik bedeutet, dass der Text genau so zu interpretieren ist, wie er im Protokoll wörtlich steht. Liegt z.B. ein Versprecher vor wie: "Heute gehen wir mal so richtig einen Abdampfen", anstatt: "Heute gehen wir mal so richtig einen Abtanzen", so wird dieser Versprecher wörtlich genommen. Es widerspricht dem Prinzip der Wörtlichkeit, den Sprecher des Textes mit der Annahme zu entschuldigen, dass er das so ja nicht gemeint habe. Verletzt man dieses Prinzip, so missachtet man den Text als wissenschaftliche Datenbasis und gefährdet die intersubjektive Überprüfbarkeit des Interpretationsvorgangs. [18]

Die Wichtigkeit der Sequentialität wurde von WERNET im ersten Kapitel schon angesprochen, und er greift dies noch einmal in Kapitel 2 auf. Die Bezeichnung Sequenzanalyse, so erklärt WERNET, wird mitunter auch als Synonym für die Bezeichnung Objektive Hermeneutik verwendet, da die Sequentialität im Zentrum des Verfahrens steht. Ihr kommt im Zusammenhang mit der Rekonstruktion eine zentrale Rolle zu, weil es nur durch eine sequentielle Beachtung der Positionierung der Sprechakte möglich ist, der Strukturlogik von Interaktionen zu folgen, um diese dann zu rekonstruieren. [19]

Als fünfte Maxime erläutert WERNET das Prinzip der Extensivität. Hier geht es darum, wie viel Text notwendig ist, eine Strukturlogik zu rekonstruieren. In der Objektiven Hermeneutik wird davon ausgegangen, dass dies schon anhand geringer Datenmengen vollständig durchführbar ist. Dies setzt allerdings eine hohe Qualität der extensiven Feinanalyse voraus, welche beinhaltet, dass alle Textelemente, alle Lesarten und alle gedankenexperimentellen Kontexte typologisch vollständig ausgeleuchtet werden. Ist dies der Fall, so erklärt WERNET, spricht man von einer sinnlogisch erschöpfenden Interpretation. [20]

2.3 Praktische Umsetzung

Im dritten und vierten Teil des Buches geht es um die praktische Umsetzung der methodologischen Standpunkte und Prinzipien. Zunächst einmal wird die Kernprozedur der Bedeutungsexplikation beschrieben und an drei Beispielen praktisch durchgeführt. In Kapitel vier schließt sich dann eine vollständige Fallrekonstruktion an. Zur Kernprozedur der objektiv-hermeneutischen Textinterpretation gehören (a) das Erzählen von Geschichten, (b) die Bildung von Lesarten und (c) die Konfrontation mit dem tatsächlichen Kontext. [21]

Im ersten Schritt nimmt man sich eine Textsequenz vor und überlegt, in welch eine Geschichte diese Textsequenz hineinpassen könnte. Hierbei ist es wichtig, den Kontext zu verlassen. Es sind aber nur solche Geschichten zulässig, die das intuitive Regelwissen nicht verletzen. Die möglichen Handlungsalternativen müssen realistisch sein und dürfen keine Ausnahmefälle darstellen. Im Anschluss daran werden Lesarten gebildet, indem man solche Geschichten, die Gemeinsamkeiten aufweisen, zu einem Typus zusammenfasst. Hieraus ergeben sich dann die fallunspezifischen, d.h. kontextfreien Textbedeutungen. Im nächsten Schritt werden die Lesarten mit dem tatsächlichen Kontext konfrontiert mit dem Ziel, die Besonderheit der Fallstruktur zu erschließen. Auf dieser Basis wird dann eine erste Fallstrukturhypothese formuliert. Diese Fallstrukturhypothese darf ruhig gewagt sein, denn nur so kann sie den kumulativen Fortschritt der Analyse nützen. Geht man weiterhin sequenzanalytisch vor, wird sich herausstellen, ob die Hypothese haltbar ist oder mittels Falsifizierung korrigiert werden muss. Die Hypothese wird mit fortschreitender Analyse und Erweiterungen immer präziser werden. Nach Abschluss der extensiven Feinanalyse wird sie anhand weiterer Textstellen geprüft und abgesichert. Im Anschluss daran folgt die Fallstrukturgeneralisierung. [22]

Im Kapitel vier wird an einem Beispiel eines Lehrerinterviews eine Textinterpretation durchgespielt: angefangen von der Fallbestimmung und Interaktionseinbettung bis hin zur Fallstrukturgeneralisierung. Fallbestimmung ist der von OEVERMANN gewählte Begriff, um Forschungsfragen, theoretische Hintergründe und Annahmen explizit zu machen. Dies entspricht auch in anderen methodischen Vorgehensweisen eher der Norm und ist daher also keine Besonderheit der Objektiven Hermeneutik. Die Interaktionseinbettung stellt hingegen eine Eigenart dar. Dies liegt daran, dass ein Interview, um den Annahmen der Objektiven Hermeneutik genüge zu tun, als ein Protokoll der sozialen Praxis angesehen wird und nicht als ein Gespräch zwischen Forschenden und interviewter Person. Um dies zu ermöglichen, müssen (nach meiner Sicht) allerlei argumentative Verrenkungen gemacht werden, um dann letztendlich doch ein Interview analysieren zu dürfen. Im Folgenden ein Auszug aus WERNETs Argumentation:

"Ein Interview dagegen protokolliert ein Gespräch eines Lehrers mit einem Forscher. Es stellt natürlich kein Protokoll beruflichen Handelns zur Verfügung. Können wir, so stellt sich die Frage, über die Erhebung von Meinungen, Sichtweisen oder Einschätzungen hinaus etwas über die Berufspraxis aus einem Interview erfahren? Die Antwort lautet: ja! Das 'ja' ist dann nämlich gerechtfertigt, wenn wir das Interview selbst vemittelt und indirekt als Protokoll von 'Lehrerhandeln' ansehen." (S.58, Hervorhebungen im Original) [23]

Nachdem die Interaktionseinbettung geklärt ist, führt WERNET die Textinterpretation anhand des Lehrerinterviewbeispiels unter zur Hilfenahme der drei oben beschriebenen Kernprozeduren durch. Hierbei werden einige Besonderheiten und Erweiterungen erläutert, z.B.

Abgerundet wird die von WERNET durchexerzierte Interpretation des Fallbeispiels durch die Fallstrukturgeneralisierung. [25]

2.4 Lesbarkeit

Zu Anfang hatte ich erwähnt, dass man den ersten Teil des Buches zum Thema "methodische Stichworte" im Zusammenhang lesen sollte. Dasselbe gilt für das zweite Kapitel "Prinzipien der objektiv-hermeneutischen Textinterpretation". Weniger kritisch sind Kapitel 3 und 4, da es einfacher ist, den Beispielen zu folgen. Um das Bild eines Kurvenverlaufs zu bemühen, bedarf es einer gehörigen Portion intrinsischer Motivation, um sich durch die ersten beiden Kapitel zu kämpfen. Dies liegt zum Teil sicherlich an den Inhalten, die nicht gerade einfach zu vermitteln sind. Man hätte es dem Leser aber auch etwas einfacher machen können, indem weniger komplexe Formulierungen gewählt worden wären. Aber dies scheint wohl ein Markenzeichen deutscher akademischer Schreibkultur zu sein: je komplexer, desto besser. Um inhaltlich überhaupt weiter zu kommen, musste ich einige Stellen mehrmals lesen. Verstanden habe ich einige Textstellen erst, nachdem ich das gesamte Buch durchgelesen und den ersten Teil noch einmal konsultiert habe. Im folgenden eine Probe:

"Die je konkrete Handlungsinstanz wählt bestimmte Optionen und in dem Maße, in dem diese Wahl einer spezifischen Systematik folgt, in dem Maße also, in dem wir einen Fall an der Charakteristik seiner Optionenrealisierung wiedererkennen, sprechen wir von dem Vorliegen einer Fallstruktur" (WERNET 2000, S.15). Oder:

"Das Entscheidende ist, dass die Rekonstruktion der Strukturlogik eines sozialen Gebildes im Sinne der Rekonstruktion der Logik seiner Reproduktion in sich als dynamischer Vorgang verstanden wird und entsprechend nur durch ein sequenzanalytisches Vorgehen adäquat gewürdigt werden kann." (a.a.O. S.17) [26]

Nachdem der Kurvenverlauf mit Hinblick auf den Enthusiasmus für das Buch zunächst erst einmal sehr flach verlief, begann die Kurve im zweiten Kapitel zu steigen, und ich entwickelte eine zunehmende Begeisterung. Der Höhepunkt wurde in Kapitel 4 erreicht, um dann aber wieder abzuflachen. Hatte ich bis Anfang Kapitel 4 das Gefühl, jetzt so langsam zu verstehen, worum es in der Objektiven Hermeneutik geht, wurde dieses Gefühl durch die Einführung von allerlei Ausnahmen zu den vorher formulierten Regeln gedämpft. Aber es gibt wohl keine Regel ohne Ausnahme, wohl auch nicht in der gegenständlichen Objektiven Hermeneutik. Der verbleibende Eindruck war, dass es sehr viel an Übung bedarf, um eine Analyse adäquat nach den Prinzipien der Objektiven Hermeneutik durchführen zu können. Allein schon in den zwei Sätzen, an denen der Autor exemplarisch eine Textinterpretation demonstriert, sind so viele Besonderheiten aufgetreten, dass ich als Neuling immer das ungewisse Gefühl hätte, etwas falsch zu machen und somit nicht den hehren Ansprüchen der Objektiven Hermeneutik genügen würde, nämlich die soziale Wirklichkeit inklusive einer theoretischen Würdigung empirischer Phänomene adäquat und intersubjektiv überprüfbar darzustellen. Wäre meine Analyse im Vergleich zu den gemäß OEVERMANN verarmten Sammlungs- und Systematisierungsverfahren (vgl. WERNET 2000, S.16) wirklich eine Bessere? [27]

Ermutigend hingegen sind die letzten Seiten des Buches, wo das objektiv-hermeneutische Verfahren zur schnellen Orientierung noch einmal in Kurzform dargestellt wird (Kapitel 5). Wie mir aus der Forschungspraxis bekannt ist, werden diese Seiten von Anwendern des Verfahrens als Leitfaden häufig zu Rate gezogen und erscheinen daher sehr konstruktiv. [28]

3. Fazit und Evaluierung

Wie aus den obigen Zeilen unschwer zu erkennen ist, konnte mich auch die eigentlich sehr gute Einführung von Andreas WERNET nicht von den Vorzügen der Objektiven Hermeneutik überzeugen. Ich erkenne sie als ein Analyseverfahren unter anderen an, und mit Hilfe der sequenzanalytischen Feinanalyse können sicherlich interessante Phänomene aufgedeckt werden. Meine Einschränkung ist, dass die Fallstrukturgeneralisierung, die dabei am Ende heraus kommt, nur eine mögliche Erklärungsvariante im Sinne der Hermeneutik darstellt:

"... a hermeneutic approach presumes that the researcher brings a certain pre-understanding to the subject of study. This however does not hinder the interpretation process, as prejudice (or anticipated meanings) are thought to be prerequisites of conscious thinking that empower the researcher to make sense of the world. The aim of this process is understanding. In contrast to Verstehen, which is the ability to appropriate the life experience of the other, hermeneutical understanding does not assume that a single objective interpretation of the text exists. Understanding always is 'perspectival'. This means that multiple interpretations of the same text may exist, whose quality however can be judged and evaluated based on their coherence (FRIESE 2000, S.290; vgl. ARNOLD & Fischer 1994; OZANNE 1998). [29]

Die Beispiele, die WERNET präsentiert, sind in sich logisch und schlüssig. Wenn man seine Interpretation liest, kommt man zu dem Schluss: Es muss so und nicht anders sein. Dies setzt allerdings voraus, dass die Geschichten und darauf aufbauend die Lesarten, die am Anfang der Textinterpretation stehen, von jedem anderen auch so erzählt worden wären. Von dieser Prämisse sollte man ausgehen können, denn eine Anforderung der Objektiven Hermeneutik ist, dass alle zulässigen Geschichten, die das Regelwissen nicht verletzen, in den Interpretationsprozess mit eingehen. [30]

3.1 Ein kleines Experiment zum Geschichtenerzählen

Um zu überprüfen, ob die Geschichten von WERNET zu dem Satz: "Möchst dein Brot selbst machen oder soll ich dir's schmieren?" (WERNET 2000, S.40) von Dritten in ähnlicher Form reproduziert werden und darauf aufbauend in denselben Lesarten resultieren, habe ich ein kleines Experiment durchgeführt. Per E-Mail habe ich zwei Freunden den obigen Satz geschickt und sie gebeten, mir drei alternative Szenarien zu beschreiben, in denen der Satz hätte fallen können. Ich habe die Zahl "3" vorgegeben, weil dies der Anzahl der Geschichten von WERNET entspricht. Als Antwort kam zunächst ein zögerliches: "Was meinst du mit dem Satz? Er ergibt eigentlich keinen Sinn. Was bedeutet 'dein Brot selbst machen'? Backen? Oder meinst du 'Schmieren'"? [31]

Meine Vermutung ist, dass sich hinter der Formulierung ein hessischer Dialekt verbirgt. Für WERNET schien dies entweder keine Verständnisbarriere darzustellen oder das Kontextwissen, das er über den Text hatte, war ausreichend, um den Satz in seiner eigentlichen, der vom Sprecher intendierten Bedeutung zu verstehen. Gerade das sollte vermieden werden. Die Objektive Hermeneutik erhebt den Anspruch, dass eine Textsequenz zunächst einmal ohne Bezugnahme auf den Äußerungskontext interpretiert wird. Für die von mir Befragten traf dies eindeutig zu. Für eine Person, die den Kontext kennt, scheint dies jedoch nicht so einfach wie von WERNET selbst angenommen (vgl. S.28-29).1) Darüber hinaus wurde das Prinzip der Wörtlichkeit verletzt. Auch WERNET hätte sich fragen müssen, was der Ausdruck "sein Brot selbst machen" besagt; außer man unterstellt eine Verletzung der einzelsprachspezifischen Regeln der sprachlichen Kompetenz. Sprachliche Kompetenz würde hier bedeuten: eine Kenntnis des hessischen Dialektes, die die von mir Befragten nicht besitzen. Das würde allerdings in letzter Konsequenz heißen, dass nur ein Hesse oder eine Person, die des Hessischen mächtig ist, einen Text, der in diesem Dialekt eingefärbt ist, nach den objektiv-hermeneutischen Regeln interpretieren kann. Wenn es schon innerdeutsch ein Problem zu sein scheint, wäre es demnach ganz und gar unmöglich, als Deutscher z.B. einen englischen Text auch bei sehr guten Sprachkenntnissen zu interpretieren. [32]

Die skizzierten Probleme einmal beiseite geschoben – wenn man die drei Geschichten von Andreas WERNET und die der von mir Befragten vergleicht, lassen sich doch eine Reihe von Gemeinsamkeiten feststellen. Im Folgenden sind zunächst einmal die Geschichten von WERNET (S.40) aufgeführt:

"(1) Eltern-Kind Interaktion: Ein Kind, das schon dazu in der Lage ist, sein Brot selbst zu schmieren, dies aber noch nicht so recht beherrscht, wird zu Beginn des Essens von Vater oder Mutter gefragt: Möchst dein Brot selbst machen oder soll ich dir's schmieren?

(2) Gatteninteraktion: Die Frau muss früh zur Arbeit und gerät morgens in Zeitnot. Während sie noch damit beschäftigt ist, alle notwendigen Unterlagen und Utensilien zusammenzusuchen, hat der Mann das Frühstück zubereitet und fragt: Möchst dein Brot selbst machen oder soll ich dir's schmieren?

(3) Zwei Freunde sitzen während eines gemeinsamen Ski-Urlaubs am Frühstückstisch. Sie haben beschlossen, sich zum Skifahren Proviant mitzunehmen. Während A noch frühstückt, ist B schon fertig und hat sich ein Brot geschmiert. Nun fragt er A: Möchst dein Brot selbst machen oder soll ich dir's schmieren?" [33]

In der Lesartendiskussion stellt WERNET fest, "dass die Person, an die die Frage gerichtet ist, sich prinzipiell das Brot selbst schmiert, bzw. schmieren kann". Es liegen jedoch jeweils besondere Umstände vor, "die die Möglichkeit, das Brot nicht selbst zu schmieren, überhaupt erst ermöglichen" (WERNET 2000, S.41, Herv. im Orig.). Nach weiteren Überlegungen unter Zuhilfenahme einer kontrastierenden Geschichte werden die Geschichten 2 und 3 als unpassend ausgeschlossen, da man im zweiten Szenario eher die Frage: "Soll ich dir schon mal ein Brot schmieren?" erwarten würde und im dritten Szenario die Frage: "Soll ich dir ein Brot mitmachen?" Übrig bleibt also nur die Eltern-Kind Interaktion. In diesem Zusammenhang wird die Frage als eine Freistellung interpretiert, das Brotschmieren ist für das Kind noch nicht zu einer Alltagsverpflichtung geworden. Es ist nur eine Pflicht, wenn es das Kind auch will. Schauen wir uns jetzt einmal die Szenarien der von mir Befragten an. Trotz der Aufforderung, drei Szenarien zu produzieren, konnten beide Befragten sich jeweils nur zwei Geschichten vorstellen. Die Ursache ist wahrscheinlich darin zu sehen, dass auch WERNET zwei seiner Geschichten wegen Unpassendheit wieder ausklammern musste:

"(1a) Mama zum älteren Kind, das gerade in die Schule muss. Ein Versuch, dem Kind etwas Selbständigkeit zu vermitteln.

(2a) Meine Mutter fragt mich das jedes mal, wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin. Und mir geht das gewaltig auf den Senkel. Nur das interessiert sie nicht. Na klar schmiere ich mir mein Brot selber. Dann kann ich wenigsten selbst entscheiden, wie viel und was da drauf kommt."

(1b) "Mutter mit Kind am Tisch, das Kind hampelt unbeholfen mit dem Messer in der Butter herum und es will einfach kein 'Bütterchen' draus werden.

(2b) Der Alte sitzt mit seinem vierten Bier vor dem Fernseher und schaut Fußball, unrasiert und mit den Socken über der Sessellehne, im Feinrippunterhemd. Die besorgte Gattin versucht ihn irgendwie dazu zu kriegen, auch mal etwas Festes zu sich zu nehmen." [34]

Die Eltern-Kind Interaktion ist also auch hier der Favorit. Für drei der vier Szenarien liegt hier die Unterstellung vor, dass die Person, an die die Frage gerichtet ist, sich prinzipiell das Brot selbst schmieren kann. In Szenario 1b ist die Kompetenz noch nicht so weit fortgeschritten, also würde es hier eher nicht um eine Freistellung, sondern um eine Unterstützungshandlung gehen. Aus Szenario 2a wie 2b geht hervor, dass die fragende Person ihre Fürsorglichkeit zum Ausdruck bringen möchte. WERNET kommt erst zu diesem Schluss, nachdem er die Textsequenz mit dem Äußerungskontext konfrontiert und eine weitere kontrastierende Geschichte erzählt.2) Bezieht man den Kontext mit ein, so stellt sich in der Tat heraus, dass es sich um eine Eltern-Kind Interaktion handelt:

"K: Mutti, wann krieg ich denn endlich mal was zu essen. Ich hab so Hunger.

M: Bitte. Möchst dein Brot selbst machen oder soll ich dir's schmieren?" (WERNET 2000, S.28) [35]

Die von WERNET abgeleitete Fallstrukturhypothese baut sich wie folgt auf:

"Die Antwort der Mutter, die wir soeben interpretiert haben, habe ich oben folgendermaßen gedeutet: sie erklärt die Bitte des Kindes für nicht existent. Nach unserer Interpretation kann diese Deutung präzisiert werden. Nun haben wir nämlich gesehen, dass die Frage der Mutter vorgibt, eine Unterstützungshandlung zu sein. Sie unterläuft mit ihrer Frage also nicht nur den Wunsch des Kindes. Dieses Unterlaufen gibt zugleich vor, sich gesteigert in den Dienst des Kindes zu stellen: 'Wenn du nicht willst, dann tue ich es für Dich'. Die Ignoranz gegenüber dem Anliegen des Kindes drückt sich also in dem geraden Gegenteil aus, nämlich in einer besondere Fürsorglichkeit in Anspruch nehmenden 'Taubheit'." (S.42f) [36]

Die Geschichten der von mir Befragten sind denen von WERNET ähnlich und auf Basis dieser Geschichten hätte man wahrscheinlich auch eine gleiche oder ähnliche Fallstrukturhypothese entwickeln können. Zu kritisieren ist also nicht das Verfahren an sich. Die Ergebnisse, die WERNET präsentiert, überzeugen, auch oder besonders dadurch, dass sie ein Resultat der Interpretation von nur wenigen Sätzen sind. Fraglich bleibt, ob nicht in der Objektiven Hermeneutik, wie bei anderen Analyseverfahren auch, dennoch nur mit Wasser gekocht bzw. nach dem Motto verfahren wird: The proof is in the pudding. [37]

3.2 Kritik am Anspruch der Objektiven Hermeneutik

Folgt man als Leser einer detaillierten Beschreibung einer Interpretation, erscheint alles in sich schlüssig und logisch (eine gute Analyse und Berichterstattung vorausgesetzt). Nur, wie WERNET (S.15) selbst schreibt: "In der Regel verzichtet die schriftliche Interpretation auf ausführliches Geschichtenerzählen ...". Es bleibt dem Leser überlassen, der Interpretation zu glauben oder nicht. Um Ergebnisse zu kritisieren, muss die Interpretation des Autors anhand kontrastierender oder variierender Geschichten widerlegt werden. Das heißt mit anderen Worten, man kann die Güte einer objektiv-hermeneutischen Interpretation nur anfechten, wenn man deren analytische Vorgehensweise beherrscht. Dies wird zusätzlich erschwert, da die Geschichten, die zu den Lesarten geführt haben, in einer Publikation nicht dargestellt werden. Die intersubjektive Überprüfbarkeit ist also nur theoretisch gegeben – und wer macht sich die Mühe, die sehr aufwendige Interpretation nachzuvollziehen, wenn die Analyse ansonsten logisch und schlüssig klingt? Unter diesen Umständen wäre eine intersubjektive Überprüfbarkeit theoretisch auch bei Kategorisierungsverfahren möglich. Aber wer macht sich die Arbeit, alle Daten noch einmal zu kodieren? Folgt man der Logik der Objektiven Hermeneutik, wäre es dabei unerheblich, ob die Kategoriebenennungen, also die Kodes – also letztlich die Geschichten – des ersten und zweiten Kodierers übereinstimmen. Wichtig wäre nur, ob das, was man aus den Kategorien "lesen" kann, am Ende plausibel ist und zur gleichen Interpretation (Lesarten) führen würde. [38]

Die soeben dargelegte Analogie unterstellt, dass die Forschungsfragen und der Sinn und Zweck des zu untersuchenden Datenmaterials vorher genau präzisiert wurden. Dies sollte man als Merkmal einer guten qualitativen Studie voraussetzen können. In der Objektiven Hermeneutik übernehmen die Fallbestimmung und Interaktionseinbettung diese Rolle. Ein häufig geäußerter Kritikpunkt in diesem Zusammenhang ist, dass dadurch die Interpretation von vornherein zugeschnitten und prädeterminiert würde. WERNET (S.59f) begegnet dieser Kritik mit dem Argument, dass dadurch nicht die Ergebnisse präjustiert würden, sondern die Interpretation würde nur auf ein spezifisches Erkenntnisinteresse geeicht. Eine konsequente Schlussfolgerung daraus ist, dass, wenn man ein Protokoll unter der Prämisse einer anderen Fallbestimmung und Interaktionseinbettung betrachtet, auch eine andere, der veränderten Forschungsfrage angepasste Interpretation daraus resultieren würde. Somit kann der scharfe Seitenhieb auf Seite 27, wo behauptet wird, dass in der Objektiven Hermeneutik der Text als Text ernst zu nehmen und "nicht (wie bei anderen Analyseverfahren) als Steinbruch der Information oder als Jahrmarkt der Bedeutungsangebote auszuwerten" oder gar "auszuschlachten" ist, zurückgegeben werden. [39]

Es geht hier nicht darum, das Analyseverfahren an sich zu kritisieren, sondern die Abgrenzung und Hervorhebung gegenüber anderen Analysemethoden. Das Verfahren liefert sicherlich interessante und auch "richtige" Ergebnisse. Zu loben sind auch die klaren Richtlinien, wie eine Analyse durchzuführen ist, angefangen bei der expliziten Klärung des Forschungsinteresses. Qualitative Studien werden oftmals kritisiert, weil eben immer noch viel zu viele Forschende der Auffassung sind, dass es ja nicht so schwer sein kann, ein paar Interviewdaten zu erheben und diese auszuwerten. Man liest sich die Daten ein paar Mal durch, macht ein paar Notizen und schreibt eine Interpretation dazu. Brauchbare und interessante Informationen werden schon irgendwo in den Daten zu finden sein. Dies würde auch ich als "Ausschlachten" bezeichnen, was aber nichts gemein hat mit anerkannten nicht-objektiv-hermeneutischen Analysemethoden. [40]

Die Objektive Hermeneutik trägt zu unserem Wissen eine Perspektive unter anderen bei. Aber dass nur sie allein das Privileg haben soll, die soziale Wirklichkeit angemessen darzustellen, finde ich auch nach wie vor, trotz gründlicher Studie von WERNETs Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik, eine arrogante, nicht haltbare Behauptung. Sollten die Verfechter der Methodik jetzt den Kopf schütteln und sagen, dass ich alles missverstanden hätte, dann müsste ich meine im Absatz 2 gegebene Evaluierung des Buches revidieren und das Gegenteil behaupten. Ich bin aber dennoch der Auffassung, dass WERNET es schafft, dem Leser einen guten Über- und Einblick in die Prämissen des Verfahrens und deren methodentechnischen Umsetzung zu geben. [41]

Anmerkungen

1) WERNET hat in diesem Zusammenhang allerdings nicht das Gebot der Kontextfreiheit verletzt. Dieses Gebot besagt nur, dass das Kontextwissen nicht zur Begründung von Lesarten herangezogen werden kann. Wie das Experiment zeigt, hatte das Wissen oder Nichtwissen über den Kontext hier keinen Einfluss (vgl. WERNET 2000, S.52). <zurück>

2) Dass WERNET durch seine Geschichten nicht unmittelbar auf das Fürsorglichkeitskonzept gestoßen ist, sondern erst in einem zweiten Schritt, stellt methodisch gesehen kein Problem dar, solange die methodentechnische Prozedur des Dreischritts (Geschichten erzählen, Lesarten bilden, Fallstrukturhypothese konstruieren) eingehalten wird (vgl. WERNET 2000, S.51). <zurück>

Literatur

Arnold, Stephen J. & Fischer, Eileen (1994). Hermeneutics and Consumer Research. Journal of Consumer Research, 21, 55-70.

Corbin, Juliet (1999). Workhop: Coding is the key. First International Conference: Advances in Qualitative Methods, February 18-20, 1999, Edmonton, Canada.

Friese, Susanne (2000). Self-concept and identity in a consumer society: Aspects of symoblic product meaning. Marburg: Tectum.

Ozanne, Julie L. (1998). Hermeneutics. In Simon Kemp & Peter E. Earl (Hrsg.), Elgar companion to consumer research and economic psychology (S.280-283). Cheltenham: Edwar Elgar.

Zur Autorin

Susanne FRIESE ist Geschäftsführerin von Qualitative Research & Consulting. Forschungsschwerpunkte: Computerunterstützte qualitative Datenanalyse, Anwendung von Multimediadaten, Verbraucher- und Marktforschung. Susanne FRIESE hat in einer zurückliegenden Ausgabe von FQS eine Besprechung zu Bildermenschen – Menschenbilder. Exotische Menschen als Zeichen in der neueren deutschen Printwerbung verfasst. Zusammen mit Graham R. GIBBS und Wilma C. MANGABEIRA hat sie die FQS-Schwerpunktausgabe Technikeinsatz im qualitativen Forschungsprozess herausgegeben.

Kontakt:

Dr. Susanne Friese

Qualitative Research & Consulting
Buchfinkweg 19C
D-12351 Berlin

E-Mail: info@quarc.de
URL: http://www.quarc.de

Zitation

Friese, Susanne (2003). Rezension zu: Andreas Wernet (2000). Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik [41 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 4(2), Art. 4, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs030248.

Revised 6/2008

Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research (FQS)

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