Volume 21, No. 3, Art. 4 – September 2020

Von Praktiken zu Situationen. Situative Aushandlung von sozialen Praktiken in einem schottischen Gemeindeprojekt

Angela Pohlmann

Zusammenfassung: Ansätze sozialer Praktiken haben in den letzten Jahren eine wachsende Aufmerksamkeit innerhalb der sozialwissenschaftlichen Forschung zu Umwelt und Nachhaltigkeit erhalten. Dabei wurde nicht nur deren Potenzial für die Erklärung (nicht-)nachhaltigen Handelns deutlich, sondern es wurden auch starke Kritiken geäußert. Einige Kritiker*innen haben vorgeschlagen, dass diese Ansätze von einer Verbindung mit pragmatistischen Konzepten profitieren könnten, die eine stärkere Berücksichtigung von Ambivalenzen, Kreativität und Instabilität ermöglichten. Die von Adele CLARKE entwickelte Situationsanalyse, welche sie seither in Zusammenarbeit mit Kolleg*innen konstant ausbuchstabiert und weiterbetrieben hat (CLARKE 2003; CLARKE, FRIESE & WASHBURN 2018), stellt ein Theorie-Methoden-Bündel dar, welches auf Grundideen des amerikanischen Pragmatismus beruht. Das Anliegen dieses Beitrags ist es, aufzuzeigen, inwieweit Ansätze sozialer Praktiken und die Situationsanalyse eine sinnvolle Ergänzung für einander darstellen können. Am Beispiel der Analyse von Konflikten, die im Rahmen eines schottischen Gemeindeprojekts auftraten, zeichne ich nach, wie Hintergründe, Aspekte, Entwicklungen und Auswirkungen dieser Konflikte 1. anhand von Ansätzen sozialer Praktiken und 2. mittels eines situationsanalytischen Verfahrens untersucht werden können. Diese einzelne Betrachtung bietet die Grundlage, um aufzuzeigen, wie die beiden Konzepte miteinander verbunden werden können.

Keywords: Situationsanalyse; Praxistheorien; Theoretisieren; Konflikte; Community Energy

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Zwei Konflikte

2. Die empirische Situation

2.1 Der Comrie Development Trust

2.2 Die Erhebung des empirischen Materials

3. Der Comrie Development Trust als Nexus von Praktiken

3.1 Ansätze sozialer Praktiken

3.2 Ansätze sozialer Praktiken in der Forschung zu Nachhaltigkeit und Umwelt

3.3 Auswertung der Konflikte anhand von Ansätzen sozialer Praktiken

4. Betrachtung der Konflikte aus situationsanalytischer Perspektive

4.1 Adele CLARKEs Situationsanalyse

4.2 Situationsanalyse in der Forschung zu Nachhaltigkeit und Umwelt

4.3 Situationsanalytische Betrachtung der Konflikte

5. Diskussion

6. Fazit

Danksagung

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung: Zwei Konflikte

"Since it's started, the Trust1) has always been about sustainable development, but last year there was a big change. A lot of the original members of the board (.) stood down and didn't want to stand back up again. [...] We had always had the same chair from the start. Then Bill came in as the new chair, and so as part of that we went through a strategy review: What is the CDT [Comrie Development Trust], what is the role of the CDT, what does it do, why does it exist, and so on. I think essentially, we still do the same things, we still stand for the same things, but we just see it differently. Because people didn't like sustainability. They thought it was a bit jargony. So what came out of this strategy review was, they were like, 'What does that even mean?' And so we went through the whole thing: 'So what do you think the Trust should do?' We went through all these things here on the wall. What we actually came up with was a definition of sustainability but we didn't want to call it that. We didn't- that wasn't what they- oh this it's jargon, you know. So we now say that the aim of the Trust is to promote the long-term well-being of the community, rather than the sustainable development of the community. Essentially, we're doing the same things for the same reasons. We're just trying to be a bit more, a bit less jargony about it, speak more on a level that people understand" (Mitarbeiterin 1: 44-62).2)

In der Interviewsequenz berichtet eine Mitarbeiterin des CDT von einem Konflikt, welcher zu grundlegenden Veränderungen innerhalb der Gemeindeorganisation geführt hatte. Anhand dieses sowie eines weiteren Konflikts, der sich um unterschiedliche Nutzungsinteressen eines durch den CDT verwalteten ehemaligen Kriegsgefangenenlagers entspann, arbeite ich im Folgenden die Potenziale und Schwachstellen von theoretischen Ansätzen sozialer Praktiken sowie Adele CLARKEs Situationsanalyse (2011; CLARKE, FRIESE & WASHBURN 2018) heraus. Ziel ist es nicht, die theoretischen Konzepte sozialer Praktiken und der Situationsanalyse gegeneinander in Stellung zu bringen. Vielmehr zeige ich auf, inwiefern das "Theorie-Methoden-Bündel" (CLARKE 2011, S.208) der Situationsanalyse verwendet werden kann, um das analytische Potenzial der Untersuchung sozialer Praktiken zu erweitern. Dabei verdeutliche ich, welche theoretisch-analytischen Ergänzungen entwickelt werden können, wenn Wissenschaftler*innen ihre Analyse von sozialen Praktiken mit situationsanalytischen Einsichten verbinden. Zentrale Punkte, die hierdurch (besser) bearbeitbar werden, sind die Integration von sozialen Praktiken in gesellschaftliche bzw. soziale Zusammenhänge und die gegenseitige Beeinflussung von Praktiken, welche im Rahmen einer sozialen Situation ausgeübt werden, deren Elemente aber in verschiedenen sozialen Welten unterschiedliche (ggf. gar widersprüchliche) Bedeutungen haben und zwischen diesen ausgehandelt werden müssen. Um diese (konfliktiven) Aushandlungen von Elementen mit heterogenen Bedeutungen analytisch fassbar zu machen, wird auf das Konzept der "boundary objects" (STAR & GRIESEMER 1989)3) zurückgegriffen. [1]

Ausgehend von diesem Ziel wird im Folgenden das Zusammenspiel der theoretischen Konzepte mit dem im Rahmen einer Feldforschung erhobenen empirischen Material aus einem schottischen Gemeindeprojekt dargestellt. Bei der Erhebung und Auswertung des Materials dienten zunächst Konzepte sozialer Praktiken als "sensitizing concepts" (BLUMER 1954, S.7). Im Laufe der Forschung traten – forciert durch die Wahl der Situationsanalyse als methodologisch begründetem Forschungsstil (OFFENBERGER 2016, S.27) – grundsätzliche Schwachstellen, die sich generell in Ansätzen sozialer Praktiken finden, immer stärker zutage. Dies betraf zunächst einen bereits mehrfach geäußerten Kritikpunkt: die Tendenz von Wissenschaftler*innen, die soziale Praktiken erforschen, zu sehr auf Stabilität und Routinisierung zu fokussieren (BOGUSZ 2009; SCHÄFER 2012; VOLBERS 2015). Dies führe dazu, dass wichtige Anteile menschlichen Handelns wie Kreativität, Innovation und Veränderung aus dem Blick gerieten. Im Rahmen meiner eigenen Forschung und inspiriert durch das situationsanalytische Vorgehen wurde darüber hinaus deutlich, dass die Frage, wie soziale Praktiken bzw. deren Elemente zusammengebracht werden, ein weiterer blinder Fleck ist. So haben mit Praxistheorien arbeitende Wissenschaftler*innen bisher weder theoretische noch analytische Ansätze entwickelt, die es ermöglichen aufzuzeigen, wie Praktiken von verschiedenen Akteur*innen mit unterschiedlichen Sinnzuschreibungen belegt und – daraus resultierend – zwischen verschiedenen Akteur*innengruppen ausgehandelt werden. Deshalb arbeite ich im Folgenden die Grenzen der analytischen Möglichkeiten für das "Sehen", das Erklären und auch das Verstehen von (Aushandlungs-)Konflikten im Hinblick auf soziale Praktiken heraus. Weiterhin möchte ich das Potenzial von Ansätzen sozialer Praktiken für die Wahrnehmung von eben den Aspekten stärken, die im Mittelpunkt der Situationsanalyse stehen: Heterogenität, Instabilität und Ambivalenz. Insbesondere durch die hier vorgenommene Betrachtung von Konflikten können die unterschiedlichen Stärken und Schwächen der beiden Ansätze deutlich gemacht werden. [2]

Das empirische Material beruht auf einer Feldforschung, die ich von Mai bis September 2013 in Schottland durchgeführt habe. Teilnehmende Beobachtung, ethnografische Interviews und informelle Gespräche sowie graue Literatur wurden mit der von CLARKE (2003, CLARKE et al. 2018) entwickelten Situationsanalyse gesampelt und ausgewertet. Mit ihrer postmodernen Weiterentwicklung der Grounded-Theory-Methodologie (GTM) bietet sie Forscher*innen nicht nur ein analytisches Instrumentarium, um theoretische Einsichten auf Grundlage von und in beständiger Rückkopplung an das empirische Material zu entwickeln. Vielmehr ist es Ziel einer situationsanalytisch inspirierten Forschung, postmoderne Einsichten in 1. die Komplexität, Heterogenität und Instabilität sozialer Phänomene, 2. den Zusammenhang von menschlichen und nicht-menschlichen Elementen, 3. die Pertinenz sozialer Macht und Ungleichheit und 4. die Bedeutung von Diskursen nicht nur anzuerkennen, sondern in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen. Dabei fordert CLARKE nicht nur abstrakt deren Berücksichtigung, sondern liefert auch methodische und theoretische Werkzeuge, die es Wissenschaftler*innen ermöglichen sollen, diese analytisch umzusetzen. Wichtigster theoretischer Beitrag der Situationsanalyse ist die Konzeption von kollektivem Handeln in Form der Theorie sozialer Welten und Arenen. [3]

Die Fragen, denen ich in diesem Beitrag nachgehe, lauten: Welche Aspekte der beiden Konflikte rücken in den Blickpunkt, wenn diese anhand von Konzepten sozialer Praktiken betrachtet werden? Was wird dagegen bei einem situationsanalytischen Vorgehen sichtbar? Übergreifend steht die Frage, welche alternativen/zusätzlichen Einsichten sich aus einer Perspektivverschiebung von Praktiken zu Situationen ergeben. [4]

Die Struktur des Beitrags richtet sich an dieser Fragestellung aus. In Abschnitt 2 wird der CDT vorgestellt. Im Anschluss hieran werden in Abschnitt 3 die beiden eingangs angesprochenen Konflikte im Hinblick auf ihre Verwobenheit mit sozialen Praktiken betrachtet. Hierfür wird ein Einblick in die Entwicklung, sowie die Kernkonzepte aktueller Ansätze sozialer Praktiken gegeben (Abschnitt 3.1). An diesen schließt sich ein Überblick über die bisherige Erforschung sozialer Praktiken im Feld der Umweltsoziologie bzw. der Nachhaltigkeitsforschung an (Abschnitt 3.2). In Abschnitt 3.3 werden die Konflikte innerhalb des CDT mit den analytischen Werkzeugen von Ansätzen sozialer Praktiken ausgewertet. Abschnitt 4 widmet sich dem situationsanalytischen Vorgehen: Nachdem in Abschnitt 4.1 die Entwicklung und Inhalte der Situationsanalyse vorgestellt wurden, wird in Abschnitt 4.2 die aktuelle Forschung im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit, welche auf situationsanalytischen Annahmen und Konzepten beruht, skizziert, bevor diese in Abschnitt 4.3 auf die beiden Konflikte im CDT angewandt wird. In der Diskussion (Abschnitt 5) wird erörtert, welche (zusätzlichen) Einsichten sich aus der Verbindung von sozialen Praktiken und Situationsanalyse ergeben. In Abschnitt 6 werden die Kerninhalte des Artikels zusammengefasst und der Beitrag zu Fragen qualitativer Sozialforschung herausgestellt. [5]

2. Die empirische Situation

2.1 Der Comrie Development Trust

Der CDT ist eine 2007 gegründete Gemeindeorganisation in Zentral-Schottland. Die Bewohner*innen Comries entschlossen sich zur Gründung eines Development Trust, nachdem bekannt geworden war, dass Cultybraggan Camp, ein ehemaliges Kriegsgefangenenlager, welches circa eineinhalb Kilometer vom Dorf entfernt gelegen ist, vom Verteidigungsministerium verkauft werden sollte. Basierend auf dem Land Reform Act [Zugriff 20. Juni 2020] des Schottischen Parlaments4) konnte die Gemeindeorganisation das Camp 2007 erwerben und verwaltet das Gelände seitdem. Die Aufgabe des CDT ist es, dass Camp nachhaltig und im Sinne der Interessen der Gemeindemitglieder zu entwickeln.5) Auf dem Gelände des 364.217 m² großen Cultybraggan Camp stehen mehr als 90 sogenannte Nissen Huts, halbrunde, mit Wellblech gedeckte Hütten (siehe Abbildung 1). Sowohl in den Hütten als auch auf dem restlichen Gelände des Cultybraggan Camp wurden seit der Gründung des CDT eine Vielzahl von Aktivitäten verwirklicht. Neben einmaligen Aktionen wie Hochzeiten, Sport- und Musikevents wurden verschiedene Dauernutzungen im Camp etabliert. Hierzu gehören sowohl kommerzielle kleine Unternehmen wie eine Bäckerei, Werkstätten oder ein Fitnessstudio, als auch sozial-ökologische nicht-kommerzielle Aktivitäten in Form eines Gemeinschafts-Obstgartens, von Gartenparzellen oder diversen Freizeit- und Sportaktivitäten.



Abbildung 1: Nissen Hütten in Cultybraggan Camp (eigene Aufnahme) [6]

Neben dem Erhalt und der Entwicklung des Camps ist der zweite Schwerpunkt des CDT die Verbesserung der ökologischen Nachhaltigkeit der Dorfgemeinde. Motiviert durch den öffentlichen Diskurs über den anthropogenen Klimawandel hat es sich die Gemeinde zum Ziel gesetzt, ihren Kohlendioxid-Ausstoß zu verringern. Dies wurde vom CDT umgesetzt durch Maßnahmen zur Verminderung des Energiekonsums (Street-to-Street Audit6)), durch Energieeffizienzsteigerungen (Beratung zu Isolationsmaßnahmen an Privathäusern, Austausch von Glühbirnen), sowie durch den Betrieb von Produktionsanlagen für erneuerbare Energien. Entsprechend der Vorgaben des Land Reform Acts 2003 sowie der organisatorischen Form des Development Trusts werden die finanziellen Gewinne, welche durch den Betrieb von Solaranlagen zur Erzeugung von Strom und eines Biomasseboilers für Wärme auf dem Gelände des Camps generiert werden, vom CDT genutzt, um Bedürfnisse und Interessen der Gemeinde zu realisieren. [7]

Um die Auswertung des empirischen Materials anhand zweier verschiedener theoretischer Ansätze in einem handhabbaren Rahmen zu halten, ist die Auswertung begrenzt auf die in der Einleitung angesprochenen zwei Konflikte bzw. sozialen Arenen. Bei ersterem handelt es sich um einen Konflikt, der die Ausrichtung des gesamten Trusts betraf: die grundsätzliche Bedeutung und das Verständnis von "Nachhaltigkeit" innerhalb des CDT. Während die ersten Jahre dominiert wurden durch einen starken Fokus auf Nachhaltigkeit, wurde die zentrale Bedeutung des Konzepts ab 2011 zunehmend infrage gestellt. Hintergrund waren zum einen finanzielle Schwierigkeiten, zum anderen aber auch veränderte Interessen der Gemeindemitglieder bzw. die Vehemenz, mit welcher diese zum Ausdruck gebracht wurden. Der Konflikt bzw. die daraus resultierenden Konsequenzen beeinflussten die Diskussionen und Aktivitäten innerhalb des Trusts stark. [8]

Der zweite Konflikt entstand zwischen der Kulturerbe-Arbeitsgruppe und der Arbeitsgruppe erneuerbaren Energien.7) Zwischen diesen beiden aus Gemeindemitgliedern bestehenden Arbeitsgruppen zu bestimmten Themenfeldern bzw. Engagement-Bereichen, betraf der Konflikt insbesondere die Nutzung und damit auch die Frage von baulichen Veränderungen am Camp bzw. den Nissen-Hütten. Im Folgenden werden diese beiden Konflikte zunächst mit der Brille von Ansätzen sozialer Praktiken, dann anhand der situationsanalytischen Kernkonzepte sozialer Welten und sozialer Arenen betrachtet. [9]

2.2 Die Erhebung des empirischen Materials

Das für diese Arbeit verwendete empirische Material wurde im Laufe einer 5-monatigen ethnografischen Studie (BREIDENSTEIN, HIRSCHAUER, KALTHOFF & NIESWAND 2015) erhoben. Die Designentscheidung für Feldforschung begründete sich aus dem Bedarf, das zu untersuchende Phänomen (erneuerbare Energieproduktion in zivilgesellschaftlichen Organisationen) in situ zu untersuchen. Bei der Auswahl der Forschungsmethoden war es mir ein Anliegen, die tatsächlich durchgeführten Praktiken (mit all ihren situativen Abweichungen) teilnehmend zu beobachten (BERNARD 2011; REICHERTZ 2016; SPITTLER 2001). Die teilnehmende Beobachtung bietet die Möglichkeit, das in den Praktiken realisierte praktische Wissen zu erheben. Dieses Vorgehen begründet sich darin, dass "individuals are typically unable to state, in general terms, how it is appropriate and/or effective to act" (ZAHLE 2012, S.51). Dabei lag das Erkenntnisinteresse nicht nur in einer heterogenitäts-sensiblen Erfassung der alltäglichen Routinen, sondern darin zu verstehen, wie die Akteur*innen in und mit diesen Handlungen sowie den darin eingebetteten Sinnzuschreibungen und durchgeführten Interaktionen die Realität der Energieproduktion im CDT erzeugen (LAMNEK 1995, S.240). Dankenswerterweise stellten mir die Mitglieder des CDT nicht nur einen Arbeitsplatz im Drop-In Office8) des Trusts zur Verfügung, sondern nahmen mich darüber hinaus mit zu Veranstaltungen, Besprechungen (sowohl internen als auch externen) und ihren (nicht-)alltäglichen Aktivitäten im Cultybraggan Camp. Insgesamt kam ich so auf mehr als 600 Stunden Beobachtungszeit. [10]

Ergänzend konnte ich leitfadengestützte ethnografische Interviews (BREIDENSTEIN et al. 2015; MISOCH 2019) mit 15 Personen durchführen. Der Interview-Leitfaden war dabei offen als "topic guide" angelegt (LEGARD, KEEGAN & WARD 2003, S.141). Qualitative Interviews ermöglichen "die sprachliche Erfassung von Bedeutungsmustern […]. Gerade im qualitativen Interview hat der Befragte die Möglichkeit, seine Wirklichkeitsdefinitionen dem Forscher mitzuteilen" (LAMNEK 1995, S.61). Qualitative Interviews geben den Forschungspartner*innen den Raum, ihre eigene Version des Phänomens bzw. Themas und damit ihre Interpretation der Realität zu entfalten (a.a.O.). Das Ziel ist es, Zugang zu den "meanings people attribute to their experiences and social worlds" (MILLER & GLASSNER 2010, S.133) zu bekommen. Sowohl die subjektiven Perspektiven der Forschungspartner*innen wie auch deren Bezug zu objektifizierten sozialen Bedeutungen können anhand von qualitativen Interviews rekonstruiert werden (STRÜBING 2013). [11]

Die Interviews dauerten im Durchschnitt eineinhalb Stunden. Interviewpartner*innen waren Mitglieder des CDT oder Mitarbeiter*innen von Organisationen, die relevant für die Realisierung und das Bestehen des Trusts waren. Formelle Interviews wurden aufgezeichnet und anschließend transkribiert. Informelle Gespräche bzw. "friendly conversations" (SPRADLEY 2016 [1979], S.58) wurden im Nachhinein in ausführlichen Notizen festgehalten. Zusätzlich bekam ich Zugang zu verschiedenen Typen von internen Dokumenten (Machbarkeitsstudien, Besprechungsprotokolle, Projektskizzen, Buchhaltungsunterlagen). Diese wurden ergänzt durch öffentlich zugängliche Dokumente (Flyer, Zeitungsbeiträge, Internetseiten). Die Auswertung von Dokumenten erlaubt es Forscher*innen nachzuvollziehen, wie die untersuchte Realität (mehr oder weniger) öffentlich dokumentiert wird (FLICK 2009). Die Analyse der Dokumente ermöglichte Einblicke in Sinngebungen, die im CDT zu einer bestimmten Zeit bzw. in einer spezifischen Situation dominant waren. Dabei ist es jedoch wichtig, sich darüber bewusst zu sein, dass Dokumente keine Repräsentation einer einheitlichen oder stabil ausdefinierten Situation sind (S.255ff.). Vielmehr repräsentieren sie eine (dominante) Version der im Zuge einer spezifischen Situation erschaffenen Realität. [12]

Das empirische Material wurde entsprechend der durch die Situationsanalyse unterstützten Kodierverfahren der STRAUSSschen GTM mit dem Programm Atlas.ti ausgewertet (KONOPÁSEK 2008). Zusätzlich zu den klassischen Kodierprozeduren und Memos fertigte ich Situationskarten, Karten sozialer Welten/Arenen und Positionskarten an (CLARKE et al. 2018; siehe auch Abschnitt 4.1). [13]

3. Der Comrie Development Trust als Nexus von Praktiken

3.1 Ansätze sozialer Praktiken

Praxistheorien als spezifische Form der Kulturtheorien (RECKWITZ 2002) wurden in den 1960er Jahren entwickelt. Die ersten Praxistheoretiker*innen wollten die gegensätzlichen Ontologien des Strukturalismus und des Individualismus verbinden, welche bis dahin die Soziologie geprägt hatten. In praxistheoretischen Arbeiten wird die Beziehung von Individuum und sozialer Ordnung als gegenseitig gedacht. Sie wird vermittelt durch die Akteur*innen in ihren alltäglichen Praktiken: "rather than seeing the social world as external to human agents or as socially constructed by them, this approach sees the social world as brought into being through everyday activity" (FELDMAN & ORLIKOWSKI 2011, S.1241). [14]

Aufbauend auf den Arbeiten der ersten Generation – insbesondere der Strukturationstheorie von GIDDENS (1986) und der Theorie der Praxis von BOURDIEU (1979 [1972]) – haben Wissenschaftler*innen seit den 1990er Jahren verschiedene weiterführende Ansätze sozialer Praktiken9) entwickelt. Andreas RECKWITZ (2002, 2003, 2004), Theodore SCHATZKI (1996, 2002), Frank HILLEBRANDT (2014) sowie Elizabeth SHOVE und Kolleg*innen (SHOVE & PANTZAR 2005; SHOVE, WATSON, HAND & INGRAM 2007) gehören zu den bekanntesten Vertreter*innen dieser zweiten Generation. Von grundsätzlicher Bedeutung ist auch bei ihnen, dass Untersuchungen von Praktiken weder vom Individuum noch von der Struktur ausgehen. Vielmehr sind die Praktiken selbst die grundlegende ontologische Einheit (RØPKE 2009): "The practice itself, rather than the individuals who perform them or the social structures that surround them are the core unit of analysis" (HARGREAVES 2011, S.82). Obwohl Praktiken in die körperlichen Aktivitäten der Akteur*innen eingebettet sind (SCHATZKI 2002), sind die Handelnden nicht der Ausgangspunkt der Analyse, da "practices logically and historically precede individuals, implying that practices, so to speak, recruit practitioners" (RØPKE 2009, S.2492). Sie werden als organisierte Bündel von Aktivitäten, Sets verknüpfter körperlicher Tätigkeiten und Aussagen verstanden (SCHATZKI 2011). Als relative andauernde und stabile Einheiten sind Praktiken über Zeit und Raum erkennbar (SHOVE et al. 2007) und werden von sozialen Gruppen geteilt. In kritischer Abgrenzung zur ersten betonen die Vertreter*innen der zweiten Generation die Bedeutung materieller Artefakte und anti-intellektueller Formen von Wissen für die Erzeugung sozialer Praktiken. [15]

Den Ansatz sozialer Praktiken gibt es nicht. Vielmehr existieren Ansätze, die zum einen durch gewisse "Familienähnlichkeiten" der Konzepte (RECKWITZ 2003, S.283), zum anderen durch Bezugnahme der Autor*innen aufeinander oder gemeinsame Publikationen (u.a. HUI, SCHATZKI & SHOVE 2017a), zusammenhängen. Die Familienähnlichkeiten schlagen sich in Vorstellungen von Praktiken als kollektiv geteilten, materiell vermittelten körperlichen Aktivitäten nieder (RECKWITZ 2002; SCHATZKI 2012). Konkret lassen sich vier geteilte Grundelemente aus den unterschiedlichen Konzepten herausdestillieren: 1. die Relevanz körperliche Aktivitäten, 2. die Annahme der Existenz von geteilten symbolischen Wissensbeständen als Grundlage menschlicher Gesellschaften, 3. die Betonung der Wichtigkeit von praktischen Wissensformen und 4. eine hohe Aufmerksamkeit für die Rolle materieller Artefakte (RECKWITZ 2003, 2004). Hiervon ausgehend bedienen sich viele Wissenschaftler*innen eines "slimline approach" (SHOVE & WALKER 2010, S.472), bei dem soziale Praktiken als organisierter Zusammenhang der drei Elementtypen verkörperlichtes Wissen, Materialien und Bedeutungen (SHOVE & WALKER 2010; STRENGERS & MALLER 2011; WARDE 2005) konzeptualisiert werden. Auf diesen slimline approach beziehe ich mich im Folgenden. Dabei ist es mir jedoch wichtig, dass sich die von mir benannten analytisch-theoretischen Schwachstellen nicht auf einen spezifischen Ansatz beschränken, sondern ein generelles Problem der existierenden Konzepte darstellen. [16]

3.2 Ansätze sozialer Praktiken in der Forschung zu Nachhaltigkeit und Umwelt

Ansätze sozialer Praktiken erfreuen sich einer wachsenden Beliebtheit im Feld der Umweltsoziologie (BRAND 2011) sowie der sozialwissenschaftlichen Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung. Sie wurden und werden insbesondere angewandt, um nachhaltiges Konsumverhalten bzw. dessen Veränderungspotenzial zu untersuchen (HARGREAVES 2011; KUIJER 2017; KUIJER & WATSON 2017; SHOVE & PANTZAR 2005; WARDE 2005; WELCH & WARDE 2015). Forscher*innen haben soziale Praktiken untersucht, um zu erklären, warum Personen bei etablierten Praktiken verbleiben (KENNEDY, KRAHN & KROGMAN 2013; MATTIOLI & COLLEONI 2016; SHOVE & WALKER 2014; SHOVE, WATSON & SPURLING 2015), warum bzw. unter welchen Umständen sie bereit sind, Praktiken zu verändern (SPOTSWOOD, CHATTERTON, TAPP & WILLIAMS 2015) und inwieweit Diskurse über Nachhaltigkeit in der Lage sind, etablierte Routinen infrage zu stellen (LEGER 2019). Grundsätzlich sind praxistheoretisch arbeitende Wissenschaftler*innen jedoch skeptisch im Hinblick auf individuelle Verhaltensänderungen im Rahmen der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse (u.a. BRUNNER 2019; SHOVE 2010). Sie betonen, dass ein Großteil der menschlichen Handlungen so stark routinisiert bzw. so fest in normative, materielle und symbolische Verhältnisse eingebunden ist, dass sie kaum durch kognitives Wissen oder die schlichte Verfügbarkeit neuer Technologien oder finanzielle Anreize veränderbar sind (POHLMANN 2020; SHOVE 2010; SHOVE & WALKER 2014). Menschen handeln als soziale Akteur*innen nicht klimaschädlich, weil sie nicht genug wissen (RUBIK et al. 2019), sondern weil ihre Handlungen eingebunden sind in ein Netz aus gesellschaftlichen Vorstellungen, Institutionen und Infrastrukturen (POHLMANN 2018, 2020). [17]

Insbesondere der Fokus auf praktische bzw. verkörperte Wissensformen und die daraus sich ableitende (den Akteur*innen zumeist unbewusste) Betonung von Routinisierung und Stabilität in Bezug auf soziale Praktiken wurden vielfach kritisiert (u.a. BONGAERTS 2007; SCHÄFER 2012; VOLBERS 2015). Praxistheoretisch arbeitende Forscher*innen verlören die Möglichkeit, Innovation, Kreativität und Wandel wahrzunehmen und analytisch zu erklären. Vertreter*innen von Ansätzen sozialer Praktiken haben dagegen argumentiert, dass dynamische und kreative Aspekte wichtige Bestandteile ihrer Ansätze darstellten. Sie seien "committed to understanding the ongoing dynamics of everyday life. This is again a matter of emphasis: we deal with processes of routinization and normalization, but without supposing that these necessarily result in stabilization or closure" (SHOVE et al. 2007, S.11). Nach FELDMAN und ORLIKOWSKI ermöglichen Ansätze sozialer Praktiken einen Fokus auf die situative Ausübung, das "enactment" (2011, S.1245; siehe auch JALAS et al. 2017) bzw. auf "practices-as-performance" (KUIJER 2017, S.117). Andere Wissenschaftler*innen haben dargelegt, dass Praktiken verschiedene Grade von Stabilisierung aufweisen, womit die Frage von Stabilität und Routine eine empirische sei (ROUSE 2006). [18]

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Ansätze sozialer Praktiken in ihrer Analyse und ihrem Erklärungshorizont auf Individuen fokussiert seien (BONGAERTS 2007; VOLBERS 2015). Während beispielsweise Menschen beim Duschen oder Heizpraktiken in Haushalten (JALAS et al. 2017; OFFENBERGER 2016) auf sozial geteilte Wissensbestände und Vorstellungen zurückgreifen und hierbei materielle Elemente der gleichen Art (Duschköpfe, Heizsysteme) verwenden, müssen sie ihre subjektive Interpretation und Umsetzung nicht oder nur in geringem Umfang mit anderen aushandeln. Konflikte treten in dieser Betrachtung, die auf die individuelle Realisierung von Praktiken fokussiert, wenig hervor. Anders sieht dies in geschlossenen Handlungszusammenhängen wie Organisationen aus. So konnte HARGREAVES (2011) in seiner Untersuchung einer (scheiternden) Müllvermeidungskampagne innerhalb eines Unternehmens aufzeigen, wie Diskussionen dazu führten, dass diese nicht umgesetzt wurde. Indem er beschrieb, wie sich der Konflikt auf die jeweiligen Perspektiven von unterschiedlich positionierten Akteur*innen zurückführen ließ, bot er eine Erklärung dafür, wie Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen dazu führen, dass eine Praktik gar nicht erst entsteht. Inwieweit Aushandlungen und Konflikte ein "normaler" bzw. alltäglicher Teil von nicht nur entstehenden, sondern auch bestehenden Praktiken sind, lässt sich dagegen aus der Arbeit von HARGREAVES nicht ersehen. [19]

Aktuell bemühen sich Praxistheoretiker*innen darum zu erklären, auf welche unterschiedliche Weisen verschiedene Praktiken miteinander verwoben sein können (BLUE & SPURLING 2017; HUI 2017; HUI, SCHATZKI & SHOVE 2017b). Analysiert wird, wie sich Praktiken im Zusammenwirken mit sozio-materiellen Arrangements, Gesetzgebungen und Verschiebungen zeitlich-räumlicher Systeme, dem "connective tissue" (BLUE & SPURLING 2017, S.36), verändern. Auch wird sichtbar gemacht, wie Variationen innerhalb einzelner und zwischen verschiedenen Praktiken deren beständige Veränderung bewirken (HUI 2017). Jedoch basieren diese Ansätze in ihrer Erklärung von Veränderungen in großen Teilen auf kollaborativen bzw. technokratischen (zeitlich-räumlichen bzw. materiellen) Vorstellungen. Es fehlen die Brüche und Konflikte. So wird die gegenseitige Beeinflussung von Praktiken ohne Berücksichtigung von Konflikten oder auch nur Aushandlungen verschiedener Interessen bzw. Perspektiven dargestellt. Die Vernachlässigung von Konflikten geht dabei zulasten einer Betrachtung von Praktiken als emergenten sozialen Phänomenen, die in sozialen Prozessen beständig neu reproduziert und ausgehandelt werden. Vielmehr erscheinen Praktiken als immer schon sozial geteilt bzw. als auf kollektiven Wissensformen beruhend. Wie dieses "sozial geteilt" (immer wieder neu) passiert, und welche Konflikte und (kreativen) Problemlösungen dabei entstehen, wird von praxistheoretisch arbeitenden Wissenschaftler*innen (bislang) nicht rekonstruiert. [20]

Die in diesem Abschnitt vorgenommenen Ausführungen sollen aufzeigen, dass das Potenzial von Ansätzen sozialer Praktiken in ihrer Dezentrierung des Subjektes liegt. Praktisches Wissen und Handeln, materielle Elemente und Bedeutungszuschreibungen werden in sinnhafter Weise miteinander zu einer Praktik organisiert. Praktiken bieten eine Möglichkeit, menschliches Handeln als Folge und Ausdruck seiner Verflechtungen mit diesen Elementen zu analysieren. Es wird jedoch auch deutlich, dass Konflikte ein bislang ignorierter Aspekt von sozialen Praktiken sind. Hierdurch werden Fragen danach ausgeblendet, wie Praktiken bzw. deren Elemente zwischen Akteur*innen mit unterschiedlichen Interessen ausgehandelt werden. Hier schließt meine Arbeit an. Im Folgenden soll anhand von zwei Konflikten innerhalb des CDT herausgearbeitet werden, dass Konflikte bzw. gegenläufige Interessen und Positionen ein beständiger Bestandteil von sozialen Praktiken sind, die hierdurch in ihrer Instabilität, Heterogenität und Dynamik erkennbar gemacht werden sollen. [21]

3.3 Auswertung der Konflikte anhand von Ansätzen sozialer Praktiken

Wie bereits gesagt wird bei Untersuchungen sozialer Praktiken nicht beim Individuum oder der Struktur begonnen, sondern Praktiken zum Ausgangspunkt der Analyse genommen. Der Konflikt über die Ausrichtung des CDT in Bezug auf Nachhaltigkeit wird dementsprechend in diesem Abschnitt über einzelne Praktiken bzw. Praktiken-Sets zugänglich gemacht. Diese werden in ihren einzelnen Elementen wie auch in ihrem Zusammenhang mit anderen Praktiken analysiert. Eine zentral von dem Konflikt betroffene Praktik ist die Produktion erneuerbarer Energien. [22]

Zur Produktion von Wärme für das Camp – welche bis dato über keine Wärmeversorgung verfügte – ließ der CDT 2012 einen Biomasseboiler in eine der Nissenhütten einbauen. Während die Installation und Inbetriebnahme durch ein professionelles Unternehmen durchgeführt wurden, waren es ehrenamtliche Mitglieder des CDT, welche den laufenden Betrieb überwachten und anfallende Wartungsmaßnahmen vornahmen. Die Ausführung dieser Praktiken erscheint zunächst als Aneinanderreihung simpler körperlicher Aktivitäten. Sie bestand vor allem darin, das Überwachungspanel außen am Boiler abzulesen. Dies wiederum bedeutete das Navigieren durch das Menü des Panels. Hierfür waren lediglich relativ einfache körperliche Aktivitäten bzw. praktisches Wissen erforderlich: Gehen, stehen, tippen, bzw. wohin gehe ich, wo positioniere ich mich, wie navigiere ich durch das Menü – welche Knöpfe muss ich wann wie oft drücken. Relevant wird hierbei demgegenüber (in Abgrenzung zu dem von praxistheoretischen Wissenschaftler*innen vor allem betonten praktischen Wissen), dass diese Praktiken keinen "Sinn" ergeben ohne das Vorhandensein von theoretischem Wissen: Welche Bedeutung hat ein abgelesener Wert, ist dieser "normal", was ist ggf. eine adäquate Reaktion auf diesen und so weiter. [23]

Das Zusammenspiel aus einfachen körperlichen Aktivitäten und voraussetzungsvollerem theoretischem Wissen ist im Hinblick auf die (potenziellen) die Praktiken ausführenden Personen innerhalb des CDT relevant. Abgesehen von vier Teilzeitkräften wird der CDT, wie alle Community Development Trusts, durch das ehrenamtliche Engagement der Mitglieder getragen. Dies hatte direkte Auswirkungen auf die Energieproduktion, insbesondere die Wahl und den Umgang mit deren materiellen Artefakten.

"So the Trust, as you can see, with small staff, not full time, was not willing to take on any risky projects. You could say with biomass that it's been a bit of a shock that it turned out the way it has done, because it was sold to us as proven in many years of experience, very reliable boilers and everything else. So solar PV, more recent but has still been around for a while and price coming down, has lower maintenance—no maintenance. The idea of an anaerobic digestion, which needs a lot of maintenance, would put too much risk on the Trust, which is largely a volunteer operation, to be running the risk of something going wrong" (Mitarbeiter 3: 113-122). [24]

Der Interviewpartner erklärt in diesem Ausschnitt, dass es die "einfache" Handhabung der eingebauten Technologien gewesen sei, die den Ausschlag für deren Auswahl gegeben habe. Als durch ehrenamtliches Engagement getragene Organisation hatte der Trust erstens keinen Einfluss darauf, welche Kompetenzen die Mitglieder mitbringen. Zweitens war es für den CDT ebenso wenig abschätzbar, wie lange einzelne Mitglieder ihr Engagement aufrechterhalten, d.h., wie lange ein bestimmtes – personengebundenes – Wissen oder Können im Trust vorhanden sein würde. Drittens muss berücksichtigt werden, dass ehrenamtliche Mitglieder nur (sehr) eingeschränkte zeitliche Ressourcen zur Verfügung stellen können. Dies alles bedeutete, dass umfangreichere (Fort-)Bildungen kaum möglich bzw. sinnvoll waren. Dementsprechend war es aus Sicht des CDT unumgänglich, dass die eingebaute Technologie einfach zu bedienen und das Risiko aufwendiger Wartungs- und Reparaturmaßnahmen gering ist. Letztere würden aufgrund der Unwahrscheinlichkeit, dass sie durch Ehrenamtliche erbracht werden könnten, eine zusätzliche finanzielle Belastung darstellen. Hierin zeigt sich eine enge Verwobenheit der materiellen Artefakte mit den Ansprüchen an Wissen und Können der die Praktiken ausübenden Individuen. Materielle Artefakte bzw. ihre Handhabung sind nicht von verkörperlichtem Wissen zu trennen. [25]

In der Analyse von Praktiken des CDT wird weiterhin deutlich, in welch engem Verhältnis die körperlichen Aktivitäten, das verkörperlichte Wissen sowie die materiellen Artefakte zu dem jeweiligen Kontext stehen. Dieser bedingt nicht nur die jeweiligen Praktiken, sondern auch die geteilten symbolischen Wissensbestände – also wie innerhalb des CDT der "Sinn" von erneuerbarer Energieproduktion konstruiert wurde. Grundsätzlich wurde die Produktion von Energie auf Basis nicht-fossiler Brennstoffe als Strategie verstanden, durch welche die Treibhausgasemissionen der Gemeinde verringert werden sollten.

I: "Do you know how the original idea to use renewable energy—how this was introduced to the camp?

M3: I think it goes right back to the beginnings of the Trust. One of the aims and objectives of the Trust is to go forward in an environmentally sustainable way" (Mitarbeiter 3: 131-134). [26]

Das Ziel der Treibhausgasemissionssenkungen war zum einen institutionalisiert in der offiziellen Vision des CDT. In dieser wurde festgeschrieben, dass das Ziel des Trusts die Verbesserung von Comries Nachhaltigkeit und Resilienz sei.10) Die Vision gliederte sich auf in die drei Teilbereiche Community, Economy und Ecology. Innerhalb des ökologischen Teilbereichs war es das Ziel, Comries ökologischen Fußabdruck zu reduzieren und das Potenzial der Gemeinde zur Anpassung an den Klimawandel zu verbessern. Erneuerbare Energiegewinnung wurde als eine Strategie zur Erreichung dieses Ziels verstanden (siehe Tabelle 1).

Vision

Aims

Activities

Improve Comrie’s sustainability and resilience

Community

Improve quality of life in the community

Community

Support community groups and projects in the village and the camp

 

Economy

Generate local economic activity, create jobs and achieve long-term financial self-sufficiency

Economy

Increase income generating projects that keep the £ local; increase opportunities for investments; increase income generating activities at the camp

 

Ecology

Reduce Comrie’s environmental footprint and develop its ability to adapt to climate change

Ecology

Deliver the climate challenge projects in the village and develop the camp on the principles of sustainability

Tabelle 1: Ziele und Vision des CDT [27]

Neben dieser vorrangigen Sinngebung von erneuerbarer Energieproduktion als Mitigationsstrategie in Bezug auf Treibhausgasemissionen existierten unter den Mitgliedern des CDT noch alternative bzw. zusätzliche Perspektiven.

V1: "No, not at all. I don't think we have much evidence to say that any kind of global warming is not simply a cyclical weather event over a number of years. That maybe in 10 years or 20 years, we'll be saying, 'Oh, we're going back to the next ice age. We're going to be globally frozen.' I don't think that's well established at all.

I: Do you think there are other reasons it might be important or interesting to have these modern techniques? Are there other reasons for them?

V1: Oh yes, I think so, I think it's healthier. I think rather than thinking about the future, thinking about the present. That there's a lot of benefits in having a healthier lifestyle. It seems to be better to burn wood than to burn oil, because you're not putting so much black @tiny things@ into the atmosphere and the air is nicer to breathe, so that seems to have an impact on the present day" (Vorstandsmitglied 1: 172-182). [28]

Es waren diese unterschiedlichen Wahrnehmungen der Bedeutsamkeit (und in diesem Falle gar der generellen Realität) von Klimawandel als Motiv der Sinnzuschreibung, die in dem eingangs beschriebenen Konflikt bzw. dem daraus entstehenden Strategy Review-Prozess verhandelt wurden. Während Klimawandel als Antrieb der Aktivitäten des CDT in den ersten Jahren unangefochten war, wurde dies ab ca. 2011 zunehmend hinterfragt. Es wurde bemängelt, dass hiermit vor allem Partikularinteressen der Gründungs- und Vorstandsmitglieder bedient würden. Dies hätte dazu geführt, dass das eigentliche Ziel des Trusts, die Realisierung der Interessen und Bedürfnisse der Gemeinde, aus dem Blick geraten sei. Zur Zeit meines Aufenthalts war dieser Konflikt offiziell "gelöst". Es gab einen neuen Vorstand, und infolge des Strategy Review waren die Ziele des Trustes an die Interessen der Mitglieder angepasst worden. Trotzdem war der Konflikt beständiges Thema. Er stellte eine Zäsur in der jungen Geschichte des CDT dar, die in die "Geschichtserzählung" des Trustes einging. Diskussionen zwischen einzelnen Personen, die sich auf die jeweilige Agenda bezogen, wie auch Vorbehalte gegenüber dem neuen Vorstand kamen in Besprechungen, Treffen sowie Einzelgesprächen und Interviews während des Forschungszeitraums immer wieder vor. [29]

Was bei der Betrachtung von sozialen Praktiken in den Blick rückt, ist die Frage, wie sich dieser Konflikt bzw. seine (vorläufige) Lösung auf die Praktiken auswirkte, die innerhalb des CDT ausgeübt wurden. Hier irritiert das empirische Material im besten Sinne die theoretischen Annahmen. Denn tatsächlich stellte sich heraus, dass sich überraschend wenig geändert hatte. Dazu noch einmal der letzte Teil der eingangs bereits zitierten Sequenz.

"We went through all these things here on the wall. What we actually came up with was a definition of sustainability but we didn't want to call it that. We didn't, that wasn't what they- oh this it's jargon, you know. So we now say that the aim of the Trust is to promote the long-term well-being of the community, rather than the sustainable development of the community. Essentially, we're doing the same things for the same reasons. We're just trying to be a bit more, a bit less jargony about it, speak more on a level that people understand" (Mitarbeiterin 1: 44-62). [30]

In der Sprache sozialer Praktiken: Die körperlichen Aktivitäten, das hiermit verflochtene verkörperlichte Wissen und die materiellen Artefakte blieben im Zuge des Konfliktes und seiner temporären Lösung erhalten. Was sich änderte, war die Bedeutung, mit der diese versehen wurden. Und selbst diese blieb aus der Perspektive der Interviewpartnerin "eigentlich" die gleiche. Gewandelt hatte sich, wie diese Sinnzuschreibung an die Mitglieder des Trusts kommuniziert wurde. In SCHATZKIs Worten: wie die Organisation der Elemente einer Praktik "intelligible" gemacht wurde (1996, S.74ff.). [31]

Bei der Stabilisierung der Praktiken erneuerbarer Energieproduktion spielten materielle Artefakte eine ausschlaggebende Rolle. Der Biomasseboiler war zum Zeitpunkt des Strategy Review bereits angeschafft und eingebaut. Wie geschildert, waren diese Artefakte aufgrund ihrer einfachen Handhabung ausgesucht worden. Genau diese Simplizität lässt nur wenige Änderungen in Bezug auf körperliche Aktivitäten und Wissen zu. Eine Beendigung der mit dem System verbundenen Praktiken stand aufgrund der finanziellen Mittel, die an den Boiler gebunden sind, nicht zur Disposition. Finanzielle Mittel waren mit dem Boiler zum einen in Form von Schulden verbunden. Um die Anlage anzuschaffen und einzubauen, hatte der CDT Kredite aufgenommen, welche nun bedient werden mussten. Zum anderen waren finanzielle Elemente in Form von Fördergeldern an die (Nutzung der) Anlage geknüpft. Die von der schottischen Regierung aufgesetzte Renewable Heat Incentive (RHI) entspricht der deutschen Einspeisevergütung für Strom. Die finanziellen Einnahmen aus dem Boiler bzw. die über diesen vermittelte RHI waren für den CDT unverzichtbar. So sollten die Einnahmen aus dem Boiler (nach Tilgung der Schulden) dazu verwendet werden, Aktivitäten und Projekte zu fördern, die durch die Gemeindemitglieder gewünscht waren. Auf der Internetseite der Arbeitsgruppe erneuerbare Energien wurde dies wie folgt dargestellt:

"The biomass district heating system at Cultybraggan Camp was installed 12 months ago –

  • To further the sustainable development aims of the Trust by providing renewably sourced heat to users on site.

  • To provide an income stream to the Trust over the long term

[…]" (http://comriedevelopmenttrust.org.uk/working-groups/renewables-working-group [Zugriff: 12. Juni 2020]). [32]

Das Zitat zeigt auf, dass das Wärmesystem nicht nur unter der Sinnzuschreibung der nachhaltigen Entwicklung in den Trust eingebunden war/ist. Diese Einsicht lässt sich auch auf andere Praktiken übertragen. So hat sich auch die Sinnzuschreibung zu anderen Kohlenstoffdioxid verringernden Praktiken wie der Energieberatung verändert. Das Verständnis von Energieproduktion und der Energieberatung als Strategien der Generierung finanzieller Einnahmen rückte im Zuge des Strategy Review immer stärker in den Vordergrund und fand sich nun als Leitmotiv in verschiedenen Praktiken des CDT, die vordem unter dem Topos der nachhaltigen Entwicklung standen.

"Because we've still got M2's11) post, which is about helping people individually and their homes register their energy consumption. I think the focus M2's tried to take is rather than saying, 'How can I help you reduce your carbon footprint?' she's been saying, 'How can I help you spend less money on your bills?' So I suppose the focus is (2) more about money and less about carbon. Although for us it's about carbon, we're not necessarily selling it that way" (Mitarbeiterin 1: 110-113). [33]

Auch hier machte die Mitarbeiterin einen Unterschied zwischen ihrer eigenen Sinnzuschreibung bzw. der Sinnzuschreibung derjenigen, für die nachhaltige Entwicklung und Klimawandel weiterhin ausschlaggebend waren ("for us it's about carbon") einerseits und von denjenigen, für die die Bedeutung dieser Praktiken anders konstruiert und kommuniziert wurde andererseits. Dabei grenzte sie sich – nicht zuletzt über die Wahl des (strategischen) Begriffs "selling" und dessen Betonung – deutlich von der finanziellen Begründung als für sie handlungsleitendem Motiv ab. Innerhalb der Ansätze sozialer Praktiken bestehen keine Konzepte, um die Interaktionen dieser verschiedenen Bedeutungszuschreibungen und ihre Aushandlung innerhalb der verschiedenen Gruppen des CDT zu analysieren. Wie in Abschnitt 4.2 gezeigt werden wird, ermöglicht hier eine Erweiterung der Perspektive von Praktiken auf Situationen weiterführende Erklärungsansätze. [34]

Der zweite hier analysierte Konflikt entstand zwischen Personen innerhalb des CDT, die ein starkes Interesse an der Produktion erneuerbarer Energien hatten, und denjenigen, die das Camp vor allem als historisches Erbe begriffen und als solches erhalten wollten. Der Streit entzündete sich an den Bestrebungen der Arbeitsgruppe erneuerbare Energien, weitere Energieproduktionstechnologien im Camp einzubauen. Insbesondere prüften die Mitglieder mögliche Varianten für eine Solaranlage. Diese sollte auf einem Stützgestell über einem der Gebäude des Camps angebracht werden. Dieser Vorschlag wurde von anderen sozialen Welten innerhalb des CDT massiv kritisiert.

"So our group started off but I think we had slightly different angles to things. [...] And we are very keen to preserve the camp as it is, without too much change, because things have been changing an awful lot" (Leiterin Kulturerbe-Gruppe: 87-89). [35]

Aus der Perspektive von Ansätzen sozialer Praktiken wird das Camp als Agglomeration materieller Elemente und symbolischer Bedeutungen verstanden. Für die Mitglieder der Kulturerbe-Gruppe war es ein historischer Ort, der möglichst unverändert erhalten bleiben sollte. Zugleich war das Camp Austragungsort für viele Praktiken dieser sozialen Welt wie z.B. Führungen, Informationsveranstaltungen oder Ausstellungen. Darüber hinaus waren mehrere der Aktivitäten und Praktiken der Kulturerbe-Gruppe darauf ausgerichtet, das Camp in seiner historischen Form zu erhalten (Ortspflege, Restaurationsaktivitäten usw.). [36]

Für die soziale Welt der erneuerbaren Energien war das Camp hingegen vorrangig Ort der Produktion, Distribution und des Verbrauchs erneuerbarer Energien sowie Ziel von weiteren Aktivitäten, durch welche die Mitglieder dazu beitragen wollten, das Camp so nachhaltig (emissionsarm) wie möglich zu entwickeln. Diese Sinnzuschreibung bewirkte, dass das Camp als materieller Ort und Ziel baulicher Veränderungen verstanden wurde. Solaranlagen, ein Biomasseboiler, Rohre und Leitungen bildeten die wesentlichen materiellen Artefakte, mit denen das Ziel der Emissionsreduktion durch erneuerbare Energieproduktion erreicht werden sollte. [37]

Der Konflikt war zur Zeit meines Aufenthalts hochgradig virulent. Er war ein beständiges Thema in Sitzungen des Vorstands und den Gesprächen der Mitarbeiter*innen. Bei mehreren Treffen und Besprechungen beschuldigten sich Mitglieder gegenseitig, die Zukunft über die Vergangenheit zu vergessen – und anders herum. Der Konflikt wurde deutlich in Gesprächen und Interviews, in denen die Forschungspartner*innen sich über die jeweils andere Gruppe beschwerten und deren Legitimität und Ziele infrage stellten. Während es verschiedene Gründe für den Streit und seine Bedeutsamkeit gab (Persönlichkeiten, private Konflikte, ...), können diverse Stellen aus den Interviews so gelesen werden, dass die Verwendung und (Nicht-)Veränderung der materiellen Artefakte des Camps eine große Rolle spielten.

"They should devise solar panels that look like corrugated iron, which is—I don't know—it would curve around. [...] I mean, I know there's the biomass boiler there, which is great, because (.) it's still, it still looks like a you know in the bunk- äh the Nissen hut. So it's not detracting away from the overall visual impact of the camp. If there was some way: that you could, it would be ideal" (Leiterin Kulturerbe-Gruppe: 302-307). [38]

In der Sequenz wird zum Ausdruck gebracht, dass es für die Interviewpartnerin um die optischen Auswirkungen der baulichen Veränderungen geht. Diese werden von ihr (nur) als problematisch wahrgenommen, wenn sie dem historischen Bild des Camps widersprechen. Der Konflikt wird somit aus Sicht sozialer Praktiken als einer konzipiert, in welchem es um die Sinnkonstruktion bzw. die Einbettung von materiellen Elementen in die Praktiken spezifischer Gruppen ging. Mit einer Analyse der sozialen Praktiken wird der Streit um das Camp zu einem Nutzungskonflikt. Dieser entzündete sich jedoch nicht direkt an den Aktivitäten, Dingen oder Bedeutungen, sondern an den Verbindungen zwischen bestimmten materiellen Elementen und deren Bedeutungszuschreibungen. Die unterschiedlichen Nutzungsansprüche können aus dieser Perspektive (nur) in solchen Fällen gelöst werden, in denen bauliche Veränderungen zur Steigerung der Energieeffizienz bzw. der Produktion erneuerbarer Energien nicht im Widerspruch zum historischen Aussehen des Camps stehen. Während dies bei dem Biomassesystem möglich war, weil es "verdeckt" in Hütten (Erzeugungs- und Heizanlagen) bzw. unterirdisch (Rohre) eingebaut werden konnte, standen Solarpanels für die Mitglieder der Kulturerbe-Gruppe außer Frage. Die vorläufige Lösung des Konflikts lässt sich aus Sicht sozialer Praktiken demgemäß damit erklären, dass Lösungen gefunden wurden (die Verwendung des Biomasseboilers, die Nicht-Installation der Solaranlage), die es beiden Parteien (weiterhin) ermöglichten, ihre jeweiligen Sinnzuschreibungen an die materiellen Artefakte des Camps aufrechtzuerhalten und diese als Elemente ihrer Praktiken beizubehalten. [39]

Während die Auswertung der beiden Konflikte anhand von Ansätzen sozialer Praktiken den Blick vor allem auf Auslöser und Auswirkungen derselben lenkt, wird bei einem situationsanalytischen Vorgehen der Konflikt selbst zentral. Dies hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Praktiken, die stärker in ihrem dynamischen und instabilen Charakter als nicht "natürliche", sondern "gemachte" soziale Phänomene abgebildet werden können. [40]

4. Betrachtung der Konflikte aus situationsanalytischer Perspektive

4.1 Adele CLARKEs Situationsanalyse

CLARKE konzipierte ihre Situationsanalyse mit dem Ziel, die Strauss'sche GTM im Hinblick auf postmoderne Einsichten weiterzuentwickeln. Ausgehend von der Einsicht, dass empirische Forschung nie unabhängig von theoretischen Annahmen und Überzeugungen der forschenden Personen sein kann, entwickelte sie nicht nur ein theoretisches Gerüst, sondern verband dieses als Theorie-Methoden-Bündel auch mit der Benennung und Beschreibung von Analysemethoden, "die bewusst darauf zielen, Komplexität zu erfassen, anstatt sie zu vereinfachen; Methoden, die sowohl Veränderungsprozesse als auch Strukturen und Stabilitäten in Situationen erhellen; und die Akteure und Positionen soweit entwirren, dass Widersprüche, Ambivalenzen und Belanglosigkeiten offenbar werden" (CLARKE & KELLER 2012, S.31). [41]

Methodologisch machte CLARKE vier Aspekte der GTM aus, welche einer Aktualisierung bedürften. Erstens forderte sie die Integration von Ambivalenz, Heterogenität, Instabilitäten und Kontingenz, kurz: von Komplexität. Was CLARKE dabei vor allem im Sinn hatte, war nicht nur ein erhöhtes Bewusstsein für die generelle Existenz von Komplexität, sondern ein anderer wissenschaftlicher Umgang damit. So sind nach ihrer Einschätzung Methoden und Theorien bislang zu sehr darauf ausgerichtet, Komplexität im Sinne einer stringenten Argumentation oder eines gradlinigen "Storytelling" zu glätten (CLARKE & KELLER 2012, S.30). Als zweiten verbliebenen positivistischen Reflex in der GTM bemängelte CLARKE die unzureichende Einbindung von nicht-menschlichen Elementen. Drittens plädierte sie für eine stärkere Berücksichtigung von Macht und sozialer Ungleichheit. Situationsanalyse kann als Bündel von "methodologisch-sozialtheoretisch begründeten und methoden- und forschungspraktisch verankerten Vorschlägen zur Analyse von Machtverhältnissen" verstanden werden (OFFENBERGER 2019, §23). Insbesondere in einem derart durch Macht geprägten Feld wie der (erneuerbaren) Energieproduktion bedarf es eines Ansatzes, mit dem Fragen nach Macht und sozialer Ungleichheit berücksichtigt werden können (AYKUT et al. 2019; POHLMANN 2019). Viertens erweiterte CLARKE den traditionellen Fokus der GTM auf "basic social processes" (2011, S.207).

"Die Bedingungen der Situation sind in der Situation enthalten. So etwas wie 'Kontext' gibt es nicht. Die bedingenden Elemente der Situation müssen in der Analyse selbst spezifiziert werden, da sie für diese konstitutiv sind und sie nicht etwa nur umgeben, umrahmen oder etwas zur Situation beitragen. Sie sind die Situation" (CLARKE & KELLER 2012, S.112). [42]

Dieser Blickwinkel auf die Forschungssituation bewirkt nicht nur eine Zunahme der zu berücksichtigenden Elemente, sondern aktualisiert zwei fundamentale Grundannahmen qualitativen Forschens: die Kontextualität aller sozialer Phänomene (HOLLSTEIN & ULLRICH 2003, S.36f.) sowie die Forderung nach Offenheit im Forschungsprozess (u.a. FLICK 2009, S.89ff.; HOLLSTEIN & ULLRICH 2003, S.33ff.). Ein Situationsverständnis wie das von CLARKE verhindert, dass interessierende Phänomene (deduktiv) vorab bestimmt werden, da diese nur im Hinblick auf die Situation, in der sie existieren, erklärt werden können. Weiterhin überträgt CLARKE hierdurch die interaktionistische Prämisse, dass Realität immer in Interaktion konstruiert wird, in die Situationsanalyse. Sie fordert Wissenschaftler*innen dazu auf "zu prüfen, inwiefern und in welchem Ausmaße die betrachtete Einheit bzw. das Ausgangsphänomen erweitert oder entgrenzt werden können. Nur vor dem Hintergrund einer solchen Reflexion kann wissenschaftliche Analyse bestimmen, wovon sie spricht – und wovon sie schweigt" (KELLER, DIAZ-BONE & STRÜBING 2013, S.184f.). Ein weiteres Element dieses Situationsverständnisses ergibt sich daraus, dass eine Situation "immer größer als die Summe ihrer Teile [ist], da sie deren Relationalität in einem bestimmten zeitlichen und räumlichen Moment enthält" (CLARKE 2011, S.216). Sowohl die Sinngebung von Elementen als auch deren Beziehungen werden in Situationen von den Beteiligten hergestellt (und könnten somit immer auch anders sein). [43]

Die von CLARKE verwendeten theoretischen Konzepte der sozialen Welten und Arenen wurden von Anselm STRAUSS in den 1960er Jahren entwickelt. Soziale Welten entstehen durch fluide, konstant andauernde Aushandlungsprozesse innerhalb von Gruppen "with certain commitments to certain activities, sharing resources of many kind to achieve their goals, and building shared ideologies about how to go about their business" (CLARKE 1991, S.131). Die in sozialen Welten ausgeführten Aktivitäten entstammen den (ausgehandelten) Kerninteressen bzw. Kernaktivitäten derselben. Soziale Welten sind fluide Gebilde, deren Mitgliedschaft und Grenzen sich beständig wandeln. Zugehörigkeit entsteht durch das "shared commitment" der Mitglieder (a.a.O.; siehe auch STRÜBING 2005, S.180) und verbleibt als Ergebnis von Aktivitäten dynamisch und temporär (STRAUSS 1978, S.123). Personen können gleichzeitig in multiplen sozialen Welten engagiert sein. [44]

Soziale Arenen sind (soziale, nicht geografische) Austragungsorte, in welchen die Mitglieder verschiedener sozialer Welten ihre Themen, Perspektiven und Interessen aushandeln. Arenen beinhalten die "interaction by social worlds around issues—where actions concerning those are being debated, fought out, negotiated, manipulated, and even coerced within and among the social worlds" (STRAUSS 1993, S.226). Diese Prozesse verlaufen nicht unbedingt in "direkten" Interaktionen. Vielmehr treten sie häufig in indirekter Form bspw. als passiver Protest, Arbeitsverweigerung, Schweigen oder Nicht-Teilnahme auf (CLARKE 1991, S.131). So wie Individuen in mehr als einer sozialen Welt engagiert sind, sind soziale Welten zumeist in mehr als einer sozialen Arena vertreten (CLARKE & KELLER 2012, S.149ff.). Die in einer Arena engagierten sozialen Welten setzen sich zu den darin verhandelten Themen und Problemen in Beziehung. [45]

Um diese theoretischen Konzepte sowie die darin enthaltenen methodologischen Prämissen forschungspraktisch umzusetzen, empfiehlt sich die Verwendung von kartografischen Methoden (CLARKE & KELLER 2012). Spezifisch hat CLARKE drei verschiedene Kartentypen entwickelt: Situationskarten, soziale Welten-/Arenenkarten und Positionskarten. Die drei Kartentypen sollen auf verschiedene Weise dabei helfen, Komplexität in all ihren Formen analytisch sicht- und handhabbar zu machen. Im Gegensatz zu verschriftlichenden Analyseverfahren, bei denen notgedrungen eine lineare Gestalt konstruiert werden muss, Aspekte also nur nacheinander beschrieben werden können, haben Karten den Vorteil, dass Elemente und ihre Beziehungen in ihrer Gleichzeitigkeit und ihren Überlappungen darstellbar werden. [46]

Situationskarten sollen all die analytisch relevanten menschlichen, nicht-menschlichen, materiellen und symbolischen bzw. diskursiven Elemente erfassen, die eine Situation beeinflussen. Hierzu sollen Forscher*innen zunächst alles aufschreiben/-zeichnen, was in der zu analysierenden Situation vorkommt; dies explizit ohne dabei auf Ordnung, Reihenfolgen oder Hierarchien zu achten. Situationskarten "intentionally work against the usual simplifications so characteristic of scientific work" (CLARKE 2003, S.559). Ihre Anfertigung soll Forscher*innen dazu anregen und ermutigen, die Vielzahl heterogener Elemente und unordentliche Komplexität von Situationen wahrzunehmen, zu hinterfragen und zu durchdenken (CLARKE & KELLER 2014). [47]

Karten sozialer Welten/Arenen "lay out all of the collective actors and the arena(s) of commitment within which they engage in ongoing negotiations" (CLARKE 2003, S.559). Ausgehend von einer (analytisch rekonstruierten) sozialen Arena werden die involvierten sozialen Akteur*innen und deren Bezugnahmen zu anderen Elementen der Situation hinterfragt. Dabei sollten Forscher*innen sich darum bemühen, alle auftretenden Unterschiede und Variationen sowohl innerhalb als auch zwischen sozialen Welten in den Blick zu nehmen. [48]

Mittels der Positionskarten werden Positionen rekonstruiert, die innerhalb einer Situation diskursiv und/oder praktisch vertreten werden. Wichtig ist, dass diese nicht mit einer Person oder Personengruppe gleichgesetzt werden. Hierdurch ermöglichen Positionskarten, die Ambivalenz von Positionen, wie sie auch innerhalb einer Gruppe oder einem Individuum auftreten, sichtbar zu machen. "Complexities themselves are heterogeneous, and we need improved means of representing them" (S.560). [49]

4.2 Situationsanalyse in der Forschung zu Nachhaltigkeit und Umwelt

Da CLARKEs Texte zur Situationsanalyse erst vor wenigen Jahren ins Deutsche übersetzt wurde, wundert es nicht, dass erst relativ wenige Arbeiten zu dieser Methode innerhalb der deutschsprachigen Forschungsgemeinschaft veröffentlicht wurden. Dass es auch international bislang wenige Arbeiten im Bereich von Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen gibt, liegt m.E. daran, dass CLARKE selbst, wie auch die meisten der in Deutschland bislang mit der Situationsanalyse arbeitenden Wissenschaftler*innen, v.a. im medizinischen Bereich forschen. Demgegenüber steht sozialwissenschaftliche Forschung zu Nachhaltigkeit und Umwelt unter einem enorm hohen Vergleichsdruck zu naturwissenschaftlichen Untersuchungen. So gibt es überhaupt erst seit den 1990er Jahren eine sich langsam etablierende sozialwissenschaftliche Forschung zum Klimawandel und damit verwandten Themen wie bspw. Energieproduktion (SHOVE 2010). Diese tat sich zudem lange Zeit schwer, sich gegen naturwissenschaftliche und technologische Aneignungen durchzusetzen (BRULLE & DUNLAP 2015; ROSA, RUDEL, YORK, JORGENSON & DIETZ 2015; URRY 2011; WELZER, SOEFFNER & GIESECKE 2010). Die Zurückhaltung der Sozialwissenschaftler*innen in diesem Themenbereich wird jedoch nicht nur auf die Dominanz der Naturwissenschaften zurückgeführt, sondern auch auf die den Sozialwissenschaften lange inhärente Vorstellung, dass Natur und Gesellschaft voneinander zu trennen seien (BECK 2010; DUNLAP & CATTON 1979; GOLDMAN & SCHURMAN 2000). [50]

Betrachtet man gerade fertig gestellte oder im Prozess der Fertigstellung befindliche Arbeiten, lässt sich jedoch ein wachsendes Interesse an der Situationsanalyse insbesondere bei Nachwuchswissenschaftler*innen feststellen, die zu Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen arbeiten. Außer in Studien zur Situationsspezifik von Projekten erneuerbarer Energieproduktion in Deutschland und Schottland (COLELL im Druck; POHLMANN 2018) wurde die Situationsanalyse auch angewendet, um die machtgeladenen Aushandlungsprozesse zwischen zivilgesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Akteur*innen im Sektor der Energieproduktion (POHLMANN 2019) und -distribution (POHLMANN & COLELL 2020), aber auch von verschiedenen Stakeholdern in Governanceprozessen zur Energieforschungsförderung auf der europäischen Ebene (GLÜCK 2018) zu untersuchen. Situationsanalytische Verfahren wurden darüber hinaus für die Erforschung von Aushandlungsprozessen in transdisziplinären Projekten (SUHARI 2019) sowie im Rahmen von transsektoralen Partnerschaften zwischen Hochschuleinrichtungen und Partner*innen aus Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft im Rahmen von Stadtentwicklungsprojekten (MEHLING & KOLLECK 2019) angewendet. Ein weiteres Feld, in welchem die Situationsanalyse bereits zum Einsatz gebracht wurde, sind Forschungen zum Thema Mobilität bzw. Mobilitätswandel (LEGER 2019). In all diesen Projekten ermöglichte die Situationsanalyse einen nuancierteren, nicht polarisierenden oder homogenisierenden Blick auf die Akteur*innen und deren Austragungen von machtvollen Verhältnissen (COLELL & POHLMANN 2019; GLÜCK 2018). [51]

4.3 Situationsanalytische Betrachtung der Konflikte

Konflikte sind aus situationsanalytischer Sicht Kulminationspunkte menschlicher Interaktion. Bei der situationsanalytischen Betrachtung rückt der Konflikt selbst in den Fokus. Im Sinne der Situationsanalyse gilt es dabei, die Komplexität der Situation zu erfassen, die Verwobenheit menschlicher, nicht-menschlicher und diskursiver Elemente in den Blick zu bekommen sowie (hierdurch) Macht und Ungleichheit analytisch zu erfassen. [52]

Wie geschildert, ging es bei dem ersten Konflikt um die grundsätzliche Ausrichtung des CDT. In der dabei entstandenen sozialen Arena lassen sich zwei soziale Welten unterscheiden, die jeweils verschiedene Subwelten beinhalteten. Die soziale Welt der "nachhaltigen Entwicklung" wurde stark geprägt durch die Gründungsmitglieder des CDT und die ursprünglichen Vorstandsmitglieder:

"the people who formed the first board of the Trust, who really stuck together for that first four or five years, the personalities involved in that had quite strong visions. So they helped to mould—also, they are very articulate young professional people whose passions were shared for sustainability and community empowerment" (Vorstandsmitglied 7: 161-165). [53]

Die Sequenz bringt die "shared commitments" (CLARKE 1991, S.131) der ursprünglichen Vorstandsmitglieder in Bezug auf bestimmte Interessen, Ideen, Aktivitäten und Ressourcen zum Ausdruck. Neben ihnen waren noch Mitarbeiter*innen sowie Mitglieder des Trusts in dieser sozialen Welt engagiert. Für deren Teilnehmer*innen war das Ziel der nachhaltigen Entwicklung – verstanden insbesondere als ökologische Nachhaltigkeit – bestimmend für ihr Engagement im CDT. [54]

In der sozialen Welt, die sich um das "long-term well-being" bildete, waren neben Mitgliedern des neuen Vorstands ebenfalls Mitarbeiter*innen und Mitglieder des CDT aktiv. Die Zugehörigkeit zu den sozialen Welten ergab sich also nicht aus der jeweiligen "Position" oder aus Funktionen innerhalb des CDT, sondern aus Interessen, Ideen und Überzeugungen. Dabei muss angemerkt werden, dass viele Personen sich nicht abschließend der einen oder anderen Welt zuordnen lassen. Insbesondere Mitarbeiter*innen bemühten sich, an dem Konflikt nicht aktiv teilzunehmen. Zugehörigkeiten zu einer der sozialen Welten bestanden vor allem bei diesen nur als (ambivalente) Tendenz. [55]

Die Mitglieder der sozialen Welt des "long-term well-being" kritisierten, dass der Fokus des CDT auf nachhaltige Entwicklung und insbesondere die Ausrichtung auf Klimawandel und Kohlenstoffemissionen nicht den Interessen und Wünschen der (meisten) Mitglieder des CDT entspreche: Aktivitäten und Entwicklungen, die von den Mitgliedern gewünscht gewesen seien, seien darüber vernachlässigt worden. Tatsächlich gab es in den Jahren 2008 bis 2011 eine starke Betonung nachhaltiger Entwicklung. Dies war nicht nur geprägt durch den geschilderten Hintergrund der Gründungsmitglieder, sondern auch durch bestehende finanzielle Fördermöglichkeiten. 2008 wurde der CDT im Anschluss an eine erfolgreiche Bewerbung um finanzielle Förderung zu einem von fünf ausgewählten Flagship Projects des neu durch das schottische Parlament aufgesetzten und finanzierten "Climate Challenge Fund" (CCF). Der CCF fördert (wie bereits im Namen steckt) Projekte, die es sich zum Ziel setzen, den ökologischen Fußabdruck von Gemeinden zu verringern. Der CDT hatte dies in seiner Bewerbung umgesetzt, indem er den Climate Change Delivery Plan des schottischen Parlaments (THE SCOTTISH GOVERNMENT 2009) direkt auf die Gemeinde übertrug. Die durch die CCF-Gelder ermöglichte Arbeit des CDT sollte dazu beitragen, die in dem Delivery Plan festgelegten Ziele auf der lokalen Ebene umzusetzen. [56]

Die erfolgreiche Bewerbung bedeutete zum einen, dass der Trust über finanzielle Mittel für Projekte verfügte, die in einem direkten Zusammenhang mit der Förderung durch den CCF standen. Zum anderen konnten mit den Geldern des CCF vier Teilzeitkräfte eingestellt werden, deren Tätigkeitsbeschreibung sich aus der Bewerbung bzw. dem Förderkatalog ergab. Diese Umstände institutionalisierten und verstärkten den Fokus auf ökologisch nachhaltige Entwicklung sowohl in der offiziellen (Selbst-)Darstellung des Trusts wie auch in den Aktivitäten. In der Wahrnehmung der Mitglieder stellte sich dies wie folgt dar:

"I think the development has forced the Trust to look at things financially of what is and isn't possible sort of thing. They worry about the money a lot. And I think that this, for a couple years or so, has gotten it away from the community elements. The difficult financial elements of Cultybraggan Camp, I find there's a big focus on that, and there's been the funding around the Climate Challenge funding, which has sort of focused around the Climate Challenge agenda. So it's sort of been money and find money and climate change that's been the main things. I think in the past years I think there has been this recognition actually we do need to re-engage with people and work out how to engage" (Mitarbeiter 4: 383-395). [57]

In dieser Interviewsequenz wird die Relevanz finanzieller Elemente und ihrer Relationen zu anderen Elementen deutlich. Wie die meisten Gemeindeorganisationen litt der CDT trotz der (zeitlich beschränkten) Gelder des CCF unter finanziellen Engpässen. So gibt es für Gemeindeorganisationen nur sehr eingeschränkt und unter starkem Wettbewerb die Möglichkeit, Fördergelder und Unterstützungen zu erhalten (HINSHELWOOD 2001; SEYFANG, PARK & SMITH 2013; STRACHAN, COWELL, ELLIS, SHERRY-BRENNAN & TOKE 2015; WALKER 2008). Mittelfristig wird von den Projekten erwartet, ein solides finanzielles Konzept zu entwickeln und umzusetzen, um wirtschaftlich tragfähig zu sein. Dies führte nach Wahrnehmung des Interviewpartners dazu, dass der Vorstand des CDT seinen Fokus zunehmend an von außen gesetzte Bedingungen und Erwartungen anpasste, um Finanzierungsmöglichkeiten aufzufinden und umzusetzen. Hierdurch wurde zum einen die Aufmerksamkeit weg von Aktivitäten gelenkt, die keine finanziellen Einnahmen versprachen. Dies tritt in einer Interviewsequenz mit einem Vorstandsmitglied zu Tage.

"Once we can pay off the debt, then I think we can have another exercise of saying to the village, 'Look, we've paid off the debt. We're potentially going to come into some income stream. Now, what do you want to do?'" (Vorstandsmitglied 2: 267-269) [58]

Die Realisierung der Interessen und Wünsche der Gemeindemitglieder wird in dieser Sequenz zeitlich wie auch in Bezug auf Bedeutsamkeit hinter die Realisierung finanzieller Ziele gestellt. Dies zeigt sich in der Formulierung "once" die ähnlich dem deutschen "wenn" nicht nur eine temporäre Reihenfolge, sondern auch eine inhaltliche Priorisierung beinhaltet. Diese Hierarchisierung scheint auch darin auf, dass die finanziellen Erfordernisse unumwunden formuliert werden, während die Erfüllung der Gemeindeinteressen durch den Einschub "then I think" abgeschwächt bzw. unter den Vorbehalt der momentanen (und somit noch veränderlichen) Einschätzung gestellt wird. [59]

Zum anderen steckt in dieser Sequenz auch die Verschiebung der Aufmerksamkeit hin zu spezifischen Zielen und Aktivitäten. Forscher*innen haben bereits aufgezeigt, dass die Abhängigkeit von Förderinstrumenten bzw. -organisationen dazu führen kann, dass Gemeindeorganisationen ihre Struktur und geplanten Projekte an existierende Fördertöpfe und deren Förderrichtlinien anpassen (HINSHELWOOD 2001, S.96). Weil sich dies positiv auf die Wirtschaftlichkeit und damit das Überleben der Organisationen innerhalb des bestehenden Systems auswirkt, kommt es häufig dazu, dass Gemeindeorganisationen Kompromisse in Bezug auf ihre ursprünglichen Ziele und Prinzipien eingehen, um Fördergelder einwerben zu können: "The ideal situation of raising enough money from donors to carry out community ideas without compromise is rare" (S.104). Genau dieser Effekt wurde in dem geschilderten Konflikt (unter anderem) verhandelt. Wie der Mitarbeiter in dem vorletzten Zitat erklärt, kritisierte die soziale Welt des "long-term well-being" den "falschen" Fokus auf Nachhaltigkeit, insbesondere Klimawandel, welcher aus dem Vorhandensein von Fördergeldern und politischen Programmen und nicht den Interessen der Gemeindemitglieder resultiert sei.

"So I'm sure that the leadership of the Trust put a certain angle on that stuff as well. And then finally, of course, what happens is that when you're accessing money, you tell a story to help you access that money. It's only practical to do so" (Vorstandsmitglied 7: 161-170). [60]

Aus der Interviewsequenz wird erkennbar, dass die Integration von "externen" Verhältnissen nicht (nur) in Form von (passiver) Anpassung verlief, sondern auch bewusste, aktive (strategische) Entscheidungen beinhaltete. Hierfür kann die in der vorhergehenden Auswertung sozialer Praktiken vorgenommene Analyse einen Ansatz liefern. Anhand dieser wurde deutlich, dass sich im Zuge des Strategy Review nichts an der Organisation der körperlichen Aktivitäten mit dem theoretischen und/oder praktischen Wissen sowie den materiellen Artefakten veränderte. Stattdessen wurden die Bedeutungen angepasst. Aus situationsanalytischer Perspektive ist diese Einsicht im Hinblick auf die Frage interessant, in welchem Zusammenhang diese Verschiebungen mit dem CDT als Agglomeration heterogener sozialer Welten und deren dynamischen Aushandlungsprozessen stehen. Aus einer solchen Perspektive kann bzw. muss die oben bereits zitierte Interviewsequenz anders gelesen werden.

"Because we've still got SM2 post, which is about helping people individually and their homes register their energy consumption. I think the focus SM2's tried to take is rather than saying, 'How can I help you reduce your carbon footprint?' she's been saying, 'How can I help you spend less money on your bills?' So I suppose the focus is (2) more about money and less about carbon. Although for us it's about carbon, we're not necessarily selling it that way" (Mitarbeiterin 1: 110-113). [61]

Wichtig ist, dass es sich bei dieser Wahrnehmung um die Perspektive dieser spezifischen Interviewpartnerin und ihrer Position innerhalb des CDT allgemein und des Konfliktes im Besonderen handelt. Denn die Aufrechterhaltung der Praktiken wäre innerhalb der Konfliktsituation bzw. deren Lösung nicht möglich gewesen, wenn Mitglieder der anderen sozialen Welten ebenfalls die Wahrnehmung gehabt hätten, dass sich nicht (wirklich) etwas verändert hat. Während für die Interviewpartnerin die Verschiebung der Termini von "sustainable development" zu "long-term well-being" einen Wandel der Begrifflichkeiten bzw. des Signifikats darstellte, kennzeichnete dies für die anderen Parteien in dem Konflikt eine Änderung des Signifikants. Ausgehend von den Elementen der Praktiken ergibt sich die paradoxe Situation, dass der Konflikt für einige Konfliktparteien somit keine bis wenig Auswirkungen auf die Praktiken hatte, die innerhalb des CDT ausgeübt werden, während er aus einer anderen Perspektive zu relevanten Veränderungen der Sinnzuschreibung bei der Organisation von körperlichen Aktivitäten, verkörperlichtem Wissen und Artefakten führte. Aus situationsanalytischer Sicht wird deutlich, dass Bedeutungszuschreibungen hochgradig instabile Ergebnisse von sozialen Aushandlungsprozessen sind, die Platz lassen für heterogene Bedeutungszuschreibungen und deren beständige Neuaushandlungen. [62]

Das positive Potenzial von bestimmten Elementen für den Zusammenhang verschiedener sozialer Welten innerhalb des CDT wird in einem Interviewausschnitt erkennbar, in welchem ein Interviewpartner erzählt, welchen Effekt die Verteilung von finanziellen Mitteln an verschiedene Gruppen innerhalb der Gemeinde gehabt habe.

"Two thousand pounds. So we decided to chop it up into small amounts and give away I think it was about eleven grants of two hundred pounds to anybody who wanted to apply. So we had the Brownies apply—I can't remember all the specifics [...] So we gave out all this money. Just two hundred pounds. And that made an enormous difference for that year of people saying, 'Ah, it was good.' But I think that's the sort of thing you could actually do, maybe on a slightly larger scale if we had a proper small income" (Vorstandsmitglied 2: 206-212). [63]

Der Ausschnitt zeigt auf, dass finanziellen Mitteln eine überbrückende Funktion innerhalb der Situation zukam. Diese wurden durch den Vorstand an die verschiedenen sozialen Welten innerhalb des CDT verteilt und ermöglichen diesen, ihre jeweiligen (Kern)-Aktivitäten durchzuführen bzw. Ideen und Interessen zu realisieren. Im Zuge des Strategy Review wurde diese verbindende Funktion der Einnahmen für die Kommunikation der Energieproduktionspraktiken genutzt. So wurde Energieproduktion nun weniger als Bestandteil der nachhaltigen Praktiken des CDT, sondern zunehmend als Strategie zur Einnahme finanzieller Mittel für die Gemeinde (siehe vorangegangenes Zitat des Vorstandsmitglied 2 in diesem Abschnitt) kommuniziert. Situationsanalytisch kann dies dahingehend erweitert werden, dass diese Verschiebung der diskursiven Positionen im Hinblick auf die Energieproduktion vor allem ein Ergebnis der Aushandlungsprozesse war. Während "nachhaltige Entwicklung" im Zuge des geschilderten Konflikts zunehmend diese integrierende Wirkung verlor, konnte die "Sinnhaftigkeit" der Praktiken innerhalb des CDT über den Topos der finanziellen Einnahmen, die direkt zum "long-term well-being" beitragen, diskursiv erhalten werden. [64]

Über die Notwendigkeit, Finanzmittel einzuwerben bzw. über die Möglichkeit, sie für bestimmte Zwecke und Ziele anzufordern, wurden gesellschaftliche Machtverhältnisse zu Elementen der Situation. Als solche wurden sie auch in der Arena des geschilderten Konfliktes ausgehandelt. Dabei zeigen sich in den Ursachen wie auch in dem Verlauf des Konflikts sowohl die Mächtigkeit wirtschaftlicher bzw. kapitalistischer Ideologien und Verhältnisse als auch deren Verhandelbarkeit: Der Konflikt und die Kritik der Gemeindemitglieder an der Priorität wirtschaftlicher Aktivitäten zeigt, dass weder das grundsätzliche Erfordernis der Wirtschaftlichkeit noch dessen spezifische Umsetzung durch die Vorstandsmitglieder des CDT unkritisch akzeptiert wurden. [65]

Wie anhand der Auswertung der sozialen Praktiken dargestellt werden konnte, endete dieser Konflikt jedoch in einer Situation, in welcher sich wenig an den innerhalb des CDT ausgeübten Aktivitäten veränderte. Gewandelt haben sich Sinnzuschreibungen und die diese Praktiken ausübenden Individuen sowie ihre Position innerhalb des CDT. In der turnusgemäßen Wahl des Vorstandes beschlossen die meisten "alten" Vorstandsmitglieder, nicht erneut zur Wahl anzutreten. Diese individuell getroffenen Entscheidungen waren nicht nur, aber doch auch durch den zu dieser Zeit hochgradig virulenten Konflikt motiviert. Es kann argumentiert werden, dass diese Situation Höhepunkt bzw. Ergebnis eines Aushandlungsprozesses war, in welchem die Bedeutung wirtschaftlicher Ziele personifiziert über die Vorstandsmitglieder ausgetragen wurde. Der Nicht-Wiederantritt für die Wahl und der Strategy Review können dann gelesen werden als Elemente bzw. Ereignisse innerhalb dieses Aushandlungsprozesses. Aus situationsanalytischer Perspektive wird der Konflikt um die unterschiedlichen Nutzungsinteressen der erneuerbaren Energien-Gruppe und der Kulturerbe-Gruppe als soziale Arena verstanden, innerhalb derer die sozialen Welten ihre Sinnzuschreibungen an das Camp und die sich daraus ableitenden möglichen und unmöglichen Aktivitäten bzw. Maßnahmen verhandelten. Dabei wurden teilweise die gleichen Elemente in die Praktiken der beiden sozialen Welten eingebunden – dies jedoch mit sehr unterschiedlichen symbolischen Bedeutungen und unterliegenden Wissensformen. [66]

Die Auswirkungen des Konflikts um die Nutzung des Camps durch die Arbeitsgruppe erneuerbare Energien und durch die Geschichtserbe-Gruppe bezogen sich aus der Perspektive von Ansätzen sozialer Praktiken hauptsächlich auf die unterschiedliche Nutzung der materiellen Artefakte des Camps. Anhand der situationsanalytischen Perspektive soll dieser Konflikt hier nun im Hinblick auf die ihm immanenten Heterogenitäten und Ambivalenzen betrachtet werden. [67]

Soziale Zugehörigkeiten und menschliche Akteur*innen liegen in der Camp-Arena teilweise quer zu den sozialen Welten. Dies ist mit Bezug auf Ansätze sozialer Praktiken vor allem relevant, da einige soziale Akteur*innen wie beispielsweise die Mitarbeiter*innen und die Vorstandsmitglieder zwar Praktiken der Energieproduktion austragen, jedoch zugleich Teilnehmer*innen der sozialen Welt der Kulturerbe-Gruppe sind. Unter diesem Blickwinkel soll ein bei der Analyse des Konflikts anhand von Ansätzen sozialer Praktiken analysiertes Zitat noch einmal betrachtet werden.

"So our group started off but I think we had slightly different angles to things. [...] And we are very keen to preserve the camp as it is, without too much change, because things have been changing an awful lot" (Leiterin Kulturerbe-Gruppe: 87-89). [68]

Aus situationsanalytischer Perspektive ist relevant, dass das Zitat von einer Person stammt, die gleichzeitig Leiterin der Kulturerbe-Gruppe und Mitglied im Vorstand des CDT war. In dieser Interviewsequenz distanzierte sie sich kritisch vom Vorstand des CDT – bzw. dessen Blickwinkel auf das Camp –, dem sie selbst angehörte. Darüber hinaus war sie eine von vier Energy-Advisors des CDT. Bezahlt aus Mitteln des CCF hatte sie eine Stelle, deren Aufgabe darin bestand, die Bewohner*innen Comries über Klimawandel und Energieverbrauch aufzuklären und sie bei der energieeffizienten Umgestaltung ihres Haushalts bzw. Alltags zu unterstützen. Seit Beendigung dieser Aufgabe ca. drei Jahre vor meinem Aufenthalt hatte sie sich so stark in der Kulturerbe-Gruppe engagiert, dass sie zu deren Gruppenleiterin gewählt worden war. Hier zeigt sich die Instabilität der Trägerschaft von sozialen Praktiken. Obschon sie ihre ehemalige Aufgabe sowie das Engagement des CDT im Bereich des Klimawandels auch zum Zeitpunkt des Interviews noch als relevant und sinnvoll verstand, war ihr Verhältnis zu energieeffizienten Umbaumaßnahmen am Camp ambivalent.

"Ideally, they'd [the huts] all be energy efficient with their (2) little, little (2) stoves inside, you know, fed by energy efficient you know, the pellet things, the burning pellet—you know. That would be perfect. In an ideal world, it would be lovely, but still retain their (3) original character. But certainly, heritage and futures energy efficiency eh,—it's a difficult one. It's contrary, isn't it? It's, one's back there and the other's ahead, isn't it? Trying to (2) ehm- but ideally, it'd be great to have them all energy efficient and (2) perfect" (Leiterin Kulturerbe-Gruppe: 266-271). [69]

Während in einer "idealen Welt" die Verbindung der Interessen der beiden sozialen Welten möglich wäre, sah die Interviewpartnerin diese Vereinbarung als schwierig bzw. kaum zu erreichen an. Diese Ambivalenz im Hinblick auf die Nutzung der materiellen Artefakte des Camps fand sich bei mehreren Vorstandsmitgliedern und Mitarbeiter*innen. So waren alle Mitarbeiter*innen über die Mittel des CCF angestellt und somit gebunden an die Arbeitsgruppe erneuerbare Energien, deren Ziele und Aktivitäten sie auch persönlich unterstützten. Gleichzeitig waren zwei der vier Mitarbeiter*innen zur Zeit meiner Feldforschung engagierte Mitglieder der Kulturerbe-Gruppe. Ähnliche sich überlappende Zugehörigkeiten zu beiden sozialen Welten gab es bei Mitgliedern des CDT und des (neuen) Vorstands. Diese querliegenden Zugehörigkeiten bewirkten zum einen, dass die Camp-Arena auch innerhalb der sozialen (Sub-)Welten des Vorstands und der Mitarbeiter*innen ausgehandelt wurde. Zum anderen und im Hinblick auf Ansätze sozialer Praktiken wird hier die Bedeutung von Ambivalenzen im Handeln der Akteur*innen deutlich. Um diese zu fassen, bieten Ansätze sozialer Praktiken kein ausreichendes analytisches Werkzeug. Eine Auswertungsmethod(ologi)e, mit der der Blick der Forschenden auf die Heterogenität und Ambivalenz von Akteur*innen gerichtet wird, kann praxistheoretisch inspirierte Arbeit erweitern und macht es möglich, die Ambivalenzen menschlichen Handelns zu untersuchen. Damit werden auch die Prozesse in die Analyse mit einbezogen, mit denen innerhalb von sozialen Arenen wie auch sozialen Welten diese Ambivalenzen ausgehandelt werden. [70]

Mit Bezug auf die Installation von erneuerbaren Energietechnologien wurden im CDT verschiedene Optionen diskutiert. Ähnlich der obigen Sequenz zur Energieeffizienz äußerte sich die Gruppenleiterin in einem späteren Gespräch zur Frage des Einbaus von Solaranlagen folgendermaßen:

"They should devise solar panels that look like corrugated iron, which is—I don't know—it would curve around" (Leiterin Kulturerbe-Gruppe: 302-303). [71]

Auch hier tritt die Ambivalenz der Interviewpartnerin in Bezug auf das Thema hervor. So war sie mitnichten grundsätzlich gegen die Installation von Solaranlagen oder energieeffizienten Umbauten – auch nicht innerhalb des Camps. Ihr Widerstand bezog sich auf die Momente, in denen diese Einbauten im Widerspruch zu den Kernanliegen der Kulturerbe-Gruppe standen. Auch wenn die genannte Option zum Zeitpunkt der Untersuchung nicht umsetzbar war, geht aus beiden Sequenzen hervor, worum es in diesen Aushandlungen ging: Lösungen zu entwickeln, durch welche die Kerninteressen beider sozialer Welten miteinander arrangiert werden können. Dies betraf nicht ganze Praktiken, sondern die Frage, wie jene Elemente bzw. deren Nutzung miteinander ausgehandelt werden, die von den beiden Gruppen innerhalb der spezifischen Situation des CDT mit unterschiedlichen Sinnzuschreibungen belegt waren. Aus situationsanalytischer Perspektive kann anhand dieses Konflikts nachvollziehbar gemacht werden, dass Ambivalenz auch bezüglich der eine Praktik ausführenden Akteur*innen bedeutsam ist: Diese sind immer auf vielfache, instabile Weise in verschiedene soziale Welten eingebunden. Als deren Mitglieder können sie unterschiedliche Positionen in Bezug auf ein und dieselbe Praktik bzw. die Einbindung und Verwendung von Elementen innerhalb einer Praktik haben. [72]

5. Diskussion

In diesem Beitrag wird das analytische Potenzial betrachtet, welches sich aus der Kombination von Ansätzen sozialer Praktiken und der Situationsanalyse ergibt. Um die jeweiligen Fokusse sowie analytischen Stärken und Schwachstellen darzustellen, wurden zwei Konflikte bzw. soziale Arenen, die innerhalb einer schottischen Gemeindeorganisation auftraten, jeweils mit den beiden Ansätzen analysiert. Diese wurden nicht im Sinne einer besseren oder schlechteren Eignung gegeneinandergestellt, sondern in ihrem Potenzial zur gegenseitigen Ergänzung betrachtet. Es geht nicht darum, Praktiken zugunsten von Situationen zu verwerfen, sondern den Fokus auf Praktiken in Situationen zu erweitern. Aus dieser Haltung heraus sollen die beiden Ansätze nun in ihrem Zusammenwirken betrachtet werden. [73]

In der Analyse wurde jeweils zunächst ein Konflikt betrachtet, der sich ca. fünf Jahre nach der Gründung des CDT um dessen generelle Ausrichtung entsponnen hatte. In diesem Konflikt wurde ausgehandelt, ob im Mittelpunkt des Selbstverständnisses wie auch der Aktivitäten des CDT weiterhin die Ausrichtung "nachhaltige Entwicklung" mit ihrem durch den Trust vorgenommenen Schwerpunktsetzung auf Klimawandel bzw. Treibhausgasreduktionen stehen sollte. Der Konflikt kulminierte in einer Mitgliederversammlung, in der ein Gutteil der Mitglieder des alten Vorstandes nicht mehr zur Wahl antrat. Der neue Vorstand startete einen Strategy Review-Prozess, welcher dazu führte, dass die offizielle Vision des CDT nicht mehr "sustainable development", sondern das "long-term well-being" der Gemeinde war. [74]

Analysiert mit Ansätzen sozialer Praktiken können vor allem die Auswirkungen des Konflikts auf die innerhalb des CDT ausgeübten Praktiken erneuerbarer Energiegewinnung in den Blick genommen werden. Dabei ergibt sich ein ambivalentes Bild. So wird deutlich, dass sich hier "lediglich" das Element der Sinnzuschreibung veränderte, während die körperlichen Aktivitäten, die materiellen Artefakte sowie das verkörperlichte Wissen gleichblieben. Auch im Hinblick auf die Sinnzuschreibung ist das Ergebnis nicht eindeutig. Vielmehr betont eine Interviewpartnerin, dass der Grund für Aktivitäten (für sie) eigentlich der gleiche geblieben sei, er sei lediglich nach außen anders kommuniziert worden. Dabei wurden die mit der Gewinnung erneuerbarer Energien verbundenen Praktiken in der Kommunikation mit anderen sozialen Welten nun vor allem als finanziell motiviert dargestellt. Hier zeigt sich die Perspektivität sozialer Realität. Denn für diese anderen sozialen Welten handelt es sich hierbei nicht um eine Kommunikationsstrategie, sondern um die Sinnzuschreibung an die Produktion erneuerbarer Energien innerhalb des CDT. [75]

Werden Ansätze sozialer Praktiken mit situationsanalytischen Betrachtungsweisen verbunden, wird weiterhin der Wandel der Sinnzuschreibung weg von ökologischer Nachhaltigkeit hin zu einer finanziellen Strategie als Ergebnis eines Aushandlungsprozesses erkennbar. Aufgrund der Einbettung der Energiegewinnung in die spezifische Situation des CDT gab es wenig bis keine Möglichkeiten für den Trust, diese zu beenden bzw. deren andere Elemente zu verändern. Die materiellen Artefakte der Produktion erneuerbarer Energien an sich bedingen bestimmte körperliche Aktivitäten und verkörperlichtes Wissen. Diese konnten im CDT als durch ehrenamtliches Engagement getragene Gemeindeorganisation nur schwer an andere Akteur*innen abgegeben werden. Weiterhin verhinderten die in den materiellen Artefakten institutionalisierten bzw. sich materialisierenden finanziellen Ströme sowie die diese beeinflussenden und formenden grundsätzlichen machtvollen Verhältnisse eine Beendigung der Praktiken. Wenn der Blick auf die Situation als Ganzes ausgeweitet wird, wird deutlich, dass machtvolle Elemente Bestandteile der Situation der Produktion erneuerbarer Energien im CDT wurden, die eine Veränderung der anderen Elemente der Praktiken erneuerbarer Energiegewinnung verhinderten bzw. stark erschwerten. [76]

Bei der zweiten analysierten sozialen Arena ging es um einen Konflikt zwischen der sozialen Welt der Arbeitsgruppe erneuerbare Energien und der Kulturerbe-Gruppe. Beide soziale Welten bezogen sich in ihren sozialen Praktiken auf das Camp bzw. die Nissen-Hütten des Camps. Während es im Sinne des shared commitment der Arbeitsgruppe erneuerbare Energien jedoch darum ging, die Hütten für den An- bzw. Aufbau von Energiegewinnungsanlagen zu verwenden, war das Kerninteresse der Kulturerbe-Gruppe der weitgehende Erhalt des historischen Aussehens von Camp und Hütten. Es handelte sich also um einen klassischen Ressourcenkonflikt, bei dem über die symbolische Bedeutung der Zugriff auf die materiellen Ressourcen erreicht werden sollte. Im Ergebnis endete der Konflikt damit, dass keine Solaranlage errichtet wurde. Dafür wurde bei der Sanierung einer Nissen-Hütten in ein Heritage Centre darauf geachtet, dass diese mit nachhaltigen Materialien gedämmt wurde. Weiterhin wurde die Hütte an das durch den Biomasseboiler versorgte Wärmenetz angeschlossen. [77]

Vergleichbar der Aufrechterhaltung der Energieproduktionspraktiken im ersten geschilderten Konflikt, welche sich nicht aus den Praktiken bzw. ihren Elementen alleine, sondern nur aus ihrer Einbettung in die Situation des CDT erklären lassen, kann auch dieser zweite Konflikt bzw. können die aus ihm resultierenden sozialen Praktiken nicht aus einer Betrachtung der Praktiken an sich erklärt werden. Vielmehr werden diese erst durch eine Erweiterung der Perspektive auf die Situation verständlich. Diese erlaubt es, den Fokus auf das situative Zusammenkommen von (disparaten) Praktiken und damit potenziell konfliktiven Ansprüchen an Ressourcen zu legen. Damit eine Praktik entstehen bzw. fortgeführt werden kann, müssen möglicherweise bestehende, widersprüchliche Interessen an Ressourcen oder symbolische Bedeutungen ausgehandelt werden. Diese (in vielen Fällen beständig andauernden) Aushandlungen bzw. ihre instabilen Ergebnisse werden immanenter Bestandteil der Praktiken. [78]

Dabei nehmen Elemente, welche in den Praktiken verschiedener sozialer Welten eine Rolle spielen, den Charakter von "boundary objects" (STAR & GRIESEMER 1989) ein. Diese werden verstanden als "objects which are both plastic enough to adapt to local needs and the constraints of the several parties employing them, yet robust enough to maintain a common identity across sites" (S.393). Sie können diskursive Elemente wie im ersten Konflikt das Konzept des "long-term well-being" oder im zweiten Konflikt des Kulturerbes bzw. der Zukunftsorientierung, aber auch materielle Elemente wie die Energieanlagen bzw. das Camp und die Nissen-Hütten sein. Es sind somit nicht die Praktiken an sich, sondern diejenigen Elemente, die in den Praktiken anderer sozialer Welten eine abweichende oder konträre (Erhalt vs. Veränderung des Camps) Verwendung haben, welche in sozialen Arenen verhandelt werden. Während "boundary objects" häufig im Sinne von "bridges and anchors" (S.414), also als Teil der Problemlösung bzw. Konfliktaushandlung konzipiert werden, weisen OSWICK und ROBERTSON (2009) darauf hin, dass diese "might equally be perceived as barricades and mazes, reinforcing existing power structures and occupational hierarchies" (S.179). Versteht man Praktiken als innerhalb von sozialen Welten geteilt, können die Elemente einer Praktik im kollaborativen Sinne einerseits als "bridges" und "anchors" zu anderen sozialen Welten fungieren. Andererseits können Elemente aber auch im Sinne von "barricades" (Erhalt vs. Veränderung des Camps) und "mazes" ("long-term wellbeing" vs. "sustainable development") konfliktives Potenzial haben. Die Aushandlungen bezüglich der Elemente (welche soziale Welt hat Zugang zu welchen Elementen, mit welcher Bedeutung sind diese Elemente versehen) finden in sozialen Arenen statt. Auf welche Elemente in einer Praktik zugegriffen werden kann bzw. welche Bedeutung diese Elemente haben, ist demgemäß nicht nur aus einer Praktik selbst zu verstehen, sondern steht immer in Zusammenhang mit der Situation und den darin zum Tragen kommenden sozialen Arenen und Welten. [79]

Die hier entwickelte Verschiebung des Fokus von Praktiken aus Situationen sowie die Konzeptualisierung von Praktikenelementen als (potenziellen) "boundary objects" ergänzt bestehende Ansätze sozialer Praktiken um eine stärkere Berücksichtigung von Heterogenität und Konflikt. Denn bei einer reinen Betrachtung von sozialen Praktiken bleiben heterogene Sinnzuschreibungen relativ unverbunden nebeneinanderstehen. Wie Praktiken bzw. deren Elemente aktiv zwischen verschiedenen sozialen Akteur*innen ausgehandelt werden, kann nicht analysiert werden. Vielmehr erscheinen sie in den bestehenden Ansätzen als immer schon sozial geteilt bzw. als auf kollektiv geteilten Wissensformen beruhend. Wie dieses "sozial geteilt" (immer wieder neu) passiert und welche Konflikte und (kreativen) Problemlösungen dabei entstehen, kann mittels der bestehenden praxistheoretischen Konzepte (bislang) nicht rekonstruiert werden. [80]

Dies liegt zum einen daran, dass Praxistheoretiker*innen vor allem bestehende Praktiken untersuchen. Dabei fokussieren sie in ihrer Analyse und ihrem Erklärungshorizont auf das routinisierte Verhalten von Individuen (BONGAERTS 2007; VOLBERS 2015). Dass durch Ansätze sozialer Praktiken die Ambivalenz der eine Praktik organisierenden Elemente nicht gefasst wird, irritiert insofern, als im Fokus der Betrachtung von sozialen Praktiken nicht menschliche Akteur*innen, sondern die Praktiken selbst stehen. Andererseits erklärt genau dies den blinden Fleck: Ausgehend von einer bestimmten Praktik kommen nur die Sinnkonstruktionen von Elementen in den Blick, die sich aus dieser einen Praktik ergeben. Alternative Verständnisse einzelner Elemente – beispielsweise durch andere soziale Welten – werden nur unzureichend berücksichtigt und können nicht in ihrer ko-konstituierenden oder konflikthaften Wirkung erfasst werden. [81]

Wie die Analyse der Camp-Arena zeigt, sind für eine Praktik nicht nur diejenigen menschlichen Akteur*innen relevant, die sie ausüben. Vielmehr haben auch Kritiker*innen, Interessent*innen und andere in die Situation involvierte Personen Auswirkungen auf die Ausübung von Praktiken. Diese verschiedenen sozialen Welten sowie die sozialen Arenen, in denen die Ko-Konstruktion von Praktiken ausgehandelt wird, können durch eine situationsanalytische Auswertung erfasst werden. So macht die Analyse des Nutzungskonflikts um das Camp deutlich, dass Positionen in Bezug auf eine Praktik nicht mit Individuen oder Kollektiven verwechselt werden dürfen. Personen können nacheinander – aber auch gleichzeitig – sowohl (überzeugt) von der Relevanz einer Praktik als auch Kritiker*innen derselben sein. [82]

Auch in Weiterentwicklungen, durch welche der Blick von einzelnen Praktiken auf Arrangements von Praktiken verschoben wird (BLUE & SPURLING 2017; HUI 2017; HUI et al. 2017b), wurden Ansätze sozialer Praktiken bezüglich ihres Verständnisses von Ambivalenz, Heterogenität oder Instabilität gestärkt. Während eine solche Verschiebung bedeuten würde, dass Konflikte und Aushandlungsnotwendigkeiten (zwischen Praktiken, innerhalb von Praktiken aufgrund von Überlappungen usw.) stärker in den Blick kommen, bleiben die bisherigen Erweiterungen einer tendenziellen Überbetonung von Kooperation und Koordination verhaftet. So werden aktuell Variationen in materiellen bzw. räumlich-zeitlichen Arrangements im Hinblick darauf untersucht, wie sie zu Überlappungen und Überschneidungen von Praktiken führen (HUI 2017) und somit zum Nexus von Praktiken beitragen (BLUE & SPURLING 2017), aus welchem soziale Phänomene bestehen (SCHATZKI 2010). Die Interaktion von Praktiken wird dabei als produktiv dargestellt. "The situation of materials and practitioners at the intersection of practices is therefore indicative of chains of interaction between practices—processes whereby inputs to one practice are transformed into outputs that may become inputs of another practice" (HUI 2017, S.62). Eine solche Perspektive betont das kooperative Zusammenwirken von Praktiken bzw. Variationen innerhalb und zwischen Praktiken. [83]

Aushandlungen und Konflikte, die aus dem situativen Zusammentreffen von Praktiken sowie aus der Verbindung und Überlappung von verschiedenen Praktiken entstehen (im Gegensatz zur inhaltlichen Überlappung in den Ansätzen von BLUE & SPURLING [2017] sowie HUI et al. [2017b]) und diese maßgeblich prägen, bleiben bei einer derartig "systemischen" Betrachtung außen vor. Die Kombination von Ansätzen sozialer Praktiken mit der Situationsanalyse ermöglicht demgegenüber ein besseres Verständnis davon, wie Praktiken in soziale Zusammenhänge eingebettet sind und in diesen ausgetragen werden. [84]

6. Fazit

Die Fragen, denen ich in diesem Beitrag nachgegangen bin, lauten: Welche Aspekte von Konflikten rücken in den Blickpunkt, wenn diese mit Ansätzen sozialer Praktiken betrachtet werden? Was wird dagegen sichtbar gemacht, wenn die Konflikte innerhalb des CDT situationsanalytisch betrachtet werden? Übergreifend steht dabei die Frage, welche Einsichten sich aus einer Perspektivverschiebung von Praktiken zu Situationen ergeben. Dabei war es das Ziel, herauszuarbeiten, welche theoretisch-analytischen Ergänzungen die Situationsanalyse zu Ansätzen sozialer Praktiken beitragen kann. [85]

Im Ergebnis zeigt sich, dass situationsanalytische Verfahren die Analyse von sozialen Praktiken dahingehend ergänzen können, dass sie analytische Werkzeuge bieten, anhand derer Brüche und Konflikte in und zwischen Praktiken in den Blick genommen werden können. Die Auseinandersetzungen um das Konzept der Nachhaltigkeit bzw. um die Nutzung von Cultybraggan Camp machen deutlich, dass Elemente von sozialen Praktiken bzw. deren Sinnzuschreibungen und Nutzungsbefugnisse innerhalb von Organisationen nicht (nur) innerhalb einer Praktik, sondern (auch) in sozialen Arenen ausgehandelt werden. Elemente, die Bestandteil von mehr als einer Praktik sind, fungieren dabei als "boundary objects". Als solche verankern und überbrücken sie soziale Welten bzw. deren unterschiedliche Sinnkonstruktionen in Bezug auf z.B. materielle oder diskursive Elemente nicht nur, sondern können auch als Barrikaden wirken bzw. Verwirrung stiften (OSWICK & ROBERTSON 2009). Die hier untersuchten Praktiken werden als situationsgebundene emergente soziale Phänomene erkenn- und erforschbar. Durch ein situationsanalytisches Vorgehen erweitert sich der Blickwinkel auf die materielle, soziale und diskursive Einbettung von Praktiken und ihre Verwurzlung in bestimmten sozialen Zusammenhängen bzw. Situationen. Praktiken werden in diesem Verständnis zu inhärenten Bestandteilen der Situationen, in denen sie ausgetragen werden. Hiermit wird es möglich, das Zusammenhängen auch von solchen Praktiken zu verstehen, die nicht systemisch oder infrastrukturell (BLUE & SPURLING 2017; HUI et al. 2017b) aufeinander bezogen sind. [86]

Dabei erlaubt die Situationsanalyse, Einsichten in das Verhältnis von Theorie und Empirie zu berücksichtigen, die nahelegen, dass diese nicht getrennt voneinander zu denken sind (KALTHOFF, HIRSCHAUER & LINDEMANN 2008). So steht bereits die Wahrnehmung bzw. Konstruktion von spezifischen Phänomen immer im Zusammenhang mit theoretischen Vorannahmen (BENDASSOLLI 2013). Insbesondere Analysemethoden/-methodologien lenken den (auch theoretischen) Blick der Forschenden (AUST & VÖLCKER 2018). Für Ansätze sozialer Praktiken wurden (bislang) keine eigenen Analysemethoden entwickelt. Für die Auswertung des empirischen Materials greifen die Forschenden auf eine der im Kanon qualitativer Sozialforschung entwickelten Auswertungsmethoden/-methodologien zurück. Demgegenüber bezieht CLARKE mit ein "dass Theorie und Methode ein 'Paket' bilden, […] die SI [Situationsanalyse] also mit bestimmten theoretischen Konstrukten eine besonders stabile Verbindung" (STRÜBING 2017, S.684) eingeht. Dies hat Einfluss darauf, was Forscher*innen analytisch sehen. [87]

Durch ein situationsanalytisches Vorgehen und die damit verbundene Übernahme von methodologischen Grundannahmen in die Komplexität und Instabilität sozialer Realitäten werden Ansätze sozialer Praktiken nicht nur an den Punkten ergänzt, die bereits mehrfach als deren Schwachstelle bezeichnet wurden. Die Anwendung der Situationsanalyse zeigt auch den Gewinn einer bereits vielfach angeregten Verknüpfung von praxistheoretischen und pragmatistischen Einsichten (BOGUSZ 2009; BONGAERTS 2007; DIETZ; NUNGESSER & PETTENKOFER 2017; OFFENBERGER 2016; SCHÄFER 2012; VOLBERS 2015). In einer solchen Verknüpfung werden Ambivalenzen und Heterogenität bzw. deren Aushandlungen innerhalb wie auch zwischen sozialen Welten als Äquivalent zu dem sichtbar, was im klassischen amerikanischen Pragmatismus als kreativer Prozess verstanden wird und bei dem es ausgehend von einer Irritation zu (reflektierenden, kreativen) Problemlösungsbemühungen kommt (PETTENKOFER 2017). [88]

Die hier vorgenommene Weiterentwicklung ist nicht zuletzt im empirischen Material begründet. Untersucht wurden nicht individuell ausgeübte Praktiken. Erforscht wurde ein Projekt, in welchem die Praktiken der Energieproduktion zwischen und in beteiligten Akteur*innengruppen gemeinschaftlich entwickelt bzw. ausgetragen wurden. Doch auch klassische Untersuchungen sozialer Praktiken zielen auf sozial geteilte Phänomene: Aushandlungsprozesse mögen bei individualisierten Konsumhandlungen nicht so deutlich und unmittelbar geschehen wie im Falle der gemeinschaftlichen Energieproduktion, dennoch sind sie auch hier inhärenter Bestandteil. Tatsächlich wird dies von Praxistheoretiker*innen wie SHOVE auch grundsätzlich so verstanden. In ihrer Arbeit mit PANTZAR (2005) richteten die Autor*innen ihre Aufmerksamkeit jedoch auf die Elemente, welche als konstitutiv für eine Praktik festgestellt wurden und untersuchten von diesem Standpunkt aus deren "Geteiltheit". Durch ein situationsanalytisches Vorgehen wird der Blick auf soziale Praktiken durch die explizite Betrachtung von Ambivalenzen, Diskontinuitäten und Heterogenität ergänzt, die in Bezug auf ein Element bzw. eine Praktik bestehen. [89]

Als Ausblick stellt sich in Rückbindung an den bisherigen Fokus praxistheoretisch arbeitender Wissenschaftler*innen die Frage, inwieweit die Verbindung von Situationsanalyse und Ansätzen sozialer Praktiken auch auf die Mikroebene angewandt werden kann. Es lässt sich vermuten, dass auch Individuen heterogene bzw. ambivalente Bedeutungszuschreibungen an Objekte bzw. Sinnkonstruktionen von Handlungen in sich vereinen bzw. miteinander aushandeln müssen. Auch auf der individuellen Ebene sind Situationen komplex und stellen verschiedene, teilweise konfliktive Interpretationserwartungen bzw. Handlungsaufforderungen an die jeweiligen Akteur*innen. [90]

Danksagung

Ich danke den Mitgliedern des Comrie Development Trusts, die mir ihre Zeit, Energie, Erfahrungen und Einsichten mit viel Geduld und zur Verfügung gestellt haben. Weiterhin wäre dieser Artikel nicht entstanden ohne die Hilfe von Arwen COLELL und Jana TÜRK, welche bereit waren, die ersten Entwürfe und Weiterentwicklungen des Beitrags sowohl kritisch wie unterstützend zu begleiten. Die beiden Gutachter*innen haben schließlich durch ihre ausführlichen und konstruktiven Anmerkungen den Artikel in seiner jetzigen Form möglich gemacht.

Transkriptionsleitfaden

Kursiv geschrieben

Sprecher*in betont ein Wort

(2)

Pause im Sprechfluss, die länger als eine Sekunde dauert (Zahl in der Klammer gibt die Dauer der Pause in Sekunden an)

Abgebrochen-

Bindestrich am Ende eines Wortes: Wort wird abgebrochen

@lacht@

Lachen (Worte zwischen den "@" werden lachend gesprochen)

Anmerkungen

1) Gemeint ist der Comrie Development Trust (CDT). Development Trusts sind nicht-kommerzielle, gemeinwohlorientierte geografisch verfasste Gemeindeorganisation, die insbesondere in Schottland in den letzten Jahren stark gewachsen sind, siehe hierzu die Development Trusts Association Scotland [Zugriff: 7. November 2019]. <zurück>

2) Die Anonymisierung wie auch die sich hieraus ergebende Kennzeichnung der Interviewpartner*innen erfolgte über deren Statusgruppenzugehörigkeit. Mitarbeiter*innen werden durch ein "M" abgekürzt, Vorstandsmitglieder durch ein "V", und AG-Gruppenleiter*innen durch ein "G". Die Abkürzung "I" kennzeichnet mich als Interviewerin. Die den Buchstaben nachgestellten Zahlen kennzeichnen die konkrete Person innerhalb dieser Statusgruppe. Die Zahl markiert keine Hierarchie der Forschungspartner*innen, sondern wurde entsprechend der Reihenfolge, in der die Interviews geführt wurden, vergeben. Die Zahlen nach dem Doppelpunkt kennzeichnen die Zeilen, über die die Sequenz sich im Transkript erstreckt. <zurück>

3) Danke an Gutachter*in 1 für den Hinweis, dass das Konzept der boundary objects hier hilfreich sein könnte. <zurück>

4) Der "Land Reform (Scotland) Act" war eines der ersten Gesetze, die das nach der Dezentralisierung 1999 neu gegründete und gewählte schottische Regionalparlament ratifizierte. Durch ihn wurde das bis dato in Schottland (als letztem Land in Europa) noch bestehende feudale Landrecht aufgehoben. Der Land Reform Act gestattet lokalen Gemeinden ein Vorkaufsrecht für Land, welches innerhalb ihrer Gemarkungen verkauft wird. Voraussetzung ist, dass die absolute Mehrheit der Gemeinde sich in einer lokalen Abstimmung dafür ausspricht und dass eine Organisation für die Verwaltung des Bodens gegründet wird, die 1. durch und für die Gemeindemitglieder geleitet wird und deren potenzielle Einnahmen 2. dem öffentlichen Wohl zugeführt werden. <zurück>

5) Damit entspricht der CDT nicht nur den Vorgaben des Land Reform Act, sondern ist darüber hinaus auch ein klassisches Beispiel eines Community Energy-Projekts (WALKER & DEVINE-WRIGHT 2008; WALKER, HUNTER & DEVINE-WRIGHT 2007), welche in Schottland seit Beginn der 2000er Jahre in großer Zahl entstanden sind (HEWITT et al. 2019). <zurück>

6) Erfassung des Energieverbrauchs von Straßenzügen, verbunden mit darauf basierenden Informations- und Aufklärungsgesprächen mit Bewohner*innen. <zurück>

7) Die ehrenamtlichen Mitglieder des CDT engagieren sich innerhalb des Trusts in sogenannten "working groups". Diese bilden sich nach Aktivitäten bzw. Interessen der Mitglieder. So gab es zum Zeitpunkt meiner Forschung neben der Kulturerbe-Gruppe und der Arbeitsgruppe erneuerbare Energien noch eine Sport-, die Gartenparzellen ["Allotment"] und eine Hortikultur-Gruppe sowie eine weitere, die sich um alle alltäglich anfallenden Arbeiten zum Erhalt des Camps kümmerte. Die jeweilige Leitung wird durch Wahl aus dem Kreis der Mitglieder bestimmt. <zurück>

8) Während der Öffnungszeiten ist das Büro jederzeit für den Publikumsverkehr geöffnet. Mitglieder des CDT, Anwohner*innen, aber auch Besucher*innen und Interessierte können ohne Termin mit Fragen, Anregungen oder sonstigen Anliegen zu den anwesenden Mitarbeiter*innen bzw. Vorstandsmitgliedern ins Büro kommen. <zurück>

9) Die Unterscheidung in Praxistheorien und Ansätze sozialer Praktiken folgt der Unterscheidung zwischen dem Fokus der ersten Generation auf dem praktischen Tun und Wissen sowie dessen Verkörperlichungen und Verdinglichungen (Praxis) und auf routinisierten, organisierten und relativ stabilen Handlungskomplexen, welche von der zweiten Generation als "soziale Praktiken" untersucht werden. <zurück>

10) Die Aussagen zur Vision des CDT entstammen einer PowerPoint-Präsentation, mit welcher dieser sich bei offiziellen Ereignissen vorstellt. <zurück>

11) Mitarbeiterin 2. <zurück>

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Zur Autorin

Angela POHLMANN arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg. Ihre Forschungsinteressen sind Methodologien und Methoden der qualitativen Sozialforschung, insbesondere ethnografische Forschung und Situationsanalyse, sowie das Feld des zivilgesellschaftlichen Engagements bzw. der neuen sozialen Bewegungen.

Kontakt:

Angela Pohlmann

Universität Hamburg
Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Institut für Soziologie
Allende-Platz 1, 20146 Hamburg

Tel.: +49 (0)40/42838-6137

E-Mail: angela.pohlmann@uni-hamburg.de
URL: https://www.wiso.uni-hamburg.de/fachbereich-sowi/professuren/engels/team/pohlmann-angela.html

Zitation

Pohlmann, Angela (2020). Von Praktiken zu Situationen. Situative Aushandlung von sozialen Praktiken in einem schottischen Gemeindeprojekt [90 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 21(3), Art. 4, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-21.3.3330.



Copyright (c) 2020 Angela Pohlmann

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