Volume 21, No. 3, Art. 7 – September 2020

"Die Chicago School ist tot, lang lebe die Chicago School!" Warum die transatlantische Ethnografierezeption einer Aktualisierung bedarf

Debora Niermann

Zusammenfassung: Im vorliegenden Beitrag wird mittels einer dichten Beschreibung der gegenwärtigen US-amerikanischen Ethnografielandschaft für eine Aktualisierung der transatlantischen Ethnografierezeption argumentiert. Ethnograf_innen, die sich in der interaktionistischen Chicago School-Tradition bewegen, stehen vor notwendigen Repositionierungsleistungen. Mit BURAWOY und WACQUANT haben zwei deutungsmächtige, unterschiedlich theorieakzentuierende Akteure eine Ausdifferenzierung ethnografischer Ansätze vorangetrieben, die tiefgreifende soziologieimmanente Restrukturierungen zufolge hatte. Darüber hinaus ist klassische Chicago School-Ethnografie, wie im Fall GOFFMAN exemplarisch aufgezeigt wird, außerhalb der Disziplin anlässlich Fragen ethnografischer Kredibilität ins Kreuzfeuer geraten. Für das transatlantische Rezeptionsverhältnis gilt es erstens, sich auf deutschsprachiger Seite von der überwiegend historisierenden Bezugnahme auf Chicago School-Gründungsjahre zu lösen, zweitens, die gegenwärtig prägenden Verschiebungen im Feld der soziologischen Ethnografie wahrzunehmen, und drittens, die hierzulande methodologiestarken Anschlüsse in den transatlantischen Dialog einzubringen.

Keywords: transatlantische Methodenrezeption; Chicago School; US-amerikanische Ethnografie; Soziologie; Alice Goffman; Tales of the Field

Inhaltsverzeichnis

1. Zur transatlantischen (Un-)Verbundenheit der qualitativen Ethnografiekulturen

1.1 Historisierend und einseitig statt transatlantisch bereichernd

1.2 Urban ethnographers – symbolträchtige Kanonisierer_innen

2. Die etablierten Außenseiter_innen in der Post-Chicago-Ära

2.1 Ein "David" gehört immer dazu

2.2 Die Chicago School ist tot, lang lebe die Chicago School!

2.3 Zur Europäisierung US-amerikanischer Ethnografie

2.4 Gute Ethnografie auf dem Prüfstand

2.5 Der epistemische Bruch im Erzählformat

3. Tales of ethnography und der naive Empirismus

3.1 Die Re-Identifikation mit der Chicago School-Tradition und ihren literarischen Formaten

3.2 Forschungsstrategien zur Aufrechterhaltung des positivistischen Wahrheitsbegriffs

3.3 Die Forderung nach einer stärkeren Methodologisierung

4. Warum die transatlantische Ethnografierezeption einer Aktualisierung bedarf

4.1 Ethnografische Binnendifferenzierung und fortbestehender Common Sense

4.2 Transatlantische Bereicherung: mögliche Verbindungswege

Danksagung

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Zur transatlantischen (Un-)Verbundenheit der qualitativen Ethnografiekulturen

Die Geschichte der qualitativen Sozialforschung im deutschsprachigen Raum ist engstens mit dem Entstehungskontext der US-amerikanischen Soziologie verknüpft. Bis heute sind die Entwicklungen der Chicago School von unumstrittener Bedeutung auch für die deutschsprachige Soziologie. Ihre Wegbereiter (ADDAMS 19101); DEWEY 2002 [1938]; MEAD 1968 [1934]) haben mit dem amerikanischen Pragmatismus und dem darauf aufbauenden symbolischen Interaktionismus (BLUMER 1969) eine Theorieschule hervorgebracht, die international rezipiert und fortgeschrieben wurde (HARE, WEBER, SWINDLER, PASTAE & CUTEANU 2009; JOAS 1996). "Why go to the North Pole or climb Mount Everest for adventure when we have Chicago?" proklamierte der Chicagoer Soziologe PARK in 1920 (LINDNER 2007, S.50) und kreierte damit ein Faszinosum, das den Großteil der zahlreichen Aufarbeitungen zur Chicago School nährt (ABBOTT 1999; CHAPOULIE 2001; PLATT 1996; PLUMMER 1997a, 1997b, 1997c, 1997d): Sie steht für das Laboratorium der Soziologie, in dem wesentliche methodologische Positionen, vor allem aber mit der ethnografischen Forschung entscheidende methodische Instrumente hervorgebracht wurden. Für den deutschsprachigen Raum sprachen MÜLLER und SIGMUND (2000) der amerikanischen Soziologie eine immer noch prägende Kraft zu; sie sei "ein Stück weit 'Vorbild' in ihrer Professionalität, ihrer praktisch gewordenen Theorie, einer Mischung aus middle range-Orientierung, Methodenraffinesse und Feldbezug" (S.9). Mit der folgenden dichten Beschreibung der gegenwärtigen US-amerikanischen Ethnografielandschaft ziele ich darauf, einen Beitrag zur Aktualisierung des transatlantischen Methodenverhältnisses zu leisten. [1]

Die für den vorliegenden Beitrag vorgenommene, teils im ethnografischen Genre verfasste dichte Beschreibung fußt neben einschlägigen Literaturbezügen gleichermaßen auf kontextuellem Einordnungswissen, das ich während mehrfacher mehrmonatiger Feldforschungsaufenthalte an verschiedensten lokalen Ethnografiezentren mit ihren jeweiligen nationalen Netzwerken in den USA erworben habe.2) Die den folgenden Überlegungen zugrundeliegende Studie war den Prozessen ethnografischer Wissens(re-)produktion in der gegenwärtigen US-amerikanischen Soziologie gewidmet. Dabei wurden die Ethnografierenden selbst oder, wie BOURDIEU es in Bezug auf seinen homo academicus ausgedrückt hat, die "Klassifizierer unter den Klassifizierenden" (1988 [1984], S.9) zum empirischen Untersuchungsgegenstand gemacht und so den eigenen Wertungen unterworfen. Eine solche qualitative Forschung über qualitative Forschung dient der Herstellung einer "empirischen Reflexivität" (BETHMANN & NIERMANN 2015, §35), die zunehmend von der wachsenden Social Science and Technology Studies-Community in der Untersuchung qualitativer Forschungszugänge geleistet wird. Die Beobachtungen, Beschreibungen und Interpretationen der Sozialforscher_innen werden dabei als "first order constructs" (SCHÜTZ 1962, S.59) behandelt. [2]

Im Folgenden skizziere ich in Abschnitt 1 die transatlantische Ethnografierezeption als auf hiesiger Seite von Historisierung und Einseitigkeit geprägt. Im Anschluss wird die untersuchte Gruppe der urban ethnographers in ihrer Bedeutung als symbolträchtige Kanonisierer_innen beschrieben. Abschnitt 2 wird, im Stil dichter Beschreibungen, mit einer ethnografischen Schilderung eröffnet. Daraufhin erfolgt die Darstellung tiefgreifender Verschiebungen im Feld der US-amerikanischen soziologischen Ethnografie, die sich in jüngerer Zeit ereignet haben bzw. sich derzeit vollziehen. Mit der öffentlichkeitswirksamen Debatte um GOFFMANs Ethnografie "On the Run" (2014) wird in Abschnitt 3 eine in den USA aktuelle Kontroverse diskutiert, und die daraus von Ethnograf_innen gezogenen Konsequenzen für ihr eigenes forscherisches Handeln werden dargestellt. In Abschnitt 4 werden abschließend mögliche Verbindungslinien zwischen den ethnografischen Methodenkulturen dies- und jenseits des Teichs skizziert. [3]

1.1 Historisierend und einseitig statt transatlantisch bereichernd

In den hiesigen Aufarbeitungen zum transatlantischen Verhältnis – sei es aus soziologiegeschichtlicher Sicht (FLECK 2007; MOEBIUS & PLODER 2018) oder mit Blick auf die jeweiligen qualitativen Forschungskulturen (PLODER 2018) – dominiert die Auseinandersetzung mit den Entwicklungszusammenhängen der Chicago School. LINDNER skizzierte in seinen breit rezipierten Monografien "Walks on the Wild Side" (2004) und "Die Entdeckung der Stadtkultur" (2007) eindrücklich die Entstehung des von Abenteuergeist und Reporter_innenspürsinn geprägten Chicago Touch der 1920er Jahre. Im Stil LINDNERs sind auch die zahlreichen historischen Verweise auf die Chicago School in deutschsprachigen qualitativen Methodeneinführungen gehalten (u.a. KELLER 2012). Eingebettet in kontextualisierende Beschreibungen der Megacity und der institutionellen Etablierung der Fachdisziplin Soziologie wurden methodologische Kernprinzipien vorgestellt. Auf die Darstellung aktueller Tendenzen oder die Verflechtungen mit deutschsprachigen Methodenentwicklungen wurde wiederum weitgehend verzichtet. Die Wiederentdeckung der Wurzeln qualitativer Sozialforschung hat ihren Ausgangspunkt in den 1980er Jahren genommen, einer Phase der zunehmenden Formulierung von Geltungsansprüchen gegenüber quantitativen Verfahren, in der "identitätsstiftende Selbstbilder und Traditionen" (WEISCHER 2004, S.402) an Stellenwert gewonnen haben (siehe auch PLODER 2018). Und tatsächlich scheint die Erzählung des Gründungsmythos (HARVEY 1987; NOCK 2004) der Chicago School heutzutage stärker die Funktion einer rhetorischen Legitimierungspraxis zu erfüllen, als hierzulande forschungsanleitend zu sein. [4]

In soziologiegeschichtlichen Aufarbeitungen (FLECK 2007; MOEBIUS 2015; PLODER 2017; MOEBIUS & PLODER 2018) wurde zwischen den Disziplinen ein Verhältnis skizziert, demzufolge im deutschsprachigen Raum entwickelte Theorie in die USA importiert und umgekehrt maßgebliche amerikanische Methodenimpulse in die deutschsprachigen Fachdisziplinen integriert würden. Grundsätzlich ist jedoch festzuhalten, dass sich ausgesprochen wenige Autor_innen dezidiert mit den transatlantischen Verflechtungen der qualitativen Methodenkulturen in jüngerer Zeit beschäftigt haben. In seinem Überblicksbeitrag von 2005 skizzierte FLICK die zentralen Entwicklungen noch am deutlichsten in einer systematisch ländervergleichenden Logik: Während in Deutschland die methodologische Fundierung (DIAZ-BONE 2010) und Kanonisierung qualitativer Ansätze dominiere, gestalteten sich in den USA Fragen prozeduraler Korrektheit nachrangig. Unter dem starken Einfluss der Krise der Repräsentation gelte dort die forscherische Reflexivität im Umgang mit den "practices and politics of interpretation" (DENZIN 2000 in FLICK 2005, §14) als zentrales Instrumentarium. Die Entwicklung der von FLICK knapp skizzierten transatlantischen Differenzen erklärten BETHMANN und NIERMANN (2015) über einen zunächst starken gemeinsamen Referenzpunkt – den amerikanischen Pragmatismus, dessen Rezeption in beiden Ländern jedoch auffallend unterschiedlich ausfalle. Stünden hierzulande dessen erkenntnistheoretische Prämissen im Mittelpunkt, sehe sich die US-amerikanische Methodenlandschaft vorrangig dessen gesellschaftspolitischer Tradition verpflichtet. Diese Leitorientierungen dokumentierten sich wiederum in spezifischen Methodenentwicklungen, in denen Intimität mit dem Gegenstand und gesellschaftspolitische Intervention (USA) oder methodische Strenge mit analytischer Distanz (deutschsprachiger Raum) zu den Untersuchungsgegenständen praktiziert würden (§11). [5]

Die These der deutlichen Differenz zwischen beiden Forschungskulturen verstärkt sich mit Blick auf die wenigen gegenwartsbezogenen Beiträge, die von nordamerikanischer Warte für ein europäisches bzw. deutschsprachiges Publikum und andersherum verfasst wurden. Die in USA lebende KUSENBACH leistete mit ihrem 2005 publizierten Beitrag eine zentrale Beschreibung der qualitativen Methodenlandschaft und skizzierte darin u.a. laufende Debatten (Abschnitt 2.2) sowie sich für das Feld abzeichnende Herausforderungen wie die sich bereits andeutende Ausdifferenzierung ethnografischer Praktiken. In ihren Ausführungen bezog sich KUSENBACH, entsprechend der einschlägigen Bedeutung der Ethnografie in der US-amerikanischen qualitativen Sozialforschung, bezeichnenderweise ausschließlich auf für die Ethnografie relevante Publikationsorgane, Konferenzen und Debatten. In der kurzen Skizzierung der deutschsprachigen Ansätze in FLICKs Beitrag (2005, §25ff.) dominierten wiederum die hierzulande einschlägigen textbezogenen hermeneutischen Interpretationsverfahren in Interviewforschungen. DELLWING und PRUS (2012, S.2) stilisierten in ihrem Einführungsband zu interaktionistischer Ethnografie deren bewusste Zurückweisung von Methodisierung als einen geradezu rebellischen Akt. Der damit verbundene Abenteuergeist mag hierzulande gelegentlich in den Arbeiten von HITZLER (1999) und HONER (1993) aufgeblitzt sein – dann allerdings in Bezug auf die Wahl von Forschungsgegenständen (HITZLER & PFADENHAUER 1998; HONER & HITZLER 2015) und nicht auf methodologische Suspension. [6]

Die transatlantischen Beziehungen sind dabei nicht nur von Differenzwahrnehmung, sondern auch von Einseitigkeit in ihrem Rezeptionsverhältnis geprägt: "There have been limited attempts to publish the methodological procedures that determine the German speaking discussion, literature and research practice in English language publications" (FLICK 2005, §44). Dass dieser Umstand nicht nur sprachbedingten Barrieren geschuldet ist, verdeutlichen gerade die wenigen von deutschsprachiger Seite auf Englisch verfassten Publikationen für die angloamerikanische Leser_innenschaft. Exemplarisch lässt sich das an dem von BOHNSACK, PFAFF und WELLER auf Englisch herausgegebenen Einführungsband zur dokumentarischen Methode (2010) zeigen. Mit dem darin ausbuchstabierten Theorie-Methoden-Zusammenhang dominiert eine in den USA (noch) unüblich methodologie-fokussierte Diskussion, vor allem aber finden sich keinerlei Bezugnahmen auf anschlussfähige Ansätze und Debatten im angloamerikanischen Raum. [7]

1.2 Urban ethnographers – symbolträchtige Kanonisierer_innen

Im Folgenden zeige ich an der spezifischen Gruppe der urban ethnographers exemplarische Entwicklungen im Feld der Ethnografie auf. Darin nehmen sie insofern eine charakteristische Position ein, als sie durch die Wahl ihrer Forschungsgegenstände und die Repräsentation ansonsten verschlossener, teils als gefährlich geltender Lebenswelten prädestiniert dafür sind, öffentliche Soziologie zu betreiben (BURAWOY 2005). Insbesondere in dieser Funktion besitzen sie inner- und außerhalb des akademischen Feldes eine hohe Sichtbarkeit, deren symbolisches Kapital sich laufbahnförderlich transformieren lässt. So besetzt eine ganze Reihe von urban ethnographers einschlägige Professuren an Ivy-League-Universitäten3). Das urban mag dabei in der Bezeichnung, angesichts der Bandbreite der von ihnen bearbeiteten Forschungsthemen, irritierend wie aufschlussreich sein. Nicht nur in ihrem Dunstkreis, sondern auch in ihrem Kern beschäftigen sich manche Vertreter_innen dieser Gruppe mit klassisch stadtsoziologischen Themen, andere forschen wiederum davon völlig losgelöst und ohne jeden Berührungspunkt zum urban4). Dies liegt zum einen daran, dass sich Ethnograf_innen bspw. nach einer Studie mit einschlägiger Verortung in der urban ethnography für das nächste Projekt anderen Forschungsthemen zuwenden. Die einmal etablierten ethnografischen Vernetzungszusammenhänge werden dabei jedoch aufrechterhalten und als tragend erlebt. Zum anderen verdeutlicht das Spektrum der Untersuchungsgenstände noch einmal einen zentralen historischen Zusammenhang. Zweifellos besteht in der Entwicklungsgeschichte der Atlanta- und Chicago School5) (NIERMANN i.E.) und der disziplinären Etablierung des ethnografischen Forschungszugangs, die darin stattgefunden hat, eine genuine Verbindung mit stadtsoziologischen Fragen. Gleichzeitig lassen sich sowohl für die erste als auch für die zweite Generation der Chicago School verschiedentliche Arbeiten aufzählen, die auch schon damals jenseits der urban ethnography gelagert waren; man denke nur an "Boys in White", die professionsbezogene Studie von BECKER, GEER, HUGHES und STRAUSS (1961) über disziplinäre Sozialisationsprozesse von Medizinstudierenden. Urban ethnography ist also keinesfalls mit der alleinigen Fokussierung auf stadtsoziologische Themen gleichzusetzen. "We may have medical ethnographies read by medical sociologists and family ethnographies read by family sociologists, but everyone reads urban ethnography. [...] Urban ethnography sets up a canon of sociology" (TIMMERMANS & PRICKETT 2019, S.54). Mit diesem canon wird auch ein grundlegendes Ethnografieverständnis repräsentiert und gesetzt, in dem intensive und ausdauernde Feldimmersion, die Priorisierung der Logik der Entdeckung bei gleichzeitiger Zurückhaltung der Logik der Überprüfung und die Identifikation mit dem Auftrag der öffentlichkeitswirksamen Repräsentation ansonsten fremder Lebenswelten handlungsanleitend sind. So wenig sich urban ethnographers dabei teils selbst mit der Chicago School explizit identifizieren mögen, so naheliegend scheint es angesichts dieses Selbstverständnisses und der interaktionistischen Ausrichtung doch, in ihnen so etwas wie die eigentlichen Nachfahr_innen genau jener Tradition zu sehen. [8]

Der Frage, wer (sich) wie, wann, warum zu den urban ethnographers zählt und zählen darf, liegen offensichtlich recht dynamische und mehr oder weniger implizite Aushandlungsprozesse zugrunde. Aus ungleichheitskritischer Perspektive ist jedoch eine deutliche Unterrepräsentation von Ethnografinnen in dieser Gruppe nicht zu übersehen. Bei GOFFMAN (2014), HOANG (2015), JONES (2010), KUSENBACH (2003), MURPHY (2012), PATTILLO (2013) und STACK (1975) handelt es sich um Ausnahmen in der ansonsten männlich dominierten Szene. Als eine der wenigen Frauen metathematisierte HOANG den double standard:

"While I have never been included in the club of 'cowboy' ethnographers who study drugs, gangs, or violence, reviews of my work have always been lumped into that category of research. Cowboy ethnography is a term used informally among sociologists to loosely describe researchers who study dangerous or hard-to-reach poor populations, and who enable readers to go on voyeuristic journeys with them as they detail their heroic efforts to break into dangerous field sites. The phrase not only captures the informal gendered divides among male and female researchers 'studying down' but it also alludes to the ways the academy valorizes male ethnographers while simultaneously delegitimizing female ethnographers studying illicit economies. Men are heroic researchers while women are sexualized objects both in the field and in the economy" (2015, S.21f.). [9]

Die Rede von der cowboy ethnography begegnete auch mir in diversen Kontexten meiner Feldforschung, dann jedoch in auffallend ähnlichen Interaktionskonstellationen: augenrollend und unter Frauen. In meinen mit manchen dieser Vertreterinnen geführten biografischen Interviews wird ein weiterer, bemerkenswerter Zusammenhang deutlich: Nach vermeintlich vielversprechenden Anfängen in der urban ethnography reorientierten sich einige von ihnen in ihrer akademischen Laufbahn, gerade auch vor dem Hintergrund dieser Geschlechterproblematik, teils bewusst, teils unfreiwillig, in ihrem ethnografischen Arbeiten und der Wahl ihrer Forschungsgegenstände. Damit verlassen sie häufig auch ihre institutionelle Anbindung an die Soziologie. In dem vorliegenden Beitrag wird diese Dimension der Geschlechterungleichheit in der urban ethnography zum einen in der deutlich stärkeren Präsenz von Bezugnahmen auf Rezitationen von im Feld entsprechend deutungsmächtigen männlichen Vertretern reproduziert. Zum anderen wird im weiteren Verlauf mit der Diskussion der Kontroverse um GOFFMANs Ethnografie "On the Run" (2014) die einzig weibliche Protagonistin in einen skandalumwehten Rahmen gesetzt (Abschnitt 2.3). Diese Art der Repräsentation mag in dem Sinne eine angemessene sein, als es sich hierbei um feldinhärente Logiken handelt, die es wiederum als solche auszuweisen gilt. [10]

2. Die etablierten Außenseiter_innen in der Post-Chicago-Ära

2.1 Ein "David" gehört immer dazu

Als ich mich morgens kurz nach sechs schlaftrunken in New York City in den Amtrak-Zug Richtung New Haven drücke, sticht er mir in der geschäftigen Business-gekleideten Manhattener Menschenmasse schnell ins Auge. Ein älterer, vielleicht Mitte 60jähriger Mann schiebt sich vor mir durch den Wagen, gibt angesichts des Gedränges jedoch schnell die Sitzplatzsuche auf. Die erste halbe Stunde stehen wir im Ganggemenge der Pendelnden, bis Manhattan schließlich hinter uns liegt und die Reihen sich gelichtet haben. Nun schräg gegenübersitzend, kann ich nicht anders, als ihn zu mustern. Sein feines, schulterlanges weiß-graues Haar rahmt das bärtige Gesicht. Um den Hals trägt er ein edles dunkelrot-samtiges Seidentuch. Sein braunes Cordjacket weist einige Blessuren auf – der Übernäher am rechten Ellenbogen ist durchgescheuert, eine der Vordertaschen hängt eingerissen herunter. Aus seinem großen Stoffrucksack hat er ein Notizbuch gezogen, dessen lose Zettelsammlung er auf seinem Schoß planvoll zu sortieren scheint. Als einige seiner mit kleiner Handschrift versehenen Post-its zu Boden gleiten, fällt mein Blick auf seine elegant wirkenden, gepflegten Lederschuhe. "Ist das", frage ich mich im Stillen angesichts meiner Faszination, "vielleicht einfach der erste Black Bohemian, den ich, selbst weiß, in meinem Leben sehe?" In New Haven angekommen, verlassen wir beide mit vielen anderen den Zug. Als ich nach diversen Erkundigungen verstanden habe, dass es zum Campus der Yale University einen eigens eingerichteten Shuttle-Service gibt, der auch von Gästen genutzt werden darf, steige ich in den kleinen Bus. Darin sitzt bereits der Mann aus New York. Auch den weiteren Weg auf dem Campus teilen wir und betreten schließlich, noch immer ohne ein Wort miteinander gewechselt zu haben, den kleinen Seminarraum in einem der Universitätsgebäude. [11]

ANDERSON, Professor für Soziologie und Afro American studies an der Yale University, hat mich eingeladen, ihn nicht nur zu interviewen, sondern einige Male auch seine Lehre beobachtend zu begleiten. Schon länger wollte ich mit ihm in Kontakt kommen. Einige der Ethnograf_innen, denen ich bis dahin in meiner laufenden Feldforschung begegnet war, hatten immer wieder auf ihn verwiesen – sei es als Lehrer, Mentor, Herausgeber oder auch als Gegenspieler. An diesem Morgen sind Gäste aus Harvard eingeladen, die ihre ethnografische Arbeit im kleinen Zirkel von zwölf Studierenden diskutieren. Sehr viel später an diesem Tag, als ANDERSON seine beiden Postdocs und mich noch auf einen Drink im edlen Faculty Club einlädt, frage ich ihn nach meinem morgendlichen Reisebegleiter. Den ganzen Vormittag hatte er zwischen all den Mitte 20-jährigen Masterstudierenden gesessen und schien die Lehrsituation mit seinem Bleistift mindestens so geflissentlich protokolliert zu haben wie ich als Beobachterin. Ach so, David, glaubt er, heiße der Mann. David habe ihm vor einiger Zeit geschrieben, dass er "Code of the Street" (1999), ANDERSONs sicherlich bekannteste Ethnografie, gelesen habe und selbst in Harlem an etwas ähnlichem arbeiten würde. Mehr weiß er auch nicht darüber. David nähme zwar sehr regelmäßig teil, sei jedoch nicht der Gesprächigste, und einige Male habe sich ANDERSON auch schon gefragt, ob David eventuell selbst obdachlos sei oder wovon er wohl seinen Lebensunterhalt bestreite. [12]

Als ANDERSON mich auf seinem Nachhauseweg noch im Taxi zum Bahnhof bringt, unterhalten wir uns über seinen erst wenige Jahre zurückliegenden Wechsel von der University of Pennsylvania zur Ivy-League-University Yale. Ja, die Bezahlung und Ausstattung seiner Professur sei zweifellos gut, meint er, aber ein bemerkenswerter white space sei das Yale-Universum eben auch. Als ich in den Zug steige, fällt mir beim Schreiben meiner Feldnotizen ein, dass ich im Vorfeld meiner Recherchen zu ANDERSON auf ein Soziologie-Online-Forum gestoßen war, in dem in diversen Chats spekuliert worden war, dass ANDERSON sich wohl durch Gehaltsaussichten von gut einer Million Dollar im Jahr nach Yale habe locken lassen. Auch meine Gespräche mit den Postdocs klingen noch nach und dass sie darauf hoffen, dass die Kombination aus ethnografischem Arbeiten und der Yale-Anbindung sich im akademischen Lebenslauf in entsprechenden Karriereperspektiven niederschlagen wird. Ethnografie gilt nach diversen Einbrüchen in der Geschichte nordamerikanischer Soziologie (wieder) als vielfach verwertbares Kapital, und mit der Verwertbarkeit dieses Forschungszugangs sind auch ihre Vertreter_innen, die Ethnograf_innen selbst, zu Etablierten geworden. An diesem Abend sitzt David nicht mehr in meinem Zugabteil, aber ein "David", das lerne ich im Verlauf meiner Feldforschung in verschiedensten Kontexten zu begreifen, gehört gerade bei den etablierten Ethnograf_innen immer dazu. Sei es, dass beim Umtrunk auf dem jährlichen Kongress der American Sociological Association (ASA) ein freundlicher Mann an der Bar sitzt, der sich irgendwann als Nicht-Soziologe outet und als guter Freund eines einflussreichen Ethnografen vorstellt – die beiden haben sich bei dessen letzter Feldforschung im Drogenmilieu kennengelernt –, oder dass die ambitionierte, vielbeschäftigte Doktorandin nach einem mit mir geführten biografischen Interview schnell los muss, um dem Sohn einer Familie, die sie bei ihrer letzten Feldforschung begleitet hatte, Englischnachhilfe zu geben. Auch die Ivy-League-Ethnograf_innen – so scheint es zumindest – halten weiterhin den Außenseiter_innen die Treue – allerdings nicht nur das, sie selbst verstehen und erleben sich auch als eben solche. [13]

2.2 Die Chicago School ist tot, lang lebe die Chicago School!

Mag diese kurze Episode nun bei der deutschsprachigen, methodenbewanderten Leser_innenschaft in ihrer Deutung reflexhaft den Impuls wecken, die abenteuerumwehten Chicago School-Gründungsjahre heraufzubeschwören – hat nicht auch PARK die Nähe zu den wanderarbeitenden Hobos kultiviert (ANDERSON 2006 [1923])? – wage ich zu behaupten, jenseits des Teichs blieben selbst bei jenen Ethnograf_innen, die sich in Chicago-Genealogien verorten, explizite Bezüge darauf sehr selbstverständlich aus. Die Relevanzmarkierung, Omnipräsenz und Mythologisierung der Chicago School-Tradition scheint – ähnlich wie das Genre des Westerns – kaum irgendwo so ungebrochen aufrechterhalten und belebt zu werden wie auf europäischer Seite. Insbesondere in Deutschland und Frankreich widmeten sich namhafte qualitative Forscher_innen wissenschaftssoziologischen historischen Rekonstruktionen, in denen der immer wieder zeitweise in Frankreich lebende BECKER als einer der letzten noch akademisch aktiven Vertreter_innen der Second Generation eine bedeutsame transatlantische Brückenfunktion einnimmt (DANKO 2015). In Kollaboration mit CEFAÏ arbeitet er seit einigen Jahren an einer eigenen Chicagoer Soziologie-Geschichtsschreibung und erweitert damit den Kreis derer, die sich der genealogischen Stammbaumdokumentation dieses weit verzweigten Denkkollektivs widmen (BECKER & KELLER 2016; CEFAÏ 2002; CHAPOULIE 2001; OHM 1988). Gerade BECKER wird dabei nicht müde zu betonen, dass es die Chicago School als Sozialform mit den einhergehenden Konnotationen von institutionalisierter Geschlossenheit und methodischer Regelhaftigkeit nie gegeben habe und auch nicht gibt. "No Chicago School" war eines der Leitthemen in BECKERs 2016 mit KELLER geführtem Interview, und er praktizierte stattdessen die für dieses Generationennetzwerk so typische genealogische Oral History-Narration:

"Howard S. BECKER: [...] But think for me, my theoretical ancestor is Georg SIMMEL. I don't think he is so interested in changing anything. He was just: "Oh look how this machine works!" You see, because my lineage, my heritage is SIMMEL. Robert E. PARK was a student of SIMMEL. HUGHES was a student of Robert E. PARK. GOFFMAN is different, because [...]

Reiner KELLER: [...] he was more into DURKHEIM, a little bit SIMMEL too, the more "formal sociology" parts.

Howard S. BECKER: But originally Erving was DURKHEIM, Alfred RADCLIFFE BROWN, William LLOYD WARNER, GOFFMAN. That was the very direct lineage" (§§46-48). [14]

"My lineage", "my heritage", "was a student of" – BECKER eröffnete hier nicht nur das für die US-amerikanische Ethnografie so charakteristische semantische Feld der Generationenbeziehung, in der Weitergabe, Vorgänger_innen- und Nachfolger_innentum praktiziert werden. Deutend lässt sich hier auch ein homologes Muster erkennen. Als einer der Vertreter_innen der middle range theory praktiziert BECKER, bewusst oder unbewusst, selbst eben jene. Für die Beschreibung des eigenen Feldes der Ethnografie gilt damit gleichermaßen wie für die Beschreibung von Forschungsfeldern: Das soziale Geschehen lässt sich nicht und soll sich letztlich auch nicht zu stark von seinen Handlungsträger_innen, seinen Akteur_innen, lösen. SIMMEL, HUGHES, PARK, GOFFMAN werden hier also vielleicht nicht allein wegen ihrer Bedeutsamkeit und der damit verbundenen Legitimationskraft namentlich genannt, sondern auch, weil es BECKER fern liegen würde, deren Positionen bspw. in einem interaktionistischen Denkstil zusammenzufassen – eine Bezeichnung und Abstraktion, die die sozialen Figuren in den Hintergrund treten lassen würden. Maßgabe ist stattdessen vielmehr ein Imperativ, den der BECKER-Schüler DUNEIER einmal für gute ethnografische Wissensproduktion formuliert hat, und der, obwohl von ihm nie veröffentlicht, in verschiedensten Kontexten meiner Feldforschung immer wieder mit Verweis auf ihn rezitiert wurde: "Show me the people." [15]

Im wissenschaftlichen Diskurs hat sich diese Schulendistanz bislang jedoch in keiner Form niedergeschlagen und so scheint, insbesondere in Europa, heroldsformelhaft formuliert, weiterhin zu gelten: Die Chicago School ist tot, lang lebe die Chicago School! Nun lässt sich dieses Paradoxon von mindestens zwei Seiten lesen: zum einen als Ausdruck eines Denkkollektivs, das sehr wohl schulenhafte Züge getragen hat, deren Mitglieder sich jedoch in ihrem intellektuellen Selbstkonzept als "Outsiders" (BECKER 1997 [1963]) verstanden wissen woll(t)en. Zum anderen mag vielleicht die hierzulande vertraute Schulenkanonisierung (BETHMANN & NIERMANN 2015) qualitativer Forschungsprogrammatiken den Blick auf die fremderen, zuweilen tatsächlich kaum überschaubaren, "wer-hat-wen-wie-geprägt?"-angelegten Generationennetzwerke an dieser Stelle überformen. [16]

Völlig unabhängig von Fragen der (il-)legitimen Schulenklassifizierung erweist sich die auf die Chicago School verengte Rezeptionspraxis für die deutschsprachige Methodenlandschaft jedoch als problematisch. Während es im transatlantischen Verhältnis in der Grounded-Theory-Rezeption gelungen ist, den jeweiligen methodisch-methodologischen Debatten wie Weiterentwicklungen zeitnah zu folgen und diese in eigene Ansätze zu integrieren (z.B. BREUER, MUCKEL & DIERIS 2019), lässt sich Vergleichbares für die deutschsprachige soziologische Ethnografie nicht feststellen. Entweder werden eben jene Chicagoer Zusammenhänge und ggf. deren aktuelle Relevanz diskutiert (siehe auch DANKO 2015), oder Forscher_innen orientieren sich an GOFFMANschen und ethnologischen Bezügen (BREIDENSTEIN, HIRSCHAUER, KALTHOFF & NIESWAND 2013).6) Abgesehen von Verweisen auf WACQUANTs körpersoziologische Ethnografie "Leben für den Ring. Boxen im amerikanischen Ghetto" (2003 [2001]) verdeutlicht sich jedoch vor allem eines: die Abwesenheit von Bezugnahmen auf die in den vergangenen 40 Jahren hitzig geführten Ethnografie-Debatten, die zu einer bemerkenswerten Restrukturierung der US-amerikanischen Soziologie geführt haben. Will man die gegenwärtige Ethnografielandschaft der USA und die in ihr wirksamen Diskurse verstehen, gilt es, ihre jüngere Geschichte zu kennen. Das bedeutet insbesondere, um die Desillusionierungserfahrung zweier Emigranten, BURAWOY und WACQUANT, zu wissen, die sich – angezogen von der Strahlkraft des Gründungsmythos – gen Chicago aufmachten, um dann eben jenes Paradoxon selbst zu erfahren und in manchem zu praktizieren: Die Chicago School ist tot, lang lebe die Chicago School! [17]

2.3 Zur Europäisierung US-amerikanischer Ethnografie

Als sich BUROWAY 1972 nach intensiven Erfahrungen von Feldforschung in Sambia und dem dortigen akademischen Milieu, das sich zutiefst gesellschaftsrelevanten Fragen verbunden sah, löste, um an der University of Chicago in den USA zu promovieren, erwartete ihn in der dortigen Soziologie nichts dergleichen: "I was too late and the department was conservative and narrow-minded, deeply professional" (CHESTA & BURAWOY 2019, S.92). Einzig in dem Race-Theoretiker WILSON fand er einen Mentor und orientierte sich ansonsten in den Politikwissenschaften, die sich bereits dem zu dieser Zeit wiedererstarkenden marxistischen Geist zugewandt hatten (BURAWOY in RUDOLFI 2015, S.24). Für seine Doktorarbeit heuerte BURAWOY in der Chicagoer South Side als Fabrikarbeiter bei genau jenem Motorbauer an, über den der Industriesoziologe ROY 30 Jahre zuvor seine weit bekannte Ethnografie "Banana Time" (1959) verfasst hatte. Während ROY darin die Bedeutung informeller Beziehungen zur Herstellung von Arbeitszufriedenheit unter den blue-collar-workers fokussierte, wird für BURAWOY sein zehnmonatiger Arbeitseinsatz u.a. zu einem weiteren Baustein dessen, was er später in der Entwicklung seiner Programmatik als extended case method7) (BURAWOY 1998, 2003a, 2003b) bezeichnet hat. Diese unterscheidet sich im Kern von der im symbolischen Interaktionismus wurzelnden Chicago School-Tradition durch ihr Theorieverständnis: "Instead of generating theory de novo from the ground up, we start with theory and reconstruct it in the light of anomalies we confront in the field" (BURAWOY 2012, §11). Sätze wie dieser hätten den Vätern der Grounded-Theory-Methodologie GLASER und STRAUSS (1998 [1967]) in den 1960er Jahren wohl die Nackenhaare zu Berge stehen lassen. Diese Art der Theoriepriorisierung erinnert durchaus erst einmal an jene Zeiten, in denen "Studenten darin ausgebildet wurden, die Theorien der 'Großen Männer' zu beherrschen und sie häppchenweise zu testen, kaum aber darin, die Theorie als Ganze in Hinblick auf ihre Stellung oder Generierung in Frage zu stellen" (GLASER & STRAUSS 1998 [1967], S.19). Nun betonte BURAWOY jedoch mit seiner extended case method die zentrale Bedeutung empirischen und insbesondere ethnografischen Arbeitens und wies dezidiert ein Dienstherr_innen-Bot_innen-Verhältnis von Theorie und Empirie zurück: "Theory tells us what to look for and sensitizes us to things out of place. A good theory makes predictions and fosters surprises" (2019, S.51). "We do look for confirmation but, for knowledge to grow, it is just as important to look for the falsifications that enable us to build theory, brick-by-brick, with every visit to the fieldsite. Without falsifications, theory stagnates" (a.a.O.). Gleichzeitig wurde in der disziplinären Verortung der Soziologie als kritisch-politische Kraft der relevante theoretische Bezugsrahmen klar gesetzt und in seinem Grundsatz nicht hinterfragt. So gilt für die extended case method: "Marxism is the theory, and reflexive ethnography is the method" (BURAWOY 2020, S.21). [18]

Gut zehn Jahre, nachdem BURAWOY seine institutionell-ernüchternden Chicago-Erfahrungen gesammelt hatte, machte sich der BOURDIEU-Schüler WACQUANT 1985 nach umfassender Feldforschung in Neukaledonien ebenfalls zu Promotionszwecken gen Chicago auf. Auch für WACQUANT war WILSON zur Diskussion von race relationships die in der Soziologie einzig interessante Bezugsgröße. Ansonsten erlebte er die Arbeit des Instituts als "quite dull intellectually" (WACQUANT 2009, S.107) und wanderte mit seiner ethnografischen Ausrichtung in die Anthropologie ab. In einem Boxstudio nahe seines Apartments in der Chicagoer South Side begann der schmale Franzose, sich unter Anleitung seines Trainers Diddy der jahrelangen harten Ausbildung zum Preisboxer zu unterziehen. Tagsüber wurde trainiert, um in den Nächten – so erzählte es WACQUANT – umfassende Feldnotizen anzufertigen. In der daraus resultierenden Ethnografie "Body & Soul" (2004) wurde deutlich, wie sehr sich auch WACQUANT einem theoretischen Denkgefüge verschrieben hatte und wie selbstverständlich er dieses setzte. Die darin formulierte zentrale These, dass die Verinnerlichungsprozesse in der Habitusaneignung deutlich körperbezogener vollzogen werden, als von dem auf Klassensymbole fokussierten BOURDIEU bis dahin angenommen worden war, waren für WACQUANT so augenscheinlich, dass er diese theoretischen Implikationen erst nach entsprechend kritischem Echo in der zweiten Ausgabe von "Body & Soul" dezidiert auswies (2006). [19]

Will man die gegenwärtige Ethnografielandschaft der USA und die in ihr wirksamen Diskurse verstehen, gilt es, die Geschichte dieser beiden weißen Weltbürger zu kennen. Angezogen von der global wirksamen, mythologisch aufgeladenen Chicago School-Erzählung durchliefen beide am einstigen Gründungsort disziplinärer Soziologie eine deutliche Ernüchterungserfahrung angesichts des entpolitisierten, angepassten Zustands des eigenen Faches. Nach gefundenen Anschlüssen in gesellschaftsemanzipatorisch bewegteren Nachbardisziplinen gingen die beiden bereits durchaus erfahrenen Feldforscher, jeweils für sich, dem nach, wofür die Chicagoer Soziologie – wie sie dachten – eigentlich stehen würde. Im Chicago-Touch (u.a. BETHMANN & NIERMANN 2015) machten sie sich die Hände schmutzig und tauchten monatelang in für sie bis dahin fremde Lebenswelten ein. Nach abgeschlossener Promotion blieben beide Emigranten in den USA, und die Stationen ihres akademischen Lebenswegs verbanden sich ein weiteres Mal: Sowohl BURAWOY als auch später WACQUANT erhielten entfristete Professuren an der historisch als politisch liberal geltenden University of California, Berkeley. Dort stehen sie – wie wohl niemand sonst – als Fürsprecher einer theoretisch-reflexiv ausgewiesenen Ethnografie, die sich dezidiert kritisch zu den problematischen Implikationen traditionell-interaktionistischer Ethnografie verhält. Dabei handelt es sich bei BURAWOY und WACQUANT allerdings keineswegs um Verbündete: So nahe sie sich insbesondere in ihren kritischen Kommentierungen einflussreicher, klassisch im symbolischen Interaktionismus verwurzelter Ethnografien punktuell sein mögen, so augenfällig ist auch der ausbleibende Bezug aufeinander. [20]

Das europäisch-kritische Lager mag sich lokal gebündelt in Berkeley befinden, die Rollen ihrer Vertreter sind jedoch unterschiedlich besetzt. Während BURAWOY in seiner Amtszeit als Präsident der ASA für ein verbindendes Selbstverständnis des Faches als public sociology plädierte, dabei den Forschungszugang der Ethnografie für die Disziplin prioritär setzte (BURAWOY 2005) und mit seiner spezifischen Modulation der extended case method bzw. der "Global Ethnography" (BURAWOY et al. 2000) eine nachfolgende Generation inzwischen einflussreicher Soziolog_innen prägt(e) (u.a. KWAN LEE 2018), war und ist WACQUANTs Rolle von anderer Gestalt. "He upset a lot of people", kommentierte der frühere Mentor WILSON die disziplinimmanent kritisch ausgefallenden Reaktionen auf WACQUANTs "Body & Soul" (2004) in einem New York Times-Beitrag (EAKIN 2003, o.S.). Geradezu prophetisch problematisierte WILSON darin das zentrale, auch in den darauf folgenden Jahren wiederkehrende Motiv: In seiner Fundamentalkritik gegenüber dem Common Sense des eigenen Fachs, selbst den eigenen Eingebundenheiten in neoliberale Logiken gegenüber blind zu sein, ging das eigentlich substanzielle Argument angesichts der überzogen Polemik schlicht unter. In diesem Stil löste WACQUANT in der Ethnografielandschaft ein folgenreiches Beben aus. In seiner Abrechnung mit den hierzulande kaum zitierten, in den USA wiederum als instant classic verehrten, breit rezipierten Ethnografien "Code of the Street" (ANDERSON 1999), "Sidewalk" (DUNEIER 1999) und "No Shame in My Game" (NEWMAN 2000) identifizierte WACQUANT (2002) pointiert deren tiefgreifende Schwachstellen als gemeinsamen Nenner (siehe auch KUSENBACH 2005). In seiner Kritik an der romantisierenden Darstellung der Armen in ihrem aufrichtigen Streben nach Mittelschichtswerten argumentierte WACQUANT mit seinem Moralisierungsvorwurf zunächst noch innerhalb von der Scientific Community vertrauten Repräsentationsdiskursen. Anders verhält es sich mit seiner Sichtbarmachung der daraus resultierenden abwesenden Kritik politisch-struktureller Zusammenhänge und der Auslassung des Einforderns der Veränderung ebensolcher. Mit seiner Anklage des naiven Vertrauens auf die diskursive Wirkmacht der Repräsentation von underdogs (BECKER 1967, S.244) legte WACQUANT den Finger in ansonsten gut versteckte Wunden: die sich selbst als unabhängig-kämpferisch verstehenden Ethnograf_innen seien dies so eben nicht. Während WACQUANT dem ethnografischen Establishment den Spiegel vorhielt, es mit den eigenen primären Sinnstrukturen höchst unbequem konfrontierte und dies im Duktus argumentativ mit erheblichen Integritätsvorwürfen gegenüber den genannten Akteur_innen verband (u.a. KUSENBACH 2005), scheint diese Kontroverse nach verschiedentlichen Verteidigungen (u.a. ANDERSON 2002) vor allem eine wirksame Konsequenz nach sich gezogen zu haben: das Aufrütteln bzw. die Bewusstwerdung der etablierten ethnografischen Community darüber, dass sich in ihrer Ethnografielandschaft neue, tiefgreifende Veränderungsprozesse vollzogen, zu denen es sich zu positionieren hieß. [21]

2.4 Gute Ethnografie auf dem Prüfstand

Mit WACQUANT und BURAWOY in ihren Rollen als offensive Infragesteller fundamentaler Selbstverständlichkeiten gegenwärtig praktizierter US-amerikanischer Ethnografie waren deren einschlägigen Vertreter_innen, ob sie wollten oder nicht, zur Auseinandersetzung gezwungen. Abzuarbeiten hieß es sich vor allem an dem zentralen Kernvorwurf, zwar soziologisch einsichtsreich Innenwelten abzubilden, dabei jedoch, trotz teils gegenläufiger expliziter epistemologischer Selbstpositionierung, letztlich naiven ethnografischen Empirismus zu betreiben. Exemplarisch führte BURAWOY diese Diagnose noch einmal 2017 an keinem geringeren als DESMOND vor. DESMOND, Professor an der Princeton University, war zu diesem Zeitpunkt bereits ein einschlägiger Ethnografievertreter, der 2015 das hochdotierte McArthus Genius Fellowship erhalten und 2016 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden war. In seiner ersten Ethnografie "On the Fireline" (2007) beschrieb er auf der Grundlage seiner beobachtenden Teilnahme als fire fighter in vier Sommersaisonen, wie und warum es habitualisierend dazu kommt, dass die fire fighters oftmals enthusiastisch ihre potenziell lebensbedrohliche berufliche Tätigkeit ausüben. In seinem nächsten ethnografischen Projekt "Evicted" (2016) zeichnete DESMOND ein eindrückliches Bild innerstädtischer Armut im Kontext von Zwangsräumung und Obdachlosigkeit. Das Buch lässt sich als Paradebeispiel des ganz eigenen und im deutschsprachigen Raum weitgehend pendantfreien Genres "erfolgreiche ethnografische Monografie" heranziehen (siehe hierzu NIERMANN i.E.). "Evicted" besticht durch seine hohe Lesbarkeit, soziologische Bezüge wurden weitgehend implizit hergestellt, im narrativen Stil agierte DESMOND als literarischer Erzähler und bediente sich typischerweise dem aufklärerischen Erzählbogen, der subtil, aber doch gezielt bei der Leser_innenschaft zur Erschütterung des Common Sense und damit der Erkenntnis führen sollte: Es ist also alles ganz anders als gedacht! "Evicted" avancierte kurz nach Erscheinen zum New York Times-Bestseller und befand sich damit in Gesellschaft anderer, breit wahrgenommener Ethnografien wie "Gang Leader for a Day" von VENKATESH (2008) oder GOFFMANs später hochumstrittenem "On the Run" (2014). Öffentlichkeitswirksam, das bestreitet auch BURAWOY nicht, waren diese Arbeiten. Gute Ethnografie waren sie damit für ihn jedoch noch lange nicht:

"objects of study, such as eviction, spring directly from the experience of his subjects, so that his work exemplifies what Bourdieu et al. (1991, p. 38) condemn, namely a 'hyperempiricism' that abdicates the right and duty of theoretical construction in favour of spontaneous sociology'" (2017, S.264). [22]

Was gute Ethnografie ausmacht, galt es angesichts deutungsmächtiger Figuren wie BURAWOY und WACQUANT, aber auch angesichts jüngerer Krisen wie dem GOFFMAN-Skandal, der sich letztlich ebenfalls an Empirismusfragen entzündet hatte, im wissenschaftlichen Feld neu zu diskutieren. Anders als im deutschsprachigen Methodenraum wurden diese Schlagabtausche jedoch nicht auf distanziert-methodologischer Ebene ausgetragen (wie u.a. EISEWICHT & GRENZ 2018; STRÜBING, HIRSCHAUER, AYAß, KRÄHNKE & SCHEFFER 2018), sondern an den Ethnografien und damit an den Wissensprodukten selbst. Der sicherlich öffentlichkeitswirksamste Fall dieser Art hat sich in jüngerer Zeit an GOFFMANs "On the Run. Fugitive Life in an American City" entzündet. 2014 bei der einschlägigen University of Chicago Press erschienen, erhielt die Monografie zunächst breiten Zuspruch – ganze sechs Jahre teilte GOFFMAN in einem als hochproblematisch geltenden, entlang von Rassenfragen segregierten Viertel Philadelphias ihr Leben u.a. mit Mike und Chuck, die ihr zu Freunden und Mitbewohnern wurden. Ihre Beschreibung alltäglicher polizeilicher Übergriffe zeichnete ein deutliches Bild der, wie es im Titel der deutschen Übersetzung treffend heißt, "Kriminalisierung der Armen" (GOFFMAN 2015a). Im soziologischen Feld wurde diese wie üblich für den breiten Buchmarkt überarbeitete Dissertation der Tochter von Erving GOFFMAN mit Spannung erwartet, und sie lieferte dann auch Außerordentliches. Als junge, weiße, privilegierte Frau legte GOFFMAN in der männlich dominierten Szene der urban ethnography eine ethnografische Immersionsperformanz vor, die in ihrer Radikalität mit den Arbeiten von BOURGOIS (2003), VENKATESH (2008) oder eben WACQUANT (2004) gleichzog. 2011 mit dem Promotionspreis der ASA8) ausgezeichnet, erntete GOFFMAN innerhalb der eigenen Reihen, aber auch in Nachbardisziplinen wie der Kriminologie sowie außeruniversitär höchste Aufmerksamkeit und Anerkennung (u.a. GLADWELL 2014)9) für ihre "sociology at its best" (NEWBURN 2014, o.S.). Kurz nach Erscheinen berichtete fasziniert die New York Times in ihrem für Ethnografie-Besprechungen ganz eigenen Stil der Verquickung von Charakterporträt der Autor_innen und ihrem Gegenstand über GOFFMANs "Fieldwork of Total Immersion" (SCHUESSLER 2014). Ähnlich wie bei DESMOND und VENKATESH galt auch hier: Die eigentliche Story, das sind die Ethnografierenden selbst, und so wird sich auch in diesem Fall am Faszinosum der "professionellen Schizophrenie" (HONER 1993, S.48) abgearbeitet, der jungen erfolgreichen Soziologiepromovendin, in deren Biografie sich gesellschaftliche Realitäten verbinden, die konträrer kaum ausfallen könnten. [23]

Kritik erntete "On the Run" zunächst, wenn überhaupt, entlang der erwartbaren Diskurslinie von Fragen (il-)legitimer Repräsentation: "Another story about a white lady come to study young black men", formulierte es SHARPE (2014, o.S.) in ihrem kritischen Essay und fasste dabei pointiert die Resonanz in den Afro American studies auf GOFFMANs Arbeit zusammen: Im Gegensatz zu einer ganzen Reihe von akademischen und seit Jahren in dem Feld aktivistisch engagierten afroamerikanischen Vertreter_innen10) war es nun die weiße Wissenschaftlerin GOFFMAN, die für ihre Beschreibung der Hyperkriminalisierung der schwarzen Bevölkerung und deren Bedeutung für die Masseninhaftierung eben jener (siehe hierzu auch ALEXANDER 2010) ein öffentlichkeitswirksames Publikum generierte. Gleichzeitig bewegte sich die Ethnografin eben nicht naiv unmarkiert, sondern buchstabierte die vielen Arten ihrer spezifischen Privilegierung in ihrem methodologischen Appendix dezidiert aus (GOFFMAN 2014).11) Das mag insofern besonders schmerzhaft gewesen sein, als sich beispielsweise in ihrer transparenten Beschreibung des erstmaligen Begreifens und der Wahrnehmung von Klassenunterschieden innerhalb der Black Community verdeutlichte, wie wirkmächtig die Differenzkategorie race selbst für eine zwar weiße, aber intellektuell ausgebildete Soziologin die hier eigentlich entscheidende Kategorie class überlagern konnte. Erst als GOFFMAN – bereits ein Jahr in ihrer Feldforschung in Philadelphia zugange – bei ihrem Mentor ANDERSON ein Seminar zu urban Ssociology besuchte, fand sie einen Zugang zu diesem gesellschaftlichen Repertoire und lernte die klassendifferenzierenden "Codes" u.a. von decent oder street12) zu lesen (ANDERSON 1999, 2003). Doch bewegten sich die kritischen Stimmen im Repräsentationsdiskurs nicht nur entlang intersektionaler Einordnungs- und Vertretungsfragen. Bereits 2014 während des jährlichen ASA-Kongress wagte es RIOS in einem Author-meets-Critics-Panel, das angesichts der Prominenz GOFFMANs live getweeted wurde, die Autorin darauf hinzuweisen, dass sie mit der Übernahme der feldinhärenten Relevanzlogik, in der Menschen dichotomisierend als clean oder dirty unterschieden wurden, das eigentliche soziologische Versprechen eben nicht einlöste – der Common Sense des Feldes wurde hier, so RIOS (2015, S.307f.), reifizierend verstärkt anstatt in einer Interpretation zweiter Ordnung gerahmt (siehe auch HANNERZ 2004, S.39). Damit wurde die Soziologin mit einer in der urban ethnography spätestens seit dem oben erwähnten WACQUANT-Disput vertrauten Anschuldigung konfrontiert. Ohne dass in der Debatte explizit geneaologische Verbindungen gezogen wurden, lag in der Außenperspektive die Deutung nahe, dass sich GOFFMAN letztlich mit ihrem in klassischer Chicago School-Tradition mimetisch praktizierten Denkstil eben auch die ihm inhärenten blinden Flecken ins Boot geholt hatte. Ähnlich wie ihre Doktorväter DUNEIER und ANDERSON sich bezüglich "Slim's Table" (DUNEIER 1992) und "Code of the Street"13) (ANDERSON 1999) der Kritik hatten aussetzen müssen, letztlich eben keinen epistemischen Bruch realisiert zu haben, so stand auch bei GOFFMAN die Frage im Raum, ob und inwiefern ihr (theoretisierende) Distanzierungen und damit Perspektivierungen gelungen waren. Schreiben die interaktionistischen Ethnograf_innen vielleicht also vor allem eines – gute Bücher, betreiben aber eben keine gute Soziologie? [24]

2.5 Der epistemische Bruch im Erzählformat

Die Bedeutung dieser Fundamentalkritik gegenüber den gegenwärtigen, im Geist der Chicago School verfassten Arbeiten ist im big picture der spezifischen US-amerikanischen Konstellation als Archetypus des liberalen Wohlfahrtsregimes (ESPING-ANDERSEN 1990) einzuordnen. Gilt für Ethnograf_innen wie für alle anderen Gesellschaftsmitglieder auch, dass, pragmatistisch gedacht, ihre Handlungen Ausdruck für die Bearbeitung gesellschaftlicher Probleme sind, ist die Gestalt der interaktionistischen Ethnografie als ebensolcher Ausdruck des Handelns angesichts mehr oder weniger latenter Sinnstrukturen zu lesen. US-amerikanische Soziolog_innen forschen und schreiben in eine gesellschaftsstrukturelle Grundmodulation hinein, in der die Wirksamkeit sozialer Strukturen in der Regel wenig sichtbar gemacht und die Gestaltungsräume des handelnden Subjekts wiederum stark betont werden. Für die qua Profession struktursensibilisierten soziologischen Ethnograf_innen gilt es seit ihren disziplinären Gründungsjahren in der hochindustrialisierten Megacity Anfang des 20. Jahrhunderts, praktische Lösungen im Umgang mit dieser Konfiguration zu finden. Pointiert formuliert hat dies u.a. BECKER (1967) in seiner weitläufig bekannten Schrift "Whose Side Are We On?" BECKER, der für einige Jahrzehnte mit seiner Professur an der Northwestern University den Chicagoer Geist hochhielt, während am Soziologiedepartment der eigentlichen University of Chicago ein konservativ-reaktionäres Klima herrschte, proklamierte klar: Ethnograf_innen sympathisierten zwar unbestritten mit den "underdogs" (S.244), ließen sich jedoch weder von der einen noch der anderen Seite naiv vereinnahmen. Offen blieb dabei, ob und wenn ja inwiefern das gelang. Mit der Wahl ihrer Forschungsgegenstände, der eindrücklichen Skizzierung der Sinnhaftigkeit des Handelns der Akteur_innen im Feld und der darüber teils mehr, teils weniger expliziten Sichtbarmachung wirkmächtiger sozialer Strukturen leisteten auch interaktionistisch angelegte Ethnografien einen zentralen Beitrag zu gesellschaftlichen Diskursen über soziale Ungleichheit. Nur, so würden es die Berkeley-Ethnografen WACQUANT und BURAWOY an dieser Stelle ungewohnt unisono wohl formulieren, waren sie dabei nicht konsequent genug. Vor dieser Maßgabe erfüllte auch DESMONDs in vielem strukturalistisch angelegtes "Evicted" (2016) den politischen Anspruch nicht. Das Buch war für BURAWOY zwar "highly effective as a 'public sociology' of exposé, but it comes at the cost of a critical perspective that would break with common sense and generate convincing policy proposals" (2017, S.264). So erwartbar von dieser Seite die Kritik der ausbleibenden expliziten politisch-strukturellen Adressierung ist, so überraschend ist es wiederum, wie wenig BURAWOY die im Feld disparaten Definitionen und Formen dessen, was als epistemischer Bruch verstanden wird, nebeneinander stehen lassen und in ihren jeweiligen Logiken einordnen konnte. In der interaktionistischen Ethnografie findet der Bruch mit dem Common Sense in der narrativen Anlage, also der Gestalt der Erzählung selbst, statt – er wird, mehr oder weniger bewusst, performativ hergestellt. Wenn also GOFFMAN in ihrem methodologischen Appendix schilderte, wie sie sich eines Nachts dabei beobachtete, gemeinsam mit ihrem Mitbewohner Mike entschlossen im Viertel herumzufahren, um den Mörder ihres gemeinsamen Freundes Chuck zu finden und bereit war, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, dann steht dieser Fall eindrücklich für die Sichtbarmachung und Wirkmacht sozialer Struktur.

"Looking back I'm glad I learned what if feels like to want a man to die [...] and to feel it in my bones, at an emotional level eclipsing my own reason or sense of right and wrong. But to go out looking for this man in a car with someone holding a gun? [...] My desire for vengeance scared me, more than the shootings I witnessed, more even than my ongoing fears for Mike's [...] safety, and certainly more than any fears of my own" (2014, S.261). [25]

Der Subtext dieser Episode ließe sich pointiert auch so lesen, als würde GOFFMAN sagen: "Schaut her, das ist es, was das Leben in gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnissen wie diesen sogar mit mir, der weißen Professorentochter und angehenden Princeton-Promovendin, anstellen kann." Nun dienen Passagen wie diese mit ihrer Demonstration existenzieller Involviertheit zweifellos auch der ethnografischen Selbstpräsentation, und doch wäre es fatal, sie alleine in die Rubrik des navel gazings einzuordnen, also als narzisstische Selbstbeobachtungsschau oder me-search (TIMMERMANS & PRICKETT 2019, S.55) einer Ethnografierenden abzutun. In szenischen Beschreibungen wie dieser dokumentierte sich viel entscheidender der eigentliche epistemische Bruch. Für diesen gilt es, die Prägekraft sozialer Strukturen an den Akteur_innen im Feld, aber eben auch an sich selbst sichtbar werden zu lassen, und so implizit gegen das Mantra des liberalen Wohlfahrtsregimes anzuschreiben: Nein, es ist eben nicht alle ihres Glückes Schmied, und nein, ob Tellerwäscher_innen zu Millionär_innen werden, hängt nicht allein an deren Arbeitsmoral (u.a. NEWMAN 200014)). [26]

Der spezifische Beitrag US-amerikanischer interaktionistischer Ethnografie lag in genau dieser strukturell-aufklärerischen Figur und ihren öffentlichkeitswirksamen Erzählformaten. Ihren Denkstil und Duktus behielten die Vertreter_innen der interaktionistischen Ethnografie auch dann bei, als WACQUANT (2002) pointiert infrage stellte, inwiefern es ihnen denn letztlich gelang, aufklärerisch performativ zu agieren, und zu dem vernichtenden Urteil kam: Gerade durch die Art der Darstellung ihrer Feldakteur_innen als würdevolle Protagonist_innen, die das Stigma bspw. der arbeitsscheuen, sozial prekären, skrupellosen Kriminellen nicht verdienten, konterkarierten die Ethnograf_innen ihr eigentliches Anliegen. Mit ihren Moralisierungsbeschreibungen reifizierten sie letztlich den wirkmächtigen Common Sense der individualistischen Zuschreibung, statt ihn diskursiv zu brechen. Während WACQUANT sich mit seiner Kritik in erster Linie an der moralischen Aufgeladenheit der Beschreibungen abarbeitete, blieb von ihm die eigentliche Achillesferse weitgehend unangetastet: die Frage, ob und inwiefern das Genre der Erzählung als primäre ethnografische Textsorte und kommunikatives Medium tatsächlich taugte. Der eigentliche GOFFMAN-Skandal entzündete sich eben genau daran, dass ihre ethnografische Kredibilität an dem Maß des journalistischen Wahrheitsgehalts ihrer Erzählung gemessen und dabei massiv auf den Prüfstand gestellt wurde. [27]

3. Tales of ethnography und der naive Empirismus

Die wirkliche Zäsur in der bis dato, trotz vorhandener Kritik (s.o.), weitgehend ungebrochenen Erfolgsgeschichte von GOFFMANs "On the Run" vollzog sich im Mai 2015, ein gutes Jahr nach Ersterscheinung des Buches. Eine anonyme Quelle versandte über diverse einschlägige akademische Netzwerkverteiler an Hunderte von Soziolog_innen ein 57seitiges Dokument (ANONYMUS 2015), das folgendermaßen beginnt:

"I am reaching out to you about Ms. Alice Goffman, who is an Assistant Professor of Sociology at The University of Wisconsin-Madison. Below, I provide you ample empirical evidence to support an investigation into substantial research misconduct on the part of Ms. Goffman in her book On the Run and in her American Sociological Review article 'On the Run'. Given the high regard in which Ms. Goffman and her work are held, you may be skeptical about this document. But I invite you at least to scroll down these many pages of careful substantiation before you form an opinion ..." (ANONYMUS 2015, S.1). [28]

Es folgte die umfassende Auflistung und Erläuterung von 45 problems, deren detaillierter Schilderung eigene investigative Recherchen zugrunde lagen, die offensichtlich trotz GOFFMANs Anonymisierungsstrategien realisiert werden konnten. So wurde angegeben, selbst sowohl an der "6th Street", wie die Ethnografin ihre fieldsite pseudonymisiert nannte, als auch an den Wohnorten in der Dauer ihrer sechsjährigen Feldforschung gewesen zu sein. Im Zentrum der expansiven Problemschilderung standen zahlreiche Inkohärenzen in GOFFMANs Darstellung. Teils war der Bezugsrahmen dabei immanent gewählt, und die Widersprüchlichkeit der gezogenen Schlüsse wurde durch das Zusammenführen inkongruenter Äußerungen zur gleichen Thematik von verschiedenen Akteur_innen oder zu diversen Zeitpunkten innerhalb der Monografie selbst aufgezeigt. An anderen Stellen wurde durch das zusätzlich eingebrachte Hintergrundwissen das von der Soziologin gezeichnete Bild ihrer ethnografischen Immersion deutlich relativiert. Exemplarisch verdeutlichte sich das u.a. an dem Fazit, das seitens der anonymen Quelle nach der eigenen Begehung von GOFFMANs Wohnort nahe der 6th Street gezogen wurde: "Ms. Goffman's description could be interpreted as a skewed / exaggerated attempt to make where she was living seem blacker, poorer, and more crime-ridden—and her own research more immersive—than it was" (ANONYMUS 2015, S.18). Der Grundtenor ist klar: GOFFMANs bis dahin so demonstrativ hochgehaltene ethnografische Kredibilität war grundsätzlich zu hinterfragen. [29]

In Reaktion auf diesen Paukenschlag forderte die University of Chicago Press von ihrer Autorin umfassende Stellungnahmen. Ihr Arbeitgeber, die University of Wisconsin-Madison, strengte zur Klärung der massiven Vorwürfe gegenüber ihrer Assistant Professorin eine eigene Untersuchung an. Die anonyme Anklageschrift schlug hohe Wellen und wurde in der öffentlichkeitswirksamen Berichterstattung gleichermaßen prominent zum Thema (u.a. BROWN 2017; SINGAL 2015, 2016; SYED 2017) wie die zuvor anerkennend-faszinierte Porträtierung der Ethnografin. Diese verfasste schließlich umfangreiche Stellungnahmen (GOFFMAN 2015b), in denen sie detailliert auf die einzelnen Vorwürfe Bezug nahm und es ihr weitgehend gelang, zentrale Anschuldigungen aus dem Weg zu räumen. Gerade als der Skandal abzuflauen schien und auch von der anonymen Quelle keine weiteren Äußerungen getroffen wurden, setzte jedoch nachhaltige Kritik von anderer Stelle ein. Der zuvor als "ethnographic classic" (JENCKS 2014, o.S.) gehandelte Band wurde nun noch einmal, mit umso größerer Schlagkraft, zum symbolischen Exempel fehlgeleiteter Soziologie statuiert: "'On the Run' reveals the flaws in how sociology is sometimes produced, evaluated, and rewarded" (LUBET 2015c, o.S.). Nun meldete sich zum ersten Mal LUBET, Rechtswissenschaftler an der Northwestern University, zu Wort. Wie das Gros der Kritiker_innen verwies auch er auf weiterhin bestehende Implausibilitäten und die Notwendigkeit, "the author's accuracy and reliability" (a.a.O.) infrage zu stellen. Einen deutlich schärferen Akzent setzte er jedoch mit der Zuspitzung auf die forschungsethisch prekäre Tatsache, dass, nimmt man GOFFMANs Schilderung der nächtlichen Suche nach Chucks Mörder (siehe oben) ernst, die Ethnografin sich der Verschwörung zum Mord schuldig gemacht hatte, ein Straftatbestand, der zur Befremdung des Juristen bis zu diesem Zeitpunkt weder in den zahlreichen Book Reviews kritische Erwähnung gefunden noch bei den Dissertationsbetreuenden bzw. dem universitären Ethikboard Irritationen ausgelöst hätte. Nun mag die aus LUBETs Perspektive befremdlicherweise ausbleibende Resonanz innerhalb der Soziologie mit Blick auf die Regeln des Feldes der ethnografischen Wissensproduktion schnell erklärt sein. Hatte nicht auch WHYTE in "Street Corner Society" (1943) Wahlbetrug eingestanden? Der Verweis auf die Klassiker_innen der Chicago School-Tradition war das eine, die Maßgabe totaler Immersion als weiterhin geltendes oberstes Gebot selbst in der inzwischen ausdifferenzierten ethnografisch-soziologischen Schulenlandschaft das andere. So relativierte auch BURAWOY in Replik auf LUBET, aus juristischer Logik sicherlich kaum nachvollziehbar, GOFFMANs Gesetzesübertritt mit der Erzählung seiner eigenen Verhaftung bei der ethnografisch motivierten Teilnahme an studentischen Demonstrationsprotesten in Südafrika. Insbesondere die Verhaftung beschrieb er dabei als eigentlichen ethnografischen Immersionsmoment und damit unverzichtbare Eintrittskarte ins Feld (BURAWOY 2019, S.52). Die Bewertungslogiken könnten an dieser Stelle kaum unterschiedlicher ausfallen: Verhaftet zu werden, weil es den Regeln des Feldes entspricht, steigert die ethnografische Kredibilität, anstatt sie zu schmälern. LEWIS-KRAUS fasste dies in seinem New York Times-Artikel über "On the Run" so zusammen: "This is a book about men whose entire lives had been criminalized, and Alice Goffman, to her credit, didn't hesitate to criminalize her own" (2016, o.S.). [30]

Schon etwas anders verhält es sich jedoch mit LUBETs Einschätzung zu den von GOFFMAN als hyperpolicing beschriebenen Vorgängen, die sich ihm zufolge in dieser Art im Rechtsstaat so nicht abgespielt haben könnten. Gegen Ende des Buches beschrieb GOFFMAN die Praxis polizeilicher Kontrolle, bei der, ohne dass Gefahr im Verzug bestand, Polizist_innen routinemäßig im lokalen Krankenhaus Akteneinsicht zur aufgenommenen Patient_innenschaft und deren Begleitung nahmen. GOFFMAN schilderte, wie sie miterlebte, dass ein Vater unmittelbar nach Geburt seines Kindes von zwei Polizisten in Handschellen abgeführt wurde. Die beiden wären ohnehin wegen einer vorgefallenen Schießerei zu Ermittlungen im Hospital gewesen und hätten, wie üblich, die Gelegenheit genutzt, die Datenbank durchzugehen, um festzustellen, ob sich derzeit weitere Personen mit ausstehenden Haftbefehlen in der Klinik aufhielten. LUBET (2015a) erhob massive Zweifel an der Realität dieser Praxis und verwies (nicht) nur auf rechtliche Kodizes, die ein solches Vorgehen verunmöglichten, sondern holte ebenso die Einschätzung von Expert_innen im Feld ein und bezog sich auf weitere Quellen journalistischen fact checkings, die sein Urteil stützten. Nun dokumentierte sich in diesen Gegenüberstellungen von Aussagen und Fakten zum einen sicherlich ein positivistisches Wahrheitsverständnis, auf das im Folgenden noch eingegangen wird.15) Zum anderen lässt sich mit BECKER an diesem Fall ein Paradebeispiel dessen erkennen, was er als "hierarchy of credibility" (1967, S.241) bezeichnete. GOFFMAN stützte sich in ihrer Repräsentation der underdogs auf die Aussagen derer, die am unteren Ende dieser implizit ausgehandelten gesellschaftlichen Glaubwürdigkeitsskala positioniert waren. Das Expert_innenwissen dieser Feldakteur_innen basierte auf Alltagserfahrungen, deren Interpretation zweifellos von eigenen Sinnhaftigkeitszuschreibungen und Interessen geprägt waren. Gleiches gälte es allerdings ebenfalls für die von LUBET befragten anerkannten professionellen Expert_innen zu konstatieren. Auch die vermeintlichen Vertreter_innen am oberen Ende der hierarchy of credibility waren in die in ihren Zusammenhängen inhärenten Logiken von law inforcement eingebunden. In der Verhandlung der Grundfrage Kann es so gewesen sein? hieße es also eigentlich zielführender zu fragen: Wessen Wort und Aussage ist hier warum mehr wert? Und: Wofür stehen eigentlich diese einander ausschließenden Äußerungen in der Zusammenschau? Eine solche Reflexion blieb jedoch gänzlich aus und damit auch die Option, genau jene Widersprüchlichkeiten als feldinhärente Logiken sichtbar werden zu lassen und zu adressieren. [31]

LUBETs Intervention verlieh dem GOFFMAN-Skandal nicht nur in der breiten Öffentlichkeit neuen Auftrieb, sondern löste auch im wissenschaftlichen Feld zahlreiche fundierte Diskussionen zu Fragen ethnografischer Wissensproduktion aus, die ohne dieses von außen herangetragene Problem der im Raum stehenden öffentlichen Diskreditierung so sicherlich nicht geführt worden wären. In der Vielzahl der Kommentierungen lassen sich dabei drei Diskurslinien identifizieren: 1. die Re-Identifikation mit der Chicago School-Tradition und ihren literarischen Formaten, 2. der Einsatz von Forschungsstrategien, die implizit der Aufrechterhaltung des positivistischen Wahrheitsbegriffs dienen, und 3. die Forderung nach einer stärkeren Methodologisierung und damit Theoretisierung ethnografischen Forschens. [32]

3.1 Die Re-Identifikation mit der Chicago School-Tradition und ihren literarischen Formaten

Kaum jemand könnte wohl besser über das Genre, also die Art von Text, die GOFFMAN mit "On the Run" (2014) vorgelegt hat, urteilen als VAN MAANEN. Der sowohl der Soziologie wie der Anthropologie nahestehende Ethnograf hatte mit "Tales of the Field" (2011 [1988]) eine der ersten Arbeiten verfasst, die sich detailliert und kritisch mit den verschiedenen Stilen und narrativen Konventionen der schriftlichen Repräsentation von Kultur auseinandersetzen. VAN MAANEN unterschied darin realist, confessional und impressionist tales, und tatsächlich lässt sich jede dieser Erzählformen in diversen Passagen von GOFFMANs Arbeit wiedererkennen. Das realist tale drückt sich in der dokumentarischen Berichterstattung und objektiven Beschreibung und Deutung der sozialen Phänomene (VAN MAANEN 2011 [1988], S.45) zweifellos in GOFFMANs durchweg hoher, teils reportagenhaft anmutenden Detailorientierung aus. In diesem Duktus am deutlichsten gehalten ist Kapitel 2 "The Art of Running" (2014, S.23). Darin abstrahierte die Autorin mit interaktionistischer Feinsinnigkeit u.a. die von ihr beobachteten fünf Arten, auf denen Begegnungen mit Gesetzesvertretenden vermieden wurden, während die auf den Fahndungslisten Stehenden sich mitten in der alltäglichen Lebensbewältigung und gleichzeitig auf der Flucht vor der Polizei befanden. Oder sie skizzierte die vier Wege, auf denen rechtliche Schwierigkeiten zu potenziellen Ressourcen umgewandelt werden konnten. Der zweite Typus, das impressionist tale, bei dem die Narration der subjektiven Felderfahrung im Vordergrund steht, kommt am stärksten in GOFFMANs gewähltem Erzählbogen ihres eigenen Eintauchens in das Leben nahe der 6th Street zum Ausdruck. Dieser Erzählbogen durchzieht die gesamte Monografie, wobei auch Elemente des confessional tale integriert werden, bspw. in eben jener Schilderung ihres eigenen Erlebens von Rachegefühlen und Vergeltungsbereitschaft nach der Ermordung ihres Freundes (S.261). [33]

VAN MAANEN allerdings bediente sich in seinen mit DE ROND (2017) verfassten Überlegungen zu "On the Run" nicht der eigenen tales-Schablonen, sondern kam nach offen-analytischer Prüfung zu dem Urteil, dass die Autorin an manchen Stellen zwar übergeneralisiert haben mag, letztlich aber ein beachtliches literarisches Werk vorgelegt hatte, das auch im soziologisch-wissenschaftlichen Stil überzeugte. Nach umfassender wertschätzender Begutachtung klassifizierten sie GOFFMANs Buch als eine klassische Chicago School-Ethnografie16) und machten dies an vier zentralen Kriterien fest (VAN MAANEN & DE ROND 2017, S.404f.): 1. dem Vorrang der Logik der Entdeckung gegenüber der Logik der Überprüfung und der daraus resultierenden Abwesenheit eines deduktiv-überformenden theoretischen Apparats mit sperrig-technischem Jargon; 2. der eindrücklichen Repräsentation einer der Öffentlichkeit ansonsten fremden und verschlossen bleibenden Lebenswelt; 3. der empirischen Fundierung als oberstem Qualitätskriterium, für dessen Erfüllung die Ethnografierenden mit ihren genauen Beschreibungen Zeug_innenschaft ablegen; und 4. der Intensität und Dauer der beobachtenden Teilnahme, die legitimerweise durch die Spezifik ihrer jeweiligen subjektiven Immersion letztlich eine identische Form der Replikation unmöglich werden lässt. [34]

Mehr als alles andere überzeugte GOFFMAN die Autoren jedoch damit, wie ihr in der narrativen Anlage die performative Herstellung des epistemischen Bruchs gelang und in der Leseresonanz zu bemerkenswerten Irritationen führte.

"Astonishment is what is delivered, but in a meticulous, point-by-point, example-after-example fashion. A matter driven home when one of us was typing up some notes on the book and writing down the title of Chapter Three as 'When the Police Knock on Your Door', only to find out later that the correct title reads, 'When the Police Knock Your Door In'. These little to large shocks to our system run throughout the text. The words, phrasing, and ordering are precise, evocative, and meant to and do startle us, serving as something of a wake-up call to our sense of justice, fairness, and equality (or lack thereof)" (VAN MAANEN & DE ROND 2017, S.398). [35]

Ein so geschriebenes Buch, auch das wird hier deutlich, benötigt kein gesondertes Kapitel zur Adressierung von politischen Zusammenhängen oder zur expliziten Benennung politischer Forderungen17), es ist politisierend. Seine Wirksamkeit liegt darin, seinen Rezipient_innen einen Erfahrungsraum zu eröffnen, in dem sich beim Leseerlebnis selbst die Bewusstwerdung über ansonsten ausgeblendete und de-thematisierte gesellschaftliche Realitäten vollzieht. Die Abduktion, d.h. den sehnsüchtig und teils durchaus leidvoll herbeigehofften Erkenntnisblitz im forscherischen Handeln, diesen Aha-Moment (u.a. REICHERTZ 2013), gelte es auch bei den Leser_innen auszulösen. Wenn sich in der Rezeption dann astonishment (VAN MAANEN & DE ROND 2017, S.398) einstellt, drückt dies auch aus, dass die Verdoppelung der abduktiven Erfahrung gelungen ist. Grundsätzlich schaffte es GOFFMAN dabei zumindest punktuell, nicht zu sehr in die Falle der moralisch aufwertenden Beschreibung oder der Viktimisierungsnarration zu tappen – eine Leistung, die angesichts ihrer eigenen Feldinvolviertheit und Identifikation beachtlich erscheint. [36]

Liest man VAN MAANENs und DE RONDs Beitrag (2017) mit Blick auf die (impliziten) Regeln und Kriterien in der Bewertung guter Ethnografie, fällt zum einen auf, dass sie in ihren Kommentierungen von "'On the Run' as literature" (S.397) und "'On the Run' as science" (S.399) eine klare Unterscheidung dieser beiden Sphären vornahmen und diese Differenz auch aufrechterhalten wollten. Zum anderen ist es bemerkenswert, dass in den Ausführungen zur science selbst bei wissenschaftsreflexiven Autor_innen wie diesen kurz eine Figur emergierte, die in der US-amerikanischen Ethnografie immer wieder eine Rolle spielt – die des Zählens.

"She was always counting something: witnessing fourteen police beatings in her first eighteen months, going only five days in her first two years without seeing an arrest made in the neighborhood, watching forty-one episodes of people running from the police after a stop in which twenty-four got away and in only seven instances did the police catch the name of the runner. She notes seventy-one occasions in her presence where a woman was told a loved one just 'caught a case', and in fifty-eight of these the woman promised to 'ride' for the loved one" (S.399). [37]

Nun dokumentierte sich in dieser numerischen Form der Protokollierung zweifellos eindrücklich die omnipräsente, alltägliche Verhandlung von law and order, zugleich taugte die Häufigkeitsangabe als impliziter Beleg der gewissenhaft betriebenen Zeuginnenschaft durch die Ethnografin. Gleichzeitig klingt grundsätzlich in der ethnografischen Praxis des Zählens ein Wissenschaftsverständnis des naiven Empirismus an, das Gegenstand der zweiten großen Diskurslinie in Reaktion auf den GOFFMAN-Skandal war. [38]

3.2 Forschungsstrategien zur Aufrechterhaltung des positivistischen Wahrheitsbegriffs

VAN MAANENs und DE RONDs (2017) Artikel musste sich bereits in redaktioneller Bearbeitung bzw. im Druck befunden haben, als ein weiteres Beben die Ethnografielandschaft erschütterte. Der Rechtswissenschaftler LUBET hatte es nicht bei seinen beiden kritischen Essays (2015a, 2015b) zu GOFFMANs empirischem Vorgehen und Schlussfolgern belassen, sondern zwischenzeitlich seine Befremdung zum Anlass genommen, sich der grundsätzlichen Prüfung des wissenschaftlichen Genres der Ethnografie zu widmen. Als Produkt dessen legte LUBET 2017 sein Buch "Interrogating Ethnography: Why Evidence Matters" vor und kam darin nach der Begutachtung von mehr als 50 weitgehend aktuellen soziologischen Ethnografien18) zu einem vernichtenden Urteil. Systematisch zeigte er etliche fehlerhafte Schlussfolgerungen und unzulängliche empirische Fundierungen auf, um schließlich seine Forderung nach einer verlässlicheren "evidenced-based ethnography" (S.127) zu formulieren. "Lubet puts ethnography on trial", fasste es BURAWOY (2019, S.47) zusammen, und tatsächlich läuft einem beim Lesen von LUBETs Anklageschrift angesichts der Detailhaftigkeit der Prüfung und den vor diesem Hintergrund unplausibel erscheinenden, teils stark generalisierenden ethnografischen Deutungen ein Schauer über den Rücken. Immer nachvollziehbarer wird da die zunächst befremdend wirkende Episode, die der Journalist LEWIS-KRAUS (2016) in seinem New York Times-Porträt erzählte: GOFFMAN, 2016 bereits im Kreuzfeuer der ersten LUBET-Vorwürfe, war zur Begegnung mit dem Journalisten mit einem Koffer voller Quittungen und Belege aus der Zeit ihrer Feldforschung angereist – ein Versuch, dem Reporter ausreichend Beweise ihrer Glaubwürdigkeit vorzulegen. [39]

Nun ist die Figur der empirisch fragwürdigen oder in ihren Beschreibungen anfechtbaren Ethnografie kein Novum, man denke nur an die Anthropologin MEAD, der nach ihrem Ableben massive Vorwürfe zur Belastbarkeit ihrer Datengrundlage entgegengebracht worden waren. MEADs schärfster Kritiker FREEMAN (1983) warf ihr im Tenor LUBETs u.a. die fehlgeleitete Gleichsetzung von Hörensagen und Fakt vor. In sehr viel später gedrehten und veröffentlichten Videoaufnahmen19) gab eine ältere Frau an, damals zu der von MEAD befragten Gruppe von jungen Mädchen gehört zu haben, deren Aussagen die Forscherin in "Coming of Age in Samoa" (2001 [1928]) als bare Münze behandelt habe, statt darum zu wissen, dass samoanische Mädchen sich liebend gerne als Lügnerinnen inszenierten. Auch andere kontextualisierende Bezüge legten diese Deutung nahe (FREEMAN 1983). Das Gespenst der Gefahr falscher Informationswiedergabe und des Ziehens fehlgeleiteter Schlüsse hatte jedoch auch die urban ethnography bereits vor LUBETs Intervention umgetrieben. In "How Not to Lie With Ethnography" diskutierte DUNEIER (2011a, S.1) die Problematik der gerade in der ethnografischen Offenheit liegenden Versuchung des "convenience sampling" (siehe auch SMALL 2009). Diesem sei systematisch ein "inconvenience sampling" (S.8) entgegenzustellen, bei dem bewusst solche empirischen Fälle herangezogen werden sollten, die der bis dahin entwickelten Interpretation widersprächen. Letztere sei angesichts dessen weiter theoretisierend zu reformulieren.

"Ethnographers well into their studies could, as a matter of course, ask a few simple questions: 'Are there people or perspectives of observations outside the sample whose existence is likely to have implications for the argument I am making? Are there people or perspectives or phenomena within the sample that, when brought before the jury, would feel they were caricatured in the service of the ethnographer's theory of line of argument'"? (DUNEIER 2011a, S.8) [40]

So gedankenexperimentell und methodologisch reflexiv DUNEIER seine Vorschläge formulierte, so auffallend sind in seinen Ausführungen auch die immer wieder aufblitzenden semantischen Referenzen auf die Metapher des Gerichtssaals, bspw. in der im obigen Zitat aufgerufenen Vorstellung der Jury, vor deren Urteil die eigene Arbeit zu verteidigen sei. Und genau in diesem Bild benannte DUNEIER auch die Notwendigkeit, sich mit ungeliebten Fakten auseinanderzusetzen:

"One of the ways that I can accustom myself to inconvenient phenomena is to imagine that I will stand trial for ethnographic malpractice. An attorney has brought a claim against me on behalf of my study's readers. The trial will be held at a courtroom near the site of study, and witnesses who know about my subject will be called. The important thing about these witnesses is that they will be the ones I most fear hearing from because what they know is least convenient for the impressions I have given the reader" (S.2). [41]

In dem hier entworfenen Schreckensszenario muss die eigene ethnografische Deutung, zumindest fiktiv, in einem Aussage-gegen-Aussage-Prüfverfahren bestehen können. Nur so wird für die Leser_innenschaft eine verlässliche Ethnografie produziert.20) Im Jahr 2020 liest sich ein Text wie dieser von dem Doktorvater von GOFFMAN noch einmal mit neuer Konnotation und Brisanz. Ausgerechnet seiner prominentesten Schülerin wurde zwischenzeitlich in aller Öffentlichkeit eben jener Prozess gemacht, von dem DUNEIER selbst wenige Jahre zuvor als "ethnographic trial" (2011a, S.2) geschrieben hatte. Während sich GOFFMANs Jury aus akademischer wie breiter Öffentlichkeit selbsternannt dem Urteilsspruch in Bezug auf deren ethnografische Kredibilität widmete, verweist ein aktuellerer Fall der realen Gerichtsbarkeit ethnografischen Wissens auf langfristig im Feld der Ethnografie vielleicht relevantere Dimensionen. 2017 wurde KHAN, Professor an der Columbia University, völlig aus dem Blauen heraus gerichtlich vorgeladen, um seine Wissensbestände über das Eliteinternat offenzulegen, an dem er für seine Dissertation "Privilege: The Making of an Adolescent Elite at St. Paul's School" (2011) umfassende Feldforschung betrieben hatte. Anlass war ein von KHAN und seinen Erhebungszeiträumen völlig unabhängig laufendes Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs einer Lehrperson an einer Schülerin. In Reflexion dieser Erfahrung formulierte KHAN (2019) konkrete Umgangsstrategien für Ethnografierende zur Adressierung eines so gelagerten forschungsethischen Dilemmas. KATZ (2019) reagierte angesichts dieser Problematik ebenfalls mit Hinweisen dazu, wie sich Forscher_innen dem juristischen Druck, die im Feld gemachten Verschwiegenheitszusicherungen zu brechen, entziehen könnten.21) Auch LUBET, der bei seinen GOFFMAN-Recherchen einerseits auf die besorgniserregende Leichtigkeit der Entschlüsselung der von ihr gewählten Anonymisierungsstrategien hingewiesen hatte und andererseits jede Maskierung der Daten insofern problematisierte, als dadurch Quellen verschleiert bzw. deren Überprüfung verunmöglicht würden, meldete sich mit einer Replik auf den KHAN-Artikel zu Wort. Insbesondere unterstützte er dessen Forderung, der soziologische Fachverband, die ASA, müsse eine differenzierte Entscheidungsleitlinie für Fälle wie diesen entwickeln (LUBET 2019). [42]

Die Herausforderung, Datentransparenz und Verschwiegenheitsschutz in ethnografischen Arbeiten zu realisieren, treibt die ethnografische Community nun, gewollt oder nicht, um. An seinem Institute for Public Knowledge an der New York University (NYU) hielt KLINENBERG das live gestreamte Panel "Intersections—Facts, Ethics and Trust"22) mit einschlägigen Gästen wie VAUGHAN, VENKATESH u.a. ab. FINE veranstaltete in Chicago eine zweitägige "Interrogating Ethnography Conference", in deren Zentrum eine "Panel Discussion: Author Meets Critic" (NORTHWESTERN PRITZKER SCHOOL OF LAW 2018) stand, in der sich LUBET u.a. mit JEROLMACK, KHAN und PATTILLO auseinandersetzte. JEROLMACK, selbst Schüler von DUNEIER, hielt dabei zunächst eine lange Verteidigungsrede auf GOFFMANs Arbeit, ging dann jedoch auch auf mit LUBET geteilte Positionen ein. Diese bestanden insbesondere in der Forderung des deutlich kritischeren Umgangs mit dem bislang in der Ethnografie und seitens der universitären Institutional Review Boards (IRBs) hochgehaltenen Anonymisierungskodex. Während Datenmaskierung in spezifischen Fällen berechtigt weiterhin Praxis sein sollte, sei dieses Verfahren als übliches Vorgehen nicht nur zur Herstellung von Überprüfungszusammenhängen grundsätzlich zu hinterfragen, sondern vielmehr auch im Hinblick auf die Kosten für die soziologische Wissensproduktion. Anonymisierung stütze auf ungute Weise, so MURPHY und JEROLMACK (2016), nicht nur die Unantastbarkeit der ethnografischen Autorität, sondern verunmögliche auch die potenzielle Replikation oder Beobachtung sozialer Wandlungsprozesse bei revisits durch weitere Ethnograf_innen (siehe auch JEROLMACK & MURPHY2019). Darüber hinaus biete die Verschleierung der eigentlichen Orte Raum für die Stilisierung des beschriebenen Falles in seiner vermeintlichen Universalität, wie z.B. bei GANSs "The Levittowners" (1967), und erschwere so komparative Analysen. [43]

So aktuell die Themen Anonymisierung, Datentransparenz und Quellenschutz anlässlich der GOFFMAN-Ethnografie und im weiteren Verlauf immer losgelöster von ihr derzeit in der US-amerikanischen Ethnografielandschaft verhandelt werden mögen, so deutlich steht dieser Fall auch für die Bearbeitung eines größeren, drängenden Bezugsproblems der ethnografischen Forschungstradition. Blickt man in der Zusammenschau auf die WACQUANT-Debatte, den GOFFMAN-Skandal und die daran anschließenden LUBET-Diskussionen oder vorangegangene öffentlich geführte Kontroversen wie den KLINENBERG-DUNEIER-Schlagabtausch23) (u.a. DUNEIER 2006; KLINENBERG 2002, 2006), drängen sich die Fragen danach auf, was sich in diesen Kämpfen um Deutungsmacht eigentlich dokumentiert. Pragmatistisch gefragt: Welches Problem wird hier zu bearbeiten versucht? Oder pointiert im klassisch US-amerikanischen ethnografischen Duktus formuliert: What is this a case of? [44]

Für das Finden einer ganz eigenen Lösung hatte sich DESMOND entschieden. Gegen Ende seiner Forschungsarbeit für "Evicted" (2016) (siehe Abschnitt 2.3) beschäftigte er einen "independent fact-checker" (LUBET 2017, S.XV), der ohne vorheriges Wissen über das Feld einschlägige Informationszusammenhänge prüfte. Welche Art von Beitrag durch das Einschalten dieser dritten, als unabhängig deklarierten Quelle hinzugewonnen werden konnte, d.h. was dadurch wie in der Wahrnehmung DESMONDs korrigiert wurde und inwiefern auch Deutungen verlagert wurden, dazu äußerte er sich leider nicht. Dessen ungeachtet verwies LUBET mehrfach auf DESMONDs Strategien als vorbildliche und nachahmenswerte best practice (LUBET 2017, S.56f.). DESMOND selbst berichtete darüber hinaus umfassend von seinen geleisteten Anstrengungen zur Herstellung kommunikativer Validierung durch sein Forschungsfeld, die von ihm in unterschiedlichsten Rahmungen realisiert wurde (2016, S.404). In diesem Konsens zwischen dem Rechtswissenschaftler und dem Soziologen verdeutlicht sich eindrücklich ihr geteiltes Objektivitätsverständnis einer Wahrheit über das Forschungsfeld. Entsprechende Ressourcen ermöglichen dann wiederum eine Absicherung dieser Wahrheit, um sie vor potenziellen ethnographic trials zu immunisieren. Das genau diese Art des naiven Empirismus nicht der zu beschreitende Weg der soziologischen Ethnografie sein kann, thematisierten ihre Vertreter_innen in der Paneldiskussion mit LUBET in aller Klarheit, oder wie PATTILLO es ausdrückte: "I don't want ethnography to look anything like a courtroom" (NORTHWESTERN PRITZKER SCHOOL OF LAW 2018, S.126). Welche ganz eigenen epistemologischen Wege an dieser Stelle alternativ zu beschreiten wären, darin blieben jedoch alle wiederum bemerkenswert vage. Und vielleicht dokumentiert sich gerade in dieser Leerstelle auch das eigentliche Bezugsproblem. [45]

3.3 Die Forderung nach einer stärkeren Methodologisierung

Zu dieser Leerstelle meldete sich am deutlichsten sicherlich BURAWOY (2019) mit seiner Programmatik zu Wort und unterstrich etwas, das auch andere Akteur_innen (u.a. VAN MAAANEN & DE ROND 2017) bereits anklingen hatten lassen: Im Fall der ethnografischen Wissensproduktion kann es weder darum gehen, sich einem positivistischen Wahrheitsbegriff zu verschreiben, noch darum, jede Art von Geltungsanspruch in postkolonialen Strategien relativierend aufzulösen. Besonders sichtbar wurde dieses Spannungsfeld, als LUBET den vielen in der klassischen urban ethnography als zu postkolonial geltenden DENZIN zitierte: "Few critical ethnographers think in the language of evidence. They instead think about experience, emotion, events, processes, performances, narratives, poetics, and the politics of possibility" (DENZIN in LUBET 2017, S.xiii), um im Anschluss daran selbst zu bilanzieren: "those are worthwhile inquiries, but they are well outside my empirical wheelhouse" (S.xiii). So etwas wie Wahrheit lässt sich für LUBET nicht in Gestalt von "narratives, experiences, emotions, processes ..." (DENZIN in LUBET 2017, S.xiii) ausdrücken, einzig und allein durch Fakten sei dies möglich. Wenn auch manche ethnografischen Akteur_innen wie DESMOND (2016) diesem Objektivitätsverständnis implizit Rechnung tragen, zeichnet sich grundlegend im Feld der US-amerikanischen Ethnografie und insbesondere für die urban ethnography des 21. Jahrhunderts ein klarer Handlungs- und Entwicklungsbedarf ab, der letztlich an den verbleibenden positivistischen Anleihen rührt. Ethnografie als "'natural' sociology that gets at the unvarnished 'truth'" (BURAWOY 2019, S.48) ist in der Vergangenheit offensichtlich kläglich gescheitert, gleichzeitig sind gerade für die urban ethnographers die DENZIN-Bezüge insofern wenig anschlussfähig, als der Chicagoer Reportage-Geist trotz allem identitätsstiftende Kraft besitzt. Für die Ethnografie als wissenschaftliche Praxis muss ein dritter Weg gefunden und beschritten werden. BURAWOY zufolge liegt dieser in einer konsequent-reflexiven Methodologisierung, die insbesondere in der gängigen Unterscheidungsfolie von Hörensagen und beobachteter Realität zu realisieren sei. Die Gegenüberstellung von verbal accounts, also dem, was Feldakteur_innen zu tun behaupten, und der Beobachtung dessen, was sie dann wirklich tun24), wird bis dato in der US-amerikanischen qualitativen Methodenlandschaft vor einer bemerkenswert positivistischen Deutungsfolie verhandelt, die als solche jedoch unbenannt bleibt. Die Aussagen von Forschungsteilnehmer_innen werden dabei häufig als face value gehandelt, d.h. beim Wort genommen, und eben nicht als Ausdruck subjektiver, sinnhafter Deutung. Das Resultat sind "quotation-driven studies" (DUNEIER 2011b, S.59), in denen im Modus der Einstellungsforschung individualisierend Wahrnehmungsrepertoires wiedergegeben werden, anstatt eine soziale Kontextualisierung dieser Deutungen vorzunehmen. Als federführend in der Diskussion dieser Fragen gilt das von BURAWOY wiederum unzitierte, kurz nach seinem Erscheinen jedoch bereits als instant classic gehandelte Paper "Talk Is Cheap" von JEROLMACK und KHAN (2014). Die eigentliche Problematik des face values liegt aus ihrer Sicht in der fälschlichen Annahme, dass sich aus in Interviews getroffenen Selbstaussagen verlässliche Handlungen prognostizieren lassen würden. Das soziologische Diktum "if men define situations as real, they are real in their consequences" (THOMAS & THOMAS 1928, S.571f.) heißt es an dieser Stelle nicht zu überziehen. Vielmehr gilt es, gerade weil Bedeutungen in situ gemeinsam in Interaktionen ausgehandelt werden, die Instabilität und Veränderbarkeit dieser Definitionssituationen zu registrieren (JEROLMACK & KHAN 2014, S.188f.). Während bei "Talk Is Cheap", wie es im Titel anklingt, durchaus immer wieder ein positivistischer Subtext durchschimmert, formulierte BURAWOY klar, dass es eben nicht um die Priorisierung des einen Datenzugangs über den anderen wahrer erscheinenden gehen kann. Stattdessen heiße es, Diskrepanzen und Inkohärenzen methodologisch zu nutzen:

"Indeed its [ethnography's] method is to analyze the dialogue between what people say and what they do, between stated norms and actual practices, between justifications and behavior. Intrinsic to participant observation is a suspicion of informants' accounts as the only version of the truth: they give one side of the truth, they exaggerate. Even when they lie, that tells us a lot about the world they inhabit because, by indicating what people want to hide, they point do deeply held interests" (2019, S.50). [46]

Und auch revisits, also das Wiederaufsuchen des Forschungsfeldes entweder durch dieselben oder andere Beobachter_innen sind in ihrer eigentlichen Bedeutung fern von der Funktion der Überprüfung ethnografischer Kredibilität nutzbar zu machen. Viel erkenntnisproduktiver als für das fact checking sind sie methodologisch für die Weiterentwicklung von bei ersten Feldaufenthalten gemachten Theoretisierungen (u.a. HOANG 2015) oder für die Beobachtung sozialer Wandlungsprozesse. BURAWOY (1979) war bei seiner Chicagoer Ethnografie erst im Verlauf seiner beobachtenden Teilnahme als Fabrikarbeiter bei einem Motorenhersteller über den Umstand gestolpert, dass seine fieldsite schon einmal, 30 Jahre zuvor, die eines anderen Ethnografen war – des bekannten Industriesoziologen ROYs (1959), auf dessen Beschreibungen er sich daraufhin vergleichend bezog. [47]

In allen drei im vorangegangenen skizzierten Diskurslinien verdeutlicht sich: Der GOFFMAN-Skandal hatte einen Nerv getroffenen, und die Reaktionen hierauf schienen zumindest das Potenzial auf weitere nachhaltige Verschiebungen in der US-amerikanischen Ethnografielandschaft zu besitzen. Als ich im Herbst 2015 auf einer internen Ethnografie-Konferenz teilnehmend beobachten durfte, waren die zu dieser Zeit ersten öffentlichen Vorwürfe ihr gegenüber auch beim Kneipenabend unter den Doktorierenden ein großes Thema. In entspannter Runde zählten die Nachwuchsethnograf_innen, selbst an hochetablierten Universitäten und auf dem Sprung zur akademischen Karriere, scherzhaft ebenfalls skandalgeprüfte Ethnograf_innen (u.a. KLINENBERG 2002; VENKATESH 2008) auf, um schließlich relativierend-resignativ zu dem Schluss zu kommen: Gerade die scandal ethnographers hätten inzwischen alle längst tenure, säßen also auf den so heiß begehrten entfristeten Professuren, auf die Postdocs jahrelang gezielt als Associate und Assistant Professors hinarbeiten. "Vielleicht", so mutmaßte einer der Nachwuchsethnograf_innen verschmitzt-achselzuckend, "dienen Ethnografieskandale der Karriere viel mehr, als sie schaden", und es entspann sich unter viel Lachen das Gedankenexperiment, wer aus der Runde wie am geschicktesten die eigene ethnografische Arbeit fingieren könnte. [48]

So produktiv diese Debattenentwicklung für das Feld der qualitativen Sozialforschung in den USA auch sein mag, GOFFMAN hat der Skandal jedoch nicht gedient. 2015 bereits an der hoch angesehenen University of Wisconsin-Madison als Assistant Professor beschäftigt, wurde ihr 2019 schließlich die Entfristung verwehrt (PARRY 2019). Als Visiting Professor ist sie derzeit an der University of Pomona angesiedelt und arbeitet, so heißt es, an ihrem nächsten Buch. Ethnograf_innen, so scheint es, schreiben nicht nur eindrückliche Geschichten über soziale Welten, sie taugen auch selbst zur story. Ihr Modus der "existentiellen Involviertheit" (HITZLER 1999, S.477) wird dabei oft allein auf die in den Forschungsfeldern durchlebten Erfahrungen bezogen. Existenziell involviert sind Ethnografierende allerdings auch in ihrem soziologischen Feld. Besonders wirksam scheint dies in der spezifisch vulnerablen akademischen Qualifizierungsphase der Dissertation zum Tragen zu kommen.25) [49]

4. Warum die transatlantische Ethnografierezeption einer Aktualisierung bedarf

Sitzt man, wie ich im vorliegenden Fall, nach längeren Feldforschungsaufenthalten und über mehrere Jahre realisierten revisits der verschiedenen Ethnografie-Camps am Verfassen einer dichten Beschreibung der gegenwärtigen soziologischen US-amerikanischen Ethnografielandschaft für die deutschsprachige Leser_innenschaft, prägen insbesondere die im Vorangegangenen skizzierten Wandlungsprozesse das Bild. Resümierend gilt festzuhalten: Waren Chicago und später Los Angeles einst Prägeorte ethnografisch begründeter Soziologie, hat inzwischen eine Bedeutungsverschiebung lokaler Zentren stattgefunden. Unterschiede werden, wie gezeigt, deutlicher betont und interne Debatten um Gütekriterien (u.a. GOFFMAN 2014; KLINENBERG 2002; WACQUANT 2002) scharf geführt. Dieses Wandlungsmotiv mag zurück am heimischen Schreibtisch und in der Außenperspektive, gerade vor dem Hintergrund der in der Historisierung verhafteten transatlantischen Ethnografierezeption, besonders stark erscheinen. [50]

4.1 Ethnografische Binnendifferenzierung und fortbestehender Common Sense

Die skizzierten Schlagabtausche und Skandale verdeutlichen wiederum auch in der Innenperspektive die Relevanz der aktuell laufenden Aushandlungsprozesse. Gerade in diesen Disputen mit ihren überraschenden Wendungen und sich unerwartet zu Wort meldenden einflussreichen Akteur_innen dokumentieren sich grundlegende Verschiebungen und Definitionskämpfe. [51]

Bei aller wirksamen internen Abgrenzungsbetonung und gleichzeitiger Schnelllebigkeit der geführten Kontroversen wird es umso bedeutsamer, danach zu fragen, was die unterschiedlichen Vertreter_innen verbindet und an welchen Kernmerkmalen sich die gegenwärtige US-amerikanische Ethnografie weiterhin orientiert. Welche Kontinuitäten sind angesichts der sich vollziehenden Veränderungen zu identifizieren? Als gemeinsamer Nenner lässt sich erstens der ungebrochen hohe Stellenwert intensiver Feldimmersion durch die Beobachtenden festhalten. Nähe und nicht Distanz ist weiterhin oberstes Gebot guter Ethnografie. BETHMANN und NIERMANN (2015) entwickelten hierzu die Leitmetaphern engaging vs. observing in ihrer jeweiligen Akzenturierung als zentrale Differenz zwischen US-amerikanischen und deutschsprachigen qualitativen Methodenkulturen. Zweitens gilt die narrativ-episodische Repräsentation von Forschungsergebnissen im Format der ethnografischen Monografie als unangefochtenes Ideal. Letzteres ist insbesondere dann erfüllt, auch darin sind sich die unterschiedlichen ethnografischen Akteur_innen einig, wenn drittens die vorgelegte Monografie ihrer spezifischen Funktion als (gesellschafts-)kommunikatives Medium nachkommt. Gegenwärtig werden Ethnografien in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen und verhandelt wie nie zuvor: "[...] for the first time in history ethnographic fieldworkers who anticipate massive attention for their work beyond disciplinary academic boundaries will not be obviously self-delusional. We now have powerful agents working for us, whether we like it or not" (KATZ 2019, S.265). [52]

Zum Kontrast erinnerte KATZ (S.273) an die ihm noch sehr präsenten Zeiten, in denen die ASA stolz auf jede noch so kleine öffentliche Bezugnahme auf eine soziologische Studie in der Presse hinwies. Ihren Umgang mit dieser breiten Leser_innenschaft muss die Ethnografie noch finden, und auch Überschneidungen wie Abgrenzungen zu journalistischen Arbeiten müssen (neu) diskutiert werden (siehe hierzu auch NIERMANN i.E.). Als ungeschriebenes Gesetz in der ethnografischen Aufmerksamkeitsökonomie scheint dabei zu gelten: je größer das Publikum, je höher die Auflagenstärke, umso wahrscheinlicher auch das Risiko emergierender wissenschaftsintern wie -extern geführter Kontroversen. Viertens ist ein geteilter Duktus der gegenstandsnahen Verhandlung über ethnografische Aussagegehalte festzuhalten. So scharf die gegenseitigen Kritiken und Bezugnahmen der Ethnograf_innen unterschiedlichster Lager aufeinander auch ausfallen mögen, so bemerkenswert ist gleichzeitig ihr grundlegender Konsens darüber, in welchem Modus dies zu praktizieren ist. Maßgeblich ist in ihm die Aufmerksamkeit und damit auch die Relevanz, die darin Beobachtungspassagen verliehen wird. Nicht methodologisch abstrahierend, sondern gegenstandstreu werden geschilderte Episoden immer wieder rezitiert, um sie dann, in beachtlicher, teils ermüdender Detailhaftigkeit, Punkt für Punkt auf ihre Schlüssigkeit oder Aussagekraft selbst zu prüfen. So exzessiv LUBET dieses Vorgehen in "Interrogating Ethnography" (2017) auch betrieben haben mag, so anschlussfähig war und ist diese Art der Argumentation. Ihr Stil ist der ethnografischen Community selbst inhärent.26) [53]

4.2 Transatlantische Bereicherung: mögliche Verbindungswege

Warum aber bedarf es, wie im Titel meines Beitrags formuliert, dieser transatlantischen Aktualisierung für die deutschsprachige Ethnografie? Ist der praktizierte historisierende Gestus in der Ethnografierezeption nicht auch schlicht der Tatsache geschuldet, dass dies- und jenseits des Teichs in den vergangenen Jahrzehnten sehr eigene, weitgehend voneinander unabhängige Methodenentwicklungen legitimer- und begrüßenswerterweise in den jeweiligen Kontexten stattgefunden haben? Und liegt dies nicht auch darin begründet, dass das geteilte Interesse am Forschungsgegenstand urban als Verbindungspunkt so nicht vorliegt, die deutschsprachige Ethnografie von stadtsoziologischen Fragen nicht in gleicher Intensität umgetrieben wird und sich in ihren Gegenstandswahlen anders orientiert? Nun ließe sich hier zweifellos eine Lanze für den Wert des Wissens von qualitativen Methodenkulturen27) umeinander und deren gegenseitige Bezugnahme per se brechen. Stärker wiegen dürfte jedoch das Argument, das Eigene erst über das Fremde verstehen zu können und damit auch die eigenen Stärken wie Entwicklungsbedarfe überhaupt erst reflexiv identifizierbar zu machen. Diese Art der bereichernden transatlantischen Austauschbeziehung ließe sich insbesondere dann herstellen, wenn die Akteur_innen der hierzulande ausdifferenzierten Ethnografielandschaft (u.a. BOLL 2019; BREIDENSTEIN et al. 2013; DELLWING & PRUS 2012; HITZLER & EISEWICHT 2016; STADLBAUR & PLODER 2016) sich auf im US-amerikanischen Raum einschlägige Debatten mit ihren Vertreter_innen bezögen und eigene Positionen in einen konstruktiven Diskussionszusammenhang stellten. Anschlüsse bieten hierfür sowohl die im Vorangegangenen dargestellten Binnendifferenzierungen als auch die bleibenden ethnografischen Grundorientierungen. Zu realisieren ist ein solches Unterfragen der transatlantischen Rezeptionserneuerung wiederum zweifellos ausschließlich als kollektives Wissenschaftsprojekt. Der vorliegende Artikel ist mit seiner Fokussierung auf die Begründung der Aktualisierungsnotwendigkeit der transatlantischen Ethnografierezeption ein Beitrag hierzu, ich will abschießend jedoch mögliche Verbindungswege skizzieren. Wo also liegen potenzielle Anschlüsse? [54]

Für die in den Selbstverständlichkeiten der deutschsprachigen Methodenlandschaft sozialisierte Leser_innenschaft mögen vielleicht die in Abschnitt 3.3 ausgeführten Reaktionen auf die Glaubwürdigkeitskrise der Ethnografie den höchsten Wiedererkennungswert haben. Methodologisierung ist uns als Lösungsweg zur Bearbeitung forschungspragmatischer Probleme oder von Fragen der Herstellung von Geltungsansprüchen vertraut (siehe hierzu u.a. BETHMANN & NIERMANN 2015). Debatten um den Stellenwert des face values, also die Wörtlichkeit von Aussagen, sind uns auch hierzulande nicht fremd – man denke nur an die verschiedentlichen Auseinandersetzungen zwischen Vertreter_innen inhaltsanalytischer und interpretativer bzw. rekonstruktionslogischer Sozialforschung (JANSSEN, STAMANN, KRUG & NEGELE 2017). Während letztere zur Herstellung von Validität und (relativer) Stabilität von Deutungen je nach Schule nach "latenten Sinnstrukturen" (OEVERMANN, ALLERT, KONAU & KRAMBECK 1979), kollektiven Orientierungsmustern (BOHNSACK et al. 2010) u.v.m. fragen, sind starke Abstrahierungen dieser Art, insbesondere dann, wenn sie zu den Selbstdeutungen der Feldakteur_innen diametral liegen, gerade in der urban ethnography bislang selten. Das mag auch darin begründet liegen, dass genau jene Art der Distanzierung mit dem weiterhin geltenden obersten Gebot US-amerikanischer Ethnografie, der absoluten Gegenstandsnähe (BETHMANN & NIERMANN 2015, §11), zu sehr brechen würde. Grundsätzlich ist festzuhalten: Methodologische Reflexion ist es also, was die deutschsprachige Seite an dieser Stelle im transatlantischen Dialog beitragen und damit en passant die bisherige Unausgewogenheit im Rezeptionsverhältnis in ein neues Verhältnis setzen könnte. Gleichzeitig verweisen die US-Debatten auch auf die eigenen epistemologischen blinden Flecken. So fremd die am Beispiel GOFFMANs skizzierten Ethnografieskandale mit dem Vorwurf des naiven Empirismus hierzulande auch wirken mögen, so konstruktiv könnten sie zum Anlass genommen werden, sowohl die diversen Zugänge der Interviewforschung (ECKERT & CICHECKI 2020) als auch der Ethnografie auf ihre positivistischen Implikationen hin zu befragen und methodologisch weiterzuentwickeln. Darüber hinaus ließen sich gerade am GOFFMAN-Fall zum einen erkenntnisreiche Vergleiche zur hierzulande in jüngerer Zeit geführten Debatte um ansatzübergreifende Gütekriterien für qualitative Forschung ziehen (u.a. BREUER & REICHERTZ 2001 in der FQS-Debatte Qualitätsstandards qualitativer Sozialforschung; siehe auch EISEWICHT & GRENZ 2018; HIRSCHAUER, STRÜBING, AYAß, KRÄHNKE & SCHEFFER 2019; STRÜBING et al. 2018). Zum anderen spiegelt dieses Beispiel die im deutschsprachigen Raum noch immer wenig geführte Auseinandersetzung mit Fragen textueller Performanz in ethnografischen wie insgesamt auf qualitativer Forschung basierenden Ergebnisdarstellungen (REICHERTZ 2019). Relevante Impulse bestehen für die deutschsprachige qualitative Methodenlandschaft darüber hinaus in den von BURAWOY gemachten Neujustierungen im Theorie-Empirie-Verhältnis. Zentrale Diskussionsanschlüsse finden sich ebenfalls in seiner Platzierung der Ethnografie als prädestinierten Methodenzugang zum Betreiben öffentlicher Soziologie (BURAWOY 2005), die wiederum auch hierzulande an Prominenz gewinnt (LESSENICH 2016). Gerade mit Blick auf die public ethnography formulierte KATZ (2019) die vielleicht zukunftsweisendste Forderung und mögliche Verbindung im transatlantischen Methodendialog, auch wenn sie von ihm selbst erst einmal nur feldimmanent für die USA angedacht war: Angesichts der breiten Öffentlichkeit dieses Formats gehe es darum, sich der spezifischen Gestalt der public ethnography mittels Selbstbeforschung wissenschaftsreflexiv zu widmen. Was dieser neue öffentlichkeitswirksame Status mit der ethnografischen Wissensproduktion eigentlich tue, welche Arbeiten warum als öffentlichkeitsrelevant deklariert würden, welche sozialstrukturell oftmals verdeckt bleibenden Zusammenhänge hinter den auf der Vorderbühne geführten Auseinandersetzungen stünden, all das gelte es empirisch zu untersuchen. Soziologische Selbstbeforschung ist es also, was KATZ einforderte - vielleicht ist es ja genau sie, mittels der uns die Erneuerung des transatlantischen Brückenschlags gelingen kann. [55]

Danksagung

Dieser Beitrag ist das Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsprozesses, in dessen Verlauf ich von vielen Anregungen und Einwänden profitiert habe. Wegweisend waren für mich die umsichtige Begleitung durch Nina DEGELE und Bettina FRITZSCHE sowie Diskussionen im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs und des FreiFriZh28)-Kolloquiums. Wertvolle Hinweise zu unterschiedlichen Aspekten meiner Argumentation verdanke ich Diana CICHECKI, Judith ECKERT, Caroline JANZ, Andrea PLODER, Laura RITTER und Johannes SCHÄFER. Nachhaltig profitiert habe ich darüber hinaus von den beiden Gutachten sowie der redaktionellen Betreuung durch das FQS-Team. Vor allem aber danke ich den zahlreichen US-amerikanischen Ethnograf_innen, die sich auf dieses Experiment des Beforschtwerdens mit Neugierde eingelassen haben. Dem Institute for Public Knowledge an der NYU sowie dem Ethnography Lab an der University of Texas, Austin, danke ich für die institutionelle Anbindung als Visiting Scholar und der Working Group des Center for Science, Technology, Medicine & Society an der University of California, Berkeley, für gemeinsames Weiterdenken.

Anmerkungen

1) Siehe DEEGAN (1988) und OFFENBERGER (2019) zur Anerkennung von ADDAMs Beitrag für die Weiterentwicklung des amerikanischen Pragmatismus von DEWEY (2002 [1938]). <zurück>

2) Etablierte Außenseiter. Über Reproduktion und Transformation ethnografischen Wissens in der gegenwärtigen US-amerikanischen Soziologie, Projektleitung: Prof. Dr. Nina DEGELE, Laufzeit: August 2017 bis September 2020, Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). <zurück>

3) Als Ivy-League-Universität dürfen sich acht Universitäten in den nordöstlichen Vereinigten Staaten bezeichnen, die sich durch akademische Exzellenz und hochselektive Aufnahmequoten ausweisen Zu den Ivy-League-Universitäten, an den Ethnograf_innen Professuren besetzen, zählen u.a. die Harvard University, Columbia University und Yale University. Bzgl. der Modalitäten des Ivy-League-Rankings siehe https://www.usnews.com/education/best-colleges/articles/how-us-news-calculated-the-rankings [Zugriff: 8. September 2020]. <zurück>

4) Beispielhaft sei hier KHANs Ethnografie "Privilege: The Making of an Adolescent Elite at St.Paul’s School" (2011) genannt. Für Dissertationszwecke kehrte er als Ethnograf an das Elitegymnasium zurück, dessen Schüler er selbst war, und zeichnete in Anlehnung an BOURDIEU die Habitusentwicklung des Bildungselitennachwuchses auf. <zurück>

5) Hierzulande kaum wahrgenommen, wurde in den USA bereits vor einiger Zeit (BURAWOY 2005, S.14) die Eigenerzählung der disziplinären Entwicklungsgeschichte umgeschrieben bzw. mit Blick auf die Bedeutung der von DU BOIS begründeten Atlanta School zumindest erweitert. DU BOIS zog nach seinem Abschluss als erster afroamerikanischer Promovend an der Harvard University in das – ähnlich wie Chicago – von Industrialisierungs- und Ethnizitätsfragen bewegte Atlanta. Seine für die Rassismusforschung bis heute bedeutsamen Arbeiten "The Philadelphia Negro" (1973 [1899]) und "The Souls of Black Folk" (2007 [1903]) basierten auf umfassender Feldforschung und konstituierten die Tradition empirischer Stadtsoziologie bereits zur Jahrhundertwende (MORRIS 2015). <zurück>

6) Das mag darin begründet liegen, dass es letztlich für die Ethnografie weniger intensive vergleichbare, kontinuierliche Austauschzusammenhänge gegeben hat, während Akteur_innen wie SCHÜTZE, LEGEWIE, RIEMANN und in jüngerer Zeit auch KELLER in seiner Verbindung zu CLARKE (2012 [2006]) Scientific Communities geschaffen haben, die entsprechende Übersetzungen im wörtlichen wie übertragenen Sinn leisten. <zurück>

7) Fallanalysen bedürfen ihm zufolge auf viererlei Weisen einer Erweiterung: "The extended case method calls for four extensions: the extension of the observer into the life of the participant, the extension of observations in time and space, the extension of micro processes to macro forces, and finally, underlying and informing each of these, the extension of theory" (BURAWOY 2012, §11). <zurück>

8) http://production.asa.beaconfire.us/news-and-events/member-awards/dissertation-asa-award/alice-GOFFMAN-award-statement [Zugriff: 25. Februar 2020]. <zurück>

9) Angesichts der unzähligen, in journalistischer Bandbreite gemachten Kommentierungen von GOFFMANs "On the Run" (2014) liegt den hier gemachten Ausführungen eine getroffene Auswahl im Spektrum von Lobeshymne (GLADWELL 2014; JENCKS 2014; SCHUESSLER 2014) und Verriss (CAMPOS 2015; LUBET 2015a, 2015b) zugrunde. Für eine ausgewogenere Darstellung der Kontroverse siehe KOTLOWITZ (2014) und LEWIS-KRAUS (2016). <zurück>

10) Explizit benannt wurden in SHARPE (2014): Mariame KABA, Angela DAVIS, Ruth GILMORE, Beth RICHIE u.v.m. <zurück>

11) So schrieb GOFFMAN in ihrem methodologischen Appendix unter anderem über ihre spezifische Privilegierung als weiße, gut situierte Professorentochter. Die damit einhergehende finanzielle Sicherheit, der hohe Bildungshintergrund, Ethnografie als Familienangelegenheit, so führt sie weiter aus, mögen ihr sicherlich das Grundvertrauen gegeben haben, selbst ein solches ethnografisches Großprojekt noch als Undergraduate zu beginnen (S.211-261). <zurück>

12) Mit decent und street beschrieb ANDERSON zwei Grundmuster sozialer Ordnung, insbesondere in innerstädtisch prekären Black Communities. Während sich decent darin ausdrücke, als verantwortliches Gesellschaftsmitglied "strong, loving, family oriented, committed to middle-class values" zu sein, stehe street dazu in scharfem Kontrast. "In the street culture, especially among young people, respect is viewed as almost an external entity that is hard-won but easily lost, and so must constantly be guarded. The rules of the code in fact provide a framework for negotiating respect. The person whose very appearance—including his clothing, demeanor, and way of moving—deters transgressions feels that he possesses, and may be considered by others to possess, a measure of respect" (ANDERSON 1994, o.S.). <zurück>

13) Beides einflussreiche Ethnografien über afroamerikanisch segregierte städtische Räume. <zurück>

14) So lässt sich beispielsweise die Beschreibung der Leistungsbereitschaft der working poor in "No Shame in My Game: The Working Poor in the Inner City" (NEWMAN 2000) geradezu als Gegenrede zum Narrativ des "Tellerwäschers zum Millionär" lesen. <zurück>

15) Zur methodologischen Diskussion positivistischer Anleihen in der deutschsprachigen Interviewforschung siehe ECKERT und CICHECKI (2020). <zurück>

16) Bezeichnenderweise beziehen sich die Autoren hier nicht einmal auf den in der deutschsprachigen Ethnografie geradezu ritualisiert als den Chicago School-Repräsentanten genannten PARK, sondern auf die in den USA als sehr viel entscheidendere Bezugsgrößen gehandelten DU BOIS sowie auf BLUMER, HUGHES und MEAD (VAN MAANEN & DE ROND 2017, S.398; siehe zur in den USA bereits realisierten Revision der Geschichtsschreibung der Chicago School und ihrer Vorgängerin, der Atlanta School, MORRIS 2015). <zurück>

17) GOFFMAN formulierte diese durchaus, jedoch in anderen Formaten wie ihrem TED talk: https://www.ted.com/talks/alice_GOFFMAN_how_we_re_priming_some_kids_for_college_and_others_for_prison?language=en [Zugriff: 25. Februar 2020, zu diesem Zeitpunkt bereits fast zwei Millionen Mal aufgerufen]. <zurück>

18) Neben der disziplinären Verankerung dieser Arbeiten in der Soziologie ist ihr gemeinsamer Nenner ihr geteilter Gegenstand – die diversen Lebenswelten US-amerikanischer Städte und damit das Ur-Thema der Chicago School. <zurück>

19) Siehe https://www.youtube.com/watch?v=GOCYhmnx6o8 [Zugriff 28. Februar 2020]. <zurück>

20) Auffallend ist dabei auch die Abwesenheit von Überlegungen, wie FINE (1993) sie in "Ten Lies of Ethnography" formuliert hatte. Darin warf er u.a. die Frage auf, inwiefern sich Ethnografie, wie alle anderen Professionen auch, der Illusion der Transparenz hingibt und ggf. legitimerweise auch hingeben darf. <zurück>

21) Unter anderem schlug KATZ vor, die im Laufe der Feldforschung angefertigten Beobachtungsnotizen, wie GOFFMAN es angab, getan zu haben, nach Studienabschluss zu zerstören und damit vor Zugriffen Dritter zu schützen. "Fact checking" und die Überprüfung durch Dritte sei auch jenseits des Zugriffs auf field notes realisierbar (KATZ 2019, S.271). <zurück>

22) Siehe https://vimeo.com/141796895 [Zugriff: 25. Februar 2020]. <zurück>

23) Angesichts des enormen Erfolgs von KLINENBERGs Ethnografie "Heat Wave" (2002) begab sich der eng mit BECKER verbundene DUNEIER mit bemerkenswert positivistischem Reportergeist in eine von KLINENBERGs fieldsites. Mittels investigativer Nachrecherchen versuchte er, KLINENBERG der unzulänglichen Datenarbeit in dessen vielfach gefeierter Ethnografie über die Chicagoer Hitzewelle von 1995 zu überführen (DUNEIER 2004). Bei diesem öffentlich ausgetragenen Disput liegt die Lesart eines Stellvertreterkonflikts nicht fern. Was auf der Vorderbühne im schriftlichen Schlagabtausch (DUNEIER 2006; KLINENBERG 2006) unausgesprochen blieb, könnte auf der Hinterbühne wohl wirksam gewesen sein: KLINENBERG wurde möglicherweise als Berkeley-Promovend und vormaliger WACQUANT-Schüler trotz seines ganz eigenen ethnografischen Ansatzes als zum gegnerischen Lager zugehörig adressiert. <zurück>

24) Der springende Punkt in der Unterscheidung von Hörensagen und beobachtetem Verhalten liegt für LUBET (2017) wiederum in der fälschlichen Gleichsetzung von Hörensagen und Fakt, und tatsächlich zeigte er in seinen Analysen diese Problematik als gängige ethnografische Praxis auf. <zurück>

25) Sowohl bei GOFFMAN (2014) als auch bei KLINENBERG (2002) handelte es sich um Monografien, die aus Promotionen hervorgegangen waren. <zurück>

26) Gut beobachten lässt sich dies außerdem exemplarisch an den Ausführungen JEROLMACKs zu GOFFMAN (2014) oder EDIN und SHAEFER (2015) – beides im Rahmen der "Panel Discussion: Author Meets Critic" (NORTHWESTERN PRITZKER SCHOOL OF LAW 2018). <zurück>

27) Siehe hierzu insbesondere die Arbeit von KELLER und POFERL (2016) zur Entwicklung qualitativer und interpretativer Sozialforschung in der deutschen und französischen Soziologie seit den 1960er Jahren. <zurück>

28) Freiburg-Fribourg-Zürich-Kolloquium, u. a. initiiert von Bettina FRITZSCHE. <zurück>

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Zur Autorin

Debora NIERMANN (M.A.), Dipl. Soz.-Päd. (FH), ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Arbeitsschwerpunkte: interpretative Sozialforschung, Grounded-Theory-Methodologie, US-amerikanische Ethnografie, amerikanischer Pragmatismus. Weitere Publikationen der Autorin zur Thematik: "Etablierte Außenseiter. Zur Sozialfigur des 'homo ethnographicus' in der gegenwärtigen US-amerikanischen Soziologie". Zeitschrift für Soziologie (i.E.); "Zu den Reisen einer Methode. Über die Auslassungen in der transatlantischen Ethnografierezeption oder 'Wie schreibe ich (k)einen ethnografischen Bestseller?'" In Martin Harbusch (Hrsg.), Reisendes Wissen. "traveling concepts" als soziologische Kategorie. Springer VS (i.E.).

Kontakt:

Debora Niermann

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Institut für Soziologie
Rempartstrasse 15, D-79098 Freiburg i. Brsg.

E-Mail: debora.niermann@soziologie.uni-freiburg.de
URL: https://www.soziologie.uni-freiburg.de/personen/debora-niermann

Zitation

Niermann, Debora (2020). "Die Chicago School ist tot, lang lebe die Chicago School!" Warum die transatlantische Ethnografierezeption einer Aktualisierung bedarf [55 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 21(3), Art. 7, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-21.3.3474.



Copyright (c) 2020 Debora Niermann

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