Volume 1, No. 3, Art. 35 – Dezember 2000

Online-Forschung im Zeichen des Qualitativen Paradigmas. Methodologische Reflexion und empirische Erfahrungen

Doris Früh

Zusammenfassung: Der Artikel fasst eine 1999 an der Universität Hannover abgeschlossene Dissertation zusammen, in der das Internet als Forschungsinstrument für qualitative Fragestellungen der Sozialwissenschaft untersucht wird. Ausgehend von den Paradigmen qualitativer Forschung wird das Kommunikativitätsverständnis qualitativer Sozialforschung reflektiert und den Entwicklungen gegenwärtiger gesellschaftlicher und individueller Kommunikation, insbesondere den neuen Möglichkeiten computervermittelter Kommunikation (CMC = Computer Mediated Communication) gegenübergestellt. Die theoretische Auseinandersetzung mit CMC umfasst neben Erläuterungen zu den technischen Möglichkeiten, die Spiegelung der Modelle und Konzepte von CMC vor dem Hintergrund qualitativer Paradigmen. Ein Überblick über die bis dato entwickelte Online-Forschung schließt die theoretische Diskussion ab.

Empirisch wird computervermittelte Kommunikation anhand einer exemplarischen Fragestellung als qualitatives Forschungsinstrument zur Datenerhebung erprobt. Die gewonnenen Daten werden formal-strukturell deskriptiv und inhaltlich interpretativ ausgewertet und mit Blick auf die theoretisch aufgezeigten Spannungsfelder diskutiert. Das inhaltliche Interesse gilt dabei einem Ausschnitt gegenwärtiger familialer Beziehungsstrukturen, der subjektiven Erfahrungswelt von "Zweitfrauen" – Frauen, die in einer Lebensgemeinschaft mit einem geschiedenen oder dauerhaft getrennt lebenden Mann leben. Das subjektive Erleben dieser Rolle bewegt sich im Kräftefeld von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und traditionell-normativen Partnerschaftskonzepten. Mit Hilfe der Datenerhebung in öffentlichen Kommunikationsforen und per E-Mail konnte auf der einen Seite ein Einblick in die Multiperspektivität und die intersubjektive Bedeutung dieses sozialen Phänomens gewonnen werden. Auf der anderen Seite haben die Erzählungen betroffener Frauen die individuelle Komplexität und Interdependenz der Lebensthemen deutlich gemacht, aus denen im Individualfall ein hohes Belastungsmoment resultieren kann.

Keywords: Methodologie, qualitative Forschung, Online-Forschung, computervermittelte Kommunikation, Frauen, Familienforschung

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Qualitative Sozialforschung im Spannungsfeld von reduktionistischer Paradigmen-Interpretation und immanentem Veränderungspotential

3. Computervermittelte Kommunikation als Herausforderung an das Selbstverständnis qualitativer Forschung

3.1 Theoretische Modelle zur computervermittelten Kommunikation

3.2 Computervermittelte Kommunikation im Forschungsprozess – Theoretische Diskussion der spezifischen Kennzeichnen

3.2.1 Alokalität und Asynchronität

3.2.2 Anonymität

3.2.3 (Selbst-) Selektivität

3.2.4 Textualität

3.3 Neue Fragen der Forschungsethik

4. Neue Wege computervermittelter Datenerhebung in der qualitativen Sozialforschung – empirische Erfahrungen

4.1 Medienspezifische Analyse

4.1.1 Kommunikationsimpuls

4.1.2 Die Rolle des Forschers im Prozess computervermittelter Datengewinnung

4.1.3 Genutzte Kommunikationsräume

4.1.4 Kommunikationspartner

4.1.5 Organisation der CMC-Forschungskommunikation

4.2 Themenspezifische Analyse: Einblicke in die subjektiven Erfahrungen von "Zweitfrauen"

5. Resümee zu den methodologischen Perspektiven von CMC als Datenerhebungsinstrument im qualitativen Forschungsprozess

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einführung

Kaum hat qualitative Forschung einen gewissen Grad an Selbstverständlichkeit im deutschen Wissenschaftsraum erlangt und ist den Kinderschuhen der eigenen Daseinsrechtfertigung als Gegenpol zur quantitativen Sozialforschung entwachsen, sieht sie sich neuen Herausforderungen gegenüber. Diese liegen vor allem im sich rasch verändernden Kommunikationsverhalten begründet. Die vielfältigen Innovationen technischer und vor allem elektronischer Medien greifen immer mehr in die Alltagskommunikation ein und entlasten die kommunikativen Beziehungen von der Notwendigkeit zeitlicher und räumlicher Präsenz. Während Marktforschung sowie experimentelle und nomologisch ausgerichtete Forschung die neuen Möglichkeiten computervermittelter Kommunikation schon seit einigen Jahren entdeckt haben und forschungsstrategisch nutzen, hat die qualitative Sozialforschung die Kommunikation im Internet bislang kaum als Instrument der Datenerhebung in Erwägung gezogen. Eine methodologische Reflexion zeigt dann auch recht schnell die theoretische Problematik, mit der sich qualitative Online-Forschung auseinandersetzen muss. Die Frage steht zur Diskussion, ob computervermittelte Kommunikation als Instrument der Datenerhebung in der qualitativen Forschung eher ein faszinierender Gedanke oder eine abschreckende Perspektive ist; ob darin eine zwangsläufige Entwicklung angesichts der rasanten technischen und gesellschaftlichen Veränderungen im Computerzeitalter oder ein Widerspruch in sich zu sehen ist? [1]

2. Qualitative Sozialforschung im Spannungsfeld von reduktionistischer Paradigmen-Interpretation und immanentem Veränderungspotential

Eine methodologische Reflexion neuer Wege wissenschaftlicher Datengewinnung muss sich zunächst mit dem eigenen Selbstverständnis und der darin eingebundenen grundlegende Frage nach den Möglichkeiten, die soziale Welt zu erschließen und wissenschaftliche Erkenntnisse über soziale Phänomene zu gewinnen, auseinandersetzen. Auf Basis ihres philosophisch-erkenntnistheoretischen Hintergrundes geht das qualitative Paradigma von den Prämissen aus, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit durch sprachlich vermittelte Wissensbestände konstruiert ist und dass soziales Handeln immer kommunikatives Handeln ist, bei dem über wechselseitige Situationsdefinitionen Bedeutungen generiert und ausgetauscht werden. Die Sichtweise einer interpretativ basierten, kommunikativ vollzogenen Konstruktion der sozialen Welt bedingt den Umkehrschluss, dass der Forscher auch nur mittels kommunikativer Beziehungen die soziale Welt und die Bedeutungen der Subjekte erschließen kann. Kommunikativität hat sich zur zentralen Kategorie qualitativer Forschung herausgebildet, mit der die Wissenschaft Zugang zu den Interpretationen und Deutungen der Individuen bekommen kann und die auch Aufschluss über die Gültigkeit der erhaltenen Forschungsergebnisse in Form der kommunikativen Validierung ermöglicht (vgl. FLICK 1998, S.245f). Plakative Thesen wie "Forschung als Kommunikation" (HOFFMANN-RIEM 1980, S.341) oder "Soziologische Methode als Kommunikation" (SCHÜTZE 1981, S.343) pointieren den Stellenwert des Kommunikativitätsparadigmas, beinhalten aber auch gleichzeitig problematische, reduktionistische Elemente, die nachfolgend skizziert werden. [2]

In den letzten 20 Jahren hat sich im Methodenrepertoire der reaktiven qualitativen Sozialforschung ein theoretisch nicht begründbares, eingegrenztes Verständnis von Kommunikativität herausgebildet. Es folgt einer interaktionistisch-präsenzorientieren Vorstellung von Kommunikation und weist damit die direkten Face-to-Face-Kontakte zwischen Forscher und Forschungssubjekten als primäres Mittel der Wahl zur Erkundung sozialer Phänomene aus. Daraus haben sich eine Reihe qualitativer Interviewtechniken entwickelt, die alle auf einer zeit- und ortsabhängigen Anwesenheit von Forscher und Forschungssubjekt basieren und die sich lediglich im Freiheitsgrad der Antwortmöglichkeiten unterscheiden. Face-to-Face-Kommunikation erscheint für reaktive qualitative Forschungsmethoden vor allem durch den Gesichtspunkt der Indexikalität von Bedeutung. Für ein gelungenes Fremdverstehen gelten Kenntnis und Reflexion der Kontextbedingungen einer Äußerung und möglichst eine persönliche, empathische Beziehung zwischen Forscher und Beforschtem als Grundvoraussetzung, da die Form der sozialen Interaktion nicht nur Bühnenbild zu einer Handlung ist (vgl. BLUMER 1981, S.87), sondern menschliches Verhalten mit formt. So wird die Qualität sinngenerierender Forschungsprozesse oft an die persönliche Begegnung von Forschungssubjekt und Forscher gekoppelt, weil dieser zusätzlich auch para- und nonverbale Äußerungen in die Interpretation einbeziehen kann. Dies disqualifiziert in bestimmter Weise Forschungskontakte, die nicht auf Basis persönlicher Anwesenheit im gleichen Wahrnehmungskontext vollzogen werden. So werden teilweise nichtverbale Kommunikationsformen als Weg zweiter Wahl beschrieben, oder nichtvisuelle Kontakte werden als ungeeignete Mittel qualitativer Forschung angesehen (vgl. APPELSMEYER, KOCHINKA & STRAUB 1997, S.714):

"Da aber bei qualitativen Interviews der personale Aspekt besonders bedeutsam ist, ja gerade das persönliche Engagement, die unmittelbare Betroffenheit des Interviewers gefordert ist, scheiden Telefoninterviews in der Regel aus. Sie erhalten durch das fehlende visuelle Element einen unpersönlichen, ja anonymen Charakter und würden den Intentionen qualitativer Forschung nicht gerecht werden können" (LAMNEK 1995, Bd. 2; S.59). [3]

Nicht in mündlicher Interaktion zwischen Forschendem und Forschungssubjekt erhobene textliche Daten werden häufig nur dann im Rahmen von qualitativer Forschung als originärer Ausdruck sozialer Wirklichkeit akzeptiert, wenn sie auf interpersonellem Wege so nicht hätten gewonnen werden können, zum Beispiel als Fixierung der Daten einer teilnehmenden Beobachtung, vor allem im Feld der Ethnologie, bei der die dialogische Befragung von Individuen schon das Feld verändern könnte. Auch eine inhaltsanalytische Auswertung von schriftlichen Dokumenten wie Biographien, Tagebüchern, Bildmaterialien oder Erzeugnissen der Massenmedien wird in der heutigen methodischen Perspektive von Kommunikativität zum Teil nur dann akzeptiert, wenn sie nicht erst durch die Datenerhebung des Forschers erschaffen wurden (vgl. MAYRING 1996, S.32ff) und/oder das Forschungsinteresse auf die den Handlungen zugrunde liegenden Strukturen zielt (vgl. REICHERTZ 1996). [4]

Mit MERTEN kann jedoch geschlussfolgert werden, dass ein die zeitliche und räumliche Anwesenheit zweier Kommunikationspartner betonendes Verständnis von Kommunikation jedoch einen auf die soziale Dimension verkürzten Kommunikationsbegriff darstellt, der wesentliche Aspekte des kommunikativen Prozesses unterschlägt (vgl. MERTEN 1977, S.163). Anwesenheit als Bedingung für Kommunikationsgenese in der Datenerhebung zu definieren, widerspricht auch den Entwicklungslinien qualitativen Denkens, wie sie u.a. auch bei HABERMAS und SCHÜTZE ausgeführt werden (HABERMAS 1985, S.550, S.556; SCHÜTZE 1981, S.439f) und wie MERTEN sie, auf den Symbolischen Interaktionismus bezogen, erörtert:

"Mead entwickelt im Konzept des 'generalized other' ja gerade die Vorstellung, daß Erwartungen nicht nur in der direkten Interaktion entwickelt, sondern auch schon auf den vorgestellten Partner hin angelegt werden können. Die Vorstellung von einem Partner erlaubt jedoch nicht nur das Durchspielen von Handlungsentwürfen, sondern sie erlaubt es – mit bestimmten Einschränkungen (...) – diese als Referenten für den Partner zu benutzen. Damit lassen sich im Sinne des Symbolischen Interaktionismus auch alle Situationen, in denen der Partner fehlt, als kommunikative Situationen deuten" (MERTEN 1977, S.81). [5]

Der einseitigen, auf Formen präsenzorientierter, direkter, dialogischer Kommunikation eingegrenzten methodischen Praxis qualitativer Forschung fehlt nicht nur die theoretische Legitimation, sie steht auch in besonderen Spannungsfeld zum immanenten Veränderungspotential qualitativen Denkens. Das als "immanentes Veränderungs- oder Wandlungspotential" bezeichnete implizite Merkmal des qualitativen Wissenschaftsverständnisses gründet sich einerseits auf die Sichtweise einer situativ-historisch konstruierten Welt und andererseits auf die Forderung nach "natürlichen", im Sinne von alltagsnahen Forschungsmethoden (Naturalistizitätsparadigma). Das situativ-historisch verstandene Alltagshandeln soll das Methodenreservoir darstellen, aus dem qualitative Forschung systematisch strukturierte Erhebungsmethoden ableiten muss. Den konstitutiven Prinzipien "Kommunikativität" und "Naturalistizität" in Verbindung mit dem Prinzip der "Offenheit" ist damit die Aufforderung an qualitative Sozialforschung implizit, besonders die Veränderungen des Kommunikations- und Interaktionsverhaltens der Individuen zu beobachten. Änderungen in der sozialen Welt müssen ihre Erwiderung in Änderungen der qualitativen Methoden finden. Durch die immer mehr die Alltagswelt durchdringenden medialen Möglichkeiten, muss sich die reaktive qualitative Sozialforschung mit ihrem eigenen "reduzierten" Kommunikationsverständnis auseinandersetzen, und so erscheint das vorherrschende Modell qualitativer Forschungskommunikation durch die Änderung kommunikativer Alltagstechniken revisionsbedürftig. Neue Methoden zur Erschließung der sozialen Welt unter Berücksichtigung veränderter, medial geprägter Kommunikationstechniken stehen zur Diskussion und stellen eine Herausforderung an das Selbstverständnis qualitativer Forschungsmethodologie dar. [6]

3. Computervermittelte Kommunikation als Herausforderung an das Selbstverständnis qualitativer Forschung

Computervermittelte Kommunikation (CMC = Computer Mediated Communication) spielt dabei eine zentrale Rolle, da sie in vielen Bereichen heute schon Daten- und Informationsaustausch bestimmt und allen Vorhersagen nach die menschliche Kommunikation im nächsten Jahrtausend in hohem Maße beeinflussen wird. Sie gilt als Prototyp für ein neues, mediales Kommunikationszeitalter, das vom Internet als universellem Kommunikationsraum geprägt wird. Nicht mehr das "HIER" und "JETZT" sondern das "IMMER" und "ÜBERALL" bestimmt in zunehmend das alltägliche Zeit- und Raumverständnis der Individuen. Diese Veränderung des gesellschaftlichen Präsenzbegriffs findet ihren Ausdruck in der stetig steigenden Nutzung technischer Kommunikationsmedien, die zeitliche und räumliche Kommunikationsbarrieren überwinden und von physischer Präsenz unabhängiger machen. CMC steht als pauschalierender Sammelbegriff für jegliche Form des elektronischen, textbasierten Datenaustausches via Computervernetzung. Die Technik, die zu Beginn der 60er Jahre zunächst als Datenaustauschweg zwischen Computern gedacht war, entwickelte sich in rasanter Weise zum Kommunikationsmedium zwischen Menschen, die per E-Mail oder in öffentlichen Foren, Newsgroups oder Mailinglisten Informationen austauschen, berufliche und/oder private Kontakte pflegen und Dienstleistungsangebote im World Wide Web wahrnehmen. Durch die mittlerweile allgemein gebräuchliche, intuitiv bedienbare, graphisch unterstützte Software ist die Nutzung von Online-Angeboten ohne tiefgreifende Programmier- und EDV-Kenntnisse möglich. Obwohl die gegenwärtige Verbreitung der Internet-Zugänge noch nicht dem "Alltäglichkeitsanspruch" qualitativer Methodologie entspricht, lässt das exponentielle Wachstum der Datenmengen und der Rechneranschlüsse eine fortschreitende Diffusion der Online-Nutzung in breite Bevölkerungskreise und über Alters-, Bildungs- und Berufsgrenzen hinaus prognostizieren. Auch die Analyse der Einsatzbereiche verweist schon heute auf ein stetiges Ansteigen der informellen, privaten, alltagsbezogenen Nutzung der Internet-Dienste zur Deckung psycho-sozialer Bedürfnisse. Bei den beruflichen und privaten Sozialkontakten per Mail oder in öffentlichen Gesprächsräumen handelt es sich in vielen Fällen nicht um die Fortführung von Offline-Beziehungen durch ein anderes Medium, sondern verstärkt um nicht offline-gestützte Kontakte, die über den Computer erst geknüpft werden, denn für viele Nutzer ist das Internet "... simply another place to meet" (PARKS & FLOYED 1996). Auf Grund der Verbreitungsgeschwindigkeit, der Nutzungsoptionen und der breiten Kontaktbasis bietet sich dieses Medium auch für das Knüpfen von Kontakten zwischen Forschern und Forschungssubjekten an. [7]

3.1 Theoretische Modelle zur computervermittelten Kommunikation

Die theoretischen Modelle und Konzepte zur CMC, die als Resultat der Analyse unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen mit ganz verschiedenen Fragestellungen kontrastierend und ergänzend nebeneinander stehen, zeichnen ein heterogenes Bild der kommunikativen Leistung computervermittelter Kommunikation. Einige Modelle, die sich am Face-to-Face-Modell als kanonischen Bezugspunkt orientieren, beschreiben ein defizitäres Bild von CMC, das durch das Fehlen aller non- und paraverbalen Begleitinformationen geprägt ist (vgl. DÖRING 1997a, S.276ff; WALTHER 1992, S.94ff; WALTHER, ANDERSON & PARK 1994, S.462ff; SPEARS & LEA 1996, S.31ff). Andere Modelle weisen kompensatorische oder extensive Elemente in der computervermittelten Kommunikation nach und lösen sich von der einengenden Definition der "sozialen Ebene" der Kommunikation auf die Interaktion "in situ" (vgl. WALTHER 1992; WALTHER 1994; WALTHER, ANDERSON & PARK 1994, SPEARS & LEA 1996; DÖRING 1997a, S.282ff; 289f). In den letzteren Modellen findet eine, sich an einem reformierten und erweiterten Kommunikationsverständnis orientierende qualitative Sozialforschung Hinweise, dass auch in der medial vermittelten Kommunikation eine gegenseitige Ausrichtung an den Erwartungen des Partners mit dem entsprechenden Wechsel von Sender- und Empfängerrolle stattfindet, die dem interaktionistischen Theorieverständnis qualitativen Denkens entspricht. [8]

3.2 Computervermittelte Kommunikation im Forschungsprozess – Theoretische Diskussion der spezifischen Kennzeichnen

Betrachtet man die Landschaft qualitativer Forschung bis ca. Mitte 1999 kann man feststellen, dass sich vor allem die methodologische Literatur im deutschsprachigen Raum den Möglichkeiten computervermittelter Kommunikation gegenüber eher distanziert verhält. Erste Ansätze CMC als Austauschmedium unter Wissenschaftlern zu nutzen haben sich mit der FQS erst Ende 1998 etabliert. Als Medium zur Datenerhebung wurde CMC bis dahin eher zwangsläufig nur bei ethnographischen Beobachtungen von Netzgemeinschaften als Instrument zur Erforschung des Forschungsgegenstandes "Internet" genutzt. International finden sich allerdings unter den Stichworten "Cyberethnografie" und "Cyberpsychologie" bereits seit längerem verstärkte Aktivitäten, computervermittelt qualitativ zu forschen und auch methodologisch zu reflektieren. Dagegen nutzt die quantitativ orientierte Online-Forschung im deutschen Sprachraum die Kommunikationsmöglichkeiten im Internet schon seit ca. fünf Jahren auch zur Erhebung von Daten zu allgemeinen wissenschaftlichen und kommerziellen Fragestellungen. Reaktive Methoden, vornehmlich Fragebögen oder Experimente und nichtreaktive Verfahren, z.B. Server-Log-Analysen, sind die vorherrschenden Erhebungstechniken, die bislang erprobt wurden. [9]

Erwartungen an CMC und erste in der Literatur dokumentierte Erfahrungen der quantitativen Online-Forschung mit CMC als Erhebungsinstrument beziehen sich besonders auf die Merkmale Alokalität, Asynchronität, Anonymität und Textualität sowie auf die sich daraus für den Forschungsprozess ergebenden Vor- und Nachteile (vgl. BATINIC 1997). Da die jeweiligen CMC-Kennzeichen abhängig von der Form der vernetzten Kommunikation mehr oder weniger in Erscheinung treten, kommt ihnen auch in den verschiedenen Datenerhebungsformen eine unterschiedliche Bedeutung zu, die noch detailliert ermittelt werden müsste. Theoretische Überlegungen lassen aus qualitativer Perspektive nachstehende Vermutungen zu. [10]

3.2.1 Alokalität und Asynchronität

Mit der vernetzten Kommunikation verbindet sich die Vorstellung einer Aufhebung räumlicher und zeitlicher Restriktionen. Das ist bezogen auf die kommunikative Datenerhebung aus ökonomischer Sicht möglicherweise positiv zu bewerten, obwohl die erwartete Erhöhung der Datenmenge für qualitative Forschung eine etwas geringere Bedeutung. Ihr Ansatz, das Allgemeine im Besonderen zu finden, am einzelnen Subjekt anzusetzen, koppelt die Aussagekraft von Daten und Interpretationen nicht unmittelbar an die Stichprobengröße. Dagegen sind die Aussichten, unter den Netznutzern auch ganz spezifische Personengruppen ansprechen zu können und in explorativen Phasen bei einer großen Zahl von Teilnehmern viele unterschiedliche Perspektiven zu gewinnen, für qualitative Fragestellungen von besonderem Interesse. [11]

Die Tatsache, dass die Teilnehmer ohne gleichzeitige Anwesenheit eines Wissenschaftlers Fragebögen ausfüllen oder Experimente durchführen (Alokalität), birgt jedoch für Teilnehmer und Forscher weitere Effekte. Daraus resultiert ein Kontrollverlust für Forschenden im Hinblick auf die Datenerhebungssituation und die in diesem Kontext wirksamen Einflüsse. Einerseits kann dies, wie SELWYN und ROBSON ausführen, zu einer Unabhängigkeit vom Versuchsleiter und damit zu einer Reduzierung von Interviewereffekten führen: "E-mail interviewing reduces the problem of interviewer effect, whether resulting from visual and non-verbal cues or status differences between interviewee and interviewer" (SELWYN & ROBSON 1998, o.Pag.). Andererseits fehlt aber auch die Rückkopplungsmöglichkeit zwischen Teilnehmern und Forschern, so dass Störquellen nicht verhindert, Verstehensfragen nicht geklärt und Abbrüche oder Mehrfachbeteiligungen nicht ohne technische Zusatzmaßnahmen nachverfolgt werden können. Für quantitative Forschung sind damit Probleme einer objektiven, neutralen und reproduzierbaren Datenerhebungssituation berührt, die nicht gewährleistet werden kann. Für die qualitative Sozialforschung erstreckt sich der Kontrollverlust dagegen vor allem auf die schon im Zusammenhang mit den Theorien der CMC erörterten, fehlenden para- und nonverbalen Begleitinformationen, denen als zusätzliche Informationsquellen erkenntnisleitende Funktion im direkten Kontakt zwischen Forscher und Forschungssubjekt zugewiesen wird. Darauf, dass kompensierende Elemente mögliche Informationsdefizite ausgleichen können, hat u.a. der theoretische Ansatz der Social Information Processing Perspektive hingewiesen. REISCH betont in diesem Zusammenhang die entlastende Funktion der Asynchronität computervernetzter Kommunikation, denn: "beide Seiten müssen sich zwar mehr Mühe geben, sich so auszudrücken, dass sie auch ohne die Krücken Körper und Stimme verstanden werden, haben aber auch mehr Zeit dafür, als sie unter normalen Bedingungen hätten" (REISCH 1997, S.29). [12]

Die zeitlich-räumliche Entkopplung kann demnach nicht nur unter den negativ belegten Verlustaspekten gesehen werden. Das Faktum, dass die Forschung zum Teilnehmer kommt und nicht der Teilnehmer aus seiner gewohnten Umgebung und seinem Lebensrhythmus herausgerissen wird, kann ganz im Sinne des lokalen und modalen Aspektes des Naturalistizitätsparadigmas qualitativer Forschung gesehen werden. Die Untersuchungsteilnehmer können sich freier entscheiden, wann und wo sie sich den Aufgaben stellen. SELWYN und ROBSON beschreiben dies als den Hauptvorteil asynchron vernetzter Kommunikation:

"Furthermore, the potential for asynchronous communication that e-mail offers is attractive feature when considering its use as a research tool (Thach 1995). Subjects are not constrained to synchronous communication but can respond when and how they feel comfortable. In short, e-mail's primary advantage is its 'friendliness' to the respondent" (SELWYN & ROBSON 1998, o. Pag.). [13]

Dies kann den Grad der ökologischen Validität der Daten positiv beeinflussen (vgl. REIPS 1997, S.250). [14]

3.2.2 Anonymität

Das Stichwort Anonymität steht eigentlich für die Tatsache, dass im Rahmen computervermittelter Kommunikation Täuschungsmöglichkeiten über die Identität der Kommunikationspartner bestehen. Name, Geschlecht, Alter sowie soziale Kenndaten könnten auf Grund der Abwesenheit der Kommunizierenden und der Tatsache, dass es häufig keine vorangehenden Sozialkontakte außerhalb der Online-Kommunikation gab, verheimlicht oder verfälscht werden. Anonymisierte, computervermittelte Forschungskommunikation beinhaltet demnach die Fragestellung der Glaubwürdigkeit und der Aussagekraft der erhobenen Daten. Kritisch betrachtet erscheinen Zweifel legitim, ob die Anonymität computervermittelter Kommunikation eine so gänzlich andere Glaubwürdigkeitsproblematik in sich trägt als zum Beispiel der brieflich zurückgesandte Fragebogen oder das Interview mit einer noch nie zuvor gesehenen Person. Auch muss nach den Motiven gefragt werden, warum jemand, der sich freiwillig an einem Forschungsprojekt beteiligt, dann bewusst Unwahrheiten aussagen soll. In vernetzter Kommunikation stehen die generierten Texte als primäres Prüfkriterium zur Verfügung, die in sich und untereinander auf Unstimmigkeiten, Widersprüche und Auslassungen geprüft werden können. Glaubwürdigkeit der erhobenen Daten kann daher nicht auf die Kontrolle der Erhebungssituation durch den anwesenden Forscher reduziert werden. [15]

Das Merkmal der Anonymität beinhaltet für den Forschungsprozess auch vorteilhaft zu wertende Aspekte. So verbindet sich damit für den Forschenden die Möglichkeit, seinen Forschungspartnern unvoreingenommen und ohne Beeinflussung durch äußere Merkmale oder Informationen zur Person gegenüberzutreten – und umgekehrt ebenso. Eine Online-Nutzerin beschreibt die positiv empfundene Neutralität der anonymen Kommunikationssituation im Internet mit den Worten: "... weil sie nur mitbekommen, was Du ihnen zeigst. Sie schauen dir nicht auf den Körper und ziehen keine Rückschlüsse. Alles, was sie sehen, sind deine Worte" (TURKLE 1998, S.297). Dabei muss eine "astigmatische" Beziehung zwischen den Beteiligten als Basis der Forschungskommunikation nicht zwangsläufig einer durch emotionale Nähe gekennzeichneten qualitativen Erhebungssituation widersprechen. Im Gegenteil, sie ermöglicht gleichfalls das Aufeinanderzugehen und Aufeinandereingehen auf einer sehr intimen Ebene: "Nirgendwo sonst hat man die Gelegenheit, einen Menschen auf so neutralem Boden kennenzulernen. Bevor man den anderen zum ersten Mal sieht, weiß man möglicherweise mehr von ihm, als man es nach vielen gemeinsamen Jahren auf der Wohnzimmercouch herausfindet" (REISCH 1997, S.30). [16]

Erklärungen für diese Phänomene bieten die theoretischen Modelle der Filtertheorie und der Social Identity und De-Individuation mit der These an, dass sich bei abnehmendem Wissen über die Kommunikationspartner die Einstellungen und Verhaltensweisen des online-kommunizierenden Individuums verstärkt am eigenen Selbstverständnis, den persönlichen Einstellungen und Interessen orientieren und diese somit Hemmungen abbauen und sich in Kommunikationssituationen auch Fremden gegenüber öffnen. Für die Online-Datenerhebung bedeutet dies vor allem bei öffentlichen Untersuchungen im WWW eine Verringerung der Tendenz zu sozial erwünschten Antworten und eine deutlich erhöhte Meinungspluralität (vgl. BATINIC, BOSNIAK & BREITER 1997, S.198). Je nach Interessenlage ergibt sich daraus die Konsequenz: "Für die Fragebogengestaltung im WWW kann daraus abgeleitet werden, dass ein Instruktionstext, der eine individualistische Orientierung der Probanden provoziert, zu einem Antwortverhalten führt, das ihre individuellen Bedürfnisse und Einstellungen widerspiegelt" (SASSENBERG & KREUTZ 1997, o.Pag.). [17]

Anonymität kann also seitens der Beforschten auch als Schutzraum betrachtet werden. Sie ermöglicht den Kommunizierenden, offen über sich selbst und ihre ganz persönlichen Probleme zu kommunizieren. Die Bereitschaft und vor allem das große Bedürfnis dazu zeigen die vielen psychosozialen Unterstützungsangebote, die sich im Internet etabliert haben und die von psychologischen Therapieangeboten über Selbsthilfegruppen bis hin zu Expertensprechstunden reichen. Worin die Online-Nutzer den Vorteil der anonymen Kommunikation sehen, zeigt das folgende Zitat:

Endlos habe ich mich mit den Leuten im Spiel über meine Probleme unterhalten. (...) Mit ihnen kann ich viel besser über solche Dinge reden, weil sie nicht da sind. Das heißt, natürlich sind sie da. Aber du sitzt vor dem Computer und erzählst ihnen von deinen Problemen und brauchst keine Angst zu haben, daß du ihnen am nächsten Tag über den Weg läufst (TURKLE 1998, S.319). [18]

Dies Zitat verweist auch nochmals auf die eingangs problematisierte Frage der Glaubwürdigkeit anonymisierter Forschungskommunikation. Im Bereich persönlicher Fragestellungen und subjektiver Einschätzung sind die Beteiligten nicht motivlos an der Weitergabe von Informationen dem Forschenden "zuliebe" interessiert, sondern primär an der Darstellung und Entlastung ihrer persönlichen Situation, für die sie Feedback und Reflexion im Netz erhoffen. Es wäre vollkommen gegen dieses Bedürfnis, bewusst Unwahrheiten zu kommunizieren. Für qualitative Forschung, die am Subjekt ansetzt und die persönlichen Situationen, Einstellungen und Erfahrungen der Menschen zu ihren Forschungsinteressen erklärt, können so gesehen medial vermittelte Informationen trotz möglicher Ungewissheit über die reale Identität der Kommunikationspartner als wissenschaftliche Datenbasis genutzt werden. Dies entspricht auch den historischen Wurzeln qualitativer Methoden, die schon Anfang der 20er Jahren dieses Jahrhunderts in der Entwicklungs- und Persönlichkeitsforschung Lebenserzählungen auf Basis religiöser Beichten analysierten. Auch hier gewährleisteten Anonymität und symbolische Distanz im Beichtstuhl, dass sich die gegenseitigen Verhaltenserwartungen reduzierten und der Beichtende ohne Furcht vor Sanktionen seine "Last" abwälzen konnte (vgl. PAUL 1979; Bd. 2, S.107ff). [19]

3.2.3 (Selbst-) Selektivität

Ausgehend von konventioneller Forschung, in der die Wissenschaftler in der Regel den zu untersuchenden Personenkreis definieren und gezielt auswählen, sind diese Möglichkeiten in der Online-Datenerhebung sehr beschränkt. Die Problematik konzentriert sich auf zwei Aspekte: Repräsentativität und Selbstselektivität. [20]

Für qualitative am Einzelfall orientierte Forschung ist statistische Repräsentativität der Ergebnisse nicht das primäre Ziel der Untersuchung. Ihr Ziel ist das Auffinden vom Allgemeinen im Besonderen, und zahlenmäßige Verteilungen sind von geringerer Bedeutung. Wichtiger ist es, wesentliche und typische Zusammenhänge aufzuzeigen, die auch anhand weniger Fälle nachweisbar sind, zunächst unabhängig davon, wie häufig die Merkmalskombinationen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung vorkommen. Dennoch ist die Frage der Verallgemeinerung, also des Geltungsbereichs, die dem Merkmal der Selektivität implizit ist, auch eine in der qualitativen Methodologie diskutierte Frage (vgl. FLICK 1998, S.254ff; HEINZE 1995, S.204ff; MAYRING 1996, 12ff). Zwar wird davon ausgegangen, dass, bedingt durch die Situativität, die Historizität und Subjektivität menschlichen Handels, eine grundsätzliche Allgemeingültigkeit von Forschungsaussagen nicht gegeben ist. Dennoch kann die jeweilige Forschungsfrage einen bestimmten Grad der Verallgemeinerung anstreben, der entsprechend differenziert expliziert werden muss. So erscheint es, der Kategorisierung HEINZES folgend, durchaus möglich, mit dem Medium der CMC sozialökologisch repräsentative, qualitative Aussagen über eine bestimmte Zielgruppe treffen zu können. Einer Verallgemeinerung der Untersuchungssituation stehen zur Zeit allerdings noch die geringen Nutzungszahlen entgegen (vgl. HEINZE 1995, S.205ff). [21]

Hinsichtlich der Selbst-Selektivität ist der damit verbundene Freiheitsgrad der Individuen aus Sicht qualitativen Denkens positiv zu bewerten. Die Teilnehmer, die sich aus eigener Motivation heraus an einer computervernetzten Datenerhebung beteiligen, haben auch etwas zu sagen – und vielleicht sogar etwas, das vorher noch nicht im Erfahrungshorizont der Forscher war. Gerade wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich Personen zu Wort melden, die eigentlich nicht primär angesprochen werden sollten und die damit bei gezielter Stichprobenauswahl außen vor geblieben wären, können sich Perspektivenvielfalt und Meinungspluralismus entwickeln. Damit kann qualitative Forschung vor allem in der explorativen Phase bereichert und wissenschaftlich abstraktes, möglicherweise implizit theoriegeleitetes Denken aufgebrochen werden. [22]

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die Vorgehensweise der Online-Erhebung kritisch analysiert und reflektiert erfolgt, damit der schon 1994 von MITCHELL kommentierte Vorwurf der "Schrotflinten-Forschung" keine Berechtigung erlangt:

"One criticism of using computer networks to do survey research is that it results in 'scatter shot' surveys and, as such, is not a wise approach. We would argue that, if the survey is specific in the nature, the listservs chosen with the same specificity, and there is an understanding of how and when the materials are to be distributed and collected, the survey would not be of the 'scatter shot' variety" (MITCHELL, PAPRZYCKI & DUCKETT 1994, o. Pag.). [23]

3.2.4 Textualität

In der Online-Forschung wird die Textförmigkeit der CMC primär unter dem Gesichtspunkt einer ökonomischen Weiterverarbeitung der Daten gesehen, die eben bei Fragebogenuntersuchungen oder bei Experimenten in der Regel schon in computerlesbarer Form vorliegen. Die Auswertung kann so ohne (un-)bewusste Selektion und manuelle Transkription und damit ohne weitere potentielle Fehlerquellen durch die konventionell notwendigen Übertragungsverfahren erfolgen. Wie groß das selektive Potential und die Fehlermöglichkeiten durch technische Übertragungsprobleme sind, wird allerdings in der Literatur nicht erwähnt. [24]

Auch für qualitative Erhebungsverfahren, die möglicherweise eine computerunterstützte inhaltsanalytische Auswertung anschließen wollen, ist die digitalisierte Datenform attraktiv, da sie neben der Verfahrensvereinfachung auch mit einer kaum zu überbietenden Originaltreue verbunden ist:

"Secondly, electronic interviewing data require no additional transcription – the text from e-mail interviews can easily be tailored for any word processing package or computer-based qualitative analysis package with a minimum of alteration. As well as saving the researcher time and money this also eliminates any errors introduced through incorrect transcription. With e-mail interviewing the data that is eventually analysed is exactly what the interviewee wrote (SELWYN & ROBSON 1998, o. Pag.). [25]

Grundsätzlich erscheint die Textförmigkeit der Datenerhebung aus der Perspektive qualitativer Forschung jedoch ein zweischneidiges Schwert zu sein. Einerseits wird Sozialwissenschaft immer als Textwissenschaft gesehen, da Datenerhebung und Interpretation überwiegend auf Basis von Texten erfolgt (vgl. HEINZE 1995, S.130f; LAMNEK 1995; Bd. 1, S.90f; FLICK 1998, S.43ff). Texte werden als "... materielle Träger latenter Sinnstrukturen ..." (HEINZE 1995, S.130), als "... Dokumentation dieses Symbolgehalts der sozialen Realität ..." (LAMNEK 1995; Bd. 1, S.90), als Substitut für die erforschte Realität, als manifest gewordene Konstruktionen der Individuen gesehen. Von daher ist der Text die Basis aller wissenschaftlichen Welterkenntnis. Wie einleitend expliziert, stehen weite Kreise der heutigen qualitativen Forschung originären textlichen Daten allerdings aus einer theoretisch und historisch nicht nachvollziehbaren reduktionistischen Interpretation heraus kritisch gegenüber, da sie der verbalen Datenproduktion in der Face-to-Face-Situation eindeutig den Vorzug gibt, um para- und nonverbale Kontextinformationen unmittelbar in der Erhebungssituation mit erfassen und der weiteren Analyse durch schriftliche Fixierung zugänglich machen zu können. [26]

Unter zu Grunde Legung eines erweiterten Kommunikativitätsbegriffs sind jedoch auch Online-Texte, ebenso wie auch die Formen verbal narrativer Verfahren, als ein Ausdruck von Rekonstruktionen der Individuen zu werten, die auf die Person der Autoren und deren kognitive Verarbeitungen von Erlebtem verweisen. Gerade die in Textform gegossene Aussage kann für bestimmte Fragestellungen qualitativer Forschung einen höheren Erkenntniswert darstellen, da sie von einer schnellen Reaktion auf das Interaktionsgeschehen verbaler Kommunikation entlastet ist, und die Zeit und der Raum zur Distanznahme, Perspektivität und Reflexion bestanden. CMC bietet eine moderne Form, sich "etwas von der Seele zu schreiben", die entlastend und befreiend wirken kann, wie die Erklärung einer 25jährigen Sekretärin zeigt, die in psychischen Krisensituationen oft ein therapeutisches Computerprogramm nutzt:

Wenn ich mich mit einem Computer unterhalte, dann spreche ich eigentlich nicht mit ihm. Vielmehr kann ich auf diese Weise alles, was mir im Kopf rumgeht, herauslassen (...) Ich vergesse alles andere und kann mich völlig auf meine eigenen Gedanken konzentrieren. Er bewertet mich nicht. Ich sehe mich, aber sonst sieht mich niemand (TURKLE 1998, S.171). [27]

Reflexion und Distanznahme beinhalten natürlich auch durch die dafür notwendige situative Entkopplung und Kognitisierung die Gefahr von Verlusten oder Umdefinitionen beispielsweise von Emotionen oder Erfahrungen. Ob dies für qualitative Forschung nachteilig ist, hängt in erster Linie von der verfolgten Fragestellung ab. Grundsätzlich lässt die mit computervermittelter Kommunikation assoziierte Möglichkeit, sich ohne die äußeren Zwänge einer Face-to-Face-Situation, in möglicherweise anonymer Form, mit eigenen Erfahrungen, Sichtweisen und Konzeptionen auseinander zusetzen, die Analogie von persönlichen CMC-Texten zu Tagebuchaufzeichnungen, Briefen oder auch Beichten zu. Ein wesentlicher Unterschied ist jedoch der mit CMC verbundene Öffentlichkeitscharakter, der in Newsgroups, Mailinglisten oder Foren unvermeidbar ist. Inwieweit dort zur Zeit textbasierte, persönliche Reflexion über subjektive Themen stattfindet oder initiiert werden kann, müsste noch detaillierter empirisch ermittelt werden. [28]

3.3 Neue Fragen der Forschungsethik

Die ethischen Aspekte der sozialwissenschaftlichen Forschung bekommen im Kontext der computervernetzten Kommunikation eine neue Dimension. Flick hat schon im Zusammenhang mit den technischen Aufzeichnungsmöglichkeiten auf Video- oder Tonband seine Ambivalenz in Bezug auf die Gefährdung der Anonymität der Untersuchungsteilnehmer zum Ausdruck gebracht (vgl. FLICK 1991, S.160). Bei Online-Untersuchungen kommt der öffentliche Charakter als für die Datenerhebung grundsätzlich neuer Aspekt hinzu, denn ein "... jenseits des Öffentlichen eines Gedankens ..." gibt es im Internet nicht mehr (WEHNER 1997, S.137). Aus dieser Tatsache ergibt sich die notwendige Diskussion, welche ethischen Regeln Forschung im Umgang mit den Online-Kommunizierenden und mit dem im Netz gesammelten Datenmaterial aufstellen sollte. Die Meinungen dazu sind sehr unterschiedlich. Einig sind sich alle Online-Forscher darüber, dass die Nutzer über den Forschungscharakter einer Befragung oder eines Experimentes informiert werden sollen. Dies ist aber in der Regel nur bei reaktiven Verfahren möglich. [29]

In den USA wurden die ethischen die neue Aspekte in die Diskussion der Familiensoziologie und der psychologischen Betrachtungskontexte von Familie einbringen sowie Ausblicke auf weitere Fragestellungen ergeben. Gerade die gesellschaftliche Bedingtheit einiger aufgedeckter Problemfelder gibt Anlass zu weiteren Forschungsfragen und Projekten. Zusammenhang mit der vernetzten Kommunikation Mitte der 90er Jahre von einer speziell dazu gegründeten Kommissionen diskutiert, z.B. dem "Forum on the Ethics of Fair Practices for Collecting Social Science Data in Cyberspace" oder der "ProjectH Research Group". PACCANELLA zitiert das Ergebnis einer längeren Debatte dieser letztgenannten Forscherinstitution, auf Grund dessen eine grundsätzliche Erlaubnis bei öffentlich geposteten Informationen nicht für notwendig erachtet wird:

"We view public discourse on CMC as just that: public. Analysis of such content, where individuals', institutions' and lists' identities are shielded, is not subject to 'Human Subjects' restraints. Such study is more akin to the study of tombstone, epitaphs, graffiti, or letters to the editor. Personal? – yes. Private? – no [Sheizaf Rafaeli, as quoted in Sudweeks & Rafaeli, 1995]" (RAFAELI 1995 zitiert nach PACCAGNELLA 1997, O. Pag.). [30]

PACCAGNELLA stimmt seinerseits dieser Position zu:

"Conversation on publicly accessible IRC channels or messages posted on newsgroups are not equivalent to private letters (while private, one-to-one e-mail messages of course are); they are instead public arts deliberately intended for public consumption. This doesn't mean that they can be used without restrictions, but simply that it shouldn't be necessary to take any more precautions than those usually adopted in the study of everyday life" (PACCAGNELLA 1997, o. Pag.). [31]

In der deutschen Online-Forschung ist zur Zeit noch wenig Sensibilität in Bezug auf ethische Aspekte computervermittelter Datenerhebung zu erkennen. Wie mit öffentlich gemachten Erklärungen oder Informationen aus dem persönlichen Bereich umgegangen werden soll, wird kaum diskutiert. Hierin ist jedoch das grundlegende Problem qualitativer Forschungsmethodik zu sehen, die an der persönlichen Erfahrungs- und Meinungsebene von Individuen ansetzt und die bei Online-Erhebungen im Internet öffentlich gemacht wird. Es ist meines Erachtens in diesem Zusammenhang nicht primär der Datenschutz, der aus ethischen Gesichtspunkten zu beachten ist, es ist vor allem eine Frage der Achtung der Privatsphäre, die berücksichtigt werden muss. Hier muss der Inhalt der Forschungsfrage mit über den jeweiligen Handhabungsmodus entscheiden. [32]

Ein weiterer Aspekt der Öffentlichkeit der Online-Datenerhebung ist der Schutz der Personen und der Daten vor Missbrauch. Der Schutz der Personen bezieht sich in erster Linie auf eine weitgehende Sicherstellung der Seriosität von Online-Untersuchungen. Der bereitwillige Online-Nutzer auf die Ehrlichkeit der "Forschenden" angewiesen und Online-Forschung muss entsprechende Vorkehrungen treffen, um ihre Seriosität zu dokumentieren. Es lassen sich im Netz bereits Formen der bewussten Täuschung nachweisen, bei denen unter dem Deckmantel einer wissenschaftlichen Untersuchung persönliche Meinungen erhoben und zweckentfremdet verwendet wurden (FRÜH 2000, S.107). Hier sind umfassende Überlegungen notwendig, um die Online-Forschung nicht schon ins wissenschaftliche Abseits gleiten zu lassen, bevor sie sich überhaupt etablieren kann. Bei wissenschaftlichen Online-Untersuchungen stellt sich ein weiteres Problem, da die erhobenen Daten auch vor unbefugtem Zugriff von außen geschützt werden müssen (BATINIC & BOSNJAK 1997a, S.237ff; DYSON 1997, S.56ff, 321f.). Bei öffentlich und ebenfalls bei nicht im öffentlichen Kommunikationsraum geposteten Daten ist der Zugriff von fremden Web-Servern auf die Festplatten der Forschungscomputer technisch nicht auszuschließen. In Mailinglisten und Newsgroups ist es ebenfalls jederzeit technisch möglich, namentlich oder thematisch Beiträge zusammenzustellen und zweckentfremdet zu nutzen. Diese Gefahren sind grundsätzlich bekannt und gerade im Zusammenhang mit den Sicherheitslücken im Microsoft Internet Explorer öffentlich diskutiert. Unter dem Gesichtspunkt der Forschungsethik sind diese Sicherheitsmängel jedoch bislang kaum thematisiert. [33]

Die Komplexität ethischer Forschungsaspekte hat sich, wie dargestellt, durch die computervernetzte Kommunikation deutlich erhöht. Ähnlich wie in Amerika erscheint es angebracht, ethische Aspekte der Online-Forschung frühzeitig öffentlich zur Diskussion zu stellen und einheitliche ethisch verantwortbare Vorgehensweise in Bezug auf das Paradigma der Offenheit und dem Umgang mit den erhaltenen Daten zu definieren. [34]

4. Neue Wege computervermittelter Datenerhebung in der qualitativen Sozialforschung – empirische Erfahrungen

Ausgehend von den methodologischen Überlegungen zu den qualitativen Paradigmen, speziell zum Spannungsverhältnis von Wandlungsparadigma und reduktionistischer Methodenpraxis kann der Impuls von MORRIS und ORGAN aufgegriffen werden: "The computer as a new communication technology opens a space for scholars to rethink assumptions and categories, and perhaps even to find new insights into traditional communication technologies" (MORRIS & ORGAN 1996, o. Pag.). [35]

Die theoretische Diskussion hat erste Anhaltspunkte für eine Beurteilung des kommunikativen Potentials von CMC für qualitative Forschungsaktivitäten gegeben. Die Frage nach den Formen und Qualitäten des Kontaktes zwischen dem Forscher und dem Forschungssubjekt im online gestalteten Forschungsprozess, kann jedoch nur spezifisch, im konkreten empirischen Vorgehen und anhand konkreter Daten beantwortet werden. In welcher Form sich eine den Prinzipien qualitativer Sozialforschung folgende Datenerhebung mit computervermittelter Kommunikation als Forschungsinstrument im Internet realisiert, wird hier anhand einer exemplarischen Untersuchung zu den subjektiven Erfahrungen von Frauen, die eine Lebensgemeinschaft mit einem geschiedenen, beziehungsweise dauerhaft getrennt lebenden Partner eingegangen sind, sogenannten "Zweitfrauen", ermittelt. [36]

"Beziehungskarrieren" bzw. sukzessive Monogamie werden zu den Kennzeichen des pluralistisch-individualistischen westlichen Gesellschaftsbildes im ausgehenden 20sten Jahrhundert gezählt. In Kontrast zum traditionell-normativen Ehe- und Familienleitbild sind Scheidung und Wiederverheiratung bzw. nichteheliche Lebensgemeinschaften mit geschiedenen Partnern gesellschaftlich akzeptierte Beziehungskonstellationen, die quantitativ immer größere Bedeutung gewinnen. Während wissenschaftlich die Individualebene einer solchen Folgebeziehung noch wenig Beachtung gefunden hat, repräsentiert sich der besondere Charakter einer sogenannten "Secondhand-Beziehung" in der steigenden Zahl von Publikationen und dem wachsenden Medieninteresse an dem Thema. Es sind vor allem betroffene Frauen, "Zweitfrauen", die in einer Lebensgemeinschaft mit getrennt lebenden oder geschiedenen Männern leben und die auf die mit ihrer Rolle verbundenen Problemlagen aufmerksam machen. Mit Hilfe computervermittelter Kommunikation sollte Einblick in die subjektive Erfahrungswelt von "Zweitfrauen" gewonnen werden. [37]

4.1 Medienspezifische Analyse

Datenanalyse und Ergebnisdarstellung dieser explorativen Studie orientieren sich an der Struktur eines neu entwickelten Kategoriensystem, das auch unabhängig von der hier untersuchten thematischen Fragestellung eine Grundlage für weitere Untersuchungsplanungen und -deskriptionen sein kann. Damit wird nicht nur der Heterogenität der computervermittelten Kommunikation im Internet, sondern auch der Forderung nach Prozess- und Kontextexplikation qualitativer Forschung Rechnung getragen. Die Kennzeichen computervermittelter Kommunikation Alokalität, Asynchronität, Anonymität und Textualität gehen in die Beschreibung der Kategorien Kommunikationsimpuls, Kommunikationsraum, Kommunikationspartner, Kommunikationsorganisation und Kommunikationsinhalt ein. Die jeweiligen Dimensionen der Kategorien differenzieren die Analyse um weitere Aspekte, die für qualitatives Forschungsdesign oder zukünftige Online-Erhebungsstrategien besondere Bedeutung haben (vgl. Abbildung 1).

Früh

Abbildung 1: Übergeordnete Deskriptions- und Analysekategorien computervernetzter Forschungskommunikation [38]

4.1.1 Kommunikationsimpuls

Der Zugang zur Zielgruppe "Zweitfrauen" wird mit Hilfe eines Textes gesucht, der als Kommunikationsimpuls fungiert (vgl. Abbildung 2). Auf Grund der in 0 beschriebenen Textualität computervermittelter Kommunikation muss der Impulstext im Forschungsprozess vier Funktionen erfüllen:

  • er muss zur Kommunikation animieren;

  • es muss eine Vertrauensebene aufgebaut werden;

  • die Forschungsabsicht muss deutlich werden;

  • der Handlungsspielraum der Reagierenden soll so groß wie möglich sein.

Früh

Abbildung 2: Kommunikationsimpuls im gesonderten Forum "Der gebrauchte Mann" in BRIGITTE-Online [39]

Der Text soll also zunächst das Thema "Zweitfrau" aufmerksam machen und diejenigen, die ihre Erfahrungen mitteilen wollen, dazu veranlassen, sich innerhalb der gegebenen technischen Möglichkeiten frei zu artikulieren. Eine wissenschaftliche Ausdrucksweise wird im Text bewusst vermieden. Um möglichst breite Netznutzer-Gruppen anzusprechen und zu einer Reaktion zu animieren, sind besonders am Textanfang eher befremdende, vielleicht auch provozierende oder manche "Onliner" auch belustigende Formulierungen verwendet worden. Sie sollten zunächst die Neugierde wecken, den für Internet-Verhältnisse ausgesprochen langen Text zu lesen. Die Reizwörter "Secondhand-Beziehung", "gebrauchte Männer" oder "Zweitfrau" sind jedoch z.T. der einschlägig bekannten Literatur entnommen und finden im Zusammenhang mit Themen über die "zweite Ehe" immer wieder Verwendung (vgl. JÄCKEL 1997). [40]

Eine positive Vertrauensebene zwischen Forscher und den Individuen der Zielgruppe wird in der qualitativen Sozialforschung als wesentliche Voraussetzung für verlässliche und gültige Ergebnisse angesehen (vgl. LAMNEK 1995; Bd. 2, S.58; MAYRING 1996, S.124). Diese unter den Bedingungen computervernetzter Kommunikation – also räumlich-zeitlicher Distanz – herzustellen, wird in einigen theoretischen Modellen zur CMC als problematisch angesehen. Der vermittelbare Eindruck von der Glaubwürdigkeit eines Forschungsprojektes und der Seriosität des Forschers ist bei der computervermittelten Kommunikation zur Datengewinnung zwangsläufig ausschließlich an eine textliche Darstellung gebunden und enthält die in Abschnitt 3.3 angerissenen ethischen Probleme. Um diesen Randbedingungen Rechnung zu tragen und um eine vertrauensvolle Kommunikationsbasis anzubieten, zeigt die Forscherin im Impulstext offen die persönliche Lebenssituation auf, aus der dann im weiteren Text das wissenschaftliche Interesse entwickelt wird. Die Schilderung der persönlichen Betroffenheit und die "Identifikationsmöglichkeit" anhand des vollen Namens und der E-Mail-Anschrift sollen dazu beitragen, eine offene Atmosphäre zwischen vollkommen unbekannten Menschen herzustellen, von denen ich Informationen über ihre ganz privaten Beziehungen erhoffe. Dieses Informationsangebot deckt sich anscheinend auch mit den Erwartungen der "Internetler/innen", die ihrerseits private Auskünfte über die wissenschaftlich fragende Person "Doris Früh" einfordern,

"... naja, ich mag es auch nicht allzu exhibitionistisch, das internet bietet da viele schaurige beispiele, wo leute einem das intimste zeugs verraten ohne dass man es eigentlich wissen will.aber da du ja auch ein ziemlich sensibles thema anschneidest ... sollte man zumindest ein bisschen wissen, mit wem man es zu tun hat" (Almut) [41]

und entsprechend honorieren,

"Durch Angaben zu DEiner person etc. hast Du jedenfoalls dazu beigatragen, Dir bei den Internetfrauen Vetrauen zu erwerben. Das ist sehr wichtig, da das Internet ja ohnenin verrufen genug ist" (Corinna). [42]

Diese Erfahrungen sollten allerdings in nachfolgenden Untersuchungen nicht dazu führen, persönliche Betroffenheit vorzutäuschen und aus rein taktischen Gründen in wissenschaftlichen Aufrufen einzusetzen. [43]

Ebenfalls im Kontext der ethischen Grundsätze (vgl. 0) qualitativer Sozialforschung muss der Text auch über die Forschungsabsicht aufklären. Der dritte Abschnitt des Textes enthält Informationen darüber, die von den LeserInnen auch erkannt wurden. Wie gezielte Rückfragen an die durch E-Mail-Adresse bekannten Teilnehmer/innen ergaben, haben die meisten Antwortenden den Hinweis, dass die Forscherin eine Promotion zum Thema "Zweitfrauen" anstrebt, in dem Sinne verstanden, dass ihre Informationen für wissenschaftliche Zwecke verwendet werden sollten:

"Als ich mich auf 'Dich einließ' war mir klar, dass Du Aussagen von mir eventuell fuer Deine Arbeit benutzen moechtest. Deshalb waere es fuer mich auch nicht schlimm, wenn unsere Korrespondenz nur vor dem Hintergrund des Verwendungszweckes stattfaende. Okay?" (Nina) [44]

Auch Rückfragen, ob Äußerungen anonymisiert zitiert werden können, sind allgemein positiv beantwortet worden. [45]

Nur wenige der direkt Befragten waren überrascht oder gar empört, dass der Impulstext einen wissenschaftlichen Hintergrund hat. Aus den Reaktionen von drei Personen konnte entnommen werden, dass sie den wissenschaftlichen Hintergrund der Fragestellung nicht erkannt haben. Hierbei handelte es sich um Teilnehmer einer Newsgroup, die zu den sehr aktiv postenden Internet-Nutzern zählen. Diese scheinen sich eher flüchtig mit den Inhalten eines Postings auseinander zu setzen, melden sich aber dennoch oft zu Wort. Entsprechend überrascht, ärgerlich oder gleichgültig reagiert diese Personengruppe auf Rückfragen nach den Gründen für eine Beteiligung an der Diskussion zum "gebrauchten Mann":

Ich kann mich inzwischen kaum noch daran erinnern. Könntest Du mir bitte nochmal schreiben, was ich denn da geschrieben hatte? Nur damit ich wieder weiß, worum genau es geht.(...) Ansonsten weiß ich aber wirklich nicht mehr, was ich geschrieben habe. Schick mir das nochmal, ja? Du hast es doch hoffentlich notiert.)

> ? Warum hast Du Dich an der Diskussion beteiligt?

Ach, ich gebe überall gerne meinen Senf dazu. ;-) (Astrid). [46]

Ähnlich wie beim Phänomen der "Schwätzer" in Gruppendiskussionen scheint sich im Internet, speziell in den Newsgroups, eine kleine Gruppe von "Multipostern" zu etablieren, die computervermittelte Kommunikation zum Selbstzweck betreibt und sich mit dem Inhalt der Nachrichten nicht detailliert auseinandersetzt. Bezogen auf die Darlegung der Forschungsabsicht und mit Blick auf die Gesamtresonanz ist dies jedoch die Ausnahme. Auf Grund der Mehrzahl der Rückmeldungen kann angenommen werden, dass das Kriterium der Offenheit durch die gewählten Formulierungen erfüllt wurde. [47]

Der Text wurde so formuliert, dass Handlungsspielräume zur Entfaltung persönlicher narrativer Strukturen und eigener Erzählrhythmen gegeben ist. Der Impulstext sollte in diesem Sinne auch lediglich einen Anstoß geben, auf Basis dessen die Internet-Nutzer nach eigenem Ermessen unstandardisiert antworten können. Er stellt ein Thema vor und verbindet es mit offenen Fragen nach den persönlichen Erfahrungen Betroffener. Der Text selbst grenzt den Reaktionsspielraum inhaltlich, formal oder zeitlich in keiner Weise durch Definitionen oder Direktiven ein. Dagegen begrenzen die jeweils spezifischen technischen Rahmenbedingungen der ausgewählten Kommunikationsräume die Gestaltung der textlichen Reaktionsmöglichkeiten mit dem Medium CMC. Durch das Angebot, einen direkten E-Mail-Kontakt zur Forscherin aufzunehmen, wird den "Zweitfrauen" zusätzlich freigestellt, ob sie den öffentlichen Kommunikationsweg oder die bilaterale Verständigung für angemessen halten. Dieser Entscheidungsspielraum wird auch bewusst in Anspruch genommen:

"Hallo Doris,

wir können gerne im Forum weiterdiskutieren. Mir ging es hauptsächlich auch um etwas privatere Informationen, von denen ich denke, daß sie nicht unbedingt alle mitbekommen müssen. Aber eigentlich macht es mir nichts aus, wenn wir und zukünftig wieder im Forum diskutieren" (Dorthe). [48]

4.1.2 Die Rolle des Forschers im Prozess computervermittelter Datengewinnung

Auf Grund der in dieser methodologischen Studie gewählten Vorgehensweise übernimmt die Forscherin zwei Rollen im Forschungsprozess:

  • Sie ist einmal Impulsgeberin und schafft durch die gepostete Themenstellung erst den Teilbereich der Internet-Kommunikation, den sie in ihrer zweiten Rolle

  • als Beobachterin formal-strukturell und sozial-inhaltlich analysieren will. [49]

Wie der Verlauf der Untersuchung zeigt, sind dies – in der hier gewählten Form des methodischen Vorgehens – zwei zum Teil schwer miteinander zu vereinbarende Anforderungen, die zu Rollenkonflikten führen können. Im Prozess der computervermittelten Kommunikation mit "Zweitfrauen" wurde zunächst in Anlehnung an die empfohlenen Verhaltensweisen im Interview oder der Beobachtung ein zurückhaltendes, nondirektives Verhalten von der Forscherin praktiziert, um Form und Inhalte der Kommunikationsreaktionen möglichst wenig zu beeinflussen (vgl. BREUER 1996, S.18f; LAMNEK 1995; Bd. 2, S.250ff; FRIEBERTSHÄUSER 1997, S.520ff). Nur in sehr wenigen Fällen wurde ein zusätzlicher, wiederum als Impuls fungierender Text gepostet, der die Kommunikation in Gang halten sollte. Dabei sind das Vokabular und die Themen der Erzählenden aufgegriffen und als Paraphrase auf das vorher Geschilderte zurückgeführt worden. Diese Haltung schien auch angezeigt, um als Betroffene nicht bewusst oder unbewusst suggestiv auf die kommunizierten Erfahrungsberichte einzuwirken. [50]

Die auf den persönlich gehaltenen Impulstext reagierenden "Internetler/innen" hatten jedoch zum Teil andere Erwartungen an die Rolle der Forscherin. Sie signalisierten Interesse an der persönlichen Lebenssituation der Forscherin, sprachen die hinter dem Impulstext stehende Person direkt an und forderten Stellungnahme, Rat oder Schilderung bestimmter Erfahrungen ein. Die im Impulstext angebotene Identifikations- und Reflexionsfolie wurde also nicht nur passiv angenommen, sondern sollte aus Sicht der Antwortenden dialogisch weitergeführt werden:

"Kannst Du das ein bißchen verstehen? Wenn Du Lust hast, können wir uns gerne über E-Mail weiter austauschen. Es ist für mich bestimmt interessant, etwas von Deinen Erfahungen zu profitieren" (Dorthe). [51]

Vor allem die bilateralen E-Mail-Kontakte sind seitens der Frauen häufig ähnlich wie Brieffreundschaften angelegt, in denen sie nicht nur ihre Kontakte anbieten, sondern auch Rückäußerungen einklagen. Die persönliche Ebene, die sich sehr schnell in computervermittelter Kommunikation einstellt, zeigt sich auch an den Formen der Anrede, den Verabschiedungsformeln und dem DU, das in der Regel automatisch seitens der reagierenden Frauen und Männer verwendet wird:

"hallo doris, hast du meine mail nicht bekommen????? ich warte auf antwort ... aber da in letzter zeit immer mal irgendwelche mailprobleme waren ... also melde dich einfach noch mal.
ciao, Almut" (Almut). [52]

Die Perspektive, die Forschende als Kommunikationspartnerin anzusehen, wird verständlich, wenn man sich die Motive der Frauen, auf den Impulstext zu reagieren, vor Augen hält (vgl. 4.1.4). Während sich in öffentlichen Foren das Bedürfnis nach Kommunikation mit Gleichgesinnten von alleine erfüllt, fixiert sich dieses in der E-Mail-Kommunikation ganz auf die Person der Forscherin. Es zeigte sich also ein Rollenkonflikt, den DECEMBER auf die klassische Nähe-Distanz-Problematik zurückführt:

"... two problems specifically related to participant observation in CMC: going native and role conflict, the first referring to involving oneself in the group to the extent that objectivity is lost, while the second means a dilemma between the goals of the group and those of the evaluation (DECEMBER 1996, o. Pag.). [53]

Für weitere computervermittelte Datenerhebungsverfahren ist es daher angezeigt, die Rolle des Forschers neu zu überdenken. Speziell die auf E-Mail-Kommunikation basierenden Kontakte brachen sehr schnell wieder ab, wenn die passive Beobachterrolle die Erwartungen an die Forscherin als Kommunikationspartner überlagerte. Bei kontinuierlicher Rückkopplung zu den "Zweitfrauen" entwickelten sich dagegen länger andauernde Kontakte mit einem intensiven Informationsaustausch. Bei einer längeren Kontaktdauer waren die Kommunikationspartner auch bereit, ihre Identität (Name, evtl. private E-Mail-Anschrift) preiszugeben und konkrete Informationen zu soziodemographischen Daten weiterzugeben. So lassen sich auch für computervermittelte Forschungskontakte durchaus sinnvolle Denkanstöße aus dem Vorstoß von BÖTTGER und WITZEL ziehen, nach dem qualitative Datengewinnung eher in Form eines dialogischen Aushandelns, begleitet durch gezieltes Eingreifen, Provozieren und Nachfragen seitens des Forschers erfolgen sollte. Ihre Ausgangskritik, die in der qualitativen Forschung favorisierten narrativen Methoden seien untypische Kommunikationsformen, kann zwar nicht unmittelbar auf schriftliche Formen der Datengewinnung bezogen werden, doch fordert textbasierte computervermittelte Kommunikation auf Grund ihres oralliteralen Charakters anscheinend verstärkt mündlich-dialogische Kommunikationsmuster ein und unterstützt damit den Ansatz von BÖTTGER und WITZEL. Dies stellt neue Anforderungen an das kommunikative Verhalten des Forschenden. Er muss neue Wege finden, um Nähe und Distanz, Zurückhaltung und Beteiligung miteinander zu verbinden. [54]

4.1.3 Genutzte Kommunikationsräume

Die Kommunikationsräume im Internet stellen sich als ein heterogenes "Sammelsurium" unterschiedlichster Möglichkeiten, computervermittelt zu kommunizieren, dar. Auf der Suche nach geeigneten Kommunikationsräumen für das Thema "Zweitfrauen" zeigte sich im Sommer 1998 indes schnell, dass es vergleichsweise wenig spezielle Angebote für die Zielgruppe Frauen gab. Die Recherche im deutschsprachigen Internet erfolgte mit Hilfe von Suchmaschinen (NetScape, DINO, Nathan) und den Suchstrategien "Frauen bzw. Frauen und Forum". Die erzielten Treffer und die damit verbundenen Querverweise wurden sukzessive durchgesehen und dortige Kommunikationsangebote eine Zeit lang beobachtet. Anhand der nachstehenden vier Kriterien, die das Ergebnis der Online-Beobachtung und der Auseinandersetzung mit Online-Forschung sind, wurde eine Auswahl getroffen:

  • Die Kommunikation sollte asynchron verlaufen. Bei Beobachtung von synchroner Kommunikation bestätigte sich das allgemein gezeichnete Bild der Chat-Kommunikation. Die Aneinanderreihung von Floskeln, der stetig wechselnde Teilnehmerkreis und die in den Chats diskutierten Themen erschienen nicht geeignet, eine Diskussion über "Zweitfrauen" in Gang zu setzen. Zudem sollte der in der Online-Forschung hervorgehobene Vorteil asynchroner Kommunikation, der zeit-unabhängige Zugriff auf Untersuchungsinstrumente, genutzt werden.

  • Die Gesprächsräume sollten gezielt Frauen ansprechen , da Frauen im gesamten Internet immer noch unterrepräsentiert sind.

  • Die "Zweitfrauen-Thematik" sollte kein thematischer Fremdkörper im Gesamtkontext des Kommunikationsbereiches sein. Beziehungs-, Familien- oder Partnerschaftsthemen sollten zu den gängigen Kommunikationsthemen gehören.

  • Die Kommunikationsräume sollten für jedermann frei zugänglich sein. Bereiche, die eine zeitlich gebundene oder auch kostenpflichtige Mitgliedschaft notwendig gemacht hätten, sind nicht berücksichtigt worden. [55]

Letztlich ist der Impulstext in Foren bzw. an Schwarzen Brettern von sechs unterschiedlichen Internet-Angeboten gepostet worden. Zusätzlich wurde auch das Angebot der über den Newsserver der Universität Hannover angebotenen Newsgroups auf thematisch geeignete Gruppen der de.-Hierarchie gesichtet. Es kamen zum damaligen Zeitpunkt aus diesem Angebot lediglich zwei Newsgroups in Frage, die sich mit Beziehungs- und Familienthemen befassen: de.talk.romance und de.soc.familie.misc. [56]

Zur Verortung der Räume im Internet (Lokalisation) soll das Profil der einzelnen Kommunikationsräume in Tabelle 1 vergleichend mit den wichtigsten Kennzeichen dargestellt werden.

Profil der Kommunikationsräume

Medialer Raum

WWW-Seite

WWW-Seite

WWW-Seite

WWW-Seite

WWW-Seite

WWW-Seite

Anbieter

Frauenzeitschrift FREUNDIN

Frauenzeitschrift BRIGITTE

Frauennetz

Frauen Internet Projekt Hamburg

HAUSFRAUEN-FORUM

Interessenverb. Unterhalt und Familienrecht (ISUV e.V.)

URL: Mai 98

http://www.freundin.com

http://www.brigitte.de

http://www.frauennetz.de

http://internetfrauen.w4w.net

http://www.hausfrauenseite.de

http://parsimony. net

Mediale Klasse

Forum

Forum

Forum

Forum / Schwarzes Brett

Forum / Schwarzes Brett

Forum

Kontaktform

Öffentlich; bi- und multidirektional

Öffentlich; bi- und multidirektional

Öffentlich; bi- und multidirektional

Bidirektional per E-Mail

Öffentlich / bi- und multidirektional

Öffentlich; bi- und multidirektional

Teilnehmerzahl

Unbegrenzt

Unbegrenzt

Unbegrenzt

Unbegrenzt

Registrierte Nutzer

Unbegrenzt

Zeitdimension

Asynchron

Asynchron

Asynchron

Asynchron

Asynchron

Asynchron

Organisation

Unmoderiert

In der Regel nicht moderiert, jedoch Rubrikenvorgabe: Job-Forum, Open House, Gesundheits-Forum. Für die Untersuchung wurde in Zusammenarbeit mit der Online-Redaktion eine separate Rubrik "Der gebrauchte Mann" eröffnet.

Unmoderiert

Unmoderiert

Unmoderiert

Unmoderiert

Impulsdatum

13.5.98

1.7.98

4.9.98

12.5.98

27.5.98

12.5.98

Tabelle 1: Übersicht über die Profile der genutzten Kommunikationsräume im WWW [57]

 

Profil des Kommunikationsraumes

Medialer Raum

NEWSGROUP

NEWSGROUP

Anbieter

Newsserver der Uni-Hannover

Newsserver der Uni-Hannover

Hierarchie

de.talk.romance

de.family.misc

Kontaktform

Öffentliches Posting; bi- und multidirektional

Öffentliches Posting; bi- und multidirektional

Teilnehmerzahl

Unbegrenzt

Unbegrenzt

Zeitdimension

Asynchron

Asynchron

Organisation

Unmoderiert

Unmoderiert

Impulsdatum

4.5.98

4.5.98 + 25.8.98

Tabelle 2: Profil der Newsgroups [58]

4.1.4 Kommunikationspartner

Auf den Impulstext haben 111 Personen in unterschiedlichster Art und Weise reagiert. Durch die Selbst-Selektion im Internet sind darunter nicht nur die im Text direkt angesprochenen "Zweitfrauen", sondern auch "Ex-Frauen" und "gebrauchte Männer" sowie nicht betroffene aber an der Thematik interessierte Frauen und Männer. Somit hat sich ein heterogener Personenkreis zu Wort gemeldet.

Früh

Abbildung 3: Personale Zusammensetzung der Reaktionen auf den Impulstext [59]

Die Frauen und Männer entstammen sehr unterschiedlichen Lebenskonstellationen und Berufsbereichen und vertreten ein Altersspektrum von Anfang zwanzig bis ca. Mitte bis Ende vierzig Jahren. Zum Beispiel:

  • Leopold, der 42-jährige kaufmännische Angestellte,

  • Boris, 34-jähriger Datenverarbeitungskaufmann und auch

  • Gotthilf, Dipl.-Chemiker in einem Konzern und 42 Jahre alt. [60]

Der Altersdurchschnitt der männlichen und weiblichen Teilnehmer/innen dieser Untersuchung liegt mit Mitte 30 bis Mitte 40 Jahren leicht über dem Durchschnitt derjenigen, die heute noch in der Literatur als "typische" Internet-Nutzer beschrieben werden. Die Popularisierung der vernetzten Kommunikationstechnik scheint demnach, wie aus den online-übermittelten soziodemographischen Informationen abgeleitet werden kann, tatsächlich schon heute in weite Bereiche des Alltags- und Berufslebens vorgedrungen zu sein. So ist es möglich auch

  • die 40-jährige Hausfrau Gustl,

  • Kordula, die 33-jährige Journalistin und

  • Luzie, die 39-jährige Beamtin

über die öffentlichen Foren zu erreichen. [61]

Die sich durch die Heterogenität der Teilnehmer/innen inhaltlich ergebende "Polyphonie"(vgl. BREUER 1996, S.25) ermöglicht eine Erweiterung des zunächst von der Forscherin anvisierten Forschungsfokus um Perspektiven, die vorab nicht kalkulierbar waren. [62]

Die maximale Variation der Perspektive ist einmal das Ergebnis der Diskussion in den öffentlichen Foren, zum anderen ist sie das Resultat der Auswahl verschiedenartiger Kommunikationsräume. Speziell in den Online-Foren der Frauenzeitschriften versammelt sich ein sehr heterogenes Publikum von "Onlinern" und ergibt somit die Meinungspluralität. Per E-Mail meldet sich dagegen überwiegend die Zielgruppe "Zweitfrauen" zu Wort. Diese Frauen haben den Impulstext entweder an einem "Schwarzen Brett" gelesen oder wollen nicht den Weg des öffentlichen Austausches in den Foren gehen. [63]

In den Newsgroups konnten trotz deren thematischer Nähe keine direkt oder indirekt betroffenen Personen erreicht werden. Die News scheinen sich daher, auch durch den aus verschiedenen Nutzeranalysen gewonnenen Eindruck unterstützt, gegenwärtig nicht als Kontaktraum für Online-Forschung zu einem allgemeinen sozialen Phänomen anzubieten. [64]

Während sich die nicht direkt betroffenen Kommunikationspartner/innen überwiegend aus allgemeinem Interesse am Thema oder aus Neugierde auf Grund der ungewöhnlichen Terminologie des Impulstextes an der Diskussion beteiligt haben, sind für die "Zweitfrauen" und auch für die "gebrauchten Männer" das starke Kommunikations-, Reflexions- und Identifikationsbedürfnis ausschlaggebend für die Beteiligung. Für viele Frauen ist es das erste Mal, dass sie sich über die häufig sehr belastend empfundene Beziehungssituation offen mitgeteilt haben, und sie konnten dabei erfahren, dass ihre bisher als persönlich empfundenen Probleme von vielen anderen Frauen geteilt werden, so wie Trude es ausdrückt: "Liebe Luzie, was Du erzählst, könnte auch von mir sein. Meine Geschichte ...". Das wie von Bärbel auch von vielen anderen Frauen explizit artikulierte Bedürfnisse sich mitzuteilen ["Ich hoffe ich habe nicht allzuviel geschrieben aber es war mir echt ein Bedürfnis mir das mal von der Seele zu schreiben"], Reflexion, Austausch und Anregung durch Dritte zu bekommen, konnte gerade im Schutzraum der Anonymität durch die computervermittelte Kommunikation umgesetzt werden. Nina pointiert diese Schutzfunktion sehr deutlich:

"... Wenn man sich überlegt, wieviel wir uns schon anvertraut haben, obwohl wir uns noch nie gesehen haben! Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich Dir nie soviel anvertrauen würde, wenn ich Dir gegenübersitzen würde. Wenn Du mich auf der Straße oder sonstwie angesprochen hättest, ob ich bereit wäre, Dich beim Thema 'Zweitfrauen' mitzuarbeiten ..., dann hätte ich das sicherlich abgelehnt, das wäre mir zu nah gewesen. Aber so ist für mich 'Nähe' möglich, weil 'Distanz' da ist. Also ich finde das interessant! Und WIE persönlich ich geworden bin ... Du weißt ja schon ne ganze Menge über mich ...". [65]

Die asynchrone, vom Reaktions- und Erwartungsdruck einer Face-to-Face-Situation befreite Foren- und E-Mail-Kommunikation wird dabei von den Frauen auch als eine positive Möglichkeit der Auseinandersetzung mit sich selbst hervorgehoben. Hierdurch erscheint die für eine wissenschaftliche Nutzung des Mediums bedeutende Glaubwürdigkeitsproblematik der erhaltenen Daten in einem anderen Licht. Auch wenn die Forschungspartner nicht eindeutig "identifiziert" werden können, lässt die intrinsische Motivation eine entsprechende ökologische Validität erwarten. [66]

Die Bedürfnisse und Motive prägen auch die für qualitative Sozialforschung so bedeutende Beziehungsebene der Teilnehmer/innen untereinander und zwischen den Teilnehmern/innen und der Forscherin. Gegenseitig Verständnis zeigen, Hilfe zur Reflexion anbieten und die Unterstützung anderer durch eigene Erfahrungen sind die Aspekte, die die Beziehungsebene zwischen unmittelbar Betroffenen prägen. Das sehr persönliche Partnerschaftsthema im Kontext eines öffentlichen, aber anonymen Forums scheint primär die Ich-Identität der sich Beteiligenden anzusprechen. Sie fühlen sich durch den Impulstext und die schon erfolgten Reaktionen veranlasst, ihre Lebenssituation mitzuteilen, persönliche Standpunkte ggf. gegen Widerstände deutlich zu machen und dabei notfalls auch Extrempositionen zu vertreten. Die defizitäre Beschreibung der Kommunikationsleistung von CMC in einigen theoretischen Konzepten kann anhand der vorliegenden Beiträge nicht nachvollzogen werden. Dagegen zeigen sich Indikatoren, die die kompensatorisch-extensiven Modellvorstellungen WALTHERS unterstützen (vgl. WALTHER 1992). So haben die Teilnehmer/innen eigene Möglichkeiten und Wege gefunden, Unsicherheiten zu überbrücken, Emotionalität, soziale Hinweisreize und kontextuelle, soziodemographische Informationen in vielfältiger Form textbasiert auszutauschen, damit die Kommunikationspartner sich so ein sachliches und affektives Bild von den Lebensumständen anderer machen können. Der "Ton" ist dabei überwiegend herzlich, fast freundschaftlich gehalten. Dies bezieht sich auch auf die Haltung der Kommunikationspartner/innen gegenüber der Forscherin und ihrem Projekt. Vor allem in der E-Mail-Kommunikation wird von den "Zweitfrauen" eine der Brieffreundschaft sehr ähnliche Beziehung zur Forscherin angestrebt. Die Forscherin wird wie schon in 0 erwähnt, primär zur Kommunikationspartnerin, da die in öffentlichen Foren mögliche Auseinandersetzung mit anderen Beiträgen fehlt. [67]

Auch wenn das prosoziale Verhalten und die positive Beziehung in der Kommunikation dieser Untersuchungen überwiegen, tritt auch vereinzelt antisoziales, provozierendes, beleidigendes Verhalten auf. Die Aggressivität entspinnt sich dabei zwischen Frauen oder Frauen und Männern, die jeweils die polarisierenden Positionen von "Zweitfrauen" gegen "Ex-Ehefrauen" oder "Ex-Ehefrauen" gegen unterhaltspflichtige Männer einnehmen. Die Beleidigungen "Parasiten", "keifende Giftspritzen", "ZICKEN – einige von Euch sollte man in ein Gatter treiben und dann müßte ein Erdrutsch kommen. JUHU", gehen nur von Einzelpersonen aus und sind spezifisch für bestimmte Kommunikationsräume. Das "Recht", auch extreme Meinungen in extremer Form äußern zu dürfen, wird aus dem Recht auf allgemeine Meinungsfreiheit im Internet abgeleitet, ohne die Regeln der Netiquette zu berücksichtigen. Hier zeigen sich jedoch schnell die Selbstregulierungsmechanismen im Internet. Nicht betroffene Frauen haben in der Regel versucht, durch neutrale Stellungnahmen die Diskussion wieder zu versachlichen. Ausfallende Äußerungen wurden allgemein getadelt. Durch die Textgebundenheit bekommt die Beziehungsebene aber insgesamt eine explizitere Form, als dies im persönlichen Face-to-Face-Kontakt oftmals üblich ist. Dies schließt z.B. auch die Konfrontation des Forschers mit Ironie oder Verärgerung ein, wie sie in traditionellen Forschungssituationen sicherlich seltener vorkommt. Neben der Frage einer sich bewusst als "Erst-Frau" zu erkennen gebenden Foren-Teilnehmerin "Über sowas kann man promovieren" (Anonym, 24.8.98), reagierte Saskia z.B. auf die zeitgleich in verschiedenen öffentlichen Kommunikationsräumen gefundenen Impulstext so:

"Doris Früh
Doris, langsam nervt es. Überall deine blöde Umfrage.
Dienstag, 25.August 00:06 Uhr
Saskia (...)" [68]

Unter dem Schutzmantel der Anonymität des Internet gedeihen demnach sowohl die Offenheit, über ein sehr privates Thema im Internet zu schreiben als auch die Bereitschaft, extreme Positionen mit eindeutiger Aggressivität zu vertreten. Nur sehr wenige Personen posten in den öffentlichen Kommunikationsräumen unter dem vollen Namen und ihrer E-Mail-Adresse. In der Newsgroup de.talk.romance und dem HAUSFRAUEN-Forum ist die Bekanntgabe der E-Mail-Anschrift technisch bzw. organisatorisch vorgegeben. Der überwiegende Teil der Kommunikationspartner wählt jedoch den Weg, sich nur mit einem Vornamen, wahrscheinlich einem Pseudonym, vorzustellen. So ist zwar eine persönliche Ansprache möglich, aber der Schutz der Privatsphäre bleibt dennoch nach außen gesichert. Nur vier von 111 Personen haben sich ganz anonym mit Beiträgen in die Kommunikation eingeschaltet. Allerdings enthielten diese Postings kein besonderes Aggressionspotential. Sie sind ebenso kommentierend, rückfragend oder erzählend wie die anderen Beiträge auch. [69]

Auf meine nachträgliche Rückfrage nach persönlichen Informationen haben sich dann einige "Onliner" persönlicher zu erkennen gegeben und z.T. auch ihre Pseudo- / Anonymität aufgegeben:

Also, ich bin Luzie aus dem Forum. Wie du an meiner e-mail-Adresse sehen kannst, heisse ich nicht Luzie, aber ich wollte anonym bleiben (Luzie).



Abbildung 4: Identifikation [70]

4.1.5 Organisation der CMC-Forschungskommunikation

Unter formalen Gesichtspunkten wird im Folgenden dargestellt, wie sich die Kommunikation in den genutzten Kommunikationsräumen im Internet strukturell organisiert. Die Beschreibung dient dazu, einen exemplarischen Eindruck über die mögliche strukturelle Realisation wissenschaftlich initiierter Kommunikation im Internet zu geben, aus dem für zukünftige Projekte dieser Art strategische Hinweise hervorgehen können. Im Hinblick auf eine differenzierte Betrachtung von CMC als Forschungsinstrument wird nachstehend textlich und in der graphischen Darstellung Wert darauf gelegt, die unterschiedliche Kommunikationsorganisation innerhalb der einzelnen Kommunikationsräume zu verdeutlichen, da Umfang, Art und Verlauf der Reaktionen sich in allen Bereichen jeweils anders gestalten. Zu berücksichtigen sind hierbei

  • personenbezogene Aspekte: wer beteiligt sich in welchen Kommunikationsräumen und mit welcher Intensität,

  • zeitliche Aspekte: wie gestaltet sich der Reaktionsverlauf auf den Impulstext,

  • formale Aspekte: welche Kommunikationsformen prägen sich online aus? [71]

Es zeigt sich, dass der Impulstext in den öffentlichen Online-Ausgaben der Frauenzeitschriften die größte Resonanz gefunden hat. In den Foren von BRIGITTE und FREUNDIN haben sich jeweils 48 bzw. 21 Personen beteiligt und das, wie die Zahl der Beiträge verdeutlicht, sogar in vielen Fällen mehrfach.

Früh

Abbildung 5: Anzahl der Personen und Beiträge je Kommunikationsraum [72]

Die herausragende Summe von 48 unterschiedlichen Teilnehmern am Forum "Der gebrauchte Mann" ist eindeutig auf die ganz spezielle Platzierung dieses Themas als eigenständiges Forum zurückzuführen. Nur so konnte über einen Zeitraum von sechs Wochen ein kontinuierliches, leicht zugängliches Kommunikationsangebot platziert werden. Im FREUNDIN-Forum, dem HAUSFRAUEN-Forum und den Newsgroups überlagerten dagegen nach ein paar Tagen neue Themen den Impulstext und den darauf erfolgten Thread, so dass die optische Präsenz der Überschrift (Header) je nach Aufbau der Web-Seite oder Einstellung des Browsers nicht mehr gewährleistet war. Doch auch für das FREUNDIN-Forum kann die Zahl von 21 sich beteiligenden Personen mit 42 Beiträgen als überdurchschnittlich hoch gewertet werden, da die Anzahl der Antworten (Re) auf andere Themen meist 10-15 Reaktionen nicht überschreitet. [73]

Der Impulstext hat besonders in den Foren der Frauenzeitschriften nicht nur die Zielgruppe "Zweitfrauen", sondern einen weiten Kreis von Frauen und Männern angesprochen (vgl. Abbildung 6). Besonders in diesen Kommunikationsbereichen konnte also das breite Spektrum von direkt betroffenen sowie nicht unmittelbar betroffenen Personen und deren Meinungen bzw. Erfahrungen aktiviert werden. Die vergleichsweise geringe Zahl der "Zweitfrauen" im FREUNDIN-Forum erklärt sich möglicherweise aus der Altersstruktur der Leserschaft des Print-Journals. Nach Auskunft der Online-Redaktion liegt das Durchschnittsalter der FREUNDIN-Printleser mit ca. Mitte bis Ende 20 Jahren etwa 10-15 Jahre unter dem Altersdurchschnitt der BRIGITTE-Leserschaft (Telefonische Auskunft von G. KUSCHE, Freundin-Online-Redaktion 4.3.98). Es wird von der Redaktion angenommen, dass sich entsprechend auch das Online-Publikum in diesem Altersspektrum bewegt. Aus dem Altersunterschied ergibt sich die Vermutung, dass die biographische Betroffenheit der im FREUNDIN-Forum postenden Frauen in einem geringeren Maße gegeben sein könnte.



Abbildung 6: Reaktionen pro Kommunikationsraum [74]

Das HAUSFRAUEN-Forum (HFS) zählt im allgemeinen zu den gut frequentierten Kommunikationsbereichen, in denen viele Themen gepostet werden und eine rege Teilnahme der "Internetler/innen" zu verzeichnen ist. Es gibt Hinweise dafür, dass eine verhältnismäßig große Zahl von Teilnehmer/innen den Impulstext zwar im HFS-Forum oder in der HFS-Kontaktecke gelesen, dann aber den bilateralen Kommunikationsweg per E-Mail gewählt haben, so wie Kareen:

"hallo, doris!

ich sah dein inserat bei den hausfrauen und würde mich gerne mit die über das thema "2. ehefrau" auseinandersetzen. ich bin 42 jahre alt und bin seit fast 8 jahren verheiratet, ich zum ersten und mein mann zum 2. mal" (Kareen). [75]

Nicht auszuschließen ist jedoch auch, dass die der Struktur des HFS-Forums mit der Identifikationsmöglichkeit der Personen anhand des Mitgliederverzeichnisses einige Betroffene von einer öffentlichen Beteiligung abgehalten hat. [76]

Sowohl das ISUV- als auch das FRAUENNETZ-Forum waren zum Zeitpunkt der Platzierung des Impulstextes gerade erst neu eingerichtet worden, so dass die geringe Resonanz von 2 bzw. 5 Rückmeldungen auch auf den geringen Bekanntheitsgrad zurückgeführt werden kann. Im ISUV-Forum posten allerdings überwiegend Männer mit rechtlichen Scheidungsfolgenproblemen, von denen sich zwei "gebrauchte Männer" durch den Text angesprochen fühlten. Obwohl die Arbeitsgemeinschaft "Zweitfrauen" auch über diese Internet-Seite ansprechbar ist, hat wider Erwarten keine betroffene "Zweitfrau" im Forum geantwortet. Im FRAUENNETZ konnte zwar zahlenmäßig keine große Resonanz erzielt werden, dafür gehören die Antwortenden zum Kreis der von Folgebeziehungen direkt betroffenen Frauen. Auch das Hamburger "FrauenInternetProjekt" zählt zu den nur wenig frequentierten Kommunikationsbereichen im Internet. Dort entwickelte sich überhaupt kein Thread, weshalb dieser Bereich auch nicht in die Graphiken aufgenommen wurde. Möglicherweise haben "Internetler/innen" dieser Web-Seite direkt per E-Mail Kontakt aufgenommen. Es liegt aber diesbezüglich keine konkrete Information vor. [77]

Die genutzten Newsgroups haben, obwohl es sich um stark frequentierte Gruppen handelt, ebenfalls nur eine geringe Reaktion auf den Impulstext eingebracht. Überraschend war, dass sich in der de.soc.family.misc gar kein Thread auf den Impulstext entwickelt hat, obwohl dort auch Frauen posten und alle nur erdenklichen Themen aus dem familialen Leben diskutiert werden. Auch ein zweites Posting Ende August ergab keine Diskussion in der Newsgroup, möglicherweise aber Kontakte per E-Mail. In de.talk.romance zeigt sich, dass die Nutzerklientel der Newsgroups sich heute doch noch vornehmlich aus dem wissenschaftlich-universitären Umfeld, meist naturwissenschaftlicher Fachbereiche, rekrutiert. Damit ist BATINIC Recht zu geben, dass Otto-Normal-Verbraucher dieses Medium bislang kaum nutzt (BATINIC, BOSNJAK & BREITER 1997, S.212). Allerdings zeigen die dort erhaltenen Antworten auch, dass MACZEWSKI mit seinem Urteil über den Unterhaltungs- versus Erkenntniswert der Beiträge in den News ebenfalls nicht Unrecht hat (MACZEWSKI 1996, S.76), da die inhaltliche Auseinandersetzung der Newsgroup-Leser mit dem Impulstext eher oberflächlichen Charakter zu haben scheint. [78]

Die bilateralen E-Mail-Kontakte haben 18 "Zweitfrauen" und 6 "Secondhand-Männer" genutzt, um über ihre Beziehungserfahrungen zu kommunizieren. Sie haben den Impulstext in den unterschiedlichen Kommunikationsräumen gesehen und den direkten Kontakt einem öffentlichen Austausch vorgezogen. Entscheidend für die Kontakthäufigkeit war die Bereitschaft der Forscherin, sich auf einen kontinuierlichen, persönlichen Dialog einzulassen und sich auch selbst mit eigenen Erfahrungen einzubringen (vgl. 0). In den Fällen, in denen so verfahren wurde, entwickelte sich ein intensiver Kontakt, der sich allerdings sehr zeitaufwendig gestaltete. So hielt der Kontakt zu Nina fast 1œ Jahre an und summierte sich auf weit über 100 E-Mails, von denen ca. 70 themenspezifisch ausgewertet werden konnten. Nina nahm kurz nach Beginn ihrer "Zweitfrauen-Beziehung" Kontakt zu mir auf und beschrieb regelmäßig die Entwicklung dieser Beziehung mit all ihren jeweils positiven und negativen Aspekten. Der Kontakt endete, als Nina in Mutterschaftsurlaub ging und dadurch keine E-Mail-Verbindung mehr gehalten werden konnte. Methodisch zeichnet sich aus dem intensiven, kontinuierlichen Kontakt die Möglichkeit einer Einzelfallanalyse auf Basis von bilateraler Online-Kommunikation ab, die im Rahmen dieser Untersuchung in die thematische Auswertung mit einbezogen wird. [79]

Neben dem Verhältnis von Personenzahl zu Beiträgen (vgl. Abbildung 5) und der Zahl der Kontakte pro Kommunikationsraum (vgl. Abbildung 6) kann eine Aussage über die Beitragsfrequenz als Beschreibungskriterium der computervermittelten Forschungskommunikation herangezogen werden (vgl. Abbildung 7). [80]

Die Kontakte mit 111 verschiedenen Personen ergaben insgesamt 257 Textbeiträge. In allen Online-Bereichen gab es ein oder zwei Personen, die sich überdurchschnittlich oft zu Wort gemeldet haben. Im BRIGITTE-Forum waren dies zum Beispiel Luzie mit 12 Beiträgen im Forum und 4 direkten Mails an mich sowie Sewi mit 10 Foren-Kontakten. In der Newsgroup dominierte Tobias zahlenmäßig die Kontakte, und im HFS-Forum waren es Leopold und Kordula, die mit 4 bzw. 3 von insgesamt 10 Beiträgen den Gesprächsverlauf prägten. [81]

Auch wenn die Gesamtauswertung der Beitragsfrequenzen pro Teilnehmer/in zeigt, dass 2/3 der auf den Impulstext antwortenden Frauen und Männer nur ein- oder zweimal einen Beitrag leisten, wird deutlich, dass sich auch "Schwätzer" oder "Viel-Poster" unter den Kommunikationspartnern befinden. Ihr Einfluss auf die Forschungskommunikation ist jedoch nur durch eine genaue Analyse des Interaktionsgeschehens und der inhaltlichen Aussagekraft der Beiträge abzuschätzen.

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Abbildung 7: Verhältnis von Beitragsfrequenz zu Personen [82]

Während in stark frequentierten Kommunikationsräumen Personen mit einer hohen Beitragsfrequenz u.U. gar nicht auffallen oder deren Position durch Regulationsmechanismen der anderen Teilnehmer/innen mitbestimmt wird, können diese in geringer besuchten Foren Inhalt und Stil der Kommunikation dominieren (z.B. Polemik, Aggression, Blödelei) und andere potentielle Teilnehmer/innen von eigenen Beiträgen abhalten. In diesen Fällen steht die Rolle des Forschenden wieder zur Diskussion und die damit verbundene Frage nach seinen Mitteln, möglicherweise regulierend in das Geschehen einzugreifen, wird akut: Welche Maßnahmen sind im Sinne wissenschaftlicher Online-Erhebung notwendig und gleichzeitig im Rahmen des Freiheitsspielraums der Forschungspartner legitim? [83]

Auch wenn durch die Aufhebung der örtlichen Präsenz bei CMC der in den kommunikationstheoretischen Modellen wiederholt vermutete Abbau sozialer Unterschiede nicht ausgeschlossen werden kann, können bei CMC kommunikativ-technische Kompetenzen möglicherweise eine Bedeutung erlangen, deren Auswirkungen für die qualitative Online-Forschung noch ermittelt werden müssen. [84]

Zeitliche Aspekte der Kommunikationsorganisation von computervermittelter Forschungskommunikation zeigen, dass die Reaktionen auf den Impulstext deutlich von der Gestaltung der Kommunikationsräume und der darin umsetzbaren optischen Platzierung des Impulstextes abhängen. In den öffentlichen Kommunikationsräumen erfolgen die Reaktionen meist als kurze, mehr oder weniger heftige "Stoßwelle" in den ersten Tagen nach der Veröffentlichung des Textes. Bei Antworten als Reaktion auf die Veröffentlichung an einem "Schwarzen Brett" oder bei gesonderter Platzierung als separates Themenforum ist die Rückmeldefrequenz länger andauernd. Allerdings scheint nach maximal vier Wochen das Stammpublikum der Web-Seiten in den öffentlichen Kommunikationsräumen erreicht worden zu sein. Nach diesem Zeitraum sind auch im BRIGITTE-Forum nur noch sporadisch Rückmeldungen eingegangen, aus denen sich keine Diskussion mehr entwickelte. Als Reaktion auf das Posting an Schwarzen Brettern kamen auch noch nach Monaten vereinzelte Rückmeldungen. [85]

Das Auftreten von "Aktivisten" und die stoßwellenförmige Beteiligungsquote erfordern eine neue Form der Präsenz des Forschers im Forschungsprozess, die von seiner körperlichen Anwesenheit losgelöst ist. Mehrfach tägliche Beobachtung der Interaktion in den Kommunikationsräumen und kontinuierliches Abrufen der aufgelaufenen E-Mails erscheint aus zwei Überlegungen heraus unvermeidlich. Zum einen, weil der Forscher wie beschrieben als Kommunikationspartner gefordert wird, zum anderen, weil teilweise ein schnelles regulierendes Eingreifen bei Missverständnissen oder Abgleiten der Diskussion dann als notwendig erachtet wird, wenn die Selbstregulierungsmechanismen im Netz nicht greifen. Ansonsten kann die Kommunikation ausufern, auf andere Themen übergehen oder einfach schnell im Sande verlaufen. [86]

Mit Blick auf die Organisation der einzelnen Beiträge zeigen sich zwei Kommunikationsmuster, die beide für die traditionellen qualitativen Datenerhebungsmethoden von Bedeutung sind. In den Beiträgen der öffentlichen Foren findet sich das diskursive Kommunikationsmuster, bei dem die Postings anderer Teilnehmer zur Reflexionsfolie oder auch zum "Wetzstein" der eigenen Meinung werden (REICHERTZ 1996, S.87). Das argumentativ-diskursive Kommunikationsmuster findet sich dort, wo die Online-Kommunizierenden persönliche Positionen vertreten, polarisierende Standpunkte darlegen oder sich auf der Metaebene über den Kommunikationsstil oder die Kommunikationsbeziehungen austauschen. Sowohl die "Zweitfrauen" als auch alle anderen Teilnehmer/innen verwenden das argumentativ-diskursive Muster. Es sind durchweg dialogisch ausgerichtete Texte, die häufig mit einer einleitenden, personenbezogenen Ansprache "An ..." oder "Hallo ..." beginnen und in denen konkrete Bezüge zu vorangegangenen Beiträgen hergestellt werden. Die zeitliche Aufeinanderfolge der Beiträge ist in vielen Fällen sehr dicht, so dass sich die Form der Asynchronität der Online-Kommunikation manchmal auf eine sehr kurze zeitliche Verschiebung der Folge von Aktion und Reaktion beschränkt. Die Kommunikation gewinnt dann fast schon den Charakter eines Gesprächs, bei dem die Beteiligten beide relativ kontinuierlich online geschaltet sein müssen, um so schnell aufeinander reagieren zu können. [87]

Das narrative Muster, bei dem die subjektiven Wahrheiten in den Relevanzstrukturen der Betroffenen erzählend rekonstruiert werden, sind vor allem in den Beiträgen der "Zweitfrauen" zu finden und das sowohl in den zum Teil sehr ausführlichen Foren-Antworten als auch überwiegend in den E-Mail-Kontakten. Narrative Strukturen gleichen in Wortwahl und Satzkonstruktion dem traditionellen Charakter schriftlicher Texte: Die Zahl der Tippfehler ist gering, die Sätze sind ausformuliert, und Anrede und Schluss gleichen den Konventionen eines Briefes. Nicht immer ist das narrative Kommunikationsmuster dialogisch ausgerichtet, also unter Bezugnahme auf eine andere Person oder einen anderen Beitrag geschrieben. Es finden sich auch Berichte subjektiver Erfahrungen, die eher den Eindruck eines reflektierenden Selbstgespräches bzw. die schriftliche Form berücksichtigend, den Eindruck einer Tagebucheintragung vermitteln. Der narrative Charakter dieses Kommunikationsmusters besteht aus vier Elementen, die einen Spannungsbogen bilden (vgl. Abbildung 8).

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Abbildung 8: Narrativer Bogen in der Online-Kommunikation [88]

Mit dem Nachweis diskursiver und narrativer Muster in der hier erprobten Form qualitativer Datenerhebung mittels CMC vereinen sich die intersubjektive Breite mit der individuellen Tiefe eines Themas in einem Erhebungsverfahren. [89]

4.2 Themenspezifische Analyse: Einblicke in die subjektiven Erfahrungen von "Zweitfrauen"

Kriterien, die die Brauchbarkeit und Effektivität eines Erhebungsverfahren für wissenschaftlichen Fragestellungen im qualitativen Paradigma beurteilen lassen, werden immer wieder in der Methodendiskussion erörtert. Welcher Einblick durch die diskursiven und narrativen Erzählmuster in die psychosoziale Welt der "Zweitfrauen" möglich wird, ist in der diesem Artikel zu Grunde liegenden empirischen Untersuchung durch eine inhaltsanalytische Auswertung der CMC-Beiträge generiert worden. Das Datenmaterial zeichnet ein detailliertes Bild der Alltagstheorien von "Zweitfrauen", den komplexen Problembereichen und den widersprüchlichen Gefühlslagen. Es werden Phänomene deutlich, die neue Aspekte in die Diskussion der Familiensoziologie und der psychologischen Betrachtungskontexte von Familie einbringen sowie Ausblicke auf weitere Fragestellungen ergeben. Gerade die gesellschaftliche Bedingtheit einiger aufgedeckter Problemfelder gibt Anlass zu weiteren Forschungsfragen und Projekten. Da an dieser Stelle die methodologisch-methodischen Aspekte computervermittelter Datenerhebung im Vordergrund stehen, erfolgt hier lediglich ein kurzer Überblick über drei verschiedene Interpretationsebenen, die das Datenmaterial erlauben:

  • die fallübergreifende Themenanalyse,

  • die Abstraktion von Erfahrungsmustern als Ergebnis von partiell-vergleichenden kontrastiven Fallvergleichen und

  • eine entwicklungsbegleitende Einzelfallanalyse. [90]

Die Themenkomplexe, um die die subjektiven Erfahrungen der "Zweitfrauen" kreisen und die durch die Perspektiven von "gebrauchten Männern", "Ex-Frauen" und allgemein am Thema interessierten Frauen und Männern erweitert wurden, beziehen sich auf das Innenverhältnis der Partnerschaft und auf die Außenbeziehungen.

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Abbildung 9: Themenspektrum der computervermittelten Forschungskommunikation [91]

Im Innenverhältnis werden verschiedene Aspekte des "gebrauchten Mannes als Partner" angesprochen. Er trägt aus seiner ersten Ehe positive Erfahrungen und Traumatisierung in die zweite Beziehung hinein, und viele "Zweitfrauen" sehen ihre persönliche Aufgabe darin, die Traumata in Form "therapeutischer Kommunikation" zu bekämpfen. Weiteres Thema des Innenverhältnisses der Partnerschaft sind die Einschränkungen der Lebensplanung in einer "Secondhand-Beziehung". Die Einschränkungen resultieren vor allem aus den finanziellen und/oder besuchs- bzw. sorgerechtlichen Folgevereinbarungen der ersten Ehe des Partners, die die alltäglichen und die langfristigen Planungen der eigentlich privat gedachten Zweisamkeit von außen mitbestimmen. In der Foren-Diskussion hat sich gezeigt, dass mit den finanziellen Einschränkungen auch der sich als unerfüllbar abzeichnende Wunsch nach einem gemeinsamen Kind aus der neuen Partnerschaft eng verknüpft ist, dass man sich also ein Kind in vielen Fällen auf Grund der Verpflichtungen der Vergangenheit wörtlich "nicht leisten kann". Die mehrdimensionalen Aspekte der Einschränkung der Lebensgestaltung sind für die Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit verantwortlich, mit denen sich "Zweitfrauen" der Vergangenheit des Mannes gegenüber ausgeliefert sehen. In den Außenbeziehungen wird die Vergangenheit ad personam von der "Ex-Frau" und den Kindern des "gebrauchten Mannes" repräsentiert. Auch wenn die "Zweitfrau" rational ein gutes Verhältnis zwischen den ehemaligen Partnern und vor allem eine gute Beziehung zu den Kindern als richtig und wichtig ansieht, wird die dauernde Konfrontation mit ihnen schnell zu einer starken emotionalen Belastung. Dies vor allem dann, wenn aus Sicht der "Zweitfrau" ihre Wünsche und Bedürfnisse in der Alltagsplanung hinter denen der Mitglieder der ersten Familie zurückstehen müssen. Die für den "gebrauchten Mann" meist unumgängliche Situation, "der Kinder wegen" Kompromisse eingehen zu müssen bzw. zu wollen, wird von der "Zweitfrau" in vielen Fällen als Loyalitätsentzug empfunden, der sie in ihrer Rolle wiederum verunsichert. Doch auch für ihn selbst ist der Spagat zwischen alter Familie und neuer Beziehung belastend, wie die Beiträge der "gebrauchten Männer" ausdrücklich offen legen. Als besonders problematisch wird der Umgang von "Secondhand-Männern", "Zweitfrauen" und "Ex-Frauen" miteinander beschrieben. Speziell zwischen den beiden Frauen dominieren Gefühle der Unsicherheit und der Angst vor direkter Begegnung, die eng mit der jeweiligen Rolle verknüpft zu sein scheinen, obwohl oder gerade weil beide Frauen sich meist nicht persönlich kennen. [92]

Die Suche nach Distanz zur Vergangenheit des "gebrauchten Mannes" und die Rückbesinnung auf persönliche Interessen und Ziele wird als eine mögliche "Zweitfrauen-Strategie" kommuniziert, um sich selbst aus der Opferrolle zu befreien. Ratschläge, sich die eigentlich den "Secondhand-Partner" betreffenden Konflikte nicht zu eigen zu machen, sind u.a. von den Frauen erteilt worden, deren Partnerschaft an den komplexen Problemen bereits gescheitert war. Sie urteilen im Nachhinein, dass das persönliche "Helfer-Syndrom" ihre individuellen Unsicherheiten im Beziehungssystem nur zeitweise stabilisieren konnte und letztendlich zur Vernachlässigung oder zur Aufgabe der eigenen Persönlichkeit geführt hat. Für andere Frauen ist durch diese Diskussion im Forum Mut zur Distanz möglich geworden. [93]

Im Einzelfall kombinieren sich die hier nur sehr kurz angerissenen Gesprächsthemen so, dass die "Secondhand-Beziehung" und der Status als "Zweitfrau" von den Betroffenen als positiv oder belastend empfunden werden. Überwiegend positiv wird eine Beziehung dann geschildert, wenn es kaum Kontakte zur ersten Familie mehr gibt und damit auch die juristischen Folgeregelungen nur noch bedingt das Leben der neuen Partnerschaft (fremd-)bestimmen. Diese Beziehungen können dann dem Erfahrungsmuster "Secondhand-Beziehung als Erfahrungsschatz" zugeordnet werden. Durch die Entlastung von den negativ empfundenen Vergangenheitsfaktoren ist es möglich, dass die "Lerneffekte" aus der gescheiterten Beziehung als positive und konstruktive Einflussfaktoren angenommen werden. In den Mustern "Secondhand-Beziehung als Illusion" und "Secondhand-Beziehung als Fremdbestimmung" wirken dagegen die juristischen, finanziellen und psychischen Folgen der ersten Ehe alltagsbestimmend in die neue Partnerschaft hinein, und die Vergangenheit dominiert über die Zukunftsperspektiven. Es entwickeln sich daraus bei den "Zweitfrauen" Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Wut, die häufig eine Folge der gesellschaftlich-normativen Rahmenbedingungen, die den "Zweitfamilien" und damit den "Zweitfrauen" eine nachrangige Stellung zuweisen oder/und die Folge von innerpartnerschaftlichen Kommunikations- und Abgrenzungsproblemen sind. Die psychische Belastung wird von Frauen in diesen Beziehungsmustern als sehr groß bezeichnet. Inwiefern die Muster eine phasentypische Relevanz in der Entwicklung einer "Secondhand-Beziehung" haben, wäre in weiteren Untersuchungen zu prüfen. Aussagen von "Zweitfrauen" in schon länger andauernden Beziehungen deuten darauf hin, dass das Muster des "Erfahrungsschatzes" auch der Endpunkt nach konfliktträchtigen Phasen sein kann, in denen die problematischen Lebensthemen konstruktiv bewältigt wurden. [94]

Fast alle inhaltsanalytisch generierten Gesprächsthemen von "Zweitfrauen" können in der entwicklungsbegleitenden Einzelfallanalyse auch als lebensbestimmende Themen von Nina identifiziert werden und erfahren damit implizit eine Validierung. In dieser biographischen Konkretisierung der allgemeinen Themen zeigt sich die Interdependenz der methodisch zwangsläufig isolierten Lebensthemen, die gerade in ihrer Komplexität die psychische Belastung für viele betroffene Frauen ausmachen. Auch im individuellen Leben von Nina wird deutlich, dass die Unausgewogenheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer "Secondhand-Beziehung" zur einem Defizit in der Paaridentität führt. Nina kommuniziert immer wieder ihre Rollen- und Handlungsunsicherheiten und beschreibt ihre Partnerschaft und vor allem ihre persönlichen Gefühle so, dass sie dem Muster einer "Secondhand-Beziehung als Fremdbestimmung" zugeordnet werden kann. [95]

5. Resümee zu den methodologischen Perspektiven von CMC als Datenerhebungsinstrument im qualitativen Forschungsprozess

Die abschließende Wertung der Frage nach den Möglichkeiten, neue Wege medial vermittelter Kommunikation in der qualitativen Sozialforschung zu beschreiten, begrenzt sich auf die in dieser Untersuchung gewählte Fragestellung und die darauf zugeschnittene computervermittelte Kommunikation in ausgesuchten asynchronen Kommunikationsräumen. Es sind erste Ergebnisse, die durch weitere Forschung abgesichert werden müssen. Dennoch können die hier gewonnenen inhaltlichen und methodologischen Resultate Hinweise für weitere, ähnlich angelegte Untersuchungen mit CMC geben. [96]

Ausgehend von dem Erkenntnisinteresse an den subjektiven Erfahrungen von Frauen in ihrer Rolle als "Zweitfrau" konnten durch die computervermittelte öffentliche und bilaterale Kommunikation neue Einblicke zu einem Ausschnitt sozialer Wirklichkeit gewonnen werden, der bislang nicht wissenschaftlich dokumentiert war. Etwas "Unbekanntes" konnte im "Alltäglichen" gegenwärtiger Beziehungsrealität entdeckt werden. Die psychologische und soziologische Familienforschung sieht sich neuen Aspekten von familialer und frauenspezifischer Realität gegenüber, die weitere Untersuchungen begründet erscheinen lassen. Von besonderem Interesse kann dabei die offensichtliche Diskrepanz sein, die sich zwischen der stetig steigenden Zahl sukzessiver Lebensbeziehungen, den dieser gelebten Realität widersprechenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der individuellen normativen Orientierung an traditionellen Partnerschaftsmustern und Rollenverteilungen andeutet. Hierzu wäre auch eine Überprüfung der phasentypischen Bedeutung der ermittelten Erfahrungsmuster notwendig. Die Globalität der öffentlichen Forschung im Internet erbrachte durch die aus dem Ausland kommenden Foren- und E-Mail-Beiträge auch den Hinweis, dass es sich bei den oben aufgezeigten Diskrepanzen um ein für Deutschland typisches Phänomen handeln könnte. Entsprechende internationale Vergleiche der gesellschaftlichen Strukturen könnten u.U. notwendigen familienpolitischen Handlungsbedarf in Deutschland aufzeigen. Zukünftige Familienforschung muss nach den hier erhaltenen Einblicken in die Individualebene einer Folgebeziehung ein differenzierteres Bild von Ehe und Familie anstreben. Das schon fast ein Jahrzehnt lang angemahnte "Neudenken der Ehe" kann gesellschaftlich erst dann installiert werden (vgl. FURSTENBERG 1990, S.76f), wenn die Wissenschaft neue Reflexionsfolien bereitstellt, die dann die gegenwärtig zu erkennenden Orientierungs- und Rollendefizite schließen. [97]

Das kommunikative Potential computervermittelter Kommunikation in dem hier erprobten Verfahren zeigt sich in der Komplexität der intersubjektiven Themen, der Differenziertheit der Standpunkte und der Intensität der einzelnen Beiträge. Dadurch wird die von BLUMER als grundlegend erachtete "Inspektion" eines soziales Phänomens möglich, und die konstruktivistische Prägung sozialer Phänomene wird offensichtlich. Der Kontrollverlust des Forschers über die Teilnehmer und die Erhebungssituation durch die Öffentlichkeit und die Selbst-Selektion der Online-Forschung ist demnach in Bezug auf die daraus resultierende Multiperspektivität nicht einseitig negativ zu bewerten, da der subjektbezogenen Offenheit qualitativer Prinzipien dadurch Rechnung getragen wird. Auch die weiteren Paradigmen qualitativer Sozialforschung sind grundsätzlich bei der Nutzung von CMC als Datenerhebungsinstrument umsetzbar. Der Kommunikationsimpuls und das strategische Vorgehen in der Forschungskommunikation können im Rahmen der technischen Möglichkeiten flexibel und gegenstandsbezogen gestaltet werden und damit kann auch der Prozesshaftigkeit und der technischen Offenheit Genüge getan werden. Die Alltagsnähe von CMC kann zwar gegenwärtig noch nicht am Verbreitungsgrad vernetzter Medien festgemacht werden, doch entspricht die computervermittelte Kommunikation in weiten Teilen den Regeln alltagsweltlichen kommunikativen Handelns, wie die generierten Kommunikationsmuster, die Formen der Beziehungsebene und die facettenreiche Thematisierbarkeit eines persönlichen Themas im öffentlichen Raum des Internet zeigen. Ca. 1 ½ Jahre nachdem der Impulstext im Netz veröffentlicht wurde, hat sich die computervermittelte Kommunikation zum Thema "Zweitfrauen" verselbständigt. Es existierten im Dezember 2000 drei von einander unabhängige Foren, in denen Betroffene und Interessierte unabhängig von einem Forschungsinteresse sich austauschen und die Vorteile dieses Medium für ihre Bedürfnisse nutzen. Die Online-Texte können mit Recht als Ausdruck von Rekonstruktionen der Individuen gelten, die auf die Person und deren kommunikative Aktualisierung und Versprachlichung von Erlebtem und Empfundenem verweisen. Gerade durch die Asynchronität und Textualität der hier gewählten Kommunikationswege und die unstandardisierte Reaktionsmöglichkeit kann der für qualitative Sozialforschung wichtigen autonomen Selbstdarstellung der Individuen Rechnung getragen werden. Die Texte weisen auf eine hohe Aktualisierung der Ich-Identität der Teilnehmer/innen hin, die bei der Erhebung von subjektiven Erfahrungen die Aussagekraft der Daten ausmacht. Die theoretisch häufig apostrophierte defizitäre Form der computervermittelten Kommunikation konnte in dieser Untersuchung nicht nachvollzogen werden, da für die Interpretation notwendige psychosoziale Kontextinformationen von den Kommunikationspartnern auf Grund des eigenen Interesses an der Verständlichkeit der Aussagen expliziert wurden. Es lassen sich auch versprachlichte Formen der Beziehungsebene nachweisen. [98]

Die vornehmlich in den stark frequentierten öffentlichen Foren eingefangene Polyphonie der inhaltlichen Ebene lässt den Einsatz einer qualitativen Online-Erhebung zunächst für explorative Phasen eines Forschungsprojektes sinnvoll erscheinen, in denen die wesentlichen Topoi und Perspektiven generiert werden sollen. Darauf aufbauend sind theoretisch konzeptionelle Entscheidungen über den Fortgang der Untersuchung im Sinne der Grounded Theory oder z.B. auch eine gezielte Gestaltung von stärker standardisierten nachfragenden Prozessschritten möglich. Über die selektive Auswahl der Kommunikationsbereiche kann der weite Trichter von Personen- und Meinungspluralismus in den stark frequentierten öffentlichen Foren auf die konkrete Ansprache von Zielgruppen in spezifischeren Kommunikationsbereichen gelenkt werden (Triangulation der Kommunikationsräume). Wie die hier über den Zeitraum von 1 1/2 Jahren verfolgte Einzelfallanalyse zeigt, ist auch diese traditionelle Methode computervermittelt zu gestalten. Grundsätzliche Voraussetzung für intensive und/oder kontinuierliche Kontakte ist allerdings eine Modifikation der Rolle des Forschenden im dem kommunikativen Prozessgeschehen, die bei computervermittelter Kommunikation und der hier verfolgten persönlichen Fragestellung eine offene, dialogisch orientierte Haltung verlangt. Mit einer solchen Haltung kann computervermittelte Kommunikation sowohl als alleiniges Forschungsinstrument zur Datenerhebung als auch als Teilschritt in einer Methodentriangulation eingesetzt werden. [99]

Die Textualität von CMC berührt neue Aspekte in der Gültigkeitsdiskussion qualitativer Forschung. Besonders die Datenerhebung in öffentlichen Kommunikationsräumen gewährleistet ohne weitere technische Maßnahmen eine intersubjektive Prozesstransparenz, die die Nachvollziehbarkeit und auch die Arbeit im Forscherteam über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg wesentlich erleichtert. Zudem liegen die generierten Daten ohne Selektions- und Transformationsverluste in einer kaum zu überbietenden Authentizität vor. Sie sind gleichzeitig speicherbar und es könnten – bei Bedarf – ohne weitere Verarbeitungsschritte elektronische Auswertungsverfahren angeschlossen werden. Durch die Alokalität und Asynchronität von CMC ist bei intensiveren Kontakten ebenfalls eine schnelle und unkomplizierte kommunikative Validierung der Interpretationen möglich, so wie sie in der hier durchgeführten Einzelfallstudie mit Nina durchgeführt wurde. Die Einschätzung der Daten dieser Studie als ökologisch valide, stützt sich im wesentlichen auf die Motivation der Kommunikationspartner. Die starke intrinsische Motivation der Frauen und Männer bei der erforschten Fragestellung unterstützt die Annahme des subjektiven Wahrheitsgehaltes der Aussagen, die hier im sich positiv darstellenden Schutzraum der Anonymität getätigt wurden. Ein zusätzlicher Vorteil gegenüber traditionellen Methoden ist auch in der Kombination von narrativen und diskursiven Kommunikationsmustern zu sehen, die in dem hier erprobten Vorgehen in einem einzigen methodischen Schritt erhoben werden können und die sich inhaltlich gegenseitig ergänzen. Vor allem in den narrativen Mustern lässt sich eine hohe Selbstreflexivität der Frauen und Männer im Sinne einer "Forschung für die Betroffenen" aufzeigen, zu der die Asynchronität, die Anonymität und die Textualität computervermittelter Forschungskommunikation beitragen. [100]

Das in dieser Untersuchung gewonnene Bild von CMC als Forschungsinstrument weist das Medium, wie die voranstehenden Ausführungen zeigen, als eine Bereicherung von qualitativer Sozialforschung aus. Eine vorsichtige Beurteilung der Nützlichkeit dieses Kommunikationsmediums ist dennoch angezeigt, da es sich um die erste Erhebung dieser Art handelt und auch das Medium selbst sich im ständigen Wandel befindet, so dass weiterer methodologischer Forschungsbedarf angezeigt ist. Dieser bezieht sich insbesondere auf die in dieser Arbeit als problematisch empfundenen Aspekte computervermittelter Forschungskontakte. [101]

Online-Forschung, zumal im Zeichen des qualitativen Paradigmas, befindet sich erst in den Anfängen. Das diesem Artikel zu Grunde liegende Forschungsprojekt konnte nur erste methodologische Überlegungen bearbeiten und erste empirische Erfahrungen auf einem eingegrenzten Gebiet der computervermittelten Datenerhebung sammeln. Der Forschungsbedarf auf der theoretischen wie auf der empirischen Ebene ist groß und die mit der Online-Forschung verbundenen Erwartungen sind sehr hoch. So ist dann auch, selbst wenn in der Zukunft Kommunikation im Internet weiter an Alltagsbedeutung gewinnen wird, vor dem zum Teil in der quantitativen Online-Forschung zu entdeckenden Optimismus eher zu warnen. Mit der zunehmenden Verbreitung kann auch der Reiz des neuen Mediums schwinden, von dem vielleicht diese Untersuchung mit der recht hohen Beteiligung noch profitiert hat. Erste rückläufige Beteiligungsquoten in kommerziellen Umfragen zeigen diese Entwicklung bereits an (WERNER 1999, o.Pag.). Alokalität und Asynchronität mögen zwar eine neue Form von Unabhängigkeit im Erhebungsprozess ermöglichen, beinhalten aber gleichzeitig auch die Gefahr, die soziale Welt als allzeit verfügbar anzusehen. Wo sich Diskrepanzen zwischen der sozialen "Realität" und ihrer Darstellung im Internet ergeben, bleibt ebenfalls zu hinterfragen. Auch technische Störungen, Restriktionen im Netzzugang und die Notwendigkeit veränderter technisch-kommunikativer Kompetenzen können noch nicht erkannte Auswirkungen auf den Forschungsprozess und die zu erhebenden Daten haben. All dies sind noch offene Fragen, denen es nachzugehen lohnt. Zudem bedarf es zur weiteren Beurteilung der Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes computervermittelter Kommunikation im Prozess qualitativer Datenerhebung neben der prinzipiell geforderten prozessbezogenen Reflexivität, auch einer intensiveren methodologischen Reflexivität, um das Verhältnis von Alltagskommunikation und Forschungskommunikation immer wieder zu überprüfen. [102]

Letztendlich darf bei aller Offenheit gegenüber dem impliziten Wandlungsparadigma und dem daraus abgeleiteten notwendigen Veränderungspotential qualitativer Methodologie nicht das Primat des Gegenstandes gegenüber der Methode vergessen werden. Weder der Reiz des Neuen noch die erkennbaren Vorteile sollten dazu verleiten, Online-Forschung unkritisch als Selbstzweck zu betreiben. Vielmehr sollte Sie unter Berücksichtigung der spezifischen Eigenschaften von computervermittelter Kommunikation als passendes Puzzleteil in den Gesamtprozess des qualitativen Forschungsvorhabens integriert werden. [103]

Es bleibt abschließend zu resümieren: Computervermittelte Kommunikation als Forschungsinstrument zur Datenerhebung in der qualitativen Sozialforschung ist sicherlich ein faszinierender Gedanke und angesichts der veränderten Alltagskommunikation auch eine zwangsläufige Entwicklung, wenn das Wandlungsparadigma qualitativen Denkens ernst genommen werden soll; sie ist daher sicher auch keine abschreckende Perspektive und steht auch nicht im Widerspruch zum methodologischen Selbstverständnis qualitativer Forschung. Computervermittelte Kommunikation zur Datengewinnung im qualitativen Forschungsprozess ist – wie das Zitat von BLUMER deutlich macht – aber auch nicht mehr als eine weitere "Methode[n] ..., die entworfen wurde[n], um den eigensinnigen Charakter der empirischen Welt zu bestimmen und zu analysieren, und als solche besteht ihr Wert nur in ihrer Eignung, die Erfüllung dieser Aufgabe zu ermöglichen" (BLUMER 1981, S.109). [104]

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Zur Autorin

Dr. Doris FRÜH (Jg. 1958) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hannover und seit einigen Jahren freiberuflich in der Bildungs- und Beratungsarbeit tätig. Nach einem ersten pädagogischem Studium und langjähriger Familienphase hat die Autorin 1997 ein weiteres Studium als Diplom Pädagogin mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung abgeschlossen und 1999 mit dem Thema "Computervermittelte Kommunikation als Instrument qualitativer Datenerhebung. Eine methodologische Studie mit Einblicken in die subjektive Erfahrungswelt familialer Beziehungsstrukturen" promoviert. Detaillierte Informationen zur Empirie und zu den Erkenntnissen über die Alltagstheorien von "Zweitfrauen" können u.a. in dieser Publikation "Die soziale Welt per Internet: Online-Einblicke in die 'Alltagstheorien' von Zweitfrauen'" (http://www.shaker.de/Online-Gesamtkatalog/details.asp?ID=85820&CC=9827&IDSRC=1&ISBN=3-8265-7707-8 nachgelesen werden (Autorenexemplare bei der u.g. Anschrift).

Die Arbeit mit dem Internet und die Kommunikation im Internet sind wissenschaftliche Forschungsbereiche, die sie aus der Perspektive unterschiedlicher Fachdisziplinen untersucht und lehrt. Ein besonderes Anliegen dabei ist es, Frauen mehr an die Nutzung computervernetzter Medien heranzuführen.

Einen zweiten Arbeitsschwerpunkt stellt der familienwissenschaftliche Themenbereich familialer Beziehungsstrukturen dar. Aus psychologischer, soziologischer und pädagogischer Sicht hat sich die Autorin mit Fragestellungen zu Stieffamilien, Folgefamilien, und "Zweitfrauen" beschäftigt. Dieser wissenschaftliche Ansatz findet sich auch in der Beratungs- und Mediationstätigkeit wieder, die Hintergrund des qualitativen Paradigmas subjekt-, bzw. klientenzentriert ausgerichtet ist.



Kontakt:

Dr. Doris Früh

Universität Hannover
Wunstorfer Str. 14
30453 Hannover

E-Mail: frueh@lw.uni-hannover.de

Zitation

Früh, Doris (2000). Online-Forschung im Zeichen des Qualitativen Paradigmas. Methodologische Reflexion und empirische Erfahrungen [104 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung/Forum Qualitative Social Research, 1(3), Art. 35, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0003353.

Revised 7/2008



Copyright (c) 2000 Doris Früh

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