Volume 13, No. 2, Art. 3 – Mai 2012

Tagungsbericht:

Marian Günzel, Benjamin Fehling, Christian Pietzek, Andreas Womelsdorf & Sebastian Völker

Diskurs und Raum. Humangeografische Sommerschule am Institut für Geographie Erlangen-Nürnberg in Erlangen vom 25.-29. Juli 2010, ausgerichtet von den geografischen Instituten Erlangen-Nürnberg, Heidelberg, Frankfurt/M., Münster

Zusammenfassung: Die Sommerschule "Diskurs und Raum" wurde vom Netzwerk "Diskursforschung in der Humangeographie" am Institut für Geographie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg veranstaltet. Sie sollte jungen Wissenschaftler/innen der Geografie und der benachbarten Kultur- und Sozialwissenschaften eine Einführung in die Theorie raumorientierter Diskursforschung und deren empirische Umsetzung geben. Nach einer Klärung zentraler Begriffe wurden den Teilnehmer/innen verschiedene Module zur Theorie und Methodik der Diskursforschung geboten: "Laclau und Mouffe", "Diskursforschung als Gesellschaftsanalyse" und "Gouvernementalität" wurden als Theoriemodule konzipiert; "Lexikometrie", "Argumentations- und Aussagenanalyse", "Performativität" und "Kodierende Verfahren" als Empiriemodule. Im Zentrum der Veranstaltung stand die theoretische und empirische Vermittlung von Stärken der Diskursforschung in der Humangeografie.

Keywords: Diskurs; Diskursforschung; Raum; Humangeografie; Theorie, Methoden, sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung, spatial turn

Inhaltsverzeichnis

1. Die Diskursforschung in der Humangeografie sowie der kultur- und sozialwissenschaftlichen Raumforschung

1.1 Potenzial und Reichweite der Diskursforschung aus dem Blickwinkel der Humangeografie

2. Zentrale Begriffe für eine humangeografische Diskursforschung

2.1 Diskurs- und Hegemonietheorie von Chantal MOUFFE und Ernesto LACLAU

2.2 Macht, Subjekt, Methode – das Konzept der "Gouvernementalität"

2.3 Performativität

2.4 Diskursanalyse als Gesellschaftsanalyse – Ideologiekritik und kritische Diskursanalyse

3. Möglichkeiten der empirischen Umsetzung humangeografischer Diskursforschung

3.1 Argumentations- und Aussagenanalyse

3.2 Kodierende Verfahren in diskursanalytischen Untersuchungen

3.3 Lexikometrie (Korpuslinguistik)

4. Synopsis

5. Fazit zur Sommerschule "Diskurs und Raum"

Anmerkungen

Literatur

Zu den Autoren

Zitation

 

1. Die Diskursforschung in der Humangeografie sowie der kultur- und sozialwissenschaftlichen Raumforschung

"Sokrates zugeeignet, es ist schon so: Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht. Denkt an die Frage jenes Kindes: 'Was tut der Wind, wenn er nicht weht?' " (KÄSTNER 2006, S.183)

"Jedes Fragen ist ein Suchen. Jedes Suchen hat sein vorgängiges Geleit aus dem Gesuchten her." (HEIDEGGER 2006 [1927], S.5)

Fragen stehen am Ausgangspunkt jeder wissenschaftlichen Erkenntnis. Sie sind vielleicht eines der zentralsten Kennzeichen der Wissenschaft selbst. Dabei sind Fragen auf zwei Wegen mit der sogenannten "Realität" verknüpft: KÄSTNERs Worte deuten auf die Wirkmächtigkeit von Fragen bei der Konstruktion von "Realität" hin, ihre realitätsschaffende Funktion. HEIDEGGER hingegen betont die Abhängigkeit von Fragen vom Vorwissen, da die Erfassbarkeit von einer wie auch immer konstruierten "Realität" in ihrer Kommunizierbarkeit liegt, die immer auch an gesellschaftliche Produktionsbedingungen und Bedingungen materiellen Güterverbrauchs (Konsumption) rückgekoppelt ist. Diese doppelte Bezüglichkeit einer Frage zur "Realität" macht sie so machtvoll, weil sie einerseits nicht ohne einen gesellschaftlichen Diskurs denk- und aussprechbar ist, der seinerseits eine selektive Wirkung entfaltet (HALL 1994, S.150). Andererseits ist sie selbst durch ihre realitätsschaffende Wirkung an der Konstruktion von Weltbildern beteiligt. [1]

Durch die Sommerschule "Diskurs und Raum" begegneten sich junge Wissenschaftler/innen mit unterschiedlichsten Ideen, Perspektiven und Fragen. Sie wurde vom Netzwerk "Diskursforschung in der Humangeographie" am Institut für Geographie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg veranstaltet und sollte jungen Wissenschaftler/innen der Geografie und der benachbarten Kultur- und Sozialwissenschaften eine Einführung in die Theorie raumorientierter Diskursforschung und deren methodische Umsetzung geben. Besonderes Interesse galt der Frage nach der Verzahnung von Diskursen, Handlungen und Institutionen: Wie lässt sich das Verhältnis zwischen Diskurs(en), Handlung(en) und Institution(en) denken? Welche Auswirkungen zeichnen sich hinsichtlich spezifischer Regierungstechniken ab? Inwiefern können die gewonnenen Erkenntnisse für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit "Raum" im weitesten Sinne nutzbar gemacht werden? Dieser Bericht soll sich den Fragen anhand der Beschreibung der im Rahmen der Sommerschule angebotenen Theorie- und Empirie-Module nähern. [2]

1.1 Potenzial und Reichweite der Diskursforschung aus dem Blickwinkel der Humangeografie

Der Einstiegsvortrag "Diskursforschung in der Humangeographie" von Georg GLASZE, Annika MATTISSEK und Bernd BELINA stellte drei Themen vor, anhand derer die Diskursforschung im Laufe der Sommerschule exemplarisch fokussiert werden sollte. Dies waren erstens "Weltkarten und Weltbilder", was also die Frage betraf, wie wir uns ein Bild von der "Welt" machen. Begonnen wurde mit der Beleuchtung von Weltkarten und Weltbildern sowie ihren unterschiedlichen Abbildungen. Alle eingenordeten1) und eurozentrierten Karten erschienen europäischen Betrachter/innen, so die Vortragenden, als "normal"; Karten, die keinen dieser beiden Aspekte erfüllten, würden demgegenüber zunächst exotisch anmuten. [3]

Das zweite Thema "Orte und Identitäten" widmete sich der Frage, welche Identitäten mit welchen Orten verknüpft werden und umgekehrt. Als Beispiel dienten die Großwohnsiedlungen der Pariser banlieus. Die Veränderung der medialen Betrachtung in einem Zeitraum von 20 Jahren (1987-2006) zeige, wie die banlieus im Diskurs zusammengesetzt (konstituiert) wurden. So seien diese Orte vor allem in den vergangenen Krisenjahren deutlich häufiger mit den Begriffen "kriminell", "Delinquenz" und "Sicherheit" verknüpft worden als in den Jahren zuvor. Des Weiteren fänden auch vermehrt ethnische und religiöse Zuschreibungen statt. Im dritten Themenfeld "Gesellschaft und Umwelt" wurde z.B. die Frage gestellt, wie der Klimawandel diskursiv verhandelt wird. [4]

Die Konzepte, auf deren Grundlage die o.g. Themen betrachtet wurden, entstanden im Kontext des sog. cultural und linguistic turn der Kultur- und Sozialwissenschaften. Sinnstrukturen und Deutungsmuster werden demnach als diskursiv konstituiert, d.h. als nicht essenziell gegeben, verstanden. Konsequenzen ergaben sich daraus zum Beispiel für feministische und postkoloniale Arbeiten sowie für die Critical Geopolitics. [5]

Die Referent/innen ordneten die Sommerschule angesichts verschiedener Diskurskonzepte der strukturalistischen bzw. post-strukturalistischen Diskursforschung zu und identifizierten hierzu wichtige Repräsentant/innen zugrunde liegender Theoriekonzepte:

  • Archäologie und Genealogie von Diskursen (FOUCAULT)

  • Gouvernementalitätstheorie (FOUCAULT)

  • Diskurs- und Hegemonietheorie (LACLAU & MOUFFE)

  • Kritische Diskurstheorie (LINK, JÄGER, VAN DYK)

  • Performativität (BUTLER) [6]

Allen Theorien sind grundlegende Fragen gemein: Welche Regelhaftigkeiten und Muster kennzeichnen Aussagen und Praktiken? Wie vollzieht sich die Konstitution von Identitäten und Subjektpositionen und wie wird Macht innerhalb eines Diskurses ausgeübt? Für die geografische Diskursforschung betonte GLASZE die Frage nach Räumlichkeit und deren Rolle für die soziale Welt. Was bedeutet etwa das Denken in Territorien? Die Untersuchungsgegenstände seien demnach u.a. Planungsprozesse und Geopolitik, die Konstruktion von Räumen und deren Werte oder die Bedeutung räumlich-materieller Arrangements für die Manifestation bestimmter Diskurse. [7]

Die methodischen Ansätze unterteilte die Leitung der Sommerschule in zwei Kategorien: einerseits die Textanalyse, worunter Lexikometrie, Argumentations-/Aussagenanalyse und kodierende Verfahren subsumiert werden könnten, andererseits die Analyse visueller Materialien und Artefakte, zum Beispiel durch Assemblageansätze. Letztere seien immer mit der problematischen "Bild zu Text"-Übersetzung konfrontiert. Auf diese Aspekte wird in den folgenden Abschnitten näher eingegangen. [8]

2. Zentrale Begriffe für eine humangeografische Diskursforschung

Die zentralen Begriffe der Diskursforschung wurden von Georg GLASZE, Annika MATTISSEK und Bernd BELINA vorgestellt und zielten zur inhaltlichen Vorbereitung auf die komplexe Thematik von Diskurs und Raum. Damit sollte ein fundierter Überblick geboten und die verschiedenen Denkschulen und -richtungen der Diskursforschung sollten, insbesondere vor dem Hintergrund der "Nutzbarmachung" für die Raumwissenschaften, eingeordnet werden. Zunächst erläuterte GLASZE, wie über die Sprache bestimmten Gegenständen Bedeutungen zugewiesen werden, wie diese Bedeutungen relational zueinander in Beziehung stehen (können) und nicht zuletzt, dass Bedeutungen kein unverrückbares Normativ sind, d.h. niemals feststehen. [9]

Anschließend wurde von MATTISSEK ein Überblick zu den Grundlagen Foucaultscher Diskurstheorie präsentiert. FOUCAULT (1973 [1969]) zufolge sind Diskurse die "Gesamtheit von Regeln, die einer Praxis immanent sind" (S.70). Sie sind darüber hinaus charakterisiert durch die Fähigkeit, Beziehungen zwischen "Institutionen, ökonomischen und gesellschaftlichen Prozessen, Verhaltensformen, Normsystemen, Techniken, Klassifikationstypen und Charakterisierungsweisen herzustellen" (S.68). Ergänzt wurde das Referat durch Ausführungen zur Archäologie und Genealogie diskursiver Formationen. Beide sind wichtige Bestandteile der wechselvollen Geschichte diskurstheoretischer Überlegungen FOUCAULTs. [10]

BELINA erläuterte abschließend Begriffe marxistischer Tradition. Dazu zählen spezifische Auffassungen von "Sein und Bewusstsein", "Praxis", "Wahrheit", "Ideologie", "Fetisch", "Hegemonie" sowie von "Anrufung" und deren Bedeutung für die kritische Diskursforschung. Der Schwerpunkt lag dabei auf Definitionsfragen hinsichtlich der vielfältigen Begrifflichkeiten sowie deren Bedeutung und Einordnung innerhalb der Diskursforschung unter dem Blickwinkel marxistischer Denktraditionen. [11]

Die wesentlichsten Theorie- und Denkansätze der Diskursforschung, die Eingang in die Sommerschule fanden, wurden in den folgenden Modulen weiter expliziert. Sie zeichnen sich durch eine besondere Anschlussfähigkeit an die sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung aus. [12]

2.1 Diskurs- und Hegemonietheorie von Chantal MOUFFE und Ernesto LACLAU

In dem Modul unter der Leitung von Iris DZUDZEK, Georg GLASZE und Annika MATTISSEK setzten sich Referent/innen und Teilnehmer/innen gemeinsam mit der Rolle von Hegemonie in einer als diskursiv hergestellt gedachten Gesellschaft auseinander. Dafür wurden der Hegemonie- und der Diskursbegriff von Ernesto LACLAU und Chantal MOUFFE als Grundlage herangezogen. Deren Ansatz wurde auf das von beiden gemeinsam verfasste Buch "Hegemony and Socialist Strategy. Towards a Radical Democratic Politics" (LACLAU & MOUFFE 2006 [1985]) zurückgeführt, in dem sie aus einer Althusserschen2) Denkrichtung argumentieren. Der Ansatz wende sich gegen den marxistisch-ökonomistischen Determinismus, wonach sich die kapitalistische Produktionsweise aufgrund innerer Widersprüche und fortschreitender Proletarisierung der Massen einerseits selbst zerstöre, anderseits die daraus hervorgehende (internationale) Arbeiterklasse die Trägerin der gesellschaftlichen Neuerungen sein müsse3). [13]

DZUDZEK betonte, dass für das Verständnis des Konzepts der diskursiv hergestellten Gesellschaft (samt ihrer Akteur/innen) die Begriffe "Äquivalenz" und "Differenz" von zentraler Bedeutung seien, da Identitäten und Interessen der Gesellschaft nicht aufgrund der jeweiligen ökonomischen Position festgelegt seien. Entsprechend des Anspruchs, eine poststrukturalistische Gesellschaftstheorie zu entwerfen, die frei von Essenzialisierungen ist, gehen MOUFFE und LACLAU zunächst davon aus, dass die Bedeutung eines Elements bzw. eines Akteurs/einer Akteurin immer relational konstituiert werde: nur durch die Differenz zu allen anderen Elementen/Akteur/innen trete sie hervor. Bedeutung bzw. Identität werde, so der von DZUDZEK nachgezeichnete Schluss, durch die Logik der "Differenz" hergestellt. In diesem Netz der Relationen seien alle Elemente/Akteur/innen wechselseitig aufeinander angewiesen. Darüber hinaus verwies DZUDZEK auf NONHOFF (2007, S.8ff.), der die zentrale Stellung der anhaltenden Veränderbarkeit (Kontingenz) des Sozialen, der Instabilität der Relationen und damit der Bedeutungen im Konzept von MOUFFE und LACLAU herausstellt. Diskurs bzw. Gesellschaft sei demnach der Versuch, ein Bedeutungs-/Identitätsnetz zu stabilisieren. Die Stabilisierung eines Diskurses bzw. einer Gesellschaft folge in der Konzeption MOUFFEs und LACLAUs der Logik der "Äquivalenz": Mehrere differente Elemente würden zu einer Äquivalenz-Kette verknüpft und von einem radikal "anderen" Außen abgegrenzt. [14]

Als konkretes Beispiel zur Verdeutlichung der Relevanz Laclauscher und Mouffescher Theorie für humangeografische Forschung dienten DZUDZEK, GLASZE und MATTISSEK je eine Rede von Nelson MANDELA (anlässlich seiner Einsetzung als Präsident der Republik Südafrika im Jahr 1994) und Thabo MBEKI (anlässlich der Unterzeichnung der südafrikanischen Verfassung im Jahre 1996). Die zu untersuchende Frage lautete, inwiefern in diesen Reden auf unterschiedliche Art eine kollektive, raumwirksame Identität durch ein negatorisches, konstitutives Außen hergestellt wird. Die Texte repräsentierten somit den Diskurs über das "Wir" zum jeweiligen Zeitpunkt. Leere Bezeichner (Signifikanten), die viele differente Elemente unter sich vereinen und so einen Diskurs zeitweise fixieren, wechseln gemäß den oben dargestellten Überlegungen. Anhand der beiden Texte sollten die Teilnehmenden die Verschiebungen des Diskurses über das "Wir" mithilfe genauen Lesens erschließen und die Logik des Diskurses nachvollziehen. [15]

2.2 Macht, Subjekt, Methode – das Konzept der "Gouvernementalität"

Das Modul "Gouvernementalität", von Nadine MARQUARDT und Henning FÜLLER gestaltet und begleitet, fokussierte auf die Begriffe "Macht", "Subjekt" und "Methode" im Konzept der Gouvernementalität. SCHNELL, HILL und ESSER (2008, S.6) machen die Methode zum Kennzeichen der Wissenschaft, weil "[sie] sich nicht über Inhalte definieren [lasse], sondern nur über die Vorgehensweise. Von der Vorgehensweise hängt die Gültigkeit der Schlussfolgerungen ab". Dem methodischen Vorgehen wird damit eine Schlüsselposition zugewiesen, die es Wissenschaftler/innen nicht einfach gestatte, von etablierten Verfahrensweisen abzuweichen und dabei weiterhin als "Betreibende von Wissenschaft" anerkannt zu bleiben. Nach MARQUARDT und FÜLLER blieben in FOUCAULTs Untersuchungen weder Objekt noch Methode unbekannt, denn das Objekt stehe in einem umfangreichen Werkskontext, und die Methode komme nicht ohne eine Sichtung, Selektion und damit Beurteilung von Quellen aus. FOUCAULTs Studien seien vor allem deshalb so fruchtbar, weil die grundlegende Frage der erwarteten Erkenntnis nicht der Untersuchung vorweg genommen werde. Dadurch sei es FOUCAULT möglich gewesen, ergebnisoffen zu arbeiten und die Forschungsfragen im Untersuchungsprozess zu entwickeln, anzupassen und zu reformulieren. [16]

FOUCAULT (2006 [2004]) identifiziert vier Grundpfeiler der Gouvernementalität. Dies ist 1. die Gesamtheit von Institutionen, Taktiken und Rahmenbedingungen, die diese spezielle Form der Machtausübung ermöglichen, die 2. auf eine durch diese Bedingungen konstruierte Bevölkerung gerichtet ist, sich 3. auf die politische Ökonomie als zentralste Wissensform stützt und dabei 4. durch die Instrumente der Sicherheitsdispositive ausgeübt werden kann. MARQUARDT und FÜLLER betonten, dass diese Elemente nicht voneinander getrennt betrachtet werden dürfen, um das konkrete empirische Material entsprechend ausloten zu können. [17]

MARQUARDT und FÜLLER sahen die größte Stärke des Gouvernementalitäts-Konzeptes in der Möglichkeit einer detaillierten Untersuchung der Verzahnung von Subjektivierungs- und Führungs- bzw. Regierungsweisen. Es stehe dadurch an der Schnittstelle der drei Achsen, die FOUCAULT in seiner Vorlesungsreihe "Die Regierung des selbst und der anderen" (2009) rückblickend aufzeigt, nämlich der Verzahnung von Wissen, Verhaltensnormierungen und Selbsttechniken, die bewusstes, normiertes soziales Handeln (re-)produzieren. Dem Begriff der "Führung" komme für das Gouvernementalitäts-Konzept eine zentrale Bedeutung zu, wobei zwei analytisch scharf voneinander zu trennende Ebenen anzusprechen seien: zum einen die Fremdführung anderer durch Zwänge oder Privilegien, zum zweiten die Ebene der Selbstführung, auf der "sich Individuen – ohne dazu gezwungen zu werden – durch verinnerlichte Normen oder Wertvorstellungen häufig widerstandslos in das Gefüge der Kräfteverhältnisse einpassen" (FÜLLER & MARQUARDT 2009, S.89). Diese beiden analytisch voneinander zu trennenden Ebenen bilden nach FÜLLER und MARQUARDT auch einen der Grundpfeiler des Foucaultschen Machtkonzeptes, das sich deutlich von einer lediglich als repressiv und negativ verstandenen Macht absetzen wolle und stattdessen den produktiven, teils ermöglichenden Charakter von Macht in den Vordergrund rücke (FOUCAULT 2008a [1976], 2008b [2005]). Besonders dieser Aspekt wurde im Laufe des Moduls als geeignetes Werkzeug bei der Analyse gesellschaftlicher Strukturen ausgemacht. [18]

Wie im Laufe des Moduls erarbeitet wurde, lässt sich das Gouvernementalitäts-Konzept in mehrere Analyse- und Bedeutungsebenen unterscheiden. Zum einen bezeichne es eine historisch-empirische Analyseebene, zum anderen lasse sich das Konzept als Klassifikationssystem verstehen. Zudem zeigten MARQUARDT und FÜLLER auf einer dritten Ebene den analytisch-konzeptionellen Gehalt des Gouvernementalitäts-Konzeptes. Dabei stellten sie den Begriff der "Regierung" heraus, der Grundlage für eine ganze Reihe vertiefender, differenzierender Ankerpunkte FOUCAULTs sei. Dabei habe FOUCAULT bewusst einen sehr weit gefassten Regierungsbegriff angenommen, der den engen Rahmen einer institutionellen Analyse verlasse, die die Regierung lediglich in den Verfassungsorganen eines Staates wie Parlament und Regierung erkennt. [19]

2.3 Performativität

Das Modul "Performativität", das Anke STRÜVER vorstellte und begleitete, beschäftigte sich mit den Fragen: Wie wird Identität zu- und eingeschrieben? Wie lässt sich Gesellschaft mithilfe sprachlicher Modelle erklären? Wie organisiert sich gesellschaftliches Handeln in Bezug auf die daran beteiligten Identitäten? [20]

Grundlegend für das Verständnis der in Anschluss an Judith BUTLER formulierten Performativitätstheorie sei das an FOUCAULT angelehnte Verständnis von "Subjekt" und "Subjektivität"4) (BUTLER 2009, S.16; STRÜVER & WUCHERPFENNIG 2009, S.112). An zentraler Stelle stehe dabei die Erkenntnis, dass "Subjekte" nicht ihrer "Produktion" durch die Rahmen bestimmter Machttechnologien vorgängig sein können. Im Gegenteil werde ein Individuum erst durch die Anrufung mittels subtiler sozialer Technologien zu einem benannten, verzeichneten, klassifizierten, identifizierten Subjekt. [21]

Damit stelle sich nicht mehr die ontologische Frage nach dem Wesen des Subjekts, sondern die konstruktivistische Frage nach Produktion und Konsumption von Subjekten und Subjektivitäten. Subjekte sind aus Sicht FOUCAULTs und BUTLERs nicht passive "Produkte", sondern zugleich aktive "Produzent/innen" eigener und fremder Subjektivitäten. Im Verlauf der Sommerschule wurde in Anlehnung an KRÄMER und STAHLHUT (2001) von einer "Konstitution des Selbst" gesprochen, für das sowohl "Einprägung" als auch "Aneignung" charakteristisch seien. [22]

Bei der Klärung der Frage nach den Herstellungs- und Aneignungsweisen von Subjektivität(en) stellt sich, wie STRÜVER betonte, in besonderem Maße die Frage nach der Wirkmächtigkeit von Sprache als herausragendem Medium von Kommunikation und Sinnstiftung. John L. AUSTINs Theorie zeige, dass mithilfe sprachlicher Formeln soziale Realitäten unmittelbar geschaffen werden können (bspw. wenn ein Priester in der Kirche die Worte: "Ich erkläre Sie hiermit zu Mann und Frau" sagt, siehe STRÜVER & WUCHERPFENNIG 2009, S.108f.). Solche Äußerungen würden als "performative Äußerungen" bezeichnet (S.109), und STRÜVER hob hervor, dass die Vorstellung einer konkret realitätsschaffenden Sprachlichkeit stark anschlussfähig an die von FOUCAULT beleuchteten Subjektivierungsprozesse und Anrufungspraktiken sei. [23]

Sie stellte im weiteren Verlauf des Moduls dar, dass insbesondere Judith BUTLER darauf hingewiesen habe, dass eine strikte Trennung sprachlicher und materieller Ebenen bei der Untersuchung sozialer Sinnsysteme als hinderlich zu begreifen sei. So solle auch "Körperlichkeit" nicht dem "Sprechen-über-Körperlichkeit" vorgängig, sondern gerade dadurch konstituiert sein. Die Wirkmächtigkeit von Sprechakten reiche aber, so BUTLER, über die bloße Schaffung sozialer Tatsachen hinaus. Sie hätten konkrete Auswirkungen auf die Konstitution menschlicher Körper, auf die Herstellung und Selbstaneignung von Körperlichkeit(en). Damit stellt BUTLER, so STRÜVER, provokant die Frage, ob sich eine biologische Prädisposition von Körpern aufrechterhalten lasse oder ob stattdessen schon durch den bloßen Fakt der Versprachlichung biologischen Wissens bestimmte Körper produziert und andere ausgeklammert würden. Mithilfe dieses Konzepts ließen sich die internen Logiken, Kräfte- und Machtverhältnisse innerhalb der Diskurse untersuchen, die ganz bestimmte Subjektverhältnisse produzieren. Diese basalen theoretischen Bausteine implizieren STRÜVER folgend eine Verschiebung von Frage- und Erkenntnisinteressen. [24]

STRÜVER zeigte im weiteren Verlauf auf, inwiefern "Performativität" für die Geografie fruchtbar gemacht werden könnte. Der Körper ist hiernach ein Ort, an dem sich gesellschaftliche Strukturen niederschlagen und sich eben im wörtlichen Sinne verräumlichen. Dabei werde ein physisch-materieller Raum gerade nicht als ontologischer Ausgangspunkt verstanden, sondern ganz im sozialkonstruktivistischen Sinne als (Re-) Produkt bestimmter Diskurse, was auch verdeutliche, dass es in diesem Kontext als äußerst wichtig und notwendig angesehen werde, die permanente, prozessuale Materialisierung von Räumlichkeit(en) zu untersuchen. STRÜVER erläuterte, dass durch die genannten Verschiebungen Praktiken und Diskurse in den Blick genommen werden können, die unter Zuhilfenahme bestimmter räumlicher Konfigurationen ganz bestimmte Subjektverhältnisse (re-) produzieren, stabilisieren und damit konstituieren. Dabei könne es überdies gelingen, auch diese bestimmten räumlichen Konfigurationen in ihrer Konstruiertheit auf den Aspekt der Performativität hin zu untersuchen und damit vor allen Dingen die Prozesshaftigkeit sozialer Konstruktionen und ihre machttechnologische Komponente, die exkludierende Wirkung, stärker in den Fokus zu rücken. Raumaneignungsprozesse seien immer auch Einverleibungsprozesse sozialer Strukturen, die ebenjene Raumaneignungsprozesse nicht nur ermöglichen, sondern zugleich in ihrer Kontingenz begrenzen. Individuen werde in einer performativ geleiteten Analyse eingeräumt, als Scharnier zwischen gesellschaftlichen Makrostrukturen einerseits und den (gesellschaftlich auferlegten) Selbstführungstechniken andererseits zu vermitteln. Insbesondere Untersuchungen räumlicher Praktiken, die auch die Konstruiertheit und Konstitution des Raumes nicht aus dem Blick verlieren, seien in der Lage, diese komplexen Stabilisierungsprozesse von individualisierten Subjektivitäten zu erfassen. So könne das Konzept die Verbindung zwischen Makro- und Mikrostrukturen aufzeigen und ein besseres kritisches Verständnis der u.a. räumlichen Verfasstheit von Gesellschaften generieren, wie STRÜVER deutlich machte. [25]

2.4 Diskursanalyse als Gesellschaftsanalyse – Ideologiekritik und kritische Diskursanalyse

Das Modul "Diskursanalyse als Gesellschaftsanalyse" unter der Leitung von Bernd BELINA, Boris MICHEL und Sebastian SCHIPPER setzte sich dezidiert mit der Möglichkeit der Analyse und Kritik von Gesellschaft auseinander, wenn jene als diskursiv hergestellt aufgefasst wird. Zur Diskussion stand also eine Diskursforschung, deren Erkenntnisgegenstand die Gesellschaft ist, die primär Aussagen über gesellschaftliche Verhältnisse treffen will bzw. die Gesellschaft nicht auf Diskurs reduziert. Diskurse würden darin konsequenterweise als sprachlicher Ausdruck sozialer Kräfteverhältnisse gelesen. Sie zu analysieren, lasse Rückschlüsse auf soziale Praktiken (gesellschaftlich wirksames Handeln) und Machtverhältnisse zu, die von den jeweiligen Diskursen gestützt würden. Dieses "Diskurs"-Verständnis stellte BELINA in die Tradition der (Ideologie-) kritischen Theorie, deren Ziel es war, die Gesellschaft, die "sich als verselbstständigte Objektivität gegen die Individuen richte" (DEMIROVIC 2007, S.55), über sich selbst aufzuklären. [26]

Die Handhabbarkeit eines zu breit gefassten Diskursbegriffs wird laut BELINA et al. in der kritischen Diskursanalyse hinterfragt: Wenn Diskurs als Produzent gesellschaftlicher Veränderungen mittels diskursiv hergestellter sozialer Akteur/innen verstanden werde, zu dem es kein Außen geben soll, werde der Begriff unscharf, wenn nicht überflüssig. Gesellschaftsanalyse und -kritik erfordere, "Dislokationen" eines Diskurses, also einschneidende Veränderungen einer "diskursiven Formation"5), auf nicht-diskursive, gesellschaftlich-reale Elemente beziehen zu können, um die Bedeutsamkeit von Diskursen zu beurteilen. Diese Sicht greift die Vorstellung LACLAUs und MOUFFEs von gesellschaftlichen Entwicklungen und Auseinandersetzungen auf. Gleichzeitig stelle der Ansatz der "kritischen" Diskursanalyse aber den Versuch dar, an der marxistisch-materialistischen Tradition festzuhalten und gesellschaftliche "Epi"-Phänomene aus der sinnlich-praktischen Auseinandersetzung des Menschen mit der Wirklichkeit und den daraus erwachsenden gesellschaftlichen Verhältnissen zu erklären. [27]

Anhand eines Lesetextes (FAIRCLOUGH 2005) und einer Sammlung von Aussagen, die Oberbürgermeister/innen der Stadt Frankfurt am Main zum Verhältnis ihrer Stadt zu Einwander/innen getroffen haben, wurde in diesem Modul der Aspekt der "Dislokation" in einem diskursiven Feld und ihre Wechselwirkung mit sozial wirksamen Ereignissen vertieft. [28]

FAIRCLOUGHs Arbeiten lassen sich, so BELINA et al., der strukturalistischen Diskursforschung zurechnen. Herausgestellt wurde, dass das Bedeutungssystem sozialer Phänomene zu einem gegebenen Zeitpunkt fixiert scheine und auf außerdiskursive Phänomene der realen Sozialstrukturen und sozialen Ereignisse bezogen gedacht werde, wobei das Verhältnis ein dialektisches und somit in der Entwicklung befindliches sei. Soziale Praktiken seien in diesem Ansatz eine Verbindung sozialer Elemente, zu der neben Subjekten u.a. auch semiotische Elemente gehörten. Letzteres stelle FAIRCLOUGH dem Diskurs gegenüber, der nur den Repräsentationsaspekt der semiotischen Elemente darstelle. Auch in sozialer Handlung fänden sich semiotische Elemente. [29]

Unter diesem Blickwinkel wurden die kurzen, fragmentarischen Aussagen der Oberbürgermeister/innen vereinfacht als ein Diskurs (Repräsentation von Bewohner/innen Frankfurts) aufgefasst, und es wurde nach Brüchen des Sprechens über das Verhältnis zwischen Stadt und Bewohner/innen gesucht. Im Sinne des dialektischen Verhältnisses zwischen Diskursivem und Gesellschaftlich-Realem wurde gefragt, ob sich Forschung mit der Beschreibung der Brüche zufriedengeben darf, oder ob sie sie zu den historisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Beziehung setzen muss. So konnten z.B. die ausgemachten Brüche der Rede über anfangs "Fremde" und "Ausländer/innen" und dann "Mitbürger/innen", die zunächst als Unterstützung, später als "Bedrohung der Ordnung" und schließlich als "Standortvorteil" benannt wurden, anhand einer Grafik der Arbeitslosenzahlen als Indiz für soziale Ereignisse und soziale Veränderungen mit Entwicklungen im Bereich des Ökonomischen erklärt werden. In diesem Zusammenhang wurde ebenfalls deutlich, dass sich mit dem Ende des Fordismus und den steigenden Arbeitslosenzahlen Mitte der 1970er Jahre Aussagen über Ausländer/innen als "Bedrohung der Ordnung" häufen. [30]

3. Möglichkeiten der empirischen Umsetzung humangeografischer Diskursforschung

Die Auseinandersetzung um "den richtigen Weg" bei der empirischen Umsetzung der Diskursforschung, mithin der Diskursanalyse, verläuft seit mehreren Jahrzehnten auffallend parallel entlang der Trennlinien zwischen den qualitativen und den quantitativen Methoden der empirischen Sozialforschung (KELLER 2007). Eine solch strikte Abgrenzung erweist sich allerdings als kaum haltbar, vielmehr wird verstärkt die Forderung nach einer gegenseitigen Ergänzung (FLICK 2011) erhoben. Aus diesem Grund finden sich im folgenden Abschnitt einführende Erklärungen zu Ansätzen beider Denkrichtungen der empirischen Forschung. Michel FOUCAULT, Ernesto LACLAU oder Chantal MOUFFE haben hierzu keine detaillierten Vorgehensweisen artikuliert. Daher mussten neue Verfahren zur Operationalisierung entwickelt oder bestehende Verfahren angepasst werden. [31]

3.1 Argumentations- und Aussagenanalyse

Annika MATTISSEK stellte in ihrem Empirie-Modul die beiden qualitativen Methoden der Argumentations- und Aussagenanalyse vor. Grundsätzlich voneinander unabhängig, würden sie doch Gemeinsamkeiten aufweisen, da sie methodisch in eine ähnliche Richtung zielten. Somit ergänzen sie sich nach MATTISSEK und sind kombinierbar. MATTISSEK stellte die Verfahren eingangs dar, um daran anschließend auf die einzelnen Analyseschritte, zuerst der Argumentationsanalyse und folgend der Aussagenanalyse, einzugehen. Zum Abschluss wurden beide Methoden praktisch angewandt. [32]

Das grundlegende Ziel der Argumentations- und Aussagenanalyse sei, so MATTISSEK, das "Große" im "Kleinen" zu erkennen. Das bedeute, dass die Mikroanalyse einzelner Textpassagen (also das "Kleine") die gesellschaftlichen Bedeutungen und Sinnproduktionen (mithin das "Große") herausstellen solle. Das Vorgehen orientiere sich hierbei an der poststrukturalistischen Feststellung, dass Sprache Sinn konstituiere, sodass die Analyse die Verbindung von Text und Kontext in der Äußerung herauszuarbeiten versuche. Entsprechend liege der Fokus der vorgestellten Methoden auf den sprachlichen Regeln, welche auf gesellschaftliche Momente und Kontexte verweisen. Das Hauptaugenmerk richte sich demnach auf sprachliche Marker und "Äußerungsspuren", wobei die beiden Methoden unterschiedliche Wege einschlagen. [33]

Die Argumentationsanalyse, die auf der Schule des Sprachpragmatismus aufbaut, ziele auf die Effekte der Argumente. Es gehe dabei nicht um eine Bewertung der Sprachlogik, sondern um die entsprechend gewollte Wirkung der Argumentation. Diese Methode ziele darauf ab, die Art des Behauptens und Begründens zu verstehen und die impliziten Annahmen zu rekonstruieren. Das grundlegende Konzept, das hierbei verfolgt werde, ist das TOULMIN-Schema, das implizite Schlussregeln beim Verfassen eines argumentativen Textes durch explizit genannte Argumente und Konklusionen zu erarbeiten hilft (TOULMIN 1996). [34]

Die Aussagenanalyse habe dagegen den Anspruch "Vieldeutigkeit, Kontextbezug und Heterogenität der Sinnproduktion" (MATTISSEK 2009, S.279) zu erfassen. Hierzu bedürfe es 1. der Prämissen der Materialität der Form, d.h. dass nur Wörter untersucht würden, die im allgemeinen Sprachgebrauch einer Gesellschaft auftreten; 2. der Überdeterminierung der Sinnproduktion, d.h. dass Aussagen unterschiedlich interpretiert werden können sowie 3. der Regelhaftigkeit der Bedeutungskonstitution, d.h. dass die Bedeutung einer Aussage bestimmten sprachlichen Regeln unterworfen ist. Anhand dieser Voraussetzungen werde bei der Aussagenanalyse nach bestimmten Prozeduren verfahren, wobei hier kein schematisierbarer Vorgang gemeint sei, sondern anhand von drei Dimensionen der sprachlichen Analysemethode (Deiktika, Vorkonstrukte und Polyphonie) das oben formulierte Ziel erreicht werden solle: "Gemeinsam sind diese Aspekte in der Lage, auf der Mikroebene einzelner Aussagen das Zusammenwirken größerer diskursiver Zusammenhänge zu verdeutlichen" (S.282): [35]

Deiktika verweisen auf den Äußerungskontext einer Aussage (wer, wo, wann). Sie ließen sich in verschiedene Typen unterteilen, zum Beispiel personale Pronomen wie "ich", "du", "uns"; zeitliche Einordnungen wie "gestern", "letztes Jahr" und räumliche Verortungen wie "hier", "dort", "nah", "fern". Besonders wichtig für die Konstruktion räumlicher Identitäten seien Verknüpfungen von Personalpronomina mit räumlichen Deiktika wie etwa "wir hier" oder "ihr dort". [36]

Vorkonstrukte trügen dem Umstand Rechnung, dass Aussagen nicht im luftleeren Raum stehen. Sie würden auf "implizites Hintergrundwissen" von Aussagen hinweisen: Wissen, das als bekannt vorausgesetzt werden könne. In einem Text ließen sich Vorkonstrukte unter anderem über Nominalisierungen oder über nicht-notwendige Relativsätze identifizieren. [37]

Die Vielstimmigkeit (Polyphonie) der Aussagen ließe sich über Konnektoren, Verbindungswörter wie "aber", "nicht", "sondern", "obwohl" usw. und auch über Verneinungen in Adjektiven und Verben wie "unvermeidlich", "zweifellos", "entgegentreten" usw. aufzeigen. Die Analyse der Polyphonie geht auf Oswald DUCROT zurück, welcher die Vorstellung vom Lokutor (als für die Aussage verantwortlicher Instanz) und von Enunziatoren (die einzelnen Positionierungen der Sprecher/innen) als zweier diskursiver Kernelemente entwickelte. Hiernach halte der Lokutor die Enunziatoren auf unterschiedliche Distanz, je nachdem wie fern die Position der Aussage stehe. Beide, Lokutor und Enunziatoren, seien nicht an wirkliche Personen gebunden, sondern es handele sich vielmehr um diskursive Weisen, die sich mehr oder minder stützen oder widersprechen. Darüber werde deutlich gemacht, dass die Bedeutungen von Aussagen nicht auf einen Ursprung zurückgeführt werden könnten, sondern immer auf mehrere Stimmen im Diskurs verteilt seien. [38]

Der theoretischen Einleitung MATTISSEKs folgte die praktische Umsetzung anhand eines zweiseitigen Auszugs aus dem Buch "Klimakriege" von Harald WELZER (2007). Anhand eines Zitates sollen die Ergebnisse des Moduls an dieser Stelle exemplarisch darstellt werden:

"Aber nicht nur, weil die Klimawirkungen der emittierten Schadstoffe ab einem Schwellenwert der Erwärmung um etwa zwei Grad nicht mehr kontrollierbar sein werden, kommt das westliche Modell an seine Grenze, sondern auch, weil eine globalisierte Wirtschaftsform, die auf Wachstum und Ausbeutung von Naturressourcen setzt, als weltweites Prinzip nicht funktionieren kann" (S.13; Hervorhebungen durch uns). [39]

Die Argumentationsanalyse dazu liest sich wie folgt:

  • festgelegter Schwellenwert von zwei Grad

  • Schadstoffausstoß führt zu Klimaerwärmung

  • Klimaerwärmung ist schlecht

  • Naturdeterminismus

  • Veränderung des Klimas hat Auswirkungen auf die Ökonomie

  • Unkontrollierbarkeit als Problem [40]

Die Aussagenanalyse:

  • Vorkonstrukte (unterstrichen)

  • polyphone (kursiv) [41]

Dieses Beispiel illustriert einerseits, worauf die Argumentationslinien WELZERs aufbauen, andererseits welcher Konstrukte und welcher diskursiven Stimmen er sich bedient. In Kombination lässt sich folglich ein Text in einem Diskurs verorten. Die eigentliche Forschungsleistung, aber auch das -problem, wie die Teilnehmer/innen feststellten, liegt in der Interpretation der formal-analytischen Ergebnisse. Idealtypisch liegen nach dem ersten Analyseschritt mehrere Interpretationsmöglichkeiten vor. [42]

3.2 Kodierende Verfahren in diskursanalytischen Untersuchungen

Paul REUBER, Jörg MOSE und Shadia HUSSEINI DE ARAÚJO stellten kodierende Verfahren vor. In der Diskursforschung werde diesen im Spektrum der Analysesysteme ein gewichtiger Platz eingeräumt. Dabei werde Diskurs als konstituiertes, komplexes Bedeutungssystem verstanden, das einem Wandel auf sprachlicher und nicht-sprachlicher Ebene unterworfen sei. Ziel von kodierenden Verfahren sei es, auf einer Ebene oberhalb von Buchstaben, Wörtern und Sätzen implizite, semantische Regelmäßigkeiten eines Diskurses zu rekonstruieren. Dadurch würden die Regeln der Konstitution von Bedeutungen identifiziert und damit die Herstellung sozialer Realität festgelegt (GLASZE, GERMES & WEBER 2009). [43]

Mittels kodierender Verfahren würden in der Diskursanalyse, so REUBER et al., Textelemente und Aussagen bzw. Artikulationen zwischen diesen untersucht. Zur synergetischen Triangulation könnten mittels vorhergehender lexikometrischer Verfahren ohne umfangreiche Kenntnisse der inhaltlichen Einordnung eines Textes gemeinsam auftretende Begriffe (Kollokationen) errechnet werden. In der Folge ermöglichten kodierende Verfahren die Analyse von Qualitäten der lexikometrisch ermittelten Verbindungen der Begriffe. [44]

REUBER et al. beschreiben die Ablaufschritte folgendermaßen: Analytisch würden zunächst relevante Textstellen markiert und Codes zugeordnet, aus denen Gruppen ähnlicher Aussagen gebildet werden. Dabei könnten zwei unterschiedliche Vorgehensweisen genutzt werden. Mittels induktiven Vorgehens (verstanden als ein stark exploratives Verfahren) werde der Text ohne vorherige Annahmen und Festlegungen untersucht. Bei dem deduktiven Ansatz hingegen würden vorab Codes festgelegt, die es anschließend im Text entsprechenden inhaltlichen Sequenzen zuzuordnen gelte. Kodiert werden könnten lexikalische Elemente (Wörter/Wortfolgen) und semantische Konzepte (symbolischer Zusammenhang von Elementen eines Konzeptes) als Basiseinheit des Diskurses. Das eigentliche Ziel kodierender Verfahren sei jedoch, semantische Verknüpfungen innerhalb eines Diskurses zu identifizieren. Über diese Verknüpfungen ("Artikulation", s. Abschnitt 3.1) würden Elemente miteinander in Beziehung gesetzt und dadurch Bezüge hergestellt, die Opposition, Kausalität oder Temporalität ausdrücken. [45]

Exemplarisch wurde das Konzept der "semantischen Strickleiter" erläutert. Grundlegend ist bei diesem Konzept der semantisch-strukturelle Ansatz der Isotopie nach GREIMAS (1971). Dabei werden über lexikalische Elemente semantische Verknüpfungen entschlüsselt. Diese werden in "Isotopieketten" dargestellt mit dem Ziel, Äquivalenzen und deren semantisch-relationale Verknüpfung aufzudecken (GANSEL & JÜRGENS 2002). Die "semantische Strickleiter" ermögliche als Weiterentwicklung, das Verhältnis von Äquivalenzen und Differenzen darzustellen. Das Konzept könne vor allem bei argumentativen Texten angewendet werden. [46]

Exemplarisch wurden Isotopieketten am Beispiel der Rede von BALFOUR (1913 zitiert nach SAID 1981 [1978], S.40f.; Hervorhebungen durch REUBER et al.) aufgezeigt:

"Schauen wir uns zunächst die Fakten dieses Falles an. Westliche Nationen zeigen, sobald sie sich in die Geschichte geben, jene Fähigkeiten, sich selbst zu regieren […] haben eigene Verdienste […]. Man kann die Geschichte der Orientalen im, wie es im allgemeinen genannt wird, Osten nehmen, und man wird niemals Spuren dieser Selbstverwaltung finden. […] Ist es eine gute Sache für diese großen Nationen […], daß diese Regierung von uns ausgeübt wird? Ich denke, es ist eine gute Sache. Ich denke, daß die Erfahrung zeigt, daß sie dabei eine viel bessere Regierung bekommen haben als jede, die sie im Verlauf der Weltgeschichte hatten, und dies ist nicht nur ein Vorteil für sie, sondern zweifellos auch einer für den ganzen zivilisierten Westen." [47]

Kodierte Textstellen wurden in der Folge zu einer "semantischen Strickleiter" (HÖHNE 2003 zitiert nach GLASZE et al. 2009) zusammengestellt, indem zwei gegensätzliche Positionen gegenübergestellt wurden. Dabei repräsentieren die unterstrichenen Elemente "westliche Nationen", die kursiven Elemente "Orientalen" und bilden jeweils eine Isotopiekette: "westliche Nationen" gegenüber "Orientalen", "gute Sache" gegenüber implizit "keine gute Sache", "uns" gegenüber "sie". Anschließend wurde das TOULMIN-Schema angewandt. Aus dem Argument "Westliche Nationen zeigen […] jene Fähigkeiten, sich selbst zu regieren. Man kann die Geschichte der Orientalen […] nehmen, und man wird niemals Spuren dieser Selbstverwaltung finden" folge die Konklusion "Ist es eine gute Sache […], daß diese Regierung von uns ausgeübt wird? Ich denke, es ist eine gute Sache". Demnach kann als implizite Schlussregel formuliert werden: "Wir gehören zu den westlichen Nationen. Unsere Regierung ist eine gute Sache, weil wir uns selbst regieren können. Wer sich nicht selbst regieren kann, stellt keine gute Regierung". REUBER et al. folgerten, dass Regelmäßigkeiten des Diskurses demnach erkannt werden können und eine zentrale diskursive Regel im Textkorpus formuliert würde. [48]

3.3 Lexikometrie (Korpuslinguistik)

Eine quantitative Methode in der Diskursforschung stellt die Lexikometrie (Korpuslinguistik) dar, die von Iris DZUDZEK, Georg GLASZE und Florian WEBER vorgestellt wurde. Die Grundlagen der Korpuslinguistik greifen auf die Forschungen DE SAUSSUREs zurück, bei der Bedeutungen von Begriffen als relational zu denen anderer Begriffe betrachtet werden (LACLAU & MOUFFE 2006 [1985]). Der Diskursanalyse gehe es analog dazu um die Herstellung von Bedeutungen durch die wechselseitige Beziehung von Zeichen innerhalb spezifischer Repräsentationssysteme. Repräsentationen bzw. Zeichen sind nach DE SAUSSURE (2001 [1916]) zum einen arbiträr, d.h. der Bezug von Bedeutungsträger (Signifikant) zum Bedeutungsinhalt (Signifikat) lasse sich nicht im Vorhinein festlegen. Zum anderen seien diese konventionell, da die Festlegung auf Form und Inhalt eines Zeichens auf (stillschweigenden) gesellschaftlichen Übereinkünften beruhe, mit denen Differenzen zwischen den Zeichen geregelt würden. Repräsentationssysteme seien folglich gesellschaftlich hergestellt. JØRGENSEN und PHILLIPS (2002) weiten diese Theorie auf soziale Handlungen aus. Folge man deren These, wonach die Organisation der Gesellschaft über Sprache nachvollzogen werden kann, so DZUDZEK et al., dann ermögliche eine diskursanalytische Perspektive auch Rückschlüsse auf gesellschaftliche Vorstellungen und Verhältnisse. [49]

Die Korpuslinguistik konzentriere sich dementsprechend analytisch auf die relationale Bedeutungsgenese einzelner Textelemente, die durch deren Beziehung zu anderen Textelementen entstehe. D.h. mittels der Korpuslinguistik sollen Textelemente und deren Wechselwirkungen mit dem Kontext bzw. dem Diskurs, die als Systeme aus sprachlichen Zeichen bzw. Textelementen verstanden werden, analysiert werden (TEUBERT 1999). Untersuchungsgegenstand der Korpuslinguistik seien dementsprechend Aussagen einer Sprachgemeinschaft in (Text-) Korpora, die deren Sprachgebrauch zu einem bestimmten Zeitpunkt abbilden. Dies reflektiere die Annahme, dass sprachliche Bedeutung nicht aus transzendentalen, also vorher festlegbaren Regeln ergründet werden könne. Die Korpuslinguistik stütze sich damit auf die von FOUCAULT in der "Archäologie des Wissens" (1973 [1969]) vorgeschlagene Herangehensweise. [50]

Die Anwendung der Lexikometrie stelle die Herausarbeitung quantitativer Beziehungen zwischen lexikalischen Elementen in den Vordergrund. Das Verfahren wurde innerhalb der Sprachwissenschaften entwickelt. Computergestützt sei die Analyse von umfangreichen Textmengen und dadurch die Offenlegung von großflächigen Strukturen der Sinn- und Bedeutungskonstitution möglich6). Dazu gehörten beispielsweise diskursive Brüche und Verschiebungen ebenso wie Kontinuitäten spezifischer Diskurse im Zeitverlauf. Folglich sei der Erhalt eines raschen Überblicks über zentrale Eigenschaften eines Textkorpus und dabei die Identifikation auch unerwarteter sprachlicher Phänomene und Beziehungen möglich. Diese Verfahren könnten gut eingesetzt werden, wenn Kontingenz und Dynamik von Bedeutungen untersucht werden sollen. [51]

Wesentlich sei hier die Arbeit mit klar definierten, geschlossenen Korpora, die den Sprachgebrauch einer Sprachgemeinschaft möglichst komplett oder repräsentativ abbilden und nachträglich nicht mehr erweitert werden. Die Texte, die für den Gesamtkorpus ausgewählt werden, müssen laut DZUDZEK et al. bezüglich ihrer Aussagenproduktion möglichst stabil gehalten sein; bspw. sollten weder Sprecher/innenposition noch Kommunikationskanäle gewechselt werden. Dies gelte hingegen nicht für die zu analysierende Variable (DZUDZEK, GLASZE, MATTISSEK & SCHIRMEL 2009). Die grundlegende Analyse des Korpus könne je nach Untersuchungsziel in zwei Formen erfolgen. Sollen die Unterschiede einer Bedeutungskonstitution aus der Sicht verschiedener Sprecher/innenpositionen oder Genres zu einem bestimmten Zeitpunkt analysiert werden, gelte es, einen zeitlich homogenen Korpus zu erstellen (synchrone Perspektive). Stehe jedoch die zeitliche Verschiebung bzw. Entwicklung des Sprachgebrauchs über einen bestimmten Zeitraum im Mittelpunkt, so müsse der Korpus einen Zeitverlauf abdecken, wie beispielsweise bestimmte Jahrgänge von Zeitungskorpora (diachrone Perspektive). [52]

Grundsätzlich würden in lexikometrischen Verfahren Teile eines Korpus' mit dem Gesamtkorpus und Teilkorpora untereinander verglichen. Die beiden Herangehensweisen corpus based und corpus driven unterschieden sich insofern, als erstere genutzt werde, um zuvor aufgestellte Hypothesen zu prüfen, letztere entspreche dagegen einem explorativen Vorgehen zur Aufdeckung und Ergründung unerwarteter Strukturen. Im Verlauf des Moduls wurde auf zwei Möglichkeiten der methodischen Operationalisierung, die Frequenzanalyse und die Konkordanzanalyse, eingegangen. Ein lexikometrisches Computerprogramm errechne bei der Frequenzanalyse die absolute und relative Häufigkeit eines Wortes oder von regelmäßig verknüpften Wörtern im vorab definierten Korpus. Als Beispiel für dieses Verfahren wurde ein Teilergebnis eines Forschungsprojektes, in dem der Bedeutungswandel des Lexems7) banlieu* (franz. "Vorstadt") in Frankreich untersucht wurde, vorgestellt (GLASZE, HUSSEINI & MOSE 2009). Dazu wurden aus allen Jahrgängen der Tageszeitung Le Monde zwischen 1987 und 2005 die Artikel, die sich mit dem Thema beschäftigten, digitalisiert und zu einem Textkorpus zusammengestellt. Anschließend wurde die Veränderung der relativen Häufigkeiten der Lexeme ethn* und colonial* im Zeitverlauf errechnet. Das Resultat zeigte einen deutlichen Anstieg dieser beiden Lexeme in der Berichterstattung der Tageszeitung über banlieus seit dem Jahr 2004. [53]

Für eine Konkordanzanalyse filtere das lexikometrische Programm den Korpus, um den Kontext eines Wortes bzw. einer Wortfolge aufzuzeigen. Dazu würden jeweils vor und hinter einem Schlüsselwort positionierte Zeichen- bzw. Wortfolgen dargestellt. Dieser Schritt bilde eine mögliche Vorbereitung zur qualitativen Interpretation des Kontextes bestimmter Schlüsselwörter. So wurden beispielsweise in einer Studie über den Diskurs zu ostdeutschen Großwohnsiedlungen die Konkordanzen des Lexems "Jugendliche*" ermittelt (BRAILICH, GERMES, GLASZE, PÜTZ & SCHIRMEL 2009). Die Analyse stützte sich auf einen aus der Süddeutschen Zeitung zusammengestellten Korpus der Jahre 1994 bis 2006 mit dem Ergebnis, dass das Lexem "Jugendliche*" häufig mit den Wörtern "gewalttätig", "rechtsextrem" und "randstädtisch" in Verbindung stand und mit diesen Attributen verknüpfte Assoziationen bzw. Interpretationen im Zusammenhang mit Jugendlichen in Großwohnsiedlungen verdeutlichte. [54]

4. Synopsis

Die Sommerschule "Diskurs und Raum" bot jungen Wissenschaftler/innen der Geografie und benachbarter Kultur- und Sozialwissenschaften grundlegende Einblicke in die Thematik der raumorientierten Diskursforschung. Neben den theoretischen Grundlagen lag ein weiterer Schwerpunkt der Veranstaltung auf der Vermittlung der empirischen Umsetzung. Theorien und Ansätze wurden den Teilnehmenden in den Seminar-Modulen vorgestellt und erläutert, anschließend wurde jeweils die Gelegenheit für Rückfragen und Diskussionen gegeben, was auf eine große Resonanz stieß und eine aktive Beteiligung aller Teilnehmer/innen ermöglichte. [55]

In den Modulen mit dem Schwerpunkt auf der methodischen Herangehensweise im Zuge einer diskursanalytischen Arbeit ergaben sich für die Teilnehmenden zahlreiche Erkenntnisse für die eigenen empirischen Arbeiten bzw. Forschungsvorhaben. Inhaltlich wurde die Sommerschule durch eine Vielzahl begleitender Veranstaltungen sowohl im Plenum als auch im Rahmen der Abendgestaltung abgerundet. Dazu gehörten Workshops, die Präsentation eigener Forschungsvorhaben der Teilnehmer/innen, der Vortrag und das Leseseminar mit Stuart ELDEN, der Vortrag zu den Raumkonzepten bei FOUCAULT von Verena SCHREIBER und die Exkursion zum Schloss Atzelsberg. [56]

Zusammenfassend konnte im Rahmen der Sommerschule die Konzeptualisierung der Machteffekte sozialer und räumlicher Wirklichkeiten als eine der Stärken der Diskursforschung in der Humangeografie identifiziert werden. Die Diskursforschung der Humangeografie konnte Antworten beispielsweise auf Fragen raumbezogener Identitäten, die Konstitution von Gesellschaft sowie zur Steuerung menschlichen Verhaltens im Raum geben. [57]

5. Fazit zur Sommerschule "Diskurs und Raum"

Während der Sommerschule erwartete die Teilnehmer/innen mithin ein umfangreiches, sehr gut organisiertes und abgestimmtes Programm. Seitens der Moderator/innen und Leiter/innen wurde stets die Gruppenarbeit und Kommunikation gefördert, begleitet durch deren Präsenz als Ansprechpartner/innen sowohl in organisatorischen wie auch in fachlichen Belangen. Für die Teilnehmer/innen der Sommerschule ergaben sich daraus zahlreiche inhaltliche und methodische Anknüpfungspunkte an eigene geplante und zum Teil bereits begonnene Forschungsvorhaben. Der persönliche Kontakt zu einer Vielzahl von jungen (angehenden) Wissenschaftler/innen und Universitätsangehörigen aus allen Teilen des Landes bot die Möglichkeit zur Vernetzung und zu sehr interessanten Gesprächen rund um das Thema "Diskurs und Raum" und darüber hinaus. Somit kann die Sommerschule abschließend als Erfolg gewertet werden, insbesondere vor dem noch einmal deutlich gewordenen Hintergrund der Aktualität und der vielfältigen Anknüpfungspunkte der Diskursforschung an Themen und Fragestellungen der Humangeografie. [58]

Die Veranstaltung im Juli 2010 stellte den Auftakt einer Reihe geplanter humangeografischer Sommerschulen dar, welche ein Forum zum Austausch über und Anregungen für aktuelle und künftige Forschungsvorhaben und -schwerpunkte insbesondere in der Humangeografie bieten sollen. Gesellschaftliche Herausforderungen wie der viel diskutierte Klimawandel, weltweite wirtschafts- und bevölkerungsstrukturelle Veränderungen sowie höchst aktuelle politische Umwälzungsprozesse verlangen nach neuen Ideen und Empfehlungen zum Umgang mit ihnen sowohl auf theoretischer wie auch auf praktischer Ebene. Insbesondere die Humangeografie kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten, auch und gerade in Anknüpfung an weitere Teilbereiche der geografischen Forschungslandschaft sowie an die Naturwissenschaften. [59]

Anmerkungen

1) "Einnorden" ist das Ausrichten einer Karte nach den "tatsächlichen" Himmelsrichtungen; d.h., sie wirkt (entsprechend unseres nach Norden = "oben" ausgerichteten Weltbildes) "richtig herum". <zurück>

2) ALTHUSSER steht in der marxistischen Tradition für eine "diskursive" Wende. Kritik an Ideologie ist ihm zufolge von einem privilegierten, objektiven Standpunkt aus nicht möglich. Ideologie sei vielmehr konstitutiv für Gesellschaft und es bedürfe einer Ideologietheorie. <zurück>

3) LACLAU (2007 [2005], S.25) sieht die "Krise des Marxismus" in dem Widerspruch begründet, der in diesen beiden unvereinbaren Annahmen steckt (einerseits Messianismus, andererseits Aufruf zum Kampf). <zurück>

4) "Subjektivität" meint in diesem Zusammenhang den Prozess der Herstellung und Aneignung von bestimmten Subjektpositionen. <zurück>

5) Zum Begriff der Dislokation siehe GLASZE und MATTISSEK (2009, S.161). <zurück>

6) Ein Beispielprogramm zur Auswertung ist Lexico3, siehe: http://www.cavi.univ-paris3.fr/ilpga/ilpga/tal/lexicowww/ [Datum des Zugriffs: 12.10.2010]. <zurück>

7) "Ein Lexem bezeichnet eine Menge von Wörtern, welche alle Flexionsformen des gleichen Grundwortes darstellen, d.h. sich nur in bestimmten morphosyntaktischen Merkmalen (Kasus, Numerus, Tempus usw.) unterscheiden. So gehören z.B. die verschiedenen Flexionsformen eines Substantivs oder Verbs zum selben Lexem (laufen, läuft, läufst = ein Lexem; laufen, Läufer = zwei Lexeme)" (DZUDZEK et al. 2009, S.255). <zurück>

Literatur

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Zu den Autoren

Marian GÜNZEL studierte von 2001 bis 2009 Geografie an der Technischen Universität Dresden und der Lunds Universitet in Lund/Schweden mit den Schwerpunkten Wirtschafts- und Sozialgeografie und räumliche Planung. Derzeit ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Raumordnung und Planungstheorie der Technischen Universität Dortmund beschäftigt und widmet sich dort im Rahmen seiner Dissertation der Wirkung von Diskursen im Konfliktverlauf um raumrelevante Planungen.

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Benjamin FEHLING ist Diplom-Geoökologe und Zimmerer. Er beschäftigt sich mit Fragen zur Wirkmächtigkeit von Umweltschutzdiskursen vor dem Hintergrund einer neoliberalen Wirtschaftsweise.

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Zitation

Günzel, Marian; Fehling, Benjamin; Pietzek, Christian; Womelsdorf, Andreas & Völker, Sebastian (2012). Tagungsbericht: Diskurs und Raum. Humangeografische Sommerschule am Institut für Geographie Erlangen-Nürnberg [59 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 13(1), Art. 27,
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