Volume 14, No. 1, Art. 16 – Januar 2013

Das "Fremdwerden" eigener Beobachtungsprotokolle – Rekonstruktionen von Schreibpraxen als methodische Reflexion

Rebekka Streck, Ursula Unterkofler & Anja Reinecke-Terner

Zusammenfassung: Das Schreiben von Beobachtungsprotokollen stellt EthnografInnen vor spezifische forschungspraktische Herausforderungen. Beim Aufschreiben von Situationen und Handlungsabläufen entscheiden Forschende kontinuierlich, was sie wie ausführlich mit welchen Worten festhalten. Dieser beim Schreiben notwendige Selektionsprozess steht im Fokus des Artikels. Anknüpfend an den Stand methodologischer Diskussionen werden Konstruktionsprinzipien von Beobachtungsprotokollen vorgestellt, welche wir im Vergleich von Protokollausschnitten aus unseren Dissertationsprojekten entwickelten. Diskutiert werden die Gesamtgestalt der Beobachtungsprotokolle, der Detaillierungsgrad der Darstellung verschiedener Aspekte von Situationen sowie die differenten Repräsentationen der jeweiligen Forscherin im Datenmaterial. Unter Bezug auf ausgewählte Konstruktionsprinzipien werden anschließend die Unterschiede in den Schreibweisen methodisch reflektiert und begründet. Der Artikel schließt mit einem Plädoyer für eine reflexive Auseinandersetzung mit der eigenen Konstruktionsleistung des Schreibens. Durch einen diskursiven Vergleich mit den Schreibweisen anderer EthnografInnen wird ein "Fremdwerden" eigener Beobachtungsprotokolle ermöglicht und ein Reflexions- und Lernprozess angestoßen.

Keywords: Beobachtungsprotokoll; ethnografisches Schreiben; Schreiben als Konstruktionsleistung; Reflexion von Forschungspraxis; Ethnografie

Inhaltsverzeichnis

1. Beobachtungsprotokolle schreiben – eine forschungspraktische Herausforderung

2. Das Schreiben von Beobachtungsprotokollen in der method(olog)ischen Literatur

3. Konstruktionsprinzipien von Beobachtungsprotokollen – ein Vergleich

3.1 Die Gesamtgestalt der Protokolle

3.2 Aspekte von Situationen und Detaillierungsgrad ihrer Darstellung

3.3 Forschende als AkteurInnen im Datenmaterial

4. Rekonstruktion und Reflexion der eigenen Praxis des Schreibens

4.1 Die Relevanz von detaillierten Gesprächs- und Interaktionsabläufen

4.1.1 Das Dilemma der angemessenen Auswahl von detailliert zu beschreibenden Situationen

4.1.2 Beobachtungsprotokolle als "Spiegel" der Beschaffenheit des Feldes

4.2 Das Protokollieren des Unbeschreiblichen als notwendige Herausforderung

4.2.1 Die Konstruktion eines "besonderen" schulischen Settings

4.3 Die Forscherin als "andere" Akteurin in den Daten

4.3.1 Die Forscherin als Akteurin im Feld

4.3.2 Der Bezug auf die Forscherin als "besondere Andere" im Feld

5. Das "Fremdwerden" des eigenen Protokolls als Reflexions- und Lernprozess

Anmerkungen

Literatur

Zu den Autorinnen

Zitation

 

1. Beobachtungsprotokolle schreiben – eine forschungspraktische Herausforderung

AMANN und HIRSCHAUER (1997, S.7f.) attestieren der zeitgenössischen Soziologie einen Mangel an Überraschungs- und Neuheitspotenzial und stellen ihr eine durch den Erkenntnisstil des "Entdeckens" gekennzeichnete Ethnografie entgegen. Sie verweisen dabei auf die Notwendigkeit der Offenheit für die Rekonstruktion unvorhersehbarer Eigenheiten des Untersuchungsfeldes (S.21). Offenheit ist auch für GEERTZ (1983, zit. n. AMANN & HIRSCHAUER 1997, S.20) zentral, wenn er fragt: "What the hell is going on here?" Bereits GOFFMAN (1974, S.17) und SPRADLEY (1980, S.73) stellten diese Frage ins Zentrum ihrer wissenschaftlichen Beobachtungen. Genauso wie GEERTZ es als Hauptaufgabe der EthnografInnen begreift, "alles niederzuschreiben" (1983, S.28), weisen auch PRZYBORSKY und WOHLRAB-SAHR – darauf aufbauend und bereits deutlich konkreter – in ihren Ausführungen zum Schreiben von Beobachtungsprotokollen darauf hin, dass man alles notieren solle, "was die Vorgänge im Feld betrifft" (2009, S.64). [1]

Was einfach klingt, erweist sich in der ethnografischen Praxis als kompliziert. In unserer eigenen Forschungspraxis wurde schnell deutlich, dass die konkrete Aufgabe, das Beobachtete und in Feldnotizen stichpunktartig als Gedankenstütze Notierte in zusammenhängenden, intersubjektiv nachvollziehbaren Beobachtungsprotokollen niederzuschreiben, uns immer wieder vor die Frage stellte: Was schreiben wir wie in welchen Worten auf? Die in der Literatur aufgespürten methodischen Erörterungen und methodologischen Diskussionen erschienen uns im Hinblick auf das eigene Material und die konkrete Schreibpraxis äußerst auslegungsbedürftig. [2]

Dadurch entstand ein dringendes Bedürfnis, sich über die Praxis des Schreibens, die Qualität der und den Umgang mit den Beobachtungsprotokollen auszutauschen, sodass wir begannen, gegenseitig unsere Beobachtungsprotokolle zu lesen. In der Diskussion über unsere jeweilige Schreibpraxis und deren Produkte wurden mehrere grundsätzliche Charakteristika in der Art des Schreibens jeder Einzelnen deutlich. Im Vergleich kristallisierten sich differente Konstruktionsprinzipien der Beobachtungsprotokolle heraus, die wir in diesem Artikel darstellen und reflektieren. [3]

Dabei geht es uns nicht um die Erarbeitung einfach anwendbarer forschungspraktischer "Rezepte", welche wir uns in unseren anfänglichen Schreibprozessen vielleicht gewünscht hätten. Eine solche Technokratisierung ethnografischer Forschungsprozesse läuft Gefahr, den jeweiligen Feldspezifika, dem subjektiv erlebten Kontakt mit dem Feldgeschehen sowie den besonderen Anforderungen an die Forschenden im Forschungsprozess nicht gerecht zu werden (AMANN & HIRSCHAUER 1997, S.17; LÜDERS 2009, S.389). Vielmehr wollen wir den umso notwendigeren Reflexionsprozess darstellen, in dessen Verlauf wir mithilfe des entwickelten Wissens um die Gerichtetheit unseres Beobachtens und Schreibens ein "Fremdwerden" unserer eigenen Beobachtungsprotokolle im Sinne eines Infragestellens von selbstverständlichen Schreibpraxen erreichen konnten. Im Forschungsprozess hatten wir so die Möglichkeit, unsere Art zu schreiben zu verändern sowie Datenmaterial und Ergebnisse unserer Forschung kritisch zu diskutieren. Darüber hinaus möchten wir anderen ForscherInnen die anhand unserer Daten entwickelten Konstruktionsprinzipien für die Reflexion ihrer eigenen Beobachtungs- und Schreibpraxis zur Verfügung stellen. [4]

Im Folgenden werden wir zunächst einige Aspekte der Debatte zur Schreibpraxis von Beobachtungsprotokollen skizzieren (Abschnitt 2). Anschließend stellen wir an Ausschnitten aus unseren Beobachtungsprotokollen grundsätzliche Unterschiede unseres Schreibens dar, die im Vergleich unserer Protokolle deutlich wurden (Abschnitt 3). Aufbauend darauf werden wir Konstruktionsprinzipien unserer Protokolle jeweils beispielhaft rekonstruieren und diskutieren (Abschnitt 4). Schließlich verdeutlichen wir den Nutzen einer selbstreflexiven Rekonstruktion der Bedingtheit eigenen Schreibens von Beobachtungsprotokollen (Abschnitt 5). [5]

2. Das Schreiben von Beobachtungsprotokollen in der method(olog)ischen Literatur

In der Literatur zu teilnehmender Beobachtung finden ForscherInnen – im Vergleich bspw. zur methodologisch differenzierten Auseinandersetzung zur Interviewführung – nur wenige Hinweise, wie Beobachtungen angestellt und in Textform "übersetzt" werden können. Zu nennen sind jedoch zwei Arten der Auseinandersetzung mit der Problematik. Während einerseits Beobachten und Schreiben eher als technische Probleme angesehen werden, für die Hinweise und Leitfäden erstellt werden, finden andererseits methodologische Diskussionen über methodische Kernprobleme des Schreibens statt, welche zwar keine Lösungen anbieten, aber zu deutlichen Reflexionsgewinnen führen. [6]

Vor allem in der angloamerikanischen Literatur der 1980er und 1990er Jahre finden sich mehr oder weniger umfangreiche Arbeiten zur Erstellung von Beobachtungsprotokollen (EMERSON, FRETZ & SHAW 1995; LOFLAND 1979; SPRADLEY 1980; STRAUSS, SCHATZMAN, BUCHER, EHRLICH & SABSHIN 1981, S.27ff.; vgl. auch PRZYBORSKI & WOHLRAB-SAHR 2009, S.63ff.). Diese beschäftigen sich beispielsweise mit Techniken gegen das Vergessen, mit zu dokumentierenden Inhalten, mit Schreibstilen oder mit der Trennung von Beobachtungsnotizen, methodischen und theoretischen Notizen. Während diese Erörterungen einerseits forschungspraktische Orientierung geben, wird andererseits kritisiert, dass sie Schreiben als Handwerk betrachten und dadurch suggerieren, es gehe lediglich um Dokumentation (REICHERTZ 1992, S.335; HIRSCHAUER 2001, S.430 und 432). Insofern konzentriert sich die methodische Diskussion nicht auf forschungspraktische Hinweise, wobei die Arbeit von EMERSON, FRETZ und SHAW (2007) diesbezüglich weiterhin als grundlegend gelten kann. Dem eher technischen Blick auf das Erstellen von Beobachtungsprotokollen wird eine Betrachtung des Schreibens als "rekonstruierende Konservierung" (BERGMANN 1985, S.308) entgegengesetzt und problematisiert bzw. hervorgehoben, dass "Aufschreiben […] stets ein selektiver Akt des Zur-Sprache-Bringens von Erfahrung [ist], der zugleich eine Verschriftlichung (oder: Codierung) von Phänomenen ist, die zuvor keine Texte waren" (AMANN & HIRSCHAUER 1997, S.30). [7]

Ausgelöst durch die im angloamerikanischen Raum diskutierte "Krise der ethnografischen Repräsentation" (BERG & FUCHS 1993) entstanden auch in der deutschen Methodologiediskussion vereinzelte Texte, welche sich mit AutorInnenschaft sowie mit Konstruktion von Glaubwürdigkeit durch Schreiben befassten (MATT 2001; REICHERTZ 1992; WOLFF 1987). Obwohl es dabei um eine Auseinandersetzung mit dem Verfassen ethnografischer Berichte, d.h. um die Darstellung ethnografischer Forschungsergebnisse geht, die zunächst keine Antwort auf die Problematik des Schreibens von Beobachtungsprotokollen gibt (LÜDERS 2009, S.398), können einige Aspekte der Diskussion sehr wohl darauf übertragen werden. Dies gilt vor allem für die Betrachtung von Schreiben als "soziale Praxis" (REICHERTZ 1992, S.335) bzw. als "komplexe soziologische Kulturtechnik" (HIRSCHAUER 2001, S.430). Gerade eine diesbezügliche Reflexion ermöglicht es, mit dem Schreiben verbundene Problematiken wie kulturell strukturiertes Wahrnehmen, Deuten und Schreiben, innersprachliche Verweisungen und durch das Schreiben bedingte Darstellungszwänge in den Blick zu nehmen und zu reflektieren (REICHERTZ 1992, S.335ff.) Dass dies nicht nur für das Schreiben von ethnografischen Berichten gilt, sondern beim Schreiben von Beobachtungsprotokollen beginnt, stellt KOURITZIN (2002) heraus. Darüber hinaus steht EthnografInnen lediglich die Alltagssprache zur Verfügung (HIRSCHAUER 2001, S.437; LÜDERS 1995, S.320). Bei der Versprachlichung nicht sprachlicher Felderfahrungen, der "Schweigsamkeit des Sozialen", welche HIRSCHAUER (2001, S.437; Hervorhebungen i. O.) als die eigentliche Stärke der Methode teilnehmender Beobachtung sieht, müssen die Forschenden darüber hinaus persönliche Sinneswahrnehmungen über Phänomene verbalisieren, für die nicht einmal alltägliche Sprache zur Verfügung steht, da sie eben nonverbal praktiziert werden. [8]

Das Schreiben von Beobachtungsprotokollen als soziale und kulturelle Praxis verweist neben der Verwobenheit mit alltäglicher Praxis auf ein weiteres grundlegendes Problem wissenschaftlicher Erkenntnis. Wie in der qualitativen Forschung generell können auch in der Ethnografie nicht einfach soziale "Tatsachen" beobachtet werden, sondern es müssen alltägliche "Konstruktionen" (SCHÜTZ 2004 [1953], S.158), also Konstruktionen "erster Ordnung", rekonstruiert werden. Das Schreiben von Ethnografien, und das beginnt bereits beim Schreiben von Beobachtungsprotokollen, bedeutet demnach ein Entwickeln von Interpretationen "zweiter Ordnung" (SCHÜTZ 1971; SOEFFNER 1999, S.41). Beim Beobachten und beim Schreiben als Erkenntnisprozess findet also eine notwendige Reduktion der Komplexität des Gesehenen und bereits eine erste Typisierung statt (KALTHOFF 2003, S.83; MÜNST 2004, S.332; SCHÜTZ 2004 [1953], S.158). Der möglichst generalistische Anspruch ethnografischer Forschung muss also sowohl erkenntnistheoretisch als auch forschungspraktisch der Notwendigkeit der Selektion weichen (FRIEBERTSHÄUSER 2003, S.521; HIRSCHAUER 2001, S.433). [9]

Insgesamt scheint, nach Literaturlage zu urteilen, die Auseinandersetzung mit dem Schreiben von Beobachtungsprotokollen aktuell nicht im Mittelpunkt methodologischen Interesses zu stehen. Für uns als ethnografische Forscherinnen stellte sich dennoch – ganz forschungspraktisch – die Frage, wie Beobachtungsprotokolle überhaupt zustande kommen, d.h. wie die beschriebene Selektion vollzogen wird. Welche Ausschnitte sozialer Praxis werden beobachtet und in den Protokollen niedergeschrieben? Zum einen variiert die Beantwortung dieser Frage danach, was man wissen will. Zum anderen werden Beobachtungen in der Ethnografie, die durch einen spiralförmigen Forschungsprozess charakterisiert ist, umso fokussierter, je weiter der Forschungsprozess fortgeschritten ist (LÜDERS 2009, S.387; SPRADLEY 1980, S.122ff.). Darüber hinaus werden jedoch weitere Selektionskriterien wirksam, die im Zuge des Beobachtens und Schreibens implizit herangezogen werden und durch den Vergleich mit Protokollen anderer ForscherInnen expliziert und reflektiert werden können. [10]

3. Konstruktionsprinzipien von Beobachtungsprotokollen – ein Vergleich

Grundlage der folgenden Analyse sind Beobachtungsprotokolle aus drei Dissertationsprojekten zu Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit. Rebekka STRECK erforschte das Nutzungshandeln von DrogenkonsumentInnen in Einrichtungen niedrigschwelliger Drogenarbeit. Hierzu beobachtete sie die Geschehnisse in einem Kontaktladen für DrogenkonsumentInnen und an Bussen mobiler Drogenarbeit. Anja REINECKE-TERNER untersuchte das Handeln in der Schulsozialarbeit und die Inanspruchnahme des Angebotes aus AdressatInnenperspektive an zwei Schulen. Ursula UNTERKOFLER fokussierte die Frage, wie Professionelle in der offenen Jugendarbeit mit Gewalt umgehen. Sie beobachtete dafür die sozialpädagogische Praxis in unterschiedlichen Jugendtreffs. [11]

Im Vergleich der Beobachtungsprotokolle aus den drei Forschungsprojekten wurde schnell deutlich, dass sie sich stark voneinander unterscheiden. So differieren die Protokolle in ihrer Gesamtgestalt beispielsweise darin, wie ausführlich einzelne Szenen beschrieben, ob und wie diese Szenen miteinander verbunden wurden und wie ein Feldaufenthalt als Ganzes im Protokoll festgehalten wurde. Auf inhaltlicher Ebene fokussierten die Autorinnen auf unterschiedliche Aspekte des beobachteten Geschehens. Wenn beispielsweise komplexe Wahrnehmungen, Stimmungen der Anwesenden oder auch atmosphärische Elemente der Situation in das Protokoll einflossen, nimmt der Text eine andere Form an, als wenn vorrangig verbale Äußerungen der AkteurInnen im Feld möglichst detailliert festgehalten wurden. Zudem gingen die Autorinnen unterschiedlich mit der Person der Forscherin um. Während in dem einen Protokoll die Forscherin als Akteurin kaum in Erscheinung tritt, wird sie in dem anderen zentrale Interaktionspartnerin.1) [12]

3.1 Die Gesamtgestalt der Protokolle

Zunächst unterscheiden sich die Protokolle in ihrer Gesamtgestalt. Während beispielsweise REINECKE-TERNER ihren Feldaufenthalt als kontinuierlich ablaufende Geschichte zwischen den beiden Punkten Feldeintritt und Feldaustritt beschrieb, traten bei UNTERKOFLER zunehmend einzelne Episoden in den Vordergrund der Beschreibungen. Sie identifizierte Handlungseinheiten und beschrieb sie als Interaktionssequenzen mit einem Anfang und einem Ende. STRECK fokussierte im Laufe des Forschungsprozesses auf das Handeln einzelner AkteurInnen. Dementsprechend sind die Beobachtungsepisoden durch den Eintritt einer spezifischen Person in das Feld und ihr Verlassen des Beobachtungsortes gerahmt. [13]

In Hinblick auf ihre Gesamtgestalt unterscheiden wir also drei Arten von Protokollen. Zum einen wurde das gesamte Geschehen während eines Feldaufenthaltes als kontinuierlicher Interaktionszusammenhang beschrieben. Hierbei stehen nicht einzelne, sondern verschiedene zeitgleich stattfindende Interaktionen unter Einbezug eines spezifischen Kontextes im Vordergrund. Zwangsläufig wurden einzelne Szenen nicht so detailliert beschrieben. Diese Protokolle kennzeichnen sich dadurch, dass Übergänge zwischen Sequenzen sprachlich hergestellt wurden, sodass der Gesamtzusammenhang deutlich wird. Das Protokoll ist durch einen klaren Anfang, den Feldeintritt der Forscherin und ein klares Ende, den Feldaustritt der Forscherin, gerahmt. So blieben beispielsweise bei REINECKE-TERNER während des Forschungsprozesses die Interaktionsabläufe im spezifischen institutionellen Rahmen, inklusive der Übergänge von einer Szene zur nächsten, weitgehend erhalten. [14]

Demgegenüber können Protokolle auch mehrere detaillierte Beschreibungen einzelner Interaktionsepisoden umfassen. Dann steht die einzelne Situation im Vordergrund und weniger der Gesamtzusammenhang. Interaktionssequenzen werden ausführlich beschrieben, Übergänge, Rahmungen und Verbindungen der Episoden untereinander treten in den Hintergrund. Indem der Gesamtzusammenhang des Geschehens weniger Beachtung findet, wird eine sehr detaillierte Beschreibung einzelner Situationen möglich. UNTERKOFLER fokussierte im Laufe ihres Forschungsprozesses zunehmend auf bestimmte Interaktionen. Ihre Protokolle sind durch sehr genaue Darstellungen von Interaktionsszenen charakterisiert. Dementsprechend ist ein Gesamtbild z.B. eines Beobachtungstages nicht mehr gegeben. [15]

Schließlich kann ein spezifischer Fokus auf ein Element des Geschehens die Gesamtgestalt eines Protokolls bestimmen, so etwa, wenn während eines Feldaufenthaltes der Fokus auf den Handlungen einer spezifischen AkteurIn liegt oder wenn während eines Tages der Umgang mit einem Artefakt oder die Handlungen an einem zuvor festgelegten Ort beobachtet und aufgeschrieben werden. Beispielsweise beginnt die Sequenz, wenn eine Person das Setting betritt und sie endet erst, wenn diese Person den Schauplatz wieder verlässt. STRECK fokussierte im Laufe ihrer Beobachtungen zunehmend auf die Handlungen und Interaktionen bestimmter AkteurInnen, die sie in ihren Wegen durch das Feld begleitete. [16]

Die Frage, welche Geschehnisse im Feld als zusammenhängende Sequenz beschrieben werden, wirkt sich auf den Detaillierungsgrad der Beschreibung einzelner Interaktionen aus. Im Forschungsverlauf stellt sich für Forschende also die Frage, welche Handlungen wie genau betrachtet werden. Sind es eher einzelne Interaktionssequenzen, sehr detailliert dargestellt, jedoch mit Verlust der Einbettung in das vorherige und nachfolgende Geschehen? Oder wird weiterhin ein Verlaufsprozess vom Beginn der Beobachtungen bis hin zum Ende dargestellt? Wird der Fokus auf bestimmte Personen oder auf im Forschungsprozess ausgewählte Situationen ausgerichtet? Die Beantwortung dieser Fragen beeinflusst nicht nur den Charakter und die Gestalt der Beobachtungsprotokolle, sondern hat auch deutliche Auswirkungen darauf, für welche Fragen die Protokolle gehaltvolles Material darstellen. [17]

3.2 Aspekte von Situationen und Detaillierungsgrad ihrer Darstellung

Neben der Frage, ob das beobachtete Geschehen als zusammenhängende Interaktionsgeschichte oder als nebeneinanderstehende Interaktionsepisoden beschrieben wird, zeigen sich Unterschiede im Detaillierungsgrad der Beschreibungen bestimmter Aspekte von Situationen. [18]

Einzelne Aspekte erhalten bei der Darstellung von Situationen unterschiedlich viel Aufmerksamkeit. Während STRECK in ihren Protokollen den Schwerpunkt auf Platzierungen und Bewegungen der AkteurInnen in Zeit und Raum legte, wurde in den Daten von REINECKE-TERNER immer wieder auf die Körpersprache und den Tonfall des Gesprochenen verwiesen. Bei UNTERKOFLER hingegen nahmen Gespräche und detaillierte Interaktionsabläufe einen hohen Stellenwert ein. [19]

Im Folgenden werden Protokollbeispiele für jeden dieser Aspekte gegeben. Mit diesen Beispielen aus den Daten wird im Verlauf weiter gearbeitet.

Protokollausschnitt 1: Gehen, stehen und sitzen im Kontaktladen

Ein Mann mit einer grünen Jacke kommt rein. Er schaut durch die Bürotür ins Büro rein. Dann kommt er in den Caféraum. Er sagt im Stehen zu denjenigen, die um den Sofatisch herumsitzen, dass er drei Wohnungsbaugesellschaften angerufen hätte, dass nirgendwo einer da gewesen sei. Dann setzt er sich kurz an den Computer. Kurze Zeit später steht er wieder auf. Er geht durch den Flur zur Küche und holt sich etwas zu essen. Er setzt sich an den hinteren Tisch am Wandboard und legt seine Jacke über einen der Stühle. Ursula und Gunter sitzen gemeinsam an einem Tisch und essen. Clemens sitzt am Sofa. Franz hat sich kein Essen geholt (STRECK, Protokoll 5, Kontaktladen)2). [20]

Wie in diesem Datenausschnitt deutlich wird, beschreibt STRECK Bewegungen der BesucherInnen des Kontaktladens für DrogenkonsumentInnen durch die räumlichen Gegebenheiten. Mit ihren Beobachtungen folgt sie hier einer Person durch den Raum, ohne die Reaktionen anderer Personen auf diesen "Mann mit einer grünen Jacke" an dieser Stelle zu benennen. Durch die Beschreibung der Platzierungen der NutzerInnen sowie ihrer Aktivitäten vermittelt das Protokoll einen Eindruck der räumlichen Anordnung der AkteurInnen. Diese kann im weiteren Forschungsverlauf beispielsweise mit Platzierungen und Aktivitäten anderer NutzerInnen verglichen werden.

Protokollausschnitt 2: Gespräch am Küchentisch

Julie und Melanie (beide Sozialpädagoginnen) kommen mit Kim und Gülay (beide Jugendliche) in die Küche.

Kim sagt zu Julie: "Hey, Digge!"3)

Julie sagt ein wenig genervt: "Jetz hör mal auf Digge zu sagen!"

Dabei greift sie sich an den Gürtel.

Kim antwortet: "Ja, Digge!"

Sie lacht dabei.

Julie ruft "Kim!" und macht dabei ein genervtes Gesicht.

Alle setzen sich an den Küchentisch.

Gülay sagt zu Kim: "Hey, Digge, schau mal."

Kim antwortet: "Ja, Digge, passt."

Die beiden lachen.

Melanie fragt: Warum sagt ihr eigentlich immer "Digge"? (UNTERKOFLER, Protokoll 38, Jugendtreff) [21]

UNTERKOFLER beschreibt hier eine relativ kurze Situation, in der sie den Interaktionsablauf sehr detailliert protokolliert und besonderen Wert auf das gesprochene Wort legt. Der hohe Detaillierungsgrad der Darstellung des Gespräches steht einer relativen Vernachlässigung von Beobachtungen gegenüber, die eher auf die situative Rahmung abzielen. Die Wahl der direkten Rede erhöht zudem den Eindruck einer szenischen Darstellung.

Protokollausschnitt 3: Die Film-Arbeitsgemeinschaft (AG)

In dem Moment kommen noch drei Schüler rein (die Zwillinge Erdal und Erol und Hüsein, Klasse 5, alle ein verschmitztes Lächeln auf dem Gesicht). Sie setzen sich mit an den Tisch und stellen ihre Sachen zur Seite. Frau Mohn kommentiert das Zuspätkommen nicht, wirkt weiterhin ganz gelassen. Sie wiederholt noch mal für die drei "Neuen", was heute schon so besprochen wurde und wo sie gerade sind. Nun werden Ideen gesammelt, welche Themen noch in der Film AG anstehen. Frau Mohn sagt, es spräche auch nichts dagegen mehrere kleine Gruppen zu bilden, die müssten sich dann nur gut miteinander verständigen und nicht so schreien. Und falls es Streit gibt, schlichtet Erdal Streit, sagt sie mit einem freundlichen Blick zu Erdal gewandt. Erdal nickt, er macht ein wenig Show und tut übertrieben ernsthaft.

Frau Mohn guckt die ganze Zeit freundlich und gleichzeitig strahlt ihr Blick Ernsthaftigkeit aus. Es macht den Eindruck, dass sie alles gut leiten kann, sie ist ruhig und spricht klar. Die SchülerInnen hören ihr alle gut zu, zumindest reden sie untereinander kaum über etwas anderes und gucken sie alle an. Mit einmal klingelt ein Telefon, es ist Frau Mohns Handy (REINECKE-TERNER, Protokoll 52, Teil 2, Schule). [22]

In diesem Beispiel aus den Daten von REINECKE-TERNER wird eine Sequenz während des Ablaufs der Film-AG an einer Schule beschrieben. Im Gegensatz zu Protokollausschnitt 2 von UNTERKOFLER werden Gespräche hier eher zusammenfassend und nur selten in wörtlicher Rede wiedergegeben. Es wird erwähnt, über was gesprochen wird ("nun werden Ideen gesammelt"), aber nicht geschrieben, welche Ideen zur Sprache kommen oder wer welche Idee benennt. In Beschreibungen wie "mit einem freundlichen Blick" oder "sie ist ruhig und spricht klar" wird hingegen auf Mimik und Tonfall des Gesagten eingegangen. Die Autorin erzeugt durch die Beschreibung der Handlungen und der Mimik der AkteurInnen eine atmosphärische Vorstellung. Einer stark szenischen Darstellung bei UNTERKOFLER steht eine eher als Geschichte erzählte Situation bei REINECKE-TERNER gegenüber. Es zeigt sich, dass die Verwendung von indirekter oder direkter Rede den Charakter des Protokolls stark verändert. [23]

Die Frage "What the hell is going on here?" kann also auf unterschiedliche Art beantwortet werden. Beim Beobachten und Schreiben müssen Forschende, wie wir gezeigt haben, nicht nur entscheiden, auf welche Handlungsverläufe sie ihre Aufmerksamkeit richten, sondern auch, welchen Aspekten von Handlungen besonders viel Platz eingeräumt wird: dem gesprochenen Wort, dem Gesichtsausdruck und dem Tonfall, der Bewegung oder der Platzierung im Raum, dem räumlichen, zeitlichen oder akustischen Kontext einer Handlungsabfolge? [24]

3.3 Forschende als AkteurInnen im Datenmaterial

Als weiterer grundsätzlicher Unterschied zwischen den Beobachtungsprotokollen wird der Umgang mit der Präsenz der Forscherin in den Szenen deutlich. Während UNTERKOFLER im Protokoll als Akteurin kaum in Erscheinung tritt, beschreiben REINECKE-TERNER und STRECK ihre Handlungen im Feld auf unterschiedliche Weise.

Protokollausschnitt 4: Sofaszene im Kontaktladen

Uschi fragt laut, wo denn der "Strafarbeiter" [Bezeichnung derjenigen, die im Kontaktladen vom Gericht auferlegte Arbeitsstunden ableisten] sei, um ihr einen Tee auszugeben. Ich stehe auf und mache ihr hinter der Theke einen Tee. Sie erzählt Dominik währenddessen von einem Einkauf einer Jacke für und mit einem Mann. Hierbei bezieht sie mich mit Blicken in die Unterhaltung mit ein. Ich reiche ihr den Tee. Der Strafarbeiter kommt und ich frage ihn, ob ich das Geld in die Kasse legen und dort auf dem Zettel einen Strich machen soll.

Ich setze mich wieder neben Uschi. Franz kommt rein und fragt, ob ich in die Mitte des Sofas rücken könne, da er aufgrund seiner Rückenschmerzen nicht auf den Stühlen sitzen könne. Ich komme seiner Bitte nach. Sie unterhalten sich weiterhin über das Verkaufen von Zeitungen. […] Ich beteilige mich zurückhaltend aber auch mit Fragen und Reaktionen an dem Gespräch. Heide kommt rein. Franz ruft‚ "hallo Heidehase". Sie setzt sich zwischen Franz und Dominik.

Ich hole mein Notizheft heraus, um mir Notizen zu machen. Dominik, der mir gegenübersitzt, fragt, ob ich Praktikantin sei. Ich sage, dass ich eine Feldstudie mache und ein Buch über Kontaktläden schreiben würde. Dominik: "Hier im Substitutionsladen passiert nicht viel." Ohne direkte Überleitung: "Weil Drogenabhängige haben nie Zeit und keine Kontakte oder zumindest keine richtigen. Nur so mal zum konsumieren." Er hingegen hätte Kontakte (STRECK, Protokoll 1, Kontaktladen). [25]

STRECK beschreibt hier die Interaktionen zwischen sich und den AkteurInnen im Feld. Die Forscherin ist Akteurin und Interaktionspartnerin, sie beteiligt sich und schildert ihre Handlungen. Mit Beschreibungen wie "hierbei bezieht sie mich mit Blicken in die Unterhaltung ein" oder "Dominik, der mir gegenüber sitzt, fragt, ob ich Praktikantin sei" betrachtet sie zudem auch die Reaktionen auf ihr Handeln im Feld. [26]

Auch bei REINECKE-TERNER wird die Beobachterin in den Protokollen zur Akteurin des Geschehens. Sie tritt hier jedoch stärker als interpretierende Teilnehmerin in Erscheinung.

Protokollausschnitt 5: Beginn der Film-AG in der Aula

Als ich aus meinem mir zur Pause zugeteilten Raum herauskomme, hat die Film-AG schon begonnen. Mir wird von einigen SchülerInnen "Psst" gesagt, die finden, dass ich die Tür zu laut zu mache. Sie gucken gebannt von oben (Balkon) hinunter auf die Bühne in der Aula. Dort sehe ich Frau Mohn, die gerade ein Interview mit einer Schülerin führt. Einige Schüler stehen eng neben dem Kamerajungen der einen Camcorder in der Hand hält. Frau Mohn sieht sehr professionell aus, die Interviewte antwortet ernsthaft und bedacht. Fast wie im Fernsehen, denke ich und beobachte die umstehenden SchülerInnen, die jedem der reinkommt mit Nachdruck zeigen, dass sie leise sein sollen. Dazu legen sie den Finger auf den Mund oder wedeln mit den Armen. Insgesamt macht es den Eindruck als sei ich hier Beobachterin einer sehr ernsthaften, gemeinsamen, aufregenden Aktion geworden (REINECKE-TERNER, Protokoll 52 Teil 1, Schule). [27]

REINECKE-TERNER ist hier Akteurin in der Situation, aber auch explizite Interpretin der Szenerie. Sätze wie "Fast wie im Fernsehen, denke ich" oder "Insgesamt macht es den Eindruck als sei ich hier ..." beschreiben eine Interpretation des Geschehens, insbesondere von Stimmungen, wie sie die Forscherin während der Beobachtung in der Situation vornahm. Der Einbezug von Eindrücken, die sich ihr in der Situation "aufdrängten", stellt die beschriebene Szene in den Kontext ihrer Erfahrung als Teilnehmerin. Durch diese Integration eigener Wahrnehmungen in das Protokoll kann später bei der Auswertung darauf Bezug genommen werden, dass die Szene während der Beobachtung als "fast wie im Fernsehen" und als sehr "ernsthaft" wahrgenommen wurde. Die Protokollantin eröffnet damit eine Reflexionsmöglichkeit der eigenen Herangehensweise an das Feld. Die eigene Perspektivengebundenheit sowie das Empfinden in der Situation werden nicht durch eine quasi objektivierende Sprache verschleiert, sondern treten hier offen zutage und können so Gegenstand der Interpretation werden. [28]

Die Analyse der Beispiele aus den Beobachtungsprotokollen zeigen, dass für die Beobachterinnen STRECK und REINECKE-TERNER ihr Handeln in der Situation, ihre Empfindungen und die Reaktionen der anderen auf ihr Handeln von großer Bedeutung waren. UNTERKOFLER, die in ihren Protokollen als Akteurin weitaus seltener in Erscheinung tritt, maß den Interaktionen mit ihr oder auch ihrer Platzierung im Raum gegenüber der genauen Wiedergabe von Dialogsequenzen zwischen den AkteurInnen hingegen eine geringere Bedeutung zu. So bearbeitete UNTERKOFLER ihre Rolle im Feld in methodischen Memos. Sie vollzog damit eine weitgehende Trennung von Reflexionen der Ethnografin einerseits und dem situativen Geschehen andererseits. Dies bedeutet, dass die Interaktionen zwischen den AkteurInnen fokussierter beobachtet werden konnten. Beobachtungen und Reflexionen der eigenen Rolle im Feld oder von eigenen Wahrnehmungen wurden jedoch nicht mehr in die beobachteten Situationen integriert, sondern übergreifend festgehalten. Es ist ein durchaus relevanter Unterschied in Bezug auf die Konstruktion des Protokolls, ob für die Beschreibung des eigenen Handelns und Wahrnehmens ein anderer Ort gewählt wird, oder ob beides im Rahmen eines Textes Teil einer protokollierten Szene wird. Gleichsam besteht ein Unterschied darin, ob die Forscherin wie bei STRECK als Akteurin im Feld beschrieben wird, oder ob wie bei REINECKE-TERNER an ausgewählten Stellen ihre Innensicht deutlich hervortritt. Mit diesen verschiedenen Herangehensweisen werden unterschiedliche Perspektiven auf das Material in der Auswertung begrenzt, aber auch eröffnet. [29]

4. Rekonstruktion und Reflexion der eigenen Praxis des Schreibens

Im Vergleich unserer Beobachtungsprotokolle wurden Konstruktionsunterschiede in Bezug auf die Gesamtgestalt von Protokollen, auf Situationsaspekte sowie auf die Sichtbarkeit der Forscherin deutlich. Die Beschäftigung mit den Protokollen der anderen ermöglichte ein Aufspüren eigener impliziter Konstruktionsprinzipien und eine darauf aufbauende Reflexion der jeweils eigenen Schreibpraxis. Begrifflich und inhaltlich analog zur "Befremdung der eigenen Kultur" (AMANN & HIRSCHAUER 1997) in der Ethnografie eröffnet dieses Vorgehen eine Distanzierung vom eigenen Text und ein Infragestellen eigener Selbstverständlichkeiten. So wurde in der Zusammenarbeit mit anderen Ethnografinnen ein Reflexionsprozess des "Fremdwerdens" der eigenen Beobachtungsprotokolle angestoßen. Im Folgenden wird gezeigt, welchen methodischen Gewinn das Bewusstmachen von Konstruktionsprinzipien beim Schreiben von Beobachtungsprotokollen bringt, indem die drei Forscherinnen exemplarisch ihre eigene Schreibpraxis fokussiert auf beispielhaft ausgewählte Aspekte rekonstruieren. [30]

4.1 Die Relevanz von detaillierten Gesprächs- und Interaktionsabläufen

Im oben gezeigten Protokollausschnitt 2 "Gespräch am Küchentisch" von UNTERKOFLER wurde eine relativ kurze Sequenz aus dem laufenden Geschehen im Jugendtreff ausgewählt und möglichst detailliert dokumentiert. Das heißt, einzelne Situationen wurden als wichtiger erachtet als andere – diese Selektion machte es erst möglich, Gesprächs- und Interaktionsabläufe im vorliegenden Detaillierungsgrad zu beschreiben. [31]

Methodisch ist deshalb zu reflektieren und zu begründen, warum und wie eine solche Auswahl überhaupt getroffen wurde, und wie ein hoher Detaillierungsgrad der Beobachtungen und der Protokolle "zulasten" des Gesamtgeschehens sowie anderer oben beschriebener Aspekte von Situationen zu rechtfertigen ist. Dabei wird im Folgenden mit zwei unterschiedlichen Gesichtspunkten der Gegenstandsangemessenheit der Methoden argumentiert. Zum einen wird auf das Forschungsinteresse eingegangen: Erfordert der Forschungsgegenstand bzw. die Beantwortung der Forschungsfrage eine Selektion spezifischer Situationen bei der Beobachtung und beim Schreiben von Protokollen? Und wie kann die Auswahl bestimmter Situationen methodisch vollzogen werden, ohne sich mangelnde Offenheit vorwerfen zu müssen? Zum anderen werden Spezifika des untersuchten Feldes behandelt: Wird die Schreibweise in den Beobachtungsprotokollen den Strukturen der beobachteten Interaktionen gerecht? [32]

4.1.1 Das Dilemma der angemessenen Auswahl von detailliert zu beschreibenden Situationen

In ihrer Untersuchung interessierte sich UNTERKOFLER dafür, wie SozialarbeiterInnen in Interaktion mit Jugendlichen mit Gewalt umgehen und welche professionellen Muster der Gewaltbearbeitung sie entwickelt haben. Im Fokus standen Situationen und Prozesse, die in und um Jugendtreffs beobachtbar waren und in irgendeiner Weise mit Gewalt "zu tun hatten". Zur Verfolgung der Fragestellung begab sich UNTERKOFLER deshalb in unterschiedliche Jugendtreffs, um die sozialpädagogische Praxis dort zu beobachten.4) [33]

Aus dem beschriebenen Forschungsinteresse ergab sich die Notwendigkeit, bestimmte Situationen auszuwählen: Bei der Beobachtung musste auf Gewalt fokussiert werden – d.h. es interessierte nicht jegliche Praxis, die im Jugendtreff zu beobachten war. Diese war nur insoweit relevant, als sie als Kontext für die Gewaltbearbeitung zu betrachten war. Jedoch war die Entscheidung für eine Gewaltdefinition nicht vorab zu treffen, da "Gewalt" ein äußerst abstrakter und sowohl in der Literatur umstrittener (HEITMEYER & SOEFFNER 2004, S.11f.) als auch in der Praxis unterschiedlich interpretierter Begriff ist. So ist nach HITZLER (1999, S.17) immer zu rekonstruieren, ob eine Situation von den unterschiedlichen Beteiligten als Gewalt definiert wird oder nicht. [34]

Dies erschwerte die Auswahlentscheidungen erheblich, weil die Forscherin am Beginn des Forschungsprozesses – plakativ ausgedrückt – noch gar nicht wusste, was sie überhaupt suchte. Gerade die Möglichkeit, dass im Feld unterschiedliche Gewaltverständnisse gleichzeitig vorhanden waren und verhandelt wurden, erforderte ein möglichst genaues Notieren dessen, was bestimmte AkteurInnen in bestimmten Räumen taten – sprachlich und nichtsprachlich (SPRADLEY 1980, S.40ff.). Denn zur Beantwortung der Frage, was die FeldteilnehmerInnen unter Gewalt verstanden, konnte sich die Forscherin nicht nur auf in Gesprächen reflexiv vorhandenes Wissen verlassen. Analytisch wertvoll waren ebenso die Daten, die über implizite Bestimmungen von Gewalt Auskunft gaben, welche im Handlungsvollzug von den AkteurInnen getätigt wurden.5) So zeigt das Beispiel im Protokollausschnitt 2 "Gespräch am Küchentisch", dass der Ausdruck "Digge", welcher inhaltlich auf ein "übergewichtiges" Gegenüber verweist ("Dicke"), von der Sozialpädagogin als verletzend empfunden wird (sie ist "genervt" und deutet auf ihren Gürtel, was als Hinweis auf einen als (zu) dick empfundenen Bauchumfang interpretiert werden kann). Die Jugendlichen messen diesem untereinander üblichen Begriff ("wir sind das gewohnt") diese Dimension nicht zu.6) [35]

Dies zeigt, dass erst genaue Protokollierungen – und eben auch der genaue Wortlaut – ermöglichen herauszuarbeiten, welche Ausdrücke und Handlungen auf ähnliche und unterschiedliche Definitionen (von Verletzung, von Gewalt) der beteiligten AkteurInnen hinweisen. SPRADLEY (1980, S.63ff.) macht darauf aufmerksam, dass eine Sensibilität für unterschiedliche Begriffe und verbale Ausdrucksformen dazu dient, "important clues to cultural meaning" (S.65) zu entdecken. Dies wird offensichtlich, wenn Jugendliche und SozialpädagogInnen als unterschiedliche AkteurInnen(gruppen) im Feld dem Wort "Digge" eine völlig andere Bedeutung zumessen. Nur durch ein möglichst konkretes Dokumentieren von Situationen, unter Berücksichtigung wortwörtlicher Ausdrücke, können solche kulturellen Unterschiede sichtbar gemacht werden. [36]

Die Auswahl der zu protokollierenden Situationen – welche Situationen werden als verletzende bzw. als Gewaltsituationen angesehen und deshalb genauer beobachtet und protokolliert – stellte sich dabei als Dilemma dar: Es mussten Situationen ausgewählt werden, die eigentlich erst nach Analyse des Materials hätten bestimmt werden können. Diesem nicht auflösbaren Dilemma wurde mit der Strategie des theoretischen Samplings (GLASER & STRAUSS 2008 [1967], S.53ff.) begegnet. Indem anfangs sehr offen möglichst viel protokolliert wurde, was "irgendwie mit Gewalt zu tun haben könnte", wurde die Auswahl im Laufe des Forschungsprozesses immer fokussierter, da Gewaltverständnisse der Beteiligten herausgearbeitet werden konnten. Um im Datenmaterial nicht lediglich Repräsentationen von Definitionen festzuhalten, die die AkteurInnen (in Gesprächen und Interviews) explizieren konnten, waren detaillierte Protokollierungen von Gesprächen und Interaktionsabläufen dafür von besonders hoher Bedeutung. [37]

4.1.2 Beobachtungsprotokolle als "Spiegel" der Beschaffenheit des Feldes

Darüber hinaus stellte UNTERKOFLER bei der Reflexion ihrer Protokollierungsweise – im Vergleich zu den Schreibweisen der anderen Autorinnen – fest, dass die "Ausschnitthaftigkeit" ihrer Protokolle die Beschaffenheit professionellen Handelns im Feld widerspiegelt. [38]

Jugendtreffs sind offene Einrichtungen, in denen kein vorab geplantes Programm abläuft. Vielmehr werden Räume zur Verfügung gestellt, in denen eine Offenheit in Bezug auf Ziele und eine Anknüpfung an Wünsche und Bedürfnisse der Jugendlichen stattfinden soll (§11 SGB VIII). In der Praxis resultiert daraus ein "offener Betrieb", in dem Jugendliche ihre Freizeit freiwillig verbringen und ihre Verhaltensroutinen mitbringen. Sie gestalten ihren Aufenthalt in weiten Teilen selbst, sodass maßgebliche Interaktionen oft ohne die SozialarbeiterInnen stattfinden (CLOOS, KÖNGETER, MÜLLER & THOLE 2007, S.90). Das hat zur Folge, dass der Alltag in den Jugendtreffs in der Regel nicht durch längere Interaktionen zwischen Jugendlichen und SozialpädagogInnen strukturiert ist – längere Beratungsgespräche oder gemeinsame Spiele sind eher die Ausnahme. Vielmehr sind die Kontakte zwischen ihnen zwar häufig, aber eher punktuell und kurz. In Situationen, die die Professionellen (genauso wie oder im Gegensatz zu den Jugendlichen) als gewaltsam interpretieren, kommen solche Kontakte bzw. Interaktionen zustande. [39]

Wenn UNTERKOFLER nun nach professionellen Bearbeitungsmustern von Gewalt in der offenen Jugendarbeit fragte, war es wichtig, die Perspektive der FeldteilnehmerInnen (HONER 2009, S.198) einzunehmen – in Bezug auf die skizzierte Fragestellung insbesondere die der Professionellen. Diese erleben den Alltag im Jugendtreff als Aneinanderreihung bestimmter Ausschnitte des Geschehens. Sie haben das Geschehen "im Blick" bzw. "im Ohr" und intervenieren dann, wenn sie Bedarf dazu sehen. Für die SozialpädagogInnen sind also nur Ausschnitte des Geschehens relevant, die aus ihrer Sicht einen bestimmten Handlungsanlass implizieren. Das ist beispielsweise immer dann der Fall, wenn eine Situation als Gewaltsituation interpretiert wird bzw. als eine Situation, die sich gewaltförmig entwickeln könnte. Die sozialpädagogische Praxis im Jugendtreff besteht dadurch aus vielen aneinandergereihten, meist kurzen und relativ voneinander unabhängigen Situationen. Die Struktur dieser Praxis spiegelt sich in den Beobachtungsprotokollen wider: Sie beschreiben meist viele relativ voneinander unabhängige Ausschnitte des Geschehens im Jugendtreff – und zwar die Ausschnitte, welche die Professionellen "miterleben" und auf deren Grundlage sie letztendlich auch intervenieren. [40]

Zusammenfassend kann die Frage nach der Legitimität der Auswahl bestimmter Situationen zugunsten eines hohen Detaillierungsgrades wie folgt beantwortet werden. Zum einen erforderte die Fokussierung auf Gewalt als Phänomen, das große Interpretationsspielräume zulässt, eine detaillierte Beschreibung situativer Aushandlungsprozesse, in denen Verständnisse von und Umgangsweisen mit Gewalt durch unterschiedliche AkteurInnen(gruppen) im Feld realisiert werden. Durch deren laufende Rekonstruktion wurden zunehmend auch Auswahlkriterien für die Selektion herausgearbeitet. Zum anderen legten die Strukturen des professionellen Handelns im Feld bereits eine Ausschnitthaftigkeit beim Protokollieren nahe, indem in Bezug auf die Relevanz von Situationen für die Gewaltbearbeitung die Perspektive der Professionellen eingenommen und auf ihren punktuellen "Interventionsmodus" Bezug genommen wurde. [41]

4.2 Das Protokollieren des Unbeschreiblichen als notwendige Herausforderung

Im Dissertationsprojekt von REINECKE-TERNER ging es um die Forschungsfrage: Wie handeln SchulsozialarbeiterInnen im institutionellen Rahmen Schule, und wie gehen die SchülerInnen als AdressatInnen dieser Handlungen damit um? Um dies im Kontext der Grounded-Theory-Methodologie ethnografisch zu erkunden (GLASER & STRAUSS 2008 [1967]; BREUER 2009), wurden zwei Schulen für jeweils 3-4 Monate aufgesucht und teilnehmend beobachtend begleitet7). Die Beobachterin fokussierte die Interaktionen zwischen den SchulsozialarbeiterInnen und den SchülerInnen sowie einzelne SchülerInnen und ihre Verortung am Ort Schule. Ziel war es, das Handeln der SozialarbeiterInnen in der "Schulkultur" (vgl. zum Kulturbegriff exemplarisch FRIEBERTSHÄUSER, KRÜGER & BOHNSACK 2002) zu beobachten, um Mechanismen, Routinen und Abläufe, also "inkorporierte Praktiken" (RECKWITZ 2003, S.289) der Schulsozialarbeit analysierbar zu machen. [42]

An den bereits dargestellten Protokollausschnitten 3 und 5 zur Film-AG, welche Teil eines insgesamt fünfseitigen Protokolls sind, sollen nun die Konstruktionsprinzipien der für diese Studie gewählten Schreibweise skizziert werden. [43]

4.2.1 Die Konstruktion eines "besonderen" schulischen Settings

Allein aufgrund der Vielschichtigkeit der Situationen (viele parallel ablaufende Sequenzen, unterschiedliche Personen mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken, Äußerungen und Handlungen usw.) ist eine hohe Selektivität des Beschriebenen gegeben. Dennoch bemühte sich die Protokollantin um eine möglichst umfassende Darstellung und darum, eine "dichte Beschreibung" (GEERTZ 1983) zu gewährleisten. Grund hierfür war, dass es nicht ausschließlich um die Gesprächsinteraktionen ging, sondern auch um die Anordnung der SchülerInnen im Raum. Dies meint sowohl den architektonischen Ort als auch das Setting, den Raum, den die SozialarbeiterIn den SchülerInnen für die AG eröffnet. Die Protokollantin beschrieb einzelne Personen anhand ihrer Mimik, ließ andere jedoch dabei aus. Der Fokus lag auf einer weitreichenden Darstellung der hauptsächlich agierenden Personen, um die Atmosphäre des Beobachteten abzubilden. [44]

Entgegen dem Vorgehen von UNTERKOFLER im "offenen" Feld der Jugendarbeit spielt in diesem Protokoll der AG-Rahmen als institutionalisierter Kontext innerhalb von Schule eine bedeutsame Rolle. REINECKE-TERNER hebt Aspekte hervor, die darauf hindeuten, dass Schulsozialarbeiterin und SchülerInnen hier eine besondere "Lernatmosphäre" herstellen, bei der die Schulsozialarbeiterin eine leitende Position einnimmt. Durch Sätze wie "Frau Mohn kommentiert das 'Zuspätkommen' nicht" suggeriert die Beobachterin eine möglicherweise kommentierbare Regelüberschreitung. Durch das Hervorheben des Unterlassens des Kommentierens kann hingegen später interpretiert werden, dass hier eine intentionale Handlung vollzogen wurde. Es ist also die Beobachterin, die aus ihrer Perspektive voraussetzt und beschreibt, dass die Schulsozialarbeiterin durch das "Nicht-Kommentieren" die Regel des "Pünktlich-Seins" als weniger bedeutsam darstellt und somit in diesem Rahmen "Offenheit" herstellt. Welche Rolle Pünktlichkeit in diesem Zusammenhang tatsächlich spielt oder ob es eine Vorgeschichte zu dieser Situation gab, wird aus dem Text nicht ersichtlich. [45]

So verweisen weitere Sätze wie "Frau Mohn ... wirkt weiterhin ganz gelassen" aus der Perspektive der Beobachterin auf die Stimmung der Akteurin. Diese Beschreibungen ermöglichen den LeserInnen des Protokolls, eine entspannte Atmosphäre wahrzunehmen, die den Ablauf der AG in besonderer Art und Weise rahmt. [46]

Zudem werden im Protokoll Regeln und Voraussetzungen der AG deutlich, die den institutionellen, schulischen Rahmen und die Zielgerichtetheit der AG aufzeigen, so z.B. in einem weiteren, zusammengefassten Satz, "die müssten sich dann nur gut miteinander verständigen und nicht so schreien". Die Beobachterin fokussierte mit dieser protokollierten Aussage eine deutliche Aufforderung der Sozialarbeiterin, sich in der "Freiarbeitsphase"8) an offenbar bestehende Regeln (ruhige und geordnete Kommunikation) zu halten. Gleichzeitig hebt REINECKE-TERNER jedoch ihren "freundlichen Blick" hervor, der auf den Umgang von Frau Mohn mit den SchülerInnen auf der Beziehungsebene verweist. Die Betonung dieser Ebene zeigt auf, dass es sich bei der Herstellung der Situation, wie sie von der Autorin beschrieben wurde, um eine Abgrenzung vom "klassischen" Schulalltag handelte bzw. die Sozialarbeiterin neben der Durchführung der AG weitere Intentionen im Umgang mit den SchülerInnen hatte. [47]

Durch das Beschreiben der Reaktion von Erdal – "Erdal nickt, er macht ein wenig Show und tut übertrieben ernsthaft" – werden den LeserInnen des Protokolls schließlich mehrere Interpretationsmöglichkeiten offeriert: Das Nicken kann als Zustimmung und Anerkennung der Regel gelesen werden, das "Show machen" als gegenteilige Ablehnung, und das "übertrieben ernsthafte" Auftreten als Geste des Einfügens in den institutionellen Rahmen, der zugleich einen Freiraum lässt, eigenverantwortlich mit diesem umzugehen. Die wenigen Beispiele zeigen demnach einen durch die Schreibweise eröffneten Interpretationsspielraum für die Analyse auf, der erlaubt, "Atmosphäre" überhaupt zu betrachten. Die Konstruktionen, die die Forscherin dabei ins Spiel gebracht hat, sind Teil ihrer Wahrnehmung als Beobachterin dieser Situation. So weisen die beschriebenen Gesten auf zunächst wenig beschreibbare "Stimmungen" hin, die die AkteurInnen im Feld zumindest der Beobachterin gegenüber "ausstrahlen". [48]

Das Protokollieren der "Rohdaten" weist zusammenfassend, wie an dem hier vorgestellten ethnografischen Protokoll exemplarisch gezeigt, ein entscheidendes methodisches Problem auf: Die Beobachterin muss "soziale Tatsachen von vorneherein (…) in eigene Worte fassen" (HIRSCHAUER 2001, S.437), insbesondere wenn die Beobachteten "verstummen" (S.436). Durch den Verweis auf das "Unbeschreibliche" (S.440) oder das "Stumme" (S.445) zeigt HIRSCHAUER die "Grenzen des Sagbaren" (S.446) innerhalb von Beobachtungsprotokollen auf. Mit dem Anspruch, Stimmungen und Atmosphäre sozialer Situationen ins Protokoll aufzunehmen, versuchte die Autorin, das "Unsagbare" sagbar zu machen und hielt damit wichtige Aspekte sozialer Situationen fest. Nur durch ihre Wahrnehmung als Interaktionsteilnehmerin und durch die Verbalisierung im Protokoll konnten sie einer Analyse überhaupt zugänglich gemacht werden. [49]

Das Handeln der SozialarbeiterInnen wird also auf mehreren Ebenen erfasst: zum einen auf der Ebene der Konstruktion von Settings (hier ein AG Setting), zum anderen durch das Beschreiben von Stimmungen, Atmosphären und Spannungen zwischen den AkteurInnen. Dadurch wird gerade in diesem Protokoll die subjektive Wahrnehmung der Protokollantin deutlich hervorgehoben, was auch auf das Interpretieren als subjektiven Prozess verweist. Somit besteht die Notwendigkeit vor allem darin, diesen zu reflektieren und ihn im "Rapport" (WOLFF 1987, S.333) mit den LeserInnen glaubwürdig und plausibel werden zu lassen. [50]

4.3 Die Forscherin als "andere" Akteurin in den Daten

Im oben genannten Protokollausschnitt 4 "Sofaszene im Kontaktladen" beschreibt STRECK die eigenen Handlungen als Beobachterin ebenso wie die der anderen AkteurInnen im Feld. Die eigene Platzierung im Raum, die Beteiligung an Interaktionen und Reaktionen auf das eigene Handeln werden benannt. Die starke Sichtbarkeit der Forscherin in den Protokollen, ihre Teilnahme am Geschehen im Feld und deren explizite Nennung im Datenmaterial sind für die Protokolle von STRECK charakteristisch. [51]

Um zu verdeutlichen, warum die Forscherin eine so starke Position in den Protokollen einnimmt, wird zunächst kurz auf die Forschungsfrage eingegangen, um anschließend die starke Präsenz der Forscherin im Datenmaterial als Erkenntnisquelle für unterschiedliche Formen der Nutzung niedrigschwelliger Drogenarbeit zu explizieren. [52]

Zentrale Forschungsfrage des hier zugrunde liegenden Forschungsprojektes war: Wie nutzen DrogenkonsumentInnen Angebote niedrigschwelliger Drogenarbeit? Nutzung bezeichnet ein Handeln im Kontext sozialer Dienstleistungen,

"das seine 'Richtung' aus dem 'Sinn' erhält, den die Nutzer ihm zumessen und das in Zusammenhang steht mit den subjektiven Präferenzen, den Erfahrungen, den Selbst- und Fremddeutungen einerseits und anderseits auf die konkreten insitutionellen, organisationellen und professionellen Merkmale des jeweiligen Programms bezogen ist" (DOLIC & SCHAARSCHUCH 2005, S.100). [53]

Nutzung kann also nur rekonstruiert werden, wenn sie als sinnhaftes soziales Handeln innerhalb des Kontextes einer konkret situierten sozialen Dienstleistung untersucht wird.9) [54]

4.3.1 Die Forscherin als Akteurin im Feld

Auf Grundlage der sensibilisierenden Handlungstheorie (HITZLER 2003; KNOBLAUCH 2010; THOMAS 1965 [1928], S.113ff.) wird davon ausgegangen, dass der institutionelle Rahmen einer sozialen Dienstleistung das auf diese bezogene Handeln, die Nutzung, mitbestimmt. Damit die Forscherin diese institutionellen Rahmungen und die auf diese bezogenen Handlungen erfassen und verstehen konnte, nahm sie an der entsprechenden Alltagswelt teil. Warum wurde in den Beobachtungsprotokollen jedoch ihrem Handeln im Feld ein solcher Stellenwert eingeräumt? [55]

Die Ich-Erzählperspektive verdeutlicht zunächst die Standortgebundenheit der Beobachtungen (EMERSON et al. 1995, S.53). Zudem wird explizit benannt, wo sich die Forscherin im Raum platziert. So werden sowohl ihre räumliche Perspektive auf das Geschehen als auch der Grad ihrer Eingebundenheit und ihrer Beteiligung an dem Entstehen der Situation deutlich. [56]

Die Forscherin tritt in den Beobachtungsprotokollen zudem auch explizit als Akteurin im Feld auf. Sie reagiert auf die Frage, wo derjenige sei, der mit dem Ausschank von Getränken beauftragt ist. Sie stellt sich hinter die Theke und gibt Tee aus. Sie rückt in die Mitte des Sofas und beteiligt sich an Unterhaltungen der BesucherInnen. Entsprechend der handlungstheoretischen Vorannahmen ist davon auszugehen, dass die Forscherin als Akteurin im Feld selbst in Auseinandersetzung mit den institutionellen Rahmungen handelte und deren Regelhaftigkeit in ihrem Handeln erkennbar ist. Wie sie sich als Fremde in dem ihr zunächst fremden Feld positionierte und welche Plätze sie einnahm, hat Aussagekraft bezüglich der Spezifik der situativen und institutionellen Rahmungen dieser sozialen Dienstleistung, d.h. des Kontaktladens. In Bezug auf den Protokollausschnitt 4 fallen zwei Dinge auf. Erstens nimmt die Beobachterin die Aufgabe des Teeausgebens an und platziert sich hierzu hinter der Theke ("Ich stehe auf und mache ihr hinter der Theke einen Tee"). Damit setzt sie sich eindeutig von den NutzerInnen ab, die nicht hinter die Theke gehen und Getränke ausgeben dürfen. Sie nimmt eine das Feld bestimmende Rolle, die der Mitarbeiterin, ein. Zweitens beteiligt sie sich an den Alltagsgesprächen und wird spontan in Unterhaltungen ("Hierbei bezieht sie mich mit Blicken schon in die Unterhaltung mit ein") einbezogen. Damit begibt sie sich selbst in das Spannungsfeld, in dem sich die MitarbeiterInnen gegenüber den NutzerInnen positionieren: Einerseits existieren differente Rollen, durch die die Dienstleistungsinteraktionen (das Teeausgeben) strukturiert sind, und die sich auch in räumlichen Zugangsregeln manifestieren. Andererseits findet eine Integration in alltägliche Kommunikation statt, die gerade durch eine symmetrisch aufgebaute Interaktionsstruktur und ein symbolisches "Vergessen" der Rollenunterschiede charakterisiert ist. Diese hier beispielhaft vorgenommene Analyse des Handelns der Beobachterin und deren Positionierung im Feld ermöglichte demnach einen Blick auf die spezifische Rahmung dieses Settings Sozialer Arbeit. Ein Vergleich des Handelns der Beobachterin in unterschiedlichen Feldern könnte zusätzlich Besonderheiten eines solchen Settings unterstreichen (vgl. hierzu auch SCHONEVILLE, KÖNGETER, GRUBER & CLOOS 2006, S.232). [57]

4.3.2 Der Bezug auf die Forscherin als "besondere Andere" im Feld

Neben den Positionierungen, die die Ethnografin vornimmt, sind weiterhin die Akte des Positioniertwerdens bedeutsam, mit denen ihr im Feld begegnet wird10). Während der Feldphase wurde die Forscherin von den NutzerInnen des Kontaktladens keinesfalls als Teil der Drogenszene wahrgenommen. Indem sie mehrmals gefragt wurde, ob sie Praktikantin11) sei, wurde ihr eher die Rolle einer vorübergehend anwesenden Studentin zugeschrieben.12) [58]

Im oben genannten Protokollausschnitt 4 wird die Forscherin wie selbstverständlich in die Interaktionen integriert, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt den BesucherInnen noch nicht bekannt war. So wird beispielsweise hingenommen, dass sie Tee ausschenkt und die Erlaubnis besitzt, hinter den Tresen zu treten. Auch wenn sie gebeten wird, den Platz auf dem Sofa für einen Besucher freizumachen, wird ihr als "erwartbarer" Akteurin begegnet. Sie ist zwar als Person (noch) nicht bekannt, ihr wird aber eine im Feld übliche Rolle (hier die der Praktikantin) zugeschrieben. Auf Grundlage dieser Zuschreibung wird ihr gegenüber gehandelt. Das verweist darauf, dass die Anwesenheit von fremden Personen nichts Ungewöhnliches im Setting ist. Erst als sie ihr Notizheft zur Hand nimmt, fällt sie aus bekannten Rollenmustern heraus. Diese fremde, irritierende Tätigkeit provoziert eine Reaktion der BesucherInnen. In diesem Fall nutzt Dominik die Situation zur Selbstpräsentation, indem er sich als anders gegenüber den anderen BesucherInnen beschreibt ("Er hingegen hätte Kontakte"). Diese Darstellungen lassen also Schlüsse über die Modi der Integration von Fremden im untersuchten Feld zu. Zudem werden unterschiedliche Bezüge der NutzerInnen auf die Forscherin in ihren Handlungen deutlich. Es gibt diejenigen, die den Kontakt zur Forscherin als Möglichkeit der Selbstpräsentation nutzen, andere beziehen sich kaum auf sie oder sie wird als gewöhnliche Gesprächspartnerin in Unterhaltungen einbezogen. Die Beobachterin mit ihrem Notizheft nimmt als "besondere Andere" (KALTHOFF 1997, S.241) eine institutionell nicht vorgesehene Position ein und fordert damit eine Reaktion der AkteurInnen im Feld heraus. Der differente Umgang mit ihrer Präsenz sagt etwas über die jeweiligen AkteurInnen und ihr spezifisches Verhältnis zum Kontaktladen aus. Das Festhalten der Reaktionen auf die Forscherin im Feld in den Beobachtungsprotokollen kann damit auch Hinweise auf unterschiedliche Nutzungsmuster liefern. [59]

Die Frage, warum der Forscherin als Akteurin in den Beobachtungsprotokollen eine solche Bedeutung zugewiesen wurde, kann also vorrangig mit Bezug auf den Forschungsgegenstand sowie auf die zugrunde liegenden handlungstheoretischen Konzepte beantwortet werden. So deuten das Handeln der Beobachterin sowie der Umgang mit ihr als Fremde auf die strukturellen Rahmungen des Feldes. Zudem repräsentieren sich im Handeln der NutzerInnen gegenüber der Forscherin als "besonderer Anderen" (a.a.O.) Bedeutungen, die sie diesem Ort und seinen AkteurInnen zuweisen. [60]

5. Das "Fremdwerden" des eigenen Protokolls als Reflexions- und Lernprozess

Wie wir gezeigt haben, geht die methodologisch postulierte Offenheit von Beobachtungen und deren Protokollierungen in ihrer praktischen Realisierung mit einer kontinuierlichen Selektion einher. Wir haben herausgestellt, dass der notwendige Selektionsprozess je nach ForscherIn und Forschungsprojekt auf seine höchst spezifische eigene Weise stattfindet und reflexiv gestaltet werden muss. [61]

In unseren Ausführungen ist deutlich geworden, dass Beobachtungsprotokolle eine sehr unterschiedliche Gestalt annehmen können. Sie erzählen Geschichten oder schildern Episoden in szenischer Darstellung. Es werden Gespräche detailliert wiedergegeben oder es fließen atmosphärische Beschreibungen ein. Forschende können AkteurInnen oder auch interpretierende BeobachterInnen sein. Die Schreibweise von Beobachtungsprotokollen wird zunächst durch die Fragestellung, mit der ein Forschungsprojekt begonnen wird, explizit oder auch implizit geleitet. Zudem tragen sensibilisierende Theorien und auch die in der Vorbereitung einbezogene methodische Literatur dazu bei, welchen Aspekten in den Beschreibungen mehr Platz als anderen eingeräumt wird. [62]

Im Vergleich unserer Protokolle sind wir außerdem zu dem Schluss gekommen, dass nicht nur die Forschenden aufgrund ihrer theoretischen Vorannahmen und Fragestellungen das Schreiben der Protokolle beeinflussen, sondern auch die Eigenheiten des Feldes das Beobachten und Schreiben strukturieren. Wenn das Untersuchungsfeld beispielsweise durch einen festen räumlichen und zeitlichen Rahmen sowie den Bezug auf eine zentrale Person (etwa auf die Sozialarbeiterin in einer Projektstunde in der Institution Schule) strukturiert ist, dann wirkt das auch auf die Schreibweise. Es treten weniger einzelne Episoden als das Gesamtgeschehen in einem festgelegten Rahmen in den Vordergrund. Das Setting des Jugendtreffs kennzeichnet sich hingegen durch die Gleichzeitigkeit vieler unterschiedlicher Interaktionen. So war die Beobachterin gezwungen, mit ihrer Aufmerksamkeit von einer Episode zur nächsten zu springen. In den Protokollen stehen diese Interaktionsepisoden dann teilweise unverbunden nebeneinander. Zudem haben wir gezeigt, dass bestimmten Aspekten von Situationen in verschiedenen Feldern unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben werden. So wird beispielsweise in der Institution Schule lautes Agieren der SchülerInnen untereinander als Störung des Unterrichts gedeutet. Die Forscherin als selbst in und durch Schule sozialisierte Person richtete ihre Aufmerksamkeit aufgrund dieses Wissens darauf, ob die SchülerInnen der Schulsozialarbeiterin aufmerksam folgten. In den Protokollen zum Geschehen im Kontaktladen für DrogenkonsumentInnen wurde hingegen kaum etwas über Lautstärke oder aufmerksames Zuhören geschrieben, da diese interaktiven Aspekte weder in den Vorannahmen über das Feld noch im Feld selbst zum Thema wurden. So ist zusammenfassend zu sagen, dass wir als Forschende einerseits beim Protokollieren dem Feld unsere – möglichst reflektierten – Vorannahmen "aufdrängten", andererseits "drängte" aber auch das Feld uns seine Konstitutionsprinzipien "auf". [63]

Eine Rekonstruktion der Einflüsse auf das Gestalten von Beobachtungsprotokollen eröffnet erstens zusätzliche Analyseperspektiven. Die Frage, wie das Feld die Gestalt des Protokolls beeinflusst, welche Vorannahmen über das Feld Forschende mitbringen, und wie sich diese dann im Protokoll zeigen, sind für die Herausarbeitung der Strukturiertheit des Feldes von großer Bedeutung. Zweitens ermöglicht ein Bewusstwerden der eigenen Konstruktionsleistung in ethnografischen Schreibprozessen deren kritisch-reflexive Analyse und deren Integrationen in den wissenschaftlichen Prozess (vgl. FRIEBERTSHÄUSER 2003, S.508; HITZLER & HONER 1988, S.499). So bietet die Rekonstruktion der eigenen Schreibpraxis eine Möglichkeit, im Auswertungsprozess erste Kategorien und Deutungshypothesen kritisch zu hinterfragen. Im Zentrum steht hier die Frage von Joseph A. MAXWELL: "How might your results and conclusions be wrong?" (2005 [1941], S.4) Hätte eine ausführliche Darstellung des Dialogs oder der eigenen Handlungen im Kontext der Feldforschung andere Ergebnisse bringen können? Oder sind diese unterschiedlichen Varianten für die jeweilige Forschungsfrage aus theoretischen Erwägungen und mit Blick auf empirische Gegebenheiten irrelevant? Welche Erkenntnisse werden gerade durch die spezifische Art des Schreibens der Protokolle möglich? Welche Bereiche bleiben dadurch verschlossen? Und drittens ermöglicht die Reflexion auch eine Modifikation der eigenen Schreibweise im Laufe des Forschungsprozesses. Da STRECK und UNTERKOFLER zum Zeitpunkt der gemeinsamen Diskussion ihre Datenerhebung noch nicht abgeschlossen hatten, gingen sie mit dem Wissen über die Strukturiertheit des eigenen Schreibens in weitere Erhebungsphasen. UNTERKOFLER achtete stärker auf Mimik und Gestik oder auf Bewegungen während der Gespräche. STRECK schenkte dem gesprochenen Wort und den einzelnen Interaktionssequenzen mehr Aufmerksamkeit. Durch die Erkenntnisse, die wir durch den Vergleich unserer Protokolle und der darin repräsentierten unterschiedlichen Herangehensweisen erarbeiteten, konnten wir die eigene Forschungspraxis weiterentwickeln. [64]

Beim Schreiben von Beobachtungsprotokollen gibt es kein per se "richtiges" und "falsches" oder "besonders sauberes" Vorgehen, wie es die methodische Literatur (vgl. Abschnitt 2) teilweise nahe legt. So konnten wir anschaulich machen, dass beispielsweise eine klare Trennung zwischen Beobachtungen und Interpretationen nicht möglich ist. Es stellt sich vielmehr die Frage, wie diese Trennung vollzogen, kenntlich gemacht und genutzt wird. Genauso ist die Forderung nach einer möglichst detaillierten Beschreibung des Beobachteten zu pauschal und kann nur vor dem Hintergrund des Anspruchs einer reflektierten Selektion verwirklicht werden. Jede Forschende hat eine eigene Schreibweise, die von verschiedenen Bedingtheiten geprägt wird. Das Aufschreiben von Beobachtetem ist zwangsweise ein selektiver und eigensinniger Prozess. Es ist jedoch notwendig zu fragen, wie die Selektionen vorgenommen werden. Bei der Reflexion der Spezifik des eigenen Selektionsprozesses profitierten wir vom Vergleich der eigenen mit anderen Beobachtungsprotokollen sowie von einem intensiven, analytisch geprägten Austausch. Erst im Vergleich und durch den Blick der anderen wurde das eigene Protokoll in gewisser Weise "fremd", weil eigene selbstverständliche, durch (kulturelle) Vorannahmen geprägte Schreibpraxen bewusst wurden. Insofern plädieren wir dafür, die Fähigkeiten des kontrastierenden Vergleichens, die wir im Zuge der Datenanalyse entwickelt haben, auch in Bezug auf Beobachtungsprotokolle und Schreibpraxen zu nutzen. Im Hinblick auf die Qualität ethnografischer Forschung können wir auf die so gewonnenen Reflexionsgewinne kaum verzichten. [65]

Anmerkungen

1) Zum prägnanten Vergleich der Beobachtungsprotokolle wurden zentrale Unterschiede herausgearbeitet, die sich in ihrer Deutlichkeit nicht in jedem einzelnen Protokoll der jeweiligen Autorin zeigen. Die Gestalt der Beobachtungsprotokolle variiert innerhalb eines Forschungsprojektes entsprechend der Forschungsphasen und des sich verändernden (sich präzisierenden) Forschungsinteresses. <zurück>

2) Alle Personennamen in den folgenden Datensequenzen wurden anonymisiert. <zurück>

3) Dialogfragmente, die in Anführungszeichen gesetzt sind, geben Stellen wider, die von der Autorin wortwörtlich in den Feldnotizen niedergeschrieben und deshalb auch wortwörtlich in die Beobachtungsprotokolle übertragen werden konnten (vgl. SPRADLEY 1980, S.67; STRAUSS et al. 1981, S.27ff.). <zurück>

4) Neben teilnehmender Beobachtung an 71 Beobachtungstagen kamen weitere Erhebungsmethoden zum Einsatz: Es wurden Team- bzw. Fallbesprechungen der SozialpädagogInnen als Teil der professionellen Gewaltbearbeitungspraxis aufgezeichnet sowie Feldgespräche und Interviews – ethnografische Interviews (SPRADLEY 1979) bzw. ethnografisch gerahmte ExpertInneninterviews (PFADENHAUER 2009) – mit den Professionellen geführt. <zurück>

5) Zum Verhältnis von Beobachtungs- und Interviewdaten vgl. HONER (2006, S.97). <zurück>

6) Dass sich das Gewaltverständnis der SozialarbeiterInnen im Feld nicht auf absichtsvolle, körperliche Verletzungen (POPITZ 2009) beschränkte, konnte UNTERKOFLER in ihrer Untersuchung herausarbeiten. Allein am Protokollbeispiel 2 "Gespräch am Küchentisch" kann dies jedoch nicht gezeigt werden. <zurück>

7) Neben der teilnehmenden Beobachtung wurden in diesem Forschungsprojekt formale und informelle Interviews (SPRADLEY 1980, S.123) mit Kindern und Jugendlichen und SchulsozialarbeiterInnen geführt, um die "Arbeitsbeziehung" aus der jeweiligen Perspektive zu erfassen. Außerdem erfolgten zwei Gruppendiskussionen (vgl. BOHNSACK 2004, S.380ff.). Die für die formalen Interviews erstellten Leitfäden orientierten sich am problemzentrierten Interview (WITZEL 2000). <zurück>

8) Als "Freiarbeitsphase" ist hier eine Zeit gemeint, in der die SchülerInnen ohne Aufsicht eigenverantwortlich vorher formulierten, teilweise selbstbestimmten Aufgaben nachgehen. <zurück>

9) Im Dissertationsprojekt wurden neben den teilnehmenden Beobachtungen an 54 Tagen auch problemzentrierte Interviews mit narrativen Impulsen (in Anlehnung an WITZEL 2000) mit 11 NutzerInnen der beobachteten niedrigschwelligen Angebote Sozialer Arbeit geführt. So konnten die Handlungen der NutzerInnen im Feld mit den subjektiven Deutungen ihrer Nutzung im Interview verglichen und ergänzt werden. <zurück>

10) KALTHOFF (1997, S.241f.) hebt die Bedeutung der Frage hervor, "wie die Teilnehmer einerseits den Ethnographen beobachteten, welche 'Register' oder 'Repertoires' der Fremdrepräsentation sie bereithielten, aktualisierten und aushandelten, und wie der Beobachter andererseits seine Passung in diesen Kontext organisiert". <zurück>

11) Tatsächlich war die Typisierung als "Praktikantin" eine häufige Zuschreibung, mit der die Forscherin während ihres Feldaufenthaltes umgehen musste. Auch diese im Feld gängigen Typisierungen sind gegenüber der Struktur des institutionellen Settings ausdrucksstark (vgl. hierzu auch SCHONEVILLE et al. 2006). <zurück>

12) Der hier vorliegende Protokollausschnitt 4 ist aus dem Protokoll des ersten Beobachtungstages. Die Forscherin war somit im Feld noch nicht bekannt. Die hohe Fluktuation der BesucherInnen erschwerte ein sofortiges Vorstellen der eigenen Person sowie das Aufklären über das Forschungsprojekt gegenüber jeder Person, die den Raum betritt. Daher wählte die Forscherin den Weg bei Gelegenheiten, die sich in den Interaktionen ergaben, über ihr Forschungsvorhaben zu informieren und das Einverständnis für die Beobachtung der Interaktionen einzuholen. Zudem protokollierte sie offen, sodass es immer wieder die Möglichkeit gab, über das Forschungsvorhaben ins Gespräch zu kommen, Fragen zu klären oder auch Widersprüche aufzunehmen. <zurück>

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Zu den Autorinnen

Rebekka STRECK (Dipl.-Sozialpädagogin und Dipl.-Sozialwissenschaftlerin) ist Promovendin am Institut für Erziehungswissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal, Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung und Lehrbeauftragte an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind sozialpädagogische NutzerInnenforschung, niedrigschwellige Soziale Arbeit, Drogenhilfe, Handlungsmethoden Sozialer Arbeit sowie Grounded-Theory-Methodologie und Ethnografie.

Kontakt:

Rebekka Streck

Karl-Kunger-Str. 59
D-12435 Berlin

E-Mail: r.streck@gmx.de

 

Ursula UNTERKOFLER (Dipl.-Sozialpädagogin und Dipl.-Soziologin) ist Promovendin am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung und Lehrbeauftragte an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind Wissens- und Professionssoziologie, qualitative Sozialforschung, insbesondere Grounded-Theory-Methodologie und Ethnografie sowie Ansätze und Praxis offener und niedrigschwelliger Sozialer Arbeit.

Kontakt:

Ursula Unterkofler

Am Brunnen 19
D-85551 Kirchheim

E-Mail: ursula.unterkofler@googlemail.com

 

Anja REINECKE-TERNER (Diplom Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin, M.A. [Social Work]) ist Promovendin am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik an der Stiftung Universität Hildesheim, Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung und Lehrbeauftragte (Hochschule Hannover, Fakultät 5, Abteilung Soziale Arbeit, HAWK Hildesheim). Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind: Schulsozialarbeit/Kooperation Jugendhilfe und Schule, Sozialarbeitswissenschaft, qualitative Sozialforschung mit dem Schwerpunkt Ethnografie.

Kontakt:

Reinecke-Terner, Anja

Im Moore 18 A
D-30167 Hannover

E-Mail: anja.terner@gmx.de

Zitation

Streck, Rebekka; Unterkofler, Ursula & Reinecke-Terner, Anja (2013). Das "Fremdwerden" eigener Beobachtungsprotokolle – Rekonstruktionen von Schreibpraxen als methodische Reflexion [65 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 14(1), Art. 16,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1301160.



Copyright (c) 2013 Rebekka Streck, Ursula Unterkofler, Anja Reinecke-Terner

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