Volume 13, No. 2, – Mai 2012

Die lebensweltliche Ethnografie von Anne Honer. Zum Tode einer Freundin und Kollegin

Jo Reichertz

Inhaltsverzeichnis

1. Subjektivität im Forschungsprozess

2. Lebensweltliche Ethnografie oder teilnehmende Beobachtung?

3. Die aktuelle Bedeutung der lebensweltlichen Ethnografie

Literatur

Zum Autor

Zitation

 



1. Subjektivität im Forschungsprozess

Ein im Gehirn geplatztes Blutgerinnsel riss Anne HONER im Februar 2009 aus ihrem gewohnten Leben. Die anschließende Gefäßoperation führte zu einer mehrere Minuten dauernden Sauerstoffunterversorgung des Gehirns. Fortan lebte sie im Wachkoma. Anne HONER starb am 23. Februar 2012 – fünf Wochen vor ihrem 61. Geburtstag. [1]

Anne HONER war eine gute Freundin. In den vier Jahrzehnten, die wir uns kannten, haben wir immer wieder miteinander bis tief in die Nacht zusammengesessen, geplaudert, gelacht und debattiert. Wir haben zusammen getratscht, getrunken und geraucht. Anne lebte intensiv – im Leid wie im Glück. [2]

Anne HONER war eine Wissenschaftlerin. Mit Leidenschaft betrieb sie verstehende Sozialforschung. Selbst eine der Pionierinnen der verstehenden Sozialforschung, blieb sie (beeindruckt und getrieben von den Ideen Alfred SCHÜTZ' und Thomas LUCKMANNs) zeitlebens den Prinzipien dieses Forschungsansatzes verpflichtet, entwickelte sie weiter und gab Impulse, die heute (angesichts der Herausforderungen der alltäglichen Interkultur an die verstehende Forschung) von großer Bedeutung sind. Sie war sich sicher, dass die Arbeit von Männern und Frauen, also auch von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, in deren Subjektivität gründet und dass man diese weder negieren kann noch soll. Ich habe Vieles von ihr gelernt. [3]

Anne HONER ging es nicht um die Vermehrung des Herrschaftswissens oder um die Vermessung der Subjekte zwecks gezielterer Steuerung, nicht um die Rekonstruktion der Sozialstruktur oder die Neuauslegung der Klassiker/innen, sondern sie wollte stets den Subjekten (und deren Anderssein) zu ihrem Recht verhelfen – ihren Sichtweisen, ihren Deutungen, ihren Gefühlen, ihren Wahrnehmungen. Ihre Arbeiten sind durchgängig Versuche, die Subjektivität der von ihr Beobachteten zu wahren und sie zugleich der Wissenschaft zugänglich zu machen. Dabei ging es Anne HONER bei ihrer Forschung um die kleinen Sinnwelten und oft auch um die kleinen Fluchten der Menschen (in) der Gesellschaft, welche die Soziologie oft übersieht – so z.B. um die Heimwerker/innen, die Bodybuilder/innen, die Kranken, die von Mediziner/innen Behandelten, die Leidenden und die vom Leiden in Mitleidenschaft Gezogenen (HONER 1993, 1994, 2001 und 2011). [4]

Menschen sind in Anne HONERs Forschungen immer sehr viel mehr als nur Subjekte, die mittels ihrer Kognition Eindrücke verarbeiten und rational ihr Handeln planen. Menschen sind für sie vor allem Akteur/innen, die einen Leib und einen Körper haben, die denken, hoffen, fühlen, leiden, lachen, glücklich oder unglücklich sind und deren Denken und Handeln immer mit dieser körperlichen Befindlichkeit, mit dieser Subjektivität, verwoben ist. Deshalb haben Sozialforscher/innen nach Anne HONERs Auffassung, wollen sie das Handeln von Menschen verstehen, auch deren subjektive körperliche Befindlichkeit zu erheben und zu "verstehen". Der Weg zur Subjektivität des/der Anderen führt bei ihr dabei immer nur über die eigene Subjektivität. Die Subjektivität der Forschenden während des Forschungsprozesses war für sie deshalb keine zu vermeidende "Verschmutzung" wissenschaftlicher Arbeit, sondern konstitutiv dafür. Für Anne HONER war "eine auf 'Subjektivität' nicht nur rekurrierende, sondern auf dieser gründende Soziologie nachgerade unabdingbar" (2011, S.261). [5]

Die verstehende Sozialforschung, die ausschließlich auf Interviews setzt, war Anne HONER nicht ausreichend. Sie war skeptisch, ob man mit Interviews etwas über die subjektive Befindlichkeit von Menschen erfahren kann. Für sie musste zeitgenössische verstehende Sozialforschung mehr denn je eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der Qualität von Daten aufbringen, die uns von anderen in Interviews übermittelt werden. Denn die oft kunstvoll hervorgelockten Erzählungen Anderer über soziale Phänomene und über deren Erfahrungen sind erst, und vor allem einmal nur geordnete Darstellungen dieser Erfahrungen, nicht diese Erfahrungen selbst. Diese Darstellungen sind immer in bestimmte Kommunikationssituationen eingebettet und deshalb immer auch strategisch. Das übersehen manche Forschende, und sie nehmen Darstellungen von Erfahrungen nicht zunächst einmal als Darstellungen von Erfahrungen, sondern zugleich und vor allem als Darstellungen von Erfahrungen und deuten sie als solche – was zu teils wesentlichen Kurzschlüssen führt, nämlich dann, wenn die Forschenden selbst die Darstellungen dann wieder wie Erfahrungen (statt wie Darstellungen) darstellen (nachdrücklich hierzu: HONER 2011, S.31). [6]

Anne HONER war zutiefst skeptisch, ob man mit Interviews wirklich viel über das Erleben der Erzählenden erfahren kann. Interviews sind bei vielen Fragen der Sozialforschung für sie nur zweite Wahl. Oft ist es sehr viel hilfreicher, selbst die Welt der Untersuchten aufzusuchen, sich in ihre Schuhe zu stellen, selbst eine gute Strecke in ihren Mokassins zu gehen, die Welt aus Sicht der Anderen zu sehen, sich die Welt der Anderen einzuverleiben – eine Position, die Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zu einer partizipativen Forschung (BERGOLD & THOMAS 2012) aufweist. Denn die Anderen sind nicht einfach nur anders (das erwartet man nämlich), sondern für Anne HONER waren die Anderen immer anders als anders (also anders, als man es erwartet und erwarten kann). Will man das Nichterwartbare der Anderen erfahren, muss man mit in ihrer Welt leben, muss man sich mit der Frage des Anderen und den Fragen der Anderen auseinandersetzen – muss man eine Ethnografie machen. Anne HONER war deshalb bei ihrer Arbeit immer eine Ethnografin – eine Ethnografin des Anderen im Nahen und Gegenwärtigen, oft auch eine Ethnografin des Unbekannten, des Anderen in sich selbst. Insofern war Anne HONER auch radikal. [7]

Wenn man die Welt der Anderen und deren Handeln in dieser Welt mit Max WEBER "Verstehen und Erklären" (1972 [1922], S.1) will, sind die Sozialwissenschaftler/innen aus Sicht von Anne HONER in der Pflicht, aus der Perspektive der Anderen die Welt oder besser: deren Welt zu sehen: "Der Anspruch zu verstehen, erfordert vom Sozialforscher zwingend, sich die Perspektive dessen, den zu verstehen er trachtet, mindestens typisch anzueignen" (2011, S.30). Eine solche Erfahrung von innen "lässt sich in der Tat nur gewinnen, wenn man sich auf ein Thema (auch) existenziell einlässt, wenn man das Thema wenigstens für eine gewisse Zeit selbst (alltags-) praktisch bearbeitet" (a.a.O.). Anne HONER hat eine solche Art der beobachtenden Teilnahme "Lebensweltliche Ethnographie" (1993) genannt. [8]

Wissenschaftler/innen, die sich auf eine lebensweltliche Ethnografie einlassen, haben zweierlei zu tun: Einerseits müssen sie sich existenziell in den beobachteten Prozess involvieren lassen und sich der eigenen existenziellen Involviertheit bewusst sein, andererseits sollen sie pragmatisch distanzierte, rein kognitiv interessierte, werturteilsenthaltsame Wissenschaftler/innen in einer theoretischen Einstellung sein (vgl. HONER 2011, S.37):

"Diese Verstrickung des Forschers bzw. der Forscherin in das je zu Erkundende ist deshalb auch das zentrale Spezifikum lebensweltlicher, gegenüber allen anderen Spielarten von Ethnographie. In dieser 'Logik' fungiert die Subjektivität des Forschers bzw. der Forscherin, neben ihrer konstitutiven Rolle, also auch explizit (und reflektiert) als Instrument der Datengenerierung und -sammlung" (S.251). [9]

Der Feldforscher bzw. die -forscherin soll somit in der lebensweltlichen Ethnografie eine(r) werden wie die, die mit ihm bzw. ihr im Feld sind, die das Feld bilden, andererseits soll er bzw. sie außerhalb des Feldes sich absichtsvoll dumm stellen – auch gegenüber den eigenen Alltagsgewissheiten (S.37). Ethnograf/innen – zumindest die, die sich der lebensweltlichen Ethnografie befleißigen – sind somit strukturell immer einem Doppelgängertum verpflichtet: Sie müssen einerseits die "existenziell involvierten bzw. sich seiner existenziellen Involviertheit bewussten und diese perspektivisch nutzenden Forscher im Feld sein" und zugleich immer auch die "pragmatisch distanzierten, rein kognitiv interessierten, werturteilsenthaltsamen Wissenschaftler in der (einsamen) theoretischen Einstellung" (a.a.O.) sein. Diese nicht einfache Position Anne HONERs ist umstritten. [10]

2. Lebensweltliche Ethnografie oder teilnehmende Beobachtung?

In der nationalen wie internationalen Feldforschung (allgemein: ANGROSINO 2007; ATKINSON & DELAMONT 2008; CRANG & COOK 2007, JORGENSEN 1999; DENZIN & LINCOLN 2005; AMMAN & HIRSCHAUER 1997; KALTHOFF, HIRSCHAUER & LINDEMANN 2008) gibt es einen teilweise erbittert geführten Streit darüber, ob Sozialwissenschaftler/innen besser mit teilnehmender Beobachtung arbeiten oder mit beobachtender Teilnahme – also der lebensweltlichen Ethnografie. Für beide Verfahren gibt es gute Gründe: Für das erste Verfahren (teilnehmende Beobachtung – in seiner dezidiert strengen Formulierung siehe: AMMAN & HIRSCHAUER 1997) spricht, dass man im Feld einen kühlen Kopf und ein klares Auge bewahrt – neutral bleibt und mit frei schwebender Aufmerksamkeit alles wahrnimmt, was sich ereignet. Man muss nur streng beobachten, fast so wie eine Kamera. Man begibt sich ins Feld, stellt sich unauffällig hin und "filmt" alles ab – am besten alles mit der gleichen "Blende" und mit der gleichen "Kameraeinstellung". Das so "Aufgezeichnete" nimmt man mit nach Hause, hält es dort so differenziert wie möglich fest und interpretiert/kodiert es dann. [11]

Das ist natürlich ein Ideal der reinen, frei schwebenden Beobachtung. Denn "wirklich" frei schwebende Beobachtung kann es bei Feldstudien nicht geben. Das heißt nicht, dass man sich nicht um eine möglichst frei schwebende Beobachtung in gewissen Phasen der Feldarbeit bemühen sollte. Im Gegenteil: Das Bemühen um eine frei schwebende Aufmerksamkeit ist als Handlungsregulativ für jede Feldforschung unabdingbar. Wenn man beobachten will, muss man in the long run im Tausch immer auch etwas von sich selbst anbieten, nur weiß man häufig vorher nicht, in welcher Währung die Schuld zu begleichen ist. Diese Art der Teilnahme auf Distanz wird üblicherweise "teilnehmende Beobachtung" genannt (siehe auch LÜDERS 2009). [12]

Kritiker/innen der teilnehmenden Beobachtung (und auch Anne HONER hätte das eingewandt) wenden gegen diese "kühle" Art der Teilnahme ein, dass man so zwar alles sehe, was es an den Oberflächen der Anderen zu sehen gebe, dass einem aber das systematisch entginge, was den Reiz z.B. eines Ortes und des Handelns an diesem Ort ausmache. Dass hinter einer solchen Art der Felduntersuchung auch die keineswegs unstrittige Prämisse eines erkenntnistheoretischen Realismus steht, soll nicht verschwiegen werden (siehe auch CLOUGH 1998). Nur der/die Beobachtende (so das Argument weiter), der/die in sich das Gefühl auslösen könne, das die Feldangehörigen durch ihr Tun tatsächlich erleben, könne dem wirklichen Reiz des Tuns und damit den echten Motiven für dieses Tun auf die Spur kommen (vgl. dazu HONER 2011; auch TERTILT 1996; BUFORD 1992). [13]

Aber es gibt noch einen wichtigen Grund, sich den Anderen im Feld wirklich zuzuwenden: An dem Geschehen teilzunehmen und es nicht nur zu beobachten zeigt den Anderen nämlich, dass man sie ernst nimmt, dass man sich auf sie einlässt, dass man Respekt vor ihnen hat. Ohne diesen Respekt gibt es keine wertvolle Auskunft, keine "tiefe" Erzählung und keinen Einblick in das Feld. Beobachtende Teilnahme verbessert also auf zwei Weisen die Datenlage: Einerseits erlebt der/die Forscher/in in sich und an sich, was die Feldinsass/innen bewegt, andererseits lassen die Feldinsass/innen den Forscher bzw. die Forscherin nur dann in die inneren Bereiche ihres Feldes, wenn er/sie sich auf das Feld wirklich einlässt, dem Feld also Respekt erweist. [14]

Die andere Art der Feldteilnahme, also die lebensweltliche Ethnografie, ist eine Teilnahme ohne oder mit wenig Distanz. Sie wird oft auch beobachtende Teilnahme genannt und im deutschsprachigen Raum vor allem von Anne HONER (2011) und Roland GIRTLER (z.B. 1987 und 2001), aber auch von Ronald HITZLER und Michaela PFADENHAUER vertreten und ausgeübt (vgl. HITZLER, HONER & PFADENHAUER 2008; siehe auch MATT 2001). Sie verlangt das radikale Sicheinlassen auf das Feld, ein existenzielles Verstricktsein in die Welt der Anderen, ein wirkliches Betroffensein von deren Welt – dies alles mit dem Ziel, in sich selbst das innere Erleben (Emotionalität) auszulösen und somit selbst zu erleben, was die Anderen ansonsten erleben. Der Weg zur Subjektivität der Anderen führt für Anne HONER nur über die eigene Subjektivität. Die eigene Subjektivität ist ein Mittel zur Erfahrung und zur Erforschung des/der Anderen. [15]

Eine besondere Form der lebensweltlichen Ethnografie, die vor allem in den letzten Jahren viel Beachtung gefunden hat und die auch von Anne HONER betrieben wurde (2011, S.251ff.), ist die "Selbst"- bzw. Autoethnografie" oder die "Insider-Ethnografie" (BUFORD 1992; TERTILT 1996; ELLIS 2004; CHANG 2008; ELLIS, ADAMS & BOCHNER 2011). Gemeint sind damit Formen und Praktiken der reflektierten Selbstbeobachtung, die sich zum Teil auch aus der Kritik der klassischen Ethnografie ergeben haben (vgl. CLOUGH 1998; WINTER & NIEDERER 2008). Man sucht hier nicht ein Feld auf, das einem bislang "fremd" war und beobachtet dann dort das Handeln der Feldinsass/innen, sondern man ist bei dieser Form der Beobachtung schon "immer" Teil des Feldes gewesen – nur dass man jetzt beschlossen hat, dieses Feld zu beobachten (Beispiele für eine gelungene Selbstethnografie im deutschen Sprachraum sind z.B. SAERBERG 2006 und auch HONER 2011, S.251ff.). [16]

Auch im Feld der Insider-Ethnografien gibt es eine Fülle von Formen, Praktiken und Ansprüchen. So reicht den einen schon die Niederschrift (= Dokumentation) der eigenen Empfindungen in diversen Situationen, während andere sich auf sich selbst "zurückbeugen" (= also auf das von ihnen Niedergeschriebene) und reklamieren, sich dadurch aus der Verstrickung in die jeweilige Situation befreien zu können. Hier stehen kritiklose Dokumentation der eigenen Subjektivität und künstlich hergestellte Distanz und Selbstreflexion oft hart nebeneinander. Wichtig ist allerdings, immer den Unterschied zu markieren zwischen einer aus wissenschaftlichen Interessen initiierten aufsuchenden Beobachtung auf Zeit und einer auferlegten Situation oder Lebenswelt, die man aus welchen Gründen auch immer distanziert beobachten und wissenschaftlich interpretieren will. Anne HONER war auch hier radikal. Sie ließ bei ihrer Selbstethnografie die Lesenden am eigenen Schrecken, an der eigenen Desorientierung teilhaben. Sie betrieb auch die Erkundung eigener Wahrnehmungen und Deutungen mit Leidenschaft. [17]

3. Die aktuelle Bedeutung der lebensweltlichen Ethnografie

Die lebensweltliche Ethnografie ist heute wichtiger denn je, und sie zeigt ihre Fruchtbarkeit nicht nur bei der Erkundung der kleinen Welten und kleinen Fluchten – was der aktuelle Sammelband zur "Lebensweltlichen Ethnographie" von Anne HONER (HINNENKAMP, KREHER, POFERL & SCHRÖER 2012) lebendig vor Augen führt. Einerseits ist sie wichtiger denn je, weil sie in einer Zeit steht, in der Subjektivität und Individualität eine sehr viel größere Rolle spielen als in früheren Gesellschaften, weil Subjekte trotz aller Vorgaben, Begrenzungen und Einrahmungen aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten, mit weitreichender Kommunikation auf die Welt einzuwirken, wichtiger und wirkmächtiger geworden sind. [18]

Andererseits ist die lebensweltliche Ethnografie wichtiger denn je, weil sie in multikulturellen, sich globalisierenden Gesellschaften eines der wenigen tauglichen Mittel der verstehenden Sozialforschung ist, das es erlaubt, einen Zugang zum Verstehen des/der Anderen zu finden. Denn die hermeneutisch verfahrenden Interpret/innen, die im Wesentlichen auf die eigene, in der Sozialisation erworbene Regelkompetenz setzen, kommen bei der Ausdeutung von Daten, Texten, Artefakten und Handlungen, die von Angehörigen anderer Kulturen oder von Anderen, die in der Kultur der Interpret/innen leben, "produziert" wurden, nicht sehr weit. Sie geraten sogar leicht in die Gefahr, die Einheit der Kultur erst "über die Forschung zu konstituieren, der sie die anderen unterziehen" (AUGÉ 2011, S.44). [19]

Interkultur ist in der heutigen Form eine neue, kommunikativ geschaffene Welt. Und wir wissen noch nicht, wie man diese angemessen erkunden kann. Die verstehende Sozialforschung wird erst neu lernen müssen, Interkultur zu denken und zu untersuchen. Ein vielversprechender Weg, diese Probleme zu lösen, besteht darin, auf die lebensweltliche Ethnografie von Anne HONER zu setzen und auf die Subjektivität der Forscher und Forscherinnen. Gemeinsames Erleben wäre dann der Ausgangspunkt von verstehender Forschung, und nicht die gemeinsame Sprache. Und damit wäre ein neuer Anfang gegeben, ein Anfang, bei dem Anne als Kollegin und als Freundin fehlen wird. [20]

Literatur

Amann, Klaus & Hirschauer, Stefan (1997). Die Befremdung der eigenen Kultur. Ein Programm. In Stefan Hirschauer & Klaus Amann (Hrsg.), Die Befremdung der eigenen Kultur. Zur ethnographischen Herausforderung soziologischer Empirie (S.7-52). Frankfurt/M.: Suhrkamp.

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Denzin, Norman K. & Lincoln, Yvonna S. (Hrsg.) (2005). The Sage handbook of qualitative research (3. Aufl.). Thousand Oaks: Sage.

Ellis, Carolyn (2004). The ethnographic I: A methodological novel about autoethnography. Walnut Creek, CA: AltaMira Press.

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Honer, Anne (1994). Qualitätskontrolle. Fortpflanzungsexperten bei der Arbeit. In Norbert Schröer (Hrsg.), Interpretative Sozialforschung (S.178-196). Opladen: Westdeutscher Verlag.

Honer, Anne (2001). "In dubio pro morbo": Medizinische Dienstleistungen zwischen technischen Optionen und ethischen Ligaturen. In Achim Brosziewski, Thomas S. Eberle & Christoph Maeder (Hrsg.), Moderne Zeiten. Reflexionen zur Multioptionsgesellschaft (S.141-150). Konstanz: UVK.

Honer, Anne (2011). Kleine Leiblichkeiten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

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Zum Autor

Prof. Dr. Jo REICHERTZ; Jahrgang 1949, Studium der Germanistik, Mathematik, Soziologie und Kommunikationswissenschaft. Dissertation zur Entwicklung der objektiven Hermeneutik. Habilitation mit einer soziologischen Feldstudie zur Arbeit der Kriminalpolizei. Seit 1993 Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Essen – zuständig für die Bereiche "Strategische Kommunikation", "Qualitative Methoden", "Kommunikation in Institutionen", und "Neue Medien". Mehrere Gastprofessuren in Wien, Lehraufträge in Hagen, Witten/Herdecke, St. Gallen und Wien. Mehrere Jahre im Vorstand und auch Sprecher der Sektion "Sprachsoziologie" in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Vorstandsmitglied der Sektion "Wissenssoziologie" in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

Arbeitsschwerpunkte: Kommunikationssoziologie, qualitative Text- und Bildhermeneutik, Kultursoziologie, Religionssoziologie, Medienanalyse, Mediennutzung, empirische Polizeiforschung, Werbe- und Unternehmenskommunikation.

Siehe http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/about/editorialTeamBio/7 für bisher in FQS veröffentlichte Beiträge.

Kontakt:

Prof. Dr. Jo Reichertz

Universität Duisburg-Essen
FB 3 Kommunikationswissenschaft
D-45117 Essen

Tel: +49 (0)201 183-2810 / 2808
Fax: +49 (0)201 183-2808

E-Mail: jo.reichertz@uni-due.de
URL: http://www.uni-essen.de/kowi/

Zitation

Reichertz, Jo (2012). Die lebensweltliche Ethnografie von Anne Honer. Zum Tode einer Freundin und Kollegin [20 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 13(2), http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1202E17.



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