Volume 16, No. 2, Art. 21 – Mai 2015

Rezension:

Uwe Krebs

Gerd Jüttemann (Hrsg.) (2013). Die Entwicklung der Psyche in der Geschichte der Menschheit. Lengerich: Pabst; 375 Seiten; ISBN 978-3-89967-859-8; 35,-- Euro

Zusammenfassung: Der Vorbereitungsband für die Reihe "Die Psychogenese der Menschheit" – ein Sammelband aus 32 Beiträgen, betitelt "Die Entwicklung der Psyche in der Geschichte der Menschheit" und 2013 herausgegeben von Gerd JÜTTEMANN – wird in dieser Besprechung in mehreren Schritten vorgestellt und bewertet. Zunächst wird kontextuell argumentiert, dass die bewährte, empirisch-experimentelle Methodologie der Psychologie zur Vernachlässigung weiterer Erkenntnisverfahren führte, die bei Themen wie dem hier zu besprechenden Werk allein verbleiben und die kurz angesprochen werden. Sodann wird das Werk im Überblick knapp dargestellt und die außergewöhnliche Heterogenität in Inhalten und Methoden betont. Die Besprechung einzelner Beiträge, die nach dem Gesichtspunkt großer Unterschiedlichkeit ausgewählt wurden, schließt sich an. Die abschließende Gesamtbewertung betont den lückenhaften Forschungsstand, die Notwendigkeit der allein verbleibenden qualitativen Methodik mit ihren verschiedenen Möglichkeiten und nennt Desiderata künftigen Vorgehens für diesen thematisch und methodisch interessanten Auftakt-Band, der insbesondere durch Dichte und Verschiedenheit der Beiträge beeindruckt.

Keywords: Methodologien für die Psychologie; physiknahe Epistemologie; biologienahe Epistemologie; Langzeitanalysen; Menschheitsgeschichte; Langzeitgeschichte; Desiderata der Forschung; Psychogenese

Inhaltsverzeichnis

1. Der Kontext: methodologische Engführungen in der Psychologie und Fragen zu ihrer Überwindung

2. Das Buch: Inseln im Ozean des Unwissens

3. Ausgewählte Einzelbeiträge

4. Gesamtbewertung und Desiderata

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Der Kontext: methodologische Engführungen in der Psychologie und Fragen zu ihrer Überwindung

Vermutlich gab es schon längere Zeit in einer kleineren Teilmenge der deutschsprachigen Psychologie eine gewisse Unzufriedenheit mit dem vorherrschenden Verständnis von der Geschichtlichkeit psychischer Leistungen des Menschen insofern, als die historische Zeitstrecke als zu kurz empfunden wurde und eher die "Geschichte der Psychologie" als die "Geschichte der Psyche" fokussierte. [1]

Spätestens seit im Jahre 2011 in der Zeitschrift Erwägen Wissen Ethik (EWE) ein Hauptartikel aus der Feder Gerd JÜTTEMANNs mit dem Titel "Historische Psychologie und die Entwicklung der Menschheit. Die Perspektive einer Fundamentaltheorie" erschien, erhielt diese Thematik neue Schubkraft. Die besondere Publikationsform der Zeitschrift EWE mit dem Aufbau Hauptartikel, Kommentare und Erwiderung erlaubte eine eingehende Auseinandersetzung, nicht zuletzt durch 41 (!) Kritiken und die darauffolgende Replik des Autors JÜTTEMANN. Neben viel Zustimmung und konstruktiven Anregungen ist in den Kritiken, die im Übrigen über zahlreiche Disziplinen streuen, auch Zweifel und Ablehnung enthalten. Kurz: Eine lebendige Diskussionskultur zu einem im Nebel liegenden Thema war zu besichtigen. JÜTTEMANN hat sich nicht entmutigen lassen und zwischenzeitlich einen größeren Kreis von Wissenschaftler/innen versammelt, die mit ihm als Herausgeber das Thema interdisziplinär und ausführlicher angehen. [2]

Was aber erwartet man unter einem Titel "Die Entwicklung der Psyche in der Geschichte der Menschheit"? Wenn die Leser/innenschaft ein allgemeines, fachlich unvorbelastetes Interesse besitzt, wird sie vermutlich einen einigermaßen geschlossenen Abriss der Entwicklung psychischer Leistungen auf einer möglichst langen Zeitachse erwarten. Hingegen dürften den fachlich vorbelasteten Leserinnen und Lesern schon vor der Lektüre Zweifel kommen, ob eine solche Leistung unter den fachlichen Rahmenbedingungen der Psychologie der Gegenwart überhaupt möglich ist. Sie ist es nicht. [3]

Diese Diskrepanz zwischen den Erwartungen einer allgemeiner interessierten wissenschaftlichen Leser/innenschaft einerseits und den derzeitigen Wissensbeständen im Fach Psychologie andererseits, ist erklärungsbedürftig. Der Herausgeber, wie der Rezensent selbst Psychologe, weist deutlich auf die zwar partiellen, aber bei diesem Thema zentralen Defizite des Faches hin. Im Kern sind es vermutlich vor allem Nebenwirkungen wissenschaftstheoretischer Engführungen als Folge einer Übergeneralisierung der als richtig und produktiv erkannten Methoden und Gegenstände. [4]

Zwar verdankt die wissenschaftliche Disziplin "Psychologie" der Hinwendung zur empirischen Forschung und dort insbesondere zur experimentellen Arbeitsweise in vielen ihrer Teilgebiete große und stabile Erkenntnisse, doch hat bereits 1980 der Psychologe und Erkenntnistheoretiker Norbert BISCHOF den Verdacht geäußert, "dass es nicht nur eine, sondern zwei komplementäre Denkweisen in der Naturwissenschaft gibt, mit Physik und Biologie als Prototypen"( S.31). Sucht der erste Typ – so BISCHOF – nach "Ästhetik" im Sinne einer aus innerem (etwa physikalischem) Spannungsausgleich resultierenden Ordnung, so sucht der zweite Typ nach "Teleonomie" im Sinne von Funktion und Adaptation. [5]

Es ist daher kritisch zu fragen, ob ein dominant physikalischer Reduktionismus, also ein der ersten Denkweise entsprechendes Vorgehen, die dem Gegenstand der Psychologie in allen Teilgebieten angemessene Heuristik ist. Wenn man dies verneint, öffnet man zugleich weiteren Erkenntnisverfahren den Weg. Zu ihnen zählt – in der Biologie, insbesondere der älteren, wie in der Historik vielfach bewährt – die sorgfältige Deskription ebenso wie die wohlbegründete Qualifizierung. [6]

Bei der Frage nach der Entwicklung der Psyche in der Geschichte der Menschheit ist offensichtlich, dass der zweite Denkweisen-Typ, jener also, der nach Funktion und Adaptation fragt, die Arbeit zu leisten hätte. Er wurde aber vernachlässigt. Man kann zwar in der Gegenwart experimentieren (erste Denkweise), aber nicht mit der Geschichte (zweite Denkweise). Leider hat auch die nachvollziehbare Tatsache, dass beide Denkweisen sich nicht ausschließen, sondern komplementär den Gegenstand bearbeiten würden, nicht zu einer entsprechenden Gewichtung geführt. [7]

Der vorliegende Sammelband zeigt, dass Beschreibung und Qualifizierung Forschungsformen darstellen, die in Feldern wie dem hier in Rede stehenden wahrscheinlich die einzig möglichen Verfahren sind. Hiervon ganz unabhängig erscheint es auch in anderen Forschungsfeldern, insbesondere bei großer Komplexität im Sinne eines schwer durchschaubaren "Kausalfilzes", als ein Königsweg, zunächst durch sorgfältige Deskription, Analyse und Qualifizierung überhaupt erst freizulegen, wo empirisch produktiv gearbeitet werden könnte. [8]

Die Ausgangstatsache, dass auf der langen Zeitachse zur psychischen Entwicklung kaum Kenntnisse und kaum Forschungsaktivitäten vorliegen, erklärt wesentlich den Aufbau des Buches. [9]

2. Das Buch: Inseln im Ozean des Unwissens

Das Buch stellt einen international und interdisziplinär angelegten Sammelband dar, der weder mehr will noch mehr sein kann als eine erste, breit gefächerte Bestandsaufnahme. Deren Heterogenität in Inhalten und Methoden verschweigt der Herausgeber Gerd JÜTTEMANN nicht: "Eine integrierende Kommentierung der im vorliegenden Band zusammengefassten Ansätze und Themenbeispiele erscheint als kaum leistbar" (S.10). Durch begrenzende Vorgaben des Herausgebers reichten 375 Seiten, um 32 Autorinnen und Autoren zu Wort kommen zu lassen. Die Verschiedenheit der Gebiete, die Unterschiede in Methoden und Begriffen, der Wechsel der Betrachtungswinkel von schmal zu weit und nicht zuletzt die Dichte fast aller Beiträge drängen die Lesenden, sich nach fast jedem Aufsatz etwas Zeit zur Reflexion zu gönnen. Dieses Buch sollte nicht in einem Zug gelesen werden. [10]

Die einzelnen Beiträge entstammen sehr unterschiedlichen Disziplinen, bei denen zwar Psychologie, Soziologie und Erziehungswissenschaft dominieren, unter denen aber auch Religionswissenschaft, Technik, Philosophie, Historik und Genetik vertreten sind. [11]

In einer längeren Einführung "Wie der Mensch die Welt verändert und zugleich sich selbst: Prozesse und Prinzipien der Psychogenese" benennt der Herausgeber Defizite der Psychologie in diesem Bereich und liefert methodische und inhaltliche Bausteine, die den Umgang mit den Einzelbeiträgen erleichtern können und die sein Grundanliegen verdeutlichen. [12]

Teil I "Grundfragen und Perspektiven" enthält 13 breitere Themen, deren Autor/innenschaft sich bei aller Heterogenität entlang der Zeitachse orientiert. Manche nutzen betont die Fachgeschichte der Psychologie wie z.B. Jochen FAHRENBERG, wenn er mit "Wundts Programm und Methodik der Völkerpsychologie" an den allseits verehrten Begründer der Experimentalpsychologie erinnert, der aber seinerzeit breiter dachte als manche seiner Nachfolger/innen. Ähnliches gilt für den Beitrag von Martin WIESER. Er betrachtet "Wissenschaftsgeschichte als Historische Psychologie" und konstatiert: "Gegenstands- und Disziplingeschichte konstituieren sich im Fall der Psychologie wechselseitig" (S.189) und betont den Wandel. Mit Wilhelm DILTHEY und Herbert SPENCER werden weitere historische Personen der Wissenschaftsgeschichte (genauer: ihre Konzeptionen) für das Generalthema fruchtbar gemacht, so im Beitrag "Von der Realpsychologie zur Strukturtheorie. Grundmotive von Wilhelm Diltheys Konzeption einer deskriptiven Psychologie" von Hans-Ulrich LESSING. Uwe WOLFRADT ventiliert das Thema "Der Einfluss des Entwicklungsgedankens nach Herbert Spencer auf Psychologie und Soziologie". Weitere Beiträge ziehen die Naturgeschichte hinzu: Rolf OERTERs Beitrag "Der Mensch als Ergebnis des Zusammenspiels von Evolution, Kultur und Ontogenese – das EKO-Modell" nutzt sie ebenso wie der Beitrag "Evolutionspsychologische Perspektiven zur Erklärung kultureller Leistungen (Benjamin P. LANGE & Sascha SCHWARZ) sowie Daniela STEINBERGERs Aufsatz über "Molekulare Grundlagen der Evolution des Menschen und seines Verhaltens". Stärker ontogenetisch genutzt, aber durchaus auch mit stammesgeschichtlichen Bezügen, wird die Zeitachse im Beitrag von Thomas Bernhard SEILER "Die Aktualität der evolutionären Erkenntnistheorie von Jean Piaget", dessen Bahn brechende Leistungen in der Entwicklungspsychologie wie in der Erkenntnistheorie – vielleicht aufgrund zu flacher Rezeption – in Vergessenheit zu geraten drohen und gerade bei diesem Generalthema hilfreich sein können. Zugestandenermaßen ist PIAGET, auch wegen seiner ganz eigenen Begriffe, schwer zu lesen, doch war dies seinerzeit eine notwendige Maßnahme gegen behavioristische Begrifflichkeiten im selben Gegenstandsbereich. [13]

Andere Beiträge in Teil I behandeln herausgehobene inhaltliche Phasen wie z.B. den "Ausbruch aus der Umwelt. Über entscheidende Momente bei der Selbstherstellung von Homo sapiens" (Thomas SLUNECKO) oder den "intergenerationellen Wandel" (Bettina LAMM & Johanna TEISER). [14]

Im zweiten Teil des Buches steigert sich das Ausmaß an Unterschiedlichkeit der Beiträge nochmals: Manche sind Einzelthemen, andere haben einen breiteren Fokus. [15]

Angesichts der Anzahl von insgesamt 32 Aufsätzen verbietet sich ein genaueres Eingehen auf alle Arbeiten im Rahmen einer Rezension. Stattdessen werden im Folgenden pars pro toto besonders unterschiedliche Themen etwas eingehender vorgestellt. Sie mögen der Leser/innenschaft das konkrete Spektrum verdeutlichen. Es ist aber hervorzuheben, dass das Niveau nahezu aller Beiträge hoch ist. [16]

3. Ausgewählte Einzelbeiträge

Da das Entwickeln und Weitergeben kultureller Produkte – seien sie materiell oder ideell – als eine mentale Leistung mit der Psychogenese eng zusammenhängt, kommt der Analyse solcher Prozesse eine zentrale Rolle im Rahmen des Generalthemas zu. [17]

Irina MCHITARJAN und Rainer REISENZEIN referieren "Kulturtransmission: Proximate und ultimate Mechanismen". Der detailreiche Beitrag stellt direkten Lernleistungen ("proximate Mechanismen") in der Enkulturation der Individuen stammesgeschichtlich erworbene Befähigungen ("ultimate Mechanismen") an die Seite und verweist unter Rückgriff auf D.S. WILSON auf dessen Mehrebenen-Theorie der Selektion. Diese zeigt nämlich unterschiedliche bis gegensätzliche Selektionsprozesse in Abhängigkeit von der jeweiligen Ebene, wie z.B. der Ebene des Individuums im Unterschied zu Vorgängen auf der Ebene der Gruppe. [18]

Der Beitrag hätte aus meiner Sicht gewonnen, wenn hier thematisch zentrale Quellen zu Kulturunterschieden und zum Kulturwandel mitberücksichtigt worden wären. So hat der Kulturanthropologe Marvin HARRIS (1977) mit "Cannibals and Kings" das seinerzeitige Wissen über Aufstieg und Niedergang von Kulturen kompiliert. 1997 wurde durch den Evolutionsbiologen und Ökologen (und Träger des Pulitzerpreises) Jared DIAMOND mit "Guns, Germs and Steel. A Short History of Everybody for the Last 13,000 Years" ein hier ebenfalls einschlägiges Werk publiziert, das für das Generalthema des hier zu besprechenden Buches meiner Meinung nach konstruktive methodologische Anregungen enthält (insbesondere im letzten Kapitel "How History Can Become a Science"). Ein wenig gewöhnungsbedürftig ist im Aufsatz von MCHITARJAN und REISENZEIN dann die inflationäre Verwendung des Begriffs "Theorie" und die siebzehnfache Selbstzitation. [19]

Der Beitrag "Sprache und Symbolkompetenz" von Wolfgang MACK gilt ebenfalls einem Thema von besonderer Wichtigkeit: Er widmet sich der Frage nach der "Rolle der Sprache für die Entwicklungspsychologie der Menschheit". Dabei holt er gründlich aus und greift u.a. auf CASSIRER und W. VON HUMBOLDT zurück. [20]

Peter DINZELBACHERs Beitrag "Entwicklungsgeschichte der Emotionalität als Fortschritt" zeichnet sich durch besondere Originalität aus. Aus Platzmangel verzichtet er auf Platz raubende Definitionen und Explikationen und wird stattdessen umfangreicher in inhaltlicher Hinsicht. Als Historiker sucht er nach den externen Gründen für das Ansteigen des Mitgefühls, das seine Quellen belegen. Dieses Ansteigen zeigt sich in Feldern des Soziallebens vom Eherecht bis zum Tierschutz in den letzten ca. 800 Jahren und besonders in der Epoche der Aufklärung in Europa. DINZELBACHER wirft die Frage auf, wieso diese Vorgänge nicht bereits wesentlich früher eingesetzt haben, da schließlich die dafür "verantwortlichen" Spiegelneurone stammesgeschichtlich weitaus älter seien. [21]

Norbert GROEBEN zeichnet in dem Beitrag "Diesseits des Genialen: Kreativität als anthropologisch-historische Zielperspektive" die geschichtliche Entwicklung der Kreativitätsforschung vom einstigen "geborenen Genie" bis zum heutigen Verständnis als Bündel spezifischer Persönlichkeitsmerkmale nach. Gleichwohl ist sein Beitrag auch eine lesenswerte Zeitkritik, allerdings stärker auf die Gegenwart und Zukunft als auf die Vergangenheit gerichtet. Er zeigt auf, dass die Entfaltung der individuellen Potenziale durch geeignete Rahmenbedingungen in Elternhaus, Schule und Gesellschaft die Humanisierung Erfolg versprechender voranbringen würde als kreative Gesellschaftsentwürfe, die – nicht nur seines Erachtens – meist im Totalitarismus enden. [22]

Ein gänzlich anderer Aspekt wird durch die religiöse Dimension der menschlichen Psyche eingebracht: "Ein Wissen über ein Jenseits der irdischen Wirklichkeit, das den Namen verdiente, ist uns nicht gegeben" (S.267), konstatiert Norbert RATH treffend. Sein Aufsatz "Untergang als Übergang. Strukturmuster endzeitlich-religiösen Bewusstseins" stellt die funktionale "Grammatik" des Religiösen auf der Zeitachse am Beispiel des Christentums vor. [23]

Der Geschichte der Religionspsychologie in globaler Sicht widmet sich Lars ALLOLIO-NÄCKE. Er verwirft ältere, umfassende Versuche (WUNDT, JASPERS) zugunsten stärkerer Spezifik. Neben der Religion können auch Tod, Krankheit und Technik interessante Unterthemen der Entwicklung der Psyche der Menschheitsgeschichte sein, wie die einschlägigen Beiträge zeigen. So resümiert – fast schon poetisch – Hannes STUBBE: "Der Evolution des Menschen ... wohnt ein stetiger Hauch von Trauer inne" (S.295) und stellt farbig "Traueruniversalien" von prähistorischen bis zu gegenwärtigen Kulturen exemplarisch vor, denn: "Auch Trauer macht Geschichte" (S.296). [24]

Räumt man ein, dass "Kranksein zu den grundlegenden Seinsweisen des Menschen (zählt)" (S.282), dann ist auch der Beitrag von Hans-Wolfgang HOEFERT nicht peripher zum Gesamtthema, sondern integraler Teil. In seiner historischen, interkulturellen und intrapersonalen Betrachtung erweist sich "Kranksein" als weitaus zeit- und kulturabhängiger, als der naturwissenschaftliche Gegenstand "Krankheit" zunächst nahe legt. [25]

Suzana ALPSANCAR referiert in ihrem Beitrag "Technik" hauptsächlich den Philosophen Arnold GEHLEN und stellt in geringerem Umfang Gerd JÜTTEMANNs Vorhaben einer "historischen Psychologie" GEHLENs Sichtweise gegenüber. "Das Geld, die Seele – der Austausch" ist zwar der Titel des Beitrags von Adelheid KÜHNE, doch vermisse ich hier eine Darstellung des Verhältnisses von Geld und Seele. Stattdessen findet sich eine Abhandlung, die sich vielleicht als "Geschichte des Geldverkehrs" betiteln ließe. Dabei bieten sich doch gerade die Persönlichkeitsmerkmale und Persönlichkeitsveränderungen bei manchen Investmentbanker/innen geradezu für die Reflexion des Verhältnisses "Geld – Seele" an. Ist hier nicht der Volksmund inhaltlich schon weiter, wenn er meint: "Geld verdirbt den Charakter"? Zweifellos lassen sich auch den weiteren Einzelthemen wie dem Kinderspiel (Siegfried HOPPE-GRAFF & Hye-On KIM), den großen politischen Ideen (Fritz OSER) und der Bedeutung von Medien (Beiträge von Andreas ZIEMANN und von Louis BOSSHARDT) interessante Aspekte des Generalthemas abgewinnen, sofern man – wie es dort geschieht – die historische Entwicklung in den Blick nimmt. [26]

4. Gesamtbewertung und Desiderata

Abschließend ist festzuhalten, dass eine solche Heterogenität in Inhalten und Methoden sowohl anregend als auch deprimierend sein kann. Sie wirkt deprimierend, wenn man – durchaus mit einem gewissen Recht – ein Werk erwartet, das einen mit einer einigermaßen einheitlichen Methodik und Begrifflichkeit durch die Entwicklung der Psyche in der Geschichte der Menschheit führt. Warum dies gegenwärtig nicht zu leisten ist, wurde eingangs erwähnt. [27]

Stattdessen sieht man sich mit dem Anfangsstadium einer Herkulesaufgabe konfrontiert: Was wissen wir über die Entwicklung der Psyche im Verlauf der Menschheitsgeschichte und was könn(t)en wir darüber wissen? Und wie sollten wir dabei vorgehen? [28]

So betrachtet, verdeutlichen alle Beiträge, dass die Wissenschaften bei diesem Thema erst an einem fahrlässig selbstverschuldeten Anfang stehen. Die einzelnen Beiträge lassen sich als je spezifische Angebote einordnen, für einen oftmals kleinen Teilbereich Licht ins Dunkel zu bringen. Um ein Bild zu verwenden: In einem Ozean der Unkenntnis befinden sich hier kleinere und größere Landmassen inhaltlicher, methodischer und begrifflicher Natur. Zwar erscheinen sie untereinander verschieden weit voneinander entfernt, doch bieten sie immerhin der Leser/innenschaft anregende Ausgangspunkte, von hier aus gedanklich interpolierend den Ozean der Unkenntnis zu verringern. Dieser stimulierende Effekt sollte nicht gering geschätzt werden und macht eine Kaufempfehlung leicht. Es kommt nicht allzu oft vor, dass einem in Buchform präsentiert wird, was alles unbekannt ist. [29]

Als Rezensent fühle ich mich auch stimuliert, angesichts des aktuellen Standes sechs Desiderata zu nennen. Es sind dies vier inhaltliche, ein methodisches und ein erkenntniskritisches Desiderat. Aus inhaltlichen Gründen erscheint eine intensive Beteiligung der Vor- und Frühgeschichte und der biologischen Anthropologie nützlich für einen oder mehrere wünschenswerte Folgebände. Da bekanntlich Verhalten und Erleben nicht fossilieren, ist die Psychologie bei der Erhellung ihres eigenen Gegenstandes auf die Beiträge anderer angewiesen, je stärker sich das Thema auf der Zeitachse von der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit entfernt. Die zu erwartenden Beiträge sind dann zwar in Bezug auf psychische Leistungen Nachweise indirekter Art. Sie sind aber nicht zwingend stets weniger verbindlich. Denn die jüngsten Entwicklungen sowohl in der biologischen Anthropologie wie auch in der Vor- und Frühgeschichte reichen in ihrer Aussagekraft deutlich über das hinaus, was man in aller Regel außerhalb dieser kleinen Fächer für möglich hält. Einige anschauliche Beispiele seien daher kurz angeführt: [30]

Die Vor- und Frühgeschichte kann durch Stilvergleiche der nordspanischen Höhlenmalereien, die über eine Zeitspanne von ca. 30.000 Jahren zur Verfügung stehen, selbst für Lai/innen eine deutliche Zunahme der mentalen Leistungen wahrscheinlich machen – und für Religionswissenschaftler/innen könnte die überragende Bedeutung magischen Denkens, die hier ebenfalls sichtbar wird, ein anregendes Verbindungsglied zu jüngeren Epochen sein. Weiterhin ist in der vor- und frühgeschichtlichen Forschung weltweit aufgrund reicher Fossilien unstrittig, dass im Jungpaläolithikum, also ca. 35.000 bis 11.000 Jahre vor heute, Werkzeuge in einem komplexen Prozess hergestellt wurden. Die Fertigung einer "Lorbeerblattspitze" genannten, messerscharfen Steinklinge aus Silex – einer nicht sehr häufigen Gesteinsart – erfordert auch noch heute in der experimentellen Archäologie neben erheblichem funktionalem Verständnis (Kognition) lange Übung, die Monate bis Jahre dauert (Motorik). Da die steinzeitlichen Produkte standardisiert sind, dokumentieren sie zudem räumlich-zeitliche Verteilungsmuster im Sinne von Handelswegen über erstaunlich große Gebiete und lange Zeiträume (Kommunikation und Tradition). Stephen MITHEN hat in seinem Werk "The Prehistory of Mind" (1996) für die Intelligenzentwicklung gezeigt, dass die methodologischen Standards und die Fundlage begründete Modelle zu Denkleistungen erlauben. [31]

Die biologische Anthropologie ihrerseits verfügt inzwischen über Verfahren, die erlauben, aus Isotopenmessungen an Knochen zu erschießen, ob es sich um Haustiere oder Wildtiere handelte, was seinerseits Aussagen zur Kulturform ermöglicht. Elektronenrasteraufnahmen von fossilen menschlichen Zahnoberflächen weisen nach, welche Getreidearten gegessen wurden und erlauben Rückschlüsse auf die Kulturform, die ihrerseits wieder bestimmbare mentale Voraussetzungen hat. [32]

Ein für das Generalthema aus meiner Sicht unverzichtbarer Rahmen kann durch die biologische Teildisziplin der Ökologie bereitgestellt werden. Die großen kontinentalen Wanderungen der Menschen, die vielen ausgestorbenen Arten der Gattung Homo, der gut belegte Anstieg des Hirnvolumens als die kognitive und emotionale Basis kultureller Leistungen – all dies kann nur in Interaktion der Arten des Homo mit seinen diversen Umwelten verstanden werden. So manches, was uns – begünstigt durch arteigenen Gattungsnarzissmus – zunächst als reine Selbstschöpfung erscheint, mag sich relativieren als durch äußere Zwänge ausgelöst und kulturell verstetigt und verfeinert. [33]

Neben diese Möglichkeiten indirekter diachronischer Hinweise auf die Naturgeschichte der Psyche könnte auch die mehr oder minder synchrone Betrachtung durch Blick auf einschlägige Befunde der Ethnologie aufschlussreich sein. Zwar haben die Menschen traditionaler Kulturen (sog. Naturvölker), genau wie auch wir, ihre stammesgeschichtliche und kulturgeschichtliche Entwicklung zu verzeichnen, aber ihr sozialer, kultureller und mentaler Kontext ist sehr alten Formen weitaus ähnlicher als unsere Gegenwart und jüngere Vergangenheit. Auch hier liegen nach meiner Meinung ungehobene Schätze für das Generalthema. [34]

Methodologisch und methodisch zeigt das umrissene, riesige Themenfeld "Psychogenese der Menschheit" dass – nicht nur hier, aber insbesondere hier – auf der Langzeit-Achse psychischer Leistungen qualitative Forschungsweisen mit ihrem breiten Spektrum an Methoden den Königsweg darstellen. Eine Auseinandersetzung zwischen quantitativen und qualitativen Vorgehensweisen ist m.E. mindestens aus zwei Gründen müßig: Erstens verhalten sich die Ansätze am Gegenstand selbst komplementär. Zweitens zeigt die jeweilige Fragestellung, welche Methoden voraussichtlich den größten Erkenntnisgewinn erbringen. Einseitige Festlegungen, z.B. ausschließlich auf quantifizierende Verfahren, übersehen Wesentliches, vermutlich aufgrund eines eingeschränkten Blickfeldes. Dann besteht die Gefahr, dass ein in vielen Bereichen hervorragendes Werkzeug schleichend zu einer Überzeugung mutiert. Der armselige Kenntnisstand der Psychologie bezüglich der Natur- und Kulturgeschichte der Psyche ist kein Ruhmesblatt unseres Faches und mahnt zu mehr methodologischer Offenheit. [35]

Im vorliegenden Fall ist die Situation eindeutig. Ob einst Bronislaw MALINOWSKI, der gelernte Mathematiker und große Erneuerer der Ethnologie, oder ob aktuell der Ökologe Jared DIAMOND: Wenn die Fragestellung qualitative Methodik erfordert, dann wird sie auch praktiziert. Wie DIAMOND (2005) vorgeht, stellt m.E. beste qualitative Forschung dar, wenngleich er diesen Begriff nicht benutzt. Im Schlusskapitel "How History Can Become a Sciene" ist dies in etwas generalisierter Form zusammenfasst. Ein solches Vorgehen ermöglicht ein allgemeines Ordnungsgefüge, das die historische Analyse nach Schichten und Bereichen zu ordnen erlaubt. Von einem Kritiker wurde DIAMONDs Geschichtsverständnis sehr anschaulich mit einer Zwiebel verglichen, die bekanntlich ebenfalls unterscheidbare Schichten und auf den jeweiligen Schichten Bereiche besitzt. Der Kritiker übersah m.E., dass dazu nicht im Widerspruch steht, dass letztlich aber ein wohlstrukturiertes rundes Ganzes entsteht, ähnlich der Zwiebel (a.a.O.). [36]

Es bietet sich in methodologischer Hinsicht an, im Zuge der weiteren Forschungen zur Psychogenese der Menschheit das breite Raster, das die qualitative Forschungsmethodik innerhalb (MEY & MRUCK 2010) und außerhalb der Psychologie bereit hält (FLICK, VON KARDORFF & STEINKE 1995), als einen Ordnungsrahmen für eine zunehmend stringentere Zuordnung und Bewertung aller Einzelbereiche hinzuzuziehen. Um im gewählten Bild zu bleiben: Zwischen den verschiedenen Landmassen im Ozean der Unkenntnis wird durch "nautische Leistungen" die Orientierung ansteigen. [37]

Das komplexeste Desiderat ergibt sich m.E. aus der ungewöhnlichen Heterogenität des Sammelbandes. Angesichts dieses großen Themas könnte den wissenschaftstheoretischen Aspekten etwas mehr Platz eingeräumt werden, ohne allerdings dabei zu trocken zu werden. Ein umgreifender Beitrag zu Beginn der Einzelbeiträge im Sinne von "last written, first read" könnte dies m.E. leisten. [38]

Als in einem epochalen Werk Carl VON LINNE (1735) dem "Jetztmenschen" in der natürlichen Systematik der Lebewesen einen Platz zuwies und ihn mit einem Artnamen ausstattete, spielte er auf dessen mentale Fähigkeiten als dominantes Merkmal an und wählte "Homo sapiens". Darin zeigt sich vielleicht LINNEs Vorsicht, denn "vernunftbegabt" heißt nicht zwangsläufig "vernünftig". Die Psychologie hat demnach auch die Aufgabe, die Natur- und Kulturgeschichte dieses offenbar dominanten Merkmals intensiver zu untersuchen und dies auch dann, wenn dazu neue methodologische Wege als erforderlich erscheinen. [39]

Abschließende Anmerkung: Zwischenzeitlich ist 2015 nach diesem vorbereitenden Band ein erster Sammelband für die Reihe "Psychogenese der Menschheit" erschienen – betitelt "Die menschliche Psyche zwischen Natur und Kultur" und herausgegeben von B.P. LANGE und S. SCHWARZ. [40]

Literatur

Bischof, Norbert (1980). Aristoteles, Galilei, Kurt Lewin – und die Folgen. In Wolfgang Michaelis (Hrsg.), Bericht über den 32.Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Zürich 1980 (S.17-39). Göttingen: Hogrefe, http://epub.ub.uni-muenchen.de/2869/1/2869.pdf [Datum des Zugriffs: 5.3.2015].

Diamond, Jared (2005). Guns, germs and steel. A short history of everybody for the last 13,000 years (2. Aufl.). New York: Vintage.

Flick, Uwe; von Kardorff, Ernst & Steinke, Ines (Hrsg.) (1995). Handbuch Qualitative Sozialforschung (3. Aufl.). Weinheim: Beltz.

Harris, Marvin (1977). Cannibals and kings. New York: Random House.

Jüttemann, Gerd (2011). Historische Psychologie und die Entwicklung der Menschheit. Die Perspektive einer Fundamentaltheorie. EWE, 22(1), 3-145.

Lange, Benjamin P. & Schwarz, Sascha (2015). Die menschliche Psyche zwischen Natur und Kultur. Lengerich: Pabst.

Linne, Carl von (1735). Systema naturae. Leiden: Haak.

Mey, Günter & Mruck, Katja (Hrsg.) (2010). Handbuch qualitative Forschung in der Psychologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Mithen, Steven (1996). The prehistory of mind: A search for the origins of art, religion and science. London: Thames and Hudson.

Zum Autor

Uwe KREBS; Industriekaufmann, zweiter Bildungsweg, Studium der Psychologie, Biologie, Ethnologie in Münster; Promotion in Psychologie mit Zoologie in Regensburg, Habilitation in Pädagogik in Erlangen. Tätigkeiten in Forschung und Lehre in Wien (Ethologie), Regensburg (Psychologie) und Erlangen (Pädagogik). Arbeitsschwerpunkte: Erziehung im Kulturvergleich (bes. Stammeskulturen), naturgeschichtliche Entwicklung der Erziehung (Brutvorsorge, Aufzucht, Unterweisung), mnestisch stabilisierte Bezugssysteme (sensu W. WITTE), Verhalten von Waranen.

Kontakt:

Dr. Dr. Uwe Krebs, Prof. em.

Adresse ist der Redaktion bekannt

E-Mail: krebs.uwe@t-online.de

Zitation

Krebs, Uwe (2015). Rezension: Gerd Jüttemann (Hrsg.) (2013). Die Entwicklung der Psyche in der Geschichte der Menschheit [40 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 16(2), Art. 21,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1502219.



Copyright (c) 2015 Uwe Krebs

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