Volume 8, No. 3, Art. 16 – September 2007

Rezension:

Birgit Griese

Birgit Schreiber (2006). Versteckt. Jüdische Kinder im nationalsozialistischen Deutschland und ihr Leben danach (Reihe "Biographie- und Lebensweltforschung" des Interuniversitären Netzwerkes Biographie- und Lebensweltforschung [INBL], Band 3. Mit einem Vorwort von Kurt Grünberg und einem Nachwort von Dan Bar-On). Frankfurt/New York: Campus, 455 Seiten, ISBN 3-593-37746-2, 39,90 EUR

Zusammenfassung: Birgit SCHREIBER analysiert in ihrer empirischen Studie Versteckt. Jüdische Kinder im nationalsozialistischen Deutschland und ihr Leben danach fünf autobiographische Stegreiferzählungen. Der Leserin, dem Leser werden unterschiedliche Perspektiven angeboten bzw. nahegebracht: a) die zeitgeschichtliche, politische Dimension des Themas im Hinblick auf die bundesrepublikanische Gesellschaft, b) die (problematischen) Strukturen der Kommunikation zwischen deutschen Jüdinnen/Juden und nichtjüdischen Deutschen (Stichwort: Krisen des Zeugnisgebens), c) ein erzähltheoretischer Blick auf das empirische Material, d) eine psychoanalytisch fundierte Sicht auf die Lebensgeschichten traumatisierter Menschen. In der "multiperspektivischen Anlage" der Untersuchung liegen ihr besonderes, teilweise innovatives Potenzial und zugleich ihre punktuellen Schwachstellen. Einerseits gestaltet sich die Frage nach dem Fokus der Untersuchung problematisch: Ist diese als Beitrag zur Oral History zu verstehen, als narrationsstrukturelle, vorrangig biographietheoretische Arbeit oder als psychoanalytisch orientierte Untersuchung? Andererseits ermöglicht der multiperspektivische Zugang einen sensiblen Umgang mit einer spezifischen Situation der Begegnung und Kommunikation sowie einen besonderen, einfühlsamen Umgang mit empirischen Daten. Darüber hinaus eröffnet die Gemengelage der Perspektiven die Chance zu grundständigen Diskussionen innerhalb der qualitativen Sozialforschung, nicht zuletzt in den Themenfeldern Therapie/Wissenschaft, Forschungsethik und empirisch begründete Typenbildung.

Keywords: Nationalsozialismus/Faschismus, versteckte jüdische Kinder, Überlebende des Holocaust, Biographieforschung, erzähltheoretische und psychoanalytische Einzelfallrekonstruktionen, Kommunikation zwischen Juden und Nichtjuden, Jüdinnen und Nichtjüdinnen in der BRD, Traumata

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Frage des "Wie" der Lektüre

3. Therapie oder sozialwissenschaftliche Forschung?

4. Chancen und Grenzen

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung

Die Studie von Birgit SCHREIBER folgt dem klassischen Aufbau einer wissenschaftlichen Forschungsarbeit. Der Einleitung (1. Kapitel) schließt sich eine sozial- und zeitgeschichtliche Kontextualisierung an, die im Hinblick auf die Untersuchungsgruppe vorzunehmen ist (2. Kapitel). Definitionen der Begriffe Trauma bzw. Traumatisierung (weitere Stichworte u.a. Überlebens- und Trennungsschuld), die einen zentralen Fokus im Rahmen der Analyse empirischen Materials bilden, werden in einem eigenständigen Kapitel vorgestellt (3. Kapitel). Bevor die Erhebungs- und Auswertungsverfahren konturiert werden (5. Kapitel), wird das Konzept des "Zeugnisgebens" eingeführt, um die besondere Situation, die in der Kommunikation bzw. Interaktion mit ehemals versteckten jüdischen Kindern entsteht, zu fassen (4. Kapitel). Im Anschluss präsentiert die Autorin die Rekonstruktion von fünf lebensgeschichtlichen Interviews, wobei etwas unklar ist, wieso die Einzelfallanalysen fortlaufend als Oberkapitel nummeriert werden (6.-10. Kapitel). Zwei Foki strukturieren schließlich die Darstellung der Untersuchungsergebnisse: SCHREIBER schenkt der Kommunikation zwischen (über-) lebenden, ehemals versteckten Juden und Jüdinnen in Deutschland und den deutschen Täter(inne)n bzw. deren Nachkommen in einem gesonderten Kapitel Aufmerksamkeit (11. Kapitel) und widmet sich den individuellen und geteilten Lebensthemen der Interviewten erneut in einem eigenen Passus (12. Kapitel). Bedauerlich ist das Versäumnis, in der Einleitung den Strukturaufbau der Arbeit zusammenhängend zu erläutern. [1]

Die forschende Aufmerksamkeit richtet sich in der Studie auf "Lebensthemen, darunter Traumata und Identitätsprobleme" (S.17), im Konnex Verfolgung/Versteck, die auch in ihrer Bedeutung für das Leben in Deutschland danach entschlüsselt werden. Unter dem Titel "Auslassung und Integration" rekapituliert Birgit SCHREIBER die Lebensgeschichte von Erika Koschinski (zusammenfassend S.392f.), die lebensgeschichtliche Erzählung Lore Frühlings wird strukturell und inhaltlich als "Glückssträhne inmitten von Bitterkeit und Leid" gefasst (kurz S.393ff.). Die thematische Gestalt des "Angekommen-Seins" − im jüdischen Glauben und in der Bundesrepublik, trotz Verfolgungserfahrungen − gilt als konstitutiv für die Erzählung von Lore Schwarz (S.395f.). Im Fall des Interviews mit Jürgen Haverkamp wird das strukturgebende Prinzip "zwischen Einzigartigkeit und Vernichtung" lokalisiert und der Selbstbezeichnung "schwarzes Schaf" herausragende Bedeutung beigemessen (S.396f.). Schließlich verhandelt die Autorin die Situation mit Harry Young aus dem Blickwinkel der "verfehlten Begegnungen" (S.297). Dem "Ringen um Sinn und Bedeutung" (S.400ff.) als einem strukturierenden Merkmal, das sämtliche Erzählungen teilen, wird eigens Aufmerksamkeit geschenkt. Die Analyse der Lebensthemen basiert auf narrationsstrukturellen Erwägungen und Perspektiven, die sich der (psychoanalytischen) Reflexion der Begegnung bzw. Kommunikation verdanken. [2]

Grundsätzlich durchziehen verschiedene Haltungen bzw. Perspektiven den Text: Die Untersuchung versteht sich als kritischer Beitrag zur Erinnerungskultur der Deutschen; das Material, das zum "Teil des kulturellen Gedächtnisses" werden soll (S.24), wird aus psychoanalytischer und erzähltheoretischer Warte interpretiert; die Formen des kommunikativen Miteinanders überlebender jüdischer Deutscher mit den Täter(inne)n, Mitläufer(inne)n und deren Kindern und Enkel(inne)n stehen zur Disposition und fließen in die Auswertung ein. Aus dieser vielleicht notwendigen Gemengelage der Sichtweisen und Ansätze ergibt sich zunächst die Frage, wie die Abhandlung zu lesen und zu rezensieren ist, eine Frage, die ich in Abschnitt 2. versuche zu beantworten. Dem Anliegen, das narrationsstrukturelle Verfahren mit psychoanalytischen Auswertungsstrategien zu koppeln, werde ich unter der Überschrift "Therapie oder sozialwissenschaftliche Forschung?" (Abschnitt 3) Rechnung tragen, und schließlich wird unter 4. "Chancen und Grenzen" ein Fazit gezogen. [3]

2. Die Frage des "Wie" der Lektüre

HEINRICH kommt in seiner Studie zu den kollektiven Erinnerungen der Deutschen unter anderem zu dem Schluss, dass die Verfolgung und Vernichtung von Juden und Jüdinnen während des Nationalsozialismus (NS) eine untergeordnete Rolle spielt. Zwar ist

"die Bedeutung des Nationalsozialismus für die deutsche Gesellschaft [...] weitgehend anerkannt [...]. Doch muß Auschwitz nicht zwangsläufig derselbe Bedeutungsgehalt zukommen. Diese Aussage gilt unabhängig davon, ob einzelne gesellschaftliche Gruppen ein derartiges Ausmaß an Aufmerksamkeit befürworten oder ablehnen, beziehungsweise diesen Teil der Vergangenheit aus dem öffentlichen und individuellen Bewußtsein zurückdrängen möchten" (2002, S.201). [4]

Auf der Ebene des kulturellen Gedächtnisses bedeutungsvoll, besitzt das Thema der Verfolgung und Vernichtung für die einzelnen Bundesbürger(innen) eine untergeordnete Relevanz (a.a.O., S.201ff.). Birgit SCHREIBER verleiht ihrem Forschungsprojekt Bedeutung, indem sie zum einen ein Forschungsdesiderat bezüglich der "Situation Überlebender in Deutschland" anführt, zum anderen einen legitimen anwaltschaftlichen Ton anschlägt: Es gehe ihr darum, "unser Wissen und unser Verständnis über den Holocaust und seine Folgen sowie über die spezifische Situation dieser in Deutschland (über-) lebenden Gruppe von Naziverfolgten zu erweitern" (S.26), kurz: einen Beitrag zur Konstitution des kulturellen Gedächtnisses zu leisten (S.24). Diese erste doppelte Perspektive der Arbeit, einen Beitrag zur Forschung und einen Beitrag in Richtung des kollektiven Gedächtnisses liefern zu wollen, stellt die Rezipierenden ebenfalls vor die Frage, unter welchem Gesichtspunkt die Arbeit zu lesen und zu bewerten ist. Der Text trennt die beiden Ebenen nicht, in der Rezension möchte ich allerdings eine Form der analytischen Trennung vollziehen. Dass es sich bei der Arbeit um eine Arbeit mit moralisch-ethischen Implikationen und gesellschaftspolitischem Anspruch handelt, wird nicht nur von GRÜNBERG im Vorwort begrüßt (S.12), sondern findet auch meine uneingeschränkte Zustimmung. Gerade in Zeiten, in denen das (mediale) "Ringen um Geschichte" die Opferperspektive der Deutschen zu betonen scheint, ist eine Fokussierung auf jüdische Geschichte sinnvoll. Aktuell sind es die Kriegsopferinszenierungen, die Erzählungen von ausgebombten Städten, von Flucht, Vertreibung oder Deportation (beispielsweise Russlanddeutscher), die in der nationalen Geschichtsschreibung statt einen marginalen nun einen zentralen Platz erhalten (sollen) – eine Tendenz, die WELZER bezüglich der Bestsellerromane zum Thema NS beobachtet: "Mein Eindruck ist, dass die Deutung der Vergangenheit sich aus dem Fokus von Auschwitz, dem Holocaust zu verschieben beginnt. Und zwar in Richtung auf das Leiden der Deutschen" (2004, S.29). Ebenso weisen die unzähligen Fernsehdokumentationen, die häufig um die Präsentation eines Stücks individueller Lebensgeschichte bemüht und so besonders anschlussfähig für Identifikationen sind (exemplarisch vgl. FRANZEN 2002), auf Verlagerungstendenzen in der Aufmerksamkeitsrichtung hin.1) Obwohl es im Folgenden auch um Kritik gehen wird, ist diese nicht auf die hier thematisierte Leistung der Arbeit zu beziehen. [5]

Ähnliches gilt für die kommunikativen Bedingungen, die SCHREIBER im Horizont des Konzeptes des Zeugnisgebens entfaltet. Die theoretischen und reflexiven Leistungen, die das Nachdenken über die speziellen Interaktionsbedingungen im Interview und in den Begegnungen begleiten, sind hochanspruchsvoll und tragen dazu bei, dass das kommunikative Bedingungsgefüge zwischen "Opfern" und Täter(inne)n, Mitläufer(inne)n bzw. der nachfolgenden Generation Deutscher in seinen problematischen Grundzügen transparent wird. Der "Anforderungskatalog", der im Fazit schließlich entwickelt wird, um "gelungene" Begegnungen zwischen Forscher(inne)n und traumatisierten Menschen zu ermöglichen (S.388ff.) – ein Projekt, das unausgesprochen, aber erneut politische und moralische Perspektiven auf die Agenda setzt –, nimmt indessen den Doppelcharakter an, der die Arbeit durchzieht und der nachstehend in seiner Struktur entfaltet wird. Aus der kritischen Diskussion wiederum ausgeschlossen werden soll die Ansicht, dass die Situation der Begegnung biographische Arbeit auf Seiten der Forscher(in), und zwar im Vorfeld, verlangt. Unter biographischer Arbeit wird gemeinhin die (lebenslange) Auseinandersetzung mit bzw. die Bearbeitung von pluralen und widersprüchlichen sozialen Anforderungen verstanden (vgl. ALHEIT 1995; FISCHER 2004), die dem Ziel dient, (kohärente) Identität herzustellen. Die Themenkomplexe Täterschaft oder das Mitläufertum stellen die Söhne, Töchter oder Enkel(innen) vor die Aufgabe, vor dem Kontakt mit ehemals Verfolgten "biographische Arbeit und Generationenarbeit" (S.389) zu betreiben. Jene (Selbst-) Vergewisserung über die Familiengeschichte halte auch ich für eine ebenso wesentliche Voraussetzung im Vorfeld der Begegnung (und im Hinblick auf die Analysen) wie die Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte, die von SCHREIBER ebenfalls gesondert erwähnt wird (S.19). [6]

3. Therapie oder sozialwissenschaftliche Forschung?

Im Horizont der empirischen Untersuchung von Birgit SCHREIBER möchte ich eine Frage erörtern, die sich mir seit Langem stellt. Hier handelt es sich um eine generelle, im Kern ethische Frage im Horizont lebensgeschichtlicher Interviews, die BAR-ON in seinem Nachwort folgendermaßen formuliert: "Darf man das Erzählte akzeptieren, ohne es zu hinterfragen, oder sollte man versuchen, die verschwiegenen, die verborgenen Geschichten zu entdecken, die hinter den offensichtlichen liegen [...]" (S.429)? Ja lautet die Antwort von BAR-ON, es sei aber grundsätzlich eine Balance zwischen den manifest geäußerten sprachlichen Mitteilungen und den Informationen, die "zwischen den Zeilen" stecken, zu halten (a.a.O.). Wenngleich es außer Frage steht, dass jedes hermeneutische Verfahren mehr leistet als die Textoberfläche zu reproduzieren – in diesem Fall würde es sich um "reine" Dokumentation handeln, obgleich zu bedenken bleibt, dass jede Verschriftlichung konstruktive und selektive Momente beinhaltet (vgl. KOWAL & O’CONNELL 2000, S.440) –, nähert sich die psychoanalytisch inspirierte Methode dem empirischen Material doch auf spezifische Weise. [7]

Die Psychoanalyse und die damit verbundenen hermeneutischen Verstehensprozesse betrachten autobiographische Texte als Inszenierung lebensweltlicher Handlungs- und Erfahrungskontexte, die tiefenstrukturell untersucht werden können. Zunächst geht es um das Erfassen des manifesten Textes unter der Fragestellung: Gibt es auf der textuellen Ebene Ungereimtheiten, Leerstellen, Brüche, Widersprüche? Solche (teilweise nicht vorhandenen) Textstellen liefern Hinweise auf einen verborgenen Sinn, sie können als verdrängte Anteile oder unbewusste Inhalte gedeutet werden. Von den lokalisierten Widersprüchen, von irritierenden Passagen ausgehend werden Verstehensprozesse eingeleitet: "Der Zugang zum latenten Sinn, der über Schlüsselszenen zugänglich wird, die sich als inkonsistent erweisen, erschließt sich dadurch, dass die Interpreten den Text […] auf das eigene Erleben ('szenische Teilhabe') wirken lassen" (KÖNIG 2000, S.557). Ihr empirisches Material spiegelt laut SCHREIBER Formen "des Umgangs der ErzählerInnen mit ihren latenten Konflikten" (S.118) wider. In den Erzählungen tauchen die "prägenden Themen einer Lebensgeschichte" auf, die "nicht manifest mitgeteilt" werden können (a.a.O.) und die in der Lage sind, "unbewusste Lebensmuster" (S.113) zu generieren. Im Horizont der psychoanalytischen Idee von Übertragung und Gegenübertragung (S.114) wird (Text-) Exegese betrieben, das Verfahren stellt SCHREIBER in Anlehnung an ERDMANN wie folgt dar: "Dazu dienen Gegenübertragungen, die sich in 'Stimmungen, Impulsen, Verhaltensweisen, Einstellungen oder anderen psychischen Problemen […'] manifestieren. Interpretiert werden also Gefühle, Körperreaktionen, Gedanken und Phantasien, die in einer Situation auf das Gegenüber oder das Interview übertragen werden" (S.117). [8]

Die Suche nach sogenannten Schlüsselszenen/-erlebnissen, die sich im Text oder im Interaktionsprozess zu erkennen geben können, spielt eine zentrale Rolle. Mithilfe der Prinzipien Empathie und Perspektivübernahme sollen diese Interakte oder Passagen dechiffriert werden (u.a. S.120). Das interpretative Vorgehen selbst verlangt eine hochgradig engagierte Form der Selbstreflexion, um eigene Verdrängungsleistungen (Stichworte: Selbsterkenntnis, Lern-/Bildungsprozesse) und das Involviertsein im Forschungsprozesses transparent zu machen (u.a. S.116). Im Zuge der Interpretation wird der manifeste Gehalt der Erzählung nicht ignoriert, das Verstehen, als Ziel (je-) der Fallrekonstruktion, fokussiert jedoch auf die unartikulierten, nur implizit, unbewusst vorliegenden Lebensthemen und auf die Identitätsentwicklung – unter besonderer Berücksichtigung möglicher Beschädigungen – im Laufe der (Lebens-) Zeit. Aufgrund der Forschungsschwerpunkte der Studie SCHREIBERs, die Rekonstruktion von Traumatisierungen und unartikulierten Lebensthemen, ist die Interpretation auf die Praxis des "zwischen den Zeilen Lesens", auf das Entziffern des "Unausgesprochenen" und "Verborgenen" angewiesen. Dieses Vorgehen findet unter anderem in den theoretischen Diskussionen über Traumatisierung und Erzählung seine Begründungen: Die von SCHREIBER dargelegten theoretischen Annahmen schwanken zwischen der These von der "Unmöglichkeit" einer direkten sprachlichen Entäußerung traumatischer Erfahrungen und der "Heilsamkeit des Erzählens". Lebensgeschichtliches Erzählen wird als Möglichkeitsraum konzipiert, der die Chance zur "Lösung von der Vergangenheit" und gleichzeitig die Option zur "Herstellung von Kontinuität in einer Lebensgeschichte" beherbergt (S.91, ausführlich S.90ff., zur Frage der Artikulierbarkeit u.a. S.62ff.). Geheimnisse und Tabus, symbolisch aufgeladene Passagen sind diejenigen Stellen im Interview bzw. im rekapitulierten Interakt, die es aufzuspüren gilt. Die Lokalisierung selbst ist eng mit den emotionalen Reaktionen auf den Text bzw. auf das Gegenüber verbunden. Das hier skizzierte Vorgehen wird von der Autorin im Zuge der "Rekonstruktion" umgesetzt: Neben den Lebensgeschichten ist also viel über Gefühle und Irritationen, die die lebensgeschichtlichen Zeugnisse und die Begegnungen bei der Forscherin auslösen, sowie darauf basierenden Interpretationen zu erfahren. [9]

Wecken die Ausführungen den Eindruck, es handele sich bei dem Verfahren um ein ausgesprochen offenes (emotional-reflektiertes) Herangehen an den Text, stellt sich beim Lesen ein anderer Eindruck ein. Den Analysen liegt zunächst die zentrale theoretische Annahme zugrunde, dass die interviewten Menschen aufgrund ihrer Lebenserfahrungen traumatisiert sind. Zwar bemüht sich SCHREIBER um Offenheit, wie dem nachstehenden Zitat zu entnehmen ist:

"Dieser Erkenntnis [Pathologisierung der "Opfer" durch das "Überlebendensyndrom", B.G.] sowie dem Wunsch, die Ausgrenzung der Überlebenden aus dem Kreis der 'gesunden' Menschen nicht fortzuschreiben und damit einer weiteren Abwehrstrategie zu erliegen, dient die Entscheidung für die Betonung der individuellen Umgehensleistungen und gegen das Vorgehen einer so genannten 'Typenbildung' " (S.22). [10]

Wenn die hier proklamierte Haltung zum Zuge gekommen wäre, so ist zu fragen, welcher Stellenwert dann dem ausführlichen Kapitel zur Traumatisierung beizumessen ist. In den (einfühlsamen) Analysen findet sich kein Fall, in dem nicht von Traumatisierung die Rede wäre. Und schließlich umfasst der im Schlussteil der Arbeit vorgestellte "Anforderungskatalog", der "Ratschläge" im Hinblick auf Formen und Bedingungen gelungener Kommunikation und Begegnung zwischen (über-) lebenden jüdischen Deutschen und Deutschen beinhaltet, Informationen zum Umgang mit traumatisierten Menschen. Dies geschieht in der (lobenswerten) Absicht, im Interaktionsprozess nicht zur Retraumatisierung beizutragen und die Menschen, sollten die traumatischen Ereignisse doch "zur Sprache" oder "an die Oberfläche" kommen, mittels spezifischer Gesprächsformen in die "Gegenwart" zurück zu begleiten (S.389f.). Die eröffneten Perspektiven lassen bereits vage erkennen, dass zwei Stränge die Abhandlung durchziehen: ein sozialwissenschaftlicher Anspruch und eine therapeutische Haltung – beide von der Annahme bzw. Setzung einer Traumatisierung getragen. Die Ablehnung einer sozialwissenschaftlichen Typenbildung und damit die Weigerung, eine über den Fall hinausgehende theoretische Abstraktion vorzunehmen, hätte meines Erachtens anders – konkret: forschungsethisch – diskutiert werden können (ausführlicher weiter unten in Abschnitt 4). Da der Verzicht jedoch gleich Eingangs formuliert wird, verwundern die relativ schwachen abschließenden Betrachtungen kaum: Kapitel 11 beinhaltet eine größtenteils redundante Zusammenfassung der vorangehenden Interpretationen (insbesondere S.392-398), in Kapitel 12 fokussiert die Autorin auf "therapeutische" bzw. kommunikative Aspekte. Bevor das Zusammenspiel von therapeutischer Haltung und sozialwissenschaftlichem Anspruch abschließend erörtert wird, ist das Thema der theoretischen Vorannahmen zu schließen. Nicht nur die reflektierten Empfindungen der Forscherin und die Traumatisierungsannahme spielen bei der Interpretation eine Rolle. Wenngleich die theoretischen Annahmen, die die Textanalyse begleiten, implizit bleiben, so lässt sich doch feststellen, dass die Idee der "Umwandlung der Elternbeziehung in das Über-Ich" (FREUD 1991, S.65) von Relevanz ist, mit anderen Worten: den Interpretationen liegen psychoanalytische Vorstellungen von der Entwicklung einer Ich-Identität zugrunde. Eine "positive" bzw. "ungestörte" Identität in der Zeit kann sich nur dann entfalten, wenn die dyadische Mutter-Kind-Beziehung und der Prozess der Triangulation (die Beziehung Vater-Mutter-Kind) ebenso "normal" verlaufen wie der in der Adoleszenz zu bewerkstelligende Ablösungsprozess von den Eltern. Dass diese Bedingungen angesichts des Lebens im Versteck nicht gegeben sind (und folglich die "Devianz" vorprogrammiert scheint), versteht sich nahezu von selbst. Dieser Fokus, der die Betrachtung des Materials inhärent durchzieht, legt nicht nur den Verdacht einer normativen Interpretationsfolie nahe, sondern lässt sozialwissenschaftliche Rekonstruktionsperspektiven zugunsten entwicklungspsychologischer Setzungen in den Hintergrund treten. Auch stellt sich hier die Frage, wieso diese scheinbar zentralen Analysedimensionen nicht vorgestellt werden, sondern lediglich durch die Auswertungen "schimmern" (vgl. u.a. S.182, 192, 246f.). Darüber hinaus ist es irritierend, dass das Feld der in diesem Zusammenhang relevanten Resilienzforschung nahezu vollständig vernachlässigt wird (für einen Diskussionsbeitrag zum Thema Resilienz- und Biographieforschung vgl. BARTMANN 2006a, S.31ff.). [11]

Die Grenze zwischen therapeutischem Anliegen und sozialwissenschaftlicher Forschung wird meines Erachtens an denjenigen Stellen der Studie vollends in Richtung Therapie verschoben, an denen, obgleich vorsichtig formuliert, diagnostische Dimensionen in den Mittelpunkt rücken. So wird im Kontext der Analyse des Interviews mit Herrn Young das psychoanalytische Konzept der "Spaltung" diskutiert (S.355ff.); "abgespaltene Erinnerungen" aber werden auch anderenorts lokalisiert (S.198f.). Die Dominanz psychologischer Blickwinkel kommt in einem Fall besonders deutlich zum Ausdruck: "Im Folgenden möchte ich mit dem psychopathologischen Begriff 'paranoid' im Hinblick auf seinen Nutzen für die Biographieanalyse des Interviews mit Jürgen Haverkamp experimentieren" (S.307). Hier stellt sich nicht nur die Frage, ob dieses "Experiment" Perspektiven und Interessen der Befragten berücksichtigt (ausführlicher s.u.), sondern ob dieses Vorgehen als sozialwissenschaftliche Interpretation zu betrachten ist. Diese "Verwechselung" sozialwissenschaftlicher und therapeutischer Belange wird meines Erachtens schon in den Positionierungen zur Methode des biographisch-narrativen Interviews deutlich. Das "Heilsame des Erzählens" avanciert zu einer Schlüsselkategorie, "Symptomverbesserungen nach dem Erzählen der Lebensgeschichte" (S.92) werden angeführt (ausführlich S.90ff.), die Aufgabe, die Interviewten bei der "Erforschung ihrer Erinnerungen zu begleiten" (S.182), gilt als ein Ziel der (wissenschaftlichen oder therapeutischen?) Kommunikation. Spiegelt sich hier die Annahme, dass dem "Verdrängten" ein "starker Auftrieb zuzuschreiben" ist, ein "Drang, zum Bewußtsein durchzudringen" (FREUD 1991, S.71), der durch die Gesprächsführung (im wissenschaftlichen Setting Interview) zu unterstützen ist? Begegnet Birgit SCHREIBER ihren Gesprächspartner(inne)n und den transkribierten Texten nun in der Rolle einer Sozialwissenschaftlerin oder in der Rolle der (angehenden) Therapeutin? Dass das "berufliche Herz" für den therapeutischen Zugang schlägt, illustrieren Selbstbekenntnisse:

"Meine Zweifel zu Beginn der Forschung [...] hatten mir die Notwendigkeit einer Supervision vor Augen geführt. Darüber hinaus setzt die Gegenübertragungsanalyse Kenntnisse und Fähigkeiten voraus, die Laien ohne psychoanalytische Ausbildung nur bis zu einem gewissen Grad mitbringen. Die inzwischen abgeschlossene erste Phase meiner Weiterbildung zur Transaktionsanalytikerin beinhaltete auch ein Training in der Analyse von Gegenübertragungsprozessen" (S.124). [12]

Einerseits beruhigt die Vorstellung, dass Birgit SCHREIBER professionelle Fertigkeiten für die Form der präsentierten Analysen mitbringt bzw. erwirbt und ihren Forschungsprozess supervidieren lässt, andererseits steigert sich die Konfusion: Steht in der Arbeit die Befähigung zur sozialwissenschaftlichen Analyse oder die Kompetenz, psychoanalytische Verfahrensweisen professionell einzusetzen, zur Disposition? Gelegentlich jedoch wird die Rolle der Sozialwissenschaftlerin aktiv und reflektiert (wieder-) eingenommen:2) Im Fall der "komplizierten" Begegnungen mit Harry Young – Stichwort "Übertragungsdrama" (S.331) – bietet die (Rück-) Besinnung auf dieses Rollenrepertoire (S.329, 335f.) und den institutionellen Raum Universität (S.336f.) einen Ausweg aus einer hochgradig emotional aufgeladenen, belastenden Situation. Nun ist resümierend und die formulierte Kritik einschränkend allerdings anzumerken, dass die Deutungen als Deutungen und nicht als letzte "Urteile", also vorsichtig formuliert werden. BAR-ON bemerkt diesbezüglich lobend: "Ihre [Birgit SCHREIBERs, B.G.] Methode legt 'versteckte' Texte offen, setzt sie ebenso präzise wie vorsichtig in Beziehung und präsentiert ein Spektrum möglicher Lesarten" (S.429). Jedoch hat ein derartiges sprachliches Vorgehen, das im Kontext der gewählten Methode und im Hinblick auf die je konkrete Erzählung sicher angemessen ist, seinen Preis: Die Uneindeutigkeiten, die vage gehaltenen Aussagen lassen das Bild einer spekulativen Wissenschaft entstehen. [13]

Im Fall der Studie SCHREIBERs wird neben dem tiefenhermeneutischen Ansatz das von SCHÜTZE in den 1980er Jahren entwickelte narrationsstrukturelle Verfahren zum Einsatz gebracht. Was aussteht, ist ein Kommentar zum Zusammenspiel von narrationsstrukturellem und psychoanalytischem Ansatz. Die Tatsache, dass die Erläuterungen zu den sich in der Erzählung spiegelnden Prozessstrukturen der Erfahrungsaufschichtung bzw. die Ausführungen zu den kognitiven Figuren des autobiographischen Stegreiferzählens (vgl. insbesondere SCHÜTZE 1984) in der Auswertung im Anmerkungsapparat ihren Ort finden (S.134, Anm. 2, S.137, Anm. 4, S.161, Anm. 18, S.211, Anm. 5, S.224, Anm. 9 etc.), lässt den Eindruck entstehen, es handele sich um eine mitlaufende, jedoch in ihrer Funktion und Bedeutung zweitrangige Perspektive. Zwar wird ersichtlich, dass das ROSENTHALsche Verfahren zur Lokalisierung der Gestalt autobiographischer Stegreiferzählungen gelungen angewandt wird (ROSENTHAL 1995, S.49ff.), doch ist insgesamt eher ein relativ unvermitteltes Nebeneinander der Methoden zu beobachten. Gelegentlich erscheint das narrationsstrukturelle Verfahren als eine Art "Hilfsmethode", wenn es darum geht, sich "problematischen" Erzählungen anzunähern:

"Meine eigene Abwehr gegen die Geschichte meines Interviewpartners [hier handelt es sich um die Erzählung von Jürgen Haverkamp, B.G.] äußerte sich u.a. in meiner monatelang anhaltenden Unsicherheit darüber, wie ich seine erzählte Biographie strukturell beschreiben könne. Während ich einerseits das Interview von mir wegschob, hatte ich andererseits den dringenden Wunsch, eine Ordnung in das Chaos der Erzählung zu bringen. Als ich endlich den Erzählfaden identifiziert hatte, Kontinuität herstellen und verfolgen konnte, empfand ich große Befriedigung und Erleichterung" (S.274f.). [14]

Im Anschluss kann es dann mit psychologischen Deutungen weitergehen: "Diese Empfindungen erkannte ich im Laufe der Interpretation als Hinweis auf die Bedürfnisse meines Interviewpartners: Er benötigte einen Halt für seine Geschichte und eine Struktur für die Montage seiner fragmentierten Identität" (S.275). Im Fokus der Studie stehen also psychologische Perspektiven, die eng mit einem emphatischen "Sich einfühlen", mit Übertragungs- und Gegenübertragungsanalysen verbunden sind. Da der Dimension der Empathie in der Interpretation eine so außerordentliche Rolle zufällt, kann, hier in Anlehnung an die Rezension von Sylke BARTMANN, formuliert werden: "Sicherlich bleibt dieser Ansatz punktuell diskussionswürdig, da sich die Frage aufdrängt, inwieweit diese Deutungen zu stark von der Interviewerin abhängig sind; auch bliebe zu klären, in welchem Verhältnis sie zu gängigen Gütekriterien wissenschaftlicher Forschung stehen" (2006, o.S.). Passagenweise kommt die Interpretation ohne Worte seitens der Interviewpartner(innen) aus (vgl. insbesondere die Interpretation Young, S.315ff.), physische Probleme werden lebensgeschichtlich kontextualisiert, psychosomatisch gedeutet und mit Blick auf die Interaktionssituation zwischen Forscherin und Gesprächspartner interpretiert. Nicht nur in diesem Fall gehen mir persönlich die Auslegungen, die häufig ohne Replik oder Aussage des Gegenübers bleiben, eindeutig zu weit. Die Grenze, die BAR-ON im Nachwort konturiert – er betont, dass sich "Interviews deutlich von Therapien unterscheiden" (S.431) – verwischt in der Studie. Doch trotz aller Kritik, die hier formuliert worden ist, oder besser: in der Kritik liegen auch Chancen für die qualitative Sozialforschung im Allgemeinen und die Biographieforschung im Besonderen. [15]

4. Chancen und Grenzen

Zunächst möchte ich festhalten, dass ich die Studie für überaus lesenswert halte. Dieser Aspekt ist im Zuge der Formulierung von Kritik vielleicht etwas zu kurz gekommen. Nicht nur mit Blick auf die kulturellen Dimensionen des Erinnerns halte ich die Arbeit für wichtig. Im Prinzip konfrontiert der Text den Leser, die Leserin implizit und explizit mit einer Vielzahl an Fragen, die in der qualitativen Sozialforschung konjunkturell oder randständig behandelt werden. Eine dieser Fragen betrifft den Zusammenhang von Forschung und Psychoanalyse. Wenn denn psychoanalytische Perspektiven in den Bereich der rekonstruktiven Forschung Einzug halten (bzw. längst eingezogen sind), dann steht meines Erachtens ebenfalls die seit Ewigkeiten diskutierte Frage wieder auf der Agenda, ob bzw. inwiefern die Psychoanalyse als "Wissenschaft" aufzufassen ist (TETENS 1999, S.1771).3) Diese fragende Haltung, die der Text provoziert, spiegelt sich ebenso in dem – im vorangegangenen Absatz vorgestellten – Zitat von BARTMANN, die nach den "Gütekriterien wissenschaftlicher Forschung" fragt. Oder kann beispielsweise das Kriterium der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit im Falle einer psychoanalytischen Deutung nur unter den Expert(inn)en ausgehandelt werden? Wenn dem so wäre, wäre das Unverständnis, das ich Teilen der Studie entgegenbringe, nichts weiter als die Kritik einer Außenstehenden – im Umkehrschluss aber würde die psychoanalytisch inspirierte Forschung durch dieselbe (Denk-) Bewegung zu einer Art "Sonderwissenschaft". [16]

Die Untersuchung von SCHREIBER lenkt den Blick vor allem in Richtung Gesprächspartner(innen): Ob die Chance besteht, dass sich die Informant(inn)en in den Auswertungen (wieder-) erkennen? Provokanter formuliert: Haben sie um Diagnosen (Spaltung, Paranoia, Verdrängung) gebeten, die, wie vage auch immer gehalten, zugleich einer Öffentlichkeit präsentiert werden? Dass es sich bei der Konfrontation der Interviewteilnehmer(inn)en mit den Ergebnissen der Untersuchung um eine positive, um eine gelungene Form der "Begegnung" handeln könnte, ist ungewiss, und die Anonymisierung bietet den Forschungsteilnehmer(inne)n keinen Schutz vor dem durch die Brille der Psychoanalyse gespiegelten Selbst. Und im Prinzip nützt es wenig, hier die Psychoanalyse "vorzuschieben", wenngleich der diagnostische Impetus und im Fall der Studie SCHREIBERs die Untersuchungsgruppe diesbezügliche Überlegungen auf besondere Weise evozieren. Liefert nicht jedes hermeneutische Verfahren, jede Interpretation – gleichgültig, ob sie im SCHÜTZschen Paradigma, als Objektive Hermeneutik oder im Gewand der erzählten und trotzdem rekonstruierten Identität(en) betrieben wird – ein "Mehr" an Information, deren "Verträglichkeit" im Hinblick auf die Forschungsteilnehmenden nur selten zur Kenntnis genommen oder abgeschätzt wird? Die Arbeit SCHREIBERs setzt diese Fragen, auf die unter anderem die Aktionsforschung eine Antwort zu geben versucht (für einen kurzen Einblick vgl. FUCHS-HEINRITZ 2005, S.184ff.), erneut auf die Tagesordnung. Dass sich SCHREIBER im Forschungsprozess mit dem Problem konfrontiert, verdient Anerkennung, obwohl ihre "Lösung" eher wie ein Appell an die Teilnehmer(innen) klingt, die Deutungen nicht allzu ernst zu nehmen bzw. sich von den Untersuchungsergebnissen zu distanzieren, kurz: sich selbst zu schützen:

"Schließlich muss bei Analysen und ihrer Vermittlung an die ForschungspartnerInnen wohl darauf vertraut werden, dass die Menschen, die sich zur Befragung zur Verfügung stellen, über Schutzmechanismen verfügen [...], die sie für das Lesen der Interpretationen wappnen, die Aspekte ihrer Biographie beleuchten, an die sie selbst lieber nicht rühren wollen" (S.387).4) [17]

Forschungsethische Horizonte werden eröffnet, die zudem die Typenbildung tangieren. Im Sinne Max WEBERS kann Typenbildung als methodischer Versuch betrachtet werden, jenes grundsätzlich herrschende Chaos der empirischen Wirklichkeit denkend zu ordnen. Dass im Prozess der Typen(und Begriffs-)bildung nur Facetten generalisierend und "auf Kosten" einer Vielzahl bzw. "Unmenge" empirischer Phänomene erörtert werden können, ist die unvermeidbare Konsequenz eines derartigen Verfahrens (vgl. WEBER 2004). Ist es diese notwendige Reduktion auf einzelne, aufgrund ihrer Isolation auch artifizielle Phänomene, die Birgit SCHREIBER Abstand nehmen lassen? Oder ist es der Gegenstandsbezug, das Individuelle, die "Einzigartigkeit des Individuums", die in der Arbeit zum Forschungsgegenstand avanciert? WEBER selbst beschäftigt sich im Rahmen der Typenbildung nicht mit Personen oder Identitäten, sondern mit menschlichen Handlungen, die im Idealtypus zweckrationalen Handelns ihre Interpretationsfolie finden, oder mit sozialhistorischen Gesellschaftsformationen. Die Forschung SCHREIBERs rückt hingegen wesentlich näher an die einzelne Person heran (Identitätsentwicklung, Eltern-Kind-Beziehungen, Traumatisierung, Pathologien, Störungen, Lebensthemen). Nicht das Kulturelle steht im Zentrum der Analysen, sondern das Personale, nicht das sozial oder gesellschaftlich Allgemeine steht zur Disposition, sondern das im Modus des Intimen aufscheinende Singuläre. Die generelle Frage aber, die sich hier stellt, ist die Frage nach den moralisch-ethischen Grenzen wissenschaftlicher Forschung, die ihre Ergebnisse einer Öffentlichkeit zugänglich macht. Man würde sich die Angelegenheit jedoch zu einfach machen, schöbe man die von SCHREIBER eröffnete Position beiseite. Die in typisierender Absicht vorgenommene Generalisierung birgt per se die Gefahr der Stereotypisierung, die von besonderer Tragik scheint, ist der Mensch, der "Einzelfall" die Grundlage ihrer Formulierung. Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang immer auch die Nähe zu praktischen Handlungsfeldern – im Fall der Arbeit SCHREIBERs werden therapeutische Praxisfelder mitassoziiert: "Höhersymbolische Wissensbestände [wie Typen, B.G.] bergen zugleich ein für das Handeln im professionellen Kontext wichtiges Rationalisierungs-/Vereinfachungs- und Prognosepotenzial sowie die Gefahr der Stereotypisierung/Stigmatisierung. Trotz des 'Risikos' kann auf diese Formen des Wissens nicht verzichtet werden" (GRIESE & GRIESEHOP 2007, o.S.; Hervorhebung im Original). [18]

Ob das im wissenschaftlichen Kontext generierte Wissen zum Schaden oder Nutzen gereicht, ist schwer bzw. kaum abzuschätzen, eine Feststellung, die die Forschung, den einzelnen Forscher, die einzelne Forscherin allerdings nicht aus der Pflicht entlässt, diese ethische Aspekte tangierende Problematik zu reflektieren. [19]

Letzte Kommentare zum Verhältnis Therapie/Forschung sollen die Rezension beenden. Zeigen sich die Schnittmengen und -stellen in der Veröffentlichung SCHREIBERs unverhohlen, so liegen sie mit der Idee vom "Heilsamen des Erzählens" nicht nur in der psychoanalytisch motivierten Perspektive auf Lebensgeschichten vor. SCHREIBER weist darauf hin, dass auch SCHÜTZE von einer "möglichen 'therapeutischen' Wirkung autobiographischer Stegreiferzählungen" ausgeht und die Chance sieht, dass qua Erzählung Traumata (wieder) in die Lebensgeschichte integriert werden können (S.91). Vor allem in dem Bereich der Biographieforschung, der sich mit den Feldern der Sozialen Arbeit verschränkt, beschäftigt man sich mit dieser therapeutischen Funktion oder Leistung, die dem (lebensgeschichtlichen) Erzählen innewohnen soll (für einen kurzen Einblick und Literaturverweise vgl. GRIESE & GRIESEHOP 2007, Kap.5). Ob dem so ist, scheint eine zentrale Frage, die, wird sie positiv beschieden, die Frage nach den Konsequenzen nach sich zieht. Ist jede(r) Sozialwissenschaftler(in) immer gleichzeitig – gleichgültig ob bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt, geschult oder ungeschult – "Therapeut(in)", jedes Interview grundsätzlich als (potenzielle) Therapiesituation zu betrachten? Haftet dem narrativen Interview seine Kulturgeschichte an, die geschichtliche Verwobenheit mit Beichte und Therapie, die Alois HAHN (1988) so vortrefflich beschrieben hat? Fraglich wird also, ob die lebensgeschichtliche Erzählaufforderung, die Erhebungsmethode, nicht jede auf ihr basierende Forschung punktuell oder beständig in das Feld des Therapeutischen – das doch letztlich ein privates und kein öffentliches Terrain darstellt bzw. darstellen sollte – verschiebt. Ich hoffe, dass dem nicht so ist, bin mir allerdings derzeit nicht mehr ganz so sicher. Doch haben Reflexionen noch nie geschadet, und dazu lädt die Arbeit SCHREIBERs ein: Sie wirft direkt und indirekt Fragen auf, die die eigene Forschungshaltung und -praxis berühren, die die eigenen Versäumnisse und die häufig aus "pragmatischen Gründen" zurückgestellten ethischen Fragen aktualisieren bzw. hervorlocken. Hierzu zählen nicht zuletzt auch die detaillierten und differenzierten Positionsbestimmungen seitens der Forscher(innen) angesichts eines sich vollziehenden Forschungsprozesses und angesichts der Begegnung mit "dem anderen" im Vorfeld, während und nach der Interviewsituation. [20]

Anmerkungen

1) Das "Ringen um Geschichte" wird von FRAHM angesichts der Fernsehinszenierungen KNOPPs im Kontext NS postuliert. KNOPP, so FRAHM, geht es um die "Aneignung der eigenen [nationalen, B.G.] Geschichte" (2002, S.137), die durch die Art der Fernsehdokumentationen auf besondere Weise möglich wird: "als "deutsche Geschichte", durch die sich "Deutsche" in die Opfer einfühlen, sich selbst als Opfer Hitlers imaginieren und die eigene nationale Identität als erinnernde wiederherstellen können" (ebd.). Dieser "dokumentarischen Aufarbeitung von Geschichte" ist zu eigen, dass sie auf Zeitzeugen und lebensgeschichtliche Inszenierungen setzt und so spezifische Applikationsvorlagen zur Verfügung stellt (vgl. LINNE 2001, S.98f.; KEILBACH 2001). Zwar weist NIETHAMMER auf die generelle "strukturelle Ähnlichkeit der Überlebenszeugnisse" hin und konstatiert, dass nur im Horizont beider (Opfer-) Perspektiven so etwas wie "Aufklärung" gelingen kann (1999, S.590). Dieser Einschätzung soll hier nicht widersprochen werden, vielmehr geht es in der Argumentation darum, die gegenwärtige politische Dimension und "diskursive Lage" zum Ausgangspunkt zu bestimmen. <zurück>

2) Grundsätzlich stufe ich das Anliegen, mit der Studie einen Beitrag zum kollektiven Gedächtnis liefern zu wollen, als sozialwissenschaftlich ambitionierten Anspruch ein. <zurück>

3) Korrekt müsste es heißen, ob marxistische Ökonomie, Theologie und Psychoanalyse zu den Wissenschaften zählen (TETENS 1999, S.1771); und wenn es ganz genau genommen wird: "[N]icht wenige Natur- und Technikwissenschaftler stellen immer einmal wieder die Wissenschaftlichkeit großer Teile der Kultur- und Geisteswissenschaften in Frage" (a.a.O.). <zurück>

4) SCHREIBER beschäftigt sich auch mit der Frage der Rückmeldung von Forschungsergebnissen (vor Veröffentlichung) und entscheidet sich letztlich dagegen, nachdem schon die Konfrontation mit der verschriftlichten gesprochenen Sprache (Transkript) negative Reaktionen hervorbrachte. <zurück>

Literatur

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Zur Autorin

Birgit GRIESE absolvierte 1999 ein Studium der Germanistik, Linguistik und Soziologie an der Universität Bremen und promovierte 2005 an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen. 2006 schloss sie erfolgreich ein Magisterstudium der Pädagogik an der Johannes Gutenberg Universität Mainz ab. Zurzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Pädagogischen Institut der Universität Mainz. Als Lehrbeauftragte ist sie an der Universität Bremen, Fachbereich 11 (Human- und Gesundheitswissenschaften), und an der Alice-Salomon Fachhochschule Berlin aktiv. Arbeitsschwerpunkte in der Lehre liegen im Bereich Erwachsenenbildung und Soziale Arbeit und hier unter anderem im Feld qualitativer Forschungsmethoden. In der Forschungspraxis beschäftigt sie sich vor allem mit narrativen Interviews bzw. mit der Biographieforschung. Siehe dazu in FQS die Besprechung von Birgit GRIESE zu Biographische Forschung. Eine Einführung in Praxis und Methoden (FUCHS-HEINRITZ 2005)

Kontakt:

Birgit Griese

Johannes Gutenberg-Universität Mainz
FB 02/Pädagogisches Institut
D-55099 Mainz

Tel.: 06131/39-26521

E-Mail: griese@uni-mainz.de

Zitation

Griese, Birgit (2007). Rezension zu: Birgit Schreiber (2006). Versteckt. Jüdische Kinder im nationalsozialistischen Deutschland und ihr Leben danach [20 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(3), Art. 16, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0703166.



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