Volume 5, No. 3, Art. 6 – September 2004

Das Individuum und seine Welt im Spiegel der Zeit

Hans Thomae im Interview mit Jürgen Straub

Zusammenfassung: Das Interview versucht wichtige akademische Stationen, Mentoren und geistige Impulse zu beleuchten, die das psychologische Denken Hans THOMAEs und insbesondere seinen Ansatz der "biographischen Methode" förderten und prägten. Die Frage nach der Motivation menschlichen Handelns, nach dem Bewusstsein und "Bios" sind Impulse, die – vermittelt und gefördert u.a. durch NIETZSCHE, HERDER, MORITZ, SPRANGER, ROTHACKER oder KLAGES – THOMAE schließlich zur Entwicklung und Profilierung einer "biographischen Methode" in der Psychologie führten, die die Einbeziehung der individuellen Lebensgeschichte, die Offenheit und Breite der Datenerhebung sowie die Synthese nomologischer und ideographischer Ansätze qualitativer und quantitativer Forschung propagiert.

Keywords: Berufsbiographie, Bewusstsein, Motivation, biographische Methode, Coping-Forschung, nomologische Psychologie, Einzelfallanalysen, Hermeneutik, Individualität

Inhaltsverzeichnis

Zum Interview

Zu Hans THOMAE

1. Auf dem Weg zur Psychologie: NIETZSCHE als Stichwortgeber

2. Frühe akademische Lehrer und Mentoren

3. Hintergründe und Entstehung der "biographischen Methode" als empirisch- psychologischer Ansatz

4. Kontakt mit "Coping-Forschung" und Kritik an deren Lebensferne

5. LERSCH, ROTHACKER, KLAGES

6. Aufbauarbeiten und die Profilierung der "biographischen Methode"

7. Biographieforschung als nomologische Psychologie

8. Der Anspruch auf eine Synthese qualitativer und quantitativer Forschung

9. Strukturelle Bedingungen psychologischer Forschung und die Marginalisierung "qualitativer", interpretativer Methoden

10. "Biographische Methode" und hermeneutisches Denken in einer schnelllebigen Zeit

11. Individualität, Individualisierung und das Problem der Kategorisierung

Galerie

Anmerkungen

Zum Autor

Zitation

 

Zum Interview1)

Das Interview mit Herrn Prof. Dr. Dr. hc. mult. Hans THOMAE wurde am 9. Dezember 1996 im Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg geführt. Die damalige Institutsleiterin, Frau Prof. Dr. Ursula LEHR, stellte zu diesem Zweck ihr Arbeitszimmer zur Verfügung. Frau LEHR beteiligte sich gegen Ende noch kurz am Gespräch. Da ihre Anwesenheit und Teilnahme gleichsam einen Aspekt von Hans THOMAEs Lebenswelt repräsentiert, werden auch ihre Worte – mit ihrer freundlichen Genehmigung – hier abgedruckt. Das wiedergegebene Gespräch ist ein Ausschnitt aus einer insgesamt zwei Stunden dauernden Tonbandaufzeichnung. Die nach der Transkription vorgenommenen Kürzungen und die Anpassung der mündlichen Rede an Standards der Schriftsprache wurden in Absprache mit Herrn THOMAE vorgenommen. [1]

Im Zentrum des geführten Gesprächs sollte THOMAEs psychologisches Denken, insbesondere seine "biographische Methode" stehen, nicht seine eigene Lebensgeschichte. Die "Zeit seines Lebens" brachte es mit sich, dass Hans THOMAE zu einem jener "Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts" wurde, dessen Lebenszeit sich beinahe über das gesamte Saeculum erstreckte. Der Psychologe arbeitete, praktisch und wissenschaftlich, auch in Deutschland, als die Nationalsozialisten die Herrschaft errangen und maßgeblich dazu beitrugen, dass das vergangene Jahrhundert als beispiellose Zeit exzessiver Gewalt in das persönliche, kollektive und kulturelle Gedächtnis zahlloser Menschen einging. Diese Vergangenheit ist bekanntlich in vielfachen Gestalten gegenwärtig und praktisch wirksam. Sie bestimmt unser Denken, Fühlen und Handeln gerade auch dann, wenn wir uns kritisch von ihr abzusetzen streben und um ein "anderes Leben" bemühen. Dazu gehört gewiss auch, dass wir persönlichen Verstrickungen der Zeitgenossen in die nationalsozialistische Ideologie und Praxis nachgehen, diese reflektieren und – im Bewusstsein transgenerationeller Tradierung nicht zuletzt psychischer Strukturierungen – analysieren. Auch zahlreiche Psychologen waren in der Zeit zwischen 1933 und 1945 in die Herrschaft und gewaltsame Praxis der Nationalsozialisten nicht bloß in marginaler Weise verstrickt. Sie machten aus ihrer eigenen "Überzeugtheit" keinen Hehl, teilten und propagierten speziell die Rassenideologie, der die Ermordung der europäischen Juden und anderer stigmatisierter "Gruppen" in den Augen der Nationalsozialisten und ihrer Anhänger als folgerichtige, jedenfalls nicht verwerfliche Tat erscheinen ließ. Manche der Lehrer THOMAEs standen dem Gedankengut der Nationalsozialisten zeitweise, partiell wenigstens, nahe, und ebenso gab es mitunter diffizile Verstrickungen in einer fragwürdigen Praxis. THOMAE selbst hielt Distanz gegenüber den damaligen Machthabern und ihrer politischen Ideologie. All dies wird in den abgedruckten Teilen des Interviews nicht thematisiert, ebenso wenig wie andere Aspekte des (politischen) Lebens zur damaligen, vorhergehenden oder darauf folgenden Zeit. An einem (anmaßenden) moralischen Urteil über die Lebensführung des Gesprächspartners lag dem Interviewer nichts. Das Interesse, das dem Gespräch zugrunde lag und es leitete, galt allein dem psychologischen Denken Hans THOMAEs, speziell seinem Ansatz der "biographischen Methode". [2]

Zu Hans THOMAE

Hans THOMAE (31.7.1915 -16.11.2001); Studienbeginn 1935 in Berlin, Studienortwechsel 1938 nach Bonn, Dissertation 1939 ebendort bei ROTHACKER, danach Assistent bei LERSCH in Leipzig, Habilitation bei LERSCH 1943 (in München), ab 1950 Assistent von ROTHACKER in Bonn, Inhaber eines Lehrstuhls für Psychologie in Erlangen von 1954 bis 1959, seit 1960 bis zu seiner Emeritierung Lehrstuhlinhaber in Bonn. [3]

Aus den über 300 Veröffentlichungen seien angeführt: "Bewußtsein und Leben. Versuch einer Systematisierung des Bewußtseinsproblems", Archiv für die gesamte Psychologie, 1940, 105, 533-636; "Das Wesen der menschlichen Antriebsstruktur", Leipzig: Barth 1944; "Persönlichkeit. Eine dynamische Interpretation", Bonn: Bouvier 1951; "Die biographische Methode in der anthropologischen Wissenschaft", Studium Generale, 1952, 5(3), 163-177; "Der Mensch in der Entscheidung", München: Barth 1960; "Das Individuum und seine Welt. Eine Persönlichkeitstheorie", Göttingen: Hogrefe 1968 (2., vollständig überarbeitete Auflage 1988); "Psychologie in der modernen Gesellschaft", Hamburg: Hoffmann & Campe 1977; zusammen mit Ursula LEHR: "Konflikte, seelische Belastung und Lebensalter", Opladen: Westdeutscher Verlag 1965; zusammen mit Gerd JÜTTEMANN (Hrsg.): "Biographie und Psychologie", Heidelberg: Springer 1987; zusammen mit Gerd JÜTTEMANN: "Biographische Methoden in den Humanwissenschaften", Weinheim: Beltz 1998 sowie "Persönlichkeit und Entwicklung", Weinheim: Beltz 2002. [4]

1. Auf dem Weg zur Psychologie: NIETZSCHE als Stichwortgeber

STRAUB: Wir erheben natürlich nicht den Anspruch, in unserem Gespräch alle Stationen Ihrer Berufsbiographie und Ihres Denkens auch nur zu streifen. Selbstverständlich müssen wir ein paar wenige Aspekte auswählen. Vielleicht möchten Sie zunächst auf Ihren Entschluss, Psychologie zu studieren, zu sprechen kommen. Sie haben 1933/34 mit Ihren Studien angefangen. Wie kam es dazu? [5]

THOMAE: Ja, im Grunde bin ich aus philosophischem Interesse, aber auch im Zusammenhang weltanschaulicher, religiöser Auseinandersetzungen auf NIETZSCHE gestoßen, und NIETZSCHE hat mich letztlich zur Psychologie gebracht, genauer: zu einer Form von "entlarvender" Psychologie, wobei die Motivationspsychologie im Zentrum stand. Was bewegt den Menschen zu diesen und jenen Handlungen, was führt ihn zu diesen oder jenen Überzeugungen, bis hin zum religiösen Glauben oder Unglauben und dergleichen? Das waren die Fragen, die mich beschäftigten. Mein Interesse wurde dann durch die Ausbildung meines Bruders Alfred etwas, so möchte ich sagen, realitätsbezogener. Er war an der Lehrerbildungsanstalt in Würzburg und befasste sich auch mit der Psychologie. Mein Entschluss, Psychologie zu studieren, ist jedenfalls frühzeitig festgestanden. Er ist auch durch die politischen Entwicklungen nicht ins Wanken geraten. Dadurch, dass mein Vater 1935, nachdem ich also Abitur gemacht hatte und den Arbeitsdienst hinter mir hatte, nach Berlin versetzt wurde, lockte der Studienbeginn ebendort. Nun, die damaligen Informationsmöglichkeiten waren natürlich schlecht, und ich wurde also erst nach meiner Ankunft dort selbst mit der Tatsache konfrontiert, dass eigentlich das Psychologische Institut nur noch aus ein oder zwei Lehrbeauftragten bestand. Es lehrte in der Philosophie SPRANGER. Bei dem habe ich intensiver studiert, und später kam ein Schüler von Narziß ACH, nämlich FIRGAU, bei dem ich dann so ein richtiges experimentalpsychologisches Praktikum machte. Ich war in dieser Veranstaltung übrigens der einzige Deutsche neben drei Ausländern, nämlich einer Griechin, einem Inder und einer Chinesin. [6]

STRAUB: Die soeben erwähnte Bedeutung NIETZSCHEs für das Erwachen Ihres Interesses an der Psychologie und Ihre Berufswahl lässt sich Ihren Schriften nicht leicht entnehmen. NIETZSCHEs Wirkung war in den neunziger Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts und noch in den darauf folgenden Jahrzehnten bekanntlich enorm. Ich erinnere beispielsweise an eine viel sagende, von Ferdinand TÖNNIES verfasste Schrift mit dem Titel "Der Nietzsche-Kultus" oder an den Aufsatz "Nietzsche-Narren" aus der Feder desselben Autors. Waren auch Sie, Herr THOMAE, zu Beginn Ihres Studiums der Psychologie NIETZSCHEaner? [7]

THOMAE: Nun ja, man muss zunächst einmal sehen, dass NIETZSCHE eine sehr vielfältige Erscheinung ist. Der NIETZSCHE des "Also sprach Zarathustra", die Konzeption des "Übermenschen" zumal, war mir stets fremd; in diesem Sinne war ich nie NIETZSCHEaner. Ich besaß eine Schriftensammlung, die unter dem Titel "Der Wille zur Macht" stand, und darin finden sich eben Gedanken, wie sie in den frühen und mittleren Schriften, in "Jenseits von Gut und Böse" oder "Zur Genealogie der Moral" etwa, formuliert wurden. Mich faszinierte der im Sinne dieser Arbeiten kritische NIETZSCHE, speziell die Betonung der Idee, dass das, was im Bewusstsein erscheint, ja im Grunde das Endprodukt von sehr vielen Prozessen ist, also nicht nur physiologischen, sondern gerade auch psychologischen. [8]

STRAUB: NIETZSCHE hat in einer Formel, die Sie selbst einmal zitieren, von einer im 20. Jahrhundert anstehenden Phase der "Bescheidung des Bewußtseins" gesprochen. In welchem Sinne haben Sie dieses Wort einst ausgelegt und verstanden? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dieser Diagnose und Ihrer eigenen Psychologie? [9]

THOMAE: Ja, ich habe diese Idee dann bei meinem Lehrer ROTHACKER weiterverfolgt, der in seinem Schichtenmodell der Persönlichkeit eigentlich noch entschiedener über die verschiedenen Vorformen des Bewusstseins und die Varianten des bewussten Erlebnisses geschrieben hat. Die entgegengesetzte Position in der Psychologie besagt ja eigentlich, es gebe einen klaren Raum namens "Bewusstsein", von dem aus man alles eindeutig identifizieren und interpretieren könne. Dagegen liegt mir an einer Differenzierung bewusster Phänomene und der verschiedenen Vorstufen, ohne auf Annahmen der Psychoanalyse bzw. der Tiefenpsychologie zurückgreifen zu müssen, und gerade diesbezüglich findet man schon sehr viel bei NIETZSCHE. [10]

2. Frühe akademische Lehrer und Mentoren

STRAUB: In Berlin wurde SPRANGER Ihr erster bedeutender akademischer Lehrer. [11]

THOMAE: Ich habe mich damals unter anderem mit KANT befasst und hörte bei SPRANGER eine Vorlesung, das war im ersten Semester. Am Ende war ich stolz, dass ich das doch einigermaßen verstanden habe. Ich erkrankte dann jedoch bald. Kurz vor der Olympiade in Berlin machten mir Magenblutungen zu schaffen, deren Ursache man nicht finden konnte, übrigens bis heute noch nicht. Die Krankheit zwang mich fortan zu erheblichen Unterbrechungen. [12]

STRAUB: SPRANGER war ja vielleicht der wichtigste Nachfahre der DILTHEYschen Psychologie. Wie verhält sich Ihre Psychologie zu dieser geisteswissenschaftlichen Traditionslinie? Gewisse Einflüsse scheinen ja offenkundig, wie etwa die Bedeutung, die der Begriff der Beschreibung in Ihrem Werk innehat, anzeigt, dann natürlich auch die biographische Perspektive, die Sie zwar häufig auf HERDER zurückführen, immer wieder aber auch mit DILTHEYs Denken verbinden. Wie wichtig also war DILTHEY, möglicherweise vermittelt über SPRANGER, für die Entfaltung Ihrer Psychologie in den ersten Jahren und Jahrzehnten? [13]

THOMAE: Nun, SPRANGER selbst war für meine Laufbahn zweifellos wichtig. Ich habe ihm schon vor 1945 einige Sachen geschickt, die er ganz nett aufgenommen hat. Jedenfalls hat er nach '45 meinen Weg ziemlich gefördert. Und auch der geistige Einfluss von SPRANGER und DILTHEY war vorhanden, ja stark. In DILTHEYs Akademierede und all den anderen Arbeiten, die ich immer wieder zitiere, finden sich viele Gedanken, die im Grunde heute noch wahr sind. Ich meine, DILTHEYs Ausführung seiner Alternative einer beschreibenden und zergliedernden, geisteswissenschaftlich-verstehenden Psychologie, die er der experimentellen, naturwissenschaftlich-erklärenden Psychologie entgegengesetzt hat, ist enttäuschend gewesen. DILTHEYs Alternative bestand doch allzu sehr in der bloßen Übernahme einer Klassifikation und bereits vorgefertigter Kategorien. Da ist er in seiner Systematik sich eigentlich selbst, speziell seinen methodologischen Prämissen, ziemlich untreu geworden. [14]

STRAUB: Ja, problematisch ist wohl schon der Strukturbegriff. Insgesamt gesehen verschwindet in der beschreibenden und zergliedernden und dann auch in der nur fragmentarisch ausgeführten "vergleichenden" Psychologie, wie die so genannte "Individualitäten-Abhandlung" zeigt, das ganze DILTHEYsche Pathos der Individualität sehr schnell in einem solchen vorgefertigten Klassifikationssystem. [15]

THOMAE: Ja. Bei SPRANGER, namentlich in seiner "Psychologie der Weltanschauungen", finden sich freilich viele brauchbare deskriptive Ansätze. Er hat da durchaus eine Struktur freigelegt, die man trotz aller epochalen Unterschiede generalisieren kann. Also ich zumindest habe in Nachuntersuchungen während der sechziger Jahre einiges wieder gefunden. [16]

STRAUB: Von Berlin aus ging es in der beruflichen Karriere weiter nach Bonn, zu ROTHACKER. Er war Ihr zeitlebens wohl wichtigster Lehrer. ROTHACKER hat Ihnen damals ein Dissertationsthema vorgeschlagen: "Über unbewußte Sinneseindrücke", das Sie jedoch nicht genau so ausgeführt haben? [17]

THOMAE: Die Art meines Denkens ist bei ROTHACKER natürlich auf bekannte Geleise getroffen. In der Dissertation habe ich den Versuch einer Auseinandersetzung mit dem Bewusstseinsbegriff unternommen. Die Arbeit, die ROTHACKER ursprünglich im Visier hatte, die drehte sich um die Frage, was außerhalb des Zentrums der Aufmerksamkeit war. Es ging um unbewusste Sinneseindrücke. Zum Teil hatten also die empirischen Versuche hierzu in der Wohnung von ROTHACKER stattgefunden, in dessen Wohnzimmer. Das Ganze war von Frau ROTHACKER, die übrigens Malerin war, arrangiert. Teilweise sind die aus diesen Untersuchungen hervorgegangenen Ergebnisse in der Zeitschrift für Angewandte Psychologie erschienen. Für die Dissertation jedoch schien mir das Resultat doch etwas zu dünn zu sein, und da habe ich lieber theoretisch zu arbeiten begonnen. [18]

STRAUB: 1938 waren Sie also in Bonn bei ROTHACKER immatrikuliert, Ihr Rigorosum fand 1939 statt. Wie ging es weiter? [19]

THOMAE: Das war in den ersten Kriegstagen. Eigentlich glaubte jeder, die Universitäten würden nun geschlossen, was jedoch nicht der Fall war. Es war mein Glück, ich konnte damals gleich im Oktober in Leipzig bei LERSCH anfangen. Ich arbeitete dort zeitweise wiederum mit krankheitsbedingten Unterbrechungen. Wesentliche Teile meiner Habilitationsschrift über das Wesen der menschlichen Antriebsstruktur schrieb ich praktisch in der Klinik. [20]

STRAUB: Was diese Schrift angeht, kam auch Arnold GEHLEN ins Spiel, von dem Sie den Begriff der "Antriebsstruktur" übernahmen. [21]

THOMAE: Ja, GEHLEN war damals auch in Leipzig, und als sein Buch erschien, da gab es ein Kolloquium, das gemeinsam von LERSCH und GADAMER veranstaltet wurde. Und da habe ich also als ganz Junger eine kritische Bemerkung zu GEHLENs Anthropologie gemacht, die damals ganz wohlwollend aufgenommen wurde. In ausgearbeiteter Form wurde meine Überlegung dann auch in der Zeitschrift für Angewandte Psychologie publiziert. Wie dem auch sei, der Titel "Antriebsstruktur" ist natürlich eindeutig GEHLENscher Provenienz. Seine Terminologie hatte er übrigens in gewisser Weise von der damaligen Psychopathologie übernommen. Das Wort "Motivation" war damals im Deutschen eigentlich noch kaum gebräuchlich. Ich entsinne mich, dass ich also ursprünglich bei ROTHACKER schon über "Motivation" arbeiten wollte, und er mich fragte, was denn das sei? [22]

STRAUB: Die Zeit in Leipzig verbrachten Sie an einem Institut, an dem auch Albert WELLEK beschäftigt war, einer der letzten Vertreter der Leipziger Ganzheitspsychologie, also der mit dem Namen Felix KRÜGER verbundenen Ära. Wie war eigentlich Ihr Verhältnis zur Berliner und Frankfurter Gestaltpsychologie bzw. zur erwähnten Leipziger Ganzheitspsychologie? [23]

THOMAE: Mit verschiedenen Aspekten dieser Richtung hatte ich damals schon Schwierigkeiten. Es gab öfters Diskussionen mit WELLEK. Speziell der Strukturbegriff von KRÜGER und anderen behagte mir nicht. Er lief ja doch auf eine Art Substanzialisierung des psychischen Geschehens hinaus. KRÜGERs letzte Publikation habe ich demgemäß besprochen, da gab es also einige kritische Bemerkungen. Eine vergleichbare Tendenz zur Substanzialisierung gab es natürlich auch in anderen Schulen und Gebieten, nicht zuletzt in der Motivationspsychologie. Dagegen richtete sich ja dann auch meine dynamische Interpretation der Persönlichkeit. [24]

3. Hintergründe und Entstehung der "biographischen Methode" als empirisch-psychologischer Ansatz

STRAUB: Die teilweise am Institut von LERSCH unternommenen Forschungen über Entscheidungsvorgänge richteten sich, wie viele Ihrer Gedanken, unter anderem gegen ein allzu rationalistisches Menschenbild. Sie befassten sich mit Entscheidungen und relativierten dabei das Gewicht von bewussten Entschlüssen für das menschliche Leben. Sie schrieben einmal, abgewogene und bewusste Entscheidungen bestimmten allenfalls in geringem Ausmaß den Lebensweg. Diese Auffassung steht ja ziemlich im Widerspruch zur zeitgenössischen Handlungstheorie, insofern diese kognitivistisch konzipiert und beispielsweise eng mit Theorien der rationalen Wahl verwoben ist. [25]

THOMAE: Ja, wobei meine Auffassung empirisch begründet ist, haben wir doch über Jahrzehnte hinweg mit Fragebögen gearbeitet, in denen nicht zuletzt nach dem so genannten schwersten Entschluss gefragt wurde. Wir bekamen darauf sehr häufig die Antwort, dass es so etwas eigentlich nie gegeben habe. Entscheidungen wurden demnach eher von außen her bestimmt, sie ergaben sich eben so. Nun, wie repräsentativ diese Auskunft ist, kann dahingestellt bleiben. In den eigenen Forschungen war ihr Gewicht jedenfalls unübersehbar. [26]

STRAUB: Das passt ja auch gut zu Ihrer biographischen Forschung im eigentlichen Sinne. Auch der Bios lässt sich, wie Sie sagen, kaum als eine Kette von Entscheidungen und sich daran anschließenden Handlungen auffassen. Die Lebensgeschichte ist vielmehr in hohem Maße eine Kette von Widerfahrnissen. Und so fügt sich Ihre Entscheidungs- und Handlungstheorie der umfassenderen Konzeption biographischer Forschung ein. [27]

THOMAE: In der Tat. Auch in dem Sinne, dass wir Entscheidungen, so sie denn von Bedeutung sind, immer im Kontext der Lebenssituation und Lebensgeschichte betrachten. Entsprechend sind viele der empirischen Daten, die Aufschluss über Entscheidungen liefern sollten, im Rahmen einer biographischen Erhebung entstanden. Mit isolierten Antworten auf entsprechende Fragen kann man dagegen weniger anfangen. [28]

STRAUB: Wann waren denn die Geburtsstunden Ihrer Konzeption der "biographischen Methode"? Was waren diesbezügliche Quellen und Einflüsse? Das Magazin der Erfahrungsseelenkunde von MORITZ, die Schriften HERDERs ...? [29]

THOMAE: HERDER, sicherlich, sehr stark. Mit MORITZ, das war dann ein Glücksfall, dass eben in der Bibliothek in Leipzig dieses Magazin vorhanden war. Ich glaube, es war wohl KRÜGER, der sehr viel an historischen Schriften für das Institut anschaffen ließ, eben auch dieses Magazin. Das meiste davon ist ja 1943 verbrannt. HERDER habe ich in einer Gesamtausgabe damals in Leipzig erstehen können. Seine Auseinandersetzung mit KANT prägte mich nachhaltig. Es fällt bei ihm häufiger die methodische Bemerkung, Lebensbeschreibungen seien eigentlich das Material, auf das wir unsere Forschungen gründen müssen. Das ist sicherlich ein Fundus gewesen, eine Grundlage, um meinen eigenen Weg weiterzugehen. Ich meine, auch bei LERSCH und anderen finden sich solche Überlegungen wieder, umgesetzt sind sie dann jedoch zumeist allenfalls unzulänglich. Auch was HERDER selber ausführt, ist ja sehr konstruiert. Zum methodischen Vorgehen fallen zwar Bemerkungen. Man möge das doch so und so machen. Jedoch, was nützen dem Psychologen einige Hinweise auf Shakespeare oder die Biographie "großer Männer", wenn das, was aus diesen Quellen dann geschöpft wird, am Ende doch nicht allzu ergiebig ist. Ich selber habe in den allerersten Schriften, noch Anfang der fünfziger Jahre, da habe ich z.B. STRETCHINGs Biographie von Florence Nightingale herangezogen, auch andere literarische Quellen, die zunächst zweifellos erhellend sind und wichtige Tatbestände aufzeigen. Bei näherer, kritischer Betrachtung musste man sich natürlich sagen, dass man ja als Psychologe gar nicht in der Lage ist, die Qualität dieser Quellen zu beurteilen. Ich habe neulich gerade in dem von FUCHS verfassten Buch über Biographieforschung gelesen, in dem der Autor meint, das sei so eine Wandlung gewesen bei mir, also von einer gewissen Anlehnung an die historische und literarische Biographie hin zu einer psychologischen, eigens empirisch fundierten. Nun, das geschah einfach aus der Überlegung heraus, wo ich denn tatsächlich die Möglichkeit habe, selbst zu urteilen und die Qualität der Quellen einzuschätzen. Natürlich wäre es optimal, es gäbe interdisziplinäre Teams von Historikern und Psychologen, die sich bei solchen Fragen der Quellenbeurteilung unterstützen würden. Solange aber der Psychologe auf sich gestellt ist, taugt in seiner Werkstatt eigentlich nur Material, das er selber erhoben hat. Da hilft die ganze psychologische Subtilität vieler literarischer Biographien nicht weiter. [30]

4. Kontakt mit "Coping-Forschung" und Kritik an deren Lebensferne

STRAUB: Die große Zeit Ihrer biographischen Forschungen kam nach dem Ende des Krieges. Während der Kriegsjahre konnten Sie Ihre wissenschaftliche Arbeit fortsetzen, trotz schwieriger Umstände. Vom Kriegsdienst blieben Sie wegen Ihrer chronischen Erkrankung verschont. Die "Dienstverpflichtungen" waren ja stets ziviler Art. [31]

THOMAE: Ja, ich habe zum Beispiel, bevor ich mich habilitiert habe, da kamen also zu LERSCH zwei oder drei Neurologen, die an einem Hirnverletzten-Lazarett tätig waren, und die wollten also gewisse Untersuchungen, wie sie zur Zeit des Ersten Weltkrieges durchgeführt wurden, replizieren. Und dafür hatte ich mich also gleich gemeldet. Mein gesundheitlicher Zustand hatte dann allerdings dazu geführt, dass man mich nicht einmal als Zivilangestellten übernehmen wollte. Es waren dann wohl im Hintergrund also auch Widerstände gegen einen Psychologen vorhanden gewesen. Damals habe ich dann gesagt, wenn das nicht klappt, dann habilitiere ich mich eben, also beinahe wie eine Trotzreaktion. Nun ja, in gewisser Weise ist die Tatsache, dass das nicht geklappt hat, wahrscheinlich lebensrettend für mich gewesen. Die sodann fällig gewordene Dienstverpflichtung, die bezog sich nun auf die Arbeit am Landesjugendhof Moritzburg bei Dresden, wo man also eine differenzierte Fürsorgeerziehung durchführen wollte. Man differenzierte nach dem Grad der Erziehungsfähigkeit und wollte die sozial auffälligen Jugendlichen untersuchen. Ich habe da im Rahmen meiner Mitwirkung bereits vorhandene Interessen weiterverfolgt, hatte ich doch in Leipzig – im Kontakt mit dem Psychiater Paul SCHRÖDER – in der Erziehungsberatungsstelle mitgearbeitet. Und in gewisser Weise konnte diese Arbeit also noch bis Ende '44, Anfang '45 fortgesetzt werden. Die Psychiaterin, die da im Team war, war eine Schülerin von Paul SCHRÖDER. Heute würden unsere damaligen Forschungen und Bemühungen wohl unter dem Begriff "coping" laufen. Coping-Prozesse standen mir tagtäglich vor Augen, wobei ich nicht mit Erziehungsaufgaben betraut war, sondern mich allein auf die Verhaltensbeobachtung konzentrieren konnte. In diesem Zusammenhang hatte ich Zugang zu gut dokumentierten, objektiv fixierten Biographien. Akten von Jugendämtern, Materialien, die sich beim Gericht angesammelt hatten, standen mir zur Verfügung. Heraus kam eine in der Zeitschrift "Psychologische Forschung" im Jahre 1953 gedruckte Publikation über Daseinstechniken sozial auffälliger Jugendlicher. Im Grunde genommen verdankt sich der Begriff der Daseinstechnik dem Wirken von HEIDEGGER. Der damalige Herausgeber der genannten Zeitschrift, der Bonner Psychiater KRUHLE, der ja über "Verstehende Psychologie" geschrieben hat, hat sich übrigens sehr an dem Titel "Daseinstechniken" gestoßen. Der wollte das eigentlich geändert haben, weil es nach HEIDEGGER klang. Wie dem auch sei, so habe ich Formen der Auseinandersetzung mit Belastungen wirklich fast handgreiflich vor mir gehabt und musste mich damit befassen. Ich musste mir da nichts am Schreibtisch ausdenken, sondern wusste, wovon ich spreche. [32]

STRAUB: Die heutige Bewältigungsforschung sehen Sie ja vergleichsweise kritisch, was sich bereits darin zeigt, dass Sie häufiger von der "so genannten Coping-Forschung" sprechen. [33]

THOMAE: Ja, dies hat natürlich nicht zuletzt mit meinen letzten Bemerkungen zu tun. Wenn man etwa beobachtet hat, wie Auseinandersetzungsformen einander rasch ablösen oder gegenseitig beeinflussen, dann zweifelt man eben daran, ob man das alles genau so säuberlich sortieren kann, wie es der zeitgenössischen Bewältigungsforschung beliebt. Ich zweifle in hohem Maße an der Validität dieser ganzen Skalen. Ich glaube, dass man da im Einzelfall wirklich abwarten muss, wie das genau geschildert wird. Denn wenn man den Leuten die Gelegenheit gibt, detailliert zu schildern, wie sie sich mit bestimmten Problemen auseinander gesetzt haben – und ich habe das versucht –, dann wird das ganz allmählich aus dem Gedächtnis hervorgeholt. Im Gedächtnis sind solche Vorgänge ja zeitlich und kontextbezogen verankert. Nur auf diese Weise kann man sich erinnern. [34]

STRAUB: Erinnerungen sind keine diskreten Elemente. [35]

THOMAE: Ja, eben. Aber ich meine, die ganze Coping-Forschung geht so vor, als seien Erinnerungsinhalte isolierte Momente, und so lassen sich dann subtilere Formen der Auseinandersetzung oder Bewältigung gerade nicht thematisieren. Gerade wenn es um kompliziertere Auseinandersetzungsformen geht, kommt man mit einem Katalog einzelner Reaktionen nicht mehr allzu weit. Stützt man sich dennoch auf einen solchen Katalog, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass man Zuschreibungen und Kategorisierungen vornimmt, egal, ob das nun in entsprechender Weise vor sich ging oder nicht. [36]

5. LERSCH, ROTHACKER, KLAGES

STRAUB: In der Nachkriegszeit waren Sie dann wieder in Bonn. Ab 1950 bis 1953 arbeiteten Sie als Assistent ebendort bei ROTHACKER, Ihrem ehemaligen Lehrer. [37]

THOMAE: Ja, also LERSCH ging irgendwann nach München. Meine Habilitation erfolgte in München. Dort habe ich für die Habilitation drei Stunden lesen müssen, und ich fürchte, das war die gleiche Zeit, zu der die Geschwister Scholl gerade ihre Aktion gemacht haben. Es waren unruhige Verhältnisse auch an der Universität, so dass ich mich dort zwar habilitiert habe, jedoch nie zu arbeiten angefangen habe. ROTHACKER war Ordinarius für Philosophie und Psychologie in Bonn, wobei er selbst gemäß seinen Hauptinteressen den Schwerpunkt mehr und mehr auf die Philosophie gelegt hat, so dass ich geholt wurde, um ihn in der Psychologie zu entlasten. [38]

STRAUB: 1952 erschien einer der zweifellos besonders bedeutenden Aufsätze von Ihnen, nämlich die Abhandlung über die "biographische Methode" in der Zeitschrift Studium Generale. Das fiel in diese Zeit in Bonn. Sodann haben Sie über Motivation gearbeitet, also alte Fäden wieder aufgenommen. KLAGES hat dabei einen gewissen Einfluss gehabt, was diese, wie Sie schreiben, Auffassung eines taktförmigen In-Erscheinung-Tretens des Geistes und eben die rhythmischen Periodisierungen von verschiedenen psychischen Abläufen betrifft. Wie kam es denn zum Einfluss von KLAGES? [39]

THOMAE: Mit KLAGES habe ich mich eigentlich in meiner Dissertation intensiv beschäftigt, weil er ja noch eine differenzierte Lehre vom Bewusstsein formulierte. Insbesondere der Gedanke der rhythmischen Gliederung der gesamten Lebenserscheinungen erschien mir interessant. Dieser Aspekt spielt sonst in der Psychologie ja überhaupt keine Rolle. In Untersuchungen des freien Spielverhaltens hat man das dann vielfach nachweisen können. Wenn man Kinder frei spielen lässt, geschieht das nicht in wahlloser Abfolge, sondern in einer gewissen Rhythmisation. Gewisse Ideen von KLAGES wie eben diejenige, dass das Leben durch rhythmische Gliederung strukturiert ist, stellen also durchaus fruchtbare Hinweise dar. Was meine Arbeit angeht, blieb das natürlich ein Aspekt unter vielen. [40]

STRAUB: Mit dem Tenor der berühmt-berüchtigten Schrift, in der KLAGES den Geist als Widersacher der Seele begreift, konnten Sie nichts anfangen? [41]

THOMAE: Nein, nein. Es sind immer nur gewisse Aspekte aus KLAGES' Werk, denen man etwas abgewinnen kann. Im Übrigen ist dieser Autor in der zeitgenössischen Persönlichkeitspsychologie durchaus wieder zu Ehren gekommen. Einer der heute wohl wichtigsten amerikanischen Autoren, DIKMAN, stützt sich in seiner auf eine Analyse des Sprachgebrauchs gestützten Lehre von den Persönlichkeitseigenschaften auf KLAGES. Aber das steht natürlich nicht in "Der Geist als Widersacher der Seele", sondern ist eine Grundlage der Charakterkunde von KLAGES, die eben anfängt mit einer Sortierung von Eigenschaften, wie sie im Sprachgebrauch vorhanden sind. Nun, so können ganz merkwürdige Gestalten in der Philosophie zu aktuellem Ansehen kommen. [42]

6. Aufbauarbeiten und die Profilierung der "biographischen Methode"

STRAUB: Nach den Bonner Assistentenjahren ging es nach Erlangen. [43]

THOMAE: Ja, die Planungen für das noch bestehende Institutsgebäude fielen in meine Dekanatszeit. Auch sonst ist es für mich eine Zeit gewesen, in der ich viele Dinge begründen und beginnen konnte, etwa die Zeitschrift Vita Humana; ich verfasste das Buch "Der Mensch in der Entscheidung", und auch das "Handbuch der Psychologie" entstand damals in Zusammenarbeit mit Herrn HOGREFE. [44]

STRAUB: In Erlangen waren Sie 1954 bis 1959. Im Jahr darauf, also 1960, ging es erneut nach Bonn. ROTHACKER war längst emeritiert. Sie hatten dann den Lehrstuhl in Bonn inne und traten auch dort an, die alten Fäden weiterzuspinnen. Die berühmte Bonner Längsschnittuntersuchung stand an. Da brauchen wir vielleicht nicht näher drauf eingehen.2) Kommen wir dagegen noch einmal genauer auf Ihre Konzeption biographischer Forschung zu sprechen. Sie schreiben bisweilen – und das fällt natürlich auch den Außenstehenden ins Auge –, dass sehr viele Gesichtspunkte, die Sie im Rahmen dieser Konzeption ausgearbeitet haben, eigentlich erst zwei, drei Jahrzehnte später breiter rezipiert und wirklich aktuell geworden sind. Man denke beispielsweise daran, was Sie für die Phase der empirischen Datenerhebung bereits vor Jahrzehnten forderten. Sie sprachen davon, dass man dabei einem – wie Sie damals sagten und wie es heute ebenfalls wieder heißt – Prinzip der Offenheit folgen müsse. Dieses übrigens unter gleichem Namen auch in GADAMERs philosophischer Hermeneutik ausgearbeitete Prinzip formulierten Sie vor vier, fünf Jahrzehnten, und demgemäß forderten Sie beispielsweise, ohne mit vorab festgelegter Entwicklungstheorie ins empirische Feld zu gehen. Mit dieser, für manchen Kollegen allzu "offenen" Auffassung, die Sie ja noch heute vertreten, hatten Sie allerdings bisweilen Schwierigkeiten. [45]

THOMAE: Ja, ohne bestimmte theoretische Konstrukte, die bestimmen, was man tun und lassen muss, darf man nach Ansicht mancher eben keine Daten erheben. Ich dagegen berücksichtige die Forderung nach einer theoretischen Strukturierung zwar auch, aber häufig erst in der Phase der Datenauswertung, um möglichst unvoreingenommen an die Sache herangehen zu können. [46]

STRAUB: Ich habe mir des Öfteren vorzustellen versucht, wie das in den fünfziger und sechziger Jahren für Sie war, als Sie im Rahmen einer allmählich doch "amerikanisierten", noch vom Behaviorismus gezeichneten Psychologie eine Konzeption wie die "biographische Methode" vertraten. Auch heute ist es keineswegs gängig, aber vielleicht doch etwas einfacher geworden mit dem Plädoyer für einen offenen Erfahrungsbegriff, für eine am Konzept der Lebenswelt orientierte Forschung, für eine gegenstandsangemessene Verwendung von Theorien und Methoden und dergleichen – alles Begriffe und Vorstellungen, die seit langem zu Ihrem Vokabular gehören. [47]

THOMAE: Und noch immer gehören! [48]

7. Biographieforschung als nomologische Psychologie

STRAUB: Ich würde gerne noch auf folgenden Punkt zu sprechen kommen. Sie betonen in Ihren Schriften ja nicht nur die soeben erinnerten Aspekte, sondern immer wieder – besonders dezidiert in den jüngeren Arbeiten – Ihren Anspruch, letzten Endes nomologische Psychologie zu betreiben. Ein lediglich ideographisch-phänomenologisch orientierter Ansatz ist gewiss nicht Ihre Sache. Ihnen liegt vielmehr an einem Ansatz, den Sie in "Das Individuum und seine Welt" vielleicht zum ersten Mal in systematischer Weise formuliert haben. Ich meine natürlich jene Synthese zwischen phänomennahen Vorgehensweisen und den methodischen Idealen einer nomologischen Psychologie. Da würde ich gerne nachfragen. Stellten Sie diesen Syntheseanspruch von Anfang an, und würden Sie jedenfalls heute just diesen Anspruch als unabdingbaren Kern Ihrer Konzeption bezeichnen? [49]

THOMAE: Das würde ich auf jeden Fall tun, denn ich glaube, dass man sich allein mit dem phänomenologischen Ansatz schlecht behaupten kann. Wie sollte der Diskurs in diesem Fall denn aussehen? Man hätte es dann mit verschiedenen Phänomenologien, mit zwei oder drei oder vier subjektiven Welten zu tun, die miteinander kommunizieren, ohne dass etwas in allgemein verbindlicher Weise beurteilt werden könnte. Wenn ich dagegen versuche, die Prozesse, die ich von den Informanten geschildert bekommen habe, also das Material, das ich letztlich in Händen halte, nach bestimmten Kategorien zu ordnen und auch zu quantifizieren, dann ist die Basis auch für das Einfügen in allgemeine Fragestellungen gegeben, und es ist auch die Basis für einen rationalen Diskurs gegeben. Es stellen sich natürlich große Probleme mit der Übersetzung von qualitativen in quantitative Daten und Verfahren. Wenn ich mich da richtig rückbesinne, ist mir die Idee der angedeuteten Synthese etwa Anfang der fünfziger Jahre gekommen. Nicht zuletzt Arbeiten von BRUNSWIK, JONES und anderen, zu denen ich auch persönlichen Kontakt hatte, regten mich dazu an und unterstützten meine Auffassung. Die 1928 begonnenen "Berkley-Untersuchungen" – das vielleicht längste empirische Forschungsprojekt überhaupt – haben ja auch die Möglichkeiten dieses von mir favorisierten Ansatzes demonstriert. Ich sage das im Bewusstsein der Heterogenität der Ergebnisse dieser Studien – denken Sie an die Arbeiten des Soziologen Glen ELDER, an die psychoanalytischen Beiträge von Norma HAAN, um nur zwei berühmte Studien zu nennen, die sich auf das gleiche Material stützen, ein Material, das eben relativ offen ist und verschiedene Auswertungen zulässt. [50]

8. Der Anspruch auf eine Synthese qualitativer und quantitativer Forschung

STRAUB: Dieses Programm einer Synthese quantitativer und qualitativer Verfahren ist zweifellos außerordentlich spannend – "spannend" auch in einem ganz wörtlichen Sinne, geht es dabei doch, wie Sie selbst hervorheben, nicht selten um die Beziehung zwischen heterogenen Denkweisen. Die Frage, auf der ich gerne noch beharren möchte, ist allerdings, wie so eine Synthese realisierbar ist? Wie lassen sich unterschiedliche, ja einander partiell widerstreitende Ansprüche unter einem Dach zusammenbringen, ohne dass eine Seite marginalisiert wird oder möglicherweise ganz verschwindet? Was die Entwicklungsgeschichte Ihres Denkens angeht, hatte ich bei der Lektüre Ihrer Schriften – angefangen bei der Arbeit aus dem Jahre 1944 über den 1952 publizierten Aufsatz sowie die Abhandlungen aus den 60er Jahren bis hin zu den Veröffentlichungen über die biographische Methode aus den achtziger und neunziger Jahren – immer wieder den Eindruck, dass sich da eine Gewichtsverlagerung oder Akzentverschiebung feststellen lässt. Zunächst dominierte eine außerordentlich emphatische Betonung des bereits erwähnten Prinzips der Offenheit, zudem das Plädoyer für einen nicht restringierten Erfahrungsbegriff, nicht zuletzt eine Verteidigung der unvoreingenommenen Beschreibung psychosozialer, immer auch individuell geprägter Tatbestände. All das bleibt natürlich zeitlebens erhalten. Und doch verschiebt sich das Gewicht in Richtung einer Betonung nomologischer Erkenntnisziele, Objektivitäts- und Methodenideale. [51]

THOMAE: Ja, das gestehe ich Ihnen ohne weiteres zu. Aber das kommt natürlich auch durch die Projekte, die wir durchführten. Also zunächst durch eine Untersuchung an ursprünglich 3000 Kindern. Wir hatten die Chance, jedes Kind etwa zwei Stunden lang zu untersuchen bzw. auf entsprechendes Material zurückzugreifen. Nun, da konnte natürlich am Ende nicht alles ausgeschöpft werden. Wir haben das dann so gelöst, dass wir jeden zehnten Fall einer so genannten Feinuntersuchung unterzogen haben. Da wurden dann eingehende Interviews gemacht, zusätzliche projektive Verfahren eingesetzt usw.; es ist dann aber leider nie zur wirklichen Auswertung dieses Materials gekommen, weil andere Untersuchungen dazwischen kamen und weiteres mehr. Auch viele äußere Umstände standen dem im Wege. Ich meine, aus diesem Material wurde ja eine Menge für die erste Auflage des Buches "Das Individuum und seine Welt" genutzt, da sind solche Feinuntersuchungen eingearbeitet. Damals habe ich mich noch sehr stark an der Darstellung des Fallmaterials versucht. Aber gerade deswegen kriegte ich natürlich von meinen Kollegen einiges zu hören. Im Falle der Bonner Längsschnittstudie war es durchaus ähnlich. Wir hatten in diesem Zusammenhang, also ich würde sagen, die einmalige Chance, Personen eine Woche lang zu interviewen und zu testen und beobachten zu lassen, was ein außerordentlich breites Material ergab – und obwohl es hunderte von Arbeiten darüber gibt, ist das Material längst nicht erschöpfend ausgewertet worden. Also ich meine, die Gewichtsverlagerungen kommen durch solche Projekte. Sie müssen ja eine bestimmte Stichprobengröße haben, um überhaupt etwas aussagen zu können. Und dann haben sie eben das Problem der entsprechenden Auswertung und Übersetzung von qualitativen Daten in quantitative und dergleichen mehr. Darüber hinaus sind natürlich in einem Mitarbeiterkreis auch unterschiedliche Stimmen und Tendenzen vorhanden. Ich habe mich nie so verhalten, dass ich das unterbunden hätte, sondern jeder konnte also nun eben das, was ihn interessierte, machen. Es sind dabei ja auch sehr viele Arbeiten herausgekommen, die dem ursprünglichen Konzept nahe kommen. Und jetzt ist ja 1993 hier von Heidelberg aus die so genannte ILSE-Studie3) gestartet worden, wo eben dieser Ost-West-Vergleich bei zwei Kohorten durchgeführt werden soll. Und da ist natürlich die Gesamtzahl der Untersuchten, das "N", noch höher, und die mitarbeitenden Teams sind noch verschiedener. Für solche Projekte ist manches natürlich sehr schwierig. Wir erleben es immer wieder bei der Auswertung dieser Daten, wenn natürlich alle Fragebögen und alle Tests längst im Computer sind und zügig verarbeitet werden können – die ganzen Interviewdaten jedoch, das dauert eben viel länger. [52]

9. Strukturelle Bedingungen psychologischer Forschung und die Marginalisierung "qualitativer", interpretativer Methoden

STRAUB: Das leuchtet mir sehr ein, dass einfach die Struktur bestimmter Projekte vieles mit sich gebracht hat und auch pragmatische Umstände den Gang der Dinge bestimmten, die Zusammensetzung von Arbeitsgruppen, die Interessen einzelner Mitarbeiter und dergleichen. Das plausibilisiert die besagte Entwicklung, wie sie etwa auch die beiden, grundverschiedenen Auflagen des Buches "Das Individuum und seine Welt" verdeutlichen. In der ersten steht die Kasuistik mit im Zentrum, man vernimmt also noch das Programm einer detaillierten Beschreibung psychischer Vorgänge, in der zweiten Auflage dagegen sind diese Aspekte so gut wie völlig verschwunden. Die knappe Darstellung der Ergebnisse einer eindrucksvollen Zahl an empirischen Projekten steht dort klar im Mittelpunkt. [53]

THOMAE: Wobei hierzu auch ein ganz schlichter äußerer Anlass sein Schärfchen beitrug: der Verleger sagte mir, er gebe mir 250 Seiten, mehr nicht. [54]

STRAUB: Das sind überzeugende pragmatische Gründe. Bei der Lektüre Ihrer Schriften hatte ich jedoch immer auch den Eindruck, dass es sich bei den angezeigten Veränderungen nicht nur um etwas pragmatisch Begründetes handelt. Teilweise scheinen mir auch bestimmte programmatische, theoretische und methodologische Forderungen, also etwa das Plädoyer für die Beschreibung, die Ausführungen über den Status von Einzelfallanalysen etc., in den Hintergrund gerückt zu sein. So heißt es etwa in den frühen fünfziger Jahren noch, dass Einzelfallanalysen unabhängig von Allgemeinaussagen, die man anstrebt, von Wert sind, wenn sie z.B. gewisse strukturelle Merkmale in innovativer Weise zu erkennen gestatten. In einem Aufsatz von 1987 ist das ganz anders. Dort heißt es dann, dass Einzelfallanalysen – so sagen Sie – nur zulässig sind, wenn sie eingebunden sind in ein nomologisches Programm der Erfahrungs- und Erkenntnisbildung. Das sind doch systematisch bedeutsame Veränderungen, wenn ich recht sehe. Hat das vielleicht mit der Kritik, der Sie ausgesetzt waren, zu tun? Was führte denn zu der deutlich größeren Skepsis gegenüber dem – wie Sie es nennen – ideographischen Ansatz, gegenüber "bloßen" Beschreibungen etc.? [55]

THOMAE: Ja, da ist eine gewisse Skepsis da. Ich habe vieles von dem, was in diesen Zusammenhang gehört, bisher allerdings wenig ausgeführt. Sagen will ich auch, dass es durchaus einen Platz für Einzelfallanalysen gibt. Wir machen auch eine Art Kompromiss, wenn in den Dissertationen und auch Diplomarbeiten, die ja kaum an die Öffentlichkeit dringen, in der Weise gearbeitet wird, dass z.B. alle Kategorien, die verwendet werden, durch anschauliche Beispiele illustriert und geklärt werden, ja sie müssen aus der je eigenen Arbeit selbst entwickelt werden. Die werden nicht einfach von THOMAE übernommen, sondern sie gehen aus den Analysen der Interviews, die zumeist von den Forschenden selbst gemacht worden sind, hervor. Früher wurden dann eben zwei oder drei ausführliche Falldarstellungen geboten. Ähnliches gilt im Übrigen für manche Bücher. Wenn sie z.B. das Buch von Frau LEHR nehmen – "Frau im Beruf" –, so ist das zwar eine quantitative Studie, es finden sich aber doch auch sehr breite Falldarstellungen. Damals haben wir noch – in gewisser Weise – in der Naivität der späten sechziger Jahre gelebt. Allerdings ist, während in der Soziologie die biographische Methode einen großen Aufschwung erlebte, die Luft für diesen Ansatz in der Psychologie immer rauer geworden. [56]

10. "Biographische Methode" und hermeneutisches Denken in einer schnelllebigen Zeit

STRAUB: Vielleicht haben sich mittlerweile die Zeiten ja wieder geändert, und womöglich helfen dabei die Nachbardisziplinen. Die Lektüre etwa der Arbeiten Jerome BRUNERs gibt durchaus Anlass zu dieser Einschätzung. Womöglich ist die Gegenwart wieder offen für das, was Sie vor nunmehr fünfzig Jahren geschrieben und unternommen haben. Es könnte ja sein, dass wir davon heutzutage weniger zurücknehmen müssen als zu Zeiten, als einem die raue Luft der fünfziger, sechziger und noch der siebziger Jahre ins Gesicht wehte. [57]

THOMAE: Nun ja, da ist schon etwas dran. Aber es gibt natürlich auch ein weiteres Moment zu bedenken. Die Möglichkeit zur Verallgemeinerung ist und bleibt bedeutsam. Auch wenn ich einst mit Herrn PETERMANN über eine Empirie auf der Basis "N=1" publiziert habe, so bin ich von den Möglichkeiten dieses Ansatzes dann doch nicht so überzeugt. [58]

STRAUB: Wir sind uns jedoch darin einig, dass es in Ihren gedankenreichen Schriften unabgegoltene Potentiale gibt, etwa nicht ausgefüllte Plätze für Einzelfallstudien oder detaillierte Beschreibungen, wie sie im Rahmen großer, auf Repräsentativität bedachter Projekte nicht ohne weiteres unterzubringen sind. Ein Aspekt kommt mir da noch in den Sinn, und vielleicht gestatten Sie mir, diesen Gesichtspunkt in der Form einer Frage aufzugreifen. Sie haben vor einer Weile zwei Namen genannt, nämlich HEIDEGGER und GADAMER, und mit diesen Namen lässt sich eine Weise des Denkens und Forschens verbinden, die vielleicht auch in der Psychologie mehr Aufmerksamkeit verdiente, als sie bislang erlangt hat. Wie kommt es, dass – obwohl Ihnen Schriften HEIDEGGERs und GADAMERs, wie wir erfahren haben, frühzeitig vertraut waren – die Hermeneutik keinen systematischen Stellenwert in Ihrem Werk besitzt? Es gibt in Ihren ersten Arbeiten zwar Andeutungen, jedoch kam es meines Wissens nie zu einer wirklichen Bearbeitung der Problematik des "Sinnverstehens", die ja unumgehbar wird, sobald man die Welt des Individuums und seiner Mitmenschen als bedeutungsstrukturierte, sinnhafte Welt begreift? [59]

THOMAE: Die ist sicherlich in diesem Sinne nicht da. Manches liegt auch an dem entscheidenden Manko dieser ganzen Methode, nämlich dem enormen Zeitaufwand. Bei den Großprojekten überschneidet sich dieses Problem mit einem personellen: Die Mitarbeiter wechseln, und so müsste man alle aufs Neue in teilweise aufwendige Verfahren einarbeiten. Man müsste durchweg erfahrene Leute haben. Da dies nicht der Fall ist, wird die Auswertung verschleppt, und auf der anderen Seite steht der Computer und erledigt seine Aufgaben in überschaubarer Zeit. Eigentlich sind nur Methoden gefragt, die möglichst rasch Ergebnisse liefern. Meine Konsequenz lautet aber keineswegs, deswegen nur Fragebögen einzusetzen. Aber die Situation ist eben so, dass die Mitarbeiter verstreut sind und alle in übersehbarer Zeit an ein Ende gelangen wollen mit einem Projekt, weswegen mancher die Frage stellt, wozu denn aufwendige Verfahren dienen sollen, wo wir doch viel schneller zu etwas kommen können. [60]

11. Individualität, Individualisierung und das Problem der Kategorisierung

STRAUB: Das ist einzusehen. Vielleicht schließen wir unser Gespräch mit einem Blick auf "Das Individuum und seine Welt", dieses Buch, das – in seiner ersten Auflage – wie viele andere Ihrer Arbeiten mit einem eindrucksvollen und auch emphatischen Plädoyer für das Individuum und die Individualität verwoben war. Wie sehen Sie diese Verteidigung des Individuums als jemand, der ja praktisch das gesamte zwanzigste Jahrhundert durchlebt hat? Es gibt ja eine ganze Reihe sozialpsychologischer und soziologischer Zeitdiagnosen, die unser Jahrhundert als eine Zeit begreifen, in der die Individualität mehr und mehr schwindet und schließlich verschwindet – man denke etwa an HORKHEIMER und ADORNO. Wie schätzen Sie solche Zeitdiagnosen ein, und wie stehen Sie als Mensch und Wissenschaftler, der sich in seinen Schriften häufig auf die Seite des Individuums und der Individualität geschlagen hat, hierzu? [61]

THOMAE: Na ja, ich meine, so ganz unrichtig ist das gerade nicht. Ich will im Rückblick heute sagen, dass also die Individualität ein fruchtbarer Gesichtspunkt ist, und gerade als Psychologe muss ich mir über die Bedeutung der Individualität im Klaren sein – etwa wenn es um die Art des Aufnehmens von Situationen, der Deutung und der Beantwortung derselben geht. Die erwähnten Diagnosen treffen jedoch etwas Richtiges, insofern wir Heutigen doch in sehr viele Schablonen hineingepresst sind, unsere Rollen spielen; wobei ich aber sagen würde, das ist wahrscheinlich gar nicht allein eine Besonderheit des zwanzigsten Jahrhunderts. [62]

LEHR: Ich würde es ohnehin anders sehen. Wir haben auf der anderen Seite eine zunehmende Singularisation. [63]

THOMAE: Na ja, sicher. [64]

LEHR: Wir haben eine zunehmende Vereinzelung, es gibt kaum eine stabile Jugendverbindung mehr, wir haben außerdem eine so starke Individualisierung des Einzelnen, dass er gar nicht mehr fähig ist, in Gemeinschaft zu sein, während man früher von der Elternfamilie direkt die eigene Familie gegründet hat, also die Anpassung an die familiäre Gemeinschaft im Elternhaus direkt überging in eine Anpassung an die familiäre Gemeinschaft der eigenen Familie. Heute dagegen ist es üblich, dass man nach dem Verlassen des Elternhauses zehn, manchmal auch mehr Jahre alleine lebt, um eigene Interessen, Gewohnheiten, Reaktionsformen, Erlebnis- und Verhaltensweisen ausbilden zu können, und dass man erst nach einem geraumen Zeitabschnitt versucht, es wieder zu einer partnerschaftlichen Bindung kommen zu lassen. Und ich sehe auch, dass viele Ehen scheitern, das ist ja ein Faktum, dass über 33 Prozent aller nach 1975 geschlossenen Ehen geschieden sind, und auch hierfür sehe ich als Grund eine zu starke Ausprägung eigener Individualität, eigener Gewohnheiten. Und ein weiterer Aspekt ist der Rückgang der Geburtenzahlen, auch das ist eigentlich eine Folge zunehmender Eigenständigkeit, Individualität, eigener Prägung und Gewohnheit. [65]

STRAUB: Die Frage ist jedoch – obschon unbestritten ist, was sie als empirische Tatbestände diagnostizieren –, ob das, was Sie als "Singularisierung" oder auch als "Individualisierung" etwa im Sinne Ulrich BECKs bezeichnen, dem entspricht, was der "romantische" Begriff und das damit verbundene Plädoyer für "Individualität" im Sinne von Herrn THOMAE meinen. Das scheinen mir zwei Paar Stiefel zu sein. [66]

THOMAE: Sicher. Also auch STERN bzw. das, was ich von STERN da in der ersten Auflage von "Das Individuum und seine Welt" zitiert hatte, diese Unverwechselbarkeit der Welt, die also da ist, das ist der Punkt. Gerade bei den Singles, die schon ihre eigene Welt gestalten, kann man sehen, worum es sich dabei häufig handelt, nämlich eine schablonisierte, vorgefertigte Welt. [67]

LEHR: Na ja, man muss beides sehen, ja, du hast recht. [68]

THOMAE: Ich würde es mit einem kritischen Akzent schon so sagen: Die Individualität ist im Grunde eine bürgerliche Idee gewesen, die jedoch durchaus wissenschaftlich fruchtbar gemacht werden kann, gerade auch für unsere Arbeit. Diese Idee mahnt uns zur Zurückhaltung, wenn es darum geht, eine Vielzahl von Personen bzw. deren Verhaltensweisen in einer weit geringeren Anzahl von Kategorien unterzubringen. Manche passen letzten Endes doch schlecht rein in die verwendeten Kategorien. Umgekehrt gilt: wenn ich dem Phänomen überhaupt irgendwie näher kommen möchte, muss ich eben eine gewisse Quantifizierung vornehmen. Aber um das Ungenügen der Klassifikation zu erklären, dazu ist der Begriff der Individualität hilfreich. [69]

Anmerkungen

1) Das hier vorliegende Interview ist eine leicht überarbeitete Fassung der Erstveröffentlichung aus dem "Journal für Psychologie", 5(2), 1997, mit freundlicher Genehmigung des Verlages. <zurück>

2) Bonner Gerontologische Längsschnittstudie (Bonn Longitudinal Study on Aging, BOLSA). Die von Hans THOMAE und Ursula LEHR konzipierte und zwischen 1965 und 1985 durchgeführte Längsschnittstudie war die erste größere deutsche Studie zu psychologischen und medizinischen Aspekten des Alterns. Als wesentliches Ergebnis zeigt die Studie, dass der Prozess des Alterns maßgeblich von der jeweiligen Persönlichkeit abhängig ist. <zurück>

3) Interdisziplinäre Langzeit-Studie des Erwachsenenalters über die Bedingungen befriedigenden und gesunden Alterns (ILSE). An der 1993 begonnenen Langzeitstudie unter Koordination des Deutschen Zentrums für Alternsforschung in Heidelberg sind die Universitäten Heidelberg, Leipzig, Bonn, Erlangen-Nürnberg sowie Rostock beteiligt. Ziel der Studie ist die Untersuchung der individuellen und materiellen Bedingungen für einen zufriedenen, gesunden und selbstbestimmten Prozess des Alterns. <zurück>

Zum Autor

Prof. Dr. Jürgen STRAUB lehrt seit 1. Oktober 2002 das Fach "Interkulturelle Kommunikation" an der Technischen Universität Chemnitz. Bis zu diesem Zeitpunkt war er apl.-Professor für Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Forschungsprofessor an der Privatuniversität Witten-Herdecke; von Oktober 1999 bis September 2001 war er im Vorstand des Kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI) Essen sowie (mit Burkhard LIEBSCH) in der Leitung einer interdisziplinären Studiengruppe zum Thema "Lebensformen im Widerstreit. Identität und Moral unter dem Druck gesellschaftlicher Desintegration" tätig. Seit September 2001 war er als Fellow des KWI für die Konzeption und Durchführung einer internationalen und interdisziplinären, in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen organisierten Tagungsreihe zum Thema "Gewalt in modernen Gesellschaften" verantwortlich. Im Wintersemester 2001-02 vertrat er die Professur für Mikrosoziologie an der Universität Gießen. 1994-95 war er Fellow am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld.

Forschungsschwerpunkte: grundlagentheoretische Fragen der Kulturwissenschaften; Kulturpsychologie und Kulturvergleichende Psychologie; interdisziplinäre Aspekte interkultureller Kommunikation und Kompetenz; Sozialisations-, Gedächtnis-, Biographie- und Identitätstheorie einschließlich ihrer empirischen Grundlagen; Handlungstheorie; narrative Psychologie; Konflikte, Gewalt und Verständigung in modernen Gesellschaften; Geschichtsbewusstsein; psychosoziale Folgen der Shoah; Hermeneutik; Theorie, Methodologie und Methodik qualitativer/interpretativer Forschung. In FQS finden sich neben den von ihm gemeinsam mit Carlos KÖLBL verfassten Beiträgen Qualitative Kulturpsychologie als Wissenschaft und Geschichtsbewusstsein im Jugendalter auch der von Jürgen STRAUB gemeinsam mit Jaan VALSINER und Carl RATNER herausgegebene Schwerpunktband Kulturwissenschaften.

Kontakt:

Prof. Dr. Jürgen Straub

Technische Universität Chemnitz
Professur Interkulturelle Kommunikation
D-09107 Chemnitz

E-Mail: juergen.straub@phil.tu-chemnitz.de

Zitation

Straub, Jürgen (2004). Das Individuum und seine Welt im Spiegel der Zeit. Hans Thomae im Interview mit Jürgen Straub [69 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(3), Art. 6, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs040368.

Revised 6/2008



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