Volume 5, No. 3, Art. 15 – September 2004

Rezension:

Mike Steffen Schäfer

Andreas Lösch (2001). Genomprojekt und Moderne. Soziologische Analysen des bioethischen Diskurses. Frankfurt am Main: Campus, 390 Seiten, ISBN 3-593-36853-6, EUR 49,00

Zusammenfassung: LÖSCH legt mit "Genomprojekt und Moderne" eine Analyse der (vornehmlich deutschen resp. europäischen) Diskurse über Biotechnologie und Bioethik vor. Er zeigt die Konstruktion wissenschaftlicher "Wahrheit" und ihre Objektivierung, die Umsetzung dieser Objektivierung in Normen und Regulationen und die Rückwirkung dieser Normen auf Individuen, v.a. in genetischer Diagnostik und Beratung. LÖSCHs inspirierende Interpretationen machen den Band durchaus lesenswert, wenngleich seine empirische Fundierung stellenweise unzureichend ist.

Keywords: Biotechnologie, Humangenomforschung, Diskursanalyse

Inhaltsverzeichnis

1. Positionierung im fachlichen Kontext

2. Der Diskurs zum "Genomprojekt"

3. Kritik

4. Resümee

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Positionierung im fachlichen Kontext

Über Humangenomforschung wurde eine der umfassendsten öffentlichen Auseinandersetzungen über Biotechnologie in den vergangenen Jahren geführt. Ihr zentraler Stellenwert in der öffentlichen Debatte, vor allem zwischen 2000 und 2001 (vgl. O'MAHONY & SCHÄFER 2004), und ihre immer wieder beschworene Bedeutung als Grundlegung der modernen Humanbiotechnologie (vgl. z.B. WADE 2001) blieben jedoch lange ohne nachhaltige Wirkung auf die soziologische Literaturlage: Die öffentliche Debatte über Humangenomforschung war und ist nur selten Thema sozialwissenschaftlicher Forschung, existierende Publikationen (Beispiele sind etwa DAVO & ÁLVAREZ-DARDET 2003; FLEISING 2001; HOLTZMAN & MARTEAU 2000; KITZINGER & REILLY 1997; LEMKE 2002; NERLICH, DINGWALL & CLARKE 2002; TAMBOR et al. 2002) entstammen eher kleineren Forschungsprojekten als großangelegten Diskursanalysen. Vor diesem Hintergrund ist Andreas LÖSCHs Arbeit – die Veröffentlichung seiner 2000 eingereichten Dissertationsschrift – zu begrüßen. Schließlich ist sie eine explizit "soziologische Analyse des bioethischen Diskurses" (Untertitel). In der Tradition FOUCAULTscher Diskursanalyse, die er mit Aspekten der "Science and Technology Studies" verbindet, folgt er einem durchaus großtheoretischen und mitunter gesellschaftsdiagnostischen Anspruch. [1]

2. Der Diskurs zum "Genomprojekt"

Den Begriff des "Genomprojekts", den LÖSCH an zentrale Stelle rückt, entlehnt er dem öffentlich geförderten big-science-Projekt, das unter dem präziseren Label "Humangenomprojekt" die Totalsequenzierung des menschlichen Erbguts verfolgte. LÖSCH abstrahiert das Label aber zum "Genomprojekt", weil er auch dessen Appendizes – etwa die Sequenzierung von Tieren als "Modellorganismen" – mit einschließen und die Gesamtheit der Bemühungen des "Genomprojekts" als das biotechnologische Projekt der Moderne aufzeigen will. [2]

Dabei ist LÖSCHs Interesse erstens ein konstruktivistisches: Er will Semantiken, Redeweisen, Diskurse beschreiben. Zweitens will er eine theoretische Position gewinnen, die nicht in einem der unterschiedlichen Diskursbereiche – etwa der Gentechnikkritik, der Bioethik oder dem wissenschaftlichen Objektivitätsdiskurs – gefangen ist: LÖSCH will eine übergreifende Diskursanalyse vorlegen. [3]

Dazu beschreibt er zunächst das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft in den Diskursen über das "Genomprojekt". Er zeigt die Konstitution wissenschaftlichen Wissens und legt dar, dass die Konstruktion von wissenschaftlicher Wahrheit nicht objektiv verläuft. An Aspekten wie der ursprünglich konstruierten, heute aber vergemeinschafteten Annahme, dass das Genom "lesbar" sei, oder auch an den wandelnden Bezugspunkten des Begriffes Gen (S.82ff, vgl. auch KAY 2001) argumentiert LÖSCH, dass sie sozial bzw. diskursiv konstruiert wurden. An diesen Stellen werden auch die Übersetzungsprozesse und -leistungen deutlich sowie die Bedeutungsverluste und -verschiebungen, mit denen sie verbunden sind, etwa bei der Übertragung genetisch gewonnenen Wissens in medizinisch relevante Informationen. Die vermeintliche Objektivität, mit der sie dem Subjekt resp. der Gesellschaft gegenüber träten und auf deren Basis sie durchaus normativ und regulativ wirksam würden, ist LÖSCH zufolge also keine zwangsläufige. [4]

Mittels Humangenetik werde stattdessen vermeintlich objektive Natur in Kultur übersetzt. V.a. die Bioethik identifiziert LÖSCH als privilegierte Vermittlerin zwischen Natur und Kultur, zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Sie koppelt biologisches Sein und ethisches Sollen. Damit werde die "Definitionsmacht biomedizinischen Wissens" (S.39) deutlich: Vermeintlich natürliches genetisches Wissen wird normativ geladen und regulativ umgesetzt und tritt dem gesellschaftlichen Subjekt machtvoll entgegen. [5]

Subjekte müssten daher lernen, ihr Leben in einer Weise zu organisieren, die es ihnen erlaubt, spezielle, genetische Risiken zu managen. Offensichtlich werde dies in der genetischen Diagnostik und Beratung; an dem Ort also, an dem Individuen gemeinsam mit Experten ihr Subjektsein konzipieren und genetische Risiken verinnerlichen. LÖSCH macht deutlich, dass dabei genetisches Wissen nicht nur transferiert, sondern mitgeschaffen wird. Die Trennung des Biotech-Labors, in denen Wissen geschaffen wird, von Beratungseinrichtungen, in denen das Wissen vermittelt wird, hält LÖSCH für artifiziell und substanzlos: Für ihn ist der Ort der Beratung Teil des Labors. Nichtsdestotrotz aber ein entscheidender, hochbedeutsamer Ort: Schließlich werde dort genetische Information produziert, würden Risiken normativ bestimmt und subjektive Entscheidungs- und Handlungsregulationen etabliert. Kurz: An diesen Orten greift die Laborordnung in die Gesellschaftsordnung ein. [6]

Diesen Eingriff sieht LÖSCH als schwerwiegenden: In der Tradition der "Euphänik" (S.69ff) und über die FOUCAULTsche Biomacht hinaus sieht er neue biopolitische Regulierungsformen am Werk. Nach LÖSCH wird die Regulierung der Bevölkerung durch Biopolitik von einer Steuerung abgelöst, bei der sich Individuen selbst regulieren. Im Zwiespalt zwischen Umwelt und Genom werden Subjekte optimiert – nicht auf ein ideales Endprodukt wie den "perfekten Menschen" hin (wie es die Apologeten der "Eugenik von unten" befürchten), sondern dadurch, dass sich Individuen selbst als "Ressource" verstehen und leiblich und seelisch an externe Erfordernisse anpassen. [7]

Diese – eher pessimistische – Diagnose greift über das Genomprojekt und damit das konkrete Beispiel hinaus, so LÖSCH. Für ihn handelt es sich um eine Gesellschaftsdiagnose. So sind Übersetzungsprozesse der von ihm beschriebenen Art auch in den Diskursen über Stammzellforschung und Präimplantationsdiagnostik zu finden, deutet er am Ende des Buches noch kurz an – hat aber dort nicht mehr den Raum, dies hinreichend zu argumentieren. [8]

3. Kritik

Die etwas zu kurz geratene Übertragung von LÖSCHs Argumentation auf diese anderen Themenfelder berührt einen generellen Schwachpunkt des Bandes: den Stellenwert der empirischen Arbeit. Bei einer Reihe von LÖSCHs Argumenten hätte man sich ausführlichere empirische Belege gewünscht, so verbleiben seine Folgerungen teilweise auf der Ebene abstrakter, wenn auch plausibler Interpretationen. Auch eine ausführlichere Darstellung historischer Kontexte oder einiger theoretischer Herleitungen hätte der Argumentation sicherlich zusätzliche Tiefe verliehen. [9]

Ein weiterer Kritikpunkt ist die empirische Systematik des Bandes. LÖSCH greift mehr oder minder unsystematisch auf Quellen, meist Texte zu. Problematisch ist, dass es – gerade bei Genomforschung – vorwiegend deutschsprachige Quellen sind. Teilweise handelt es sich außerdem um Papiere, die wie die Erstformulierung des EU-Programms "Prädiktive Medizin" später wieder verworfen wurden und deren Stellenwert dementsprechend stärker qualifiziert werden müsste. Problematisch ist auch, dass sich die Quellen v.a. auf das EU-Genomprojekt beziehen, das international organisiert und in seiner Genese, seinen Strukturen und seinem nationalen Stellenwert sehr heterogen war (vgl. ABELS 1999). Zum anderen ist dabei zu beachten, dass die europäische (Human-) Genomforschung nicht das Gros der biotechnologischen Arbeit des "Genomprojektes" realisierte und – was schwerer wiegt – zu diesem Thema sicherlich auch in Europa nicht uneingeschränkt die wissenschaftliche Definitionsmacht hatte. Denn diese lag zu wesentlichen Teilen im angloamerikanischen Raum, beim US Human Genome Project, bei der Human Genome Organization (HUGO), bei Celera Genomics' Craig VENTER, bei Francis COLLINS und James WATSON. [10]

Außerdem werden die verwendeten Begrifflichkeiten teilweise recht eigen eingesetzt – LÖSCHs Begriff von "Bioethik" etwa hätte einer intensiveren begrifflichen Klärung bedurft, beispielsweise bleibt die Integration einer sich kritisch verstehenden Bioethik in seinen Terminus unterbestimmt. Und gerade die Vielzahl der von LÖSCH bearbeiteten Themen – Klondebatte, genetische Diagnostik, genetische Beratung, Patentierung etc. – lässt fragen, warum der etwas künstliche Begriff des "Genomprojekts", dessen Bedeutungsgehalt ja bereits eingangs thematisiert wurde, überhaupt im Titel steht. [11]

4. Resümee

LÖSCHs Buch ist eine originelle, inspirierende Analyse der gesellschaftlichen Diskurse über Biotechnologie. Seine Interpretationen sind in sich schlüssig und originell und werden gut gegliedert präsentiert. Generell wäre dem Band eine umfänglichere empirische Erdung zu wünschen gewesen – dass sie an einigen Stellen zu kurz kommt führt dazu, dass LÖSCHs Gesellschaftsdiagnose streckenweise hypothetisch bleibt. [12]

Literatur

Abels, Gabriele (1999). Strategische Forschung in den Biowissenschaften. Der Politikprozess zum europäischen Humangenomprogramm. Berlin: edition sigma.

Davo, M. del Carmen & Álvarez-Dardet, Carlos (2003). El genoma y sus metáforas. ¿Detectives, héroes o profetas? Gaceta Sanitaria, 17(1), 59-65.

Fleising, Usher (2001). In search of genohype: a content analysis of biotechnology company documents. New Genetics and Society, 20(3), 239-254.

Holtzman, Neil A. & Marteau, Teresa M. (2000). Genotype or genohype: Will genetics revolutionize medicine?. New England Journal of Medicine, 343(2), 141-144.

Kay, Lily E. (2001). Das Buch des Lebens. Wer schrieb den genetischen Code? Wien: Carl Hanser.

Kitzinger, Jenny & Reilly, Jacquie (1997). The rise and fall of risk reporting. Media coverage on human genetics research, "False Memory Syndrome" and "Mad Cow Disease". European Journal of Communication, 12(3), 319-350.

Lemke, Thomas (2002). Mutationen des Gendiskurses: Der genetische Determinismus nach dem Humangenomprojekt. Leviathan, 30(3), 400-425.

Nerlich, Brigitte; Dingwall, Robert & Clarke, David D. (2002). The book of life: how the completion of the Human Genome Project was revealed to the public. Health, 6(4), 445-469.

O'Mahony, Patrick & Schäfer, Mike Steffen (2004, im Druck). The "book of life" in the press. Comparing German and Irish media discourse on human genome research. Social Studies of Science.

Tambor, Ellen S.; Bernhardt, Barbara A.; Rodgers, Joseph; Holtzman, Neil A. & Geller, Gail (2002). Mapping the human genome: An assessment of media coverage and public reaction. Genetics in Medicine, 4(1), 31-36.

Wade, Nicholas (2001). Das Genom-Projekt und die Neue Medizin. Berlin: Siedler.

Zum Autor

Mike Steffen SCHÄFER; M.A. (Soziologie, Journalistik, Publizistik), Studium in Leipzig, Wien und Cork, seit 2002 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig; momentane Forschungsschwerpunkte: 1) Wissenschaft, v.a. Biotechnologie, in der Öffentlichkeit; 2) Vertrauen, Glaubwürdigkeit und deren mediale Darstellung; 3) Kultursoziologie von Fans. In einer zurückliegenden Ausgabe von FQS hat Mike Steffen SCHÄFER das Buch Vertrauen (von Martin ENDRESS) besprochen.

Kontakt:

Mike Steffen Schäfer

Universität Leipzig, Institut für Kulturwissenschaften
Beethovenstrasse 15
D-04275 Leipzig

E-Mail: mss@uni-leipzig.de
URL: http://www.fanforschung.de/, http://www.uni-leipzig.de/~kuwi/, http://www.uni-leipzig.de/~diskus/

Zitation

Schäfer, Mike Steffen (2004). Rezension zu: Andreas Lösch (2001). Genomprojekt und Moderne. Soziologische Analysen des bioethischen Diskurses [12 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(3), Art. 15, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0403154.