Volume 7, No. 1, Art. 13 – Januar 2006

Rezension:

Albert K. Petersheim

Jan Schmidt (2005). Der virtuelle lokale Raum. Zur Institutionalisierung lokal bezogener Online-Nutzungsepisoden (Reihe Internet@Research Bd. 19, herausgegeben von Patrick Rössler). München: Reinhard Fischer, 320 Seiten, ISBN 3-88927-364-5, EUR 22

Zusammenfassung: Computer und Internet sind Teil des Alltags geworden. Die technischen und finanziellen Ressourcen vorausgesetzt, sind die Vorteile offensichtlich. Gleichzeitig verändern sich mit der Nutzung der Internetdienste die alltäglichen Handlungsabläufe und verschieben die Bedeutung von Raum und Zeit bis zu ihrem scheinbaren Verschwinden. In seiner nun als Buch veröffentlichten Dissertation hinterfragt Jan SCHMIDT diese Vorstellung vom Verlust des Raumes (Ende der Geographie, Cyberspace, Raumlosigkeit des Internets) und weist am Beispiel der Nutzung lokaler Netze nach, dass die bestehenden Raumkonstitutionen nicht verloren gehen, sondern erweitert werden. In der wissenschaftlichen Untersuchung wird die Verankerung der lokalen Netze in der geographischen Region deutlich, wobei die Anbieter und Nutzer in einen besonderen, je interessengeleiteten Austausch treten. Es werden Dimensionen des virtuellen lokalen Raums beschrieben, die Verhalten und Erwartungen von Nutzer und Nutzerinnen in ihrem Alltag in besonderer Weise strukturieren. Insofern ist die Untersuchung für alle von Interesse, die sich mit den Auswirkungen des Internet und seinen Gestaltungsmöglichkeiten für potenzielle Dienstleistungen beschäftigen. Dass dabei die sozial- und medienwissenschaftliche Perspektive im Vordergrund steht, mag kein Nachteil sein, schränkt jedoch den Kreis der Lesenden durch den hohen wissenschaftlichen Standard ein.

Keywords: Computervermittelte Kommunikation, Computerrahmen, Raum, virtuelle Gemeinschaften, Netzstrukturen, virtueller Raum

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Technik, Alltag und Internet

2. Internet und Raum

3. Der virtuelle lokale Raum

4. Fazit und Ausblick: Zu neuen Ufern

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung: Technik, Alltag und Internet

Mit der Verbreitung neuer Technologien gehen immer auch utopische Vorstellungen über die Veränderung der sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnisse einher. Kritik und Begeisterung halten sich eine zeitlang die Waage. Diese Unabgeschlossenheit deutet darauf hin, dass die Technologie noch nicht institutionalisiert, d.h. noch nicht in das alltägliche Handeln "eingebaut" ist. Sozialwissenschaftlich formuliert mangelt es den Beteiligten an allgemein akzeptierten Regeln in einem alltagstauglichen Rahmen. Im Verständnis der Techniksoziologie kann von einer Institutionalisierung gesprochen werden, wenn diese Umbruchsituation zum Abschluss gekommen ist. Erst dann zeigen sich neue, auf die Technik bezogene Handlungsroutinen. Eine Schwierigkeit ist der ständige Veränderungsprozess, in dem die Technik selbst immer noch steht. Bei der Technik der Neuen Medien, die durch eine Nutzung des Internet ermöglicht wird, ist dieser Prozess also noch lange nicht abgeschlossen. Einerseits schreitet die Verbreitung der technischen Nutzung voran, andererseits gibt es immer noch wenig empirisch gesicherte Erkenntnisse über die gesellschaftlichen Konsequenzen. [1]

An diesen Gedanken knüpft die als Dissertation vorliegende Arbeit von Jan SCHMIDT an, indem sie zu einer "soziologisch fundierten Analyse zu den Auswirkungen des Internet" (S.10) beitragen will. Der Autor wählt dabei das Verhältnis des Internets zum Raum, spezifischer zum lokalen Raum, einer geographisch begrenzten und überschaubaren Region. Dazu bewegt er sich von allgemeinen, soziologisch und medienwissenschaftlich gestützten Reflexionen über die mit dem Internet verbundenen Raumvorstellungen und die Nutzung im lokalen Nahraum (2. Kapitel) zur Entwicklung eines begrifflichen Bezugsrahmens des virtuellen lokalen Raums, der die Diskussion des aktuellen Forschungsstandes mit einbezieht (3. Kapitel). Daran schließen vier empirische Fallstudien aus der Region Bamberg an, die im 4. Kapitel dargestellt werden. Im 5. Kapitel werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und als Beleg für die Grundthese der Gleichzeitigkeit von Ent- und Restrukturierungen im Raumkonzept des Internet interpretiert. [2]

2. Internet und Raum

Die Annahme vom Bedeutungsverlust des Raums im Internet ist von besonderer Attraktivität, da sie Gesellschaftsutopien der Liberalisierung und des Widerstands gegen staatliche Herrschaft hervorzubringen vermag. Im Mittelpunkt steht dabei die Vorstellung von der Auflösung gesellschaftlicher Strukturen und dem Verlust staatlicher Kontrolle. Indes steht diese Entstrukturierungsthese in der Gefahr, einseitig technikdeterministisch bestimmt zu werden und damit wird übersehen, dass die soziale Aneignung des Internet auch Restrukturierungstendenzen mit sich bringt. Dies versucht Jan SCHMIDT in einem ersten Schritt durch die Nachzeichnung der Geschichte des Internet aus der Sicht der Technikentwicklung mit ihren gesellschaftlichen Folgen aufzuzeigen. Das Internet wird als Sammelbegriff für unterschiedliche Medien, die auf einer vernetzten Infrastruktur aufbauen, in einer klaren und detailreichen Übersicht dargestellt. [3]

Aus soziologischer Perspektive wird die Bedeutung von Raum und Netzwerk als Strukturierungskonzepte für alltägliches Erleben und Handeln erläutert. Dabei ist die Wiederentdeckung des Raumes und seine Interpretation als "Raum-Werdung" (MARESCH 2001), in der seine soziale Konstruktion oder mediale Produktion erkennbar wird, von zentraler Bedeutung. Insbesondere im Rückgriff auf die Arbeiten von Martina LÖW (2001, 2004) wird der Perspektivenwechsel vom absoluten zum relativen Raumverständnis aufgezeigt. Während der Raum nach dem absoluten Verständnis eine eigene, von den Körpern unabhängige Realität besitzt, wird er aus der relativen Perspektive durch die Verknüpfung von Objekten erst konstituiert. Im ersten Fall sind Raum und soziales Handeln voneinander getrennt, im zweiten werden Struktur und Handeln in einer wechselseitigen Bedingtheit gesehen, d.h. der Raum restrukturiert sich im Handeln. Obwohl SCHMIDT der Raumsoziologie von Martina LÖW einen zentralen Stellenwert für seine eigene Arbeit einräumt, kommt die Rezeption der von ihr ausgearbeiteten zentralen Kategorien von Spacing, Syntheseleistung, Atmosphäre und Orten etwas zu kurz, so dass die Anschlussstellen vage bleiben. [4]

Als zweiter theoretischer Ansatzpunkt wird das Netzwerk in seiner gesellschaftlichen und technischen Bedeutung – im Rückgriff auf Manuel CASTELLS' "Information Age" u.a. – eingeführt. Die Auflösung der traditionellen Orte im planetaren "Raum der Ströme" (CASTELLS 2003) und die Entstehung einer "Netzwerkgesellschaft" mit dem von CASTELLS prognostiziertem Gegensatz zwischen globalem Netz und persönlicher Identität (ASSHEUER & THADDEN 2001) entsprechen nicht der These von einer Erweiterung durch Restrukturierung. Zentral bleibt – ganz im Sinne des Autors – die Entstehung von Netzwerken und deren Einfluss auf die Ökonomie und die Medien. Trotz der Unterschiede zwischen beiden theoretischen Zugangsweisen, die Jan SCHMIDT aufzeigt, ist ihnen der zentrale Stellenwert von Beziehungen zwischen Objekten gemeinsam: die Verknüpfungen zwischen den Objekten bedingen, wenn sie über einen längeren Zeitraum stabil bleiben und sich reproduzieren, eine Struktur. Wandeln sich die Verknüpfungen, so löst sich auch die Struktur auf. Mit der Entstrukturierung geht auch eine erneute Festlegung und Stabilisierung einher (Restrukturierung), in der sich neue Verbindungen und Grenzziehungen etablieren. Auf dieser theoretischen Basis wird nunmehr der Ent- und Restrukturierungsprozess von Raumvorstellungen aufgenommen und anhand unterschiedlicher empirischer Materialien belegt. Diese Grundüberlegungen bezieht Jan SCHMIDT auf die Dimensionen von geographischen Distanzen und Standortbestimmungen (Kap. 2.3), die territorial-staatliche Kontrolle (Kap. 2.4) und den Cyberspace (Kap. 2.5). [5]

Geographische Distanzen verändern im Internet zwar ihre Bedeutung, aber sie verschwinden nicht einfach. Auf der Basis der technischen Infrastruktur des Internet sind sie immer noch präsent. Durch die besondere Art der Entwicklung von Verkabelung und Betreiberorganisationen, die von Jan SCHMIDT noch einmal kenntnisreich dargestellt wird, kommt es zu einer ungleichen Verteilung der globalen Infrastruktur: die Bedeutung spezifischer regionaler Standorte steigt und damit auch die Verdichtung der Aktivitäten an diesen Orten. Hier sind die Standorte wirtschaftlicher Aktivitäten als städtische und regionale Räume sichtbar. Der Raum behält insofern seine Bedeutung, da die Kommunikation im Internet auf der bestehenden geographischen Infrastruktur aufbaut und die räumliche Nähe weiterhin notwendig ist, um geteiltes Wissen und Sozialkapital herzustellen. [6]

Das Internet überschreitet mühelos geographische und territoriale Grenzen und erscheint damit von staatlichen Gebieten legitimer Herrschaft losgelöst. Diese Annahme nährte in den frühren Jahren des Internet die Idee einer neuen Gegenkultur, die Technikeuphorie mit Abnahme von Staatskontrolle kombinierte. Übersehen wurde dabei, dass der Staat die Entwicklung des Internet entscheidend mitgeprägt hat. Vor allem in drei Regulierungsfelder wird dies von Jan SCHMIDT aufgezeigt: Ökonomie, Internetrecht und weitergehende Gestaltung der technischen Infrastruktur. Die staatsfreie Zone Internet erscheint dann bestenfalls als Idee einer normativen Position, der keine empirische Grundlage entspricht, und die auch als Metapher ihren Wert verliert. In einem Exkurs zur Geschichte des Adressraumes von vernetzten Computern wird die ungleiche geographische, regionale Verteilung des Internet aufgezeigt. Hier sind die Muster von Peripherie und Zentrum wieder zu finden, die in der Struktur der Datenverbindung bereits angelegt sind. [7]

Im dritten Abschnitt des zweiten Kapitels geht der Autor der Frage nach der angeblichen Körperlosigkeit im Cyberspace nach. Das Internet kann als Folie einer virtuellen Realität gelten, in der keine räumlichen oder körperlichen Beschränkungen für das menschliche Erleben mehr gelten. Jan SCHMIDT zeigt demgegenüber auf, das auch in virtuellen Umgebungen das Interesse an eigenen Identitäten, am persönlichen Status und den damit einhergehenden Erwartungen bestehen bleibt. Auch virtuelle Welten werden in einem dreidimensionalen Aufbau dargestellt, obwohl technisch die Konstituierung von Umgebungen möglich wäre, in denen keine physikalischen Regeln gelten. Doch ohne die Referenzen an die raum- und körpergebundene reale Welt wäre eine Orientierung so gut wie unmöglich. Der Körper bleibt somit als kleinste, unteilbare und nicht hintergehbare Einheit unverständlich menschlichen Handelns im Raum verortet. Symbol, Handlung und Territorium sind die drei Bezuggrößen, in denen sich der virtuelle lokale Raum konstituiert. [8]

Die Raumlosigkeitsthese enthält den Fehler, zu einseitig aus den Eigenschaften der Informations- und Kommunikationstechnologien auf die sozialen Konsequenzen zu schließen. Mit ihr wird auf einem Raumverständnis beharrt, in dem der Raum einen bloßen Container für soziales Handeln darstellt, und es werden so die spezifischen Nutzungskontexte übersehen, nach denen Technik in den Dienst der sozial Handelnden gestellt wird. Deren soziale Aneignung von Informations- und Kommunikationstechnologien wird im weiteren Verlauf der Arbeit am Beispiel des virtuellen Raums untersucht, um "überindividuelle Regeln und Beziehungsmuster" (S.88) in dieser besonderen Interaktion zwischen Technik und Mensch darzustellen. [9]

3. Der virtuelle lokale Raum

Im dritten Kapitel wird das Internet als Hybridmedium (HÖFLICH 1998, 2003) expliziert, in dem sich Information und Kommunikation auf der Grundlage der neuen Technologien mit dem sozialen Handeln der Menschen in lokalen Regionen vermischen. Der Bezug auf die lokale Region erweist sich als Vorteil, da die erlebte gesellschaftliche Komplexität durch den Aufbau interpersonaler Netzwerke reduziert wird. Das soziale Kapital (Pierre BOURDIEU) dieser Netzwerke kann durch das Medium Internet ausgebaut werden. Jan SCHMIDT beschreibt, wie in offeneren Netzwerken virtuelle Gemeinschaften entstehen, die sich in betriebswirtschaftlicher (communities of practice and knowledge), sozialpsychologischer (Online-Selbsthilfegruppen) und kommunikationswissenschaftlicher (Interpretationsgemeinschaften) Perspektive ausdifferenzieren. Von einer sozialen Isolation oder dem Verlust von sozialen Beziehungen im Internet kann demnach keine Rede sein. [10]

In der Skizze eines Analyserahmens entwickelt der Autor eine kategoriale Bestimmung für den virtuellen lokalen Raum. Demnach stellt dieser eine Klasse von Umgebungen dar, die einen hohen Symbol- und Handlungsbezug zum realen Raum haben und deren territorialer Bezug eher kleinräumig ist. Der virtuelle lokale Raum ist nach diesem Verständnis zu unterteilen in einen politisch-administrativen Raum (E-Governement), einen wirtschaftlichen Aktivitätsraum (E-Commerce) und einen Identitätsraum (E-Democracy), denen unterschiedliche Angebotstypen im Internet entsprechen: Kommunalportale, lokale Marktplätze, Online-Tageszeitungen aus der Region und Bürgernetze (Community Networks). Das Nutzungsverhalten in virtuellen Räumen ist anhand der Nutzungsepisoden in drei Ziele zu unterscheiden: Information, Transaktion und Kommunikation. Die vereinzelten Nutzungsepisoden können sich zu Handlungsroutinen verdichten, die als institutionalisierte Nutzungsmuster in einem "Computerrahmen" zu beschreiben sind. Der Begriff Computerrahmen ist an die "Rahmenanalyse" von Erving GOFFMAN angelehnt und definiert eine Situation, in der bestimmte Handlungen nahe gelegt sind und in einen Sinnkontext eingeordnet werden. Zu einem Rahmen muss also die Rahmung mit den eigenen sowie den Erwartungen der anderen Teilnehmenden mitgedacht werden. [11]

Der virtuelle lokale Raum konstituiert sich in diesem Grundverständnis durch das Handeln der Nutzenden und Anbieter gleichermaßen. Die zustande kommenden wechselseitigen Erwartungen lassen die einzelnen Nutzungsepisoden vorhersagbar werden und zu Routinen stabilisieren. Überindividuelle Ähnlichkeiten finden sich in einem Computerrahmen wieder, der sich auf der Nutzungsseite herauskristallisiert und in entsprechenden Angeboten institutionalisiert. Deutlich wird auf der Angebotsseite des E-Commerce und E-Government eine zunehmende Professionalisierung und Spezialisierung in den Angebotsstrukturen. Leider werden Online-Selbsthilfegruppen, die wohl dem Identitätsraum zuzuordnen wären, von SCHMIDT nicht mehr aufgegriffen. Ebenso bleiben Angebote aus dem Bildungsbereich, die an der Schnittstelle von Identitäts- und wirtschaftlichem Aktivitätsraum zu bestimmen wären, im weiteren Verlauf der Arbeit unerwähnt. Auf die Interpretationsgemeinschaften wird im Zusammenhang mit E-Democracy und der Praxis von lokalen Bürgernetzen eingegangen. In einem gesonderten Kapitel (Kap. 3.3) expliziert Jan SCHMIDT die unterschiedlichen methodischen Zugangsweisen zur Datenerhebung im Internet. Reaktive (Befragungen, Online-basierte Fragebögen) und nicht-reaktive (User-Tracking, Analyse der Logdateien usw.) Verfahren werden einander gegenübergestellt und die Vor- und Nachteile werden herausgearbeitet. Obwohl die Erkenntnismöglichkeiten als eingeschränkt beschrieben werden, ist dem Fazit zuzustimmen, dass das Internet als Instrument der sozialwissenschaftlichen Datenerhebung anerkannt ist. Neben der von SCHMIDT angeführten Literatur und den Internet-Portalen http://www.globalpark.de/ und http://www.online-forschung.de/ sei hier noch auf WebSM (Web Survey Methodology) verwiesen, auf Bernard BATINIC (2003, S.6-18) sowie auf Manuela PÖTSCHKE und Julia SIMONSON (2001), die die Einschränkungen von Online-Erhebungen ausführlicher diskutieren. [12]

Die drei identifizierten Dimensionen des virtuellen lokalen Raums (E-Government, E-Democracy und E-Commerce) lassen sich nun noch weiter bestimmen. Die E-Government-Angebote von städtischen Verwaltungen und Kommunen verändern sich zu umfassenden Kommunalportalen. Die kommunalen Verwaltungen sind jedoch auf eine Zusammenarbeit mit regionalen Partnern (Vereine, Bildungseinrichtungen, Handel und Gewerbe usw.) angewiesen, um ihr Angebot attraktiv und aktuell zu halten. Dadurch treten sie in Konkurrenz zu anderen Anbietern aus der Region, beispielsweise Online-Zeitungen oder lokale Marktplätze. Wie und zu wessen Gunsten diese Konkurrenz sich weiterentwickeln wird, wird von den finanziellen Ressourcen und dem Nutzungsverhalten abhängen. [13]

Die Idee einer sich entwickelnden E-Democracy beinhaltet auch die Frage nach dem demokratischen Potenzial. Jan SCHMIDT stellt fest, dass dieses Potenzial in den im Internet betriebenen Diskussionsforen erheblich reduziert ist und beispielsweise den Kriterien einer herrschaftsfreien Kommunikation (Jürgen HABERMAS) nicht standhalten kann. Die Forderung nach Offenheit der Diskurse und Gleichheit der aktiven Sprechenden wird kaum eingeholt. Außerdem können die bestehenden sozialen Unterschiede durch den Zugang zur Technik noch vergrößert werden. Die angebotenen Diskussionsforen sind – so SCHMIDT – zu wenig in den relevanten kommunalen Entscheidungsstrukturen verankert, um das demokratische Potenzial entsprechend zu entfalten. Die zukünftige Entwicklung kann zu Recht mit gebremstem Optimismus gesehen werden. [14]

Anders sieht es SCHMIDT zufolge im Wirtschaftbereich aus, wo E-Commerce etabliert ist. Insbesondere in den Bereichen Touristik, Bekleidung, Computer und Zubehör sind Online-Kauforte entstanden, die ausgiebig genutzt werden. Daneben existieren auch so genannte virtuelle Marktplätze, in denen Tageszeitungsverlage und neue Online-Medien ihre Angebote verbreiten. Als Kriterien für den weiteren Ausbau werden von ihm Sicherheit, Nutzungsfreundlichkeit, aber auch das "Umsonstprinzip" benannt. Trotz dieser expandierenden Entwicklung verlieren die Dienstleistungen aus der Offline-Welt nicht an Bedeutung. Die On- und Offline-Märkte existieren nebeneinander und ergänzen sich. [15]

Das Internet ist – so weist SCHMIDT auf der Grundlage vorliegender empirischer Untersuchungen nach – als Informations- und Kommunikationsmedium in bestehende soziale Praktiken des Alltagshandels eingebettet. Die Konstitution des virtuellen lokalen Raums ist eine Form der Strukturierung, die sich als "überindividuelle Verfestigung von Erwartungen und Routinen einerseits sowie als Herausbildung von sozialen Netzwerken und Sozialkapital andererseits äußert" (S.187). Je eindeutiger sich Regeln aus Angebotsstrukturen und Nutzungsverhalten etablieren, umso klarer wird ein "institutionalisierter Computerrahmen" (SCHMIDT), in dem Sicherheit, persönlicher Schutz (Transaktion), Vertrauen in die angebotene Information (Distribution) und Gestaltung öffentlicher Diskurse eine wichtige Rolle spielen. [16]

Die Konstitution des virtuellen lokalen Raums stellt für SCHMIDT in zweifacher Hinsicht ein Beispiel für Strukturierungsprozesse dar. Einerseits institutionalisieren sich Erwartungen und Verhaltensregeln und stellen einen Rahmen für individuelle Nutzungsepisoden dar, mit dem die sinnvolle Nutzung des Mediums im Alltag ermöglicht wird. Andererseits bilden sich soziale Netzwerke, dauerhafte Beziehungsmuster und Sozialkapital. Der virtuelle lokale Raum ist für beide Entwicklungen der zentrale Bezugspunkt, der bereits bestehende Kommunikationskanäle ergänzt. In dieser Beschreibung entspricht er dem relationalen Raumverständnis, da er aus der "relativ stabilen Verknüpfung von Objekten und Personen entsteht und den realen Raum erweitert bzw. ergänzt, ohne ihn bedeutungslos werden zu lassen." (S.192) [17]

Im 4. Kapitel werden vom Autor vier Fallstudien zur Konstitution des virtuellen Raums vorgestellt, die sich auf die geographische Region Bamberg beziehen. Auf der methodischen Grundlage von Befragungen und Analysen von Netzwerknutzungen wurden Angebots- und Nutzungsstrukturen der in Bamberg öffentlichen Internet-Zugangsorte (1), der bayerischen Bürgernetze (2), des Bürgernetzes Bamberg (3) und des Tourismusportals bamberg.info (4) untersucht. Mittels leitfadenorientierter Experteninterviews sowie standardisierter Fragebögen wurden Daten zu folgenden übergeordneten Leitfragen erhoben: Wie verlief und verläuft die Institutionalisierung dieser Portale und Angebote? Welche Organisationen bzw. Kooperationen sind für das Angebot verantwortlich? Welche Strategien werden in Bezug auf das Internet-Angebot verfolgt? Wer sind die Nutzer und Nutzerinnen der jeweiligen Angebote, was sind die dominanten Nutzungsmotive und -muster? Inwieweit beziehen sich die Angebote auf den "realen" Raum, inwieweit wird ihm eine neue Dimension hinzugefügt? [18]

Nach der sehr detailreichen Auflistung der Ergebnisse zu den einzelnen Fallstudien erscheinen folgende Schlussfolgerungen bemerkenswert: die niedrige Schwelle bei den öffentlichen Internet-Zugängen erreicht nur teilweise ihre Zielgruppe und kann die Ungleichheiten der digitalen Spaltung nicht verändern. Das Nutzungsverhalten ist an bestimmte Orte gebunden, die wiederum mit spezifischen Erwartungen der Nutzer und Nutzerinnen gekoppelt sind. Obwohl in den Bürgernetzen hohe Kooperationsbeziehungen entstehen, scheinen sie ihren Zenit im Netz überschritten zu haben und müssen sich – wie die anderen Betreiber von Internet-Dienstleistungen auch – in Zukunft neu orientieren. SCHMIDT unterscheidet drei zukünftige Szenarien, die alle von ihm identifizierten Angebotstypen (Regionalportale, Bürgernetze, Marktplätze) betreffen, Neben der Spezialisierung mit deutlicher Abgrenzung zu anderen Betreibern ("spezialisierte Isolation") sieht SCHMIDT die Möglichkeit, sich mit den jeweiligen Konkurrenten weiterzuentwickeln, entweder in "vollständiger Integration" oder im Zusammengehen einzelner Teilbereiche der Angebote ("partielle Kooperation") (S.276). Insgesamt gelingt es dem Autor, die Fallstudien auf den von ihm entworfenen Analyserahmen des virtuellen lokalen Raums zu beziehen und damit die forschungspraktische Anwendung seiner theoretischen Grundlegung in der medien- und kommunikationswissenschaftlichen Empirie zu demonstrieren. Jan SCHMIDT schließt seine Arbeit mit einem Blick auf die weitere Forschung ab. Demnach ist mit der vorliegenden Konzeption des virtuellen lokalen Raums ein analytischer Rahmen für Forschungen zum sozialen Wandel möglich, der Themen wie räumliche Ent- und Restrukturierung, Strukturwandel sozialer Netzwerke, soziale Aneignung und Veralltäglichung von Technologien zum Gegenstand hat. Es bleibt abzuwarten, ob dies in künftigen sozial- und medienwissenschaftlichen Forschungen eine entsprechende Umsetzung findet. [19]

4. Fazit und Ausblick: Zu neuen Ufern

Jan SCHMIDT leistet einen nicht unwesentlichen Beitrag zur sozial- und medienwissenschaftlichen Internetforschung, indem er empirische Fakten gegen den "technologischen Imperativ" (HÖFLICH 1998, S.47) und die zur Metapher gewordene Raumlosigkeitsthese stellt. Damit steht er in der Tradition der Kritik am Technikdeterminismus, der soziales Handeln und gesellschaftliche Entwicklung als direkte Folge von Technologien interpretiert. Jenseits dieser "technizistischen Manier" (SCHÖNBERGER 2000, S.33) findet eine Art Entzauberung statt, mit der das Internet durch die faktische Aufdeckung des Nutzungsverhaltens auf den Boden der Realitäten gestellt wird. Jan SCHMIDT bestätigt die Ergebnisse anderer Untersuchungen, die in den Informations- und Kommunikationsmedien weder eine "Metaerzählung" (DEBATIN 1997) noch einen "Hype" sehen, sondern eine gebrauchstaugliche Vermischung von Nutzungsweisen im Online- und Offline-Alltag. Demnach findet eine Überschreitung sozialer Grenzen im Internet kaum oder nicht statt, sondern es dient dazu, bestehende Netzwerke zu intensivieren: im "Netz wird dasselbe Leben geführt wie im real life" (SCHÖNBERGER 2000, S.35). [20]

In der sehr detailreichen Arbeit von SCHMIDT wird insbesondere die Technikentwicklung mit Bezug auf das alltägliche Handeln in der lokalen Region vermittelt. Die Arbeit besticht durch fundierte technologische und sozialwissenschaftliche Kenntnisse. Die Fülle von Untersuchungsdaten, die bisweilen die Orientierung erschweren, machen es interessierten Leserinnen und Lesern nicht unbedingt leicht. Diese erschwerte Zugänglichkeit mag dem Umstand geschuldet sein, dass es sich um eine Dissertation handelt, die die Erfüllung hoher theoretische und methodologische Standards unter Beweis stellen sollte. Eine leserfreundliche Überarbeitung würde dem Buch gewiss gut tun. Vielleicht würde ein Methodeninstrumentarium, das mehr auf qualitative Forschungsansätze setzt, auch die Handlungsbegründungen und Sinnbezüge auf Anbieter- wie auf Nutzerseite, aufzeigen können. Beispielsweise weisen die Untersuchungen von DÖRING und DIETMAR (2003) oder PEEZ (2001) im Kontext der medialen Kommunikation in Paarbeziehungen oder der Kommunikation mittels Mailingliste in diese Richtung. [21]

Die Diskussion um die Metaphern von Raum und Internet scheint heute mit den "buzz-words" social software und web 2.0, Weblogs und Wikis in einem neuen Licht. Unter social software sind jene Informations- und Kommunikationstechnologien zu verstehen, die der digitalen Vernetzung dienen und sowohl Zugang als auch Nutzung wesentlich vereinfachen. Ziel und Aufgabe ist es, digitale Netzwerke zu schaffen, die "im Sinne der Emergenztheorie intelligenter sind als die Summe der Einzelteile" (BURG 2005). Möglicherweise nähert sich mit dieser technischen Entwicklung eine globale Periode dem Ende, in der die Realität der Nutzungsepisoden die Imaginationen um Internet und Raum eingeholt hat. Dies anhand empirischer Untersuchungen aufgezeigt zu haben, ist ein Verdienst der Arbeit von Jan SCHMIDT. [22]

Am Beispiel der Weblogs soll die neue Art der digitalen Vernetzung kurz erläutert werden. Es handelt sich um eine Technik, ein Format und eine politische Ausdrucksmöglichkeit. Auf der technischen Seite stellen Weblogs nichts anderes als Content-Management-Systeme dar, bei denen die Software ihre Arbeit des Veröffentlichens, Archivierens und Abgleichens von Inhalten im Hintergrund erledigt und die Nutzenden sich unbeschwert der produktiven Selbstäußerung zuwenden kann. Zur Handhabung der Software sind keine besonderen Kenntnisse notwendig und die finanziellen Aufwendungen sind dank open source und entsprechenden Dienstleistungsangeboten niedrig, wenn nicht gleich null. Als Format erscheinen Weblogs als Webseiten, die Texte, Titel, Bilder usw. chronologisch sortiert enthalten. Sozial werden sie durch besondere Elemente, die eine digitale Vernetzung in besondere Weise ermöglichen. Kommentierung, Permalink (jeder Beitrag in einem Weblog hat eine eigene, unveränderliche Internet-Adresse)und Trackback (in einem Weblog kann auf einen Beitrag zum gleichen Thema verwiesen werden) sorgen dafür, dass ohne großen Aufwand ein Bezug zu anderen Weblogs aufgenommen werden kann. Diese Technik unterstützt die kommunikative Verdichtung und verbessert die Möglichkeit zur politischen Gestaltung. Ob darin nun eine "eine neue Form der Demokratie" (BURG 2005) zu sehen ist, wird sich zeigen. Zweifellos ist jedoch, dass mittels Weblogs die Vernetzung und der Austausch gleichgesinnter Bürger und Bürgerinnen einfacher geworden ist. [23]

Nicht zuletzt aus diesem Grund ist es bedeutungsvoll, dass sich Jan SCHMIDT in seinen neuen Forschungsvorhaben diesen Themen zuwendet. Teilweise sind sie in "Praktiken des Bloggens" (SCHMIDT 2005) bereits dokumentiert, teilweise werden sie in das zweijährige PostDoc-Projekt Stellenwert und Konsequenzen von "social software" für die Strukturierung interpersonaler Kommunikation eingehen. Auf die Ergebnisse darf man schon jetzt gespannt sein. [24]

Literatur

Assheuer, Thomas & Thadden, Elisabeth von (2001). Das Netz und sein Werk. Ein Gespräch mit dem Soziologen Manuel Castells über terroristische und zivile Netzwerke, über Identität und Politik. Die Zeit – Literaturbeilage 12/2001. Verfügbar über: http://literaturbeilage.zeit.de/show_article?ausgabe_id=12&artikel_id=200151_ST-Castells&rubrik_id=55&rubrik_name=Sachbuch [Zugriff: 28.10.2005].

Batinic, Bernad (2003). Internetbasierte Befragungsverfahren. Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 4, 6-18.

Burg, Thomas N. (2005). Social Software – eine Emanzipation? Verfügbar über: http://randgaenge.net/gems/Texte/html/SoftwareEmanzipation.html [Zugriff: 05.11.2005].

Castells, Manuel (2003). Das Informationszeitalter (3 Bde). Opladen: Leske + Budrich.

Debatin, Bernhard (1997). Metaphern und Mythen des Internet. Demokratie, Öffentlichkeit und Identität im Sog der vernetzen Datenkommunikation. Verfügbar über: http://www.uni-leipzig.de/~debatin/German/NetMet.htm [Zugriff: 28.10.2005].

Döring, Nicola & Dietmar, Christine (2003, Juni). Mediatisierte Paarkommunikation: Ansätze zur theoretischen Modellierung und erste qualitative Befunde [35 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 4(3), Art. 2. Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-03/3-03doeringdietmar-d.htm [Zugriff: 05.11.2005].

Goffman, Erving (1980). Rahmenanalyse. Frankfurt/M: Suhrkamp.

Höflich, Joachim R. (1998). Computerrahmen und Kommunikation. In Elizabeth Prommer & Gerhard Vowe (Hrsg.), Computervermittelte Kommunikation – Öffentlichkeit im Wandel? (S.141-174). Konstanz: UVK Medien.

Höflich, Joachim R. (2003). Mensch, Computer und Kommunikation. Theoretische Verortungen und empirische Befunde. Frankfurt/M.: Lang.

Löw, Martina (2001). Raumsoziologie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Löw, Martina (2004). Raumsoziologie. Vortrag in Wien am 29.11.04 im Rahmen der Vortragsreihe der firma raumforschung. Verfügbar über: http://theatercombinat.com/raumloew.htm [Zugriff: 28.10.2005] .

Maresch, Rudolf (2001). Die Rückkehr des Raums. Ausziehen, Umziehen, Einziehen. Verfügbar über: http://www.rudolf-maresch.de/texte/34.pdf [Zugriff: 28.10.2005].

Peez, Georg (2001, März). Professionsbezogene Kommunikation mittels Mailingliste. Eine qualitativ-empirische Analyse von Mailinglisten-Beiträgen zur Entstehung eines kunstpädagogischen Servers [109 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 2(2), Art. 3. Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-01/2-01peez-d.htm [Zugriff: 05.11.2005].

Pötschke, Manuela & Simonson, Julia (2001). Online-Erhebungen in der empirischen Sozialforschung. Erfahrungen mit einer Umfrage unter Sozial-, Markt- und Meinungsforschern. ZA-Information, 49, 6-28. Verfügbar über: http://www.za.uni-koeln.de/publications/pdf/za_info/ZA-Info-49.pdf [Zugriff: 05.11.2005].

Schmidt, Jan (2005). Praktiken des Bloggens. Strukturierungsprinzipien der Online-Kommunikation am Beispiel von Weblogs. Abschlußbericht zum Forschungsaufenthalt am "Zentrum für Neue Medien" der Donau-Universität Krems (Österreich) 01.01.2005 bis 30.04.2005. Berichte der Forschungsstelle "Neue Kommunikationsmedien", Nr. 05-01. Verfügbar über: http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/wp-content/pdf/PraktikenDesBloggens.pdf [Zugriff: 28.10.2005].

Schönberger, Klaus (2000). Internet und Netzkommunikation im sozialen Nahbereich. Anmerkungen zum langen Arm des "real life". forum medienethik, 2: Netzwelten, Menschenwelten, Lebenswelten. Kommunikationskultur im Zeichen von Multimedia, 33-42. Verfügbar über: http://www.fatk.uni-tuebingen.de/files/ethik.pdf [Zugriff: 28.10.2005].

Zum Autor

Albert K. PETERSHEIM, Diplom-Pädagoge, Dr. phil.

Kontakt:

Dr. Albert K. Petersheim
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D-42107 Wuppertal

E-Mail: akpetersheim@t-online.de
URL: http://www.petersheim.de/

Zitation

Petersheim, Albert K. (2005). Rezension: Jan Schmidt (2005). Der virtuelle lokale Raum. Zur Institutionalisierung lokal bezogener Online-Nutzungsepisoden [24 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 7(1), Art. 13, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0601130.



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