Volume 2, No. 2, Art. 17 – Mai 2001

Qualitative Kulturpsychologie als Wissenschaft

Carlos Kölbl & Jürgen Straub

Review Essay:

Carl Ratner (1997). Cultural Psychology and Qualitative Methodology: Theoretical and Empirical Considerations. New York / London: Plenum Press, 276 Seiten, Cloth EUR 55.- / US $ 59.50 / GB 38.75, ISBN 0-306-45463-7

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bedeutungsstrukturierte Wirklichkeiten

3. Vielfalt des "Verstehens"

4. Bestimmungen und Perspektiven kulturpsychologischen Denkens

5. Primat und Wissenschaftlichkeit qualitativer Methoden

6. Normative Reflexionen: Kulturpsychologie, Moral und Politik

Anmerkungen

Literatur

Zu den Autoren

Zitation

 

1. Einleitung

Es spricht einiges dafür, wissenschaftliche Methoden einfach als mehr oder weniger zweckmäßige Mittel zu betrachten. Diese instrumentalistische Auffassung bringt zwangsläufig einen nüchternen Ton in die Auseinandersetzung über Vorzüge und Nachteile spezieller Verfahren. Werden Methoden als Instrumente für die Erreichung von Zwecken oder Zielen betrachtet, kann sich ihre Begründung und Beurteilung auf zweckrationale Kriterien stützen, über die man sich in aller Regel vergleichsweise leicht einigen kann. Verfahren gelten demnach dann als rational, wenn sie es gestatten, die gesetzten Zwecke auf dem Weg einer geregelten Praxis (sukzessive) zu erreichen. Gewiss, man mag dieser zweckrationalen Betrachtungsweise ein ökonomisches Kriterium zur Seite stellen, das gewährleisten soll, mit Ressourcen aller Art möglichst sparsam und effizient umzugehen. Hat man die Wahl zwischen verschiedenen psychologischen Forschungsmethoden, bedarf es nach diesem Verständnis einer bedachten Antwort auf die Frage nach deren jeweiliger Zweckdienlichkeit sowie der Sorge um den Haushalt von Kräften und Ressourcen, die der Einsatz bestimmter Verfahren erfordert. Warum dieses Verständnis von wissenschaftlichen Methoden zu kurz greift, wenn man an einer rationalen Auseinandersetzung über konkurrierende Verfahren empirischer Forschung in der Psychologie interessiert ist, zeigt Carl RATNER in einem bemerkenswerten Buch, in dem Grundzüge der qualitativen Methodologie kulturpsychologischer Forschung vorgestellt werden. [1]

RATNER warnt davor, wissenschaftliche Methoden lediglich als Instrumente zu betrachten, die man einem bereitliegenden Werkzeugkasten entnimmt, um spezielle Zwecke unter Wahrung gewisser "ökonomischer" Gebote möglichst effektiv zu erreichen. Er betrachtet wissenschaftliche Methoden vielmehr als Bestandteile einer Praxis, aus der sie nicht einfach nach Belieben herausgelöst werden können. Methoden sind jeweils an spezifische ontologische und epistemologische Voraussetzungen gebunden. Sie sind an Denk- und Lebensformen gekoppelt, die man berücksichtigen muss, will man zwischen unterschiedlichen Verfahren eine rationale Wahl treffen. Dies bedeutet nicht zuletzt, dass der Einsatz bestimmter Methoden eine ethisch-moralische und im weitesten Sinne politische Dimension besitzt. Dementsprechend kommen, sobald man die Wahl wissenschaftlicher Verfahren umfassend begründen will, Kriterien unserer praktischen Vernunft ins Spiel, die ausschließen, dass schlechterdings alle zweckdienlichen und mit den verfügbaren Ressourcen sparsam haushaltenden Mittel kurzerhand als vernünftig gelten und faktisch angewandt werden können, sondern nur solche, die mit anerkennungswürdigen valorativen und moralisch-normativen Standards vereinbar sind, mithin berücksichtigen, dass ein Zweck nicht schon alle Mittel heiligt. Wir kommen darauf zurück, wenn wir unseren Streifzug durch das von RATNER vermessene Gelände hinter uns haben. [2]

2. Bedeutungsstrukturierte Wirklichkeiten

Worum geht es im einzelnen? Carl RATNER unternimmt in seinem Buch den anspruchsvollen Versuch, eine, wie er des öfteren sagt, möglichst "strenge" Methodologie der zeitgenössischen Kulturpsychologie zu entwickeln. Dabei wählt er unter anderem einen Ausgangspunkt, an dessen Notwendigkeit er nicht den geringsten Zweifel aufkommen lässt. Man kann diesen Ausgangspunkt zur anthropologisch-ontologischen Basis psychologischer Forschung zählen. Die in dieser Perspektive vorgenommenen Bestimmungen artikulieren einige für die Kulturpsychologie unabdingbaren Merkmale des menschlichen Lebens. Dazu gehört das folgende: Psychische Wirklichkeiten, wie sie in kulturpsychologischen Forschungen in den Blick geraten, werden prinzipiell als bedeutungsstrukturierte Wirklichkeiten aufgefasst und erforscht. Diese schlicht anmutende Bestimmung des Gegenstandes und der Aufgabe kulturpsychologischer Forschung bedarf zwar der theoretischen Präzisierung, stellt aber bereits in dieser basalen Form eine methodologisch und methodisch höchst folgenreiche Entscheidung dar: Wer von Sinn oder Bedeutung spricht, distanziert sich von der in weiten Teilen der Psychologie gängigen Naturalisierung psychischer, sozialer und kultureller Phänomene. [3]

RATNER setzt voraus, was Anthony GIDDENS (1984) einst (gegen den Versuch von Mary HESSE die methodologische Differenz zwischen Natur- und Sozial- bzw. Kulturwissenschaften durch die Analyse der interpretativen Dimension in der naturwissenschaftlichen Erkenntnisbildung einzuebnen) mit dem Begriff der doppelten Hermeneutik prägnant kennzeichnete. Psychische, soziale und kulturelle Phänomene gehören prinzipiell zu einer sinn- und bedeutungsstrukturierten Praxis, sie sind hermeneutisch vermittelte und strukturierte Wirklichkeiten eines animal symbolicum, und als solche müssen sie im Rahmen wissenschaftlicher Bemühungen hermeneutisch erschlossen werden. Verstehen ist, wie Martin HEIDEGGER und, mit ihm, Hans-Georg GADAMER frühzeitig hervorhoben, zunächst einmal die Vollzugsform des Daseins und erst sekundär ein wissenschaftliches Verfahren. In den empirischen Disziplinen, die die Rationalität ihrer Erfahrungs- und Erkenntnisbildung nicht zuletzt von der Befolgung methodischer Regeln abhängig machen, wird man das Verstehen, soweit dies immer möglich ist und fruchtbar erscheint, als eine geregelte Praxis explizieren und betreiben. Wie das im einzelnen geschieht und auf welche der heute verfügbaren qualitativen Methoden oder Forschungstechniken man sich dabei stützt, wird in RATNERs Buch nur hie und da am Rande erörtert.1) Diesbezüglich verweist RATNER auf einschlägige Publikationen. Das tut er im übrigen nicht ohne eine gewisse Skepsis gegenüber der derzeitigen

"preoccupation with technical procedures for eliciting and recording data. The present generation of qualitative methodologists seems intent on dispelling the charge of speculation by emphasizing technical procedures at the expense of epistemological and ontological considerations. The unfortunate result of this tendency is that qualitative methodology lacks a firm footing on which to develop." (S.53) [4]

Vielleicht ist diese Diagnose angesichts zahlreicher Veröffentlichungen, die doch auch mehr behandeln als Techniken qualitativer Datenerhebung, etwas übertrieben und obendrein ein wenig einseitig, insofern sie vergessen macht, dass die Debatten über qualitative Forschung über Jahrzehnte hinweg – in verschiedenen Weltregionen in variablem Ausmaß – an einer grundlagentheoretischen und methodologischen Schlagseite litten. Die Entwicklung von geeigneten, im Vergleich zu historischen Vorläufern auch neuartigen Verfahren und deren Einsatz in konkreten Forschungsprojekten hinkte den eher abstrakten und auch normativen Debatten (beispielsweise im Positivismusstreit der deutschen Soziologie der sechziger Jahre) lange hinterher. Noch heute ist zumal in der Psychologie der forschungspraktische Einsatz qualitativer Methoden der Datenerhebung und Datenauswertung nicht eben allgemein gebräuchlich. Falsch ist RATNERs Diagnose dennoch nicht. Der Autor beharrt insbesondere zurecht darauf, Methodendiskussionen nicht allzu sehr auf vermeintlich nur "technische" Aspekte zu reduzieren und von systematisch angelegten, grundlagentheoretischen und methodologischen Reflexionen abzukoppeln. [5]

Nun, was RATNER interessiert, sind also primär jene ontologisch-anthropologischen, epistemologischen und methodologischen Prämissen, die der Wahl konkreter Verfahren zugrunde liegen bzw. vernünftigerweise expressis verbis zugrunde gelegt werden sollten. Die Erinnerung an die im erwähnten Sinne "doppelte" hermeneutische Struktur sozial- und kulturwissenschaftlicher Forschungen ist dabei ein wichtiger Punkt seiner vielfältigen Überlegungen, ein Prinzip unter mehreren, die gleichermaßen fundamental sind und RATNERs Denken ihr "anfängliches", eben prinzipiengeleitetes Profil verleihen. Was die ontologischen Voraussetzungen angeht, kommt RATNER auf dreierlei zu sprechen. Erstens: Psychische Phänomene sind komplexe Gebilde mit vielfältigen systemischen, aufeinander verweisenden Komponenten, die sich nicht elementaristisch in diskrete Variablen gliedern und in experimentellen Settings auf ihre kausalen Zusammenhänge hin untersuchen lassen. Zweitens: Psychische Phänomene können und müssen mitunter in temporal sehr komplexen, gleichermaßen "ausführlichen" Ausdrucksgestalten "artikuliert" werden. Nimmt man die bislang genannten Voraussetzungen zusammen, ergibt sich, dass Psychologen darauf bedacht sein sollten, ausführliche oder "zeitlich ausgedehnte" Ausdrucks- und Verlaufsgestalten des "Psychischen" "beobachten" zu können. Bei diesen Gestalten kann es sich sowohl um sprachliche Äußerungen als auch um non-verbale Verhaltensweisen handeln. In beiden Fällen ist entscheidend, dass die für den Gegenstand kulturpsychologischer Forschung konstitutive Bedeutungsstruktur der interessierenden Phänomene allein durch extensive Interpretationen, im weitesten Sinne des Wortes "hermeneutische" Analysen, erschlossen werden kann. Das dritte Prinzip "Psychological phenomena are mental and have no fixed behavioral expressions" unterstreicht das zuletzt Gesagte und grenzt die Kulturpsychologie unter anderem gegen jeden Versuch, Psychisches deterministisch auf Biologisches zu reduzieren, ab. [6]

RATNER erläutert die ontologischen wie auch die epistemologischen und methodologischen Prinzipien, auf die wir im Lauf der Rezension noch mehrfach zu sprechen kommen, unter Bezugnahme auf vielfältige Quellen: "These principles are drawn from hermeneutics, phenomenology, symbolic interactionism, Max Weber's interpretive sociology, and dialectics." (S.6) Was speziell die kulturanalytische Seite des Unternehmens angeht, stützt er sich auf Autoren wie

"Vygotsky, Luria, Leontiev, Klineberg, and Bronfenbrenner; anthropologists such as Boas, Lévy-Bruhl, Sapir, Geertz, Montagu, Hallowell, Shweder, and Kleinman; social philosophers such as Marcuse and the later Sartre; sociologists such as Pierre Bourdieu and Norbert Elias; and historians from the French Annales school". (S.6) [7]

Die Liste ließe sich, hält man sich an die von RATNER zitierten Autoren, ergänzen. Diese Vielfalt ist nicht in jeder Hinsicht ein Vorteil. So mag man hier und dort zwar in der Tat Gemeinsamkeiten und Ergänzungsverhältnisse im Denken dieser Personen erkennen, Berührungspunkte, die RATNER genügen, um sie alle in den angestrebten Entwurf einer qualitativen kulturpsychologischen Methodologie zu integrieren. Freilich läuft er dabei des öfteren Gefahr, von teilweise beträchtlichen Unterschieden und sogar Unvereinbarkeiten kurzerhand abzusehen. Man wird, wenn wir recht sehen, sagen dürfen, dass RATNER dieser Gefahr hin und wieder erliegt, wenn er den zitierten Werken einzelne Gedanken entlehnt und diese benutzt, um seine Überlegungen zu entfalten oder zu begründen. Gewisse Komplexitätsreduktionen nimmt der Autor auch in Kauf, wenn er im Fall einzelner Autoren kurzerhand von der Entwicklung ihres Denkwegs und den damit verbundenen, bisweilen beträchtlichen Bedeutungsverschiebungen im Wandel ein und desselben Begriffs absieht. [8]

3. Vielfalt des "Verstehens"

Was wir im letzten Absatz angedeutet haben, ließe sich exemplarisch am (zentralen) Begriff des Verstehens belegen, einem Terminus, den RATNER im Kontext seiner Explikation methodologischer Prinzipien vorstellt. Da bleibt nicht nur die Unterscheidung zwischen der ontologischen, in der philosophischen Hermeneutik (HEIDEGGERs und GADAMERs) ins Zentrum gerückten Bestimmung des Verstehens als Vollzugsform des Daseins auf der einen Seite, dem Verstehen als einem methodisch-kognitiven Verfahren der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften auf der anderen Seite unterbelichtet, sondern es wird auch von zahlreichen anderen Differenzierungen "des" Verstehens abgesehen – jedenfalls werden diese Unterscheidungen nicht systematisch rekonstruiert, was für eine Methodologie und Methodik qualitativer kulturpsychologischer Forschung jedoch zweifellos wichtig wäre. Nicht nur die von RATNER angeführte "wörtliche" Bedeutung des Verstehens – "Verstehen means 'to understand the psychological activity expressed in behavior'" (S.59) –, sondern auch die zitierten, von einzelnen Autoren vorgeschlagenen Definitionen sind keineswegs allgemein anerkannt und vielfach auch nicht gleichbedeutend oder auch nur verwandt. Entsprechend unterschiedlich fallen die methodologisch-methodischen Konsequenzen der Begriffsbestimmungen aus. So meint etwa DILTHEYs "früher" Begriff des Verstehens bekanntlich nicht dasselbe wie sein später, unter dem Einfluss von Edmund HUSSERLs Psychologismus-Kritik, von der DILTHEYs Konzeption direkt betroffen war, entfaltetes Konzept. Methodologisch und methodisch gesehen ist es von der Introspektion und Übertragung des am eigenen Seelenleben Erkannten bis hin zur Rekonstruktion intersubjektiv gültiger Bedeutungen von Objektivationen aller Art ein weiter Weg. Die von RATNER ins Spiel gebrachten Autoren und deren Begriffe des Verstehens decken überdies jenes "Feld des Verstehens" nicht ab, das man wohl durchschreiten muss, will man die Relevanz eines überaus schillernden Ausdrucks aufzeigen und diesen zugleich präzisieren. [9]

In systematischer Absicht ließen sich zahlreiche zusätzliche Unterscheidungen geltend machen, die für die Methodologie und Methodik der Kulturpsychologie von Belang sind. Wir begnügen uns wiederum mit exemplarischen Hinweisen: Das auf eigenen Erlebnissen und Introspektion beruhende Verstehen, das die Anderen auf dem Weg analogisierender Übertragungen in den Horizont des Vertrauten einbezieht, wird gemeinhin scharf von der "logisch"-hermeneutischen Rekonstruktion manifester oder latenter Sinn- und Bedeutungsstrukturen abgehoben, wie es etwa im berühmten intentionalistischen Schema eines umgekehrten praktischen Syllogismus (von WRIGHT 1974), aber auch in Modellen des Verstehens von Regeln (WINCH 1966) oder Geschichten (DANTO 1980, RICOEUR 1988) anvisiert wird; Handlungsverstehen ist nicht dasselbe wie Sprachverstehen, und dieses fällt nicht mit dem Textverstehen zusammen (selbst wenn Verwandtschaften bestehen und man, wie RICOEUR einmal vorschlug, Texte und Handlungen als Analoga begreift); im Rahmen der Texthermeneutik bestimmen nicht zuletzt variierende sprach- und texttheoretische Modelle, was wir unter dem Verstehen verstehen: das Verstehen der intentio auctoris ist etwas anderes als das Verstehen der intentio operis oder gar der intentio lectoris, usw. usf. (vgl. zu diesen Differenzierungen die Darlegungen in STRAUB 1999a, S.236-326). In einer – wir kommen darauf zu sprechen – nicht zuletzt handlungstheoretisch ausgerichteten Methodologie qualitativer kulturpsychologischer Forschung wäre es im übrigen nahegelegen, die interpretationstheoretischen oder hermeneutischen Überlegungen mit typologischen Differenzierungen des Handlungsbegriffs und nicht aufeinander reduzierbaren Modellen der Handlungserklärung in Zusammenhang zu bringen (a.a.O., S.56-162). Man hat nach unserer Überzeugung erst dann die Möglichkeit, präzise angeben zu können, warum und wie – in welchem theoretischen und methodologischen Rahmen – wir beispielsweise "a society's norms of action; the policies, sanctions, and rewards that enforce norms" rekonstruieren und damit den Anspruch verbinden können, kulturpsychologische Erklärungen (von Handlungen etc.) zu liefern. Im übrigen ist man dann auch in der Lage, der interpretativen Handlungs- und Kulturpsychologie Erklärungen zumuten zu dürfen (und sich nicht mit bloßen Beschreibungen bescheiden zu müssen), ohne am Anspruch, Kausalerklärungen zu liefern, festhalten zu müssen. [10]

RATNER hat Recht, wenn er die qualitative kulturpsychologische Forschung darauf verpflichtet, auch Erklärungen zu entwickeln, und wenn er diejenigen kritisiert, die diesen Anspruch kurzerhand aufgeben. Er führt seine Leserschaft jedoch in eine Sackgasse, wenn er dabei grundsätzlich am Modell der causal explanation festhält (S.209ff.). Dabei identifiziert/verwechselt RATNER praktische, hermeneutische bzw. semantische Beziehungen des öfteren mit kausalen, wodurch er die Bedeutung des Begriffs der Verursachung soweit ausdehnt, dass schließlich völlig heterogene Relationen als Ursache-Wirkungs-Beziehungen bezeichnet werden können: "Dialectics make possible a different conception of causation and what is observable. Dialectics construes phenomena as internally related, so it becomes possible to observe the manner in which the cause actually generates the effect." (S.220) Eine derartige Verwässerung des Kausalmodells und die damit einhergehende Naturalisierung praktischer, hermeneutischer oder semantischer Verweisungsbeziehungen ist problematisch (vgl. dazu etwa LAUCKEN 1989, 2000). Unseres Erachtens hilft da auch RATNERs Unterscheidung zwischen "natürlichen" und "kontrollierten" Experimenten nicht weiter (wobei letztere in der Kulturpsychologie ohnehin kaum realisierbar sind; vgl. S.213ff., 225ff.). Es steht außer Zweifel und ist schon vielfach überzeugend demonstriert worden, dass man mit interpretativen Verfahren, geeigneten komparativen Analysen und darauf aufbauenden Typisierungen zu empirisch begründeten Verallgemeinerungen, deskriptiven und explanativen, gelangen kann. Allerdings muss man, was die explanativen Typisierungen angeht, einen theoretischen Erklärungsbegriff voraussetzen, der aus dem nomologischen Modell ausschert. Hypothesen über kausale Beziehungen lassen sich mit den spezifischen methodischen Mitteln der interpretativen, qualitativen Kulturpsychologie nicht prüfen, und zwar selbst dann nicht, wenn man einen ungenauen und "schwachen" Begriff der Kausalität unterstellt. Ursache-Wirkungszusammenhänge sind nur im Rahmen eines experimentellen Paradigmas erforschbar, das die standardisierte und reproduzierbare Herstellung zumindest notwendiger, eigentlich sogar notwendiger und hinreichender Bedingungen bestimmter Phänomene anstrebt. Interpretative Verfahren lassen aber begründete Erklärungen zu, die dem – formaltheoretisch jeweils präzise explizierbaren – intentionalistischen, dem regelbezogenen oder aber dem narrativen Modell folgen (STRAUB 1999a, S.56-162). [11]

4. Bestimmungen und Perspektiven kulturpsychologischen Denkens

Nun, trotz der erwähnten Schwächen in manchen Passagen des Buches sind RATNERs Ausführungen über Prinzipien qualitativer Forschung lesenswert und eine bereichernde Ergänzung vergleichbarer Darstellungen nicht zuletzt in deutschsprachigen Lehrbüchern (vgl. etwa LAMNEK 1995). In vielerlei Hinsicht teilt RATNER seine ontologischen, anthropologischen und epistemologischen Prämissen mit verschiedenen Autoren, die um dieselbe Sache bemüht sind. Dies ließe sich wiederum an dem bereits etwas ausführlicher erörterten Ausgangspunkt zeigen – selbst wenn RATNER diesbezüglich individuelle, höchst beachtenswerte Akzente setzt. Eine sogenannte bedeutungsorientierte Bestimmung speziell des Kulturbegriffs wird mittlerweile von vielen Vertretern sowohl der interpretativen Kulturpsychologie (cultural psychology) als auch der nomologisch orientierten kulturvergleichenden Psychologie (cross-cultural psychology) akzeptiert. So vielfältig und schillernd der Kulturbegriff noch immer sein mag, so dominieren eindeutig solche bedeutungsorientierten Definitionen. Kulturen, die auf der Grundlage eines distinktiven, nicht-normativen Kulturbegriffs nicht zuletzt hinsichtlich ihrer räumlichen und zeitlichen Extension sehr variabel gefasst werden können (also beispielsweise sowohl die christlich-abendländische Kultur als auch die lokalen und relativ kurzlebigen kulturellen Praktiken kleinerer Gruppen umfassen mögen; siehe STRAUB 1999a, S.186ff.), gelten demnach als Zeichen- und Wissenssysteme, die die Sinn- und Bedeutungsstruktur einer kollektiven Praxis und noch des Verhaltens einzelner Individuen bestimmen, Verhaltensweisen und dessen Objektivationen also erst zu spezifisch prädizierbaren und sodann genauer analysierbaren Phänomenen machen. Dies kommt etwa bei Gustav JAHODA (1996) zum Ausdruck, wenn er daran erinnert, dass "eine scheinbar ganz triviale Handlung" innerhalb zweier unterschiedlicher kultureller Bedeutungssysteme völlig unterschiedliches "besagen" und völlig verschiedene Folgen zeitigen kann. In Abhängigkeit vom kulturellen Kontext handelt es sich mithin bei dem, was eine bestimmte Person tut oder unterlässt, um möglicherweise grundverschiedene Handlungen. Da dürfte RATNER wohl zustimmen, obwohl er sich dagegen verwehrt, Kultur als bloßen sozialen Kontext zu begreifen. [12]

Ein hohes Maß an Konsens ließe sich auch im Hinblick auf andere Aspekte des zentralen Begriffs ausmachen. Viele Autoren halten den Kulturbegriff für vorteilhaft oder sehen in ihm sogar eine notwendige Ergänzung der Prämissen einer Psychologie, die an der Intentionalität und Reflexivität des Subjekts ansetzt. Sie begründen dies damit, dass er spezielle, egologisch oder individualistisch nicht konzeptualisierbare Aspekte der Sinn- und Bedeutungsstruktur der interessierenden Wirklichkeiten erfasst und erschließen hilft. SEGALL bringt dies zum Ausdruck, wenn er lapidar feststellt, dass "human behavior is meaningful only when viewed in the socio-cultural context in which it occurs" (SEGALL 1979, S.3; Herv. im Orig.). Dies gilt für die Wahrnehmung, das Denken und Sprechen, für Gedächtnis- und Erinnerungsleistungen, für das Fühlen, Wollen und Handeln, einschließlich seiner pathologischen Formen, gleichermaßen. Wir vernachlässigen hier, dass RATNER den meisten aktuellen Ansätzen in der qualitativen Forschung unterstellt, nach wie vor in den Maschen intentionalistischen, individualistischen oder egologischen Denkens gefangen zu sein und die bestimmende Kraft der Kultur zu vernachlässigen – die Phänomenologie wird von RATNER diesbezüglich ebenso kritisiert wie der symbolische Interaktionismus, die Ethnomethodologie, die narrative Psychologie und diskursanalytische Ansätze, usw.; vgl. S.129ff. Nicht selten subsumiert RATNER sehr unterschiedliche Ansätze qualitativer Forschung dabei unter das durchaus fragwürdige Label "humanistisch", wobei er dieser Strömung, der RATNER durchaus auch etwas abgewinnen kann (ihren "dialektischen" und "hermeneutischen" Ansatzpunkt etwa), insgesamt vorhält, die psychologische Relevanz der Kultur zu vernachlässigen. [13]

Nach der beachtlichen Karriere der Kulturpsychologie in den letzten Jahren ist es nur folgerichtig, wenn RATNER eine just auf die kulturpsychologische Perspektive zugeschnittene empirische Methodologie fordert und formuliert, eine Methodologie eben, die nicht zuletzt den theoretischen Begriff der Interpretation mit in ihr Zentrum stellt. (Genau diese Konsequenz wird häufig allenfalls halbherzig gezogen, wie etwa jeder Blick in Lehr- oder Handbücher der cross-cultural psychology lehrt.) RATNERs interpretative Kulturpsychologie soll objektive soziokulturelle Strukturen und Prozesse ebenso im Blick haben wie das Handeln des Subjekts. Als eine Grundlage für die kulturpsychologische Analyse soll sie struktur- und handlungstheoretische Zugänge verknüpfen und die Forschenden zwischen Skylla und Charibdis hindurchschiffen, indem sie sie gleichermaßen vor den Einseitigkeiten und Unzulänglichkeiten des Objektivismus und des Subjektivismus bewahrt. Kulturen sind nun einmal keine reifizierbaren objektiven Entitäten, die sich allein aus der, wie Kenneth PIKE (1954) zu sagen vorschlug, etischen Perspektive beobachten ließen:2) "Paradoxically, culture exists in the real activities of individuals, not in overt, normative behavior, conditions, or policies." (S.2) Doch auch eine ausschließlich emische Perspektive greift zu kurz. Pierre BOURDIEU wird von RATNER häufiger als Gewährsmann zitiert, wenn es darum geht, nicht zuletzt den kulturpsychologisch Forschenden die Rolle eines "Beobachters" zuzumuten, dessen Distanz gegenüber subjektiven Selbst- und Weltverständnissen und lebensweltlichen Praktiken notwendig für die wissenschaftliche Erfahrungs- und Erkenntnisbildung ist. RATNER stimmt mit dem praxeologischen Soziologen überein, wenn er fordert, dass auch die Kulturpsychologie sich vor allem für die latenten, den Akteuren nicht bewussten und auch Beobachtern nicht unmittelbar zugänglichen Sinn- und Bedeutungsgehalte von Praktiken, Handlungen und deren Objektivationen interessieren sollte: Die meisten Leute, schreibt RATNER,

"are not aware that their perceptions, emotions, personalities, forms of reasoning, memory processes, and psychological dysfunctions embody features of cultural activities. The cultural psychologist heeds Bourdieu's caution against a subjectivist perspective. We study actual individuals in order to know their psychology. However, we go beyond what they tell us by relating their psychology to cultural activities in ways they do not know." (S.128) [14]

Und an anderer Stelle heißt es, um auch dem blanken Objektivismus einen Riegel vorzuschieben: "A qualitative cultural psychological methodology is needed to discover the subtle, complex cultural facets of psychology that are not apparent in conditions, norms, policies, ideologies, and values." (S.3) All das soll, wie RATNER mit vielen Kollegen aus dem eigenen Fach und aus Nachbardisziplinen unisono verlauten lässt, in systematischer, methodisch geregelter und nicht bloß "impressionistischer" Weise erfolgen. Wissenschaftliche Erkenntnis bedarf, mit anderen Worten, einer praktisch-inhaltlichen und einer methodischen Distanz. Diese Distanz ist, so könnte man ergänzen, in der Regel jedoch nur dann produktiv, wenn sie in der Fähigkeit zur zumindest virtuellen Teilnahme an eben diesen Praktiken sowie in der vorgängigen, "emisch" perspektivierten Rekonstruktion ihrer internen, an die Akteurperspektive gekoppelten Sinn- und Bedeutungsstruktur gründet (familiarity with culture – "but this is not equivalent with immersion", heißt es auf S.153). Entsprechend haben Daten aus erster Hand, also Protokolle, in denen die Perspektive der Akteure maßgeblich ist, bei aller Kritik am Subjektivismus auch in RATNERs qualitativer Kulturpsychologie eine grundlegende und unabdingbare Funktion (vgl. die Beispiele auf S.135ff., wo sich auch einige konkrete methodische Hinweise zur Durchführung komparativer, qualitativer kulturpsychologischer Studien finden.) [15]

BOURDIEUs praxeologischer Ansatz hat auch in anderen Hinsichten seine Spuren im angezeigten Buch hinterlassen, wenngleich RATNER sich weder strikt an diesen Ansatz hält noch BOURDIEUs methodische Empfehlungen einfach übernimmt. BOURDIEUs Praxeologie wird, zumindest in Auszügen, gegen mentalistische Verengungen der aktuellen Kulturpsychologie ins Feld geführt. Diese Akzentsetzung verleiht RATNERs Kulturbegriff und seiner Konzeption kulturpsychologischer Forschung eine besondere Note. RATNERs Kapitel 3 beginnt mit einer heftigen Kritik an solchen mentalistischen Reduktionen, die die Kultur ausschließlich als eine Art Symbol- oder Zeichenhaushalt fassen und dann beispielsweise die sprachlich-konzeptuelle Bestimmtheit psychischer Funktionen (Wahrnehmung, Gedächtnis usw.) ins Blickfeld rücken. Ohne diesem Ansatz sein Recht streitig zu machen, hält er ihm vor, andere Dimensionen oder Aspekte der Kultur zu vernachlässigen. Mit anderen Worten: RATNER will den Kulturbegriff weiter fassen. Er will die Praxis, jedwede practical social activity – "owning, producing, and distributing goods; establishing families; educating; playing; governing; engaging in scientific research; producing art; treating disease; adjudicating disputes; and constructing religion" (S.95) zum Beispiel – mit einbezogen wissen. An anderer Stelle zählt er auf: "practical matters, social relationships, social dynamics, or material, technological, and intellectual resources". (a.a.O.) RATNERs Kulturbegriff umfasst also nicht zuletzt, was unlängst unter dem Titel "Gesellschaft" verhandelt und analysiert wurde:

"it is exceedingly rare to find [in the field of cultural psychology] a concrete discussion of culture that describes the principles of ownership, production, and distribution of resources; the class structure; the division of labor among activities; or the principles that govern action in specific social institutions." (a.a.O.) [16]

Dass RATNER in diesem Zusammenhang (S.97f.) schon auch mal DURKHEIM zitiert, ist übrigens nicht nur deswegen heikel, weil es auch in dem zitierten Text vorrangig um die Konstitution der Soziologie als einer eigenständigen, gegen die Psychologie scharf abgegrenzten Disziplin geht, sondern weil DURKHEIMs strikt an die etische Perspektive gekoppelte universalistische Sozialwissenschaft auch in vielen anderen Hinsichten keine tragfähige Grundlage ist, auf der sich eine nicht zuletzt an kulturellen und kulturell formierten, sozialen und psychischen Differenzen interessierte Kulturpsychologie aufbauen ließe. DURKHEIM ist unter anderem ja ein Paradebeispiel eines Autors, der Gesellschaften und deren Entwicklung am Maßstab der eigenen Gesellschaft ins Visier nimmt. [17]

RATNERs Bezugnahme auf praxeologisches Gedankengut darf, von allen Einzelheiten abgesehen, als überaus wichtige und willkommene Herausforderung vieler kulturpsychologischer Ansätze betrachtet werden. Überflüssig zu sagen, dass speziell sein Versuch, die "activity theory" (vornehmlich in der von VYGOTSKY ausgearbeiteten Variante) für die Kulturpsychologie fruchtbar zu machen, eine höchst aussichtsreiche Perspektive eröffnet. (Nicht zuletzt RATNERs kundige Hinweise auf Misslichkeiten in VYGOTSKYs Werk, etwa jene falsche Abstraktheit, der selbst dieser Autor bisweilen zum Opfer wird, sind lehrreich.) Betrachtet man sich die Vorzüge, die RATNER mit seinem praxeologischen, tätigkeitstheoretischen Konzept des in kulturellen, sozialen Aktivitäten und Strukturen verwurzelten Psychischen verbindet (S.116ff.), werden schlagartig einige Stärken von RATNERs Buch deutlich. Das beginnt bei dem in der Tat auf kreative Weise angereicherten Kulturbegriff selbst, hört damit aber keineswegs auf:

"Culture is neither a vague, abstract 'social context', nor is it merely shared semiotic or symbolic processes. Culture includes social concepts but also concrete social institutions that are arranged in a division of labor and governed by definite principles of behavior, forms of control and power, allocation of opportunities, and rewards and punishments." (S.116) [18]

Freilich, durchaus vergleichbare Definitionen finden sich auch in der rezenten Kulturpsychologie, so etwa bei Ernst BOESCH (1991), und die für RATNER so wichtige Verbindung von Handlungs- bzw. Tätigkeitstheorie und Strukturtheorie ist nicht nur bei BOESCH erkennbar, sondern bei einer ganzen Reihe von Autoren aus verschiedenen Disziplinen (man denke etwa an Anthony GIDDENS' soziologische Handlungstheorie und Theorie der Strukturierung; GIDDENS 1988). [19]

Beispiele, die in die Richtung einer Analyse des Zusammenhangs konkreter soziokultureller Strukturen, Prozesse und Aktivitäten einerseits, psychischer Phänomene andererseits (vom abstrakten Denken über spezielle Emotionen wie Trauer, Scham, Wut, Eifersucht und Liebe bis hin zum Unbewussten, dem Selbst und pathologischen Dysfunktionen) weisen, finden sich in RATNERs Buch genügend. Nicht zuletzt diese Beispiele machen klar, dass RATNERs Begriff der Kultur eben nicht als ein Kontext des Psychischen missverstanden werden darf, als etwas dem Seelischen Äußerliches: "the goal is to comprehend culture in psychological phenomena" (S.123). Kulturpsychologie ist demgemäss keine "Bindestrichpsychologie", sondern eine in allen Teildisziplinen mögliche und fruchtbare Perspektive. Auch in diesem Punkt stimmen RATNER einige Kollegen wohl uneingeschränkt zu. [20]

Weit davon entfernt, Kultur und Psyche als zwei voneinander unabhängige Entitäten anzusehen, wo Kultur lediglich ein distaler Reiz für Psychisches wäre, verbieten sich nach RATNER bloße Korrelationsanalysen, die kontingente empirische Beziehungen zwischen psychischen Phänomenen und kulturellen Bedingungen bzw. Aktivitäten untersuchen. In einer qualitativen Methodologie kulturpsychologischer Forschung würden, so RATNER, kulturelle und psychische Tatbestände beständig miteinander verglichen (S.126), wobei die Eigenständigkeit und Einheit dieser Tatsachenkreise anerkannt würden. Was man zu erforschen habe, seien die konkreten "actual, distinctive ways in which psychological phenomena reflect cultural activity", vice versa (S.125). Weiterführende Hinweise zur methodologischen Anlage derartiger komparativer Analysen und überhaupt Reflexionen zum bekanntlich überaus schwierigen Problem des Vergleichs finden sich bei RATNER allerdings kaum. Dasselbe gilt, wie gesagt, für die von RATNER häufiger in Anspruch genommene Alternative zum elementaristischen Kausalmodell der Ereigniserklärung. Auch diesbezüglich muss man sich oft mit knappen Angaben begnügen (oder manches aus den instruktiven Beispielen möglicher kulturpsychologischer Forschungsprojekte erschließen; vgl. etwa das Beispiel "Psychologie des Buddhismus" auf den Seiten 126ff.). In der Regel kontrastiert RATNER Kausalbeziehungen mit den "dialektischen" oder "internalen" Beziehungen zwischen nur analytisch unterscheidbaren Momenten eines Zusammenhangs, der insgesamt eine Einheit bildet und nach dem hermeneutischen Modell von Teil-Ganzes-Relationen strukturiert ist. Genaueres ist nicht zu erfahren, und auch an solchen Stellen trüben Bezugnahmen auf ganz unterschiedliche Autoren den Blick manchmal eher als dass sie wirklich hilfreich wären. So steht etwa auf Seite 114, dass die in Anspruch genommene "dialektische" Konzeption in Georg W.F. HEGELs Werk seine glänzendste Artikulation erfahren habe, dass aber auch der frühe John DEWEY dialektisch dachte und noch Kurt LEWIN für dieses (welches?) Denken eintrat, als er die Ablösung des (bei RATNER kaum wiedererkennbaren) Aristotelischen Ansatzes durch eine Galileische Wende forderte – all das ist in so gut wie jeder Einzelheit ebenso fragwürdig, wie wenn am Ende dieser Passage die Dialektik noch durch ein neueres Zitat OLLMANs erläutert wird, in dem gerade mal eine lückenhafte Explikation der Denkfigur des hermeneutischen Zirkels geboten wird. Da wäre, wie an anderen Stellen, weniger eher mehr gewesen. [21]

5. Primat und Wissenschaftlichkeit qualitativer Methoden

RATNER zeichnet insgesamt ein eindrucksvolles, facettenreiches Bild einer systematischen Methodologie der Kulturpsychologie. Beeindruckend ist dabei nicht zuletzt die Art und Weise, in der der Autor seine Überlegungen und Vorschläge unterbreitet. Weit davon entfernt, den aktuellen state of the art zu beschönigen – im Gegenteil, geht RATNER mit manchen Ansätzen und Arbeiten doch ziemlich hart ins Gericht3) und spart allgemein nicht mit Diagnosen von Defiziten und Desideraten –, weit entfernt also von der Idealisierung vorliegender Ansätze schwankt der Autor keine Sekunde in seiner felsenfesten Überzeugung, die Kulturpsychologie mit einer Methodologie und Methodik qualitativer, interpretativer Forschung auf den richtigen Weg zu bringen. Es ist geradezu erfrischend, dass RATNER sich niemals in eine Verteidigungshaltung gegenüber der nomologisch-quantitativen Psychologie drängen lässt. Ganz im Gegenteil, macht er doch geltend, mit seiner Konzeption kulturpsychologischer Forschung höhere Ansprüche an unsere theoretische und methodische Vernunft erfüllen zu können, als es die dem "Positivismus" verhafteten Auffassungen vermögen. Deren seit einigen Jahrzehnten vielfach analysierte Unzulänglichkeiten legt er bereits im ersten Kapitel seines Buches, in dem er die "Shortcomings of Positivistic Methodology for Researching Cultural Psychology" rekapituliert, schonungslos offen. Dabei geht es im wesentlichen um Probleme, die mit der Fragmentierung und der Quantifizierung psychologischer Phänomene, mit operationalen Definitionen und der Gültigkeit empirisch gewonnener Aussagen zusammenhängen. Allen diesen Problemen liege, so der Autor, das Konzept der Variable zugrunde. Dieses gehe davon aus, dass sich psychologisch Relevantes – wenn man sich in entsprechenden operationalen Definitionen nur darauf einige, was man fokussieren wolle – aus einfachem, offen zu Tage liegendem Verhalten herauslesen lasse. Dabei werde dieses Verhalten als eindeutig abgrenzbar, qualitativ identifizier- und prädizierbar aufgefasst, wodurch nur noch quantitative Variationsspielräume offen blieben. Dies führe zu einem unkritischen Primat von quantifizierenden Prozeduren: Noch bevor überhaupt ein qualitatives, der Komplexität soziokultureller Wirklichkeiten und psychischer Phänomene gerecht werdendes Verständnis entwickelt sei, werde, so RATNER, bereits gezählt, kovariiert, korreliert, regressions- und varianzanalytisch gerechnet, usw. usf. Dabei komme es dann auch zu einer Verwechslung psychologischer mit bloß statistischer Signifikanz. Diese sind jedoch, so der Kritiker, bisweilen unkorreliert. Schließlich hält RATNER auch die "positivistischen" Maßnahmen zur Gewährleistung der Validität empirisch gewonnener Aussagen für untauglich. Am deutlichsten zeige sich dies in der gängigen Praxis, die Gültigkeit eines Tests durch Korrelation mit einem (wirklich oder bloß vermeintlich) ähnlichen Test zu prüfen. Dies sei hoffnungslos zirkulär und erlaube keine eindeutige Angabe über die Validität. [22]

Aus diesen und anderen Ausführungen geht klar hervor, dass der Methodologie qualitativer, interpretativer Forschung eine Vorrangstellung vor der quantitativen Methodologie gebührt. Letzterer wird eine systematisch untergeordnete Position zugewiesen. "Positivistische" – wie RATNER etwas pauschal sagt – bzw. quantitative Methoden können im Rahmen der qualitativen Methodologie freilich eine Art Dienstleistungsfunktion erfüllen und auf diese Weise nützlich sein (vgl. dazu die drei auf den Seiten 85ff. beschriebenen Varianten). Eklektische Zusammenfügungen "positivistischer" und qualitativer Methodologien und Verfahren betrachtet RATNER allerdings als unbefriedigend. Er plädiert ohne Schwanken für einen Abschied von der althergebrachten, von RATNER scharf kritisierten Doktrin – tut also etwas, was er bei anderen bisweilen vermisst:

"Many qualitative methodologists lack the confidence to take this position. They evidently believe the dogma that positivistic procedures add precision and objectivity to rough, impressionistic qualitative methods. However, the truth is quite the opposite: qualitative methods are more objective and precise than positivistic procedures" (S.89). [23]

Da hängt eben alles nur von einem ab: "one's definition of science". (S.179) Und diesbezüglich durchtrennt RATNER in bewundernswerter Weise alle dogmatischen Fesseln, in denen die Psychologie seit langem und bis heute gefangen ist. Dabei hält er am Anspruch, Wissenschaft zu treiben und dadurch eine vernunftorientierte Lebensform zu unterstützen, ohne Wenn und Aber fest. RATNER ist, in gewisser Weise, Rationalist. In der Wissenschaft jedenfalls bahnen allein intersubjektiv nachvollziehbare Methoden gangbare Wege. Für Irrationalismus oder gar Antirationalismus ist da kein Platz. Vernunftfeindlichkeit ist RATNER generell ein Dorn im Auge, fest assoziiert mit "Chaos", "Unsicherheit", "Entfremdung" und "Autonomieverlust" (S.189). Manche Formulierungen, mit denen RATNER seine Kollegen auf Vernunft und Methode einschwört, legen es vielleicht sogar nahe, einen gewissen Nachhall des "Positivismus", selbst noch in den Orientierungen seines unerbittlichen Kritikers zu vernehmen. [24]

Dem verbreiteten Verdacht, bei der Kulturpsychologie, der interpretativen oder qualitativen Kulturpsychologie zumal, könnte es sich um eine Flucht aus der Wissenschaft und die esoterische Hinwendung zum Irrationalen handeln, begegnet RATNER bereits im Vorwort ganz entschieden, wenn er als Ziel seines Buches unter anderem angibt, den wissenschaftlichen Status kulturpsychologischer Prinzipien, Perspektiven und Verfahren unter Beweis stellen zu wollen: "their comprehensiveness, objectivity, validity, and ability to detect general tendencies and causal relationships" (S.X). Ausführlicher in Kapitel 5 – "Qualitative Cultural Psychological Methodology and Science" – , aber auch andernorts räumt RATNER mit dem Vorurteil der Unwissenschaftlichkeit qualitativer Methoden gründlich auf. Dazu diskutiert er Vorwürfe, qualitative Methoden seien subjektiv, impressionistisch, wertbehaftet und ideologisch, deskriptiv, uneindeutig oder idiographisch. Nicht zuletzt unter Rekurs auf seine schon im ersten Kapitel entfaltete radikale Kritik am "positivistischen" Zugang legt RATNER dar, inwiefern an solchen Vorwürfen etwas dran ist oder nicht. [25]

RATNERs bewundernswerte Haltung, die die Wissenschaftlichkeit der interpretativen, qualitativen Kulturpsychologie im Hinblick auf die interessierenden Phänomene ohne Zögern über diejenige der quantitativen "Variablenpsychologie" stellt, wird nicht allen, auch nicht allen Vertretern der Kulturpsychologie und kulturvergleichenden Psychologie, schmecken. Wer RATNERs Buch als unnötigen Aufruf zu Zwietracht begreift, sollte freilich bedenken, dass der Autor seine systematischen Unterscheidungen, seine Urteile und programmatischen Perspektiven gut begründet und ganz in den Dienst an der Sache stellt. Dies ist, so scheint uns, allemal besser als eine Einheit vorzugaukeln, die sachlogisch wichtige Differenzen unterschlägt und es vereitelt, kulturpsychologische Forschung in einer ihrem Gegenstand und ihren Aufgaben angemessenen Weise zu konzeptualisieren und zu praktizieren. RATNERs ontologische und epistemologische Fundierung einer qualitativen Methodologie kulturpsychologischer Forschung gewährleistet es, dass gerade dies nicht geschehen kann. [26]

6. Normative Reflexionen: Kulturpsychologie, Moral und Politik

Kehren wir zum Schluss noch einmal an den Anfang unseres Rezensionsaufsatzes zurück, genauer: an einen Punkt, den RATNER im letzten Kapitel des Buches behandelt: "Sociopolitical Underpinnings of Positivism and Qualitative Cultural Psychological Methodology". Offenbar geht es hier um das normative Fundament wissenschaftlicher Bemühungen. Abgesehen davon, dass die im Titel bemühte Unterscheidung etwas grob ist und auf beiden Seiten eine Homogenität unterstellt, die faktisch nicht gegeben ist, ist RATNERs im Schlusskapitel geäußerte Hoffnung, dass die bessere Wissenschaft auch noch auf der Seite einer überlegenen Moral und Politik stehe, höchst fragwürdig. Den Kontrahenten werden, wie in den guten alten Tagen des Positivismusstreits in der deutschen Soziologie, nicht mehr bloß die wissenschaftlichen Meriten aberkannt. Die "positivistischen" Ansätze befinden sich nämlich, so RATNER, nicht nur in grundlagentheoretischer und methodologischer Hinsicht in einem dogmatischen Schlummer, der dem wissenschaftlichen Interesse an Vernunft widerstreitet, sondern auch in einer dubiosen, affirmativen Liaison mit einer fragwürdigen Moral und Politik. Wie anders ist es dagegen, so RATNER, um die eigene Konzeption bestellt: "Positivism legitimates the established sociopolitical order, whereas qualitative cultural psychological methodology raises alternatives to the status quo. This is the real reason that positivism reigns supreme while qualitative cultural psychological methodology remains marginalized and stultified." (S.231) "Der" Positivismus als Herrschaftstechnik konservativer, affirmativer Denker, als antihumanistische Blockade von Reformen und radikaleren, revolutionären Umwälzungen? "Die" qualitative Kulturpsychologie als subversive Kraft und Heilsbringer in einer etwas verrotteten Welt? Schwarz versus weiß? Das ist, alles in allem, doch etwas zu schlicht. [27]

Nicht, dass RATNER mit manchen seiner Bemerkungen nicht auf ernste Probleme aufmerksam machen würde. Zweifelhaft ist vielmehr, dass er diese Probleme häufig allzu sehr vereinfacht und ausschließlich einer Seite zuschreibt. Der Positivismus wird nicht nur über Gebühr homogenisiert, bis hin zu seinen Vertretern, die, grob in drei Gruppen eingeteilt (frühe, spätere und im 20. Jahrhundert wirkende Personen; S.231f.), angeblich entweder politisch abstinent oder aber konservativ eingestellt waren – als wären beispielsweise im "Wiener Kreis" nicht auch ein paar überzeugte und durchaus rege Sozialisten zusammengehockt! Der "Positivismus" hat in RATNERs Darstellung ein langes Sündenregister: "Positivism's treatment of cultural psychological variables legitimates the status quo by limiting the kinds of social change that appear feasible. Social change is limited to quantitative manipulations of existing institutions." (S.232) Oder: "there is no possibility of reconstructing the basic principles of our socioeconomic-political system." (a.a.O.) Und weiter: "Operational definitions compound this tendency to naturalize the social status quo." (a.a.O.) Oder: "That is, sociological positivism accepted the nascent capitalist system as a given and exempted it from investigation." (S.234) "Positivism's conservative political implications are not fortuitous. They exist because positivism embodies the values of bourgeois society." (S.235) "The manner in which positivistic researchers treat subjects reflects alienated social relationships in capitalist society." (S.237) Nun, das mag an Kostproben, die die verderbte Natur der positivistischen Methodologie vor Augen führen sollen, genügen. Leider arbeitet RATNER im letzten Kapitel mit allzu stumpfem Werkzeug. Auf diese Weise kann man auch nicht plausibilisieren, dass "the sociopolitical values of positivism are responsible for its scientific shortcomings. The atomistic, superficial, mechanistic, quantitative, physical, impersonal, naturalizing, universalizing values of capitalism underlie its flawed operational definitions, variables, and quantification." (S.240) Eine derartige Verschmelzung von Wissenschaftstheorie und Methodologie, Moral und Politik zu einem durch und durch pejorativen Vokabular nimmt RATNERs durchaus wichtigem Anliegen einer normativen Reflexion der Grundlagen wissenschaftlicher Erfahrungs- und Erkenntnisbildung den Wind aus den Segeln. Dieser Effekt wird noch verstärkt, wenn RATNER der qualitativen Kulturpsychologie ohne jeden kritischen Unterton den Segen gibt: "Our methodology rests upon a humanitarian sociopolitical conception of human beings." (S.240) Was die Kulturpsychologie beabsichtigt und unternimmt, ist durch und durch gut: "Qualitative cultural psychological methodology encourages individuals to express themselves completely; it patiently observes people over a long time in many circumstances; it develops humane social relationships with subjects that will enable them to feel comfortable expressing their psychological processes;" usw. usf. (S.240). [28]

Wir belassen es bei den angeführten Zitaten. Die letzten Worte RATNERs könnten unseres Erachtens durchaus auch einen Anlass dafür liefern, kritisch über die Praxis und gesellschaftliche Funktion der Kulturpsychologie zu reflektieren. Sie machen nämlich bereits deutlich, was für Norbert ELIAS und sodann vor allem für Michel FOUCAULT ein gefundenes Fressen gewesen wäre: Die Psychologie wirkt an der Psychologisierung der Praxis und des Selbst maßgeblich mit und sorgt zugleich dafür, dass sich Individuen möglichst umfassend thematisieren und artikulieren. Gerade die qualitative Psychologie macht es möglich, dass noch das Persönlichste und Intimste ausdrücklich und zum Gegenstand ausgedehnter öffentlicher Diskurse gemacht werden kann. Sie schafft damit auch die Voraussetzung für offenkundige und kaum erkennbare, vielleicht auch gar keiner handelnden Instanz verantwortlich zurechenbare manipulative Eingriffe in dieses "persönliche Leben". Es ist keineswegs ausgemacht, dass die Theorie, Methodologie und Methodik qualitativer Kulturpsychologie ausschließlich an anerkennenswürdige "sociopolitical values" und Ziele gekoppelt ist – geschweige denn, dass sie tatsächlich dazu beiträgt, dass wenigstens annäherungsweise Wirklichkeit wird, was RATNER vor Augen schwebt: "a vision of society in which people respect and support each other" (S.240). [29]

RATNER schreibt am Ende, dass man für eine bestimmte Methodologie qualitativer kulturpsychologischer Forschung mit wissenschaftlichen Argumenten streiten soll: "Methodologies must be judged on their scientific, not political, merit." (S.242). An dieser Einsicht kann man festhalten, auch wenn es moralische und politische Neutralität auch in der Wissenschaft nicht gibt, und man um normative Begründungen wissenschaftlicher Praxis im Grunde genommen nicht herumkommt. Auch die interpretative Handlungs- und Kulturpsychologie ist deswegen in ziemlich komplexe Problemlagen verstrickt (STRAUB 1999b), deren grobe Vereinfachung einen allzu hohen Preis fordert. Wer RATNERs empfehlenswertes Buch liest – ein Buch, das übrigens in klarer Sprache abgefasst und sehr übersichtlich gegliedert ist –, sollte dies im Auge behalten. Er wird dann bei der Lektüre viel lernen können, zahlreiche weiterführende Anregungen erhalten – und er braucht das letzte Kapitel im Gesamturteil nicht allzu stark gewichten. [30]

Anmerkungen

1) Einzelne, bisweilen auch längere Passagen zur adäquaten Erhebung gehaltvoller Daten und deren interpretativer Analyse finden sich vor allem in den Kapiteln 2 und 4. RATNERs konkrete methodische Vorschläge beinhalten beispielsweise – in Anlehnung an den phänomenologisch orientierten Psychologen GIORGI – die Aufforderung an den Interpreten, nach bedeutungstragenden Texteinheiten zu suchen, in ihnen das "zentrale Thema" auszumachen, dessen Status wiederum in einem größeren Netz "situierter Themen" herauszuarbeiten und schließlich diese sukzessive in das "generelle Thema" des Textes zu integrieren. Sie beinhalten außerdem die Aufforderung, möglichst viele Variationen eines zu untersuchenden Phänomens zu analysieren. Dies läuft beispielsweise darauf hinaus, verbale durch Beobachtungsdaten zu ergänzen oder Situationen zu identifizieren, in denen das Phänomen anzutreffen ist, und solche, in denen dies nicht der Fall ist. Die unterbreiteten Vorschläge sind teilweise recht nah an entsprechenden Anregungen, die Barney GLASER und Anselm STRAUSS im Rahmen ihrer "Grounded Theory" entwickelt haben. Im Unterschied zu diesen – vor allem zu GLASER – neigt RATNER manchmal dazu, mit übertriebener Bestimmtheit methodische Direktiven vorzutragen, deren ubiquitäre Fruchtbarkeit durchaus anzuzweifeln ist. Dies lässt sich etwa an einem Satz wie dem folgenden aufzeigen: "Eliciting cultural content requires asking concrete questions." (S.131) Dieser Imperativ wird – anhand eines Beispiels zur psychologischen Wirkung von Filmen – sodann mit einer Fülle in der Tat außerordentlich konkreter Fragen ausbuchstabiert: "Are you more thoughtful, generous, helpful, socially aware, competitive, or materialistic as a result of the influences you have absorbed from movies?", "Have movies ever influenced you to behave in ways that you didn't expect or want? Which ways?" oder "Do movies influence you more than other art forms such as books? Why?" (S.131f.) Ohne zu leugnen, dass solch ein Vorgehen seine Vorteile haben kann, kann man doch auch mit HOPF (1978) auf spezifische Gefahren einer "Leitfadenbürokratie" hinweisen oder auf RATNERs praxeologischen Einsichten (s. dazu unten) beharren, die der Abfragbarkeit praktisch und psychisch relevanter Wissensbestände klare Grenzen setzen. Dass gerade vage formulierte Fragen oder Grundreize in Interviews und Gruppendiskussionen besondere Erkenntnisgewinne versprechen, ist eine Einsicht, die nicht zuletzt BOHNSACK (etwa 2000, wo BOURDIEUs Praxeologie nicht von ungefähr eine wichtige Rolle spielt) immer wieder hervorgehoben und in überzeugender Weise begründet hat: Durch "demonstrative Vagheit" – so sein Begriff – gebe der Forscher den Forschungspartnern nämlich ausdrücklich zu verstehen, dass er selbst die subjektiven Relevanzsetzungen der Befragten nicht kenne, und fordert sie damit nachdrücklich dazu auf, diese selbst zu explizieren. Außerdem beherbergt dieser Begriff, so könnte man sagen, die Einsicht, dass praktisches Wissen allenfalls begrenzt explikationsfähig ist, zumal von den Handelnden selbst. Und so darf man, was Forschungspartner sagen, ohnehin nur teilweise als explikatives Sprechen verstehen. Wichtiger noch ist es, die methodisch möglichst nicht allzu sehr präformierten Äußerungen als Sprechakte aufzufassen, als Handlungen also, die praktisches Wissen implizieren. <zurück>

2) PIKEs Unterscheidung ist nicht zuletzt in der kulturvergleichenden Psychologie noch heute gängig. Sie wurde von John BERRY (1969, 1980) frühzeitig aufgegriffen und für die Unterscheidung verschiedener Ansätze fruchtbar gemacht. <zurück>

3) Zwei prominente Beispiele, über die sich, nebenbei gesagt, durchaus streiten ließe: Kenneth GERGENs interpretationstheoretische Überlegungen, die darauf hinauslaufen, das Interpretieren jedes beliebigen Sachverhalts als eine prinzipiell unabschließbare, pragmatisch freilich zeitlich begrenzte Praxis zu begreifen, packt RATNER, begrifflich etwas unglücklich, in die Rubrik eines "Nihilismus", der bereits logischen Kriterien nicht standhalte (S.66). Und Anselm STRAUSS' (1991) bekanntem Buch hält der Kritiker kurzerhand vor, die darin vorgetragenen Verhaltensinterpretationen seien empirisch unzulänglich fundiert, willkürlich und ungerechtfertigt, weil sie "the subject's statements" völlig unberücksichtigt ließen (S.68). Auch von einigen anderen von ihm erwähnten Arbeiten hält RATNER offenkundig nicht viel, und oft pocht er dabei auf einer "rigorous procedure [which] militates against arbitrary interpretations" (S.71). <zurück>

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Zu den Autoren

Dipl.-Psych. Carlos KÖLBL ist Forschungsassistent in der am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen angesiedelten interdisziplinären Studiengruppe "Lebensformen im Widerstreit. Identität und Moral unter dem Druck gesellschaftlicher Desintegration"; außerdem ist er Lehrbeauftragter für Methodenlehre an der Universität GH Essen und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studium fundamentale der Universität Witten-Herdecke.

Forschungsschwerpunkte: Entwicklungs-, Sozial- und Kulturpsychologie; Psychologie des Geschichtsbewusstseins; Handlungstheorien; qualitative Sozialforschung; kulturhistorische Theorie; Arbeit an einer Dissertation zur Entwicklung des Geschichtsbewusstseins Jugendlicher.

Kontakt:

Dipl.-Psych. Carlos KÖLBL

Kulturwissenschaftliches Institut Essen/Institute for Advanced Studies in the Humanities
Goethestr. 31
D-45128 Essen

E-Mail: carlos.koelbl@kwi-nrw.de

 

PD Dr. Jürgen STRAUB ist Mitglied des Vorstands des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen und Leiter (gemeinsam mit Burkhard LIEBSCH) der interdisziplinären Studiengruppe "Lebensformen im Widerstreit. Identität und Moral unter dem Druck gesellschaftlicher Desintegration" ebendort. Außerdem ist er Forschungsprofessor und Dozent im Studium fundamentale der Universität Witten-Herdecke sowie Privatdozent am Institut für Psychologie der Universität Erlangen-Nürnberg.

Forschungsschwerpunkte: Philosophische Grundlagen und theoretische Systeme der Psychologie; Theorie, Methodologie und Methodik interpretativer Forschung; Entwicklungspsychologie; Sozial- und Kulturpsychologie; Konflikte, Gewalt und Verständigung in modernen Gesellschaften; psychosoziale Folgen der Shoah; Identitätstheorie; Handlungstheorie; Gedächtnistheorie; narrative Psychologie; Biographieforschung; Psychologie des Geschichtsbewusstseins.

Kontakt:

PD Dr. Jürgen Straub

Kulturwissenschaftliches Institut Essen/Institute for Advanced Studies in the Humanities
Goethestr. 31
D-45128 Essen

E-Mail: juergen.straub@kwi-nrw.de

Zitation

Kölbl, Carlos & Straub, Jürgen (2001). Qualitative Kulturpsychologie als Wissenschaft. Review Essay: Carl Ratner (1997). Cultural Psychology and Qualitative Methodology: Theoretical and Empirical Considerations [30 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 2(2), Art. 17, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0102172.

Revised 7/2008



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