Volume 6, No. 1, Art. 9 – Januar 2005

Ethik als soziale Praxis: Einführung zur Debatte über qualitative Forschung und Ethik

Wolff-Michael Roth

Zusammenfassung: Ethische Fragen sind in der Humanforschung zunehmend wichtig geworden. Aus diesem Grund erscheint es angebracht, dass FQS den Fragen eine Debatte widmet, die sich mit den vielen ethischen Entscheidungsebenen in der qualitativen Forschung befassen. In diesem Beitrag greife ich auf persönliche Erfahrungen zurück, um die Ethikdebatte formell im Allgemeinen und die Beiträge im Besonderen einzuleiten. Ich lade unsere Leser und Leserinnen ein, an dieser Debatte über ethische Fragen in der qualitativen Forschung teilzunehmen.

Keywords: Ethik, Forscher, Forscherin, Teilnehmer, Teilnehmerin, Macht, Kontrolle

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ein persönlicher Einstieg in Ethik und ethische Fragen

2.1 Ethische Bewertung und das Forscher-Teilnehmer-Verhältnis

2.2 Übergriffe und Gefahren im Zusammenhang mit der institutionellen Überprüfung von Ethik

3. Fazit

4. Einladung zur Teilnahme

Danksagung

Anmerkung

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

Ich freue mich, die Debatte über qualitative Forschung und Ethik zu eröffnen. Treue FQS-Leser und -Leserinnen wissen, dass ethische Fragen schon in der Vergangenheit angesprochen wurden, zum Beispiel in meinem Rezensionsaufsatz (ROTH, 2003b) von Sneaky Kid and Its Aftermath (WOLCOTT, 2002), in dem der Ethnograph/Autor zugibt, ein ursprünglich verheimlichtes homosexuelles Verhältnis mit seinem Forschungsteilnehmer gehabt zu haben. Wir hatten dann auch einen inoffiziellen Einstieg in die Ethik-Debatte in der letzten Schwerpunktausgabe (FQS 5[2]) mit einem Beitrag, der die Praxis der Einführung von Studenten und Studentinnen im Fortgeschrittenenstudium in ethische Fragen der qualitativen Forschung darstellte (McGINN & BOSACKI, 2004). Mein eigener Beitrag in FQS 5(2) beschrieb bereits einen Kontext der Forschungsethik und stellte den historischen Zusammenhang kurz dar. In diesem Editorial nenne ich weitere Aspekte, die die Notwendigkeit einer Debatte ethischer Fragen in der qualitativen Forschung unterstreichen, und führe die Beiträge ein, die in diesem Heft erscheinen. [1]

Zweifellos ist Ethik in der Forschung, die menschliche Beteiligung beinhaltet, eine sehr wichtige Angelegenheit. In einem Land wie Kanada sind die Zeiten lange vorbei, in denen Regierungseinrichtungen und universitäre Forscher und Forscherinnen Experimente durchführen konnten, die Teilnehmerinnen oder Teilnehmer Strahlungen oder Gedankenkontrolle verdeckt aussetzten wie während der 1940iger und 1950iger Jahre. Dennoch werden manche Forschungspraktiken weitergeführt, obwohl sie in anderen Ländern mit Erfolg in Frage gestellt oder vor Gericht gebracht wurden. Zum Beispiel werden in der auf dem double blind-Versuchsdesign beruhenden medizinischen Forschung potenziell nützliche Arzneien nur der Hälfte der Teilnehmenden gegeben. Forscher und Forscherinnen argumentieren in der Regel, dass nur das double blind-Experiment streng wissenschaftlich sei. AIDS-Aktivisten in Kalifornien haben solche Behauptungen mit Erfolg angefochten, was zu einer Veränderung wissenschaftlicher Untersuchungsmethoden bezüglich neuer Arzneien führte, die als hilfreich im Kampf gegen diese Krankheit angenommen werden (EPSTEIN, 1997). In ihrem Beitrag beschreibt Mary MAGUIRE, wie die teilnehmenden Kinder ihrer frühen Forschung sie dazu brachten, die Untersuchungsmethoden umzuarbeiten, damit diese den Teilnehmenden gerechter wurden. Das heißt, Forscher und Forscherinnen reagierten, indem sie neue Methoden entwickelten, die innerhalb ihrer Wissenschaftsgemeinde anerkannt werden, und die nicht einen Teil der Partizipanten in den Versuchen benachteiligen. [2]

Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Humanforschungsethik sich entwickeln muss, um auf die zunehmenden Handlungsmöglichkeiten sowohl der Forscher und Forscherinnen als auch der Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu reagieren. Obwohl viele Forscher und Forscherinnen mit der Zeit gegangen sind, behandeln andere Forschungsansätze das menschlichen Wesen auf fragwürdige Art. Während ich diesen Paragraphen schrieb, erreichte mich eine E-Mail über die die Zeitschrift Mind, Culture and Activity begleitende Liste, in der es um einen Artikel ging, der in der New York Times und der International Herald Tribune erschienen war (CAREY, 2004), und in dem eine Studie beschrieben wurde, in der das Gedächtnis der Partizipanten und Partizipantinnen manipuliert wurde, um diese denken zu lassen, dass ihnen als Kindern beim Essen bestimmter Nahrungsmittel übel geworden sei. Peter SMAGORINSKY, einer der Listenteilnehmer, kommentierte: "I don't think this study would get through my university's Institutional Review Board [Ich glaube nicht, dass die institutionelle Aufsichtskommission meiner Universität diese Studie genehmigen würde]" (xmca E-Mail, 27. Sept. 2004). [3]

Humanforschungsethik muss sich entwickeln, nicht nur hinsichtlich der Art und Weise, wie Teilnehmer und Teilnehmerinnen während mancher Forschungsprojekte behandelt werden, sondern auch hinsichtlich der Weise, wie die Resultate benutzt werden. In der quantitativen Forschung sind zum Beispiel die Antworten von Individuen irrelevant, sie werden zu Abweichungen vom Mittelwert oder Punkten in einer Korrelationsgraphik. In der Tat muss in der statistischen Forschung nicht eine einzige Person dem Mittelwert entsprechen oder auf der Korrelationskurve liegen, und oft gibt es gute Gründe, warum die Antworten weit entfernt von den Messungen liegen, die sie hätten einnehmen sollen (HOLZKAMP, 1991). Da ich mich über die Idee aufrege, dass meine Antworten, die für mich und für die mich Umgebenden Bedeutung besitzen, nur Punkte einer Statistik sind, nehme ich selbst nie an solchen Forschungsprojekten teil – mit der Ausnahme, wenn ich zur Teilnahme verpflichtet bin, wie zum Beispiel in den Umfragen, die Statistics Canada durchführt. [4]

Interessanterweise können qualitative Forscher und Forscherinnen es schwieriger finden, ihre Studien durch ethikbezogene Überprüfungsverfahren zu bringen (man sehe die Beiträge von Robert ANTHONY und Linda COUPAL), weil sie ihren Teilnehmern und Teilnehmerinnen von Angesicht zu Angesicht begegnen und sich um diese wirklich sorgen. Damit möchte ich nicht sagen, dass die sorgende Haltung qualitativer Forscher und Forscherinnen schon an sich eine bessere Beziehung zu den Teilnehmern und Teilnehmerinnen darstellt. In meiner Analyse Harry WOLCOTTs sexueller Beziehung mit seinem Teilnehmer nahm ich gegenüber der Ausbeutung, die mit der Sorge kam, einen sehr kritischen Standpunkt ein (ROTH, 2003a). Im Gegenteil, meine Erfahrung als Vorsitzender einer institutionellen Ethikkommission zeigt, dass Praktiker (psychologische Berater und Beraterinnen, Erzieher und Erzieherinnen, Krankenhelfer und Krankenhelferinnen) oft Studien vorschlagen, die die Grenzen zwischen Forschung und Praxis verwischen, obwohl sie die nötigen Qualifikationen noch nicht haben. Zum Beispiel habe ich viele Forschungsanträge von Studierenden im Fortgeschrittenenstudium der beratenden Psychologie gelesen, die nicht nur eine Dimension des Lebens der Teilnehmer und Teilnehmerinnen erforschen wollten, sondern auch die Interviewsitzungen als eine Art von Katharsis und als den Anfang eines "Heilungsprozesses" ansahen. Bevor sie aber das Diplom erhalten, ist es diesen Studenten und Studentinnen rechtlich nicht erlaubt, Beratungen durchzuführen. Solche Umstände machen die qualitative Forschung sehr komplex und kompliziert. Unter anderem sind es diese Komplexitäten der qualitativen Forschung und die Tatsache, dass es genuine Interaktionen zum einen zwischen Forschern und Forscherinnen, zum anderen zwischen Teilnehmern und Teilnehmerinnen gibt (siehe auch die Schwerpunktausgaben über Subjektivität und Reflexivität, FQS 3[3] und 4[2]), die eine Debatte über Ethik notwendig machen. [5]

2. Ein persönlicher Einstieg in Ethik und ethische Fragen

In diesem Teil führe ich die fünf Beiträge ein, die in dieser FQS-Ausgabe zur Debatte ethischer Fragen in der qualitativen Forschung erscheinen, indem ich einige der Aspekte mit meiner eigenen Erfahrung als Forscher, Mitglied eines Forschungsethikausschusses und als Vorsitzender einer Forschungsethikkommission verbinde. [6]

2.1 Ethische Bewertung und das Forscher-Teilnehmer-Verhältnis

Als ich in einem kleinen Projekt zusammen mit meiner Doktormutter und dann mit meiner eigenen Promotionsarbeit anfing, Forschung zu betreiben, war ich mir irgendwelcher ethischen Standards nicht bewusst. Nichtsdestotrotz musste ich über ethische Fragen nachdenken und war ihnen ausgesetzt: Jedes Mal, wenn ich jemanden interviewte oder fragte, an meiner Forschung teilzunehmen und laut über mathematische Probleme nachzudenken, kam es mir so vor, als ob ich mich aufdrängte und mein Gegenüber nötigte. Ich bat um eine "Gunst" oder vielmehr, um es schärfer zu formulieren, ich bat um ein "Geschenk", was man, wie mir beigebracht wurde, einfach nicht macht. Das Gefühl von Peinlichkeit aufgrund der Aufdringlichkeit und der Bitte um ein Geschenk hat mich nie verlassen, obwohl alle meine potenziellen Teilnehmer und Teilnehmerinnen jeden Alters, die ich bat, das Zustimmungsformular unterschrieben, und obwohl ich Teilnehmer und Teilnehmerinnen jedes Mal neu um ihre Zustimmung befrage, wenn ich Daten sammeln will. Das Gefühl einer ethischen Verantwortung in meiner Forschung hat sich mit der zunehmenden Institutionalisierung der Ethiküberprüfung wenig verändert – wie in anderen Aspekten des sozialen Zusammenlebens führt die Institutionalisierung auch Negatives in die sozialen Prozesse ein, die sie verbessern will.1) Zum Beispiel bieten die zunehmend technischen und rechtlichen Zustimmungsformulare, deren Ausfüllen die Ethikkommissionen von Forschenden verlangen, nicht nur Garantien, sondern hinterfragen das Maß an Vertrauen, das Menschen natürlicherweise in ihre Begegnungen mitbringen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben die Richtlinien für Ethik die Bedeutung mündlicher Zustimmung in vielen Bereichen kollaborativer Forschung und Forschung mit Randgruppen noch nicht berücksichtigt (z.B. VAN HOONAARD et al., 2004). Die Tatsache, dass ein juristisch relevantes Dokument unterschrieben werden muss, bevor die Forschung wirklich beginnen kann (technisch gesehen sind Kontaktierung und Anwerbung schon Teil des Forschungsprozesses, finden aber vor der Zustimmung statt), bedeutet auch, dass es etwas gibt, das von Außen in die Beziehung zwischen Forscher/Forscherinnen und Teilnehmer/Teilnehmerinnen eingebracht werden muss, um beide zu schützen. Tatsächlich kann die Bedingung einer schriftlichen Zustimmung das Vertrauen, das sich vorher zwischen Forschenden und Teilnehmenden einstellte, in Frage stellen. [7]

Auf der anderen Seite ist es in manchen Fällen tatsächlich nötig, die Forscher/Forscherinnen und Teilnehmer/Teilnehmerinnen zu schützen. Zum Beispiel könnte, wie das einmal an meiner Universität vorkam, eine Studentin im Fortgeschrittenenstudium vorhaben, eine Dissertation über sexuellen Missbrauch zu schreiben und sich dabei auf ihre eigenen Erfahrungen zu beziehen. Wenn sie sich darauf beruft, die Wahrheit zu beschreiben – anstatt das Thema romanhaft zu behandeln – und spezifische Personen nennt, ergibt sich die Möglichkeit der Verleumdung und gerichtlicher Verwicklungen. In einem solchen Fall benötigen Teilnehmende, Forschende und Universität eine dem Forschungsprojekt übergeordnete Vereinbarung. Wirkliche Situationen sind wahrscheinlich noch viel komplizierter als meine Glosse erscheinen lässt – die Leser/Leserinnen finden in COUPALs Beitrag eine Zusammenstellung der relevanten Kernpunkte. Weil es Gerichten (z.B. in Kanada) möglich war, von Forschenden Daten zu erhalten, kommt hinzu, dass Teilnehmende, die vielleicht in kriminelle Handlungen verwickelt sind, wissen sollten, dass ihre Identität nicht geschützt werden kann, und so Konsequenzen möglich sind (z.B. eine gerichtliche Klage). [8]

Die Notwendigkeit, Teilnehmende zu schützen, ist ein wichtiger Aspekt in den Beiträgen von Mary MAGUIRE, die über die Verwundbarkeit von jungen (zwei- und mehrsprachigen) Kindern schreibt, und von Anne MARSHALL und Suzanne BATTEN, die sich mit den ethischen Fragen der Forschung mit Einzel- und Gruppenteilnehmern von indigenen Nationen (Indianern) befassen. MAGUIRE diskutiert Probleme, die sich nicht nur aus der Beteiligung von Kindern ergeben, sondern auch aus der Teilnahme von Personen, die zwei oder mehr Sprachen sprechen, von denen manche nicht eine der beiden anerkannten nationalen Sprachen (englisch, französisch) sind. Sie plädiert für eine Forschung mit Kindern, das heißt eine Forschung, die mit Kindern als (handelnden) Subjekten arbeitet und nicht an Kindern und über Kinder, wobei Kinder typischerweise zum Objekt werden. In diesem Sinne führte mich meine eigene Forschung an Innenstadt-Schulen dazu, die Schüler und Schülerinnen als Mitglieder der Forschergruppe einzubeziehen, um die Bedeutungen bevorstehender Ereignisse und ihre Lebenswelten auf kollaborative Weise zu verstehen. Zu unseren Publikationen haben diese Schüler und Schülerinnen als Autoren beigetragen. Um sicher zu gehen, dass ihre Stimmen nicht verschwanden, entwickelten wir neue Genres des Schreibens (z.B. ROTH & TOBIN, 2004), die die Stimmen aller Autoren erhalten – Schüler/Schülerinnen, Lehrer/Lehrerinnen, Lehreranwärter/ Lehreranwärterinnen, betreuende Professoren/Professorinnen und Forscher/Forscherinnen – ohne die wissenschaftliche Qualität der Arbeit zu riskieren, sondern um sie vielmehr zu verbessern, besonders was die Authentizität der Resultate betrifft (z.B. ROTH et al., 2004). Diese Art des Arbeitens wirft ein anderes Licht auf die Fragen, die von COUPAL aufgeworfen werden: Was ergäbe sich, wenn Täter (rassenbezogene Ungerechtigkeit, sexuelle Belästigung) an der Forschung teilnehmen würden? [9]

Diese Beiträge zeigen, dass Forschungsethik nichts ist, das uns irgendwie von außen zukommt, durch eine Art "unbefleckte Empfängnis" objektiver Ideale, sondern dass sie auf fundamentale Weise mit Macht, Wissen, Handlungsfähigkeit, (individueller, kollektiver) Identität und Kontrolle zusammenhängt, um nur einige Dimensionen zu nennen. Solche Fragen treten auch in den Vordergrund, wenn Forscher und Forscherinnen versuchen, geplante Projekte von den jeweiligen institutionellen Kommissionen der Forschungsethik genehmigt zu bekommen. [10]

2.2 Übergriffe und Gefahren im Zusammenhang mit der institutionellen Überprüfung von Ethik

Ich wurde in eine etwas hitzige Debatte zu forschungsethischen Problemen zwischen Mitgliedern der Pädagogischen Fakultät und dem Vorsitzenden der Ethikkommission für Humanforschung an der Universität von Victoria hineingezogen. Der Streitpunkt war das offensichtliche Unvermögen der Kommission, die speziellen Umstände der pädagogischen Forschung zu verstehen. Mein Beitrag und der anderer Fakultätsmitglieder, die der Kommission beitraten, sollte darin bestehen, Anträge zu prüfen und Verbesserungsvorschläge zu machen, die den Gegebenheiten der pädagogischen Forschung besser gerecht würden. Trotz der Repräsentation der Pädagogischen Fakultät durch unsere Mitgliedschaft ließen die Beschwerden der Studierenden im Graduierten-Programm und der Professoren/Professorinnen nicht nach, im Gegenteil: sie wurden mehr. [11]

Nach zwei Jahren als Mitglied war ich zweieinhalb Jahre Mitvorsitzender der Ethikkommission. In dieser Funktion war ich für alle Anträge verantwortlich, die von der Pädagogischen Fakultät kamen. Alle Forschungsanträge, die nur ein minimales Risiko darstellten (nach der Definition der Richtlinien des kanadischen Tri-Council [PUBLIC WORKS AND GOVERNMENT SERVICES CANADA, 1998]), wurden von zwei Kommissionsmitgliedern gelesen, von denen mindestens eine Person der Pädagogischen Fakultät angehörte. Mir fiel auf, dass die unvernünftigsten Kommentare über potenzielle Gefahren von den Kommissionsmitgliedern aus der Pädagogischen Fakultät kamen. Hinzu kommt, dass viele Kommissionsmitglieder noch nie Forschung mit Menschen betrieben hatten, noch weniger qualitative Forschung im Allgemeinen und Klassenzimmerforschung im Speziellen. Vor meiner Amtszeit als Vorsitzender und jetzt wieder nach meiner Amtszeit erhielten Forschende nur dann Erlaubnis zur Durchführung ihres Projekts, wenn sie eine immer größer werdende Liste von Fragen, was sie in diesem oder jenen Handlungsfall täten, zufriedenstellend beantworte(te)n. Zum Beispiel wurden/werden Forschende gebeten zu formulieren, was sie tun würden, wenn eine Person, die das Zustimmungsformular nicht unterzeichnet hat, im Hintergrund durch den Aufnahmebereich der Kamera laufen würde. Die Angabe solcher Details wird verlangt, auch wenn schon im Antrag angemerkt worden ist, dass "keine Daten benutzt werden, wenn die Personen, die in diesen vorkommen, nicht zugestimmt haben." [12]

Aufgrund meiner mehr als zehn Jahre Erfahrung mit Forschung in Klassenzimmern ging ich selektiv mit der Auswahl der von den Komiteemitgliedern geäußerten Bedenken um und ließ diejenigen unberücksichtigt, die mir zu den unzähligen, unvermeidbaren Eventualitäten des sozialen Lebens zu gehören schienen. Ich bezog mich auf meine Verantwortung, die nicht nur gegenüber der Ethikkommission bestand, sondern auch gegenüber den Forschenden und den von ihnen ins Auge gefassten Teilnehmern/Teilnehmerinnen. Ich weiß aber, dass andere Vorsitzende einfach eine Liste der von den Komiteemitgliedern abgegebenen Kommentare erstell(t)en, ohne eine Entscheidung zu treffen, ob diese Kommentare wirklich sinnvoll sind/waren, oder einfach eine Übersicht von Informationen präsentier(t)en, die anderswo schon gegeben ist/war. Diese Vorsitzenden handeln, als wären sie nicht rechenschaftspflichtig und verschickten Listen von Veränderungen, die die Antragsteller vornehmen sollten, ohne die Konsistenz von einem Antrag zum anderen sicher zu stellen. [13]

Drei Beiträge unterstreichen potenziellen Gefahren in Ethiküberprüfungsverfahren, die sich für Forschende aus deren Institutionalisierung ergeben. Robert ANTHONY beschreibt die alptraumhafte Situation, in der zwei beinahe identische, komplementäre und parallele Studien sehr unterschiedlich bewertet wurden – eine Studie wurde nach ein paar kleinen Veränderungen genehmigt, der anderen wurde eine lange Liste von Veränderungen auferlegt. Die Situation noch verschlimmernd fühlte sich die Vorsitzende der Ethikkommission nicht verantwortlich oder rechenschaftspflichtig für die sehr unterschiedlichen Entscheidungen, die sie den Antragstellerinnen zugeschickt hatte. Darüber hinaus schlug sie vor, beide Studien noch einmal zu überprüfen und zu verbieten. Dies ist, wie ANTHONY beschreibt, eine KAFKAeske Situation, in der Forscher und Forscherinnen nicht mehr wissen, was los ist, und in der keine Vorgehensroutinen existieren, die die Kommission und ihre Vorsitzende für ihre Entscheidungen zur Rechenschaft ziehen. Eine solche Situation kann man nicht auf die leichte Schulter nehmen, weil sie, wie ich in meinem eigenen Beitrag darstelle, zu Willkür, Machtmissbrauch und institutioneller Kontrolle führt, die unvereinbar sind mit den demokratischen Werten sowohl unserer Nation als auch der Wissenschaftsgemeinden, an denen wir teilnehmen. [14]

Linda COUPAL vertieft ANTHONYs Überlegungen mit ihrer Analyse von Fragen, die sich aus der Handlungsforschung (Action Research) ergeben. Es wird gezeigt, dass sich die Handlungsforscherin/der Handlungsforscher in einer Doppelbeziehung von Ethik und Macht zweier sich gegenseitig beeinflussender Systeme befinden kann – der Universität und des Arbeitsplatzes (hier: der Schulbezirk, die Schule). Sich vermutlich auf ihre eigene Erfahrung beziehend stellt die Autorin einige der Fragen beispielhaft in der Figur der Handlungsforscherin Veronika dar. Der Protagonistin verbot man ursprünglich die Durchführung eines Forschungsprojekts über Rassenbeziehungen innerhalb ihrer Organisation, aber ihre Studie, in der sie eine geschlechts-basierte Analyse durchführte, war genehmigt worden. Als ihr Forschungsprojekt jedoch einen Fall sexueller Belästigung ans Licht brachte, verbündeten sich Organisation und Universität und untersagten das Projekt. (Ich kann die Existenz eines solchen Falles bezeugen, weil ich zu der Zeit Mitvorsitzender der Ethikkommission war, bin aber nicht mit den Einzelheiten der Situation vertraut, da ein Kollege sich des Vorfalls hatte annehmen müssen.) Veronika fand sich dabei in der Verbindung von Ethik und Macht, die aus interagierenden Systemen entsteht, gefangen. COUPAL stellt eine klare Analyse der ethischen, moralischen und politischen Spannungen vor, unter denen Handlungsforscher und Handlungsforscherinnen in solchen Situation operieren müssen. [15]

Mein eigener Beitrag (ROTH, 2004b) beginnt mit dem Problem der Berichterstattung über institutionelle Probleme von innen, einem Phänomen, das man "whistle blowing" (Denunziation) nennt. Wenn man über problematische Fragen schreibt, die mit den Überprüfungsverfahren und den institutionellen Ethikkommissionen verbunden sind, kann man sich Unannehmlichkeiten einhandeln, die von einem Verstummen aufgrund von Knebelklauseln (z.B. "keine Forschung kann durchgeführt werden ohne vorherige Genehmigung durch die Ethikkommission") bis zu einer Diskreditierung des Projekts durch Kolleginnen und Kollegen reichen können (OLIVIERI & SCHAFER, 2004). Ein solches Verstummen kann auftreten, obwohl es schon anders lautende Gerichtsurteile gibt – z.B. im Fall von Forschenden, die für die Regierung arbeiteten und die unethische Praktiken in der Arzneimittelzulassung öffentlich anprangerten: "where a matter is of legitimate concern requiring a public debate, the duty of loyalty cannot be absolute to the extent of preventing public disclosure by a government official" [wo es um legitime Bedenken geht, die eine öffentliche Debatte erfordern, kann die Treuepflicht nicht so absolut sein, die Veröffentlichung durch einen Beamten/eine Beamtin zu verbieten] (p.A3). Die Autoren argumentieren weiterhin, dass "an organization that forgets its mission has ceased to exist" [eine Organisation, die ihr Ziel vergisst, aufgehört hat zu existieren] (p.A3), wenn sie Loyalität über moralische Prinzipien stellt, um Kontrolle sicher zu stellen. COUPALs Beitrag verdeutlicht, was einem Forschungsprojekt passieren kann, wenn es eine Situation, die der Organisation schadet, aufdeckt und beschreibt: Die Organisation wird ihren Einfluss auf die Universität nutzen, die sich um gute Beziehungen zur Öffentlichkeit bemüht, um die Forschung zu stoppen, die Forschenden zum Schweigen zu bringen und möglicherweise anzudrohen, die Promotion (das Diplom) nicht auszustellen. Forschende, die nicht nachvollziehbare Praktiken denunzieren, setzen sich selbst der Gefahr von Vergeltungsmaßnahmen aus, zum Beispiel dadurch, dass Vorsitzende einer Ethikkommission die Möglichkeit einer Nichtgenehmigung eines Forschungsprojektes andeuten (siehe ROTH, 2004b). [16]

3. Fazit

Ethik in der Humanforschung stellt ein potentielles Minenfeld dar. Praktiken, die noch gestern möglich waren, werden morgen nicht mehr akzeptiert – obwohl es Forscher und Forscherinnen gibt, die Harry WOLCOTT und seine sexuelle Beziehung mit seinem Teilnehmer verteidigen, bezweifle ich, dass heute ein Forschungsantrag Zustimmung erhalten würde, in dem die Möglichkeit einer solchen Beziehung angedeutet ist. Selbst wenn sie nicht angedeutet wäre, die gegenwärtigen Bemühungen um eine institutionelle Supervision von Forschungsprojekten durch Ethikkommissionen wird sicherlich zu verstärkten Aufforderungen zu öffentlicher Rechenschaft führen. Wie COUPAL zeigt, kann die Zustimmung zu einem Projekt durch die Ethikkommission rückgängig gemacht werden und dadurch zum Stopp des Projekts führen. [17]

Die hier veröffentlichten Beiträge legen nahe, dass die von postmodernen, feministischen und kritischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern andernorts formulierten Phänomene auch für Ethikfragen und für Ethiküberprüfungsverfahren von Bedeutung sind. Anstatt sich auf übersinnliche Normen zu beziehen, die uns von einer Gottheit gegeben sind, bezeichnen die Begriffe "Ethik" und "Ethiküberprüfungsverfahren" soziale Handlungen, die ebenso zufällig und sozial konstruiert sind wie der wissenschaftliche Forschungsprozess selbst – eine Tatsache, mit der uns Arbeiten in der Wissenschaftsforschung vertraut gemacht haben (z.B. KNORR-CETINA, 1981). Hieraus resultieren sowohl Schwächen als auch Stärken. Einerseits ergeben sich aus der Tatsache der zufälligen und sozialen Konstruktion Schwächen: Ethik und Ethiküberprüfung könnten auch anders sein. Es gibt keinen Standard außerhalb der (akademischen) Gemeinschaft, von dem wir ableiten könnten, warum ethische Bewertungen so und nicht anders sind. Andererseits entstehen aus der Tatsache, dass sie zufällig und sozial konstruiert sind, auch ihre Stärken, da wir so Möglichkeiten und Perspektiven bekommen, über den Einsatz von Ethiken und Ethiküberprüfungen zu reflektieren und diese zu verändern. Ich sehe die menschlichen Möglichkeiten im Allgemeinen und die der Sozialforschung im Besonderen im Sinne von Karl MARX' elfter These über FEUERBACH, nach der Philosophen die Welt nur dann versuchen zu verstehen, wenn ihr Ziel ist, sie zu verändern. [18]

4. Einladung zur Teilnahme

Im Sinn dieser Gedanken, dieses Überdenkens und dieser Veränderungen von Ethik und ethischen Fragen lade ich zu Beiträgen zu dieser Debatte ein. Beiträge können unterschiedliche Perspektiven in der qualitativen Forschung repräsentieren – Antragsteller/Antragstellerinnen und die, die Anträge auf ethische Fragen hin bewerten, Studenten/Studentinnen, die ihre Diplomarbeiten/Dissertationen schreiben und die Betreuer/Betreuerinnen dieser Arbeiten, Schüler/Schülerinnen und Lehrer/Lehrerinnen, Verwaltungsbeamte/Verwaltungsbeamtinnen, die die Ethikkommissionen in ihren Institutionen beaufsichtigen und so weiter – ich heiße alle diese als Autorinnen und Autoren willkommen. [19]

Die Beiträge können eine große Bandbreite von Fragen ansprechen, sollten aber auf Forschungsethik als zentrales Problem verweisen. Diese Probleme verstehen wir möglicherweise besser, wenn wir sie in ihrer Interaktion mit anderen Themenbereichen behandeln wie zum Beispiel dem der Macht oder des Wissens. Das zeigen uns auch die Autoren dieser Schwerpunktausgabe. Ich kann mir auch Beiträge vorstellen und lade diese ein, die sich mit ethischen Fragen hinsichtlich vormals marginalisierter Gruppen (von Forschern/Forscherinnen, Teilnehmern/Teilnehmerinnen) befassen, die auf Grund ihres Geschlechts, ihrer Rasse, ihrer Kultur, ihre Einkommensverhältnisse, ihrer Sprache, ihres Alters oder anderer Kategorien des sozialen Lebens ausgegrenzt wurden oder werden. Auch bin ich an Analysen interessiert, die sich mit den institutionellen Prozessen befassen, die mit Ethik und Ethiküberprüfungsverfahren zu tun haben, besonders wenn diese Institutionalisierungsweisen Eigenheiten und Willkürlichkeiten hervorgebracht haben und wenn Forschungsethik benutzt wird, um hierarchische Strukturen der Universität und anderer Einrichtungen zu festigen. Das heißt, ich heiße alle Beiträge willkommen, die aufzeigen, dass Ethik und Ethiküberprüfungsprozesse soziale Praktiken sind, die nicht dadurch analysiert werden, dass man versucht, in die Köpfe der Individuen hineinzugucken, sondern indem sorgfältige soziale, kulturelle und historische Analysen durchgeführt werden. [20]

Was das Format der Beiträge anbelangt, heiße ich jedes Genre willkommen, in dem ethische Fragen in der qualitativen Forschung angeschnitten werden. Zum Beispiel kann dies das Schreiben "in der ersten Person" sein, um die Schwierigkeiten zu beschreiben, die jemandem begegnen können, die oder der versucht, ein Handlungsforschungsprojekt von der Ethikkommission genehmigen zu lassen. Möglich sind auch Beiträge "der dritten Person", um zum Beispiel eine theoretisch fundierte Analyse des Ethiküberprüfungverfahrens zu formulieren; oder es kann sich um eine Mischung aus beiden Formen handeln – ähnlich der Art von Analysen, die ich benutzt habe, um die Entscheidungen der kanadischen Forschungsgemeinschaft zu dekonstruieren (ROTH, 2002). Ich kann mir auch Leserbriefe, die sich mit ethischen Fragen befassen, vorstellen oder Antworten und Reaktionen auf kürzlich publizierte Texte, die jene entweder unterstützen oder kritisch reflektieren. Ich kann mir mehrspaltige Texte vorstellen, in denen die beiden Texte unterschiedliche Standpunkte wiedergeben und in einem dialektischen Verhältnis stehen (z.B. ROTH, 2003b); und ich kann mir neue Arten von Texten vorstellen um ethische Fragen aus verschiedenen kulturellen Perspektiven darzustellen – z.B. schreibt Peter COLE (2004), ein Forscher indianischer Abstammung, seine Kulturkritik westlicher Forschungsformen ohne Interpunktion in lyrischer Form – außerdem kann ich mir multimediale Darstellungsweisen vorstellen, um neue Ausdrucksformen zu entwickeln (z.B., ROTH, 2001). [21]

Ich heiße alle solche Beiträge willkommen. Ich möchte aber von mir aus vorschlagen, bestimmte aktuelle Themen bevorzugt zu behandeln und mit Beiträgen zu beginnen, die sich mit auf (a) Großstädte, (b) Frauen-/Männerfragen und (c) Ureinwohner (indigene Völker) ausgerichteter qualitativer Forschung befassen. [22]

Danksagung

Ich bin Barbara DIERIS äußerst dankbar für ihren Beitrag zur Umarbeitung meines ersten Übersetzungsentwurfs dieses Textes, der noch sehr von seinem englischen Original geprägt war, in die deutsche Sprache.

Anmerkung

1) Zur (ethischen, moralischen) Verantwortung, die menschliche Wesen für jede Handlung übernehmen müssen, siehe BAKHTIN (1993) und RICŒUR (1990). <zurück>

Literatur

Bakhtin, Mikhail (1993). Towards a philosophy of the act. Austin: University of Texas Press.

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Cole, Peter (2004). trick(ster)s of aboriginal research: or how to use ethical review strategies to perpetuate cultural genocide. Native Studies Review, 15(2), 7-30.

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Wolcott, Harry (2002). Sneaky kid and its aftermath. Walnut Creek, CA: Altamira Press.

Zum Autor

Wolff-Michael ROTH ist Lansdowne Professor für Angewandte Kognitionswissenschaft an der Universität von Victoria. Seine interdisziplinären Forschungsschwerpunkte umfassen Untersuchungen zur Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik, Allgemeinbildung, angewandten Kognitionswissenschaft, Wissenschaftssoziologie und Linguistik (Pragmatik). Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehören Toward an Anthropology of Graphing (Kluwer, 2003), Rethinking Scientific Literacy (zusammen mit Angela BARTON CALABRESE, Routledge, 2004) und Establishing Scientific Classroom Discourse Communities (Mitherausgabe zusammen mit Randy YERRICK, Lawrence Erlbaum Associates, 2004).

Kontakt:

Lansdowne Professor

MacLaurin Building A548,
University of Victoria, BC, V8W 3N4
Canada

Tel.: 1-250-721-7785

E-Mail: mroth@uvic.ca

Zitation

Roth, Wolff-Michael (2004). Ethik als soziale Praxis: Einführung zur Debatte über qualitative Forschung und Ethik [22 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 6(1), Art. 9, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs050195.

Revised 6/2008

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