Volume 21, No. 3, Art. 13 – September 2020

"Logische Kondensation" – Zur Interpretation von Mehrdeutigkeit in der Kontexturanalyse am Beispiel eines schizophrenen Patienten in der forensischen Psychiatrie

Till Jansen, Martin Feißt & Werner Vogd

Zusammenfassung: Die Mehrdeutigkeit von Sinn und die Indexikalität von Aussagen stellt eine der zentralen Herausforderungen für die qualitative Forschung dar. Im vorliegenden Artikel machen wir einen Vorschlag, wie Mehrdeutigkeit methodisch kontrolliert erschlossen werden kann, indem propositionale Gehalte eruiert und systematisch zueinander in Beziehung gesetzt werden. Im Zentrum steht dabei eine Methode der "logischen Kondensation", bei der im Anschluss an WITTGENSTEIN (2003 [1922]) ein Text aussagenlogisch verdichtet wird. In der Folge werden logische Brüche sichtbar, die als Grundlage für eine systematische Rekonstruktion der Mehrdeutigkeit eines Textes dienen. Die logische Kondensation als Technik der Interpretation bietet so eine Grundlage für ein konsequent polykontexturales Textverständnis. Die vorgeschlagene Herangehensweise wird am Beispiel eines schizophrenen Patienten aus der forensischen Psychiatrie demonstriert.

Keywords: Polykontexturalität; forensische Psychiatrie; Gotthard Günther; Gregory Bateson; dokumentarische Methode; Systemtheorie; propositionale Gehalte; linguistische Semantik; Schizophrenie; Kontexturanalyse

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Polykontexturalität des Textes

3. Die vier Schritte der Interpretation

3.1 Formulierende Interpretation

3.2 Logische Kondensation

3.3 Reflektierende Interpretation

3.4 Arrangements und funktionale Analyse

4. Beispielinterpretation – der Fall König

5. Eine Methodologie zur Feinanalyse polykontexturaler Verhältnisse

Anmerkungen

Literatur

Zu den Autoren

Zitation

 

1

Die Welt ist alles, was der Fall ist.

1.1

Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.

1.1.1

Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, dass es a l l e Tatsachen sind.

1.12

Denn, die Gesamtheit der Tatsachen bestimmt, was der Fall ist und auch, was alles nicht der Fall ist.

1.13

Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt.

1.2

Die Welt zerfällt in Tatsachen.

1.21

Eines kann der Fall sein oder nicht der Fall sein und alles Übrige gleich bleiben (WITTGENSTEIN 2003 [1922], 1-1.21).

1. Einleitung

Sozialforscher/innen möchten herausfinden, was der Fall ist. Da soziale Tatsachen sinnhafte Tatsachen sind, suchen sie entsprechend, Sinn zu erschließen. Sinn aber erschließt sich erst, wenn der Kontext von Aussagen und Artikulationen mit einbezogen wird. Sobald man also den Kontext bestimmt hat (also beispielsweise eruiert hat, ob es sich um Spiel oder Ernst handelt), sollte sich – so die gängige Auffassung in der Hermeneutik – auch erschließen, was der Fall ist. Die gesprochenen Worte, der vorliegende Text hat jetzt einen Sinn und keinen anderen, der vom Kontext gestiftet wird. [1]

Für unterschiedliche methodologische Zugänge finden sich jedoch eigene Vorstellungen davon, was als der Kontext zu betrachten ist, der den Sinn bestimmt. OEVERMANN, ALLERT, KONAU und KRAMBECK (1979) gingen von einem objektiven Sinn aus, MANNHEIM (1923) von einem dokumentarischen Sinn, Vertreter/innen der sozialphänomenologischen Tradition von subjektiv gemeintem Sinn. GOFFMAN (1996 [1972]) wiederum lehnte sich an BATESONs (1981 [1972]) Untersuchungen zum Spielverhalten von Tieren an und suchte soziale Tatsachen über das Konzept des Rahmens zu klären. Innerhalb der eigenen Gruppe erscheint so etwa derselbe Sachverhalt als Spiel, in Beziehung zu Fremden als Kampf, wobei zu beachten ist, dass das "Spielverhalten etwas an sich bereits Sinnvollem genau nachgebildet" ist – hier dem Kämpfen, "einer wohlbekannten Art orientierten Handelns" (GOFFMAN 1996 [1972], S.52). Es geht also darum zu klären, "was in Interaktionen und Aktivitäten eigentlich vor sich geht" (KNOBLAUCH 2000, S.172). [2]

Bereits die Pluralität der methodologischen Zugänge verweist darauf, dass das, was der Kontext ist, auf den hin eine Tatsache interpretiert werden muss, mithin nicht ex ante zu bestimmen ist, sondern sich selbst wiederum dem anschließenden interpretativen Rahmen verdankt. Darüber hinaus stoßen Sozialforscher/innen immer wieder darauf, dass Sinnartikulationen mehrdeutig, widersprüchlich oder vage sind. Mit BACHTIN (1971 [1929]) könnte man sagen, dass soziale Tatsachen immer polyphon sind. Eine soziale Tatsache hat häufig nicht nur einen Sinn, sondern mehrere. Eine Tatsache steht nicht in einem Kontext. Sie ist polykontextural (GÜNTHER 1979a). So funktioniert etwa Alltagskommunikation im Sinne der Herstellung von Anschlussfähigkeit (etwa LUHMANN 1997) eben nicht nur, wenn die Anwesenden eine gemeinsame Wirklichkeit konstruieren oder ein von ihnen geteilter Rahmen anliegt. Sie funktioniert tatsächlich auch immer dann, wenn man einander missversteht, wenn unterschiedliche Rahmen anliegen – ohne dass dies als Fehlrahmung auffallen würde. Kommunikation funktioniert gerade deshalb, weil man sich nicht verstehen muss. [3]

In der Sozialforschung wurden zwei Weisen entwickelt, mit den hiermit einhergehenden Querelen umzugehen: zu versuchen, Eindeutigkeit herzustellen oder die Kontingenz selbst als Ausgangspunkt der interpretativen Arbeit zu nehmen. Bei letzterem Ansatz würde man versuchen, mit den Mitteln der Hermeneutik die vagen oder widersprüchlichen Aussagen durch logisch eindeutigere Ausdrücke zu substituieren und deren Äquivalenz mit dem ursprünglich Gemeinten zu behaupten. Somit erhält man die Idee aufrecht, dass es einen Sinn hinter der Tatsache gibt. [4]

Umgekehrt lässt sich, wie die Väter der Ethnomethodologie es vorgeschlagen haben, davon ausgehen, dass es keine befriedigende Lösung gibt, da – so die zentrale Einsicht von GARFINKEL und SACKS (2004 [1976]) – indexikalische Ausdrücke nicht "repariert" werden können.1) Der Versuch, eine eindeutige Interpretation von Aussagen zu erreichen, mündet aus dieser Perspektive per se in eine Sackgasse – ein Problem, das in der Alltagspraxis nur durch ein vorlaufendes, implizites Verständnis der Beteiligten gelöst wird. Fruchtbarer erscheine es vielmehr zu schauen, wie Akteur/innen mit diesem Dilemma umgehen. [5]

Wenn man das zugrundeliegende Problem auf diese Weise ernst nimmt, richtet sich der Blick auf die Frage, wie Menschen der Kommunikation Sinn abringen können. Es zeigt sich dann, dass die natürliche Logik der Sprache (LAKOFF 1971 [1970]) gerade darin besteht, keine unmittelbare Beziehung zwischen Begriff und Bezeichnetem zu verfolgen. Sie leistet viel mehr – nämlich die Koordination von komplexen Beziehungen und Erwartungen in unklaren Sachlagen. Um dies erfüllen zu können, muss Sprache per se mehrdeutig und mehrdimensional sein. Sie muss hinreichend Raum für Ambivalenz und Ambiguität bieten, um diese Koordinationsfunktion erfüllen zu können. Wenn Verstehen immer "Missverstehen ohne Verstehen des Miss" ist, wie LUHMANN (1996, S.173) schrieb, funktioniert Kommunikation also gerade deshalb, weil soziale Sachverhalte immer unterschiedlich interpretiert werden können. Es ginge dann in der interpretativen Sozialforschung also gerade nicht darum, sinnhafte Äußerungen richtig verstehen zu wollen, sondern das systematische Missverstehen zu betrachten und die Ordnung, die sich daraus bildet zu erschließen. [6]

Wie aber lässt sich vor dem Hintergrund dieses Sachverhalts sinnvoll Sozialforschung betreiben? In der Ethnomethodologie wird vorgeschlagen, die Frage nach dem eigentlichen Sinn einzuklammern und stattdessen zu schauen, mit welchen Alltagspraktiken die Beteiligten einer Interaktion mit einem Problem umgehen. Auch NASSEHI und SAAKE (2002) schlossen an den ethnomethodologischen Lösungsvorschlag an, wobei sie jedoch zusätzlich untersuchen wollten, mit welchen Praktiken, mit welchen Skripten und in Referenz auf welches Funktionssystem die Kontingenzen alltäglicher Sinninterpretation geschlossen werden, um eine kohärente Weltsicht bzw. stabile soziale Strukturen aufbauen zu können. Mit beiden Ansätzen hält man jedoch – ähnliche wie mit der Akteur-Netzwerk-Theorie – das Verhältnis von Theorie und Methode recht locker und verzichtet damit auf methodische Kontrolle (HIRSCHAUER & BERGMANN 2002). Damit wird das Kind gewissermaßen mit dem Bade ausgeschüttet. Wir plädieren daher für einen dritten Weg, bei dem wir davon ausgehen, dass gleichzeitig Mehreres der Fall sein kann, jedoch die Interpretation dessen, was vor sich geht, weder beliebig ist noch sich einem systematischen methodologischen Zugang entzieht. [7]

Die Herausforderung einer solchen Position liegt mithin darin, dass nicht mehr eineindeutig gesagt werden kann, was eigentlich der Fall ist – stattdessen kann gleichzeitig mehreres, möglicherweise gar sich Widersprechendes der Fall sein. Denn eine Welt, in der dieselbe Tatsache Unterschiedliches zum Ausdruck bringt, sprengt die Grenzen der klassischen Logik. Das tertium non datur, das Gesetz des ausgeschlossenen Dritten, verliert seine Gültigkeit. Aus diesem Grund möchten wir unsere Überlegungen entlang der mehrwertigen Logik Gotthard GÜNTHERs (1978) entfalten. [8]

Qualitative Sozialforschung vor dem Hintergrund einer solchen Theorie der Polykontexturalität zu betreiben, hat sich an verschiedenen Gegenständen bewährt. Angefangen von Biografien und Bildungsprozessen (MAROTZKI 1990), der Analyse von Dialogen (KRZYCHAŁA 2019) und ärztlicher Entscheidungsfindung (VOGD 2004a, 2004b) über Pflegepraxis (SCHLOETER 2017), Fragen der Managementforschung (JANSEN 2013; VOGD, FEISST, MOLZBERGER, OSTERMANN & SLOTTA 2018), der Schul- und Hochschulentwicklung (GOLDMANN 2017; HAHN 2017) bis hin zu religiösen Praxen (VOGD & HARTH 2015, 2019; VOGD, HARTH & OFFNER 2015) zeigt sich eine Theorie der Polykontexturalität im Anschluss an GÜNTHER (etwa 1979a, 1979b) fruchtbar. [9]

Gleichzeitig bleibt die methodisch kontrollierte Anwendung ein Desiderat. So hoben VOGD und HARTH (2019, §6) hervor, dass die Interpretationspraxis, "also der Prozess, bei dem über die Analyse von Textmaterial (seien es Interviews oder Protokolle teilnehmender Beobachtung) polykontexturale Lagerungen und Arrangements herausgearbeitet werden können, [...] bislang bestenfalls überblickartig dargestellt" wurde. Ähnlich merkte BOHNSACK (2017, S.244) an, dass die Theorie der Polykontexturalität "zwar einen ausreichend komplexen – allerdings rein theoretischen – Zugang" zu vielen Feldern biete. Hält man eine eher lockere Kombination aus Theorie und Betrachtung, die weitestgehend auf methodische Kontrolle verzichtet (wie etwa NASSEHI & SAAKE 2002), nicht für erstrebenswert, besteht hier eine Lücke. [10]

In diesem Sinne möchten wir im Anschluss an VOGD und HARTH (2019) einen Vorschlag für eine Feinanalyse von Texten machen, der auf die Rekonstruktion polykontexturaler Verhältnisse abzielt. Wir gehen dabei mit WITTGENSTEIN (2003 [1922]) davon aus, dass jeder Text im Sinne der Aussagenlogik eine oder mehrere wahrheitsfähige Aussagen über die Welt enthält, mit denen eine Ontologie bzw. ein logisches Abbild der Welt vorgeschlagen wird. Jeder Text stellt so eine Verkettung von Propositionen dar, die eine Ontologie formen. Diese lässt sich auf der Inhaltsebene rekonstruieren. [11]

Gleichzeitig weist jeder Text jedoch eine Vielzahl von Aussagen auf, die keinen eindeutigen ontologischen Gehalt haben, mehrdeutig oder im Sinne einer strengen logischen Analyse als unsinnig erscheinen (AUSTIN 1975 [1962]; WITTGENSTEIN 2008 [1953]). Diese Aussagen können im Anschluss an GÜNTHER (1976) als Transjunktionen gefasst werden, als Operationen, mit denen verschiedene logische Räume in ein Verhältnis gesetzt werden. Sie weisen über den jeweiligen logischen Raum hinaus und zeigen, dass im Text mehrere logische Räume ineinandergreifen. Diese können dann – widerstreitend, harmonierend, sich aufeinander beziehend oder zueinander beziehungslos – in- und miteinander verwoben sein. [12]

Wir möchten daher im Folgenden die Rekonstruktion polykontexturaler Arrangements entlang dreier Gedanken entwickeln:

  • Jeder Text ist immer eine Geschichte von Widersprüchlichkeiten. Diese lassen sich durch eine Methode der logischen Kondensation rekonstruieren. Logische Kondensation meint dabei, den Text in rigider Form auf Aussagen mit einem eindeutig identifizierbaren Wahrheitsgehalt zurückzuführen, sowie die Identifikation der Textstellen, an denen dieses Vorgehen scheitert oder zu Widersprüchen führt.

  • Die erarbeiteten Bruchlinien können in der Folge als Indiz dafür genommen werden, dass unterschiedliche logische Räume auftreten, also polykontexturale Arrangements zum Ausdruck kommen.

  • Entsprechend lässt sich entlang der rekonstruierten Räume ein Arrangement als spezifische Form bzw. Systematik der Verkettung von Propositionen erarbeiten.2) [13]

Da unsere Überlegungen wesentlich auf der Sprachphilosophie, insbesondere der von WITTGENSTEIN und AUSTIN aufbauen, möchten wir in Abschnitt 2 darauf eingehen, wie sich Polykontexturalität in der Sprache finden lässt. Dabei sind vor allem jene Elemente von Interesse, die WITTGENSTEIN (2003 [1922]) im "Tractatus" als unsinnig oder sinnlos bezeichnet hat. Neben Widersprüchen rückt dabei insbesondere die propositionale Struktur von Texten in den Fokus. Im Anschluss (Abschnitt 3) wird der hier vorgeschlagene methodologische Zugang in vier Schritten entwickelt. Im 4. Abschnitt wird das Vorgehen am Beispiel eines schizophrenen Patienten aus dem Maßregelvollzug vorgestellt. [14]

2. Die Polykontexturalität des Textes

Im Folgenden möchten wir uns mit dem Datenmaterial beschäftigen, das typischerweise der Interpretation zugrunde liegt: dem Text.3) Dabei stellt sich die Frage, wie sich unterschiedliche Bedeutungsräume in einem Text identifizieren lassen. Denn zunächst ist jeder Text ein Bedeutungsraum. Es wird eine Ontologie geschaffen, ein Bild von der Welt. Es werden Antworten auf die Frage gegeben, was der Fall ist und was nicht der Fall ist. Mit jedem Text wird also eine Eindeutigkeit geschaffen – doch in dieser ist Mehrdeutigkeit versteckt. [15]

Im Folgenden möchten wir der These folgen, dass sich Mehrdeutigkeit am besten finden lässt, wenn man versucht, jene Eindeutigkeit zu benennen, die durch den Text herzustellen versucht wird. Das Mittel, mit dem Eindeutigkeit am besten zu benennen ist, ist die Aussagenlogik. Mit dieser lässt sich die Ontologie des Textes schärfen und kondensieren, wobei dann jene Stellen ins Auge fallen, an denen eine solche Schärfung schwerfällt. [16]

Die wohl eindrücklichste Auffassung einer ontologischen Vorstellung von Sprache in der Logik vertrat der frühe WITTGENSTEIN (2008 [1953]). Sprache, so seine These, muss verstanden werden als ein Bild von der Welt, das sich auf Sachverhalte bezieht. Jeder Satz ist so nicht nur eine Aussage im rein sprachlichen Sinne, sondern eine Proposition im ontologischen Sinn.4) Mit einer Aussage wird ein Bild von der Welt vorgeschlagen, proponiert. Eine Proposition in diesem Verständnis muss also eine wahrheitsfähige Aussage sein, es muss etwas über die Welt gesagt werden, das wahr oder falsch sein kann. Alle sprachlichen Phänomene, die dies nicht tun, die nicht etwas als so-und-so-seiend bezeichnen, sind nach WITTGENSTEIN entweder sinnlos oder unsinnig.5) [17]

Die Sprache zerfällt im Verständnis WITTGENSTEINs hier also in zwei Bereiche: Auf der einen Seite stehen sinnvolle Propositionen (das ist so und so). Auf der anderen Seite steht alles andere, all jene Aussagen, die nicht wahr oder falsch sein können oder mit denen nichts in der Welt benannt wird. Hierzu zählen etwa performative Akte wie Gebete und Befehle, sowie Vermutungen, Hoffnungen, normative Forderungen etc. Schließlich lassen sich in diesem Sinne aber auch Aussagen über Perspektiven von Personen, normative Erwägungen und sogar philosophische Reflexionen selbst begreifen.6) [18]

Mit dieser Bifurkation der Sprache in eine ontologische und eine deontische Seite kann man nun unterschiedlich umgehen. Im Sinne der klassischen Logik interessiert man sich vor allem für die ontologische Seite und bemüht sich darum, möglichst Vieles aus dem zweiten Bereich in den ersten zu überführen sowie den ersten systematisch zu erschließen (etwa TUGENDHAT & WOLF 2010). In der Linguistik wiederum weist man darauf hin, dass die Sprache eine natürliche Logik hat, die mit der philosophischen nicht in Deckung zu bringen ist und interessiert sich für letztere (etwa LAKOFF 1971 [1970]). Uns interessiert an dieser Stelle weder das eine noch das andere, sondern vielmehr der Bruch zwischen beiden. Denn, so die These, wo die eine Logik des Textes scheitert, werden andere sichtbar. Dort, wo Aussagen nicht mehr gänzlich im Sinne einer einfachen Ontologie gefasst werden können, können wir das beobachten, was GÜNTHER (1976) als transjunktionale Operationen bezeichnete: Ereignisse, in denen unterschiedliche logische Räume sich in eine wechselseitige Beziehung setzen und diese Beziehung regulieren. Polykontexturalität wird sichtbar. Beginnen wir zunächst mit dem klassischen Verständnis der Aussagenlogik, also mit einem in der Aussagenlogik sinnvollen Satz aus der natürlichen Sprache, mit einer klassischen Proposition. Diese könnte etwa lauten:

"Die Tür ist offen." [19]

Mit der Proposition wird eine Aussage über einen Sachverhalt in der Welt getroffen (offene Tür). Es handelt sich damit um einen ganzen Satz und nicht nur um einen Namen oder einen Ausruf (TUGENDHAT & WOLF 2010, S.22). Sie kann zudem wahr oder falsch sein. Es wird ein So-und-So-Sein von etwas behauptet. Ebenso können Aussagen über Sachverhalte in der Welt kausale Annahmen sein. So wäre eine klassische Proposition:

"Die Tür ist offen, weil Klaus sie geöffnet hat." [20]

Mit der Proposition wird ein Sachverhalt behauptet, der aus zwei Teilen besteht, die wiederum in einer kausalen (weil ontologisch und nicht logisch gedachten) Beziehung stehen. Es gibt Klaus. Es gibt die Tür. Die Tür ist offen. Das ist so, weil Klaus auf sie eingewirkt hat. Nehmen wir WITTGENSTEIN jedoch ernst und begreifen die Sprache als Bild von der Welt, das entweder wahr oder falsch sein kann und das sich auf einen Sachverhalt in der Welt bezieht, so wird relativ schnell klar, dass nur ein kleiner Teil der sprachlichen Aussagen der klassischen Logik entspricht. Konkret kann das Unterschiedliches bedeuten. [21]

Zunächst fallen jene Aussagen auf, die WITTGENSTEIN (2003 [1922], 4.003) unsinnig nannte und die von AUSTIN als performative Aussagen begriffen wurden. Das trifft auf Bitten und Gebete zu, auf Befehle, Flüche, Aufforderungen und ähnliche Aussagen. Beispiele hierfür wären etwa die Aussagen:

"Öffne die Tür!"

"Tür, öffne dich!" [22]

Hier erscheint die Referenz auf etwas Anderes, etwa auf ein "Du", das angesprochen wird, aber auch eine mögliche Zukunft, in der die Tür geöffnet oder geschlossen sein kann. Der Text wird plötzlich zu einer Stimme, die nicht mehr nur Welt abbildet, wie sie ist, sondern sowohl eine mögliche Welt wie auch eine Perspektive auf die Welt schafft. In diesem Akt wird die Welt, bezogen auf die Generierung (bzw. Enaktierung) von Beobachter/innenpositionen, mindestens gedoppelt. Es gibt einerseits die Stimme des Textes und andererseits das adressierte "Du", zudem noch eine Zukunft mit einem unklaren ontologischen Zustand. Je nach diskursivem Anschluss können sich noch weitere Räume in diesen Aufforderungen verborgen zeigen. Es kann sich etwa um die Inanspruchnahme einer Hierarchie handeln, um eine Provokation, um ein religiöses Ritual. Der Text fungiert hier als transjunktionale Operation, die bestimmte wie unbestimmte Polykontexturalität mit sich führt. [23]

Die Sprache verfügt über vielfältige Mittel, dies auch explizit anzuzeigen. AUSTIN (1975 [1962], S.99ff.) und SEARLE (2013 [1968], S.84ff.) sprachen hier von der lokutionären und illokutionären Ebene der Sprechakte. Der Text weist selbst auf andere Positionen hin. So etwa die Sätze:

"Ich denke, die Tür sei offen."

"Emma sagt, die Tür ist nicht offen." [24]

Der deontische Charakter der Sätze fällt zunächst einmal nicht weiter auf, weil diese expliziten Referenzen im klassischen Sinne als Propositionen funktionieren. So wäre die Proposition "Es gibt ein Subjekt: 'Ich'. Dieses hat die Eigenschaft, zu denken, dass die Tür offen sei" durchaus sinnvoll. Denken erscheint dann als Prädisposition einer Entität.7) Ähnlich ließe sich mit dem zweiten Satz verfahren: "Es gibt die Entität Emma, die die Eigenschaft aufweist, von der Tür die Aussage zu treffen, dass diese nicht offen sei." [25]

Bei näherer Betrachtung handelt es sich jedoch in beiden Fällen um die Verschachtelung mindestens zweier logischer Räume. Denn der propositionale Gehalt der jeweiligen Aussagen bezieht sich nicht mehr auf die Tür, die offen oder geschlossen ist, sondern auf das Denken des Sprechers/der Sprecherin oder das, was Emmas sagt. Darin aber ist eine zweite propositionale Ebene enthalten, nämlich der Zustand der Tür. Es gibt nun zum einen die offene oder nicht offene Tür als möglichen Sachverhalt in der Welt. Daneben aber noch das Denken als Sachverhalt in der Welt, beziehungsweise das Sagen als Sachverhalt in der Welt. Dies wird klar, wenn man sich vor Augen führt, dass beide Propositionen unabhängig voneinander bejaht oder verneint werden können. Es handelt sich um eine Verdopplung der Wahrheitsfunktion. Die Tür kann offen sein, ganz unabhängig davon, ob ich denke, dass sie offen ist oder nicht. Auch die Frage, ob Emma etwas über den Zustand der Tür sagt oder nicht, ist von demselben unabhängig. Die Referenz auf eine Sprecher/innenposition schafft also Polykontexturalität, indem der logische Raum verdoppelt wird. Statt einer wahrheitsfähigen Proposition entstehen derer zwei, die sich jedoch in diesem Beispiel auf denselben propositionalen Gehalt beziehen (nämlich den Zustand der Tür). Doch auch ohne explizite Referenz auf ein "Du" kann eine solche Verdopplung der Welt durch verschiedene Formulierungen erreicht werden. Man nehme etwa folgende Sätze:

"Vermutlich ist die Tür offen."

"Hoffentlich ist die Tür offen." [26]

Auch hier verschiebt sich die Proposition von dem Sachverhalt "offene Tür" zu einem geistigen Zustand. Die Proposition, "Es gibt die Vermutung, die Tür sei offen", kann wahr oder falsch sein, ebenso die Proposition "Es gibt die Hoffnung, die Tür sei offen". Unbestimmt, aber implizit mitgeführt wird jedoch die Frage, ob die Tür tatsächlich offen oder geschlossen ist, von der dieses oder jenes gehofft oder vermutet wird. Auch hier wird die Wahrheitsfunktion verdoppelt, während der propositionale Gehalt derselbe bleibt. Ob ich vermute oder nicht vermute, dass die Tür offen ist, bezieht sich zwar auf die Tür, verändert jedoch nicht die Tatsache selbst, sondern nur das mentale Verhältnis des Sprechers/der Sprecherin zu ihr. [27]

Die Sprache erweist sich als durchwoben von expliziten Referenzen, die die Welt polykontextural werden lassen. Die Sachverhalte in der Welt können die Welt selbst verdoppeln. Das "Du" ist dann nicht nur eine Entität, die kausal wirkt (etwa, wenn es die Tür schließt). Vielmehr bringt es eine Perspektive auf die Welt mit. Es führt die Möglichkeit ein, es mit einer Welt zu tun zu haben, in der die Tür geschlossen (wenn ich es etwa glaube) und dennoch offen ist. [28]

Ähnlich verhält es sich mit dem, was sich im Anschluss an LUHMANN (1984) mediale Codierung nennen ließe. So gibt es Rechtfertigungsordnungen (BOLTANSKI & THÉVENOT 2014 [1991]), Wertsphären (WEBER 1989 [1916], S.479ff.), Referenzen auf Grundsätze und dergleichen, die nach WITTGENSTEIN (2003 [1922], 6.43) keine Sachverhalte in der Welt darstellen. Denn "gut" ist ebenso wenig ein Sachverhalt in der Welt wie "wahr", "Wahrheit", "Knappheit" oder dergleichen.8) Nehmen wir beispielhaft die Sätze:

"Es ist gut, dass die Tür offen ist."

"Offene Türen sind schön." [29]

Hier steht die normative Ordnung neben der faktischen Welt. Die Propositionen beziehen sich auf die Akte des Urteils. "Die offene Tür weist die Eigenschaft auf, gut zu sein", beziehungsweise "offene Türen haben die Eigenschaft, schön zu sei". Normativität tritt neben Faktizität. Es gibt somit die Codierung "offen" mit den Werten wahr/falsch sowie die zweite Codierung mit den Werten gut/schlecht oder schön/nicht schön. Im Unterschied zu den vorherigen Beispielen findet hier die Vervielfachung der Welt nicht nur entlang der Existenz statt, sondern entlang von Bewertungsschemata. Dabei wird deutlich, dass die wissenschaftliche Ontologie, also die Unterscheidung von wahr/nicht wahr selbst nur ein mögliches Schema ist. Auch zeigt sich, dass in der jeweils konkreten Proposition die Mehrwertigkeit der Bedeutung noch nicht exakt bestimmt ist. So kann es Verschiedenes bedeuten, wenn man sagt, dass etwas gut sei. [30]

Sowohl die Referenzen auf eine konkrete "Du"- und "Sie"-Perspektive wie auch auf unterschiedliche Wertsysteme können jedoch nicht nur explizit, sondern auch implizit ausgedrückt werden. Dies wird deutlich, wenn man einen näheren Blick auf die Pragmatik jener Aussagen wirft, die WITTGENSTEIN als unsinnige Aussagen betrachtete und von sinnlosen unterschied. Unsinnige Aussagen würden etwa lauten:

"Die Tür ist offen und geschlossen."

"Die Tür ist offen, weil sie offen ist." [31]

Zunächst mag man denken, dass in der Alltagssprache derlei Aussagen praktisch nicht vorkommen. Wer sagt schon: "die Tür ist offen und geschlossen"? Tatsächlich ist es richtig, dass explizite Tautologien und Kontradiktionen nicht sehr häufig sind. Implizit lassen sie sich jedoch vielfach finden. Mit der Alltagssprache werden Kontradiktionen und Tautologien häufig verdeckt. So sagt man tatsächlich selten, die Tür sei offen und geschlossen. Niemand wird sich jedoch wundern, wenn man auf die Frage, ob die Tür offen oder geschlossen sei, antwortet, dass diese nur angelehnt ist. Tatsächlich ist die Aussage "die Tür ist angelehnt" eine voll brauchbare Proposition. Im Kontext jedoch, als Antwort auf die Frage, wird sie eine ambivalente oder kontradiktorische Aussage. "Angelehnt" meint als Antwort auf die Frage hier genau das: "weder noch!" Es meint: "Ja, die Tür ist offen. Geschlossen ist sie jedenfalls nicht. Richtig offen ist sie aber auch nicht." Die Antwort "die Tür ist nur angelehnt" wird gewählt, um eine dritte Position zu artikulieren, um eine neue Kontextur zu eröffnen (GÜNTHER 1978, S.103ff.). Ähnlich verhält es sich mit der Frage, ob etwas vorhanden sei oder nicht, und die Antwort lautet: "im Hintergrund" oder "gelegentlich". Auch hier gilt es, die Frage zu stellen, was der Fall ist. Geschieht etwas gelegentlich oder steht etwas im Hintergrund, so gibt es eben einen Raum, in dem der betreffende Sachverhalt der Fall ist und einen Raum, in dem er nicht der Fall ist. [32]

Kontradiktionen werden also in der angewandten Alltagssprache häufig verdeckt. Dasselbe gilt für Tautologien. So mag man vielleicht die Aussage "die Tür ist offen, weil sie offen ist" zunächst als unsinnig empfinden. Bei näherer Betrachtung jedoch gibt es durchaus eine Reihe von Kontexten, in denen sie keineswegs unsinnig ist. So ließe sich etwa ein Streit darüber vorstellen, warum denn die Tür offen sei. Auf einer etwas höheren Eskalationsstufe (GLASL 2014) mag es durchaus als sinnvoll (wenn auch keineswegs deeskalierend) empfunden werden, wenn eine der Konfliktparteien ausruft "Die Tür ist offen, weil sie offen ist!" und damit meint, dass sie auch keine Auskunft darüber geben könne, warum die Tür nun offen sei oder dass man keine Lust mehr hat, darüber zu reden. "Die Tür ist offen, weil sie offen ist", kann heißen: "Finde dich damit ab!". Auch hier gilt – tertium datur! –, dass es nicht um den ontologischen Status der Tür geht (was ist der Fall), sondern um den Status der Beziehung zwischen den Sprecher/innen. [33]

Die Bedeutung der Sprache ergibt sich in ihrem Gebrauch (WITTGENSTEIN 2008 [1953], S.16ff.). Was auf der propositionalen Ebene als Tautologie erscheint, hat auf illokutionärer Ebene durchaus Sinn. Eine Aussage zeigt sich dann als Verschränkung zweier logischer Räume: der Sachebene und der Beziehungsebene (WATZLAWICK, BEAVIN & JACKSON 1996 [1969]). Letztere wird durch die Tautologie markiert. Sie wird sichtbar, indem die Tautologie als etwas interpretiert wird, was Sprecher/innen miteinander tun, um ihr Verhältnis zueinander zu gestalten. [34]

Ähnlich verhält es sich mit der Paradoxie, die in der Aussage "die Tür ist angelehnt" verborgen ist. Sie bezieht sich auf etwas Drittes, etwa den Erwartungshorizont der angesprochenen Person, die sich nicht davon abschrecken lassen möge, dass die Tür geschlossen aussieht. Die Tür ist zwar offen, aber in einem anderen logischen Raum (etwa der Erwartungsstruktur einer vor ihr stehenden Person) mag sie durchaus geschlossen erscheinen. Hierdurch treten Vorstellungen und Erwartungen in eine Welt vermeintlich objektiver Tatsachen ein (nämlich als individuelle Wahrnehmung der Tür durch die Person). [35]

Was gerade in den letzten Beispielen deutlich wird, sich aber schon in vorherigen Beispielen angedeutet hat, ist die Rolle der Diskursorganisation. Eine einzelne Proposition "enthält" selbst keine Polykontexturalität. Sie scheitert nur an der positiven Bestimmung der Welt als zweiwertig. Was Polykontexturalität konkret bedeutet, stellt sich hingegen häufig erst im Anschluss dar – so im Fall des Beispiels mit der angelehnten Tür. Aber auch etwa der Befehl: "Öffne die Tür!" kann verschiedenste Räume in sich bergen. Es können Personen oder Organisationen hinter einem solchen Befehl verborgen sein, wie auch mediale Codierungen. Doch ebenso gut können zeitliche, räumliche oder normative Kontexturen auftauchen. [36]

Innerhalb der dokumentarischen Methode erscheinen Propositionen daher als wichtige Indizien für die Rekonstruktion der Orientierungsrahmen, auf die dieses Verfahren der rekonstruktiven Sozialforschung ja abzielt.9) Insbesondere Aglaja PRZYBORSKI (2004) hat den Begriff der Proposition in einer differenzierteren Weise für die Analyse innerhalb der dokumentarischen Methode nutzbar gemacht. Sie verwendete den Begriff "Proposition" im Sinne von "Orientierungsgehalt" bzw. von "Diskurseinheiten", die in "Diskursbewegungen", also dem Verlauf eines Textes bzw. Gesprächsprotokolls, vorkommen (S.63). In PRZYBORSKIs Terminologie bedeutet "[e]twas 'proponieren'" einen "Orientierungsgehalt aufwerfen" (a.a.O.), was für uns in Anklang an WITTGENSTEIN (2003 [1922], 2.11) und die linguistische Semantik heißt, einen logischen Raum aufzumachen, indem postuliert wird, was der Fall ist. Was das genau ist, etwa welche Proposition letztlich gemacht wird, wenn Interviewende eine Frage stellen, wird im diskursiven Anschluss klar. Der Text zeigt sich dann als die Art und Weise, in der Propositionen aufeinander Bezug nehmen. [37]

Im Einzelnen wird so zunächst eine Proposition identifiziert, dann geschaut, ob der mit ihr aufgeworfene Orientierungsgehalt validiert und im weiteren Verlauf durch weitere Textteile elaboriert wird. PRZYBORSKI sah auch in ihren empirischen Analysen, dass auf eine Proposition "nicht notwendigerweise eine Validierung" folgt. Die "Diskursbewegung" kann auch "einer anderen semantischen Form (z.B. eine Antithese)" folgen, indem andere, in ihrem Gehalt abweichende oder gar widersprechende Propositionen aufgeworfen werden (2004, S.59). Die von PRZYBORSKI identifizierten und für die weitere Analyse hoch bedeutsamen Diskontinuitäten im Diskursverlauf erscheinen in unserer Sprache als Kontexturabbruch. Wir treffen auf eine zweite Kontextur, in der etwas anderes der Fall ist, eine divergierende Perspektive. [38]

3. Die vier Schritte der Interpretation

Aus dieser Ausgangssituation, so die These, lässt sich ein methodisch kontrolliertes Verfahren zur Rekonstruktion polykontexturaler Zusammenhänge herleiten – zumindest solange wir es mit Texten als Datenmaterial zu tun haben. Dabei gehen wir unter dem Kunstgriff einer gezielten methodologischen Verfremdung zunächst davon aus, dass jeder Text als Zusammenhang bzw. Set von Aussagen fungiert und im Sinne des frühen WITTGENSTEIN (2003 [1922], 2.11) einen logischen Raum bildet, der wiederum als Abbild der Welt verstanden werden kann. In diesem Sinne ist jeder Text klassisch aristotelisch und monokontextural. [39]

Gleichzeitig jedoch weist jeder Text eine Menge von Formulierungen, Ausdrücken, ja, ganzen Sätzen auf, die im Sinne der aristotelischen Logik nicht recht funktionieren wollen. Kein natürlicher Text ist im logischen Sinne ein-eindeutig. Vielmehr ist er voller Ambiguitäten, voller Widersprüche, voller performativer Akte, die im Sinne der klassischen Logik unsinnig sind. Ruft etwa jemand "Hey, du da!", so handelt es sich bei diesem Satz nicht um ein Bild von der Welt, auch wenn ein gewisser propositionaler Gehalt mit ihm verbunden ist (es gibt ein "Du"). Performative Akte verweisen implizit auf Möglichkeiten verschiedener Anschlüsse, die wieder unterschiedliche Szenarien aufscheinen lassen. Der Anschluss bestimmt, was der Fall ist – ohne dass damit der Reichtum des vorhergehenden Satzes aufgehoben wäre. Welten lassen sich auch dadurch verdoppeln, dass nicht gewählte Gegenwarten im Konjunktiv – etwa als das, was hätte sein können und sein sollen – mitgeführt werden. [40]

Die Mehrdeutigkeit eines Textes kann dabei konkret in unterschiedlicher Weise erscheinen. So enthalten die meisten Texte zum einen unterschiedliche Aussagen, die auf verschiedene logische Räume verweisen, die miteinander inkommensurabel sind (beispielsweise sind finanzielle Kosten logisch nicht mit Schönheit, Recht, Liebe, Wahrheit oder Gewohnheit verrechenbar). Zudem beinhalten Texte, wie gesagt, in der Regel eine Vielzahl ontologisch nicht wahrheitsfähiger Aussagen (Konjunktive, Wünsche, Zweifel, Appelle und andere Imaginäre). Das fällt uns weiter nicht auf, weil die natürliche Sprache ihren eigenen Regeln folgt. Der späte WITTGENSTEIN (2008 [1953]) sprach hier von Sprachspielen und betonte, dass die Bedeutung von Aussagen aus ihrer Anwendung erwachse. LAKOFF (1971 [1970]) sprach von einer natürlichen Logik, die nicht in der formalen Struktur der semantischen Linguistik aufgehe. [41]

Damit ist jedoch die Bedeutung von Propositionen nicht aufgehoben. Denn im Kern sind wir alle weiterhin natürliche Realist/innen, die schon allein aus alltagspraktischen Gründen wissen wollen, was der Fall ist. Es geht im normalen Leben weiterhin darum, herauszufinden, ob die Sätze, die für den Lebensvollzug relevant sind, wahr sind oder nicht (etwa ob die Haushaltsplanung richtig ist oder in ein finanzielles Desaster führt; das geplante Vorgehen rechtmäßig ist; mein Partner/meine Partnerin mich noch liebt oder nicht; meine Wahrnehmung korrekt ist etc.). [42]

Auf den ersten Blick scheint sich hier ein Widerspruch zu ergeben: Wie kann es sein, dass einerseits Propositionen mit Blick auf das, was der Fall ist, für uns so wichtig sind, dass aber andererseits unsere Alltagssprache im Sinne des naiven Realismus logisch so unkorrekt ist? Mit Blick auf die vorangehenden Ausführungen lautet die Antwort, dass es nur unsinnig wäre, wenn wir in einer monokontexturalen Welt leben würden, in der es nur eine Wahrheit, nur eine Perspektive, nur eine vorab definierte und berechenbare Entwicklung der Welt gibt. Menschen (und andere komplexe Systeme) sind sich selbst und anderen gegenüber jedoch intransparent. Kontingenz und Vagheit sowie der Versuch, mittels Reflexion – also der imaginären Verdoppelung von Welt – mit ihnen umzugehen, sind entsprechend konstitutiv für ihre Praxis. Genau dies drückt sich durch ihre Artikulation und den hiermit einhergehend generierten Text aus. Ab einem gewissen Reflexionsvermögen wird das unzugängliche Andere (und das unzugängliche Selbst) nolens volens mitbehandelt und entsprechend artikuliert. [43]

Da aber mit jedem hiermit entstehenden Text in Referenz auf polyzentrische, soziale und psychische Verhältnisse mehrere logische Räume gleichzeitig prozessiert werden, müssen diese Texte polyphon und mehrwertig sein, um den natürlich gegebenen Verhältnissen, die eben polykontextural gelagert sind, angemessen zu sein. Im Alltag fällt dies in der Regel nur deshalb nicht auf, weil jede Beobachtung von jeweils einer bestimmten Position aus und nicht von mehreren gleichzeitig erfolgt, sich also in der Praxis die unterschiedlichen hiermit einhergehenden Weisen der Welterzeugung abwechseln. [44]

Entsprechend können wir ein methodisches Vorgehen ableiten, mit dem man bei der einzelnen Proposition anfängt und dann schaut, an welcher Stelle der durch sie aufgespannte logische Raum überschritten wird. Man spürt Widersinn im Verständnis der klassischen Logik auf und fragt danach, aus welcher Perspektive, mit Blick auf welche Rahmenwechsel das vermeintlich Unsinnige sinnvoll wird. Doch genau dies funktioniert am besten, wenn wir den Text im aussagenlogischen Sinne verdichten, also den hier zum Ausdruck kommenden Propositionen nachspüren, d.h., Aussagen und Inhalte als Wahrheitsfunktionen betrachten. Wir beginnen entsprechend mit dem frühen WITTGENSTEIN (2003 [1922], 1ff.) zu fragen, "Was ist der Fall" und "Was ist nicht der Fall", um dann an den Stellen, wo sich das nicht eindeutig bestimmen lässt, Indizien für einen Kontexturwechsel zu suchen. So haben wir die erste Spur, die uns zur Rekonstruktion polykontexturaler Verhältnisse führt. [45]

Zusammengenommen erfolgt die Interpretation in vier Schritten. In einem ersten Schritt wird das Interviewmaterial als positives Datum im Verständnis einer formulierenden Interpretation (BOHNSACK 2003, S.135f .) erschlossen. Der Text erscheint hier als ein logischer Raum, der eine im Sinne des Common Sense nachvollziehbare Welt darstellt. Im zweiten Schritt, der logischen Kondensation, findet die aussagenlogische Verdichtung statt. Hier werden Sinnigkeit und Widersinnigkeit einzelner Aussagen herausgearbeitet. Im dritten Schritt, der reflektierenden Interpretation, spüren wir logische Brüche und Widersprüche auf und identifizieren transjunktionale Operationen (GÜNTHER 1976), mit denen eine Kontextur relativiert und negiert wird, um auf eine andere Kontextur zu verweisen. Darauf aufbauend, in der Fallbeschreibung, geht es darum, die hiermit einhergehenden Arrangements – BATESON (1981 [1972]) würde von Ökologie –sprechen – zu rekonstruieren. [46]

3.1 Formulierende Interpretation

Die formulierende Interpretation zielt darauf, den immanenten Sinngehalt eines Textes aufzuschließen, also zu rekonstruieren, was im Common Sense des Textes der Fall ist. Die formulierende Interpretation verläuft üblicherweise in zwei Schritten:

"Zunächst verschaffen wir uns beim Abhören der Bänder einen Überblick über den thematischen Verlauf der Gesamtdiskussion [oder des Interviews], indem wir nach Ober- und Unterthemen gliedern und jeweils vermerken, ob dieses Thema von der Gruppe selbst oder von Diskussionsleitern initiiert wurde. Die einzelnen Themen können durch eine kurze Inhaltsangabe der thematischen Passage ergänzt werden.

In einem zweiten Schritt wählen wir jene Passagen aus, die zum Gegenstand reflektierender Interpretation werden sollen [...].

Hier wird aber auch jene Passage ausgewählt, die unabhängig von dem in ihr behandelten Thema, unserem ersten später dann zu überprüfenden Eindruck nach, sich durch besondere interaktive und metaphorische Dichte auszeichnet [...].

Die aufgrund ihrer thematischen Relevanz ausgewählte Passage sowie diejenige, die sich durch besondere interaktive Dichte und besonderes Engagement auszeichnet, werden nun einer detaillierten formulierenden Interpretation unterzogen, mit der die thematische Feingliederung herausgearbeitet wird [...]" (BOHNSACK 2003, S.135). [47]

Dabei kann es sein, dass sich der Sinn bestimmter Formulierungen nicht unmittelbar erschließt. Solche Formulierungen "fließen als Zitate in die formulierende Interpretation ein" (PRZYBORSKI 2004, S.55). Ebenso werden ursprüngliche Formulierungen, deren "Reformulierung eher zu einer Verkomplizierung des Textes führt" (a.a.O.), wörtlich wiedergegeben. Wir folgen diesem Vorschlag, erweitern aber die Kriterien für die zur Weiterbearbeitung auszuwählenden Interviewpassagen. Es interessieren nicht nur die Abschnitte mit einer besonderen interaktiven Dichte, sondern auch Passagen, die widersprüchlich, tautologisch oder anderweitig unverständlich erscheinen, da gerade hier Kontexturbrüche und transjunktionale Operationen zu vermuten sind. [48]

Im Anschluss an SCHÜTZE (1983) gilt es dabei, die Differenz von Textsorten zu beachten. Während eine Erzählung auf eine gelebte Praxis verweist, tun dies nicht-narrative Passagen nicht ohne weiteres. Daraus wäre jedoch nicht der Schluss zu ziehen, nicht-narrative Passagen zu eliminieren, sondern sie analytisch anders zu behandeln. Denn auch theoretisches Wissen ist handlungsleitend. Gerade wenn es um Bezugsprobleme geht, die mit institutionellen Spannungsfeldern einhergehen, sind insbesondere die theoretisierenden Passagen von hoher Relevanz, da sich aus ihnen Rückschlüsse ziehen lassen, wie logisch inkommensurable Kontexturen alltagspraktisch zueinander in Beziehung gesetzt werden (etwa in Form partieller, differenzierter oder undifferenzierter Rejektionen, siehe JANSEN, VON SCHLIPPE & VOGD 2015). [49]

3.2 Logische Kondensation

In der logischen Kondensation wird der Ursprungstext aussagenlogisch verdichtet. Eine Erzählung, ein Bericht, ein Diskurs, eine Interaktion oder eine Reflexion wird in Hinblick auf die propositionalen Gehalte kondensiert und anschließend in ein System von Prämissen und Schlüssen übersetzt. Dabei werden synonym verwendete Begriffe zu einem Begriff zusammengezogen. Äquivalente Aussagen, Wiederholungen und Reformulierungen werden zu einem Satz kondensiert. Auch gilt es, Attribute und Adverbien aus der jeweiligen Struktur zu trennen, in eigene Aussagen zu transferieren und die Prämissen der jeweiligen Aussagen deutlich zu machen. Dies dient insbesondere dazu, explizit genannte Reflexionspositionen hervorzuheben und deutlich zu machen, wo diese wechseln. Parallel sollten Memos über Sprecher/innenpositionen und mögliche reflexive Räume angefertigt werden. Ziel ist es, die oben beschriebenen Bruchstellen zu identifizieren. Diese werden dabei durch unterschiedliche Techniken herausgearbeitet. [50]

Am einfachsten erscheint es, explizite Referenzen zu verdeutlichen ("Du", "Er", "Gott" etc.). Diese werden im Text zunächst zusammengezogen und als Prämisse markiert. Die Aussage "Emma sagt, die Tür sei offen. Sie hat nicht recht" wäre etwa zu kondensieren als "Gegeben: SprecherIn (der betreffenden Aussage); Emma. Emma sagt, die Tür ist offen. Die Tür ist nicht offen." Parallel wird Emma als eine Sprecher/innenposition auf einem Memo notiert. Für die weitere Interpretation wird in der so freigelegten Kontradiktion sowie aufgrund der Referenzen deutlich, dass sich ein Widerspruch zwischen zwei Sprecher/innenpositionen im Hinblick auf die Proposition "Tür offen" ergibt. [51]

Schwieriger wird es bei der Vielzahl impliziter Referenzen, die sich in einem Text ergeben. Denn der Text schafft seine eigene Plausibilität, in der Ambivalenzen, Tautologien und Kontradiktionen überlesen werden. Deutlich wird dies beispielsweise an Modalwörtern wie "eigentlich", "vielleicht", "relativ", "irgendwie", die eine Mehrdeutigkeit einführen, also offenlassen, ob etwas der Fall ist oder nicht. Auch Formulierungen wie "etwas tritt in den Hintergrund" können in diese Kategorie gehören, wenn etwa offenbleibt, ob der proponierte Sachverhalt kausal relevant ist oder nicht. Gerade die in diesen Worten verdeckten Ambivalenzen, Kontradiktionen und Tautologien gilt es jedoch scharf zu stellen. Für die aussagenlogische Verdichtung gilt der Satz: "Ein Ereignis trifft ein, oder es trifft nicht ein, ein Mittelding gibt es nicht" (WITTGENSTEIN 2003 [1922], 5.153). So wäre etwa ein "die Tür ist vielleicht, 'relativ' oder 'irgendwie' geschlossen" zu kondensieren als "die Tür ist offen und geschlossen". [52]

Ähnlich ist mit performativen Akten zu verfahren, aus denen häufig jedoch die impliziten Sprecher/innenpositionen nicht direkt hervorgehen. Sie müssen aus dem Kontext erschlossen werden. Die Aussage "Öffne die Tür" wäre dann folgendermaßen zu kondensieren: "Gegeben: Sprecher/in; Adressat/in. Tür offen; Tür geschlossen." Deutlich gemacht wird hier die doppelte Referenz auf die Tür, die im Befehl offen ist, faktisch aber geschlossen, ebenso die Referenz einer Person auf die andere. Der Text wird also durch die Kondensation künstlich verfremdet. [53]

Eine weitere Technik der aussagenlogischen Verdichtung ist die Rekonstruktion des Kausalnexus eines Textes. Hier gilt es, zeitliche Verläufe im Sinne von Prämissen und Folgen zu reformulieren. Eine biografische Erzählung würde entsprechend übersetzt werden in eine Folge kausaler Wenn-Dann-Beziehungen, sowie Aussagen darüber, was der Fall ist und was nicht. Dabei wird gerade im Hinblick auf die Zukunft deutlich, dass nicht selten paradoxe Beziehungen die Folge sind. Das gilt etwa für ausgedrückte Hoffnungen, Erwartungen und Wünsche, die an einer Stelle der Kausalkette affirmiert, an anderer suspendiert werden. Sagt beispielsweise jemand "Ich habe keine großen Erwartungen, dass Du morgen kommst", so wäre zum einen festzuhalten, dass Erwartungen bestehen, die einem Ich zugerechnet werden. Stellt man jedoch auch an die zweite Proposition die Frage, was der Fall ist, so zeigt sich, dass hier eine Bifurkation durch die unsichere Zukunft entsteht. Zu formulieren wäre so etwa: "Es gibt ein Ich-Subjekt. Dieses Ich hat Erwartungen, dass X kommt. Die Erwartungen sind nicht groß. X kommt und X kommt nicht." [54]

Auch in Passagen, die ein Vorher und Nachher benennen oder solchen, die von einer Zukunft handeln, können sich im Sinne der propositionalen Logik Brüche und Paradoxien zeigen. Es kann Selbstreferenz auftreten, ein Kausalnexus kann sich zyklisch schließen, etwa wenn die Erwartung am Ende selbst zum Anfang, zur Ursache wird. Wichtig ist dabei, ein mittleres Abstraktionsniveau zu halten, den Sinnhorizont des Datenmaterials also mitzuführen und gleichzeitig mit Memos zu arbeiten, in denen die relevanten Positionen festgehalten werden. Es geht darum, den Text im Sinne der in ihm enthaltenen logischen Prämissen und Schlüsse zu rekonstruieren, nicht aber, ihn in formelhafte Kürzel zu überführen. Auch ist es nicht immer sinnvoll, die gesamte Komplexität einer Passage voll aufzuschließen, da diese in der nachfolgenden Analyse wieder eingeholt werden muss. Oftmals zeigt sich erst im Kontext der leitenden Fragestellung, wo es sinnvoll ist, eine hohe Detailtiefe anzustreben und wo nicht. Denn bedeutsam bleibt die leitende Frage: "Was ist der Fall?"10) [55]

Als Ziel der aussagenlogischen Verdichtung erscheint damit gerade nicht die ein-eindeutige Übersetzung des Textes in einen logisch kohärenten Raum, um die indexikalischen Ausdrücke zu reparieren und das Gesagte in den "eigentlichen" Sinn zu transformieren. Vielmehr geht es in dem hier vorgeschlagenen Interpretationsschritt darum, Bruchstellen zu identifizieren, die mit Verweis auf die Polykontexturalität des Textes eine weitere Interpretation nötig machen. Die logische Kondensation stellt gewissermaßen eine systematische Entfremdung vom Common Sense, von der natürlichen Logik der Sprache (LAKOFF 1971 [1970]) dar, um auf diesem Wege – ex negativo – ihren Strukturreichtum aufzuschließen. Sie ist ein methodisch kontrolliertes Verfahren, dessen Sinn darin besteht, zu verhindern, dass die Interpret/innen die Kontingenz und Mehrdeutigkeiten des Textes vorschnell durch ihre Vorstellungen und Konzepte schließen. [56]

Entsprechend ungewohnt mag das hier vorgeschlagene Vorgehen gerade für geübte Forscher/innen sein. Auch ist das Resultat eben keine Annäherung, sondern ein zunächst fremd wirkender, zumeist hochgradig widersprüchlicher Textkörper, aus dem Modalverben und Bedeutungsnuancen getilgt und Wiederholungen entweder weitgehend eliminiert oder in Kausalketten übersetzt sind. Gerade die Differenz der aussagenlogischen Verdichtung zur Datenbasis erlaubt dann im anschließenden Schritt methodisch kontrollierte Schlüsse für die weitere Interpretation. [57]

Die logische Kondensation stellt in vielerlei Hinsicht eine Weiterentwicklung der Analyse der Diskursorganisation dar, wie sie von PRZYBORSKI (2004, S.61ff.) ausgearbeitet wurde. Gerade im Diskurs wird deutlich, wie Propositionen vorgebracht, validiert, abgelehnt, differenziert etc. werden. Ebenso wird sichtbar, dass unterschiedliche "fungierende Ontologien" (FUCHS 2010, S.130), innerhalb derer dann festgestellt werden kann, was der Fall ist, erst in der Verkettung von sprachlichen Artikulationen entstehen. [58]

3.3 Reflektierende Interpretation

Die Brüche, die sich in der logischen Kondensation gezeigt haben, werden so zur Grundlage für den nächsten Schritt der Interpretation, den wir im Anschluss an BOHNSACK (2003, S.135ff.) weiterhin als reflektierende Interpretation bezeichnen möchten. Die Reflexion wechselt von der aussagenlogischen Reformulierung zu einer Interpretation der verschiedenen Brüche, die sich in den Texten gezeigt haben. Es wird also von der Ebene des Common Sense des jeweiligen Textes auf eine theoretisch informierte und theoriegenerierende Ebene gewechselt. In der Reflexion wird auf diese Weise etwas sichtbar gemacht, das zuvor nicht sichtbar geworden ist. [59]

Ging es in der formulierenden Interpretation darum, die Daten als positives Datum zu erschließen und in der logischen Kondensation darum, auf Bruchstellen oder Transjunktionen (GÜNTHER 1976) hinzuweisen sowie Stimmen (BACHTIN 1971 [1929]) im Text scharf zu stellen, ist das Ziel jetzt, den Text aus Perspektive einer Theorie der Polykontexturalität zu interpretieren. Konkret bedeutet dies, nach dem Modus Operandi zu fragen, wie die unterschiedlichen Kontexturen zueinander in Beziehung gebracht werden. Das heißt zunächst erst einmal BOHNSACK (2003, S.136) folgend nach Gegenhorizonten zu suchen und diese zu systematisieren. Im Hinblick auf Brüche und Widersprüche, Tautologien und Unsinnigkeiten stellt sich jeweils die Frage: Vor welchem Horizont hat das vermeintlich Widersinnige Sinn, und welches Muster schafft hier die Verbindung? In welchem praktischen Kontext ist es etwa sinnvoll zu sagen, eine Tür sei geschlossen und gleichzeitig zu sagen, sie sei offen? [60]

In der Folge lässt sich dann das Verhältnis zwischen diesen Räumen näher beschreiben. Zwischen welchen Kontexturen etwa treten die Brüche auf? Liegen sie zwischen dem psychischen Selbst und dem Körper, zwischen einer politischen und einer wirtschaftlichen Rationalität, zwischen formaler Organisation und Familie oder doch an ganz anderer Stelle? Wo wiederum verweist eine Kontextur auf die andere, leitet etwa in diese über? In der komparativen Analyse (GLASER 1965) werden diese Muster dann im Hinblick auf entsprechende Sinnhorizonte konsolidiert. Dies ist etwa der Fall, wenn innerhalb einer Familie wiederkehrend auf die Schule oder innerhalb eines Therapiegesprächs auf den Ehepartner/die Ehepartnerin Bezug genommen wird. Es wird rekonstruiert, welche Kontexturen sich finden lassen und welche Verbindungen für den Fall bezeichnend sind. Es geht also darum zu untersuchen, welche logischen Räume vorhanden sind, und wie sie zueinander in Beziehung stehen. [61]

3.4 Arrangements und funktionale Analyse

Das hier vorgeschlagene Verfahren sieht sich dabei mit der Frage konfrontiert, was eigentlich das Ergebnis der Rekonstruktion sein soll, wenn es nicht um die Aufdeckung eines subjektiv gemeinten Sinnes, eines Orientierungsrahmens oder eines objektiven sozialen Sinnes gehen kann, der als eigentliche Antwort auf die Frage, was der Fall ist, "hinter" den Daten steht. Wenn jedoch der Modus Operandi des Sozialen nicht durch ein darunterliegendes Strukturprinzip (die Gesellschaft, das Soziale, das Subjekt) erklärt werden kann, was tritt an dessen Stelle? Ein reines Mapping, wie es etwa mit der Situationsanalyse (CLARKE, FRIESE & WASHBURN 2018) vorgeschlagen wurde, bleibt hier unbefriedigend. Auch die Zuordnung einer Person oder Organisation zu einzelnen Kontexturen im Sinne eines mehr/weniger ergibt vor dem Hintergrund der Annahme einer polykontexturalen Welt wenig Sinn. Sozialität wie auch das Selbst- und Weltverhältnis einzelner Personen ist immer polykontextural, immer mehrwertig, schon immer verschachtelt und lässt sich nicht entsprechend eines einfachen Subsumptionsprinzips aufschließen. [62]

Die Frage ist also, wie weiter zu verfahren ist, wenn man die Polykontexturalität eines Textes rekonstruiert hat? Bereits NASSEHI und SAAKE (2002) haben vorgeschlagen, der Frage nachzugehen, wie der jeweilige Gegenstand selbst seine Komplexität bearbeitet und Kontingenz einschränkt. Einschränkung von Möglichkeiten – und damit Strukturbildung – funktioniert in einer polykontexturalen Welt aber nur zwischen den unterschiedlichen logischen Räumen. Ordnung liegt in einer Bezugsstruktur, in der Art und Weise, wie die unterschiedlichen Kontexturen aufeinander verweisen. Jede Kontextur wirft für die mit ihr verbundene andere Kontextur ein Problem auf (da die andere logische Ordnung nicht in die eigene überführbar ist), bietet jedoch auch eine Möglichkeit der Problembearbeitung (da die jeweils andere Kontextur Ordnungsmöglichkeiten bereitstellt und so die Reduktion von Kontingenz erlaubt). [63]

Entsprechend ist das Ziel der Analyse zu verstehen, wie die unterschiedlichen Kontexturen miteinander verschachtelt und verschränkt sind, d.h., es geht um die Rekonstruktion ihrer Verweisstruktur im Sinne einer funktionalen Analyse (BATESON 1981 [1972]; LUHMANN 1970). Der Modus Operandi eines Falles entspringt entsprechend nicht einem einheitlichen Prinzip oder Gesetz, das "hinter" oder "unter" dem Phänomen zu finden ist. Die Kontexturanalyse ist vielmehr funktionalistisch, differenztheoretisch und an Relationalität orientiert. Dabei wird angenommen, dass eine bestimmte Konstellation durch ihre Inkommensurabilität Probleme der Schlüssigkeit aufwirft, die durch eine bestimmte Operativität bearbeitet werden. Es ergibt sich ein Verbund (GÜNTHER 1979a) oder ein "eco-complex" (LUHMANN 1984, S.54), in dem unterschiedliche Kontexturen aufeinander verweisen und so eine Bewegung in Gang setzen und am Laufen halten. Der Verbund schließt sich durch die innere Verweisstruktur und erhält sich dadurch, dass eine volle Übersetzung nie möglich ist. Im lockeren Anschluss an HEGEL (1999 [1812]) oder SPENCER-BROWN (1972 [1969]) könnte man sagen, dass der Widerspruch den Prozess des Sozialen hervorbringt. Der relevante Widerspruch verläuft jedoch nicht innerhalb eines logischen Raumes. Daher kommt es nicht zu einer Oszillation (SPENCER-BROWN 1972 [1969]), die in eine stabile Identität münden kann oder zu einem HEGELschen Absoluten oder Fortschritt, der quasi-teleologisch durch diesen Prozess angelaufen wird. Die Pluralität logischer Räume gestattet nur die Ausbildung dynamischer Stabilitäten, die jedoch mit Blick auf ihre Beziehungen und die hiermit einhergehenden situativen Identitäten verstehbar werden. [64]

Ziel der Rekonstruktion sind damit funktionale Analysen, die sich an der Tradition der Kybernetik zweiter Ordnung, insbesondere an BATESON (1981 [1972]), orientieren. Es geht um Systemdynamiken, die durch die unterschiedlichen Rationalitäten gespeist werden, auf die sie verweisen und die sie selbst reproduzieren. Diese können dann homöostatische Ordnungen produzieren, etwa als Konflikte, Formen der Symbiose oder Kooperation. Ebenso sind jedoch eskalative Dynamiken etwa im Sinne von Schismogenesen (a.a.O.) oder dem Hochschaukeln von Konflikten (GLASL 2014) wie auch andere, möglicherweise seltsam anmutende Ordnungsformen möglich. [65]

Die Bezugseinheit der Analyse resultiert dabei aus dem Spannungsfeld von Fragestellung und Datenmaterial. So ist etwa denkbar, Biografien (MAROTZKI 1990) oder die Selbst- und Weltverhältnisse einzelner Personen (FEISST 2019; VOGD 2019; VOGD & HARTH 2019) zu analysieren. Ebenso können jedoch auch komplexere Verhältnisse in den Blick genommen werden, in denen der Bezugspunkt nicht mehr die Einzelperson darstellt, sondern vielmehr das polykontexturale Arrangement, das sich zwischen unterschiedlichen Positionen – etwa in Organisationen – entspinnt (JANSEN 2013; VOGD et al. 2018). [66]

4. Beispielinterpretation – der Fall König

Das im Folgenden exemplarisch interpretierte Datenmaterial stammt aus einem Forschungsprojekt zur forensischen Psychiatrie, das der Frage gewidmet ist, wie Resozialisierung im Maßregelvollzug möglich ist, oder anders ausgedrückt, welche Veränderungen geschehen müssen, damit die Patient/innen als aus der Perspektive der Ärzt/innen gebessert oder geheilt entlassen werden können. Wenngleich man prinzipiell auch beliebiges anderes Material zur Demonstration der hier vorgeschlagenen Methode der logischen Kondensation hätte verwenden können, eignet sich der verwendete Fall doch besonders gut, da an ihm deutlich wird, wie eine Systemdynamik entsteht, die unterschiedlichste Ebenen (Psyche, Selbstbild, Physis, soziale Erwartungen) in einen auf den ersten Blick bizarr anmutenden funktionalen Zusammenhang bringt. Dabei möchten wir uns im Folgenden hinsichtlich der Frage nach einer tatsächlich vorliegenden Krankheit in methodologischer Epoché üben. Was eine Psychose ist, ob es sie gibt und wie man sie behandeln kann, können und wollen wir im Folgenden nicht beantworten, zum einen, weil wir hier nur einen Einzelfall behandeln, zum anderen, weil eine solche Aussage die Übernahme einer medizinischen Unterscheidung hieße. Uns geht es um die Analyse eines Musters, das sich ergibt, wenn eine bestimmte Form des Selbst- und Weltverhältnisses als Psychose (und nicht etwa als Besessenheit oder Bösartigkeit) interpretiert und in der Forensik behandelt wird. [67]

Bei dem vorgestellten Fall handelt es sich um einen zum Zeitpunkt des Interviews fünfunddreißig Jahre alten Patienten, Herrn König,11) der seit etwas über einem Jahr in der Klinik ist und bei dem eine paranoide Psychose diagnostiziert wurde. In der Klinik wurde er mit Neuroleptika behandelt, was zum Abklingen der Psychose führte, jedoch nicht zu dem, was die Ärzte als Vollremission bezeichnen: Aus ärztlicher Sicht weist der Patient noch immer Symptome auf. Sie sehen keine Chance, dass – etwa durch Änderung der Medikation – eine wesentliche Besserung eintreten könnte. Dennoch wurde dem Patienten eine weitgehende Lockerung gewährt. Er soll in naher Zukunft noch aus der Klinik heraus eine Tätigkeit im Einzelhandel aufnehmen und, wenn alles gut geht, entlassen werden. Herr König ist somit auf bestem Wege der Resozialisierung und soll in absehbarer Zeit aus der Klinik beurlaubt werden. [68]

Bereits in der Eingangspassage des Interviews mit dem Patienten zeigte sich das Grundproblem:

"Herr K.: Ja, ich bin 20XX in einer geschlossenen Psychiatrie das erste Mal ein Monat gewesen. Und zwar hab' ich damals meine Mutter geohrfeigt und eine Nachbarin am Hals genommen und von der Wohnungstür weggedrängt, die geklingelt hat und gefragt hat, was los ist. Daraufhin bin ich dann dort eingewiesen worden ein Monat lang und hab dann Medikamente bekommen. Die hab' ich dann Mitte 20YY abgesetzt, selbstständig, also trotz Anraten des Arztes, sie weiterhin zu nehmen, hab' ich das eigenmächtig gemacht, weil ich mich gesund gefühlt hab. Und ein halbes Jahr später bin ich dann extrem psychotisch geworden, hab mich verfolgt gefühlt, hab mich beobachtet gefühlt. Hatte zu meinem Schutz dann schon ein Messer bei mir im Raum sag ich mal, in der Schublade drin, falls dann die mich irgendwie holen kommen, dass ich mich verteidigen kann. Und bin dann eines Abends zu dem Schluss gekommen, dass meine Mutter mich umbringen möchte und hab dann in Folge eines psychotischen Schubes, sag ich mal, meine Mutter getötet. Also erst gewürgt und dann mit dem Messer am Hals verletzt. Daraufhin ist sie dann verblutet, dann kam Polizei, eine halbe Stunde später war sie schon da. Ich konnte mir nicht so ganz erklären, wieso es so schnell gegangen ist, weil eigentlich das alles ziemlich leise ablief, aber die Nachbarn meinten, sie hätten wohl irgendwas gehört. Kam dann erst in [Ort] in Haft und bin dann dem Haftrichter vorgeführt worden. Und der Haftrichter hat mich dann hier nach [Name des Orts der forensischen Psychiatrie] geschickt." #00:02:17-3#12) [69]

Formulierende Interpretation

Der Patient gibt an, bereits einige Jahre zuvor in die Psychiatrie eingewiesen worden zu sein, nachdem er seine Mutter und eine Nachbarin angegriffen hatte. Er habe Medikamente genommen, die er später gegen ärztlichen Rat wieder abgesetzt hat, da er sich "gesund gefühlt" habe. Dann sei er wieder "extrem psychotisch geworden". Weil er sich verfolgt gefühlt hatte, habe er ein Messer im Raum gehabt und schließlich "in Folge eines psychotischen Schubes" seine Mutter getötet, nachdem er sie gewürgt hatte. Dann sei sehr schnell die Polizei gekommen, was ihn sehr verwundert habe, da "alles ziemlich leise ablief". Die Nachbar/innen gaben an, dennoch etwas gehört zu haben. Danach sei er vom Haftrichter in die Forensik geschickt worden. [70]

Logische Kondensation

  • Gegeben "Ich". Ich greife meine Mutter und meine Nachbarin an.

  • Ich komme in die Klinik.

  • Ich bekomme Medikamente.

  • Ich werde entlassen.

  • Ich setze die Medikamente ab, weil ich mich gesund fühle.

  • Wenn ich die Medikamente absetze, werde ich psychotisch und fühle mich verfolgt.

  • Weil ich mich verfolgt fühle, habe ich ein Messer.

  • Wenn ich psychotisch bin, greife ich mit dem Messer meine Mutter und die Nachbarin an und töte meine Mutter.

  • Weil ich meine Mutter getötet habe, hat die Nachbarin die Polizei geholt.

  • Die Polizei hat mich in die Forensik gebracht.

  • Ich weiß nicht, woher meine Nachbarin das wusste. Denn ich war nicht laut. [71]

Reflektierende Interpretation

Was sich bereits in dieser ersten Passage andeutet, ist ein Zyklus, der eine gewisse Ähnlichkeit zu der Kybernetik des Alkoholismus in BATESONs (1981 [1972], S.400ff.) Verständnis aufweist: Psychose -> Menschen angreifen -> Behandlung durch die Psychiatrie -> Abwesenheit der Psychose -> Absetzen der Medikamente -> Psychose -> ... [72]

Es zeigen sich mithin drei Positionen, beziehungsweise Kontexturen: die der "scheinbaren" Gesundheit sowie die der Psychose, darüber hinaus aber noch eine weitere. Die Psychose wird ausgeführt als ein Raum, in dem der Patient selbst Menschen angreift. Der Raum der "scheinbaren" Gesundheit wird beschrieben als einer, in dem er keine Menschen angreift, aber auch die Behandlung abbricht. Der Patient ist insofern gesund, als er sich gesund fühlt und offenbar auch von der Umwelt als nicht mehr psychotisch wahrgenommen wird. Gleichzeitig ist er aber noch immer krank. Dieses Dilemma produziert einen Rückfall und bringt den Zyklus von scheinbarer Gesundheit zu Psychose und der folgenden Interaktion ins Laufen. Der Zyklus erweist sich insofern als "seltsame Schleife" (HOFSTADTER 1999 [1979], S.19), als es zu einer hierarchischen Kette von Zuständen kommt, die wieder in sich zurückführt. [73]

Der dritte Raum zeigt sich in der Bezugnahme auf die seltsame Schleife "scheinbare Gesundheit/Psychose". Es ist die Beobachterposition, die der Interviewte hier selbst einnimmt: Er thematisiert eine Diskrepanz zwischen seiner eigenen Wahrnehmung der Umwelt, seiner retrospektiven Wahrnehmung seiner Wahrnehmung sowie der Wahrnehmung seiner Wahrnehmung durch seine Umwelt. Diese sind in einer seltsamen Schleife verbunden – was Herrn König zumindest teilweise klar zu sein scheint. Indem er sagt, dass sein Handeln im Raum der Gesundheit selbst nicht gesund ist, da es zur Krankheit führt, nimmt er eine Reflexionsposition ein, von der jedoch an dieser Stelle noch unklar bleibt, welcher Status ihr zukommt. Möglich bleibt, dass es sich letztlich um jene Position "scheinbarer Gesundheit" handelt, die explizit benannt wird oder aber, dass hier eine dritte Position eingenommen wird, die, gedankenexperimentell formuliert, sich etwa mit der Position "anonymer Alkoholiker", wie von BATESON (1981 [1972], S. 404) dargelegt, vergleichen ließe. Machbare Gesundheit für den Patienten hieße also, die Dynamik der scheinbaren Gesundheit zu kennen und sie stets in Rechnung zu stellen. Es wäre eine Metaperspektive, die Krankheit und Gesundheit umfasst. In jedem Fall scheint ein Referenzraum der wirklichen oder wahren Gesundheit auf, der durch die Klinik und die Polizei, aber auch durch die Mutter und die Nachbarin enaktiert wird. Mit ihnen identifiziert sich der Patient in seiner Sprecherposition. [74]

Weiteren Aufschluss gibt die folgende Passage:

"Interviewer: Was haben Sie damals beruflich gemacht, was hat das mit Ihrem Leben gemacht, sag ich mal? #00:04:15-0#

Herr K.: Ja, ich war auf dem Weg zur Selbstständigkeit, wollte eine Internetfirma aufmachen für [Branche]. Die Bank hat aber meinen Darlehenswunsch abgelehnt. Und dadurch, sag ich mal, bin ich auch, ja, mächtig unter Druck geraten, sag ich mal, war gestresst und so weiter, weil es beruflich nicht gelaufen ist. Und das hat das Ganze sicherlich noch verschlimmert, ja, und jetzt streb ich eben danach der Zeit hier, streb ich dann wieder einen Beruf im [Branche] an. Das wird dann erstmal sein einfacher Verkäufer im [Einzelhandel], ganz normal, ein halbes Jahr ungefähr, da will ich versuchen, Gesellschafter zu werden bei [Einzelhändler], weil die haben ja 20XX und 20YY zwei Mal angeboten Gesellschafter zu werden, das hab ich beide Male abgelehnt, weil ich mich selbstständig machen wollte. #00:05:10-2#

Interviewer: [Einzelhändler] ist ein [Branche], ein Größerer, oder? #00:05:08-5#

Herr K.: [Erläuterung der Branche] Und ich hab alle [Qualifikationen], die man braucht, [Abschlüsse und Scheine], die man braucht für alle [Warenbezeichnung]. Bin also insofern ein bisschen überqualifiziert für einen einfachen Verkäufer, aber die Filialleiter-Position streb ich eigentlich an, aber das wird von der Klinik nicht unterstützt. Die sagen es wär' zu viel Stress, zu viel Verantwortung für Sie gleich zum Anfang, deshalb will ich erstmal Verkäufer machen." #00:06:06-6# [75]

Formulierende Interpretation

Auf die Frage nach seiner beruflichen Karriere gibt der Patient an, dass er sich habe selbstständig machen wollen. Die Bank habe jedoch den nötigen Kredit abgelehnt, was zu Stress und einer Verschlimmerung seiner Psychose geführt habe. Jetzt wolle er wieder in den Einzelhandel, mit dem Ziel, Gesellschafter zu werden, was man ihm vor der Krankheit angeboten, er jedoch abgelehnt habe. In seiner Branche sei er hoch qualifiziert, "ein bisschen überqualifiziert" für die Position als Verkäufer, weshalb er mindestens Filialleiter werden möchte, was die Klinik jedoch nicht unterstütze, da es mit "zu viel Stress" einhergehe. [76]

Logische Kondensation

  • Gegeben: "Ich". Ich mache mich selbstständig.

  • Gegeben: die Bank. Die Bank verhindert die Selbstständigkeit.

  • Weil ich behindert werde, bekomme ich Stress.

  • Der Stress verschlimmert die Krankheit.

  • Ich bin auf dem Weg, in den Handel zu gehen.

  • Gegeben: die Klinik. Die Klinik will, dass ich Verkäufer werde.

  • Als Verkäufer bin ich nicht qualifiziert (überqualifiziert). Ich will Filialleiter/Gesellschafter werden.

  • Für die Klinik ist das Stress, der die Krankheit verschlimmert.

  • Daher werde ich Verkäufer und kein Verkäufer (erst einmal), und ich werde Filialleiter und Gesellschafter (eigentlich/versuchen). [77]

Reflektierende Interpretation

Interessant ist hier zum einen die von der Klinik artikulierte Kausalkette Überforderung -> Stress -> Krankheit sowie die alternative Kausalkette, die der Patient artikuliert: Behinderung -> Stress -> Krankheit. Des Weiteren ist das doppelte Berufsszenario beachtenswert: In einem ist der Patient nur für Führungspositionen geeignet (als Verkäufer überqualifiziert), im anderen nur als Verkäufer (weniger Stress). In dieser Bifurkation zeigt sich eine Verschiebung der Sprecherposition. Nimmt der Patient in der Eingangspassage noch eine Reflexionsposition ein, in der sein präpsychotisches Handeln und seine Wirklichkeitsinterpretation als falsch benannt werden, so wird die Alltagsnormalität jener Zeit nun bejaht: Die Psychose scheint nicht mehr maßgeblich durch eigene Fehlleistungen im Modus der "scheinbaren" Gesundheit bedingt, sondern wird extern zugerechnet (die Bank macht ihn krank). Im zweiten Teil der Passage wird die Klinik, die zuvor noch für die höhere Rationalität der Gesundheit stand, plötzlich auch zu einer Akteurin, die den Patienten in seinen Absichten behindert. Es deutet sich eine Trajektorie an, wie sie bereits zuvor mit der Position "scheinbare" Gesundheit beschrieben wurde: Die anderen sind schuld an meiner Krankheit, weil sie mir Stress machen und meine Pläne durchkreuzen. Sie reden mir ein, dass ich Dinge nicht kann. Dabei bin ich doch eigentlich gesund. [78]

Dabei tritt jedoch eine Ambivalenz auf: Während die Bank noch als eindeutige Gegnerin erscheint, wendet sich der Patient nicht gänzlich gegen die Klinik, sondern geht auf deren Ansprüche ein. Statt die Klinik ausschließlich als Problemfaktor zu betrachten, der schädlich ist (Kausalkette 1), scheint ihrer Argumentation (Kausalkette 2) eine gewisse Plausibilität zugestanden zu werden. Ob den diesbezüglichen Aussagen nun tatsächliche Einsicht oder pragmatische Notwendigkeit zugrunde liegt (ohne Zustimmung der Klinik ist selbst die Verkäufer-Option nicht möglich), bleibt offen. [79]

Das Resultat ist jedoch ein zweideutiger Handlungsvektor: Der Patient wird "einfacher Verkäufer", um Filialleiter oder Gesellschafter zu werden – oder vielleicht auch nicht. Er wird Verkäufer und nicht Verkäufer. Er macht, was die Klinik will und macht gleichzeitig nicht, was die Klinik will. Er arbeitet auf den Filialleiter und den minderqualifizierten Mitarbeiter hin. [80]

Es zeichnet sich hiermit etwas Merkwürdiges ab: Sobald der Patient beginnt, sich auf die konkrete, nicht psychotische Praxis zu beziehen (ob nun geplante, gegenwärtige oder vergangene), kollabiert die übergreifende Reflexionsposition, und er rutscht in die Position der "scheinbaren" Gesundheit. Aus ersterer erscheint er als Handelnder problematisch und die Klinik als eine Institution, die ihm hilft. In der "scheinbaren Gesundheit" wird er, sobald er über seine nicht-psychotische Praxis redet, als Handelnder unproblematisch (er habe alle Qualifikationen und die anderen Gesellschafter/innen wollen ihn), doch die Klinik wendet sich gegen ihn. [81]

Diese beiden Bewegungen zusammengenommen liegt die Annahme nahe, dass das Abgleiten in die Psychose ständig präsent ist. Dies bestätigt sich auch in der folgenden Interviewpassage:

"Herr K.: Und, ja, ich hab' ständig Paranoia gehabt halt und immer das Gefühl gehabt irgendwie, dass ich ausspioniert werde, ja. #00:13:44-9#

Interviewer: Aber das ist jetzt weg? #00:13:47-4#

Herr K.: Das Gefühl ist jetzt weg, ja. Also jetzt ist alles, was mit der Psychose zusammenhängt, in den Hintergrund getreten, jetzt hab ich ja ganz sachlichen Bezug zur Realität, sag ich mal, und kann es so nicht mehr nachvollziehen, wie ich mich damals gefühlt habe. #00:14:08-7#

Interviewer: Sie sagen, es ist in den Hintergrund getreten, was meinen Sie damit? #00:14:13-8#

Herr K.: Na ja, ich gebe mich in gewissen Appetit auf Muster, auf Zahlen, auf Erklärungen nicht mehr hin, so ähnlich wie eine Diät eines Verstandes, sag ich mal, oder des Verstandes. Wenn ich irgendwas bemerke, was auf mich gemünzt sein könnte, sag ich mir, das ist Zufall oder gottgegeben und dann komm ich damit gut klar. Ich bezieh das alles nicht mehr auf mich, sondern versuche, dem keine weitergehenden Erklärungsversuche irgendwie mich hinzugeben, sondern versuche, das Ganze sachlicher zu beurteilen und von allen Seiten zu beleuchten. Und dann zu irgendwelchem Ergebnis zu kommen, dass es eben Zufall ist, ja. Zum Beispiel die Verletzung jetzt am Fuß hier, ich hab jetzt Einlagen bekommen, damit ich, weil nach einem Autounfall ist mein eines Bein einen Zentimeter kürzer und dann hab ich mir durch die Badelatschen dadurch, dass ich Badelatschen getragen habe, habe ich mir den Fuß aufgescheuert an einer Seite. Und da hab ich eben auch kurz überlegt, ob das vielleicht von außen irgendwie kommt, ja, dass da jemand mit einem Schmerzsignal sozusagen reinfunkt ins Bein, ja, aber das hat nur ein, zwei Tage angehalten, dann hab ich mir gesagt, das ist Zufall und dann ging es mir auch wieder gut, ja." #00:15:35-6# [82]

Formulierende Interpretation

Der Patient gibt an, dass er, als er psychotisch war, sich ständig verfolgt gefühlt habe. Dieses Gefühl sei nun aber weg, es sei jetzt "in den Hintergrund getreten". Heute könne er nicht mehr verstehen, wie er sich in der Psychose gefühlt habe, da er "sachlich" sei. Auf Nachfrage erläutert er, dass "in den Hintergrund getreten" bedeute, dass er noch immer "Appetit auf Muster, auf Zahlen, auf Erklärungen" habe, jedoch eine "Diät des Verstandes" halte. Bekomme er das Gefühl, dass sich etwas auf ihn beziehe, versuche er keine "Erklärungsversuche" mehr zu unternehmen, sondern "sachlich" zu bleiben. So habe er ein verkürztes Bein und sich den Fuß aufgescheuert. Den Gedanken, dass ihm jemand Schmerzen in den Fuß sendet, habe er nach einigen Tagen loswerden können. [83]

Logische Kondensation

  • Gegeben: "Ich". Wenn ich die Psychose habe, denke ich, ich werde ausspioniert.

  • Die Psychose ist da und nicht da ("tritt in den Hintergrund").

  • Wenn ich nicht psychotisch bin, kann ich die Psychose nicht verstehen.

  • Ich habe Appetit auf Zahlen und Muster.

  • Ich esse und ich esse nicht Zahlen und Muster ("Diät des Verstandes").13) Ich beziehe die Dinge auf mich und beziehe sie nicht auf mich (versuche, es sachlicher zu beurteilen). Wenn ich die Dinge auf mich beziehe, beziehe ich sie nicht auf mich. Wenn ich meinen Fuß verletze, sendet jemand Schmerzen in meinen Fuß. Es ist nicht der Fall, dass jemand Schmerzen in meinen Fuß sendet. [84]

Reflektierende Interpretation

Der Patient erscheint in einer Dynamik verfangen, die strukturelle Homologien zu jenem stolzen Alkoholiker aufweist, der glaubt, "Kapitän des Schiffs" zu sein (BATESON 1981 [1972], S.400ff.), aber trotz (oder gerade wegen) seines Stolzes nicht in der Lage ist, seinem Alkoholismus zu entfliehen. Der Stolz verhindert hier die Einsicht, keine Kontrolle zu haben. So sucht auch Herr König nach Kontrolle und entwickelt so etwas wie einen "Schizophrenenstolz", dem zufolge er Herr seiner selbst ist. Es ist offensichtlich, dass er keineswegs "die Psychose nicht verstehen" kann, weil "das Gefühl weg ist". Vielmehr ist es noch immer da. Entlassungsfähig zu sein heißt mithin, gesund und krank zugleich zu sein. Der Patient hat somit ein Integrationsproblem. Er ist psychotisch und nicht psychotisch gleichzeitig. Er verfügt jedoch über kein schlüssiges Konzept, die hiermit einhergehende Ambivalenz vermittelnd zu verbinden. Psychose und Nicht-Psychose sind nicht in ein kohärentes Selbst (FUCHS 2010) überführbar. [85]

Dieses Problem versucht der Patient zu lösen, indem er den "psychotischen" Teil abkoppelt, was jedoch wieder zur Rückkehr eben dieses kranken Teils führt: Sobald er die psychotischen Symptome noch im Hintergrund wahrnimmt, bleibt die Kontrolle erhalten – er hat sich gewissermaßen noch im Griff. Hat er keine Symptome mehr, hält er sich für gesund, gibt die Selbstkontrolle auf und droht damit wieder in die Psychose zu gleiten. Der Schluss: "Ich nehme die Medikamente nicht mehr, weil sie mich behindern", ist hier nicht mehr weit. Gesundheit und Krankheit sind damit in einer paradoxen Beziehung verschachtelt: Zeigt sich die Psychose nicht, wird sie bald alles beherrschen. Ist sie präsent, so ist sie unter Kontrolle. Gesundheit erscheint also praktisch nur erreichbar als kontrollierte Krankheit. Doch genau dies kann der Patient nicht sehen, da für ihn die Primärreferenz lautet, wirklich bzw. ganz gesund zu sein. Ein bisschen psychotisch und ein bisschen gesund zu sein erscheint nicht als ein Eigenwert, in dem es sich im bestehenden polykontexturalen Geflecht in stabiler Form einrichten lässt. [86]

Die Klinik spiegelt diese Position, wie im Interview mit dem Oberarzt deutlich wird. Sie wird damit zum Bestandteil ebendieses Geflechts, was sie dann auch nicht daran hindert zu versuchen, den Patienten in unbegleitetem Freigang und Beurlaubung zu erproben:

"Oberarzt: Wenn der Depressive zur Selbstattribution neigt, sucht der Schizophrene schon den Feind draußen, der Zeiger der Schuld geht nach draußen. Und manchmal ist, glaube ich auch, dieses ganze Wahngeschehen zur eigenen Kohärenzfindung irgendwie ganz sinnvoll, ja? Und auch zur Selbstwertstabilisierung und möglicherweise hat es sogar auch was Euphorisierendes, ja also? #00:28:39-7#

[...] Also es gibt insofern auch durchaus Aspekte, am Krankheitsgeschehen festhalten zu wollen, ja? #00:28:56-8#

Interviewer: Ja. #00:28:57-2#

Oberarzt: Aus dem Aspekt, das ist auch/14) Ja, gut. Und wir hatten jetzt das Problem, dass bei solchen Vorstellungen der Resozialisierung das schlecht übereinkommt, mit dem, was man dann umsetzen kann, ja? #00:29:07-5#

Interviewer: Ja. #00:29:08-1#

Oberarzt: Und bereits der [X] als Gutachter im Anlassverfahren hat in der Hauptverhandlung, wo ich auch war, als Klinikvertreter dann. Dann angemerkt, wie das denn funktionieren wird, bei diesen Vorstellungen, die Herr König so hat. #00:29:24-7#

Interviewer: Ja. #00:29:25-2#

Oberarzt: Und das habe ich damals noch ein bisschen kleingeredet. Aber das ist sicherlich eine Schwierigkeit. Was manchmal hilfreich ist bei den Schizophrenen ist, dass Darlegungen und Umsetzung häufig so ein bisschen auseinandergehen. #00:29:40-6#

Interviewer: ja. #00:29:41-0#

Oberarzt: Ja? Also ich hoffe darauf, dass Herr König zwar viel spricht über [Einzelhandelskette], aber dass er es vielleicht auch eben den Vorstand, aber dass er vielleicht auch ganz zufrieden ist, wenn er in irgendeiner Fachhandlung da irgendwie so ein bisschen Hilfstätigkeiten macht und dann sagt, okay, ja? Also das hoffe ich, dass das geht." #00:29:58-8# [87]

Formulierende Interpretation

Der Oberarzt erläutert das Attributionsverhalten von Schizophrenen. Depressive suchten Fehler bei sich, Schizophrene in ihrer Umwelt. Das diene auch der Erhöhung des Selbstwerts sowie dem Kohärenzerleben. Bei Schizophrenen gebe es auch positive Aspekte im Krankheitserleben, was Probleme bei der Therapie mit sich bringe. Im Fall von Herrn König habe das bereits der Gutachter angemerkt. Man habe das von der Klinikseite her jedoch relativiert. Letztlich hoffe er darauf, dass der Patient zwar viel über seine Pläne rede, doch am Ende pragmatisch handele. Dies geschähe oft bei Schizophrenen. [88]

Logische Kondensation

  • Schizophrene sehen Probleme nicht bei sich.

  • Die Psychose stabilisiert den Selbstwert. Das ist für Psychotiker positiv. Daher wollen sie ihre Psychose nicht verlieren.

  • Daher ist Resozialisierung möglich und nicht möglich ("schlecht übereinkommen, mit dem, was man umsetzen kann").

  • Gegeben: Gutachter und Wir. Der Gutachter hat das festgestellt. Wir haben es festgestellt und nicht festgestellt ("kleingeredet)".

  • Gegeben: Patient König. Es ist der Fall, dass Patient König sich mit weniger zufrieden gibt. Es ist nicht der Fall, dass das geschieht ("ich hoffe, dass das geht").

  • Handeln ist nicht Reden. [89]

Reflektierende Interpretation

Der Oberarzt sieht hier exakt jenes Muster, das sich durch den Kollaps der Reflexionsposition in der "scheinbaren Gesundheit" niederschlägt: Sobald der Patient zum Handeln kommt, erscheint die Umwelt wieder als Gegner. Die Psychose ist präsent. Sämtliche Probleme werden extern zugerechnet. Das verbindet "scheinbare Gesundheit" und "Psychose" aus Sicht des Psychiaters zu einem Zustand, zur Diagnose der Schizophrenie. [90]

Gleichzeitig macht der Oberarzt eine neue Unterscheidung auf, die von Rede und Praxis. Er stellt fest, dass Selbstbeschreibungen und Absichtsbekundungen sich nicht notwendigerweise mit dem tatsächlichen Handeln decken müssen. Das würde der Aufrechterhaltung der Differenz zwischen den drei Positionen "scheinbare Gesundheit", "Psychose", "Reflexionsposition" entsprechen, aber in eine weniger fatale Praxis führen als jene, welche den Patienten in den Maßregelvollzug gebracht hat. Der Patient ist zwar psychotisch, kontrolliert sich aber immer wieder selbst – zumindest in der Handlungspraxis, um dann allerdings in seiner Rede wieder auseinanderzufallen. Das komplexe Binnenverhältnis erscheint in diesem Fall aggregiert als eine ebenso komplexe Praxis – von der allerdings unklar ist, ob sie in Zukunft hinreichend stabilisiert werden kann.

Methodologische Bemerkung

Einem weiteren Bruch wurde in der Interpretation nicht nachgegangen. In der Referenz auf den Gutachter ("kleingeredet") lässt sich eine Bifurkation feststellen, die man weiter untersuchen könnte. Es ließe sich die These aufstellen, dass die Klinik in einer administrativen Rationalität agiert, in der Nicht-Entlassen möglichst vermieden werden muss (wodurch dann das Wegschauen im Hinblick auf den psychotischen Teil mitkonditioniert wird). Der Gutachter steht demgegenüber in einem anderen Spannungsfeld. Methodisch zeigt sich hier, wie Brüche im Datenmaterial dazu auffordern, sozusagen in die nächste Kontextur zu springen und weiter nachzuforschen, wie sich eine bestimmte Praxis stabilisieren kann. Das Datenmaterial produziert selbst die relevanten Referenzen durch Transjunktionen, denen – im Falle, dass es dem Forschungsinteresse entspricht – nachgegangen werden könnte. [91]

Wie eine solche Praxis zustande kommen kann, die eine Spaltung in einer forensisch unproblematischen Weise stabilisiert, zeigt eine Passage aus einem Therapiegespräch (Feldnotiz). Anwesend sind hier die Psychotherapeutin, die Arbeitstherapeutin, der Patient und der Beobachter.

"Psychotherapeutin: Wie schätzen sie sich in der [Arbeitstherapie] ein?

Herr K.: Sehr gut ... 15) läuft gut ... könnte vielleicht noch etwas sicherer sein ... muss bei neuen Aufgaben noch nachfragen ... finde mich gut in der Gruppe ein ...

Psychotherapeutin: ... Stunden erhöhen? Derzeit 5,5 ... eigentlich ist 9 das Minimum ...

Herr K.: ... ungern".

[Es folgt eine, vom teilnehmenden Beobachter als ausartend wahrgenommene Diskussion darüber, warum es nötig ist, dass der Patient mehr Stunden in der Arbeitstherapie verbringt und warum das aus Sicht des Patienten nicht geht (Ausschlafen, Sport etc.). Diese Diskussion wird wie folgt abgeschlossen.]

"Psychotherapeutin: Kommen Sie, Herr König!

Herr K.: Ja, gut, dann machen wir es ... hab mich schon wieder breitschlagen lassen ...

Psychotherapeutin: Das ist ja nicht das erste Mal, dass wir so reden ... das hat sich aber verbessert ... Sie blocken nicht, gehen drauf ein ...

Herr K.: Ja, weil ich sehe, dass es vorangeht ... ich mache Fortschritte ... da kann man einen Kompromiss eingehen." [92]

Formulierende Interpretation

Die Psychotherapeutin erkundigt sich nach der Selbsteinschätzung des Patienten in der Arbeitstherapie. König schätzt sich gut ein, meint, er könne noch sicherer werden. Daraufhin beginnt eine Diskussion über eine Erhöhung der Stundenzahl, die von der Psychotherapeutin befürwortet, von Herrn König mit verschiedenen Begründungen abgelehnt wird. Er lenkt schließlich ein, nachdem die Psychotherapeutin ihn dazu aufgefordert hat. Wie er hinzufügt, habe er sich "wieder breitschlagen" lassen. Daraufhin wird er von der Psychotherapeutin für sein Verhalten gelobt. Seine Kompromissbereitschaft erklärt Herr König damit, dass er Fortschritte mache.

Methodische Bemerkung

Diese Passage zeigt sehr gut den sozialen Sinnüberschuss performativer Äußerungen sowie die Bedeutung diskursiver Anschlüsse. Das wird in der logischen Kondensation besonders unter 4 und 5 deutlich. Hier sieht man zum einen, wie die Aufforderung "kommen Sie, Herr König" logisch in den Sachverhalt zweier Reflexionspositionen (Herr König und die Psychotherapeutin) zerlegt wird sowie in die Differenz von da sein und nicht da sein. Genau an diese Differenz schließt er an, indem er eine neue Reflexionsposition vorschlägt. Die Konstellation "Herr König und die Therapeutin" wird also ersetzt durch "Wir". In 6 beharrt die Therapeutin dann aber auf der alten Struktur. Durch die logische Kondensation kann man hier also den harten Wechsel in den Prämissen deutlich sehen (Herr König & die Therapeutin vs. Wir). [93]

Logische Kondensation

  • Psychotherapeutin: Sie und Ich. Sie in der Arbeitstherapie...

  • Herr K.: ... gut und nicht gut.

  • Psychotherapeutin: [Wenn Sie gut sind, dann] mehr Stunden

  • Herr K.: ja und nein

  • Psychotherapeutin: Sie und Ich; Sie sind bei mir. Sie sind nicht bei mir.

  • Herr K.: Wir werden mehr arbeiten. Es ist nicht das, was ich will und das, was ich will.

  • Psychotherapeutin: Ihr Verhalten ist gut.

  • Herr K.: Ich habe mehr von dem, was ich will und weniger von dem, was ich nicht will. Daher ist es in Ordnung, dass ich habe, was ich will und was ich nicht will. [94]

Reflektierende Interpretation

Die Therapeutin formuliert den Kausalnexus, dass Herr König mehr arbeiten solle, da die Arbeitstherapie gut laufe. Wenngleich das handschriftliche Protokoll hier lückenhaft ist, zeigt sich jedoch in der Diskursorganisation (PRZYBORSKI 2004) eine komplexe Oszillation zwischen zwei inkommensurablen Propositionen. Der vorgeschlagene Schluss, dass Herr König – wenn es ihm gut gehe – den Normen der Klinik entsprechen und dann auch mehr arbeiten solle, wird von ihm mit Verweis auf das eigene Wollen zurückgewiesen. Zwei Räume stehen gegeneinander und werden elaboriert, der Raum der Kliniknorm der angestrebten Resozialisation und der des subjektiven Wohlbefindens des Patienten. Die Wünsche Herrn Königs, der seinen eigenen Impulsen folgen möchte, stehen gegen die Klinikperspektive. [95]

Die relevante Transjunktion, welche diese Perspektiven vermittelnd versöhnt, wird durch einen eindringlichen Appell der Therapeutin konditioniert ("Kommen sie, Herr König!"). Der hieran folgende kommunikative Anschluss lässt deutlich werden, dass sich nicht einfach nur die eine Seite durchsetzt, sondern als dritter Raum für Herrn König ein vermittelndes Arrangement entsteht. Denn in seiner Formulierung ist der Akteur nicht mehr Herr König allein, sondern das gemeinsame "Wir" aus Therapeutin und Herrn König ("Ja, gut, dann machen wir es"). Das "Wir" schafft den dritten Raum, der beide Räume verbinden kann. Sich kumpelhaft "breitschlagen" lassen ist etwas anderes, als sich willenlos zu unterwerfen. Man macht es dem/der anderen zuliebe und nicht wegen der Sache. Der soziale Appell der Therapeutin ruft beim Patienten die Option auf, sich seinerseits eher an der Sozial-, denn an der Sachdimension zu orientieren. Das "Wir" ist möglich, weil es eine Brücke zwischen Ich und Du schlägt und damit ein neues Subjekt des Wollens konstituieren lässt. Im "Wir" löst sich "Ich" und "Du" auf. Damit kann die Zustimmung auch doppelt codiert bleiben: zum einen ist es das Nachgeben gegenüber der Institution, zum anderen ist es die Ablehnung der Institution (weil man nicht nachgibt). "Sich breitschlagen lassen" heißt dann, dass der Therapeutin nachgegeben wird (aber nicht der Klinik), weil das "Wir" wichtiger ist und das Einlenken so kein Einlenken vor der Klinik ist. [96]

Die hiermit einhergehende Kombination der zwei sich widersprechenden Propositionen (will ich und will ich nicht) wird von der Therapeutin jedoch abgelehnt ("Sie blocken nicht mehr, Sie gehen drauf ein"). Damit wird das zuvor aufgerufene "Wir" von ihr wieder negiert. Das Zugeständnis Königs lässt jedoch keinen Rückschritt mehr zu, da er bereits eine Selbstfestlegung getroffen hat, die ihre Wirkung performativ entfaltet ("Ja, gut, dann machen wir es"). So findet ein Reframing statt, eine Sinnverschiebung, die dann ihrerseits von Herrn König bearbeitet bzw. reflektiert werden muss. Denn es ist jetzt nicht mehr das "Wir", das handelt. Vielmehr erscheint jetzt als weiteres vermittelndes Arrangement der pragmatische Kompromiss, den Herr König eingehen kann, um seinem Ziel näher zu kommen ("da kann man einen Kompromiss eingehen", "weil ich sehe, dass es vorangeht"). Interessanterweise produziert die Klinik also weiter die Differenz mit, die Therapeut/innen und Ärzt/innen zugleich gerne bei ihren Patient/innen monieren: Diese seien nicht an wirklicher Heilung interessiert, sondern nur an einem pragmatischen "Rauskommen". Durch die Reproduktion der Differenz von Klinik und PatientIn durch die Klinik wird aber gerade diese Herangehensweise nahegelegt. Wenn es kein wirkliches "Wir" gibt, handelt eben jede/r nach seinem/ihrem Interesse. Wir finden also durchaus eine übergreifende Ordnungsstruktur, die jedoch nicht in einem geteilten Orientierungsrahmen aufgeht, sondern in multiplen, in sich gebrochenen Perspektiven. [97]

Fallbeschreibung

Der Fall König lässt sich beschreiben als eine Dynamik, die durch die Beziehung von drei Positionen konditioniert wird: erstens von der Psychose, zweitens von einer schizophreniefreien Gesundheit sowie drittens von einer Position, die aus einer zugleich gesunden und kranken, nicht-psychotischen, aber auch nicht-psychosefreien Realität besteht. Die Gesundheit erscheint als ein Raum, in dem man sich selbst trauen kann, in dem man handlungs- und zurechnungsfähig ist, in dem man eine zuverlässige Selbsteinschätzung leisten kann. Daneben steht die Psychose, in der die Selbstreflexion kollabiert und der Wahn überhandnimmt. [98]

Beide Räume sind jedoch nicht als objektiv existente Zustände zu sehen. Der Patient ist nicht entweder krank oder gesund. Vielmehr wird die Differenz erst in der Koproduktion mit der jeweiligen Umwelt sichtbar und relevant. Sie erscheint als Differenz überhaupt erst aus der Reflexionsposition. Diese wird aber primär extern produziert. Es sind Klinik, Nachbar/innen und Familie (vielleicht auch Banken), die Krankheit von Gesundheit scheiden. Für den Patienten wird die Differenz damit erst erlebbar, wenn sie von außen an ihn herangetragen wird – spätestens dann, wenn die eigenen Erwartungen mit einer Umwelt kollidieren, wenn also plötzlich die Polizei vor der Tür steht oder der Krankenwagen. Dies mündet zunächst in ein Selbst- und Weltverhältnis, aus dem heraus das Problem der Umwelt zugerechnet wird. Die Situation eskaliert, bis es zu einer therapeutischen Intervention kommt, die zwar nicht gewollt, deren Faktizität aber allein schon durch die psychiatrischen Zwangsmittel unhintergehbar ist. Diese bringt den Patienten in eine Reflexionsposition, in der das eigene Handeln ex post als psychotisch erscheint. In der Gegenwart, die auf die Behandlung folgt, wie auch in die Zukunft gerichtet erscheint der Patient sich selbst jedoch als prinzipiell gesund: Er betrachtet sich als leistungs- und zur Selbstkontrolle fähig etc. Probleme werden erneut der Umwelt zugerechnet, nicht jedoch dem, was im eigenen Erleben als Krankheit erscheint. Dies führt nun aber dazu, dass das Psychotische nicht systematisch integriert werden kann. Es gibt kein "Ich", das den psychotischen wie den nicht-psychotischen Teil vereinen würde. Der Patient versucht, dieses Problem zu lösen, indem er sich für die Gesundheit entscheidet. Das führt allerdings dazu, dass die Psychose zu entgleiten droht. [99]

Die Klinik weiß prinzipiell um dieses Problem, vermag es jedoch nicht aufzufangen, da das explizite Ziel der Therapie eben die Gesundheit bzw. zumindest die Rehabilitation unter der Bedingung hinreichender Normalitätserwartung ist. Auch wenn der Patient durch Psychoedukation über seine Schizophrenie aufgeklärt und medikamentös behandelt wird: Er wird in die Situation eines Gesunden oder "Normalen" gebracht, der eben einen kompetenten, kontrollierten Umgang mit der Krankheit hat. Wenngleich ihm auf der Inhaltsebene nahegebracht wird, dass er krank ist und dies wohl auch in Zukunft sein wird, so wird von ihm doch auf der Verhaltensebene erwartet, gesund zu handeln. Indem die Klinik "gesundes" Verhalten honoriert, psychotisches jedoch sanktioniert, legt sie ebenso eine "scheinbare Gesundheit" nahe, wie es der Patient auch tut. Ziel ist sowohl für den Patienten wie auch für die Klinik, das Psychotische auszublenden. Auch hier kann die Reflexionsposition mit dem Handeln nicht mithalten. Sie bleibt in dem Double Bind gefangen, wobei wir nicht entscheiden brauchen (und auch nicht können), ob es zuerst der Patient war, der sich in der "scheinbaren Gesundheit" eingerichtet und seine Umwelt auf ein entsprechend paradoxes Erwartungsmanagement konditioniert hat, oder ob umgekehrt der Patient seinerseits nur so auf die widersprüchlichen Erwartungen seiner Umwelt reagieren kann. Aus einer polykontexturalen Perspektive brauchen wir weder der Familie noch der Psychiatrie die Ursache oder gar die Schuld am Leiden des Patienten zuzurechnen, noch sind wir umgekehrt veranlasst, Kognition und Psyche isoliert und kommunikationsfrei im Gehirn oder gar in den Genen des Patienten zu verorten. [100]

Es wird vielmehr die Dynamik der konditionierten Koproduktion verständlich, die dazu führt, dass der Patient den Phänomenbereich dieser komplexen Konstellation eher verdrängt als integriert. Umgekehrt erscheint dann für die Klinik eher derjenige entlassungsbereit, der keine Symptome mehr zeigt, als derjenige, der stets mit seinen Wahnvorstellungen beschäftigt ist und sie vielleicht als Teil seiner Persönlichkeit begreift, etwa um auf diesem Wege ein weniger destruktives Selbst- und Weltverhältnis aufbauen zu können. Während die Klinik also sagt, dass der Patient schizophren ist, handelt sie so, als sei er es nicht. Auch sie entkoppelt mithin "action" und "talk" (BRUNSSON 2002) in ähnlicher Weise, wie sie dies vom Patienten erhofft. Eine Ähnlichkeit zu der von BATESON (1981 [1972]) beschriebenen schizophrenogenen Familienstruktur lässt sich also nicht abstreiten (siehe auch SIMON 1999). [101]

Wie sich dieses Arrangement bewährt, wenn der Patient tatsächlich mehr unbegleiteten Ausgang bekommt, zu arbeiten beginnt und sich zunehmend aus dem Kontext der Klinik bewegt, muss offenbleiben. Als wahrscheinlich erscheinen aus der hier eingenommenen Perspektive zwei Möglichkeiten: der Rückfall in die Psychose oder aber die Entkopplung der Ansprüche und der gelebten Praxis (man denke etwa an BRUNSSON 2002) im Sinne des Oberarztes. Letzteres hingegen scheint nur möglich, wenn sich ein Umfeld etabliert, das die Erinnerung an die Psychose stetig aufrechterhält, also in steter Differenz von dem vom Patienten geforderten "Wir" agiert. [102]

Damit wird deutlich, dass Schizophrenie zumindest im vorliegenden Fall, wie auch ihre Therapie eine Koproduktion darstellen. Wahnvorstellungen werden als Krankheit interpretiert und der Mensch, der ein entsprechendes Verhalten aufweist, wird als krank behandelt. Das führt dazu, dass die Person einen kranken und einen gesunden Anteil aufweist, wobei beide nicht so recht zu integrieren sind (sieht man einmal von den Fällen ab, in denen die Medikation anschlägt und die Psychose tatsächlich verschwindet). Psychiatrie und Patient/innen haben in der Folge weniger das Problem, die Krankheit zu behandeln oder die Patient/innen zuzurichten bzw. Widerstand gegen diese Zurichtung zu leisten. Vielmehr ist das gemeinsame Bezugsproblem jene Nicht-Integrierbarkeit von psychotischem und nicht-psychotischem Teil. Nur gesund geht ebenso wenig wie nur krank, und ein Konzept zum normalen Psychotisch-Sein gibt es zumindest in der forensischen Psychiatrie nicht.16) Die Vorstellung, dass Patient/innen doch bitte Krankheitseinsicht zeigen und sich entsprechend vernünftig benehmen sollten, stellt eher eine defiziente Form der Nicht-Normalität, des normalen Krank-Seins dar. Gedankenexperimentell ließen sich hier andere Formen der Problembehandlung entwerfen (etwa eine sozialpsychiatrische Herangehensweise). Doch ist nicht davon auszugehen, dass es eine schlüssige Lösung gibt, eben weil die Psychiatrie das Problem im Versuch der Problembehandlung mit konstruiert.17) [103]

5. Eine Methodologie zur Feinanalyse polykontexturaler Verhältnisse

Anliegen des vorliegenden Artikels ist es, aufzuzeigen, wie die logische Kondensation als interpretativer Schritt zur Analyse polykontexturaler Strukturen in Texten nutzbar gemacht werden kann. Im Anschluss an WITTGENSTEIN (2003 [1922]) haben wir vorgeschlagen, nach tautologischen, kontradiktorischen und logisch sinnwidrigen Aussagen zu suchen und diese mittels einer Technik aussagenlogischer Kondensation im Hinblick auf ihre Kausal- und Schlusszusammenhänge zu reformulieren. Die dabei deutlich werdenden logischen Brüche im Text erlauben in einem weiteren Schritt die Rekonstruktion der Spannungsverhältnisse, entlang derer der Text sowie die den Text produzierenden Verhältnisse sich reproduzieren. Auf diese Weise kann schließlich in einer funktionalen Analyse dargestellt werden, welche Ordnungsmuster sich im Sinne eines "eco-complex" (LUHMANN 1984, S.54) stabilisieren bzw. eskalieren. [104]

Das Beispiel des Patienten Herr König diente dazu, die Möglichkeiten dieses Verfahrens aufzuzeigen. Deutlich wurde, wie sich logische Räume im Text identifizieren und sukzessive auf Fallebene herausarbeiten lassen. Im vorliegenden Fall sind es vor allem Kontradiktionen und performative Äußerungen, die von Bedeutung sind – aber auch die Verschachtelung explizit benannter Sprecher/innenpositionen. Was bedeutet es, etwas zu wollen und nicht zu wollen, und was heißt das wiederum für den Modus Operandi der Praxis? Logische Brüche zeigen sich jedoch nicht nur anhand der Verwendung von Modalverben wie "wollen", "sollen" oder "müssen", sondern eben auch in Formulierungen wie "etwas tritt in den Hintergrund" oder im diskursiven Verlauf. Befragt darauf, ob das, was in den Hintergrund tritt, der Fall ist oder nicht – also scharfgestellt auf den ontologischen Status –, zeigt sich, dass beides zutrifft: Es ist da – aber eben nicht so richtig. Mittels der logischen Kondensation lässt sich Ambivalenz scharf stellen, indem man das vertraute Alltagsverständnis der natürlichen Sprache in Hinblick auf Vagheit und Polyvalenz suspendiert, um auf diese Weise die damit einhergehenden semantischen Raffinessen des alltäglichen Sprachgebrauchs sichtbar zu machen. [105]

Aufbauend darauf wurde auch deutlich, dass es in der hier vorgeschlagenen Analyse nicht darum geht, Kontexturen als etwas Seiendes zu behandeln, sie wie objektiv vorhandene und beobachter/innenunabhängige Zusammenhänge zu sammeln und zu beschreiben. Polykontexturalität ist kein Setzkastensystem, in dem die Welt aus einer Vogelperspektive in bestimmte Funktionslogiken aufgeteilt werden kann. Selbst ein Einzelfall wie der vorliegende kann nicht als eine Art Aufzählung von Kontexturen im Sinne bestehender Einheiten oder Entitäten analysiert werden. Vielmehr zeigt sich eine Kontextur immer nur in Differenz zu einer anderen. Auch besteht sie nicht in sich selbst, sondern erst als Produkt von Relationen. Auch in der Kontexturanalyse kann es also nicht darum gehen, Sinnebenen zu rekonstruieren, die als generatives Prinzip "hinter" den Dingen liegen. Vielmehr ist das Ziel der Analyse die Rekonstruktion von Dynamiken, die sich aus Widersprüchen speisen, um diese dabei zugleich zu reproduzieren. [106]

Hier liegen auch die Verbindungen und Anschlüsse zur dokumentarischen Methode, auf der die vorliegenden Überlegungen maßgeblich aufbauen. Mit der dokumentarischen Methode teilt die vorgeschlagene polykontexturale Perspektive die Annahme, dass Sozialität und die in ihr aufscheinenden Ordnungs- und Bedeutungsmuster nicht Resultat subjektiver Prozesse, sondern wechselseitiger Konditionierungen sind. So ist auch die soziale Praxis selbst, ihr Modus Operandi, nur als etwas zu verstehen, das sich selbst konditioniert, also durch eine jeweils im Einzelfall zu spezifizierende Praxis hervorbracht wird (BOHNSACK 2003).18) So kann die Kontexturanalyse als ein besonders auflösungsstarkes Verfahren angesehen werden, um die wechselseitigen Hervorbringungen und Konditionierungen des Geschehens zu analysieren. [107]

Die Differenz zur frühen dokumentarischen Methode liegt dann vor allem darin, dass mit Blick auf die Soziogenese nicht von einem generativen sozialen Prinzip wie dem des milieubedingt geteilten Orientierungsrahmens ausgegangen wird (BOHNSACK 1998). Gerade bei der frühen dokumentarischen Methode wurde angenommen, dass Sozialität einem homogenen impliziten Wissen entspringt, das auf gruppenhaft geteilter Erfahrung beruht und sich entsprechend idealerweise mit der Methode der Gruppendiskussion rekonstruieren lässt (BOHNSACK 2003, S.105ff., 2006). Mit dem hier vorgeschlagene Ansatz gehen wir hingegen davon aus, dass sich Sinngenese immer schon als das Prozessieren unterschiedlicher Rationalitäten darstellt, von denen sich viele noch nicht einmal sinnvoll als ein homogener Orientierungsrahmen begreifen lassen (wie etwa jenes seltsame Muster, das die Behandlungspraxis des Patienten König strukturiert). Die Ordnung des Sozialen wird also nicht auf eine Einheit oder ein Kollektiv zurückgeführt, sondern auf die Abarbeitung von Differenzen, die nicht sinnvoll als etwas Gemeinsames oder milieuhaft Soziales zugerechnet werden kann (siehe hierzu auch GOLDMANN 2019). Diese Mehrdimensionalität findet sich in der dokumentarischen Methode im Konzept der mehrdimensionalen Typenbildung (BOHNSACK 2010), wobei die Mehrdimensionalität allerdings bislang nur als Mehrdimensionalität von sozialen Erfahrungsräumen (und nicht darüber hinaus etwa als psychophysische Lagerungen, technische Artefakte, Funktionsrationalitäten oder etwas ganz anderes) konzipiert wurde. Bei aktuellen Entwicklungen der dokumentarischen Methode wird bereits begonnen, diese Beschränkungen zu überschreiten; vorgeschlagen wird das Konzept eines erweiterten konjunktiven Erfahrungsraumes, der auch explizite Wissensstrukturen umfasst (BOHNSACK 2017, S.103ff.). Die propositionale Seite (propositionale Logik) des Aufbaus eines Selbst- und Weltverhältnisses tritt hier mit der in implizitem Wissen verkörperten performativen Seite in ein Spannungsfeld, wobei Letzteres selbst wieder eine Orientierungsstruktur hervorbringt, die eben Welthaftigkeit konstituiert (was ist für jemanden der Fall?) und Praxis konditioniert (wie wird das, was als der Fall seiend erscheint, hergestellt?). So gesehen, erscheint das, was BOHNSACK in Anlehnung an Karl MANNHEIM (1964) als konjunktiven Erfahrungsraum bezeichnet hat, nicht mehr als Einheit, sondern als ein auf sich rekursiv Bezug nehmendes dynamisches Gebilde aus Differenzen, die sich in konditionierter Koproduktion hervorbringen. [108]

Gerade im Hinblick auf die konventionelle Lesart der MANNHEIMschen Wissenssoziologie, die man mit LATOUR (2010 [2007]) eine Soziologie des Sozialen im Unterschied zu einer Soziologie der Assoziation nennen könnte, wird auch deutlich, dass das vorgeschlagene Verfahren einige Parallelen zur Actor-Network-Theory (ANT) aufweist. Denn ähnlich wie diese setzen auch wir auf eine Soziologie, mit der man nicht davon ausgeht, dass etwas "hinter" den Phänomenen steht. Vielmehr wird der Frage nachgegangen, welche Assoziationen und Muster sich in der Praxis selbst ergeben. Damit brauchen wir uns in der Analyse nicht auf vermeintlich Soziales als Wirkfaktor zu beschränken, sondern können alle am Prozess der Relationierung beteiligten Aspekte mitberücksichtigen, auch psychische, biologische, technische etc. So sind wir im Beispielfall des schizophrenen Patienten nicht genötigt, die Ursache des schizophrenen Musters soziologistisch verkürzt in der Familie, in der Organisation der Psychiatrie oder in der Gesellschaft zu verorten. Wir brauchen und dürfen nicht davon ausgehen, dass alles eine soziale Konstruktion ist, sondern können etwa eine psychische Krankheit auch als einen sozio-psycho-biologischen Komplex ansehen. [109]

Im Unterschied zur ANT wird nicht auf die Vorstellung von Akteur/innen und Aktanten gesetzt, die sich in einem Netzwerk zusammenfinden, sondern es wird eine Heterogenität von Reflexionspositionen postuliert, die nicht direkt Akteur/innen zugerechnet werden können. Auch hier ist die Differenz also wieder: Heterogenität statt Homogenität. Mit der Polykontexturalität geht man davon aus, dass die Welt nicht als eine Einheit – sei es ein Erfahrungsraum oder ein Netzwerk – erklärt werden kann, sondern sich multipel darstellt (JANSEN 2017; JANSEN & VOGD 2014). Interessanterweise wies gerade der späte LATOUR (2013 [2012]) auf diese Schwachstelle der ANT hin und entwickelte mit den Existenzweisen ein Alternativprogramm, mit dem er jedoch wieder auf menschliche Akteur/innen zurückgreifen musste. [110]

Die aus ANT und Ethnomethodologie entlehnte Offenheit gegenüber dem Gegenstand und die Abstinenz gegenüber einer Sozialtheorie bedingt auch die Offenheit gegenüber Gegenständen und Daten. Denn auch wenn der hier entwickelte Ansatz aus der Organisationssoziologie stammt, ist er keineswegs auf Organisationen beschränkt, sondern kann ebenso auf Biografien (MAROTZKI 1990) oder Selbst- und Weltverhältnisse (etwa VOGD 2019) bezogen werden. Ebenso gibt es, anders als etwa in der dokumentarischen Methode mit der Gruppendiskussion (BOHNSACK 2006) oder in der Biografieforschung mit dem narrativen Interview (SCHÜTZE 1983), keinen epistemologischen oder ontologischen Vorrang für ein bestimmtes Erhebungsformat. [111]

Gerade im Hinblick auf die logische Kondensation ist jedoch anzumerken, dass die Methodologie Sprache als Datenmaterial voraussetzt. Video- oder Bildanalyse (BOHNSACK 2009) sind mit der von uns vorgeschlagenen Auswertungstechnik nicht unmittelbar möglich. Das heißt jedoch zunächst nur, dass die logische Kondensation, wie wir sie als methodischen Schritt im Anschluss an WITTGENSTEIN (2003 [1922]) und GÜNTHER (1976, 1978, 1979a, 1979b) formuliert haben, in der vorgeschlagenen Form auf das Medium Sprache begrenzt ist. Weder sagt es etwas über die theoretischen Grundannahmen der Polykontexturalität noch über einen möglichen anderen methodischen Zugang zu dieser aus (man könnte beispielsweise auch Bilder oder Filme als Dokumente unter dem Blickwinkel von Polyphonie, Mehrstimmigkeit und dem Arrangement von Widersprüchlichkeiten betrachten). Zu vermuten ist, dass eine Adaption des vorgeschlagenen Schrittes durchaus denkbar ist, zumal qualitative Sozialforscher/innen ihren Gegenstand – wie nichtsprachlich dieser auch immer sein mag – in Sprache transformieren müssen, um ihn erschließen zu können. Wie eine solche Adaption aussehen könnte, ob sie sinnvoll, vielversprechend und überhaupt möglich ist, muss an dieser Stelle freilich offenbleiben. [112]

Anmerkungen

1) "Das Ärgernis indexikalischer Ausdrücke wird dann dramatisch, wenn Untersuchungen darauf ausgerichtet sind zu erreichen, daß alternative Sinn- und Tatsacheninterpretationen unter 'kulturellen' Kollegen formuliert und Entscheidungskriterien für diese Alternativen angeboten werden. [...] Solche methodologischen Arbeiten haben, wo immer sie durchgeführt worden sind, sei es in Laien- oder professionellen Untersuchungen, sich tatsächlich ohne Ausnahme damit beschäftigt, indexikalische Ausdrücke zu reparieren, wobei sie jedoch immer darauf insistieren, als Ziele ihrer Untersuchungen eine programmatisch relevante Unterscheidung zwischen objektiven und indexikalischen Ausdrücken und einer programmatisch relevanten Substituierbarkeit von objektiven und indexikalischen Ausdrücken hochzuhalten. In diesen programmatischen Arbeiten über die formalen Eigenschaften natürlicher Sprachen und praktischen Denkens bleiben die Eigenschaften von indexikalischen Ausdrücken, während sie den Forschern motivierende Anlässe für ihr reparierendes Handeln bieten, in ärgerlicher Weise letzten Endes unveränderbar und eben nicht reparierbar" (GARFINKEL & SACKS 2004 [1976], S.403). <zurück>

2) Dieser Zugang ist auch durch die Arbeit von Fritz SIMON (1999) inspiriert, der seinerseits versucht hat, die komplexen systemischen Lagerungen unterschiedlicher psychiatrischer Krankheitsbilder auf Basis der aussagenlogischen Reformulierung von Sprechakten seiner Patient/innen zu kondensieren. <zurück>

3) Andere Daten wie Videos oder Bilder klammern wir also aus, siehe dazu aber etwa BOHNSACK (2009). <zurück>

4) Zum Unterschied von sprachlichem, psychologischem und ontologischem Verständnis der Logik siehe TUGENDHAT und WOLF (2010, S.17f.). <zurück>

5) Umgekehrt gibt es natürlich auch solche Dinge, von denen man nicht reden kann und von denen man schweigen muss, weil sie keine Sachverhalte in der Welt sind. Hier beginnt dann WITTGENSTEINs "Mystik der Grenze" (RAUH 2014). <zurück>

6) Was in der Folge WITTGENSTEINs Überlegungen selbst in den Bereich des Sinnlosen bewegten (2003 [1922], 6.54). <zurück>

7) Was man dann auch zum Anlass nehmen kann, das gesamte Körper-Geist-Problem auf diese Art lösen zu wollen (RYLE 2015 [1949]). <zurück>

8) Siehe auch WITTGENSTEINs (1989 [1965]) "Vortrag über Ethik". <zurück>

9) "Dort, wo in (theoretisierenden oder beschreibenden oder erzählenden) Darstellungen derartige Orientierungsmuster oder (Orientierungs-)Rahmen zum Ausdruck gebracht werden, spreche ich von 'Propositionen'" (BOHNSACK 2003, S.135). <zurück>

10) Nun mag man der logischen Kondensation an dieser Stelle ein "Technologiedefizit" vorwerfen, wie es nach Ansicht von NASSEHI und SAAKE (2002, S. 67) in vielen Methoden zu finden ist. Tatsächlich liegt gerade das nicht vor. Denn es besteht immer die Möglichkeit einer praktisch vollständigen Zergliederung, stellt man an jede Passage nur detailliert genug die Frage: "Was ist der Fall?" Der Verweis auf die selektive Verwendung erfolgt an dieser Stelle also nicht aufgrund eines Technologiedefizits, sondern gerade aufgrund der technologischen Möglichkeiten, die der logischen Kondensation innewohnen. Es besteht schlichtweg die Gefahr des hermeneutischen Overengineering, das sich mit einer gewissen Erfahrung und Intuition vermeiden lässt. Damit sind Komplexitätsreduktionen durch Erfahrung und Intuition aber gerade in jenen Bereichen üblich und nötig, wo die angewandte Technologie nicht trivial, sondern komplex ist. <zurück>

11) Sämtliche Eigennamen wurden anonymisiert. <zurück>

12) Die Kürzel bezeichnen hier den Zeitpunkt in der Interviewaufzeichnung. Die erste Stelle bezeichnet die Stunde, die zweite die Minute, die dritte die Sekunde der entsprechenden Aufzeichnung. <zurück>

13) Statt in der Metapher zu bleiben, ließe sich ebenso schreiben: "Ich will Zahlen und Muster sehen. Ich sehe und sehe keine Zahlen und Muster." Es kommt vor allem darauf an, den enthaltenen Widerspruch herauszuarbeiten. <zurück>

14) "/" bedeutet Wortabbruch. <zurück>

15) Da Feldnotizen nie vollständige Mitschriften einer Interaktion sein können, entstehen kurze Lücken, die hier mit drei Punkten markiert sind. <zurück>

16) Für psychotische Erkrankungen, die nicht mit schweren Straftaten einhergehen, gibt es freilich mehr Varianten alternativer Lösungsversuche, siehe etwa AEBI, CIOMPI und HANSEN (1996 [1993]) und BOPP (1980). <zurück>

17) "Konstruiert" soll nicht heißen, dass es die Krankheit nicht gäbe, sie also durch die Psychiatrie erst produziert würde. Doch ebenso wäre es falsch, sie zu essenzalisieren. Es gibt offenbar ein problematisches Phänomen. Doch dieses könnte funktional äquivalent ebenso als Bösartigkeit oder Besessenheit diskursiv gefasst und gesellschaftlich handhabbar gemacht werden. Konstruiert meint hier: Die Psychiatrie begegnet einem bestimmten Phänomen (Mord und Wahn), indem sie es medikalisiert und produziert die mit dieser Unterscheidung einhergehenden Folgeprobleme. <zurück>

18) Die vergleichende Rekonstruktion dessen, wie dies genau geschieht, führt BOHNSACK folgend zu einer sinngenetischen Typenbildung (S.151ff.). <zurück>

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Zu den Autoren

Till JANSEN ist Privatdozent an der Universität Witten/Herdecke und wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt "(Re-)Sozialisierung im Maßregelvollzug". Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Methodenentwicklung, Organisationssoziologie und soziologische Theoriebildung.

Kontakt:

Till Jansen

Lehrstuhl für Soziologie, Fakultät für Gesundheit
Universität Witten/Herdecke
Alfred-Herrhausen-Straße 50
D-58448 Witten

E-Mail: till.jansen@uni-wh.de

 

Martin FEIßT ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt "(Re-)Sozialisierung im Maßregelvollzug" an der Universität Witten/Herdecke. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Organisations- und Therapieforschung im Gesundheitswesen.

Kontakt:

Martin Feißt

Lehrstuhl für Soziologie, Fakultät für Gesundheit
Universität Witten/Herdecke
Alfred-Herrhausen-Straße 50
D-58448 Witten

E-Mail: martin.feisst@uni-wh.de

 

Werner VOGD ist Professor für Soziologie an der Universität Witten/Herdecke. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen qualitative Methoden, Systemtheorie, Religions-, Organisations- und Medizinsoziologie.

Kontakt:

Prof. Dr. Werner Vogd

Lehrstuhl für Soziologie, Fakultät für Gesundheit
Universität Witten/Herdecke
Alfred-Herrhausen-Straße 50
D-58448 Witten

E-Mail: Werner.Vogd@uni-wh.de

Zitation

Jansen, Till; Feißt, Martin & Vogd, Werner (2020). "Logische Kondensation" – Zur Interpretation von Mehrdeutigkeit in der Kontexturanalyse am Beispiel eines schizophrenen Patienten in der forensischen Psychiatrie [112 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 21(3), Art. 13, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-21.3.3504.



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